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<title>News von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.</title>
<link>http://www.kontakte-kontakty.de</link>
<description>KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. ist eine NGO, die sich für die Entwicklung der Beziehungen zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion einsetzt.</description>
<language>de-de</language>
<pubDate>Fri, 14 Jun 2013 06:10:00 GMT</pubDate>
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<title>350. Freitagsbrief (vom September 2012, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland 412340&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Saratow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Balaschow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwan Iljitsch Knigin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag sehr geehrte Bürger Deutschlands!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von ganzem Herzen bedanke ich mich bei Ihnen […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Ihrem Land sind jetzt viele sowjetische Deutsche, die vieles in den schwierigen Kriegsjahren ertragen mussten [gemeint sind „Russlanddeutsche“ d. Übers.].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schreibe Ihnen etwas über mich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde im Gebiet Saratow geboren. Meine Eltern sind 1933 verstorben, als ich 8 Jahre alt war. Ich hatte zwei Brüder, die älter sind und zwei Schwestern, die jünger sind, als ich. Es gab eine schreckliche Hungerzeit – nicht besser als der Krieg. In diesem Jahr verstarben meine Eltern, meine Großeltern. Meine älteren Brüder nahmen Verwandte zu sich und brachten sie als Köche in Speiseküchen im Donbass in der Ukraine unter. Und ich kam in ein Kinderheim.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1939 nahm mich mein älterer Bruder zu sich, er war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als 1941 der Krieg begann, wurde mein Bruder an die Front geschickt und kam um, hinterließ zwei Waisenkinder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde auch in die Armee eingezogen, obwohl ich jung und von kleinem Wuchs war. Die deutsche Armee griff schnell und erfolgreich an.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere Truppen zogen sich unorganisiert und chaotisch zurück. Der Truppenteil, in dem ich diente – im „Roten Don“ in der Ukraine. Auch in der Ukraine bewegte sich etwas. Es gab Scharmützel, aber auch schwere Kämpfe, es gab Verluste hauptsächlich auf unserer Seite, weil unsere Führung schlecht auf diesen Krieg vorbereitet war und die Bewaffnung und der Nachschub schwach. Die deutschen Truppen waren gut bewaffnet und ausgebildet. In einem der schweren Kämpfe erlitten wir eine Niederlage. Wir wurden alle in einem Lager untergebracht, das einfach mit Stacheldraht umzäunt war, wie eine Viehweide. Danach wurden wir nach Taganrog gebracht – dort war ein großer Hof mit hohen steinernen Wänden. In die Mitte dieses Hofes wurde eine Bank gestellt. Dann war Zählappell nach Nummern. Viele wussten ihre Nummer nicht oder hatten sie verloren: Dafür wurden sie auf die Bank gelegt und mit Knüppeln geschlagen. Das war ein schrecklicher Anblick – das war eine Erniedrigung der Menschen – war ein Verbrechen. Dann setzte man uns in Viehwagen und brachte uns nach Deutschland, direkt ins Lager mit der Bezeichnung „Stalag 8A“ in der Nähe der StadtGedeli. [Stalag VIIIA Görlitz] Ich hatte die Nr. 36017. Verpflegt wurden wir sehr schlecht; in kurzer Zeit verwandelten sich die Menschen in Skelette, das war schrecklich anzusehen – das war ein Verbrechen. Es starben 8–10 Mann. Ich weiß nicht mehr innerhalb welchen Zeitraumes, vielleicht in einem Jahr. Einige von uns wurden aussortiert und in das Sudetengebiet gebracht, in das Dorf „Braunau“ zu einem Baron für verschiedene Arbeiten. Dort gab es ein Minilager für 10–15 Personen und wir wurden auch von Soldaten mit Maschinenpistolen und Hunden bewacht. Es gab verschiedene Arbeiten: Im Sommer landwirtschaftliche Tätigkeiten, im Winter Holzeinschlag und in Kubikmeter aufschichten. Ich lasse vieles weg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 8. Mai morgens sahen wir, dass die Wachmannschaft weg ist und die Türen offen. Wir waren alle sehr froh. [Wahrscheinlich schon im März d. Übers.]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir sind gegangen, um uns anzusehen, wie der Baron gelebt hat. Alle Räume waren schon leer, alles lag herum. Sie waren offenbar schon früher weggefahren. Ich sah dort eine Postkarte auf der alle seine Gebäude abgebildet waren in denen er gewohnt hat, das war alles an einem großen Teich. Diese Postkarte habe ich noch heute. Danach überprüfte uns unser Militär und schickte uns in Truppenteile. Uns junge – die gerade erst zum Dienst einberufen worden waren schickte man nach Budapest in Ungarn. Im März 1947 wurde ich demobilisiert und ich fuhr ins Gebiet Saratow in die Stadt Balaschow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dort fühlte ich sofort, dass es so eine Propaganda gab, wer in der Gefangenschaft war, ist ein Verräter, ein Treuloser, und man wurde nicht für jede Arbeit angenommen. Ich musste lange verheimlichen, dass ich in Gefangenschaft war. Das heißt ein Fremder unter seinen Leuten sein. Jetzt bin ich Rentner. Wohne in meinem eigenen Haus, dass ich selbst gebaut habe. Mein Haus benötigt eine Generalreparatur, ich kann das schon nicht mehr selbst machen, es ist für mich zu schwer. Ich hoffe auf Hilfe aus dem Fonds gegenseitiges Verständnis und Versöhnung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich erhielt von Ihnen 2009 300 Mark wofür ich Ihnen sehr dankbar bin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte Sie alle Briefe und Geldüberweisungen mit der Post nicht an die Bank, sondern an meine Adresse zu schicken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In unserer Bank arbeiten schlechte Menschen, Diebe, stehlen sogar bei alten Menschen, nehmen das Geld sogar Menschen mit geringer Rente weg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So schließe ich meinen Brief und wünsche Ihnen Erfolge bei Ihrer edlen Tätigkeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll Knigin&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_350.php</link>
<pubDate>14 Jun 2013 06:10:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Galina Afanasjewna Rubanskaja</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Krim&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrter Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die gemeinnützige Vereinigung „Union der Holocaust-Überlebenden“ der Stadt Jewpatorija und des Bezirks Saki in der Republik Krim/ Ukraine möchte Ihnen aufrichtig für die Hilfe und die Unterstützung danken, die Sie den Mitgliedern unserer Organisation haben zukommen lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danke, dass Sie das Leid unserer Kindheit und Jugend nicht vergessen haben. Natürlich können wir all das Grauenvolle, das wir während der Besatzung erlebt haben und das uns um unsere Gesundheit, um unsere Kindheit und Jugend gebracht hat, nie vergessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auch heute haben wir Angst, dass der Faschismus wieder aufkommen könnte. Bei Begegnungen mit Jugendlichen in unserer Stadt versuchen wir deshalb, bei den jungen Menschen Liebe zu den Menschen und zum Leben zu wecken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gott schenke Ihnen Gesundheit, Glück und das Allerbeste für Ihre Güte und Ihr außergewöhnliches Herz.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit dem größten Respekt,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Galina Rubanskaja,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vorsitzende der „Union der Holocaust-Überlebenden“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;08.02.2013&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kampf ums Überleben&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen in Kürze von meinem Leben erzählen, ich beschränke mich auf das Wichtigste.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich hatte einen geliebten Menschen, der mir der nächste Mensch war – meine Mutter. Sie war eine außergewöhnliche Frau. Ihre unerschöpfliche Güte, ihre Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Schönheit, Großherzigkeit, Offenheit, Liebe und Anteilnahme weckten bei allen Rührung, Vertrauen und den Wunsch, so zu sein wie sie. Wie es in dem geflügelten Wort heißt: Sie war  Komsomolzin, Sportlerin, Schwimmerin und Fallschirmspringerin, aber schlussendlich war sie auch ein Mensch mit einem unendlich schweren Schicksal.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Mutter Fira wurde in Odessa in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Bald verließ mein Großvater Awraam Jakowlewitsch Schlaen meine Großmutter Anna Markowna und meine Mutter und gründete eine neue Familie. So war meine Mutter Fira schon lange vor dem Krieg mit meiner Großmutter Anna alleine.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie lebten unter großen Entbehrungen. Meine Großmutter war krank und meine Mutter musste schon mit neun Jahren in der Gemüsehalle arbeiten, wo sie das Gemüse sortierte. Diese Arbeit wurde ihr sogar als reguläre Arbeit angerechnet und ins Arbeitsbuch eingetragen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kaum war meine Mutter bei den Komsomolzen, bewarb sie sich für einen Arbeitseinsatz und fuhr mit anderen jungen Leuten zu Waldarbeiten im Ort Buda im Bezirk Olewsk, Gebiet Shitomir, wo Fichtenharz gewonnen wurde. Das war in der Nähe des Ortes Kischin. Es gab dort auch irgendeine Berufsschule, in der sie vor dem Krieg als Sekretärin arbeitete. 1938 heiratete Mutter in Olewsk Afanasij Rubanskij und wurde Fira Rubanskaja.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 22.12.1939 wurde ich, Galina Rubanskaja, in Olewsk geboren. Dort habe ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht und meine Mutter ihre jungen Jahre.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man sagt, dass alles im Leben sich wiederholt: Auch Mutters Ehe war nicht glücklich, ganz wie bei meiner Großmutter Anna Markowna. Und dann kam der Krieg. Ich war zu diesem Zeitpunkt erst anderthalb Jahre alt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war Krieg... und sie war alleine unter Fremden, eine Jüdin mit einem kleinen Kind. Wohin sollte sie? Wer brauchte sie schon? So beschloss meine Mutter, sich zusammen mit den Schülern der Fachschule in Buda evakuieren zu lassen. Bald darauf machten Bombenangriffe den Ort dem Erdboden gleich, es gab ihn einfach nicht mehr. So wie es auch viele Archive der Stadt Olewsk nicht mehr gibt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir verließen den Ort in einer Kolonne auf Fuhrwagen, vor die Ochsen gespannt waren, und fuhren Richtung Gluchowka im Gebiet Shitomir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir fuhren durch einen Wald und einige Dörfer, dann wieder durch einen Wald und danach führte der Weg über ein Feld. Rundum Stille. Man hörte nur das Knarzen der Fuhrwerke im Rhythmus der stampfenden Ochsen. Plötzlich ertönte ein lauter Krach. Und dann ging es los...&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Massen an Bombenfliegern fegten über die Menschen hinweg, Körper und Sachen flogen durch die Luft. Es war ein furchtbares Gemetzel: die Motoren dröhnten, die Menschen schrien, es war eine unglaubliche Panik, man hörte Weinen, Stöhnen... Dann war alles genauso plötzlich wieder vorbei. Den Augen bot sich ein schreckliches Bild: Leichen von Kindern, Erwachsenen und Tieren, Grauen und Angst.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wie durch ein Wunder gehörten meine Mutter und ich zu den etwa zehn Überlebenden. Wir hatten alles verloren: unsere Sachen, unser Essen, unsere Papiere. Wir konnten nirgendwohin, hatten keinen Wagen und keine Mittel mehr, so mussten wir zurück nach Olewsk laufen. In Olewsk waren schon die Deutschen. Wir haben dort bis zum Ende des Krieges im Versteck gelebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Während der Besatzung kam es in Olewsk zur Massenvernichtung der Juden durch die Deutschen. Sie machten auch vor alten Menschen und Kindern nicht Halt. Am Fluss hinter dem Friedhof, am Stadtrand von Olewsk, fanden ab Herbst 1941 an einer Grube, die rot vom Blut war, bestialische Erschießungen von jüdischen Kindern und Frauen statt. Die Nazis zogen sie aus den entlegensten Verstecken hervor und metzelten sie nieder wie unnütze Tiere. Ständig wurden die Häuser nach Juden durchsucht, wurden sie gehetzt wie wilde Tiere. Meine Mutter und ich waren keine Ausnahme, auch wir lebten unter unmenschlichen Bedingungen im Versteck, in Kellern, auf Dachböden und in Ställen, gehüllt in Lumpen, in der Kälte, oft ohne Essen und sogar ohne Wasser. Fast niemand in Olewsk kannte uns. Vielleicht hat uns das das Leben gerettet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dass wir überlebt haben, haben wir zu einem großen Teil einer fremden Frau zu verdanken, Großmutter Siritschicha – sie wurde wahrscheinlich so genannt, weil ihr Mann Sirik hieß. Sie nahm uns bei sich auf, als wir ganz ausgezehrt und hungrig waren. Ihr Häuschen stand am Stadtrand von Olewsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Mutter und ich hatten großes Glück, denn sie kümmerte sich um uns wie um die eigenen Kinder: wir konnten uns aufwärmen, sie gab uns Essen, pflegte uns gesund. Ich glaube, dass es nur sehr wenige solcher Menschen auf der Welt gibt. Wenn es eine Durchsuchung gab, versteckte sie uns bei sich im Keller in einer alten Abstellkammer. Die Klappe verdeckte sie schnell mit Glasscherben, Müll und anderem Gerümpel. Manchmal mussten wir dort sogar mehrere Tage ohne Essen ausharren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann wurde auch das zu gefährlich, einmal wären wir dort beinahe entdeckt worden, und danach versteckten wir uns in einem alten, abseits stehenden leeren Schuppen. Es war unmöglich, irgendwo Unterschlupf zu finden, niemand wollte sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel setzen. Alle wussten, wenn meine Mutter sich verstecken musste, dann konnten sie nur eine Jüdin sein – und dazu noch mit einem kleinen Kind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach ein paar Tagen kam Großmutter Siritschicha zu uns und sagte, sie habe eine Frau gefunden, die mich bei sich aufnehmen würde, sie habe selbst zwei kleine Kinder. Mutter brachte mich also zu dieser Frau, während sie sich selbst in den umliegenden Dörfern versteckt hielt und für die Bäuerinnen arbeitete: sie wusch, erntete Kartoffeln und so weiter.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Polizai, Deutsche oder auch nur die Nachbarn kamen, versteckte ich mich zusammen mit den Kindern der Familie ganz oben auf der Ofenbank, wo wir uns verkrochen wie kleine Tiere. Einmal, als wieder einmal die Häuser durchsucht wurden, versteckte ich mich in einem Loch unter dem Ofen, wo die Holzscheite lagen. Ein Polizai bemerkte mich. Er packte mich an den schwarzen Locken, zog mich vor und hob mich unter lauten Rufen „Eine Jüdin!“ hoch. Wir alle begannen zu schreien und zu weinen und alle riefen, ich sei die Tochter der Hausfrau. Auf seinem Gesicht erschien ein Anflug von Mitleid, er warf mich zu Boden, versetzte mir einen Tritt mit dem Stiefel und sagte: „Leb weiter!“ Danach schnitt man mir die Locken ab und lange Zeit war ich kahl geschoren. Von dem Tritt hatte ich eine Verletzung an der Hüfte, die noch lange Zeit schmerzte. Ich weiß noch, wie mir der alte Großvater in einem zerrissenen Hemd einmal ein kleines Glas Milch brachte. Das war ein wahrer Glücksmoment.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach diesem Vorfall brachten sie mich zu einer alleinstehenden Frau, die mich auf ihrem Dachboden versteckt hielt. Sie bedeckte mich mit Lumpen und Heu und sagte: „Halt still, sonst werden sie alle töten, auch deine Mama. Gib keinen Laut von dir, bis ich wiederkomme.“ Und Gott half mir, still zu sein, obwohl ich große Angst hatte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Mutter kam selten, da sie Angst hatte, es könnte jemand auf mich aufmerksam werden. Die Treffen hatten wir meistens Großmutter Siritschicha zu verdanken. Manche halfen uns dabei, dass wir uns sehen konnten und riskierten damit ihr eigenes Leben. Es waren quälende, aufreibende Minuten, wenn ich, das kleine, spindeldürre Wesen mit den angsterfüllten Augen, meine Mutter anflehte, mich mitzunehmen – was natürlich nicht ging. Immer noch wurden ja jeden Tag Menschen erschossen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Leid war unermesslich. Alles kann man nicht erzählen. Angst, Kälte, Hunger, Erniedrigungen, Demütigungen, Bombenangriffe, das war unser schreckliches Leben, und so war es all die langen Jahre der Besatzung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich weiß noch, dass mir meine Mutter bei einem unserer Treffen ein Stück Brot mitbrachte, und als ich daran roch, verlor ich das Bewusstsein. Bis heute erinnere ich mich an den Geruch dieses Brotes.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Natürlich mussten meine Mutter und ich leiden, mussten hungern, uns verstecken und wurden verfolgt. Eine Jüdin mit Kind! Sogar nach dem Krieg, als ich schon in die Schule ging, haben wir keine Dokumente über die Zeit der Besatzung beantragt. Die schreckliche Angst von damals hielt uns davon ab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kann mich an Folgendes erinnern, da war ich schon vier Jahre alt: ein Zimmer, ein Ofen, ein Tisch, ein Stuhl. Ich kletterte auf den Stuhl und von dort auf den Tisch und schaute aus dem Fenster. Auf dem Treppchen vor dem Haus gegenüber stand ein Mann mit Gewehr, und auf seiner Mütze war ein Stern. Meine Mutter kam ins Zimmer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;„Mama, ein Stern!“ – „Ja, es sind unsere Soldaten, mein Kind!“
Mutter schluchzte. Und ich weinte zusammen mit ihr. Aus dem anderen Fenster in diesem Zimmer konnte man auf die Straße sehen. Sie kam mir sehr breit vor, wahrscheinlich, weil ich selbst klein war. Und auf dieser Straße, durch den gelben Sand, marschierte Richtung Friedhof eine Kolonne gefangener Nazi-Soldaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Angst aus der Zeit des Krieges hat mich mein ganzes Leben nie wieder losgelassen. Sogar nach dem Krieg, in der Schule und später, hatte ich immer Angst vor dem Wort „Jüdin“, fürchtete das Wort „Besatzung“. So tief hatten sich diese dreißig Monate und zwölf Tage unter der Besatzung, als tausende friedliche Menschen ermordet wurden, in mein Gedächtnis eingegraben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg erfuhr Mutter, dass meine Großmutter Anna Markowna 1941 ums Leben gekommen war, als sie versucht hatte, Odessa auf einem Schiff zu verlassen. Das Schiff wurde zerbombt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und erst am 24.11.2004 haben meine Mutter und ich zufällig erfahren, dass Awraam Jakowlewitsch Schlaen zu Beginn des Krieges, am 28.09.1941, mit seinem damals elfjährigen Sohn Jakow, nach Karaganda evakuiert wurde. Wer noch bei ihm war und warum, das wissen wir nicht. Das ist eine ganz andere, uns fremde Familie, ein anderes Schicksal. Meine Mutter lebte seit ihrem achten Lebensjahr alleine mit meiner Großmutter Anna Markowna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seit 2002 haben meine Mutter und ich Anträge bei der Claims Conference gestellt, wir haben verschiedene Dokumente zusammengesammelt und mehrmals hingeschickt:  Nachweise der Bezirks- und Gebietsstaatsanwaltschaft, Kopien aus Archiven, Zeugenberichte, Unterlagen aus dem Archiv des Roten Kreuzes in Moskau und im Gebiet Karaganda, wodurch wir hinreichend nachweisen konnten, dass wir uns die ganzen Jahre der deutschen Besatzung im besetzten Bezirk Olewsk, Gebiet Shitomir aufgehalten haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Eines der wichtigsten Nachweise findet sich im Archivbuch des Jahres 1944 der Staatsanwaltschaft in Olewsk: die Anordnung Nr. 1, in der steht, dass meine Mutter bereits am 5.1.1944 die Aufgabe der Staatsanwaltschaft ausgeführt hat (Olewsk wurde am 3.1.1944 befreit). Und im Arbeitsbuch wird Mutter unter Punkt 2 bereits ab dem 3.2.1944 von der Staatsanwaltschaft Olewsk offiziell als arbeitend aufgeführt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber unser Antrag wurde abgelehnt. Offensichtlich wollte sich irgendjemand nicht sorgfältig mit unseren Anträgen auseinandersetzen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fira Rubanskaja – 6303455, Galina Rubanskaja – 6303447.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das wäre in Kürze die ganze Geschichte. Und nicht zu vergessen – ich möchte allen noch lebenden und bereits verstorbenen Bewohnern der Stadt und des Bezirks Olewsk danken, die uns unter Einsatz ihres Lebens in diesen schrecklichen Jahren geholfen haben, zu überleben. Wir verneigen uns vor euch, ihr Lieben.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-juni-2013.php</link>
<pubDate>13 Jun 2013 21:57:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Tamara Wasiljewna Tereschtschenko/Jelena Wasiljewna Witenko</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kiew&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gerne kommen wir Ihrem Wunsch nach, mehr von den Verbrechen der Nazis auf dem Gebiet der Ukraine während des Großen Vaterländischen Krieges zu erfahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir möchten Ihnen von unserer Familie schreiben. Unsere Mutter, Jelisaweta Michajlowna Tridman, stammte aus einer kinderreichen jüdischen Familie. Unser Vater, Wasilij Fomitsch Astrusenko, zog gleich in den ersten Kriegstagen an die Front. Zu Beginn des Krieges lebten wir in der Stadt Boguslaw (eigentlich ist das mehr ein Ort) bei den Eltern unseres Vaters. Unsere Mutter war mit dem vierten Kind schwanger. Sie blieb mit uns drei Töchtern (Emma, elf Jahre, Sweta, sechs Jahre, und ich, Tamara, anderthalb Jahre) in Boguslaw bei Großvater Foma und Großmutter Anja (den Eltern unseres Vaters).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anfang Juli 1941 besetzte die deutsche Armee unseren Ort. Die Nazis ordneten die totale Liquidierung aller Juden an, und alle unsere Verwandten mütterlicherseits wurden im Wald bei Boguslaw erschossen. Dreizehn Personen sind umgekommen, unter ihnen auch Kinder im Alter von drei bis dreizehn Jahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dank unseres Großvaters Foma konnten wir ihrem Schicksal entgehen. Er hob in seinem Garten ein Loch aus, am steinigen Ufer des Flusses Ros, in einem Fliederbusch. Das Loch war sehr klein, feucht und voller Steine. Man konnte dort nur knien oder liegen, auf feuchtem Stroh.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vom Beginn der Besatzung bis zur Befreiung von Boguslaw – das waren zwei Jahre und sechs Monate – mussten wir uns versteckt halten, um nicht erschossen zu werden. Es war eine einfach unmenschliche Zeit, voller Hunger, Kälte, Krankheiten und Angst.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In diesem Loch kam am 1.1.1942 die vierte Tochter, Lena, auf die Welt. Wenn sie weinte, bedeckten wir sie mit einem Kissen, damit oben niemand Kinderweinen von unter der Erde hörte. Mutter setzte das Leben des Neugeborenen aufs Spiel, um uns drei Kindern das Leben zu retten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Großvater brachte uns Wasser und Essen, aber er kam selten und nur nachts, da er Angst hatte, jemand könnte ihm nachgehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere Mutter hatte es sehr schwer. Wir Kinder hatten immer Hunger, hatten entzündete Augen oder waren erkältet, und Läuse waren in dem feuchten Loch unsere ständigen Begleiter.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber unser Überlebenswille war stärker als alles Leid.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dank unseres Großvaters, der Verwandten unseres Vaters und der Nachbarn – sie sind Gerechte unter den Völkern – haben wir überlebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber der Krieg hat uns die Gesundheit ruiniert, die Kindheit genommen und unserer Mutter das Leben. Der ständige Hunger hat uns auch nach dem Krieg noch viele Jahre lang verfolgt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere Schwester Swetlana könnte Ihnen mehr von dieser Zeit erzählen, aber sie ist schon 77 Jahre alt und diese Erinnerungen sind für sie sehr schwer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Liebe Freunde! Heute haben wir Familien, leben mit unseren Kindern und Enkeln zusammen, die uns viel Freude bereiten und sich im Alter um uns kümmern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wünschen allen Kindern, ganz gleich welcher Nationalität, eine glückliche Zukunft. Mögen Sie und Ihre Kinder niemals solche Gräuel miterleben wie wir damals.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie müssen alles dafür tun, dass sich solche Gräuel niemals wiederholen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Viel Glück für Sie und Ihre Familien!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tamara Wasiljewna Tereschtschenko&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jelena Wasiljewna Witenko&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-juni-2013.php</link>
<pubDate>13 Jun 2013 21:54:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Stanislaw Jurjewtisch Towstucha (Mamburg)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tschernigow&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr verehrter Herr Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihnen schon von meinem Leidensweg während der Zeit der Besatzung geschrieben. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich wiederhole und bitte verzeihen Sie mir meine schlechte Handschrift, ich bin fast blind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem mein Vater Jurij Pinchusowitsch Mamburg an die Front eingezogen worden war, wurde unser Haus zerbombt, und meine Mutter Ksenja Iwanowna Mamburg (geb. Blisnjuk)„lebte“ mit mir und meinem Bruder Wladimir bei meinem Großvater Iwan Antonowitsch Blisnjuk. Wir versteckten uns in einer kalten dunklen Kammer, weil mein Großvater offene Tuberkulose hatte, und nebenan bei den Nachbarn ein SS-Offizier wohnte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ende 1942/Anfang 1943 verriet uns jemand, wir wurden verhaftet und kamen ins Städtische Gefängnis. Ich kann mich noch an die trübe Glühbirne in der Zelle erinnern und an den großen Kübel in der Mitte des Raumes, aus dem die Gefangenen einmal am Tag eine dünne Brühe  schlürften. Immer wieder waren Schüsse im Hof zu hören; die Nazis erschossen dort Gefangene. Meine Mutter war kurz davor, den Verstand zu verlieren, und eines Tages führte sie uns zu der schrecklichen Mauer, obwohl wir nicht aufgerufen worden waren. Aber an diesem Tag blieben die Schüsse aus. Die Deutschen feierten irgendein Fest. Später erfuhren wir, dass sie Hitlers Geburtstag gefeiert hatten. Sie ließen uns alle frei, zwanzig Personen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mutter hatte Angst, länger in Tschernigow zu bleiben und ging deshalb mit uns ins Dorf Kienka. Dort versteckten wir uns bei der Familie von Pjotr Iwanowitsch Nadtotschej. Die Familie hatte selbst vier Kinder und setzte ihr Leben aufs Spiel, weil sie die Kinder eines Juden bei sich versteckten,  dennoch verwehrten sie uns den Unterschlupf nicht. Wir ließen uns draußen nicht blicken. Keller, Schuppen, Heuschober – das waren unsere Verstecke in dieser Zeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung von Tschernigow kehrten wir nach Hause zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin schon ein alter Mann und habe eine ganze Reihe von Krankheiten: Ischämie, Bluthochdruck, Diabetes, Grauer Star usw. Vom Staat bekomme ich keinerlei Unterstützung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die einzige Organisation, die sich um mich und meine Familie kümmert, ist die Hesed.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;7.02.2013&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Towstucha (Mamburg)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-juni-2013.php</link>
<pubDate>13 Jun 2013 21:52:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>„Anerkennung der an den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen als nationalsozialistisches Unrecht und Gewährung eines symbolischen finanziellen Anerkennungsbetrags für diese Opfergruppe.“</title>
<description>&lt;p&gt;(243. Plenarsitzung)&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tagesordnungspunkt 46:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Beratung des Antrags der Abgeordneten Stefan Schwartze, Gabriele Fograscher, Rainer Arnold, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Cornelia Behm, Claudia Roth (Augsburg), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Anerkennung der an den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen als nationalsozialistisches Unrecht und Gewährung eines symbolischen finanziellen Anerkennungsbetrages für diese Opfergruppe
– Drucksache 17/13710 –.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)
Innenausschuss (f)
Petitionsausschuss
Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Kultur und Medien
Haushaltsausschuss.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Federführung strittig.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Reden gehen zu Protokoll.&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Manfred Kolbe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(CDU/CSU):&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach allgemeinem Völkerrecht wird ein Ausgleich für Kriegsgefangenschaft ausschließlich durch Reparationsvereinbarungen auf der Ebene der beteiligten Staaten geregelt. Nach umfangreichen Reparationsentnahmen aus der sowjetischen Besatzungszone hat die ehemalige Sowjetunion durch eine Regierungserklärung vom 22. August 1953 gegenüber Deutschland ausdrücklich auf weitere Reparationen verzichtet. Nach Völkerrecht gilt dieser Verzicht auch für die Russische Föderation, die die ehemalige Sowjetunion fortsetzt, sowie die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und alle Staatsangehörigen dieser Staaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 zwischen beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, dem die der KSZE angehörenden Staaten in der Charta von Paris am 21. November 1990 zugestimmt haben, fanden die äußeren Aspekte des deutschen Einigungsprozesses ihre endgültige Erledigung. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag hatte abschließenden Charakter. Den Vertragspartnern sowie den zustimmenden KSZE-Staaten war bewusst, dass es weitere (friedens-)vertragliche Regelungen über rechtliche Fragen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg einschließlich der Reparationsfrage nicht geben werde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung wurden im Jahre 1993 Vereinbarungen zugunsten von NS-Opfern mit den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, der Republik Weißrussland, der Russischen Föderation und der Ukraine, geschlossen. Die Bundesrepublik Deutschland stellte dabei Mittel in Höhe von 1 Milliarde D-Mark den Stiftungen in Minsk, Moskau und Kiew zur Verfügung. Die Mittel waren für ehemals sowjetische Bürger bestimmt, die durch das nationalsozialistische Regime verfolgt wurden, dadurch schwere Gesundheitsschäden erlitten und sich in einer wirtschaftlichen Notlage befinden. Die Leistungsvoraussetzungen im Einzelnen wurden von den jeweiligen Stiftungen bzw. den Regierungen festgelegt, einschließlich der Schwere des zugefügten Gesundheitsschadens und der gegenwärtigen Notlage.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Bundesrepublik Deutschland hatte auf die Mittelvergabe keinen Einfluss, die Verteilung geschah eigenverantwortlich seitens der Empfängerstaaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei den internationalen Verhandlungen im Jahr 2000, die der Errichtung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, EVZ, unter Beteiligung auch der Nachfolgestaaten der Sowjetunion vorausgingen, bestand Einigkeit, vormalige Kriegsgefangene von den Leistungen der Stiftung ausdrücklich auszunehmen. Dem ist der deutsche Gesetzgeber in § 11 Abs. 3 des Gesetzes zur Errichtung einer Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, EVZStiftG, gefolgt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Alle übrigen Zwangsarbeiter, die nicht den Status von Kriegsgefangenen hatten, konnten unter den im Gesetz genannten Bedingungen Leistungen aus den Mitteln der Stiftung EVZ erhalten. Nach dem Willen des Gesetzgebers sollen die Zahlungen für diesen Personenkreis abschließenden Charakter haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach Beendigung des Auszahlungsprogramms der Stiftung EVZ wurden durch einen Beschluss des Kuratoriums und der Rechtsaufsicht Restmittel in Höhe von Millionen Euro für humanitäre Maßnahmen zugunsten von NS-Opfern bereitgestellt. Die Programme beinhalteten Kuraufenthalte, Augenoperationen und andere medizinische Hilfen. Diese Programme standen auch ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen offen. Diese Möglichkeit haben die genannten drei Partnerorganisationen in Belarus, der Ukraine und Russland in unterschiedlichem Umfang genutzt. Im Rahmen weiterer Programme der Stiftung aus Mitteln des Fonds „Erinnerung und Zukunft“ wurden einzelne Projekte bewilligt, die eine Würdigung des Schicksals der sowjetischen Kriegsgefangenen zum Gegenstand hatten. Dies waren Begegnungsprogramme junger Menschen mit Zeitzeugen oder bestimmte medizinische Hilfsprojekte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die jetzt von SPD und Bündnis 90/Die Grünen beabsichtigte Anerkennungsleistung ließ sich aus Gleichbehandlungsgründen nicht auf sowjetische Kriegsgefangene beschränken. Auch die Kriegsgefangenen anderer Länder, zum Beispiel aus Polen, wurden äußerst schlecht behandelt und weisen eine hohe Sterblichkeitsrate auf. Umgekehrt war zudem nicht zuletzt zu berücksichtigen, dass unrechtmäßig zugefügte Leiden auch deutschen Kriegsgefangenen widerfahren sind und einseitige Regelungen nicht infrage kommen sollten. Gerade die Sowjetunion hat im Übrigen in den von ihr im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes 1939 überfallenen Gebieten Ostpolen, Finnland und im Baltikum Kriegsverbrechen begangen, zum Beispiel Katyn, und dies bis zum Ende geleugnet, geschweige denn Anerkennungen irgendwelcher Art geleistet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Fraktion lehnt deshalb den Antrag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ab, da, wenn überhaupt, diese Frage nur einmal in einem internationalen Rahmen einer befriedigenden Lösung zugeführt werden kann.&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Stefan Schwartze.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(SPD):&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Fünfeinhalb Jahre ist es nun her. Seitdem beschäftigt sich der Deutsche Bundestag mit dem Anliegen: Wie können wir die an den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen anerkennen? Und ich möchte klar deutlich machen: Ich bedaure diese lange Zeitspanne sehr. Denn diese Zeitspanne und die Handlungsverweigerung der Koalitionsfraktionen haben enorme Auswirkungen auf die überlebenden Opfer nationalsozialistischer Kriegsgefangenschaft. Denn das Vergeuden der Zeit führt dazu, dass wir bald niemanden mehr haben, den wir entschädigen können.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Verein Kontakte-Kontakty vor über fünf Jahren, also noch in der vergangenen Legislaturperiode, seine Petition einreichte, war das Ziel, über 10 000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen eine symbolische finanzielle Anerkennung zu gewähren. Heute leben nur noch circa 4000 betroffene Opfer. Daher müssen wir jetzt handeln; denn eines ist klar: Wir haben keine Zeit mehr. Ich fordere die Regierungsfraktionen auf, sich uns anzuschließen, damit wir den verbliebenen Opfern schnell helfen können.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Doch leider bleibt es mir verwehrt, nochmals direkt im Plenum auf die Koalition einzuwirken. Unser Antrag wurde als fast letzter Punkt auf die Tagesordnung gesetzt. Es zeichnet sich ein Muster ab. Denn wir als SPD-Fraktion haben einiges unternommen, um mit der Koalition ins Gespräch zukommen. Diverse Berichterstattergespräche fanden statt. Bis auf die Union zeigten alle Fraktionen Interesse an dem Thema. Die Union war teils nicht einmal vertreten. Es fehlte uns gänzlich die Möglichkeit, in einen fairen Diskussionsdialog einzusteigen. Sogar die FDP zeigte Verständnis für das Anliegen, nur möchte man es sich nicht mit dem Regierungspartner verscherzen, jedenfalls nicht bei diesem Thema.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch. Im Rahmen des Petitionsverfahrens haben wir den Wissenschaftlichen Dienst mit verschiedenen Ausarbeitungen beauftragt. Die Ergebnisse sind klar. An den sowjetischen Kriegsgefangenen wurde Völkermord begangen. Es ist dokumentiert, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen unter dem NS-Regime ein Schicksal zu erleiden hatten, das sie von allen anderen von Deutschland im Zweiten Weltkrieg inhaftierten Kriegsgefangenen unterschied. Etwa 5 Millionen sowjetische Militärangehörige wurden gefangen genommen, 3,2 Millionen von ihnen völkerrechtswidrig ermordet oder durch die grausamen Bedingungen in den Gefangenenlagern getötet.630.000 sowjetische Kriegsgefangene wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Nach der jüdischen Opfergruppe sind die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen die zweitgrößte Opfergruppe des Nationalsozialismus. Unter KZ-ähnlichen Bedingungen wurden sie millionenfach „durch Arbeit vernichtet“ oder man hat sie verhungern lassen. Im Gegensatz zu anderen alliierten Kriegsgefangenen gab es bei sowjetischen Kriegsgefangenen einen klaren Vernichtungswillen. Sie waren rechtlos der rassistischen Ideologie des NS-Regimes ausgesetzt. Sie galten – wie die zivilen sowjetischen Zwangsarbeiter – dem NS-Regime als „Untermenschen“. Der Schutzstatus des Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention, der ihnen ein Minimum an menschlichen Bedingungen garantiert hätte, wurde den sowjetischen Kriegsgefangenen – im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen aus den westalliierten Streitkräften – vom NS-Regime bewusst verwehrt. Die Überlebenden sahen sich bei ihrer Rückkehr in die Sowjetunion mit Vorwürfen der Kollaboration konfrontiert; viele erlebten erneute Verfolgung und Repression. Die Kriegsgefangenen, die die Verfolgung und den unmenschlichen Einsatz überlebt haben, leiden bis heute unter den gesundheitlichen, sozialen und moralischen Auswirkungen der genannten Verfolgung. Dazu gehört auch, dass ihnen ein Status als Verfolgte des NS-Regimes und eine Berücksichtigung in dem System der Entschädigung von NS-Unrecht durch Deutschland verwehrt blieb.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter gab es circa 20 000 Anträge auf Entschädigung, die alle abgelehnt werden mussten unter Hinweis auf § 11 Abs. 3 StiftG: „Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung.“ Kriegsgefangene erhalten nach der Praxis der Bundesregierung und der Bundesstiftung nur Leistungen, wenn sie in einem Konzentrationslager inhaftiert wurden. Die überlebt haben, wurden nach der Rückkehr in die Sowjetunion der Kollaboration verdächtigt. 13 Prozent kamen in Lagerhaft; viele kamen in „Arbeitsbataillone“, wurden gesellschaftlich diskriminiert und erst 1995 vollständig rehabilitiert. Bis heute ist ihr Leben von den Erfahrungen dieser Jahre überschattet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Doch diese Informationsdichte, die wir nun haben, war nicht die einzige Möglichkeit, sich über dieses Thema zu informieren. An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich für die Arbeit des Vereins Kontakte-Kontakty bedanken. Nicht nur, dass sie uns ihr Anliegen geäußert haben, nein, sie standen uns jahrelang als Gesprächspartner zur Verfügung und brachten uns dem Thema äußerst nah. Nicht zu vergessen ist auch die Ausstellung „Russenlager“ – Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener. Gerne hätte ich diese Ausstellung hier im Bundestag gesehen. Vielleicht hätte eine anschauliche Darstellung der Einzelschicksale geholfen, den Verweigerern die Augen zu öffnen. Schaut man sich die Ausstellung an und liest die Briefe der Betroffenen, kommt man nicht umher, die erlittenen Schicksale zu würdigen. Zudem möchte ich hier das enorme Engagement des Vereins würdigen. Der Verein schafft es von Jahr zu Jahr, Spenden zu sammeln, um dieses Geld den vergessenen sowjetischen Opfern des Nationalsozialismus zukommen zu lassen. Dies ist nicht nur ein außerordentlicher Akt der Nächstenliebe. Der Verein leistet einen außerordentlichen Beitrag für die Völkerverständigung zwischen Deutschland und Russland und ehemaligen Ländern der Sowjetunion. Nicht umsonst erhielt er 2002 die Carl-von-Ossietzky-Medaille für die Ost-West-Völkerverständigung. Ich bewundere diesen Einsatz; denn dadurch erhalten die Opfer zumindest eine kleine Entschädigung und sehen Deutschland aus einem anderen Blickwinkel – eine Aufgabe, die eigentlich vom Deutschen Bundestag übernommen werden müsste.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich erinnere auch an die vereinbarte Debatte am 30. Juni 2011 zum 70. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion. Dort sagte Wolfgang Gerhart: „Wir müssen täglich ein Stück menschliches Zusammenleben organisieren.“ Dazu ist nun Gelegenheit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte Sie noch einmal, Ihre Haltung zu überdenken. Nächste Woche werden wir in den Ausschüssen darüber sprechen. Die Zeit drängt!&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Holger Krestel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(FDP):&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das im Zweiten Weltkrieg verübte Unrecht sprengt unsere Vorstellungkraft. Die menschenunwürdige Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener war nur eine von vielen Menschenrechtsverletzungen, die sich die Kriegsgegner gegenseitig antaten, und bis heute bedauern wir all ihre Opfer. Im Bewusstsein ihrer Verantwortung für das von Deutschen verursachte Unrecht haben alle Bundesregierungen daher nach Kräften auf Wiedergutmachung und Versöhnung hingewirkt. Die Bundesregierung hat sich dabei stets bemüht, keine einseitigen Lösungen zu finden, sondern stets mit den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zusammenzuarbeiten.Ein Ausgleich für Kriegsgefangenschaft wird nach allgemeinem Völkerrecht ausschließlich durch Reparationsvereinbarungen auf Ebene der beteiligten Staaten geregelt. Am 22. August 1953 hat die ehemalige Sowjetunion in einer Regierungserklärung ausdrücklich auf weitere Reparationszahlungen gegenüber Deutschland verzichtet, nachdem umfangreiche Reparationsentnahmen aus der sowjetischen Besatzungszone vollzogen wurden. Als völkerrechtlicher Rechtsnachfolger gilt dies auch für die Russische Föderation sowie die weiteren Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Keiner dieser Staaten hat bis heute weitere Ansprüche an die Bundesrepublik Deutschland geltend gemacht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 wurde dieser abschließende Charakter noch einmal bestätigt. Sämtliche Vertragspartner haben zugestimmt, dass es weitere vertragliche Regelungen über rechtliche Fragen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg einschließlich der Reparationsfrage nicht geben werde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Um sämtliche Restzweifel aus dem Weg zu räumen und möglicherweise nichtbeachtete Opfer auch entschädigen zu können, wurden im Jahre 1993 im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung und in Kooperation mit der Republik Weißrussland, der Russischen Föderation und der Ukraine Stiftungen in Minsk, Moskau und Kiew gegründet. Diesen wurde 1 Milliarde D-Mark zur Verfügung gestellt, um ehemalige sowjetische Bürger entschädigen zu können, welche durch die Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime schwere Gesundheitsschäden erlitten hatten und sich in einer schwerenwirtschaftlichen Lage befinden. Die Verteilung der Gelder unterlag hierbei ausschließlich den Stiftungen bzw. den Regierungen der Empfängerstaaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 2. August 2000 wurde zudem die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ von der damals rot-grünen Bundesregierung und der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft ins Leben gerufen und mit 10 Milliarden D-Mark ausgestattet, um ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes zu entschädigen. Das bisherige Rechtsverständnis wurde hierbei bestätigt, und es war Konsens zwischen allen beteiligten Staaten, Rechtsfolgen aus der Kriegsgefangenschaft angesichts der Reparationsthematik grundsätzlich auszuschließen. Die einzige Ausnahme bildeten Kriegsgefangene, welche sich in Konzentrationslagern befanden. Diese Position entspricht dem Gegenteil dessen, was die heutigen Antragsteller im Jahr 2000 umgesetzt haben. Es wurden also sämtliche völkerrechtliche Vorgaben eingehalten und über viele Jahrzehnte zahlreiche Zahlungen getätigt. In den meisten Fällen hat es dabei den Staaten der betroffenen ehemaligen Gefangenen selbst oblegen, diese Zahlungen angemessen zu verteilen. Diese bis ins Letzte zu rekonstruieren, ist für uns heute nicht mehr möglich.&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Ulla Jelpke.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(DIE LINKE):&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Linke fordert schon seit Jahren, den überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen Entschädigung zu gewähren. Denn die Behandlung gefangener Rotarmisten gehört zu den größten Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Rund 3 Millionen Angehörige der Roten Armee kamen in deutschen Lagern ums Leben. Sie sind erfroren, verhungert, an Entkräftung gestorben. Wir wissen schon längst, dass das nicht an fehlenden Transportkapazitäten lag. Die Wehrmacht hätte durchaus Nahrung, Unterkunft, Heizmaterial und Kleidung liefern können, aber sie wollte nicht. Sie wollte die Gefangenen sterben lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So sehr Die Linke eine Entschädigung befürwortet, so sehr sind wir auch über den Zeitpunkt dieses Antrages von SPD und Grünen verwundert, unmittelbar vor dem Ende der Legislaturperiode. Ich bin auch deswegen verwundert, weil die SPD noch vor wenigen Jahren, als sie in der Regierung war, eine Entschädigung explizit abgelehnt hat. Ich zitiere aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken aus dem Jahr 2006: „Eine Entschädigung sowjetischer Kriegsgefangener durch die Bundesrepublik Deutschland hat es ebenso wenig gegeben wie eine Entschädigung deutscher Kriegsgefangener durch die Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten.“ (Drucksache 16/2423). Die Rotarmisten sollten keine Entschädigung erhalten, weil auch deutsche Kriegsgefangene „unrechtmäßig zugefügte Leiden“ erlitten hätten. Verfasst wurde diese Begründung vom Finanzministerium, das damals in der Hand der SPD war, geführt von Herrn Steinbrück. Was der damals hat aufschreiben lassen, strotzt von Zynismus, Gleichsetzung und Verharmlosung von NS-Verbrechen. Er hat völlig ausgeblendet, dass es die Nazis waren, die entschieden hatten, einen räuberischen Vernichtungskrieg zu führen und millionenfache Morde zu begehen. Man kann nicht allen Ernstes die Leiden der deutschen Kriegsgefangenen, die es natürlich gegeben hat, mit dem Schicksal der sowjetischen Gefangenen gleichsetzen. Die 3 Millionen Rotarmisten starben nicht aufgrund von vereinzeltem willkürlichen Verhalten ihres Aufsichtspersonals, auch nicht an logistischen Problemen, sondern ihr Tod war Ausdruck der Absicht, das vermeintliche Untermenschenvolk systematisch zu dezimieren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Schon 1984 hat der Historiker Rolf-Dieter Müller festgehalten: Dass mit der Hungerpolitik gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung und den Kriegsgefangenen eine konkrete Vernichtungsabsicht verbunden gewesen ist, lässt sich zumindest für die politische Führungsspitze des Dritten Reiches eindeutig feststellen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielleicht haben die Kollegen von der SPD seit 2006 dazugelernt. Vielleicht legen sie es auch nur darauf an, kurz vor Schluss der Legislaturperiode noch rasch einen Schauantrag einzubringen, den sie schnellstmöglich abhaken wollen. Dennoch: Für Die Linke ist klar, dass wir jeden Ansatz mittragen, das Unrecht an NS-Opfern so gut wie möglich zu entschädigen. Allerdings ist der Antrag von SPD und Grünen von Zögerlichkeit und Halbherzigkeit geprägt. Zum einen, weil er die Vernichtungsabsicht, also die gewollte Ermordung von Millionen Gefangenen durch die Wehrmacht, verharmlosend auf ein „billigend in Kauf genommen“ reduziert. Zum anderen, weil der Antrag in sich inkonsequent ist. Denn wenn man die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen ausdrücklich als NS-Unrecht anerkennt, dann muss man ihnen wenigstens die gleiche Entschädigung zugestehen wie den zivilen Zwangsarbeitern, also 7 500 Euro. SPD und Grüne wollen ihnen nur ein Drittel davon zugestehen, und sie wollen ausdrücklich den Rechtsweg ausschließen, was wiederum der Willkür in der Entschädigungsbürokratie Tür und Tor öffnet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei der NS-Opfer-Entschädigung sind lange genug halbe Sachen gemacht worden. Notwendig ist es, das Bundesentschädigungsgesetz wieder zu öffnen, um den Überlebenden einen regulären Entschädigungsanspruch zuzugestehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee haben den größten Beitrag zur Niederwerfung des Faschismus in Europa geleistet. Sie verdienen auch aus diesem Grund eine würdevolle Behandlung, und sie haben ein Recht darauf, endlich Entschädigung für die Verbrechen zu erhalten, die die Nazis an ihnen begangen haben. Ich schlage im Übrigen vor, auch die Angehörigen der Partisanenverbände und die Opfer der sogenannten Bandenbekämpfung in eine Entschädigungsregelung einzubeziehen.&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Volker Beck.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der ab Juni 1941 begonnene Angriffskrieg gegen die Sowjetunion war nach den eigenen Zielsetzungen des NS-Regimes ein rassistisch begründeter Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen ein aus Sicht der Nationalsozialisten „rassisch minderwertiges“ Volk bzw. Völker. Die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen im Verlauf dieses Krieges folgte dieser Logik, indem man diese millionenfach verhungern ließ, deportierte und beispielsweise auch zur Zwangsarbeit einsetzte. Sowjetische Kriegsgefangene wurden meist in sogenannten Russenlagern untergebracht. In diesen lag eine besondere, durch die nationalsozialistische Ideologie geprägte Verfolgung vor, die den Kriegsgefangenenstatus völlig in den Hintergrund treten ließ. Die wissenschaftliche Forschung belegt, dass die Bedingungen für die Betroffenen, was Todesraten, Ernährung, gesundheitliche Versorgung etc. anbelangt, ausdrücklich mit jenen in Konzentrationslagern vergleichbar sind. Die Verfolgungshandlung des NS-Regimes gründete sich klar auf eine rassistische Motivation, die sowjetische Kriegsgefangene in ihrer Ideologie als sogenannte Untermenschen sah und sie unmenschlich behandelte. Während westeuropäische Kriegsgefangene grundsätzlich nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt wurden, galt dieser Schutzstatus für sowjetische Kriegsgefangene ausdrücklich nicht, beispielsweise durch den historisch nachgewiesenen Einsatz als Zwangsarbeiter, auch auf „Bestellung“ der deutschen Industrie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von den schätzungsweise 4,5 bis 6 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen starben bis 1945 etwa 60 Prozent. Unter Josef Stalin setzte sich für viele überlebende Kriegsgefangene das Leid und Sterben fort, da er diese nach der Befreiung unter dem Vorwurf des Vaterlandsverrats oder der Spionage ins Arbeitslager schickte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Erst 1995 ließ Boris Jelzin diese als Opfer des Stalinismus vollständig rehabilitieren. Schätzungsweise leben heute noch 4 000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene. Überwiegend leben diese bis heute ausgegrenzt und benachteiligt im Vergleich zu anderen Kriegsveteranen, beispielsweise auch bei der Auszahlung von Renten. Bis heute gelten sowjetische Kriegsgefangene, die nach Deutschland deportiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden, nicht als anerkannte Verfolgte des NS-Regimes. Zudem gab es für diese Opfergruppe nie einen gesetzlichen oder außergesetzlichen Anspruch auf eine materielle Entschädigung, auch nicht in symbolischer Form. Auch in der deutschen Erinnerungskultur haben sie keinen ihrem Schicksal angemessenen Platz. Das Leid der sowjetischen Kriegsgefangenen ist ein blinder Fleck in der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Von den Deutschen geschunden, von Stalin diskriminiert, hatten sie nie eine kraftvolle Lobby für ihre Rehabilitierung und Entschädigung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dem rassistisch motivierten Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion fielen mehrere Millionen sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer. Dahinter stand ein klarer Vernichtungswille der Deutschen, der gegenüber den anderen Kriegsgefangenen nicht bestand. Deshalb ist es die historische Verantwortung der Bundesrepublik, dieses Verbrechen anzuerkennen und den noch wenigen Überlebenden eine einmalige Entschädigung zuzugestehen. Diese Verantwortung vor unserer Geschichte sollte auch die Union und die FDP bewegen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf Drucksache 17/13710 an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorschlagen. Die Federführung ist jedoch strittig. Die Fraktionen der CDU/CSU und FDP wünschen die Federführung beim Finanzausschuss. Die Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen wünschen die Federführung beim Innenausschuss.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lassen Sie uns zuerst abstimmen über den Überweisungsvorschlag der Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen, also Federführung beim Innenausschuss.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wer stimmt für diesen Überweisungsvorschlag? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Überweisungsvorschlag ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der Oppositionsfraktionen abgelehnt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich lasse nun abstimmen über den Überweisungsvorschlag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP, Federführung beim Finanzausschuss. Wer stimmt für diesen Überweisungsvorschlag? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Überweisungsvorschlag ist angenommen mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der Oppositionsfraktionen.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/kriegsgefangene/gewaehrung-symbolischen-anerkennungsbetrags-abgelehnt.php</link>
<pubDate>11 Jun 2013 08:18:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>349. Freitagsbrief (vom Oktober 2012, aus dem Russischenvon Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Sergej Fjodorowitsch Bulygin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tschuwaschien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[Es schreibt die Enkelin Olga].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schreibe Ihnen im Namen meines Großvaters Sergej Fjodorowitsch Bulygin, geb. 20.09.1917, der schon 95 Jahre alt ist! Ich habe gerade seine Unterlagen durchgesehen und dabei Ihren Brief vom 14.09.2010 gefunden, in dem Sie uns von der humanitären Hilfe schreiben, für die wir Ihnen noch sehr danken möchten! Außerdem habe ich einen Brief von der Stiftung für Verständigung und Aussöhnung gefunden, vom Jahr 2004, in dem man uns mitgeteilt hat, dass Großvater keine Entschädigung bekommt, weil er nur Kriegsgefangener war! Dabei hat er vier Jahre lang gegen seinen Willen geschuftet! Zuerst war er in einem Lager in Kirowograd, dort wurden die Soldaten als Arbeitskräfte gekauft-verkauft. Seine Kriegsgefangenennummer war 159538-IV-B [Stalag Mühlberg/Elbe]. In Köln mussten sie Wassereimer schleppen und in den Rhein ausleeren. Danach kam er in ein Lager in Alte Gribow [Stalag XI A (341) Altengrabow] oder so ähnlich. Im Mai 1942 wurde er nach Radeberg (Deutschland) gebracht, wo er bis Ende 1944 in einer Fabrik als Hilfsarbeiter arbeiten musste. Ab Ende 1944 war er im Lager Wolfen. Anfang 1945 kam er in die Nähe von Magdeburg, wo die Gefangenen einen Flugplatz bauen mussten. Im April 1945 kam er ins Lager Altengrabow. Am 4. Mai 1945 wurde er von Einheiten der Roten Armee befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Großvater ist ein sehr guter Mensch, und wenn er von dieser schweren Zeit erzählt, dann treten ihm immer die Tränen in die Augen … Natürlich ist es sehr bitter für ihn, dass um ihn herum alle irgendeine Unterstützung vom Staat oder aus Deutschland bekommen, er aber nie etwas bekommen hat … bitte helfen Sie uns! […] Voller Ungeduld erwarten wir Ihre Antwort.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Olga&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_349.php</link>
<pubDate>07 Jun 2013 21:28:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>348. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Republik Chakassien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sajanogorsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Konstantin Illarionowitsch Schumichin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Dr. Gottfried Eberle!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für mich ist es sehr wichtig, zu erfahren, dass das deutsche Volk den Faschismus verurteilt und ihn als eines der schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit ansieht. Niemand sollte mehr so etwas durchleben müssen wie wir damals. Ich hege keinen Groll gegen die einfachen deutschen Soldaten – sie haben die Befehle ihrer Vorgesetzten ausgeführt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Lebensgeschichte hat meine Tochter nach meinen Worten aufgeschrieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater Konstantin Illarionowitsch Schumichin wurde 1919 geboren. Er ist der älteste Bürger unserer Stadt. Der Großvater meines Vaters kam 1870 mit seiner großen Familie und anderen Umsiedlern nach Sibirien, um neues Land urbar zu machen. 1939 wurde Vater zum Armeedienst eingezogen. Er kam in den Wehrkreis Transbaikalien, zu Truppen der Artillerie, die an der Grenze zur Mongolei und zur Mandschurei stationiert waren. Das Oberkommando über den Wehrkreis hatte Marschall Konjew, damals Generalleutnant. Vater leistete seinen Dienst in einem Haubitzenregiment. Er war Richtschütze, der erste Mann an der Haubitze. 1940 wurde er in den neu geschaffenen Rang eines Gefreiten erhoben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 1.6.1941 bekam die ganze Untereinheit die Anweisung zum Abtransport inklusive Artilleriegerät. Man sagte ihnen, sie sollten ins Sommerlager fahren. Damals konnte Vater sich natürlich nicht vorstellen, was für ein Armeeschicksal ihn erwartete. Aber auch wenn er es gewusst hätte, was hätte er machen können? Sie fuhren am Baikalsee vorbei, an Krasnojarsk, Nowosibirsk … Je weiter sie nach Westen kamen, desto mehr spürten sie das Unheil, das in der Luft zu hängen schien. Die Eisenbahnlinien waren von Transporten verstopft. Nach einem Umweg über Barnaul, Semipalatinsk und Alma-Ata erreichten sie irgendwann Saratow. Hier waren die Gerüchte über einen bald bevorstehenden Krieg gegen Deutschland allgegenwärtig. Dann ging die lange Fahrt weiter und am 20.6. traf das Regiment endlich an seinem Ziel ein – in der kleinen Stadt Ostrog in der Westukraine. Sie hatten sich noch gar nicht eingerichtet – da war schon Krieg. Vater denkt mit Bitterkeit daran zurück, dass vom ersten Kriegstag an der Rückzug der Artillerie und Infanterie begann. Bis Kiew wichen sie zurück. Auf Befehl der Vorgesetzten wurde das Artilleriegerät zerstört – Traktoren, Haubitzen, Granaten. Pioniereinheiten hatten die Brücke über den Dnjepr gesprengt. Zusammen mit anderen Soldaten überquerte mein Vater den Fluss schwimmend mit Hilfe von Baumstämmen und Brettern (jeder wie er konnte).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Da Vater es nicht aus der Einkesselung heraus schaffte, wurde er gefangen genommen. Eines der ersten Lager war die „Grube von Chorol“ [Dulag 160] (Chorolskaja jama), ein Durchgangslager auf weißrussischem [sic!] Gebiet. Das Lager bestand aus einer riesigen Grube, aus der früher Erdreich gewonnen wurde. Dort war Vater einige Monate. Die Gefangenen bekamen fast nichts zu essen. Man warf ihnen Kartoffelschalen und rohes Pferdefleisch hin. Dabei kam es zu einem Gedränge, in dem viele Kriegsgefangene erdrückt wurden. Mein Vater verrenkte sich dort das Bein. Zum Glück ließ es sich mit Hilfe der Kameraden aber wieder einrenken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Lager für kriegsgefangene Soldaten haben sich meinem Vater fürs ganze Leben ins Gedächtnis eingebrannt. In diesen beinahe vier Jahren der Gefangenschaft war er in mehr als zehn verschiedenen Lagern und er kann sich an jedes von ihnen noch erinnern. Aber die Schrecken der Unfreiheit lassen sich in ihrem ganzen Ausmaß nicht beschreiben. Den ganzen Krieg über bis zum Kriegsende hat Vater in Lagern und in Betrieben in Deutschland, Polen und der Ukraine gearbeitet. Er war Häftling Nr. 22517 im Lager 318 Langdorf [Lamsdorf] in Ostschlesien. Auf der Brust und der Häftlingskleidung hatte er die Buchstaben SU (Sowjetunion). So wurden die sowjetischen Gefangenen gekennzeichnet, die am schlechtesten behandelt wurden. Die Ukrainer trugen das Abzeichen „Ost“ [1] und arbeiteten ohne Aufseher.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Gefangenen mussten Waggons entladen und die Bahnlinie in Ternowizy erweitern, sie arbeiteten im Betrieb „Hammerwerk“ in Kattowice. Die Wachmannschaften brachten die Menschen ins Werk und standen am Tor, während die Gefangenen arbeiteten. Besonders grausam waren die russischen Polizaj. Die Gefangenen lebten in Baracken mit dreistöckigen Pritschen. Jeden Morgen trugen sie selbst die an Unterernährung und den Folgen der Schikanen und der Schwerstarbeit Gestorbenen aus der Baracke und warfen sie in einen tiefen Graben, der sich dort im Lager befand. Am Schlimmsten erging es den Rauchern – sie tauschten ihre Essensration gegen Zigaretten und starben als Erste an Erschöpfung. Mein Vater hatte Glück – er rauchte nicht und blieb am Leben, obwohl er einige Male nur knapp dem Tod entkam.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann war der Krieg zu Ende, sein Leid aber noch nicht. Wieder ein Lager, diesmal ein sowjetisches. Die repressierten Kriegsgefangenen wurden dann in den Krieg gegen das faschistische Japan geschickt, aber sie kamen nicht mehr rechtzeitig dort an, der Krieg dort war schon zu Ende. Ihr Transport machte am Ural Halt, in Tscheljabinsk. Die gequälten und entkräfteten ehemaligen Gefangenen mussten nun zur Arbeit beim Wiederaufbau und Bau neuer Kohlebergwerke. Natürlich war die Aufsicht dort lockerer – sie mussten sich nur einmal im Monat bei der Kommandantur melden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach insgesamt achtjähriger Trennung von der Familie, nach einer furchtbaren Irrfahrt durch die Lager Europas, nach bitterer Ungerechtigkeit in der Heimat bekam Vater schließlich den lange ersehnten Urlaub und konnte zu seinen Eltern fahren. Dort lernte er seine zukünftige Frau kennen, unsere Mutter, mit der er schon seit 63 Jahren zusammen lebt. 1961 ist unsere Familie in die Heimat unseres Vaters gezogen, nach Sjanogorsk in der Republik Chakassien. Zu der Zeit wurde dort mit dem Bau des Elektrizitätswerks Sajano-Schuschenkij begonnen, und meine Eltern waren beim Bau des Werkes vom Anfang bis zum Ende dabei. 1988 ist Vater in Rente gegangen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Er hat vier Kinder, acht Enkel und fünf Urenkel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tatjana Dedowa (Schumichina).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Das Zeichen „Ost“ stand für zivile sowjetische Zwangsarbeiter/innen.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_348.php</link>
<pubDate>31 May 2013 07:11:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>347. Freitagsbrief (vom September 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Aleksandr Petrowitsch Bashnin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Danilowo bei Joschkar-Ola&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Republik Mari El.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diesen Brief schreibt Ihnen Aleksandr Petrowitsch Bashnin. Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen für Ihre Anteilnahme am Schicksal der russischen Soldaten und dafür, dass Ihr Verein die Erinnerung an sie wahrt. Ich wurde in den ersten Kriegstagen in Belarus gefangen genommen. Man brachte mich in ein Konzentrationslager in Belarus und später nach Deutschland. Aus dem deutschen Lager wurde ich, zu der Zeit nur halb lebendig, zur Arbeit in ein Dorf gebracht, zu einem Bauern. Das Dorf Neuferchau (bei Ortsnamen bin ich mir nicht sicher) befand sich in der Nähe von Erfurt. Bei diesem Bauern arbeitete neben mir ein Gefangener aus Belgien, Albert Choton, dem ich es zu verdanken habe, dass ich am Leben geblieben bin. In der ersten Zeit half er mir beim Gehen und bei der Arbeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir Gefangenen wurden unterschiedlich behandelt: der Belgier durfte zusammen mit der Familie am Tisch sitzen und zu Mittag essen, während ich im Stall aß, zusammen mit dem Vieh.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden von der amerikanischen Armee befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg studierte ich am Pädagogischen Institut Geschichte und Fremdsprachen. Ich habe immer in der Schule als Lehrer gearbeitet. Jetzt bin ich 89 Jahre alt, verheiratet. Meine Frau hat mit mir als Lehrerin in der Schule gearbeitet. Ich habe vier Kinder. Ich bekomme eine gute Rente, lebe gut im Kreise meiner Kinder und Enkel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bashnin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wasilij Grigorjewitsch Bogomolow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Danilowo bei Joschkar-Ola&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Republik Mari El.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag! Ich, Wasilij Grigorjewitsch Bogomolow, wurde 1925 geboren. Ich lebe zusammen mit meiner Familie in der Republik Mari El, im Dorf Danilowo Nr. 230. Als ich Ihren Brief bekommen habe, hat es mich sehr bewegt, dass die Mitglieder Ihres Vereins uns, die ehemaligen Gefangenen, nicht vergessen haben. Ich möchte den Mitgliedern Ihres Vereins ein herzliches Danke sagen. Ich sende Ihnen herzliche Grüße und wünsche Ihnen alles Gute im Leben und beste Gesundheit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurz zur Vergangenheit. Ich wurde im Januar 1943 in die Armee einberufen. Im Dezember 1943 wurde ich dann verwundet und geriet in Gefangenschaft. Man brachte uns in ein Lager in Sagan [Stalag VIIIC/Schlesien]. Die Lebensbedingungen waren entsetzlich. Zum Essen brachten sie uns Gemüse und 200 g Brot. Das Brot aßen wir, aber das Gemüse konnte man nicht essen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich weiß noch, dass einmal drei Deutsche mit einem Dolmetscher zu mir kamen und mich fragten, wie viele Jahre ich die Schule besucht hätte. Ich sagte ihnen: acht Jahre. Einer von ihnen meinte: „Er ist Jude [1], nur die Juden gehen bei ihnen in die Schule.“ Sie führten mich von den anderen weg auf die Seite, wo schon ein paar Andere standen. Wie durch ein Wunder gelang es mir aber, zurück zu den anderen Gefangenen zu laufen. Sonst hätten sie mich als Juden erschossen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf der anderen Seite des Stacheldrahts waren die alliierten Kriegsgefangenen. Sie warfen uns Zwieback oder anderes Essen über den Zaun. Viele von uns starben an Unterernährung. Ich konnte überleben, weil ich zur Arbeit kam, wo wir zwar nicht viel zu essen bekamen, aber immerhin etwas.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft durchlief ich die Sonderabteilung und musste alle Demütigungen, die damit verbunden waren, über mich ergehen lassen. Aber danach diente ich weiter in der Armee. Erst 1950 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Ich versuchte, eine Arbeit im Betrieb zu finden, aber niemand wollte mich haben. Sie lehnten mich ab, weil ich in Gefangenschaft gewesen war. Ich machte eine Ausbildung an der Berufsschule für Forstwirtschaft und arbeitete danach in der Forstwirtschaft. Mit sechzig Jahren bin ich in Rente gegangen. Wegen meiner Verwundungen wurde mir Invalidität bescheinigt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt bin ich 85 Jahre alt. Ich sehe und höre schlecht, aber versorge mich noch selbst. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Anteilnahme. Auf Wiedersehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bogomolow&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;A. P. Bashnin und ich schicken Ihnen unsere Briefe zusammen in einem Umschlag, denn wir sind Nachbarn und Freunde. Er wohnt im Haus Nr. 231, ich im Haus Nr. 230.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[1] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.]&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_347.php</link>
<pubDate>24 May 2013 06:26:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer</title>
<description>&lt;p&gt;„Danke, dass Sie uns nicht vergessen!“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jegor Dmitrijewitsch Schrapow, geb. 1923&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gruppenbild mit Verfolgten des NS-Regimes&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Begrüßung in Jerewan, rechts Prof. Dr. Aschot Hayruni&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;im März und April dieses Jahres folgte ich Einladungen nach Belarus und Armenien. Es gab Begegnungen mit Menschen, die Ihre Spenden erhielten. Davon soll hier die Rede sein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Überlebende eines verbrannten Dorfes in Belarus&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Überlebende eines verbrannten Dorfes in Belarus über die Deutschen: „… Aber damals waren sie schrecklich!“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Minsk nahm ich mit unserem Mitarbeiter Dmitri Stratievski an einer Historikerkonferenz zum 70. Jahrestag von Chatyn teil. Dies war eines von 433 belorussischen Dörfern, die mit ihren Bewohnern von der deutschen Besatzungsmacht verbrannt worden waren. Mich interessierte nicht der Streit von Historikern über die Opferzahlen. Ist ein Viertel oder ein Drittel der weißrussischen Gesamtbevölkerung vernichtet worden? Ich wollte die Überlebenden treffen. Wir fuhren 300 Kilometer durch die tief verschneite Landschaft von Minsk bis nach Werchnedwinsk an der Grenze zu Lettland. Die Gegend nennt man „das Land der Obelisken“. Jede dieser Stelen steht für ein verbranntes Dorf. Das Auto hielt auf einem freien Platz an einem Obelisken, davor eine Ehrenwache Soldaten. Eine Menschenmenge stand um ein Mikrophon, ich hielt eine spontane Rede. Worte zu finden ist nicht schwer, wenn man zuvor Briefe der Überlebenden gelesen hat. Bei einer von vielen Begegnungen sah mich eine alte Frau an: „Diese Deutschen sind nicht schrecklich, das sehe ich schon. Aber damals waren sie schrecklich!“ Wohl selten sind seit Kriegsende Deutsche in diesen Erdenwinkel gekommen, auf dem eine grauenhafte Geschichte lastet. Unsere Briefe, die Geldspenden ­ jetzt zählen alte Frauen, die in der Kindheit als einzige fliehen oder sich verstecken konnten, nicht mehr zu den vergessenen NS-Opfern. Die Historikerin Natalja Kirillowa nannte uns noch 800 Überlebende der verbrannten Dörfer, die wir mit Geldspenden und Briefen erreichen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unerfüllte Wünsche mit 102 Jahren&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Porträt von Aschot Martirosjan&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aschot Martirosjan erhält die Geldspende aus Deutschland&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;April in Armenien, die Aprikosenbäume blühten schon. Mich erwarteten Jerewaner Mitglieder des Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges in ihrem schmalen Vereinsraum. In den drei Jahren seit meinem letzten Besuch sind viele Vereinsmitglieder gestorben. Einer, der auf mich gewartet hatte, war zwei Tage zuvor gestorben ­ der 102-jährige Mamikon Apresjan, dessen Wunsch unerfüllt blieb: Er wollte noch einmal in Dortmund jene Eisengießerei besuchen, in der er als Kriegsgefangener Zwangsarbeiter gewesen war. Die wenigsten Mitglieder unserer armenischen Partnerorganisation sind noch gut zu Fuß, wir machten Hausbesuche. Wir, das waren der Vereinsvorsitzende Mels Margarjan, sein Sohn Hakob als Fahrer und mein Freund und Dolmetscher Professor Dr. Aschot Hayruni. So beteiligte ich mich an der Auszahlung von 10.000 Euro, die wir im März auf das Konto unserer Partner überwiesen hatten. Mehrmals im Jahr fahren Mels, Hakob und aktive Vereinsmitglieder ­ keiner jünger als 90 Jahre ­ in Mels' Auto (Baujahr 1980) mit Geldspenden durchs ganze Land. 30 Kilometer abseits der armenischen Hauptstadt holperten wir auf einer Bergpiste hoch zur Hütte von Aschot und Seda Martirosjan. Der 92-jährige liegt seit Jahren hilflos im Bett. Einst musste er Gleise für die Deutsche Reichsbahn verlegen. Seda berichtete, dass 14 Tage zuvor der Schnee noch zwei Meter hoch lag. Beide leben isoliert, ohne Telefon. Seda steigt im Herbst immer ins Dorf hinunter zur Besorgung des Wintervorrats. Doch letzten Herbst blieb die Rentenzahlung aus. Das Brennholz und Medikamente verdanken Aschot und Seda den Geldspenden aus Deutschland.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gruppenbild mit der Familie von Mamikon Apresjan&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Familie von Mamikon Apresjan unter dem Bild des verstorbenen Patriarchen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seda Martirosjan&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seda Martirosjan erzählt, wie sie und ihr Mann den Winter überlebten.
Würde für den Rest des Lebens&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Armenien begann vor zehn Jahren unser Engagement für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene; es wurde in weiteren Nachfolgestaaten der Sowjetunion fortgesetzt. Wir beschlossen damals Einmalspenden von 300 Euro pro Person. Konnten wir es angesichts der mit fortschreitendem Alter wachsenden Hilflosigkeit und sozialer Bedürftigkeit bei symbolischen Zahlungen belassen? Wir beschlossen Mehrfachhilfen bei besonderen Notfällen in Armenien, Belarus, Georgien, Russland und in der Ukraine. Helfen wir auch weiterhin mit, dass die von uns nicht vergessenen Überlebenden des Naziterrors ihre verbliebende Lebenszeit in Würde verbringen können!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unterschrift von Eberhard Radczuweit&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Eberhard Radczuweit&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Parlamentarische Unterstützung für vergessene NS-Opfer&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Bundestagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen werden dem Bundestag noch vor der Sommerpause einen Antrag zur Abstimmung vorlegen. Der Titel lautet: Anerkennung der an den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen als faschistisches Unrecht und Gewährung eines symbolischen finanziellen Anerkennungsbetrages für diese Opfergruppe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der mehrseitige Antrag ist im Sinne unserer vor sechs Jahren eingereichten Petition formuliert. Damals lebte noch die Mehrheit jener 20.000 ehemaligen sowjetischen Kriegs gefangenen, deren Anträge auf „Zwangsarbeiterentschädigung“ per Gesetz abgewiesen worden waren. Sollten die Regierungsparteien endlich zustimmen, kämen nur noch wenige Tausend in den Genuss staatlicher Anerkennung. Aber es wäre auch eine Genugtuung für Millionen Familien, deren Angehörige in den „Russenlagern“ der Wehrmacht verhungerten und denen in der Heimat kein ehrendes Andenken zuteil wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Einnahmen ­ Ausgaben 2012&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bürger-Engagement für „vergessene“ NS-Opfer:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendeneingang&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;320.865,18 €&lt;/p&gt;


&lt;p&gt;Spendenübermittlung an ehemalige Kriegsgefangene&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;268.084,90 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendenübermittlung an Überlebende der verbrannten Dörfer&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;42.000,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sachkosten (Übersetzungen, Korrespondenz, Verwaltung der Partner, Bankgebühren)&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;48.769,22 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ghettoüberlebende:&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;Spendeneingang&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;33.451,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendenübermittlung&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;28.200,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sachkosten (Übersetzungen, Kosten der Spendenübermittlung, Zuschuss zur Buchhaltung der Assoziation jüdischer Ghetto- und KZ-Überlebender)&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;8.978,10 €&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Einnahmen ­ Ausgaben 2012 1. Januar bis 7. Mai 2013&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bürger-Engagement für „vergessene“ NS-Opfer:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendeneingang&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;88.078,14 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendenübermittlung an ehemalige Kriegsgefangene&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;87.614,75 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendenübermittlung an Überlebende der verbrannten Dörfer&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;30.000,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sachkosten (Übersetzungen, Korrespondenz, Verwaltung der Partner, Bankgebühren)&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;12.216,80 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ghettoüberlebende:&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;Spendeneingang&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;3.660,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Spendenübermittlung&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;10.000,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sachkosten (Übersetzungen, Kosten der Spendenübermittlung, Zuschuss zur Buchhaltung der Assoziation jüdischer Ghetto- und KZ-Überlebender)&lt;/p&gt;
	

&lt;p&gt;1.235,00 €&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir danken allen Spenderinnen und Spendern!&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/buergerengagement/rundbrief-buergerengagement-mai-2013.php</link>
<pubDate>21 May 2013 07:28:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Basja Abramowna Rojtberg</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tschernigow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen und dem ganzen deutschen Verein „Kontakte“ für die Unterstützung, die Sie mir und anderen Überlebenden der schweren Besatzungszeit zukommen lassen. Viele Mitglieder unserer Vereinigung haben den Krieg im Versteck überlebt, mit Hilfe der Menschen in den Dörfern, aber es gab auch Leute, die Juden an die Faschisten verraten haben. Die Gerechten aber sind immer in unserer Erinnerung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Familie und ich waren im Ghetto in Osarenzy im Bezirk Mogilew-Podolsk, Gebiet Winniza. Vor dem Krieg lebten wir in Mogilew-Podolsk. Unser Haus stand am Ufer des Dnjestr, und als die Eisenbahnbrücke zerbombt wurde, wurde auch unser Haus von einer Bombe getroffen. Wir kletterten aus dem Fenster ins Freie und machten uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Osarenzy (10 km entfernt). Mein Vater trug mich auf dem Arm (Ich war drei Jahre alt). Vater meinte, dass es im Dorf, wo Vaters Bruder lebte, wegen der Bombenangriffe leichter sein würde. Ende Juli 1941 marschierten die Deutschen im Dorf ein. Die ersten zwei Samstage waren schrecklich. Sie trieben uns in die Synagoge und wollten sie anzünden, Vater hielt mich auf dem Arm, aber, wie mein Vater später sagte, Gott hat uns beschützt und im Dorf tauchte irgendein hoher Vorgesetzter auf, auf dessen Anordnung wir freigelassen wurden. Der Dorftrottel musste zeigen, wer aus dem Dorf kam und wer nicht, er kannte Vater, und so durfte unsere Familie gehen. Sie sonderten vierzig Männer von den anderen ab, beinahe wäre auch mein älterer Bruder dabei gewesen, aber meine Mutter konnte ihn auf wundersame Weise zurückholen. Diese Männer wurden getötet. Sie schnappten sich meinen Vater, meinen Onkel und noch einen alten Mann, sie mussten die Karren schieben, und jeder, der vorbeifuhr, schlug sie. Aber dann trafen sie ein weiteres Mal auf jenen Offizier (mein Vater sagte: Gott hat ihn geschickt), und er ordnete an, sie gehen zu lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann folgten Kälte, Hunger, Typhus. Doktor Stukalenko rettete uns vom Typhus, er kam ins Ghetto, behandelte die Kranken, brachte Medikamente und Essen. Auch sein Sohn ist ein wahrer Gerechter unter den Völkern. Ich könnte noch vieles von damals erzählen, aber es fällt mir sehr schwer. Wahrscheinlich kennen Sie das Buch „Nur wir haben überlebt“ (Ein Erinnerungsband, herausgegeben von Boris Zabarko), dort sind die Erinnerungen von zwei Überlebenden unseres Ghettos abgedruckt: von meinem Bruders Samuil Rojtberg und von Boris Chandros. Das damals Erlebte hat Folgen bis zum heutigen Tag. Ich bin oft krank, aber ich halte mich wacker.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 12.03.1944 wurden wir befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1998 hatte unsere Vereinigung 60 Mitglieder, heute sind es 25. In diesen Jahren sind 31 Mitglieder von uns gegangen, und von weiteren Vier wissen wir nicht, ob sie vielleicht auch schon nicht mehr unter uns sind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nochmals Ihnen allen herzlichen Dank für die Unterstützung, und für Ihre Lebenseinstellung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;B. A. Rojtberg, Vorsitzende der Vereinigung der Ghetto- und KZ-Überlebenden in Tschernigow.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-4-Mai-2013.php</link>
<pubDate>17 May 2013 07:11:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Igor Jurkowezkij</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ushgorod.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Namen aller Ghetto- und KZ-Überlebenden der Stadt Ushgorod möchte ich Ihnen und den Mitgliedern Ihres Vereins für die Unterstützung danken und Ihnen allen beste Gesundheit und viel Kraft beim aufreibenden Kampf gegen Nationalismus und Antisemitismus wünschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Igor Jurkowezkij, Ghetto-Überlebender Vorsitzender der Vereinigung der KZ- und Ghetto-Überlebenden des Gebiets Zakarpatje.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;An Herrn Eberhard Radczuweit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir, die Holocaust-Überlebenden, die die Gräuel von Ghetto und KZ erlebt haben, haben dem Tod ins Gesicht gesehen und um unser Leben gekämpft, wir haben unser menschliches Antlitz bewahrt, den Tod besiegt und in uns die Kraft gefunden, der Welt von unserem schrecklichen Leid und von den Verbrechen der deutschen Nazis und ihrer Handlanger zu erzählen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen von einer Gräueltat der Nazis berichten, die ich mit eigenen Augen gesehen habe. Ich war im Ghetto in Gorodkowka im Gebiet Winniza und wurde Zeuge, wie deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen und -gewehren 150 Menschen, Männer und Frauen, in die ehemalige Reifenfabrik getrieben haben. Sie schlossen das Tor, die Fenster und Seitenausgänge, stellten bewachte Wachposten auf und zündeten das Gebäude an. Es ging sofort in Flammen auf, man hörte die Menschen schreien und gegen das Tor, gegen die Fenster und Türen hämmern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Fensterscheiben zerbarsten von der Hitze, das Tor und die Türen brannten, so dass die Menschen sie herausschlagen konnten. Wem es gelang, der Flammenhölle zu entkommen, wurde draußen von einer MP-Salve erschossen. So massakrierten die Deutschen unschuldige Menschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Noch lange hing der Geruch nach verbrannten Körpern über der ehemaligen Fabrik.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bitte verzeihen Sie, dass ich mit meinem Bericht die unbeschreibliche Schuld der deutschen Faschisten gegenüber der Menschheit und dem jüdischen Volk nicht abmildern konnte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Igor Jurkowezkij.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-3-Mai-2013.php</link>
<pubDate>17 May 2013 07:09:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>346. Freitagsbrief (vom September 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Iwan Nikiforowitsch Morgunow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Watutina&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Donezk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Dmitrij Walerjewitsch!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief bekommen, vielen Dank dafür. Ich freue mich immer sehr, wenn ich von Ihnen einen Brief bekomme. Ich habe sonst keinen, mit dem ich über mein Kriegsschicksal sprechen könnte. Viele ehemalige Kriegsgefangene sind schon gestorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Dir, Dmitri, davon erzählen, wie wir im Mai 1945 in der sowjetischen Zone empfangen wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Engländer hatten uns mit drei Autos in die sowjetische Zone gebracht. In jedem Auto gab es auch eine Kiste mit Lebensmitteln. Ein englischer Offizier hatte angeordnet, Lebensmittel mitzunehmen. In den Kisten waren Konserven, Brot, Wurst, Schokolade und vieles andere, auch Zigaretten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war zehn Uhr morgens, wunderbares Wetter. Die Autos erreichten die sowjetische Zone. Ein sowjetischer Offizier kam zu uns. Er war gut angezogen, die Brust voller Orden. An der Uniformjacke trug er Schulterstücke. Einer von uns Kriegsgefangenen fragte ihn: „Genosse Kommandeur, wie ist Ihr Dienstgrad?“ 1941, als ich gekämpft habe, gab es keine Schulterstücke. Der sowjetische Offizier antwortete: „Warum nennen Sie mich Genosse Kommandeur? Wir werden noch sehen, wer Sie sind. Vielleicht ist der Wolf von Tambow Ihr Genosse?“ [1] Der Offizier war Major.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden in Wismar an die Sowjets übergeben. Am nächsten Tag marschierten wir zu Fuß nach Rostock. Wir dachten: Was kommt nun? Uns war schwer ums Herz. Trotz dieses Empfangs wurde ich in die Sowjetische Armee aufgenommen. Ich bekam eine Uniform und eine MP. So wurde ich Soldat. Ich habe meinen Dienst in Deutschland und Polen geleistet, und 1946 wurde unsere Armeeeinheit nach Simferopol auf der Krim versetzt. Ich diente bei einer Fernmeldeeinheit (kabelgebunden, zum Funk kam ich nicht – das durfte ich nicht).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Mai 1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und wurde Bergarbeiter. Als die Ukraine unabhängig wurde, bekam ich ein neues Armeebuch, in dem nicht mehr stand, dass ich in der Gefangenschaft gewesen war. Janukowitsch gab mir den Dienstgrad „Oberst a. D.“. Ich wurde ausgezeichnet, bekam die Medaille „Für den Sieg über Deutschland 1941–1945“, den Orden des Vaterländischen Krieges 2. Grades, den Tapferkeitsorden 2. Grades. Außerdem habe ich 15 Ehrenmedaillen bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1947 habe ich geheiratet. Meine Frau war in Orenburg in der Evakuierung (sie war damals 14 Jahre alt), sie ist offiziell „Kriegsteilnehmerin“. Wir haben zwei Kinder, unsere Tochter Lida und unsere Tochter Tanja. Lida hat an der Berufsschule für Fernmeldewesen gelernt. Jetzt ist sie Rentnerin. Tanja hat am Medizinischen Institut in Donezk studiert. Sie hat mehr als vierzig Jahre im Zentralkrankenhaus als Ärztin gearbeitet. Sie ist Oberärztin. Jetzt ist sie auch in Rente, arbeitet aber weiter. An ihrem Geburtstag wurde in der Zeitung „Rodnoj Gorod“ [Unsere Stadt] ein Foto von ihr mit einem kleinen Text veröffentlicht. Ich schicke Ihnen eine Kopie davon mit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als ich in der Gefangenschaft war, war ich in den folgenden Lagern:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Deutschland (Litzendorf) [Stalag 310 Wietzendorf], Lager Brelov [Stalag 310 Wietzendorf (Breloh)], und im April 1942 kam ich zum Bauern Hof-Wetterade.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Lager Brelov gehörte ich zum „Beerdigungskommando“ (Tod Kommando [2]). Man brachte die Toten aus den anderen Lagern in unser Lager und wir verscharrten sie im Wald. Niemand wusste ihre Namen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es ist jetzt heiß hier – im Juni, Juli und August hat es nicht geregnet, und es sind 34–39 Grad. Alles ist vertrocknet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Damit beende ich meinen Brief, die Kräfte verlassen mich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 1. September 2012 werde ich 91 Jahre alt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine besten Grüße an alle Mitarbeiter von Kontakte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Iwan Morgunow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[1] Russische Redewendung: „Dein Genosse ist der Wolf von Tambow“ – damit gibt man dem Gesprächspartner zu verstehen, dass man für ihn kein Genosse bzw. Kamerad ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[2] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.]&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_346.php</link>
<pubDate>17 May 2013 06:43:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>A. I. Chajter</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Balta.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erinnerungen&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor dem Krieg lebte meine Familie in Balta. Als der Krieg begann, also als Balta am 21.7. bombardiert wurde, exakt einen Monat nach Kriegsbeginn, wurde meine Familie evakuiert, aber unterwegs holten uns die Deutschen ein, so dass wir nach Hause zurückkehren mussten. Zu der Zeit waren die Deutschen schon in Balta. Sie liefen die jüdischen Häuser in der Stadt ab und trieben die Menschen nach draußen. Dann brachten sie immer eine Gruppe Menschen aus der Stadt und erschossen sie. Die restlichen Juden holten sie aus ihren Häusern und trieben sie ins Ghetto. Das Ghetto umfasste drei Straßen, die Tkatschenko-Straße und die Sinjansko-Straße 1 und 2. Aber wir durften die anderen Straßen nicht überqueren. Wer ohne Genehmigung in eine andere Straße ging, wurde mit 25 Peitschenhieben bestraft oder sogar erschossen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es gab im Ghetto eine Untergrundorganisation, aber die Faschisten erfuhren davon, holten die Leute aus dem Ghetto und erschossen sie. Die Deutschen riegelten das Ghetto oft ab, und die Rumänen suchten nach Partisanen und drohten alle zu töten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ganz schlimm wurde es, als die Kämpfe um die Befreiung der Stadt begannen und eine SS-Einheit in Balta auftauchte. Sie kannten kein Erbarmen, töteten alle, auch Alte und Kinder. Ich weiß nicht, wie wir das überleben konnten. Unser Dank gilt den guten Menschen, die uns in dieser schrecklichen Stunde bei sich aufgenommen haben. Am Morgen des 29.3.1944 marschierten sowjetische Soldaten in der Stadt ein. Die Bewohner der Stadt kamen aus ihren Häusern, um die Befreier zu begrüßen, die Menschen lachten und weinten zugleich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Chajter.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;12.02.2013&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-mai-2013.php</link>
<pubDate>15 May 2013 13:26:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>345. Freitagsbrief (ein Folgebrief vom Januar 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tula&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Semjon Solomonowitsch Kulbasow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen meinen herzlichsten Dank ausdrücken für die guten Wünsche zum Neuen Jahr 2008. Ich muss gestehen, dass Ihr Schreiben mich sehr ergriffen hat. In der heutigen Zeit gibt es ja nicht oft solche Kontakte zwischen Menschen, die sich so voneinander unterscheiden. Dabei ist das doch wunderbar! Wenn die Menschen aller Gesellschaftschichten in allen Ländern beginnen würden, sich ebenso frei und unbefangen auszutauschen wie wir, hätten wir wahrscheinlich das Paradies auf Erden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meinen Wunsch teilt auch mein Sohn Michail, er ist U-Bootfahrer außer Dienst, mein Gesinnungsgenosse und meine Stütze.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr ergebener Semjon Kulbasow&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem ich die Reaktion meines Vaters auf Ihre Briefe sah, habe ich beschlossen, Ihnen zu schreiben. Vater reagiert normalerweise in solchen Fällen zurückhaltend, aber dieses Mal antwortet er gerne und hält aktiv den Kontakt aufrecht. Anscheinend haben Sie eine bestimmte Saite in seinem Inneren angeschlagen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen ein wenig von ihm erzählen. Vor etwa zwei Jahren hat er erzählt, dass damals in Deutschland (er war von 1941 bis 1945 in Gefangenschaft), die Deutschen Akkordeon gespielt haben und dass die Klänge dieses Instruments irgendwie eine besondere Wirkung auf ihn hatten. Wenn er die Strauss-Walzer hört, dann vergisst er auch heute noch alles um sich herum. Es hat sich herausgestellt, dass er seit damals davon träumte, dieses Instrument zu erlernen. Als wir Kinder noch klein waren, die Wohnsituation schwierig war und weitere Probleme, hat er Mandoline gespielt, aber vor zwei Jahren, als er schon über 90 war (er ist 1915 geboren), hat er angefangen, immer wieder hartnäckig um ein Akkordeon zu bitten. Wir haben also eins gekauft, haben eine Lehrerin gesucht und dann begann er mit dem Unterricht, einmal die Woche. Es hat ihm sehr gefallen, er hat sich immer auf diese Stunden gefreut und auch erste Erfolge verbuchen können. Er hat sogar die Noten gelernt. Leider hat er nach einiger Zeit beim Spielen Schmerzen in der Schulter bekommen. Nichts hat dagegen geholfen und so musste er das Spielen aufgeben. Weil er so traurig darüber war, kamen wir auf die Idee, dass er Keyboard spielen könnte. Im Moment spielt er darauf gerade mit einem Finger den Marsch von Mendelssohn und andere schwierige Stücke. Für einen Auftritt im Konservatorium ist es noch ein bisschen zu früh, aber für das Guinessbuch der Rekorde müsste er schon reif sein. Natürlich sehen wir beide das Ganze mit Humor – dass Sie uns nicht falsch verstehen! Die Lehrerin dagegen nimmt die Sache im Gegenteil sehr ernst. Sie unterrichtet schon seit mehr als vierzig Jahren und hat zum ersten Mal so einen Schüler.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] Wir wünschen Ihnen, Ihren Nächsten und allen Ihren Mitarbeitern Gesundheit und Glück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen von&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Semjon Solomonowitsch und Michail Semjonowitsch Kulbasow&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_345.php</link>
<pubDate>10 May 2013 06:58:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Benja Isakowitsch Schlain</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Chmelnizkij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir haben von Ihnen die nächste Geldspende bekommen, wie mittlerweile jedes Jahr. Im Namen aller Ghetto- und KZ-Überlebenden möchte ich Ihnen herzlich danken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im letzten Jahr haben wir uns zweimal Briefe geschrieben. Es war schön, sich davon überzeugen zu können, dass Sie immer noch Reue empfinden für die Gräueltaten der deutschen Faschisten, dass die unzähligen Opfer nicht dem Vergessen anheimgefallen sind, dass Sie vom Geist des Humanismus geleitet werden und von Achtung vor denen, die überlebt haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die aber werden mit jedem Jahr weniger. Ich möchte Ihnen ein frisches Beispiel anführen: Gerade ist das neue Buch des Ihnen bekannten Historikers Boris Zabarko erschienen, „Wir wollten leben …“ (1. Teil), mit Zeitzeugenberichten und Dokumenten. In diesem Buch sind auch die Erinnerungen von neun Ghetto-Überlebenden aus unserem Gebiet abgedruckt. Der Autor hat mir netterweise ein Paket mit Belegexemplaren für jeden von ihnen geschickt. Leider musste ich aber feststellen, dass fünf von ihnen bereits von uns gegangen sind, nur noch vier von ihnen sind am Leben!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Angesichts des anwachsenden Nationalismus, Antisemitismus, islamistischen Extremismus und Terrorismus auf der ganzen Welt wird Ihre Arbeit immer wichtiger.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Benja Schlain&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Vorsitzender der Vereinigung derGhetto- und KZ-Überlebenden im Gebiet Chmelnizkij.&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Warum ich überlebt habe …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin 85 Jahre alt. Hinter mir liegen 55 Jahre im Dienste der Medizin: neun Jahre in einer abgelegenen Bezirkshauptstadt als Arzt und Chirurg sowie als Bezirksarzt, dann vier Jahre allgemeine Chirurgie und 42 Jahre Thoraxchirurgie in Chmelnizkij. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die ersten Jahre meiner Arbeit, die Jahre der Arztausbildung. Mitte der 50er Jahre waren meine Frau und ich einige Jahre lang die einzigen Ärzte im ganzen Bezirk, richtige Landärzte! Ich habe in meinem Leben tausende Patienten behandelt und tausende Operationen unterschiedlichster Art durchgeführt. Und wenn ich auch vor sechs Jahren in den Ruhestand gegangen bin, so sehe ich doch im Traum und in der Wirklichkeit weiter meine Patienten. Sie können mir glauben, hinter mir liegt ein aufregendes Leben!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber es gibt noch eine andere Zeit in meinem Leben, die mich niemals loslässt, vor allem in schlaflosen Nächten: jene alptraumhaften 973 Tage, die ich im Ghetto in Osarinzy verbracht habe, einem Ort im Bezirk Mogilew-Podolsk, Gebiet Winniza. Meine Erinnerungen an diese Zeit wurden im zweibändigen Buch meines Landsmannes und guten Freundes B. H. Chandros abgedruckt: „Ein Ort, den es nicht mehr gibt“. Im Vorwort zu diesen Büchern dankt mir der Autor für meine Hilfe und Unterstützung. Außerdem wurde ein Nachwort von mir abgedruckt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Viele, die KZ oder Ghetto überlebt und dem Tode entronnen sind, haben von dieser Zeit geschrieben. Ich möchte sie meiner Solidarität und Gleichgesinntheit versichern, nun aber ein anderes Thema anschneiden, dass mich schon lange umtreibt und mir keine Ruhe lässt, obwohl es manch einem überholt vorkommen mag. Die Vorgeschichte, die mich zu diesem Thema veranlasst hat, geht auf einen unbedeutenden Vorfall in meiner Vergangenheit zurück. Es war im Jahr 1946. Ich hatte gerade mein Studium am medizinischen Institut in Czernowitz begonnen. In den ersten Tages des Studiums musste ich bei einer organisatorischen Versammlung von meinem Leben erzählen (ich war zum Kurssprecher gewählt worden). Als ich sagte, dass ich im Ghetto gewesen war, fragte mich der Institutsleiter Dmitrij Sergejewitsch Lowlja: „Und warum haben Sie überlebt?“ Später erfuhr ich, dass der Dozent D. S. Lowlja ein anständiger Mensch war, 1937 war er im Zuge der Repressalien verhaftet worden. Ganz offensichtlich hatte er nicht wissen wollen, warum ich überlebt hatte, sondern wie ich überleben konnte. Die Frage nach dem „Warum?“ ist mir jedoch nie wieder aus dem Kopf gegangen. Und aus triftigem Grund. Sie wurde mir immer wieder gestellt – oder stand meinen Gesprächspartnern ins Gesicht geschrieben. Und die Antwort schien ganz einfach zu sein: Das Ghetto Osarinzy war in Transnistrien und unterstand den Rumänen. Ja, das stimmt und das spielte eine gewisse Rolle. Aber bei weitem nicht die entscheidende.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Beteiligung der Rumänen am Genozid gegen das jüdische Volk ist noch unzureichend untersucht. Was die Menschen im Ghetto durchgemacht haben, ist bekannt, man weiß von der ständigen Todesangst, dem schrecklichen Hunger, der Kälte, den Typhus- und Ruhrepidemien. Trotzdem hört man manchmal die Meinung, man müsste den Rumänen eigentlich dankbar dafür sein, dass sie keine Massenerschießungen durchgeführt haben. Ich bin Zeuge, dass am ersten Samstag nach der Besatzung, am 26.7.1941, in unserem Ort eine rumänische Einheit aus einer „wilden“ Division eintraf, die einen Pogrom im Ort anzettelte: Sie demütigten jeden, der ihnen in die Hände kam, schnitten den Männern die Bärte ab, ritzten ihnen Tätowierungen in die Haut und Sterne auf die Stirn. Dann führten sie 28 Männer auf einen Platz. Sie erschossen sie zwar nicht – es waren ihnen schade um die Munition. Sie erstachen sie einfach mit Messern und Bajonetten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Spätherbst 1941 begannen die Rumänen mit der Vertreibung der Juden aus Bessarabien, der Nordbukowina und einigen Gebieten im Rumänien. Der Weg führte über den Dnjestr, über Mogilew-Podolsk und auch durch unseren Ort. Schlammstraßen und einsetzender Frost verwandelten den Fußweg für die Alten, Kinder und Kranken in einen wahren Höllenmarsch. Die Gendarmen, die die Kolonne begleiteten, kannten kein Erbarmen. Sie trieben die Menschen weiter, indem sie ihnen mit dem Gewehrkolben auf den Kopf schlugen, die Kranken und Zurückgebliebenen wurden erschossen oder sogar noch lebend vergraben. In unserem Ort machten sie eine Nacht Rast, früh am nächsten Morgen trieb man sie weiter. Wir gingen ihnen entgegen, nahmen ihnen das Gepäck ab. Ich bin Zeuge dieses schrecklichen Schauspiels: die ganze Landstraße von Mogilew-Podolsk bis zu uns – das sind zehn Kilometer – war übersät mit Dutzenden gefrorenen Leichen. Ohne Zweifel sind beim Weitermarsch noch mehr Menschen gestorben. Das ganze grauenvolle Ausmaß der Opfer unter den deportierten Juden kann man einem Bericht in Boris Zabarkos neuem Buch „Wir wollten leben …“ entnehmen. Symptomatisch erscheint in diesem Zusammenhang auch, dass der rumänische Gouverneur von Bessarabien im November 1941 öffentlich erklärte: „Die Judenfrage in Bessarabien ist gelöst!“ Gibt es hier einen Unterschied zur Lösung der Judenfrage durch die Deutschen?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Rumänen haben keine Massenerschießungen durchgeführt … Sie haben das Problem anders gelöst: Sie überließen die Juden einem langsamen, aber unausweichlichem Tod. Sie brauchten nicht einmal Geld für einen Zaun um das Ghetto auszugeben: Wohin hätten wir fliehen sollen? Wir wurden auch regelmäßig durchgezählt. Den Henkern hat einfach die Zeit nicht gereicht. Zu ihrem Ärger sind nicht alle Ghettobewohner rechtzeitig gestorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Alle Überlebenden haben ihre eigene Geschichte. Es ist nicht leicht, eine eindeutige Antwort auf die Frage zu geben, wie und warum ich im Ghetto überleben konnte. War es Glück, Schicksal? Vorsehung? Ich war zum Beispiel nicht dabei, als die Deutschen alle Juden des Ortes in die Synagoge trieben, wo sie zwei Tage ohne Wasser und Essen und in entsetzlicher Enge ausharrten und den Tod erwarteten. Die Benzinkanister standen schon bereit. Gott allein weiß, warum sie die Synagoge doch nicht angezündet haben. Stattdessen nahmen sie einige Männer aus der Gruppe mit, angeblich zum Arbeiten. Später haben wir erfahren, dass sie am Ortsrand erschossen wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich aber hatte mich intuitiv in der Schlucht versteckt. Ich, der Junge von vierzehn Jahren, begriff nichts, hatte keine Angst, und beobachtete neugierig, wie Tag und Nacht in einer nicht enden wollenden Reihe Soldaten und Rüstungsfahrzeuge durch unseren Ort zogen. Einmal machten rumänische Soldaten dort Mittagsrast und einer von ihnen, ein älterer Soldat, gab mir ein Stück Brot. Ich hoffte, das könnte mir noch einmal passieren. Aber einmal sah ich aus der Ferne eine Gruppe Rumänen näherkommen, der Vorderste schien mireinen Turban auf dem Kopf zu haben … Woher wusste ich intuitiv, dass ich weglaufen musste? Es waren die bereits erwähnten Henkersoldaten aus der „wilden“ Division, und ich hätte ihr erstes Opfer werden können …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;… Ende Sommer 1942. Alle Ghettobewohner mussten sich auf dem Platz versammeln. Wir wurden scheinbar mal wieder durchgezählt. Der Familienname wurde aufgerufen und man musste mit „Present!“ antworten und auf die andere Seite hinübergehen. Ich bemerkte, dass die Männer sich getrennt aufstellen mussten; auch ich kam zu den Männern (ich war fünfzehn, aber groß). Irgendetwas kam mir komisch vor, und so nutzte ich das Durcheinander und rannte hinter das Kaufhausgebäude am Ende des Platzes und lief davon. Damit entkam ich der Deportation ins Todeslager Petschora, aus dem niemand aus unserem Ort lebend wieder zurückgekommen ist. Wieder Intuition? Mein Bruder Chaim konnte übrigens aus der Kolonne fliehen, als sie schon am Bahnhof Mogilew-Podolsk angekommen waren …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und ein weiterer tragikomischer Vorfall. Auf der Suche nach einem Ort, wo ich mich während einer erneuten Durchsuchung verstecken konnte, gelangte ich zum schönen polnischen Friedhof, auf dem es viele Bäume, Fliederbüsche und offene Gruften gab. Ich war gerade in einer der Gruften, als ich Stimmen hörte. Ich sah hinaus und erblickte eine Gruppe rumänischer Offiziere (man erkannte sie an ihren überdimensionalen Mützen). Ich schaffte es gerade noch, mich im Gebüsch zu verstecken, aber vor der Gruft lag noch mein mitgebrachtes, in Papier eingewickeltes Brot. Am nächsten Tag hörte man überall im Ort: Auf dem polnischen Friedhof halten sich Partisanen versteckt! Alle Gruften mussten zugemauert werden, alle Bäume und Büsche wurden abgeholzt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meistens versteckten mein Bruder und ich uns in einem heimlichen Versteck in unserem Haus. Dieses Versteck lässt sich mit wenigen Worten nicht beschreiben. Es reicht zu sagen, dass der Zugang zu unserem Versteck über den Schornstein war. Mutter verdeckte die Luke mit Asche. Ich denke, in diesem Versteck hätte uns niemals jemand gefunden. Durch die Wand hörten wir, wie sie Mutter folterten, sie schlugen sie mit Stöcken und fragten: „Unde baieti?“ – „Wo sind die Jungen?“ Aber würde eine Mutter etwa ihre Kinder verraten?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dass ich dem Tode entronnen bin, dass ich überlebt habe, habe ich vor allem meiner Mutter zu verdanken. Dank ihres aufopfernden Heldenmuts und ihrer Umsicht sind wir nicht verhungert, erfroren oder am Typhus gestorben. Mutter ist nach all dem durchlebten Leid früh, im Alter von 55 Jahren, verstorben, aber als sie schon schwer krank war, erfüllte sich nochihr größter Traum: Sie konnte miterleben, wie ihr „Kleiner“, ihr Schuster-Sohn, das Medizinstudium mit dem roten Diplom abschloss. Ihre Liebe und ihren Segen fühle ich immer bei mir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Bruder Chaim ging gleich nach der Befreiung als Freiwilliger an die Front. Er brannte auf Rache an den Deutschen, und er bezahlte dafür mit dem Leben, gleich bei seinem ersten Kampf auf rumänischem Gebiet. Mein ältester Bruder Iser war bereits 1940 eingezogen worden, er hat den ganzen Krieg gekämpft, wurde zweimal verwundet. Mein Vater war vor dem Krieg während der Repressionen verhaftet und nach Tatarstan verschickt worden, dort wurde er dann entlassen und diente in einer administrativen Einheit. Er ist ein Jahr vor meiner Mutter gestorben, ebenfalls mit 55 Jahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Immer und immer wieder geht mir das alles durch den Kopf. Wie ich dem Deutschen – und damit dem Tod – entwischt bin, der eine Minute zuvor vor unserem Haus einen jungen Burschen erschossen hatte; wie ich vor einem Polizisten davongelaufen und gestürzt bin und mir dabei den rechten Arm ausgerenkt habe; wie ich von einer rumänischen Patrouille angehalten und in den Keller des Polizeireviers in Mogilew-Podolsk gesperrt wurde – und wieder freigelassen wurde. Das Gefühl der schrecklichen Anspannung, der ständigen Todesangst ist immer noch präsent.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ja, das Schicksal meinte es gut mit mir. Gott sei Dank dafür. Aber ich bin sicher, dass wir es nicht den Rumänen zu verdanken haben, dass wir überlebt haben; dass wir nicht am Leben geblieben sind, weil, sondern obwohl sie uns einen langsamen, aber sicheren Tod sterben ließen. Wenn man von Rumäniens Rolle im Holocaust spricht, darf man nicht vergessen, dass Rumänien aktiver Verbündeter von Nazi-Deutschland war und dass seine Truppen bis nach Stalingrad gekommen sind. Die Vormacht über Bessarabien und über das riesige Gebiet zwischen Dnjestr und Bug, einschließlich der Stadt Odessa, war ein Dankesgeschenk der Deutschen. Rumäniens Traum vom „Romania mare“, von einem judenfreien Großrumänien, ist nicht in Erfüllung gegangen. Als den Rumänen klar wurde, dass Hitlers Niederlage unausweichlich war, schickten sie zu Kriegsende einen Teil der vertriebenen Juden wieder zurück, und nach der Niederlage verkündeten sie ihren Übertritt zu den Alliierten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das rechtfertigt oder rehabilitiert aber in keinem Maße die Verbrecher gegenüber der Welt und den tausenden Toten. Viele europäische Staaten haben sich bei den Juden für die Mitschuld ihrer Bürger am Holocaust entschuldigt. Und Rumänien? Unsere Erinnerungen dürfen nicht der Vergessenheit anheimfallen. Ich hoffe, dassin Zukunft kompetente Historiker bei ihren Forschungen alle am jüdischen Genozid Beteiligten berücksichtigen werden, damit sich diese schreckliche Seite unserer Geschichte niemals wiederholen wird.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Boris (Benja) Schlain&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Doktor der Medizin, Überlebender des Ghettos in Osarinzy&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-mai-2013.php</link>
<pubDate>06 May 2013 21:02:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>344. Freitagsbrief (vom Januar 2010, Brief und Zeitungsartikel aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Saratow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anatolij Wasiljewitsch Satarow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Trotz all der Strapazen und Schmerzen, die ich durchmachen musste, bin ich doch 91 Jahre alt geworden. Mein Leben war nicht einfach, aber ich habe es geschafft, alle Schwierigkeiten zu bewältigen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf der Arbeit habe ich mich bis zum Direktor hochgearbeitet. Auf diesem Posten arbeitete ich 17 Jahre lang bis bis zur Rente. Der Betrieb, in dem ich gearbeitet habe, war neu gegründet worden und ich musste viel Energie in Aufbau und Entwicklung des Betriebs stecken. Vor 30 Jahren bin ich in Rente gegangen, aber meine Arbeitskollegen haben mich bis heute nicht vergessen. An Festtagen schicken sie mir Glückwünsche und Geschenke.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich lebe mittlerweile allein. Meine Frau, mit der ich 61 gemeinsame Jahre verbracht habe, ist am 15.7.2009 gestorben. Ich trauere sehr um sie. Ich habe mit ihr drei Söhne großgezogen. Der Älteste wird dieses Jahr 60 Jahre alt. Er ist Professor und Vizerektor eines Instituts. Die beiden anderen Söhne sind Zwillinge. Einer ist Abteilungsleiter in der Stadtverwaltung, der andere ist Oberst a. D. Sie führen ein gutes und interessantes Leben. Sie kümmern sich gut um mich, helfen mir sehr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Ihre Bitte hin schicke ich Ihnen einen Artikel aus unserer regionalen Zeitung mit. Dort sind die wichtigsten Ereignisse in meinem Leben beschrieben. Wenn Sie noch mehr wissen möchten, schreiben Sie mir bitte, ich werde Ihnen auf jeden Fall antworten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Alle Gute für Sie,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anatolij Wasiljewitsch Satarow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Artikel „Wir sind frei …“ in der Zeitung Saratowskije westi vom 7.5.2009 [gekürzt].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Krieg begann, war Anatolij Satarow Offiziersschüler an der Artillerieakademie in Moskau, wo er eine Ausbildung zum Techniker absolvierte. 1941 hatte er gerade das erste Studienjahr beendet, da wurde er eingezogen und sollte an die Front in der Gegend um Smolensk, wo die Deutschen gerade einen Angriff führten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Er kam als Leutnant im technischen Dienst zum 333. Artillerieregiment, 152. Schützendivision, 16. Armee. Unter den Angriffen der Deutschen mussten sich die sowjetischen Truppen immer weiter zurückziehen. Die 152. Schützendivision und weitere Divisionen wurden eingeschlossen. Bei einem der Gefechte wurde Anatolij Satarow am Kopf und am Bein verwundet und geriet deshalb in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener wurde er zuerst nach Deutschland gebracht, dann nach Belgien in die Stadt Zwartberg, wo er im Bergwerk arbeiten musste. Nach etwa einem halben Jahr in Belgien gelang ihm die Flucht aus der Gefangenschaft:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden jeden Tag unter Bewachung aus dem Lager zum Bergwerk gebracht. Dort gab es ein Gebäude, in dem wir uns umzogen, und von dort mussten wir noch ein kleines Stück gehen, das mit Stacheldraht umzäunt war. Auf diesem Weg entdeckte ich einen Durchschlupf: Zwischen den Brettern an beiden Seiten einer kleinen Brücke, über die wir gehen mussten, gab es einen Spalt. Außerdem kam mir auch der Zufall zu Hilfe. Wir arbeiteten dort mit belgischen Arbeitern zusammen. Einer von ihnen half mir, herauszufinden, wo die Partisanen waren und versprach, mir Karten zu beschaffen. Wenn wir uns für die Arbeit umzogen, mussten wir unsere warme Kleidung ausziehen und Leinenanzüge anziehen, also Jacken und Hosen. Auf der Jacke war die Aufschrift „SU“, also Sowjetunion […]. Natürlich war eine Flucht in dieser Kleidung schwierig. Aber was blieb mir anderes übrig? Mein belgischer Freund konnte mir nur eine Mütze bringen, mehr konnte er nicht für mich tun.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit meinen Fluchtgedanken war ich nicht alleine. Ein anderer russischer Gefangener fragte mich, ob er mit mir kommen könne. Er war ein großgewachsener, gesunder junger Mann, Funker. Von da an bereiteten wir zu Zweit die Flucht vor, die wir übrigens auf den 8. März angesetzt hatten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war zu der Zeit noch kalt. Deshalb zogen wir zwei Unterhemden unter unsere Anzüge […] an. Als wir aber zum Kontrollpunkt kamen, hatten wir Pech – die Deutschen fingen an, die Gefangenen auf Läuse hin zu untersuchen. Das bedeutete, dass sie an unserer Kleidung natürlich erkennen würden, dass wir fliehen wollten. Aber das Schicksal meinte es gut mit uns – die Prüfer wurden abkommandiert und wir entgingen der „Läuse-Prüfung“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Weiter war alles nur eine Sache von Belastbarkeit und Schnelligkeit: wir schlüpften hinter den Rücken der anderen schnell durch den Bretterspalt auf der Brücke und verließen dann die bewachte Zone.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Natürlich wurden wir bemerkt, denn einige Belgier kamen uns entgegen. Aber die Belgier sympathisierten mit uns Russen, deshalb taten sie so, als bemerkten sie weder unsere spezifische Kleidung noch wie entkräftet und seltsam wir aussahen. Also gingen wir einfach weiter. Endlich kamen wir aus dem Gebäude, in dem wir arbeiteten, heraus und erreichten das Bergwerksgelände. Nun mussten wir nur noch den Zaun überwinden – dann waren wir in der Freiheit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu den Partisanen stießen wir nicht sofort. Wir befanden uns im Norden des Landes, die Partisanen aber waren im Süden. Belgien ist zwar ein kleines Land, aber uns stand eine gewisse Strecke bevor. Um nicht bemerkt zu werden, marschierten wir in der Nacht. Wir schliefen auf der Erde, und es war immer schwierig, einen passenden Platz zum Schlafen zu finden, da die Wälder dort sehr licht und gut einsehbar sind. Außerdem war es kalt, schließlich war es erst März und es lag noch Schnee. Wir hatten ein paar kleine Stücke Brot mitgenommen sowie Seife, die wir bei den Leuten gegen Lebensmittel tauschen wollten. Das war unsere bescheidene Wegration. Aber ein Gedanke erfüllte uns mit Glück: Wir waren frei.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach einigen Tagen Marsch begannen unsere Kräfte nachzulassen. Doch da kam uns wieder ein glücklicher Zufall zu Hilfe: wir trafen einen Mann, der uns half, die Partisanen zu finden. Er half uns, nach Liege zu gelangen, und von dort zeigte man uns den Weg zur Partisaneneinheit der 'Unabhängigen Front des Belgischen Widerstands'.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Einheit bestand aus 35 Personen, unter ihnen waren nur vier Russen, mich eingeschlossen. Wir kampierten im Wald, dabei änderten wir sehr oft unseren Standort. Es gab im Prinzip keine Unterkünfte, wir mussten wieder auf der Erde schlafen. Dafür hatten wir jetzt aber warme Kleidung. Zur Fortbewegung benutzen wir Fahrräder. Die Einheit hatte nur ein Auto, das hatten sie von den Deutschen geklaut. Das größte Problem waren die Waffen, es gab einfach zu wenig. Deshalb überfielen wir Polizeireviere, die wenig bewacht waren, und holten uns dort Waffen. Außerdem sprengten wir eine Eisenbahnlinie, auf der deutsche Züge fuhren und überfielen kleine Gruppen von Deutschen, nahmen Beobachtungsposten ein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei einem Einsatz wurde mein Freund verwundet. Wir brachten ihn zurück ins Lager und wollten ihn dann ins Lazarett bringen. Das Lazarett befand sich aber in der Stadt, wo die Deutschen waren. Da machten wir aus unserem einzigen Auto ein deutsches, wir brachten ein Hakenkreuz an und fuhren dann damit durch die ganze Stadt zum Krankenhaus. Niemand bemerkte uns. Mein Freund lag dann drei Tage im Krankenhaus und wurde wieder gesund. Die belgischen Ärzte wussten natürlich, wer wir waren, aber sie verrieten uns nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Schlimmste in diesen vier Kriegsjahren war für mich die Zeit an der Front, als alle meine Kameraden umgekommen sind. Außerdem die Fahrt von Deutschland nach Belgien, als ich noch Kriegsgefangener war. Wir wurden in Güterwaggons gepfercht, bekamen weder Essen noch Trinken. Einmal wurde an einer Bahnstation die Wachmannschaft ausgetauscht. Zu unserem Glück regnete es, und auf der Erde sammelte sich Regenwasser in den Rinnen. Jemand kam auf die Idee, mit einer Konservendose Wasser abzuschöpfen, was aber nicht klappte, da die Dose zu leicht war und nicht untertauchte. Da fand sich ein „warmherziger“ deutscher Wachmann, der mit seinem Stiefel die Dose unter Wasser drückte. So bekamen wir jeder ein bis zwei Schluck von diesem Wasser ab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Mai 1945 erfuhren wir vom Sieg und machten uns auf den Weg zur Repatriierung. Nach dem 9. Mai wurden wir auf deutsches Gebiet gebracht und im Juni 1945 dem sowjetischen Wehrkommando übergeben. Vor der Rückkehr nach Hause wurden wir mehrere Monate lang genau überprüft. Aber da wir Papiere, Waffen und sogar Banner hatten, durchliefen wir die Überprüfung ohne große Probleme.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Trotzdem hatte ich in den Jahren danach manchmal darunter zu leiden, in Gefangenschaft gewesen zu sein. Ich kehrte nach Saratow zurück und versuchte, eine Arbeit zu finden. Als ehemaliger Kriegsgefangener wollte mich aber keiner nehmen. Auch in die Partei konnte ich lange Zeit nicht eintreten. Aber irgendwie habe ich auch diesen Lebensabschnitt gut überstanden. Ich fand eine Arbeit im Heizkraftwerk und arbeitete dort mehr als 15 Jahre. Erst war ich einfacher Techniker, später wurde ich Werksleiter. Noch später wurde ich zum Leiter des Messlabors ernannt, dann sogar zum Leiter des ganzen Werks. […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(In der Regel veröffentlichen die russischen Medien nur jene Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener, in denen Flucht und Widerstand dominieren. E. Radczuweit)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_344.php</link>
<pubDate>03 May 2013 06:05:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Vier Tage Armenien – zwei Projekte</title>
<description>&lt;p&gt;(April 2013) Vom 22. bis 25. April war Eberhard Radczuweit in Armenien, hier sein Kurzbericht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Finanzierung meines Aufenthalts war möglich dank der Zuwendung des Jerewaner Bürgermeisters auf Antrag unseres Partners Mels Margarjan.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Montag, Besuch im Vereinsraum unserer armenischen Partnerorganisation, des Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges. Von den über hundert noch lebenden Vereinsmitgliedern hatten nur noch wenige die Kraft, zu meiner Begrüßung dorthin zu kommen. Herr Wram Lorezjan schenkte mir sein Büchlein mit Gedichten über Shakespeare. Herr Walarsch Gasparjan gab mir seine Schriften zu Goethe. Ein Fläschchen Kognak reichte für Trinksprüche rings um den Tisch. Es war ein anrührendes Meeting, bei dem unsere jüngste Spendenüberweisung ausgezahlt wurde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachmittags hielt ich in der Historischen Fakultät der Jerewaner Staatsuniversität einen Vortrag über „Nationale Erinnerungskultur in einer globalisierten Welt“. Der Dekan und etwa 100 Studierende waren interessiert und es gab eine gute Diskussion.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danach besuchten wir Herrn Hrant Nazaretjan, mit dem vor 10 Jahren unsere Partnerschaft mit der armenischen Organisation ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener begann. Er bekundete, dass unsere Partnerschaft das zentrale Ereignis seiner letzten Lebensjahre wäre.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dienstag, Besuch im Hämatologischen Zentrum des Jerewaner Universitätsklinikums. Es besteht die Absicht, das armenische Zentrum in die multizentrische Studiengruppe des „Moskau-Berlin-Protokolls“ einzubeziehen, nachdem die leukämiekranken Kinder (ALL) des Zentrums in der Moskauer MB-Studienzentrale registriert worden sind. Der Direktor Prof. Dr. Smbat Daghbashjan führte mich durch die Station. Zu meinem Besuch hatten einige Patienten deutsche Volkslieder einstudiert, die sie zu meiner Verblüffung vortrugen. Nach der Registrierung wollen mehrere Ärztinnen Deutschkurse belegen als Voraussetzung für Hospitationen an der Berliner Charité. (Wir müssten uns um Stipendien kümmern.) Um ihre ALL-Patienten nach dem MB-Protokoll therapieren zu können, fehlen bestimmte Medikamente (PEC-Asparaginase). Ich versprach Unterstützung. Es ist ein wunderbar engagiertes Ärztinnen-Team, das dort zu Hungerlöhnen arbeitet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachmittags legte ich Blumen nieder am Grab des zwei Tage vor meiner Ankunft verstorbenen 102jährigen Mamikon Apresjan, dem ich beim letzten Armenienaufenthalt versprochen hatte, ihn zum 100. Geburtstag zu besuchen. Ich entschuldigte mich bei seinen Söhnen für mein Fernbleiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einer der Söhne lud mich zum Gastmahl bei seiner Familie ein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mittwoch, Teilnahme an der Demonstration zum 98. Jahrestag des Genozids am armenischen Volk. Von morgens bis in die Nacht dauert der Zug der Armenier zum Genozid-Denkmal Zizernekabard. Ich gab auf dem Hügel mit dem Denkmalkomplex zwei Fernsehinterviews.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Donnerstag, Einladung zur Medienkonferenz, vier Fernsehsender, mehrere Rundfunksender und etwa ein Dutzend Journalisten: Ich sprach zum Genozid und der deutschen Mitverantwortung. (Das Deutsche Kaiserreich verweigerte gegenüber dem Verbündeten im Ersten Weltkrieg die Intervention zugunsten der Armenier im Osmanischen Reich.) In der Diskussion nannte ich die wachsende türkische Opposition gegen die Verweigerungshaltung der türkischen Regierung und empfahl mehr Kontakte zwischen den Zivilgesellschaften der Türkei und Armeniens. Türkische Verbände in Berlin sollten von uns zum Dialog ermuntert werden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den vier Tagen besuchten wir – Prof. Dr. Aschot Hayruni, Mels Margarjan und dessen Sohn Hakob – mehrere bettlägerige ehemalige Kriegsgefangene, denen Geldspenden übergeben wurden. Diese Menschen leben in absoluter Armut und wir werden sie bis zum Lebensende unterstützen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke allen armenischen Gastgebern, die mich bei anregenden Gesprächen und festlichen Mahlzeiten in den Kreis ihrer Familien einluden!&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/buergerengagement/reisebericht-armenien-april-2013.php</link>
<pubDate>29 Apr 2013 14:36:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>343. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Erhard Kummer; Hervorhebungen im Original)</title>
<description>&lt;p&gt;Sergej Jakowlewitsch Poddubnyj&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Woronesh.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Geboren wurde ich am 5. Juli 1915 im Vorwerk Naroshin im Gouvernement Woronesh in einer kinderreichen Bauernfamilie. Die Bevölkerung in unserem Kreis sind ethnische Ukrainer. Nach der Revolution und dem Zerfall des russischen Reichs lebten wir in sehr ärmlichen Verhältnissen. Von Repressionen während der Kollektivierung der Landwirtschaft waren wir nicht betroffen. Zur Schule ging ich zu Fuß ins benachbarte größere Dorf Barsutsche (das ist jetzt im Gebiet Belgorod). Ich lernte gut und nach der Schule wurde ich aufgenommen in die Pädagogische Lehranstalt Rossoschansk, die ich 1938 beendete. Ich wurde in das Dorf Loznaja zur Arbeit verpflichtet, das gehört jetzt zum Bezirk Rowensk im Gebiet Belgorod (das Gebiet ist erst 1954 gebildet worden). Ich begann meine Tätigkeit als Lehrer, wurde aber bereits nach wenigen Monaten zum Direktor dieser Schule berufen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Laufbahn wurde unterbrochen durch die Einberufung zur Roten Armee im Herbst 1939. Den Dienst leistete ich im Militärbezirk Nordkaukasus, ich wurde ausgebildet in mehreren Spezialeinrichtungen. Im zweiten Dienstjahr kam ich zur Artillerie, war Kommandeur eines Flugabwehrgeschützes. Ich wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. Zu Beginn des Krieges ab 9. Juli 1941 war ich an der Front im Einsatz. Jetzt, im Abstand der Lebensjahre bin ich der Meinung, dass der Krieg entgegen dem Willen des deutschen Volkes begann. Er wurde entfesselt durch die Nazipartei und deren Führer Hitler. Der Krieg forderte unermessliches Leid und Opfer nicht nur von meiner Heimat der UdSSR, sondern auch vom deutschen Volk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der überraschende Überfall auf unsere Heimat brachte uns in unermessliche Schwierigkeiten, sodass wir gezwungen waren, unter großen Verlusten zurückzuweichen. Jedoch ungeachtet aller Belastungen durch den Krieg glaubten wir an unseren Sieg. In den ersten drei Kriegsmonaten wurde ich zwei Mal verwundet. Erstmals im Oktober 1941. Auf unsere Positionen flogen 67 Bomber. Als Kommandeur eines Flugabwehrgeschützes habe ich meine Mitkämpfer nicht im Stich gelassen und die Beinwunde verbunden. Wir haben dann 9 Flugzeuge abgeschossen. Für diesen Kampf wurden drei Soldaten unserer Batterie, darunter ich, für eine Auszeichnung vorgeschlagen. Aber niemandem war es vergönnt, diese Auszeichnung in Empfang zu nehmen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei Wjasma und Je'nja wurden unsere Streitkräfte eingekesselt. Ich war am rechten Arm verwundet worden. Mein Parteimitgliedsbuch vergrub ich im Wald, da ichmir denken konnte, was uns so drohte. Am 10. Oktober 1941 geriet ich wie Tausende weiterer Rotarmisten in Kriegsgefangenschaft. Für mich war das eine meiner schwersten Prüfungen auch im Hinblick auf meinen moralischen zustand. Ich kam wie viele Tausende Kriegsgefangener auch in ein Lager in der Nähe der Stadt Mogiljow (Weißrussland) [Stalag 341]. Das Lagerregime war äußerst hart, unmenschlich, ausgerichtet auf die Vernichtung der Gefangenen. Viele der Bewacher waren rekrutiert aus der örtlichen Bevölkerung. Ich habe jegliche Zusammenarbeit abgelehnt. Ich erhielt zwei Mal Prügelstrafe mit der Folge eines Schädeltraumas.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1942 wurde ich lungenkrank und hatte Magengeschwüre. Der verwundete Arm wurde natürlich nicht medizinisch versorgt und so ist er am Ellenbogen nicht ordentlich zusammen gewachsen. Seit dieser Zeit kann ich ihn nicht beugen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung wurde ich somit nicht als Kriegsinvalide anerkannt (es gibt keine Unterlagen über die Verwundung) Und wer hätte das bescheinigen sollen? So ist eben unser System.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Damals im Konzentrationslager Mogiljow [Stalag] kamen Tausende Kriegsgefangene ums Leben. Als der Winter kam, wurden jeden Morgen Dutzende, ja Hunderte erfrorener Menschen aus dem Lager gebracht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ende März 1942 wurde ich mit anderen unglücklichen Gefangenen nach Litauen verlegt, – zunächst nach Kaunas [Stalag 336], danach nach Wilna [Stalag 340]. Verwundungen, Erkältungen und Folgekrankheiten quälten mich weiter. Danach wurden wir direkt nach Deutschland überführt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Gerechtigkeit halber sei hier gesagt – hier war es schon nicht mehr ein ganz so hartes Regime. Als Aufseher fungierten nicht Faschisten, sondern einfache Leute, darunter auch ältere deutsche Soldaten, die Mitleid mit uns Gefangenen hatten. Zu dieser Zeit verstärkte sich meine Lungenkrankheit – ich hatte TBC. Man schickte mich in eine medizinische Einrichtung. Dort wurde ich gewogen. Ich wog noch 42 kg anstatt 72 in Friedenszeiten. Die Ärzte meinten, es gäbe Hoffnung auf Heilung, weil die Krankheit nicht vererbt worden sei, sondern Folge der Prügel und Erkältungen. Man kurierte auch meine erkälteten Nieren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich glaube, dass diese Mediziner Vertreter des besten Teils des deutschen Volks waren. Die Medikamente und die etwas bessere Ernährung zeitigten Wirkung und natürlich spielte auch die Jugend ihre Rolle. In Deutschland war ich im Lager Lingenslaz [Bad Stalag IX C Bad Sulza?], im Lazarett in Eisenach hielt ich mich zwei Wochen auf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Frühjahr 1945 begann man, uns weiter in Richtung Westen zu treiben, d.h. weiter weg von der Roten Armee. Bewacht wurden wir von älteren und ganz jungen Begleitposten. Auf dem Weg gelangten wir auch in irgendein Dorf. Ich erinnere mich einer guten Frau, die mich nach Hause einlud und Essen anbot.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr Bauernhof erinnerte mich an meine Heimat. Im Schuppen saß eine Henne mit Küken; es brannte eine elektrische Lampe, an der sich Küken wärmten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Interessant ist im Nachhinein, dass meine künftige Schwiegermutter aus dem Dorf Jerjomowka und die älteren Geschwister meiner künftigen Ehefrau gleichfalls Gefangene der feindlichen Armee beköstigten und mit ihnen fühlten. Und diese bedankten sich und sagten „Hitler kaputt“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber damals, im Frühjahr 1945 dachte ich noch nicht an Heirat. Es war noch nicht klar, was mit uns im Weiteren würde. Mitte April (der Tag bleibt mir in Erinnerung) sahen wir, dass unsere Wachen wegliefen und sich Zivilkleidung anzogen. Danach erblickten wir einen amerikanischen leichten Panzer. Die Amerikaner sagten uns, wir seien frei und könnten hingehen, wohin wir wollen – entweder weiter Richtung Westen oder zurück. Viele kehrten zurück in die sowjetische Besatzungszone.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde beauftragt, eine Liste aufzustellen. Ich vermerkte die Personaldaten, Wohnort und freute mich, Landsleute zu treffen. Die Filtration verlief normal; nicht alle Geheimdienstler waren Stalinisten. Erst später habe ich erfahren, dass sich Stalin zu den Kriegsgefangenen (aber deren waren fast 5 Millionen) äußerte: „Wir haben keine Gefangenen – wir haben Verräter!“ Im Ergebnis wechselten viele Gefangene von dem einen Lager ins andere – ins sowjetische.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kehrte in die Heimat zurück im August 1945. Meine ältere Schwester stillte gerade ihre Tochter und ließ sie aus Überraschung beinahe zu Boden fallen; sie hatten geglaubt, ich sei gefallen. Aber ich habe überlebt – man kann sagen, wie durch ein Wunder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Rowenka ging ich zur Abteilung für Bildung, um eine Arbeit in meinem Fach zu erhalten. In Loznoj war aber der Arbeitsplatz schon vergeben und so schlug man mir eine Tätigkeit in der Schule im Dorf Jerjomowka vor. Das war zwar keine leitende Tätigkeit, denn man war etwas voreingenommen gegenüber ehemaligen Kriegsgefangenen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Jerjomowka lernte ich die junge Lehrerin Anna (die ukrainische Variante dieses Manens ist Njura) kennen – ein sehr hübsches Mädchen aus einer von Repressalien betroffenen enteigneten Bauernfamilie. (Ihr Vater wurde 1937 erschossen). Anna wurde vor der Verbannung durch ihre ältere Schwester und deren Ehemann Nikolai bewahrt. Nikolai ist im Krieg gefallen. In der Familie verblieben nur Frauen. So begann unser gemeinsames leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1947 wurde unser Sohn Sascha geboren, er lebte jedoch nicht lange und starb 1948. Man bot mir eine Stelle als Schuldirektor im Dorf Bersutsche an. Ich und meine Frau willigten in den Umzug ein. Dort wurden Anfang der 50er Jahre unsere Mädchen Alexandra und Olga geboren … Zunächst wohnten wir im Gebäude der Schule, dann kauften wir ein kleines Haus. Anna Matwejewna unterrichtete russische Sprache und Literatur, ich unterrichtete Geschichte und Deutsch. Wir absolvierten ein Fernstudium. Annas Mutter, Marfa Iwanowna half bei der Kinderbetreuung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einem Parteilosen, noch dazu ehemaligem Kriegsgefangenem gegenüber brachte die Obrigkeit des Kreises nicht allzu viel Vertrauen entgegen. Leitungsfunktionen wurden vergeben, kam jedoch einer mit Parteidokument, wurde man abberufen. Meine berufliche Laufbahn beendete ich als Lehrer 1975. Jetzt lebe ich mit meiner Frau in der Stadt Rossosch, mit der uns sowohl glückliche Jahre unseres Lebens als auch tragische Seiten der Geschichte unserer Familie verbinden. Denn in dieser Stadt wurde am 31. August 1937 Annas Vater Lemeschko Matwej Dmirtijewitsch erschossen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1989 wurde er rehabilitiert und 1996 erhielten wir darüber entsprechende Dokumente und eine kleine Entschädigung. Meine Schwiegermutter Marfa Iwanowna Lemeschko starb 1969 und hat so nichts vom weiteren Schicksal ihres Mannes erfahren. …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Stadt Rossosch lebt auch unsere jüngere Tochter Olga. Deren Söhne Alexej und Sergej haben Männerberufe gewählt, sie dienen der Heimat. Ich und meine Frau überleben dank unserer Kinder und Enkel. Unterstützt werden wir auch von Ärzten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Besonderen Dank möchte ich zum Ausdruck bringen gegenüber Ihrer Gesellschaft „KONTAKTE“ – nicht nur für die materielle Hilfe sondern für das Gedenken an die Vergangenheit, die sich niemals wiederholen darf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Möglicherweise sind meine Erinnerungen ein kleiner Beitrag zum Erhalt des Geschichtsbewusstseins unserer Völker.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll Sergej Jakowlewitsch Poddubnyj.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Die Erinnerungen Papas wurden auf dem Computer geschrieben von Alexandra.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_343.php</link>
<pubDate>26 Apr 2013 20:02:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>342. Freitagsbrief (vom August 2005)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Saporoshje&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwan Afanasjewitsch Sarizkij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen, dem Vorstand des Vereins Kontakte-Kontakty, von Herzen für die erwiesene Aufmerksamkeit, für Humanismus und Güte, für die Arbeit, die Sie zu Ehren der ums Leben gekommenen und wenigen noch lebenden, ehemaligen Kriegsgefangenen leisten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ja, die erschütternden Kriegsjahre 1941–45 waren eine Zeit unzähliger Leiden, Verwundungen, Tötungen, Krankheiten und Demütigungen. Dieser Krieg zerstörte das Leben vieler Millionen Menschen und Familien. Gebe Gott, dass so etwas in Zukunft nie wieder passiert!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier ein kurzer Exkurs in meine Vergangenheit: In diesem Jahr feiere ich meinen 84. Geburtstag. Wie alle jungen Leute des zwanzigsten Jahrhunderts war ich bestrebt, etwas aus meinem Leben zu machen: Ich lernte und arbeitete, wurde Elektromonteur und studierte an einer technischen Abendhochschule. Im Februar 1941, im dritten Studienjahr, wurde ich in die Sowjetarmee einberufen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Krieg begann für mich im Baltikum, wo ich meinen Armeedienst leistete. Unter dem Ansturm der hochgerüsteten, übermächtigen Wehrmacht trat ich kämpfend mit meinem Artillerieregiment über die Drissa und die Städte Polozk, Witebsk, Newel, Welikije Luki und Wyssokopolje den Rückzug an. Mehrmals wurden wir von SS-Panzerverbänden umzingelt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei einer dieser Umzingelungen wurde ich am Bein verletzt und erlitt eine schwere Kopfprellung. Während des Ausbruchs aus der Umzingelung in der zweiten Septemberhälfte 1941 wurde ich gefangen genommen. Für alle Soldaten in einem Krieg sind Tod, schwere Verletzung und Gefangennahme normale Begleiter. Doch in diesem Krieg kamen für unsere Generation neben Kriegsgefangenenlager, Arbeitslager, Stalags noch besonders schreckliche Massenvernichtungslager, sog. Konzentrationslager mit Krematorium hinzu, über deren Betrieb viel geschrieben wurde. Gott hat mich verschont und nicht zugelassen, dass ich in eines dieser Lager kam!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den ersten Tagen der Gefangenschaft hielten SS-Kampfeinheiten [Wehrmacht?] uns (ungefähr 1000 Mann) in einer tiefen Talsenke mit einem kleinen Bach und Sträuchern fest. Die Talsenke war mehrreihig mit Stacheldraht eingezäunt (obgleich nicht zu erwarten war, dass die Verletzten fliehen würden). Es setzte Platzregen ein, Schneefall, leichter Frost. Nirgendwo konnte man unterkriechen. Alle, die noch etwas Lebenskraft in sich hatten, begannen, mit Händen, Steinen oder Ästen Höhlen für jeweils zwei bis drei Mann in die Hänge dieser Talsenke zu graben. Nach zwei, drei Tagen krochen alle entkräftet in diese Höhlen. Es gab neun Tage lang außer Brot-, Zwieback- und Konzentratkrümeln in unseren Taschen nichts zu essen. Am zehnten Tag brachten die Deutschen zwei magere Pferde, deren Haut mit großen, eiternden Pusteln übersät war. Der Kommandant erschoss die beiden Pferde mit seiner Pistole und wählte fünf Männer aus der Menge aus, damit sie die Pferde zerlegten. Dies waren hauptsächlich Tataren. Die Männer zerlegten die Pferde in kleine Stücke und gaben dann unter strenger Bewachung jeweils zwei Stückchen Pferdefleisch aus. Die Asiaten (Tataren, Mongolen, Tscherkessen) stürzten sich sofort auf das Fleisch, um es in Konservendosen zu kochen, während die Orthodoxen, die nicht an solche „Leckerbissen“ gewöhnt waren, sich zurückhielten. Ja, womit hätten sie auch kochen sollen, es gab kein Brennmaterial und kein Wasser.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach zwei, drei Tagen wurde Suppe aus unbehandelter Hirse herangekarrt und verteilt. Diejenigen, die sich ungeduldig auf diese Suppe stürzten, liefen kurz darauf zum Abortgraben, an dessen Längsseite sich Sitze aus gefällten Baumstämmen befanden. Die Sitze blieben für immer mit den leblosen Körpern dieser ungefähr 300 Männer besetzt. Ich überlebte hier und an den anderen Orten nur deshalb, weil ich geduldig war. Denn sowohl zu Hause als auch in der Schule war ich, ein Halbwaise, unterernährt gewesen; ich erhielt damals achtzehn Monate lang ein Stipendium in Höhe von 29,50 Rubel pro Monat, das 30–31 Tage reichen musste. Wenn ein [deutscher] Soldat eine fast leere Konservendose wegwarf, stürzten sich 50–60 Männer wie Hunde auf diesen „Leckerbissen“, während die Deutschen lachten und diese „lustige“ Szene fotografierten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dieser unheilvollen Talsenke trieb man uns und andere Gefangene nach Welikije Luki [Stalag 100?] und sperrte uns, nass wie wir waren, in steinerne, dachlose Gebäude mit Zementboden. (Die von der Sowjetarmee gehaltene Stadt Welikije Luki fiel mehrmals in deutsche Hände.) Ich versuchte, mich nicht auf den feuchten, kalten Boden zu legen oder zu setzen, um bloß nicht krank zu werden!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Tagesablauf war hart: mehrmals täglich Antreten, dazu Prügel und Erschießung der Zurückgebliebenen, Schwachen und Krüppel. Dies passierte auch auf dem Marsch: Diejenigen, die schwach waren und zurückblieben, wurden ohne jegliches Mitleid erschossen oder mit riesigen Schäferhunden gejagt. (Ich hasse bis auf den heutigen Tag alle Haushunde.)&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann Antreten, Abmarsch zur Eisenbahnstation, Verladung in geschlossene Güterzüge, Ankunft im KZ Resekne[Stalag 347 Rossitten/Lettland] im frostigen Winter. Die Kälte drang ringsum durch Mauerritzen in die Baracken. In der Mitte standen drei Fässer, in denen billige Kohle brannte. Wiederum Antreten, Durchzählen, mehrmals täglich. Jedes Mal setzte es Schläge mit dem Sturm- oder Maschinengewehrkolben oder mit einem dicken Astknüppel (dies erledigte die aus unseren Reihen rekrutierte Polizaj) und fielen Schüsse. Anschließend schaffte man die Getöteten und Verwundeten fort.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Verpflegung: Dreimal täglich gab es etwas zu essen. Morgens Tee (kochendes Wasser) + 100 g Ersatzbrot; mittags 0,5 l Balanda (Suppe) aus ungewaschenen Kartoffelschalen oder Steckrüben; abends noch einmal 0,5 l kochendes Wasser. Jeden Tag musste ein (aus Kameraden zusammengesetzter) Beerdigungstrupp 140–180 Tote auf Karren in eine tiefe Schlucht befördern. Es kam vor, dass man sich abends mit seinem Pritschennachbarn unterhielt und morgens nicht wissen konnte, ob er noch lebte oder nicht: Der Uniformmantel bewegte sich, doch die anderen Nachbarn erklärten ihn bereits für tot. Was den Mantelstoff in Bewegung versetzte, waren Läuse, die es in Unmengen gab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kam auf die Krankenstube (meine Wunden begannen aufzubrechen), kehrte aber nach ein paar Tagen in die Baracke zurück, da es dort nur die halbe Verpflegungsration gab. Einige Kranke wurden noch lebend aus der Krankenstube getragen. Sie schrien „Doktor, ich lebe, lassen Sie mich hier!“ Die Männer des Beerdigungstrupps waren wohlgenährt und großmäulig – genauso wie die (aus unserer Mitte rekrutierte) Polizaj; sie erhielten von den Deutschen doppelt soviel zu essen. Aus den Kleidern der Toten klaubten sie Brot, Tabak, Uhren und anderes. Auch einen Marktplatz gab es.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im März 1942 hieß es erneut Antreten, Durchzählen, Abmarsch zur Verladung in einen Massentransportzug, der uns nach Daugavpils [Stalag 340 Dünaburg/Lettland] brachte. Auf dem breiten Torbogen stand geschrieben: „Du für mich, ich für dich!“ – so lauteten die Begrüßungsworte. Ich habe solche Aufschriften später noch in anderen Lagern, Stalags und Arbeitskommandos gesehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier in Daugavpils bemühte ich mich, in ein Arbeitskommando zu kommen, das aus bis zu 50 Mann bestand. Egal, was für eine Arbeit zu leisten ist, die Zeit vergeht dann schneller, und vielleicht steckt mir irgendjemand ein kleines Bündel mit Kartoffeln oder Brot oder Kohl oder roten Rüben heimlich zu.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ende 1942 (im Dezember) begannen die Deutschen, den Ukrainern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dolmetscher aus der Westukraine und Deutsche aus dem Wolgagebiet prüften anhand vieler Wörter unsere ukrainischen Sprachkenntnisse. Ich bin Ukrainer, und so kam ich tatsächlich in ein Arbeitskommando auf Dauer und lebte in einer gesonderten Baracke. Wir erhielten unterschiedliche Aufgaben und waren tagsüber jungen Offizieren als Offiziersburschen zugeteilt (abends ging es zurück in die Baracke).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bemühte mich, alles zu tun, damit Oberleutnant Paul zufrieden war. Er aber suchte ständig nach einem Grund, mich zu demütigen: Nach dem Toilettengang hieß er mich die Kacke, die er im Klosettbecken angehäuft hatte, wegzuspülen. Ich musste drei- bis viermal den Spülhebel betätigen und danach das Becken noch von Hand säubern. Ich hielt es nicht aus und bat um eine andere Arbeit. Als Obergefreiter Hans mich abholen kam, stieß Paul mehrmals mit dem Fuß und Knie in mein Gesäß. Sie schafften mich zurück in die Baracke und schickten mich nach einer arbeitsfreien Woche, o Wunder, in die Waschküche.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach ungefähr fünfzehn Tagen kam ich zu einem Arbeitskommando, das aus 100 mit „SU“ gekennzeichneten Ukrainern bestand. Dort teilte man uns Kraftfahrern, die Gasgeneratorwagen der französischen Marke Citroën fuhren, als Helfer zu. Man brachte uns bei, Brennholz zu Holzklötzchen zu zersägen (wenn es kein fertiges Material gab), die Gasgeneratoren damit zu beschicken und zu erhitzen, die Brennbarkeit des Gases zu prüfen und dem Kraftfahrer die Betriebsbereitschaft des Gasgenerators und des Wagens zu melden. Die Verpflegung wurde besser, ebenso das Verhalten der Deutschen uns gegenüber. Wir mussten die Kraftfahrzeuge intakt halten, anderenfalls drohte die Rückkehr ins Konzentrationslager [Stalag]. Manchmal rückte ein gut gelaunter Kraftfahrer einen Zigarettenstummel heraus!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mehrmals wechselten wir die Kolonne, möglicherweise auch das Regiment. Im Februar 1945 befand sich unsere Kraftfahrzeugkolonne in dem Dorf Bonin. 20 Mann wurden aus dem SU-Gefangenentrupp herausgerufen und auf eine abgedeckte Fahrzeugpritsche gesetzt. Auf den beiden anderen Wagen fuhren Deutsche: Unteroffiziere, Feldwebel, Stabsfeldwebel usw. In Schivelbein [Westpommern. Polnischer Name: S'widwin] erhielten wir mehrere neue Wagen mit Ottomotor. Auf den Straßen von Schivelbein sowie auf der Landstraße nach Bonin lagen Schneewehen. Durch Anschieben brachten wir einen Wagen nach dem anderen durch die Schneeverwehungen. Dabei halfen uns die Deutschen. […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Natürlich gab es auch Deutsche, die uns nicht schätzten. Sie belegten uns in einem Ausbruch des Zorns mit Schimpfwörtern wie „Schweine“ und schlugen uns mit Gewehrkolben auf den Rücken und möglichst auf den Kopf. Es gab aber auch viele, die sich normal verhielten: Frank, Franz, Helmut, Johann, Hans, Paul, Friedrich usw.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn das noch warme Brot zu den Soldaten gebracht wurde, gaben sie uns die Reste der zerdrückten Brotlaibe. In jedem Volk (Deutsche, Russen, Ukrainer usw.) gibt es einerseits gute Menschen und andererseits egoistische, ehrgeizige und unbeherrschte Menschen. Ich verzeihe ihnen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Grausam behandelte uns die Wachmannschaft, als der Krieg nach Deutschland kam. Bei dem kleinsten Vergehen durfte sie den Betreffenden ins Konzentrationslager [Stalag] zurückschicken! In der ganzen Zeit kamen wir SU-Gefangene niemals in die Nähe der Front. Der Rückzug der deutschen Truppen erfolgte über Königsberg und Stralsund (an manche Städte erinnere ich mich nicht mehr) – die Ostseeküste – die Gegend um Rostock, Schwerin, Bad Kleinen usw.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bemerkte auf den Kotflügeln der Kraftfahrzeuge die Nummer 630. Auf meine Frage hin erklärte mir ein Deutscher, dass es sich um die Regimentsnummer handelt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Kameraden und ich wurden von amerikanischen Truppen zwischen dem 20. und 25. April 1945 aus einem Kriegsgefangenenlager einer Kleinstadt in Westdeutschland befreit. An den Ortsnamen erinnere ich mich nicht genau: Baden oder Seebaden [?]. Damals spielte der Name einer Stadt angesichts unserer Freude über die Befreiung keine Rolle.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den ersten Tagen waren wir bei den amerikanischen Soldaten willkommen. Dann begannen sie, die Tore und Pforten nicht nur zur Nachtzeit, sondern auch am Tage zu schließen. Eines Tages kam ein sowjetischer Major (an dessen Name ich mich nicht erinnere) auf einem Motorrad mit Beiwagen angefahren. Er sprach uns an: „Wer möchte, kann in unsere Zone kommen.“ Wir, ungefähr 15 Mann, fanden zwei weitgehend intakte Lastkraftwagen und fuhren dem Motorrad des Majors hinterher.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der sowjetischen Zone unterzogen sie uns einer einwöchigen Überprüfung und schickten uns dann auf den Mobilisierungsbefehl des Militärkommissariats hin zurück in die Sowjetarmee. 1946 wurde ich aus der Armee entlassen. Ich war krank, hatte ein Zwölffingerdarmgeschwür und einen doppelseitigen Leistenbruch und wurde operiert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich heiratete. Mein Sohn und mein Enkel sind erwachsen, gesund und arbeiten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet. Meine Frau und ich sind Rentner. Nach dem Krieg absolvierte ich, allerdings mit Verspätung, die höhere Schule sowie (laut alten Dokumenten) das Metallurgische Institut. Danach bekleidete ich verschiedene leitende Positionen. Die Rente ist bei uns in der Ukraine nicht hoch – 100 US-Dollar (500 Griwna). Dass ich in Gefangenschaft war, ist nichts, womit ich prahlen konnte. Das ist meine Schande! Das muss jeder selbst beurteilen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen [Unterschrift]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Bitte verzeihen Sie, wenn ich mich bei den vorstehenden Datumsangaben geirrt habe. Ich hatte keinen Kalender bei mir. Aber Fakten sind nun einmal Fakten!&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_342.php</link>
<pubDate>19 Apr 2013 14:12:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Igor Lwowitsch Schwarzman</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrter Eberhard!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für Ihren Brief und für die Möglichkeit, mich mit Ihnen auszutauschen. Für mich ist es sehr wichtig, Ihre Meinung hören und Ihnen meinerseits meine Gedanken zu dem mitzuteilen zu können, was Sie in Ihrem Brief angesprochen haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Mutter hat mir erzählt, dass erstaunlicherweise manche Deutsche die Menschen im Ghetto besser behandelt haben als die Polizai aus den Reihen der örtlichen Bevölkerung. Offensichtlich standen nicht alle Deutschen hinter der Judenpolitik der Nazis. Und wir wissen alle, dass der Mensch nicht immer frei ist, so zu handeln, wie er es sich wünscht, da die Umstände es nicht zulassen. So ist das Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es stimmt, dass die Deutschen während des Krieges nicht nur Juden ermordet haben. Und der Krieg ist schon an sich grausam, weil gänzlich unschuldige Menschen sterben müssen, in erster Linie Alte und Kinder. Aber nur die Juden wurden ermordet, weil sie einer bestimmten Nationalität angehörten. Das aber ist ein Genozid. Und die treibende Kraft dahinter war und ist der Faschismus.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie haben wirklich Recht, wenn Sie sagen, dass der Nationalismus der Nährboden für den Faschismus ist. Wir, die Ghetto-Überlebenden, beobachten deshalb mit Sorge, dass in unserem Land die Nachfolger der Faschisten-Handlanger – die Nationalisten – Aufwind bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In gewisser Weise erinnert die heutige Situation in der Ukraine an die in Deutschland in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und wir, die Ghetto-Überlebenden, versuchen mit aller Macht dagegen anzukämpfen. Aber wir sind nur wenige, und auch die Jüngsten unter uns sind schon über 70 Jahre alt. Aber wir dürfen nie vergessen, dass der Faschismus nicht nur über die Deutschen und die Juden Leid gebracht hat, sondern über alle Völker der Welt. Und wenn sich nicht alle Länder und alle Völker zusammentun, um gegen Nationalismus, Chauvinismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit vorzugehen, so wird die Menschheit womöglich die schrecklichsten Jahre unserer Geschichte wiederholen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dass die Rechtspopulisten von der nationalistischen Partei „Swoboda“ [Freiheit] (was für ein Name!) mit so viel Stimmen ins Parlament eingezogen sind, macht uns große Sorge. Aber wir hoffen auf die Vernunft der Mehrheit der ukrainischen Bürger. Dennoch brauchen wir gegen dieses Unheil unbedingt die Hilfe anderer Länder, in erster Linie des deutschen Volkes, das bereits etwas Ähnliches durchlebt hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen, Ihrer Familie, Ihren Freunden und Mitstreitern beste Gesundheit und Erfolg bei allen Ihren Projekten und Plänen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Igor Schwarzman&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-april-2013.php</link>
<pubDate>12 Apr 2013 11:49:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>341. Freitagsbrief (vom Januar 2013, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Aleksej Sidoriwitsch Sokolow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Shukowo&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Pskow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen ebenfalls nachträglich Frohe Weihnachten und ein Frohes Neues Jahr 2013 wünschen! Gott gebe Ihnen Gesundheit, Wohlergehen und Erfolg in allem! Danke, dass Sie mich nicht vergessen …! Und wie finden Sie uns nur immer? Sie können sich nicht vorstellen, wie schön es in meinem fortgeschrittenen Alter ist, wenn man das Gefühl hat, nicht vergessen zu sein. Hier in der Heimat denken sie nicht immer an uns. Aber Sie immer! Man könnte denken, was kümmern wir Sie? Wir sind schon alt, ich bin 90 Jahre alt geworden. Ich möchte so gerne noch leben; Gott sei Dank lebt meine Frau noch, sie ist 87 Jahre alt. Sie ist ehemalige Zwangsarbeiterin, im Krieg war sie in Bremen, während ich in Hamburg im KZ [Stalag] war.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So war meine Zeit als Soldat: 1940 wurde ich zum Wehrdienst in die Armee einberufen und habe in Tschita gedient. Dann wurden wir in die Mongolei versetzt, ich war Panzerfahrer und -mechaniker. Dann begann der Krieg. In mehreren Transporten wurden wir in die Nähe von Moskau gebracht. Ich weiß noch, dass wir 2–3 Monate unterwegs waren. Rundum wurde bombardiert, immer wieder stand unser Zug, weil die Gleise beschädigt waren. Irgendwann erreichten wir Smolensk. Dort waren schreckliche Gefechte im Gange. Himmel und Erde standen in Flammen, wir wussten nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, überall stand schwarzer Rauch. Wir kämpften um unser Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir rückten bis Moskau vor. Bei einem Gefecht wurde mein Panzer abgeschossen, die ganze Besatzung kam ums Leben, dem Kommandeur wurde der Kopf abgerissen, die anderen wurden zerfetzt. Ich aber kroch unter dem Panzer hervor, denn als Fahrer hatte ich ja die Einstiegsluke. Ich hatte eine starke Gehirnerschütterung. Das ist alles, woran ich mich noch erinnern kann, was ich erlebt habe. Natürlich nur in Kürze. So bin ich in Gefangenschaft geraten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Je älter wir werden, desto schmerzhafter werden die Erinnerungen, schließlich war das unsere Jugend.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen von dem Unglück erzählen, das uns widerfahren ist. Am 29.10.2012 ist unser Haus abgebrannt, mit dem gesamten Haushalt, den Nebengebäuden und Tieren. Es ist alles verbrannt, wir haben nichts retten können. Wir wären selbst verbrannt, wenn uns nicht unser Nachbar gerettet hätte. Er hat die Tür eingeschlagen und uns herausgeholt. Meine Frau ist gelähmt. Am 27.12. ist unser ältester Sohn gestorben. Es ist eine schlechte Zeit für uns, aber wir versuchen, uns nicht unterkriegen zu lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe viel geschrieben, bin müde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Wiedersehen, mit den besten Wünschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;A. S. Sokolow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wer Herrn Sokolow antworten möchte, möge uns seinen Brief schicken zum Übersetzen und Weiterleiten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;E. Radczuweit&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_341.php</link>
<pubDate>12 Apr 2013 08:03:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>340. Freitagsbrief (vom Februar 2013, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni, Jerewan)</title>
<description>&lt;p&gt;Sehr geehrter, lieber Herr […],&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;nehmen Sie bitte meinen herzlichsten Dank für Ihre lieben Spenden an, dank deren ich meine äußerst schwere soziale und gesundheitliche Situation so lange habe überstehen können. Ich finde keine Worte, um Ihnen mein Gefühl des Danks zum Ausdruck bringen zu können… Möge Gott Sie segnen …!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Lewon Nurbekjan, bin im Januar 1923 im Dorf Ajgeschat des Bezirks Armawir (Armenien) geboren. Am 13. Januar 1942 wurde ich in die Armee einberufen. Unser Regiment kämpfte an der Verteidigungslinie Woronesh-Kursk-Charkow, als es am 22. März in die Einkesselung geriet. Zunächst wurden wir, die Kriegsgefangenen, in einem Dorfstall nahe von Charkow versammelt. Dann brachten die Deutschen uns in das Konzentrationslager von Sluzk [Stalag 326], wo wir 9 Monate blieben. Dort lernten wir die Hölle kennen. Täglich starben hunderte von uns an Hunger, der groben Behandlung und Krankheiten. Wir waren verlaust. Bei spärlicher Nahrung arbeiteten wir täglich über 14 Stunden, und da es unmöglich war, das länger auszuhalten, waren wir immer daran, auf jede mögliche Art und Weise etwas zum Essen zu suchen. Selbst Mäuse und das Fleisch von verendeten Tieren kamen uns als erwünschtes Essen vor. Von dort wurden wir nach Deutschland, ins Lager von Brandenburg [Stalag IIA Neubrandenburg?] geschickt. Etwas später schickte man uns in ein Lager nahe von Straßburg. Ende Mai 1944 wurden wir dann ins Lager bei Bochum gebracht. Von dort kamen wir täglich zur Arbeit in der dortigen Metallfabrik. Es war eine äußerst harte Arbeit. Wir mussten glühende quadratische Eisenstücke, die etwa 2 Meter lang und breit waren, auf Fahrwerken zu den Fabrikwerkzeugen bringen und in einer bestimmten Reihenfolge in diesen Werkzeugen es so einrichten, dass sie die erwünschten Formen erhielten. Dann mussten wir sie zu Sägen bringen, wo andere unserer Kameraden sie zu verschiedenen Größen sägten. Anschließend wurden diese Eisenstangen in die Waggons eingeladen, um irgendwohin transportiert zu werden. Wir mussten dabei häufig die Kernteile der Werkzeuge wechseln, um dadurch unterschiedliche bzw. quadratische, dreieckige, rechteckige und sonstige Produkte zu erhalten. Dort verlor ich zwei Finger meiner linken Hand. Wir arbeiteten unter strenger Bewachung. Während wir zur Arbeit in die Fabrik gingen und dann abends zurückkamen, gab es oft Alarm. Unsere Wächter gingen dann schnell in die Luftschutzkeller, aber uns wurde nicht erlaubt mitzugehen. Wegen dieser Bombardierungen verloren wir mehrere unserer Freunde. Anfangs zählten wir 1400. Nur wenige von ihnen blieben von den Bomben verschont. Am 10. April befreiten uns amerikanische Truppen. Bochum, Essen, Dortmund und auch viele andere Städte waren bereits in Trümmer verwandelt. Im Juni 1945 übergaben die Amerikaner uns den sowjetischen Truppen. Man schickte mich mit anderen Kriegsgefangenen nach Karaganda, wo ich etwa ein Jahr in den dortigen Kohlengruben arbeitete. Erst dann konnte ich wieder nach Hause zurückkommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit lieben und herzlichsten Grüßen aus Armawir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr Lewon Nurbekjan den 27. Februar 2013.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_340.php</link>
<pubDate>05 Apr 2013 09:10:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Iosif Jefimowitsch Brechner</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Iosif Jefimowitsch Brechner, geb. am 13.06.1934 in Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als 1941 der Krieg begann, war ich sieben Jahre alt. Wir lebten damals zu Dritt: meine Mutter, mein Vater und ich. Meine ältere Schwester Mara Brechner war zu der Zeit bei der Schwester meiner Mutter zu Besuch, bei unserer Tante Bella in Tultschin – unsere Eltern hatten sie für die Sommerferien dorthin gebracht (dass der Ort Tultschin hieß, erfuhr ich erst nach dem Krieg, damals wusste ich nur, dass Mutters Schwester irgendwo im Gebiet Winniza lebte, ich kannte nicht einmal ihren Nachnamen und wusste nur, dass sie Tante Bella heißt.).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im August 1941 wurde mein Vater zur Armee eingezogen und meine Mutter und ich wurden nach Odessa evakuiert. Zu der Zeit wurde Odessa schon bombardiert. Wir fuhren mit dem Zug, alle Waggons waren hoffnungslos überfüllt. Wir fuhren einen Tag lang und irgendwann am Abend wurde unser Zug mitten in der Landschaft (nicht weit von einer Bahnstation, von der ich später erfuhr, dass sie Wopnjarka hieß) von deutschen Flugzeugen bombardiert. Ein furchtbarer Tumult brach los. Der Zug blieb stehen, die Menschen stürzten aus den Waggons und rannten in alle Richtungen davon, während die Deutschen sie aus ihren Flugzeugen aus Maschinengewehren beschossen. Als meine Mutter und ich den Zug verließen, hielt sie mich die ganze Zeit an der Hand. Wir rannten zusammen über ein Feld – es war ein Maisfeld, und der Mais stand hoch -, bis meine Mutter plötzlich zu fallen begann, ihr war schlecht. Sie konnte mir noch sagen: Lauf weiter, mein Junge, ich bleibe hier kurz liegen, und wenn der Angriff vorbei ist, treffen wir uns am Zug wieder. Wie lange ich gerannt bin, weiß ich nicht mehr. Irgendwann fiel ich vor Erschöpfung auf die Erde und schlief ein. Später wurde ich von Feldarbeitern geweckt, sie sammelten den Mais von den Feldern, es war schon Morgen. Sie fragten mich, wie ich dorthin geraten war, und ich erzählte ihnen alles. Sie sagten mir, der Zug sei schon weg, er sei noch in der Nacht zum Bahnhof geschleppt worden. Ich bat sie, mir zu helfen, meine Mutter zu finden – sie müsste hier in der Nähe liegen. Wir suchten lange, konnten sie aber nicht finden; immer wieder stießen wir auf Tote. Die Arbeiter gaben mir etwas zu essen und sagten mir, ich solle an den Bahngleisen entlanglaufen, bis ich zur Bahnstation Wopnjarka käme. Dort würde ich meine Mutter schon finden. Ich fand die Bahnstation schnell. Dort waren sehr viele Menschen, alle waren furchtbar in Panik. Ich begann meine Mutter zu suchen. Ich suchte alles ab, dann fragte ich die Leute nach ihr. Eine Frau brachte mich zum Stationsvorsteher. Ich erzählte ihm alles. Er fragte mich nach meinem Familiennamen und nach dem Namen meiner Mutter. Er sagte zu mir – Bleib du hier in meinem Büro sitzen, wir machen jetzt eine Durchsage, und wenn sie im Bahnhof ist, dann kommt sie hierher. Ich saß bis zum Abend in seinem Büro, aber Mutter tauchte nicht auf. Am Abend gab mir der Stationsvorsteher zu Essen. Dann sagte er zu mir: Wir bringen dich ins Hinterland, dort werden sie dir helfen, deine Mutter zu finden. In der gleichen Nacht wurden alle Leute, die in dem bombardierten Zug gewesen waren, ins Hinterland gebracht. Ich blieb noch eine Weile bei dem Stationsvorsteher, und als er den Raum verließ, ging ich weg. Ich hatte beschlossen, am nächsten Morgen bei Tageslicht zurück zum Feld zu gehen, um meine Mutter zu suchen. Draußen war es warm. In der Nähe des Bahnhofs war ein kleiner Platz mit Gras, dort legte ich mich zum Schlafen hin. Ich wachte sehr früh auf, als er gerade hell wurde. An der Station gab es einen Wasserhahn, ich wusch mich und ging los. Ich lief an den Bahngleisen entlang bis zu der Stelle, von der ich gekommen war. Den ganzen Tag lief ich durchs Maisfeld. Wieder traf ich die Arbeiter, die mich am Tag zuvor geweckt hatten. Sie gaben mir wieder etwas zu essen und fragten mich, wen es noch gäbe außer meiner Mutter, wo mein Vater sei, ob ich Tanten, Onkel, Brüder, Schwestern habe. Ich erzählte ihnen, dass Vater in Odessa eingezogen worden war und dass meine ältere Schwester bei meiner Tante irgendwo im Gebiet Winniza sei – den Nachnamen meiner Tante wisse ich nicht. Da schlugen sie mir vor, mich ins nahgelegene jüdische Dorf zu bringen: Vielleicht kennen die Leute dort deine Tante oder können dir helfen, sie zu finden. Sie nahmen mich also erstmal mit in ihr Dorf und ich übernachtete bei ihnen. Am Abend wuschen sie meine Kleidung, und früh am nächsten Morgen spannten sie ein Pferd vor den Wagen und brachten mich ins Dorf Dsigowka. Ich kam zur Familie Trejstman zu Tante Faina, sie war etwa so alt wie meine Mutter. Ich erzählte ihr alles. Sie fragte mich, ob ich denn keine Papiere habe? Ich sagte ihr, dass ich bei unserer Abfahrt aus Odessa gesehen hatte, dass meine Mutter alle unsere Papiere und unser Geld in ihrer Unterwäsche eingenäht hatte. Sie hatte gelächelt und gesagt, so mache es jede umsichtige jüdische Frau. Tante Faina hatte vier Kinder (Sjunja, Aron, Sascha, Busja), die um mich herumstanden und zuhörten, wie ich mich mit ihrer Mutter unterhielt. Sie alle hatten tiefes Mitleid mit mir, und jeder von ihnen versuchte, mir etwas Gutes zu tun – sie schenkten mir Schokolade, Lebkuchen, einen Apfel. Ich fühlte mich gleich besser. Vorher war ich einfach vor Angst gelähmt gewesen. Tante Fainas Mann war nicht da, er war an der Front, aber sie hatten viele Verwandte im Dorf und sie war bei allen sehr geachtet. Gegen Abend wussten alle Verwandten sowie die anderen Dorfbewohner über mich schon Bescheid, und sie bat alle zu helfen, meine Tante zu finden, anhand der wenigen Angaben, die ich hatte machen können (das waren Vor- und Nachname meiner Mutter und meines Vaters sowie die Vornamen meiner Tante und meiner Schwester). Leider wusste niemand etwas über meine Tante. An meinem zweiten Tag in Dsigowka schickte Tante Faina einen ihrer Verwandten, Nuchim, nach Wopnjarka, wo er herausfinden sollte, ob sie meine Mutter mittlerweile gefunden hatten – verwundet oder tot (das erzählte sie mir erst einige Jahre später), aber er kehrte ohne jede Nachricht zurück. So blieb ich bei dieser Familie. Keiner von ihnen ließ mich spüren, dass ich nicht zu ihnen gehörte. In meinem ganzen Leben sind mir nie wieder so gutherzige Menschen begegnet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als im Oktober 1941 die Deutschen in Dsigowka einmarschierten, richteten sie ein jüdisches Ghetto ein. Das ganze Dorf wurde mit Stacheldraht umzäunt. Die Juden wurden schrecklich gedemütigt und viele getötet. Viele Menschen starben in Folge von Hunger und Krankheiten. Tante Fainas Söhne Sascha und Aron und ihre Tochter Busja wurden ermordet. Ende 1941 zogen die Rumänen im Dorf ein, und sie waren dort bis zur Befreiung unseres Dorfes durch die sowjetische Armee. Die Rumänen organisierten in unserem Dorf eine Gendarmerie. Die Familie von Meer Pejterbart und seine Schwester Riwa wurden aus ihrem Haus gejagt, und in diesem Haus richteten sie die Gendarmerie ein. Der Leiter der Gendarmerie war Pompila. Dorfältester war Milentjew (Russe), der Polizai war Wasitinskij (Russe). Als Vorsteher der jüdischen Gemeinde setzten die Rumänen Nuchim Trejstman ein (einen Verwandten von Tante Faina), dessen Frau Lena Ukrainerin war. Etwa ein Jahr nach der Besatzung nahm Tante Faina ihren Neffen und ihre Nichte bei sich auf, Mischa und Fira Trejstman. Ihre Mutter war ermordet worden, ihr Vater war an der Front (er ist gefallen), und so lebten sie bei Tante Faina, bis sie erwachsen waren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;An folgende Bewohner des Ghettos kann ich mich noch erinnern: Die Familie Rojter (Bejla Rojter und ihre Kinder Mischa und Fenja); die Familie London (Riwa London und ihre Kinder Monja und Borja); die Familie Wajsman (Andrej Wajsman und seine Frau Rosa); Mischa, Aron und Donja Mjaskowski; die Familie Trosnjanski (Chajka Trosnjanskaja und ihre Kinder Olja und Fira); Mosja Awerbuch und seine Schwester Molka; Mischa Klejman, der später Sonja heiratete (ihren Mädchennamen weiß ich nicht mehr), auch sie war mit uns im Ghetto; Njuma Schtejman, Rosa Mermejnschtejn; Lena Goldjuk. Wir alle hungerten schrecklich. Tante Faina tauschte alle Wertsachen und alles, was sie hatte, gegen Lebensmittel ein. Manchmal hatten wir mehrere Tage hintereinander nichts zu essen, tranken nur Wasser. Was wir damals durchgemacht haben, lässt sich nicht in Worte fassen. Ich war zwar noch ein Kind, aber mir scheint, ich habe alles schon verstanden wie ein Erwachsener. Im März 1944 schneite es und unsere Armee marschierte im Dorf ein. Zwei Tage vor ihrem Eintreffen hatten Partisanen die rumänische Gendarmerie im Dorf zerschlagen. Zwei Tage danach fuhren plötzlich Deutsche ins Dorf ein, die in den Wäldern in einen Hinterhalt geraten waren. Sie hatten unsere Partisanen getötet. Am Abend desselben Tages kamen dann unsere Truppen. Die Soldaten kochten sofort für uns und verteilten warme Mahlzeiten, Brot, Salz, Zucker, Konserven. Am nächsten Tag kamen Beamte, die Lebensmittel und Brot ausgaben. So ging meine Zeit unter faschistischer Besatzung zu Ende. Aber meine seelischen Qualen waren noch nicht vorbei, ich wollte natürlich so schnell wie möglich meine Eltern wiederfinden. Tante Faina konnte ich nicht um Hilfe bitten, sie war so geschwächt, krank und vom Kummer gezeichnet, dass ich es nicht übers Herz brachte, sie darum zu bitten. Zwei Monate später erzählte ich ihrem Sohn Sjunja, der ein paar Jahre älter war als ich, dass ich in die Bezirkshauptstadt Jampol fahren wollte, um mich an die Behörden zu wenden und meine Eltern zu finden, falls sie noch am Leben sein sollten. Er riet mir davon ab, alleine zu fahren, bat mich zu warten, bis Tante Faina wieder zu Kräften gekommen sei, damit sie mit mir fahren könnte. Aber ich konnte nicht mehr warten. Und so fuhr ich eines schönen Tages per Anhalter nach Jampol und ging zum Exekutivkomitee. Ich sah natürlich nicht gerade repräsentativ aus. Ich wandte mich an einen der Beamten und erzählte ihm alles. Er schrieb sich meinen Namen und die Namen meiner Eltern auf, notierte auch Tante Fainas Namen und den Namen des Dorfes, in dem ich während der Besatzung gelebt hatte und noch lebte. Dann telefonierte er mit jemandem. Eine Weile später bat er mich, ein paar Stunden spazieren zu gehen und dann wieder zu ihm zu kommen. Als ich wieder zu ihm kam, teilte er mir Folgendes mit: Die Suche nach meinen Eltern würde länger dauern, er habe mit dem örtlichen Wehrkommissariat gesprochen und sie gebeten, zu prüfen, ob mein Vater noch am Leben sei (ich hatte ihm gesagt, dass mein Vater in Odessa eingezogen worden war; damals wusste ich noch nicht, dass er drei Monate später ausgemustert worden war, weil man bei ihm Tuberkulose festgestellt hatte). Das Wehrkommissariat hatte versprochen, die Suche nach meinem Vater in Gang zu bringen, und außerdem mitgeteilt, dass gerade Naum Iljitsch Trejstman (Tante Fainas Mann), der beide Arme verloren hatte, aus dem Lazarett nach Dsigowka gebracht würde, und die örtlichen Behörden sollten sich um ihn und seine Familie kümmern. Dann sagte mir der Beamte, ich könne nicht in diese Familie zurückkehren, er habe einen Platz im Kinderheim oder Internat für mich organisiert, wo ich bleiben könne, bis meine Eltern gefunden seien. Ich war entsetzt – erstens hatte Tante Faina schon Kummer genug und zweitens wollte ich nicht ins Internat. Ich versuchte den Mann zu überreden: Es wäre doch besser, wenn ich in der Familie bliebe, vielleicht würden sie meine Eltern schnell finden und dann würden sie mich holen. Aber es war alles vergebens, er blieb hart. Eine Frau brachte mich in dieses Internat, und der Beamte versprach mir, Tante Faina zu informieren, dass ich im Internat war. Ich war drei Tage in diesem Internat. Natürlich hatte er Tante Faina erst am nächsten Tag informiert, und am dritten Tag kam sie und holte mich zurück nach Hause. Die ganze Sache hatte aber, wie sich später herausstellte, auch eine gute Seite. Denn nun war ich beim Exekutivkomitee registriert und unter der Internatsadresse gemeldet. Mein Vater versuchte zweimal, mich zu finden. Das erste Mal, als sie erfuhren, dass Mutters Schwester Bella und meine Schwester Mara am Leben waren. Im Mai 1944 fuhr er nach Tultschin, um sie zu sich zu holen. Damals konnte er mich nicht finden. Das zweite Mal suchte er mich, als sie im Oktober 1944 aus Turkestan zurück nach Odessa kamen, und da fand er mich, weil ich beim Exekutivkomitee in Jampol registriert war, auch wenn ich schon nicht mehr im Internat war, sondern wieder bei der Familie Trejstman.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun noch kurz zum Schicksal meiner Eltern. In der Nacht, als unser Zug bombardiert wurde, war meine Mutter von einer Explosionswelle getroffen worden, weshalb sie nicht weiterlaufen konnte, wie ich schon beschrieben habe. Sie verlor das Bewusstsein und blieb dort im Feld in der Nähe der Bahngleise liegen. Als der Angriff vorbei war, wurde sie von Sanitätern gefunden, die alle Verletzten aufsammelten und ins Hinterland brachten. Auf diese Weise landete meine Mutter in Turkestan (das erzählte mir mein Vater, als er mich gefunden hatte). Und als sie meinen Vater wegen Tuberkulose ausgemustert hatten, fand er meine Mutter dort in Turkestan.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Oktober 1944 zog ich mit meinem Vater nach Odessa, wo ich mit ihm und seiner Mutter, meiner Großmutter, lebte, die zu der Zeit schon zusammen mit ihrer Tochter, der Schwester meines Vaters, nach Odessa zurückgekehrt war. Im August 1945 kamen auch meine Mutter und meine Schwester nach Odessa zurück. Zu der Zeit hatte Vater schon eine große Wohnung zugeteilt bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tante Faina war wie eine zweite Mutter für mich und ihr Sohn Sjunja wie ein Bruder. Leider sind sowohl meine Eltern als auch Tante Faina und ihr Mann Onkel Naum längst gestorben. Ihr Sohn Sjunja lebt in Amerika.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine schwere Kindheit ist nicht ohne Folgen geblieben. Bei der Armee wurde ich wegen meines schlechten gesundheitlichen Zustandes ausgemustert – ich hatte ein schwaches Herz und war psychisch labil. Mit 15 Jahren habe ich graue Haare bekommen. Mit 38 Jahren begann ich zu erblinden, ich hatte grauen Star auf beiden Augen. Ich wurde in Moskau operiert, erst an einem Auge, ein halbes Jahr später am anderen. Ich habe jetzt auf beiden Augen künstliche Linsen. Mit 50 Jahren wurde ich Invalide zweiten Grades. Als ich 60 Jahre alt war, wurde ich in Moskau am Herzen operiert. Mit 45 Jahren wurde ich an der Niere operiert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[….]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;I. Brechner&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-maerz-2013.php</link>
<pubDate>31 Mar 2013 12:51:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>339. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Iwan Jefimowitsch Fomenko&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stawropol.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Iwan Jefimowitsch Fomenko, wurde am 20.7.1915 in Kugulta im Bezirk Gratschewka, Gebiet Stawropol´, geboren. Am 10.7.1941 wurde ich an die Front einberufen. Ich kämpfte in der 9. Armee, 60. Division, 178. Regiment in der Gegend um Charkow, in Borwinowka und Kramatorowka. Der Oberkommandierende Timoschenko gab den Befehl zur Verlegung unserer Truppen in Richtung Stalingrad. Wir sollten von der Bahnstation Tschirkowo abfahren, was aber nicht gelang, da die Station bereits von deutschen Truppen eingenommen worden war. Das Gleiche betraf die Bahnstation in Kamensk. In der Nähe der Stadt Millerowo geriet ich dann in Gefangenschaft. Am 15.7.1942 brachten sie mich nach Dnepropetrowsk [Stalag 348], dort nahmen sie uns die Armeeuniformen ab und gaben uns Gefangenenkleidung mit Nummern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Nummer war 12941. Später wurden wir aus Dnepropetrowsk nach Polen gebracht, nach Graz und von dort weiter nach Deutschland, wo wir in Bolchen [Stalag XII F/Z Boulay-Moselle in Lothringen] an der Eisenbahnlinie arbeiten und Schwellen und Schienen verlegen mussten. In Folge der Schwerstarbeit und des Hungers wurde ich so schwach, dass ich einfach umfiel, und ich wurde mit drei anderen, die in der gleichen Verfassung waren wie ich, ins Lazarett gebracht. Einer von ihnen starb noch auf dem Weg, ein weiterer in der gleichen Nacht im Lazarett. Wir kamen ins „schwarze Lager“ [Stalag XII F/Z (XIIG) St. Johannis-Bannberg/Le Ban-Saint-Jean in Lothringen] in die Baracke Nummer 17 (unter den Gefangenen hieß sie die Todesbaracke). Ich traf dort einen Landsmann, er arbeitete im Lager als Sanitäter und sorgte dafür, dass ich aus der Baracke 17 in eine Baracke mit Sanitätern kam. Im März 1943 kam ich zur Arbeit ins Bergwerk Germina [Hermine I] in Neunkirchen. Als das Bergwerk von den Amerikanern bombardiert wurde, wurde ich schwer verletzt. Als ich wieder gehen konnte, schickten sie mich zur Arbeit im Holzlager beim Bergwerk Kulwald. [Kohlwald in Wiebelskirchen].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Leute vom Ort nahmen manchmal Gefangene zur Arbeit mit zu sich, zur Hilfe bei der Ernte. Die Bauern, zu denen ich kam, waren sehr gute Menschen und gaben mir immer etwas zu essen. Die Bäuerin hatte zwei Söhne: einer war gefallen, der andere galt als vermisst. Sie weinte immer sehr, wenn sie mich sah, und sagte, dass ihr jüngerer Sohn vielleicht irgendwo wie ich in Gefangenschaft sei. Ich danke ihnen sehr, dass sie mich nicht haben verhungern lassen. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wie sie hießen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 9. Mai 1945 wurden wir von amerikanischen Truppen befreit. Für manche war der Krieg damit zu Ende, ich aber wurde nach Dsershinsk verschickt zur Arbeit im Betrieb Dsershinsk-Kohle. Erst im Frühjahr 1947 durfte ich nach Hause. Bei dem amerikanischen Bombenangriff hatte ich mir mehrere Verletzungen zugezogen: am rechten Arm (die rechte Hand kann ich nicht bewegen), am linken Bein und ein Splitter im Kopf. Der Invalidenstatus wurde mir aber nicht zugesprochen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute lebe ich in Stawropol´, (Adresse wie oben). Ich lebe bei meinem Enkel, habe keine eigene Wohnung. Mein altes Haus in Gratschewka ist eingestürzt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen sehr, dass Sie uns einfache Menschen nicht vergessen haben. Außerdem danke ich Ihnen für die 300 Euro, die deutsche Bürger gespendet haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit vielen Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Iwan Jefimowitsch&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_339.php</link>
<pubDate>22 Mar 2013 08:10:00 GMT</pubDate>
</item>
		
<item>
<title>338. Freitagsbrief (vom August 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Georgij Illarionowitsch Kopylow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Swerdlowsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wer ich bin? Ich bin der Sohn eines Knechtes, der sein ganzes junges Leben lang für reiche Bauern geschuftet hat. Ich war zur Sowjetzeit aktiver Komsomolze, deshalb bin ich auch nach Estland gekommen, wo ich eine besonders wichtige Staatsaufgabe ausführen sollte. Ich war ein engagierter junger Mann, habe für die Sowjetmacht gekämpft, wie es mir mein Vater und mein älterer Bruder mit auf den Weg gegeben hatten. Ich habe Ihnen geschrieben, dass ich am 15. April 1917 geboren wurde, schon damals habe ich um mein Leben gekämpft, als meine Mutter mich ins Wasser hat fallen lassen, weil sie auf einem Floß das Gleichgewicht verlor, als sie vor Weißgardisten geflohen ist, die sie foltern wollten. Mein Vater kämpfte für die Sowjets. Vor dem Krieg und während des Krieges war ich auch patriotischer Anhänger der Sowjetunion. Ich habe am Institut studiert; nach dem Krieg habe ich, als ich zurück in der Heimat war, beim Wiederaufbau einer großen Ziegelfabrik mitgearbeitet, in der ich dann etwa 50 Jahre lang gearbeitet habe. 1990 hat die Mafia die Fabrik ruiniert, hat sie an verschiedene Interessenten verkauft, damit sind sie reich geworden und haben sich Landhäuser gebaut. Ich lebe jetzt bei meiner Tochter, verbringe bei ihr meine letzten Jahre (Ich habe schon ein schlechtes Gedächtnis und höre schlecht).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;3. Ich habe Ihren Brief sehr aufmerksam gelesen. Ich möchte Ihnen nochmals ein großes Dankeschön für alles sagen. Ich werde versuchen, Ihnen von der schlimmen Zeit in meinem Leben zu schreiben und den Momenten, als mein Leben am seidenen Faden hing. Von einem solchen Moment habe ich Ihnen schon geschrieben, als man mich auf einem zweirädrigen Karren mit Toten weggebracht und in ein Massengrab geworfen hat – das war so ein Moment, als ich mal wieder nur knapp dem Tod entkommen bin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Brief aus Estland vom 02.03.1993 :&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Ihre Anfrage bezüglich Georgij Illarionowitsch Kopylow, der während des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945 Gefangener im Todeslager in unserer Stadt war, teilen wir Ihnen Folgendes mit: Vor dem Krieg war unsere Stadt Maardu eine Arbeitersiedlung mit einem Bergwerk, in dem Phosphorit gewonnen wurde. Neben diesem Bergwerk wurde ein Lager für Kriegsgefangene errichtet. Das Lager war nicht groß, es bestand aus zwei Baracken. Jede Baracke war in zwei Hälften unterteilt, in der jeweils 30–35 Gefangene untergebracht waren. Insgesamt lebten 150–160 Personen im Lager. Die Gefangenen mussten im Bergwerk bei der Gewinnung von Phosphoritknollen arbeiten. Die Lebensbedingungen im Lager waren außerordentlich schlecht. Jeden Monat starben 25–30 Menschen. Jeden Monat wurde die gleiche Anzahl neuer Gefangener aus einem Lager in Tallinn geholt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Herr Kopylow beschreibt im folgenden die Flucht aus diesem Lager]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir in dieses Bergwerk gebracht und in die zweigeteilte Baracke gesteckt wurden, die sich in einer Ecke des Lagers befand, da konnte man aus dem Gebäude den doppelten Stacheldrahtzaun sehen, etwa zwei Meter breit. Der Abstand von der Baracke zum Zaun betrug sieben Meter. In der Mitte des Zauns war ein Graspfad zu sehen, hier lief in der Nacht der Wachsoldat entlang. Die Fenster der Baracken waren zweifach vergittert. In der Baracke gab es Bretterpritschen, etwa 40 cm über dem Boden. Neben den Pritschen stand eine Tonne, die als Toilettenersatz diente, sowie ein Ziegelsteinofen. Neben dem Ofen lag Brennholz herum. Wir suchten uns einen Platz auf den Pritschen und sagten zueinander, dass uns hier der sichere Tod erwartete. Bald kam mir und meinen Freunden der Gedanke, unter den Pritschen am Ofen, in der Ecke, ein Loch zu graben. Wir stellten fest, dass die Außentreppe den gleichen Abstand zur Erde hatte wie das Fundament – 60 cm. Wir konnten also ein Schlupfloch unter der Außentreppe und unter dem Boden machen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber wie? Und wann? In dem kleinen Raum befanden sich ja in der Nacht 30–35 Menschen (wir schliefen direkt einer neben dem anderen). Und jemand von ihnen konnte uns verraten, aus Feigheit und um sein Leben zu retten; und überhaupt war diese Sache für uns alle äußerst gefährlich. Wir wählten in der Baracke einen als Stubenältesten (einen Handlanger der Wachen). Gemeinsam begannen wir ihn zu „bearbeiten“. Er erklärte sich einverstanden, zusammen mit allen aus unserem Raum zu fliehen. Es war sehr gefährlich und riskant, aber wir entschlossen uns, es zu versuchen und gingen ans Werk. Das Loch im Boden unter den Pritschen hatten wir schnell gemacht und wir deckten es mit Lumpen, Brettern und Brennholz ab. Dann versuchten wir, unter der Außentreppe einen Ausgang zu machen. Im Bergwerk fanden wir bei der Arbeit am Tag Eisenteile in Form einer Schaufel. Das war unser Werkzeug. Wir gruben nur bis zur Schlafenszeit, wenn alle sich schlafen legten. Die anderen in unserem Raum machten Lärm, während wir gruben, damit die Männer in der anderen Hälfte der Baracke nichts mitbekamen. Als wir den Durchgang unter der Außentreppe fertig hatten, merkten wir, dass der Boden sehr weich und sandig war, und da begannen wir darüber nachzudenken, ob wir mit unseren „Schaufeln“ einen Tunnel unter dem Stacheldraht hindurch graben könnten, also neun Meter lang. Und so machten wir es dann.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zuerst kroch einer unter den Boden, bestimmte eine Stelle im Boden am Fenster, das zum Stacheldraht hinausging. Wir machten ein Loch in den Boden. Im Bergwerk fanden wir eine lange Schnur, die wir in zwei Teile zerschnitten. Das eine Ende legten wir unter den Boden, auf den Pritschen postierten wir einen Aufpasser (einen, dem wir vertrauten), der uns mit der Schnur ein Zeichen geben sollte, falls eine Wache in der Baracke auftauchte. Wir Drei kletterten in das Bodenloch (unsere Mäntel ließen wir auf unseren Pritschen liegen und legten Holz darunter, so dass es so aussah, als lägen wir dort). Unser Freund Sascha hielt Wache am anderen Ende der Schnur, während Pjotr und ich den Tunnel gruben. Ich ging immer voraus und hatte die Schnur um mein linkes Bein gebunden. Wir hatten folgende Abmachung: Wenn eine Wache in die Baracke kam oder am Fenster vorbeiging, zog Sascha einmal an der Schnur. Wenn Alarm war, zog er mehrmals. Die Arbeit war gefährlich, sehr gefährlich. (Den Sand trugen wir mit den Händen unter dem Bauch). Plötzlich stürzte von oben der Sand auf uns herunter. Ich wurde unter dem Sand begraben und rief nach meinen Kameraden. Wir alle Drei waren ratlos, was sollten wir tun? Wenn wir weiter in einer Tiefe von mehr als einem Meter graben würden, konnten wir alle bei lebendigem Leibe dort verschüttet werden. Wenn wir einen Ausgang an der Barackenwand machen würden, würde uns der Wachsoldat bei der Patrouille bemerken. Die Kameraden wollten es dennoch so machen, sie wollten weiter graben und sich auf die kollektive Flucht vorbereiten, bei der natürlich der Wachsoldat getötet werden musste. Ich stritt mit den anderen deswegen, ich war nicht einverstanden mit ihnen. In der Panik sagte ich zu ihnen: Sie werden uns alle umbringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich prüfte dann die obere Erdschicht, die bewachsen war – sie stürzte nicht ein, sie hielt. So beschloss ich, den Tunnel zum Stacheldraht direkt unter dieser Erdschicht zu graben. Wir brauchten dafür etwa einen Monat. Allerdings hing in dieser Zeit unser Leben am seidenen Faden, denn der Wachsoldat hätte in der Nacht den Tunnel jeden Moment entdecken können, die Erdschicht war so dünn, dass er bei einem festeren Tritt sofort eingebrochen wäre. Außerdem hätte man uns beim Graben überraschen können. Einmal kam es zu folgendem Vorfall: Ich grub schon unterhalb des Stacheldrahtzauns. Zu der Zeit halfen schon viele Gefangene beim Graben des Tunnels mit. Plötzlich spürte ich, dass an der Schnur an meinem Bein fest gezogen wurde und ich hörte die anderen rufen: „Wache in der Baracke, wir kriechen unter das Fundament des Ofens …“ Ohne lange nachzudenken grub ich mit den Händen ein Loch nach draußen und wollte hinausklettern. Als mir die frische Luft ins Gesicht schlug, verließen mich die Kräfte und ich lag bis zum Morgen halb bewusstlos da. In diesem Zustand brachten mich die anderen am nächsten Morgen zur Arbeit. Einer der Wachen wollte mich schon erschießen, aber die anderen ließen es nicht zu, überzeugten ihn davon, es nicht zu tun.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Alle warteten voller Ungeduld auf die Nacht. Fast alle aus unserer Barackenhälfte wussten schon von dem Tunnel. Der Barackenälteste wollte unbedingt zusammen mit seinen Leuten zuerst durch den Tunnel nach draußen kriechen. Aber meine Gruppe beharrte darauf, dass wir als Erste durch den Tunnel gehen würden. Endlich war die Zeit gekommen, zu der die Gefangenen in die Baracken gehen mussten. Als es dunkel war, krochen wir als Erste in den Tunnel, ich kroch voran. Wir hatten vorher beschlossen, dass wir uns in kleinen Gruppen in den Wäldern verstecken würden. Die Nacht war kurz, nicht alle schafften es. Ich war sauer auf meinen Freund Pjotr, weil er beim Herausklettern mit seinem Kochgeschirr hängengeblieben und einen kleinen Einsturz (so sagte er selbst) verursacht hatte. Das war einer der Gründe, warum es nicht alle geschafft haben herauszukommen. Außerdem war der Tunnel sehr eng und nicht sehr stabil. Und schließlich waren nicht alle auf die Flucht vorbereitet, hatten Angst. Neun Männer blieben in der Baracke zurück, dabei hätten sie fliehen können, neben dem Lager war ein Wald, man konnte sich also gut verstecken. Was mit diesen neun Leuten passiert ist, habe ich später vom ehemaligen Schuldirektor der Stadt Maardu erfahren. Er hat mir geschrieben, dass die Wachen diese neun Gefangenen getötet haben. Außerdem sind damals auch zwei der Wachen getötet worden, aber von wem, das weiß ich nicht, und wie das passiert ist, weiß ich auch nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte nochmal betonen, dass wir, wenn wir die Flucht nicht gewagt hätten, alle im Lager von Tallinn verhungert wären und jetzt zusammen mit den Frontsoldaten dort unter der Erde lägen. Und wenn unsere Armee nicht an allen Fronten den Ansturm der deutschen Truppen aufgehalten hätte, läge ich jetzt auch in der estnischen Erde. Denn die Esten haben die Russen damals noch heftiger schikaniert als die Deutschen, haben ihnen noch das letzte Stück Brot weggenommen. Auch unter den Russen gab es allerdings Bestien – die Polizai. Auch das darf man nicht vergessen. Es gab unter den russischen Kriegsgefangenen solche, die die eigenen Leute mit ihren Stöcken und Peitschen umgebracht haben, um die eigene Haut zu retten. Als der Krieg zu Ende war, sind diese Bestien alle abgehauen und nicht in die Sowjetunion zurückgekehrt. Auch heute gibt es Menschen, die Schuld auf sich laden, um selber besser durchs Leben zu kommen. Solche wird es immer geben …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Nachfrage senden wir den ungekürzten Brief.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_338.php</link>
<pubDate>15 Mar 2013 08:23:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>337. Freitagsbrief (vom Juni 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Rostow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fedor Archipowitsch Tscherepowskij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Es schreibt die Tochter Natalja Fedorowna Sintschenko].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter […].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diesen Brief schreibt Ihnen auf Fedor Archipowitschs Bitte hin seine Tochter!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank für Ihre Interesse und Ihre Anteilnahme am Schicksal meines Vaters. Das Geld, das Sie ihm geschickt haben, hat er bekommen, Danke!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Weder Geld noch Worte können ihm allerdings die zehn Jahre zurückgeben, die ihm der Krieg geraubt hat, oder das vom Krieg zerstörte Leben. Als er Ihren Brief bekommen und gelesen hat, war er so aufgerüttelt, dass er Medikamente brauchte, denn er ist jetzt schon sehr schwach und um seine Gesundheit steht es nicht zum Besten. Er hat mich gebeten, Ihnen zu danken und weiter nichts zu schreiben, da es ihm sehr schwer fällt, an all das zurückzudenken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, seine Tochter Natalja Fedorowna Sintschenko, möchte Ihnen aber von seinem Leben erzählen. Er ist jetzt 85 Jahre alt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater, Fedor Archipowitsch Tscherepowskij, kam am 1.1.1924 in einer Familie von Kolchosbauern in Nadeshjowka im Bezirk Skosyrskaja (Gebiet Rostow) zur Welt. Seine Eltern, Archip Dawydowitsch und Lukerja Iowna waren einfache Bauern. 1941 begann der Krieg gegen die Faschisten. Im Januar 1943 wurde Fedor Archipowitsch Tscherepowskij in die Sowjetische Armee einberufen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 9.2.1943 wurde er bei einem Gefecht an der Front bei Kemensk schwer am Kopf verwundet,er blutete stark und verlor das Bewusstsein. So geriet er im Alter von 19 Jahren auf ukrainischem Gebiet in Nazi-Gefangenschaft. Seine Mutter Lukerja Iowna bekam damals eine Benachrichtigung, ihr Sohn Fedor sei gefallen. Dabei wurde er von den Deutschen nach Deutschland deportiert. Er arbeitete im Steinbruch in Elsass-Lothringen an der Grenze zu Frankreich, unter der Aufsicht von bewaffneten Nazis mit Schäferhunden. Zweimal versuchte er die Flucht, wurde aber jedes Mal wieder aufgegriffen. Dass er am Leben blieb, hat er der Tatsache zu verdanken, dass ein deutscher Bauer ihn aus dem Lager holte und ihn bei sich im Pferdestall arbeiten ließ, wo er sich um die Pferde kümmern musste.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als Deutschland von den Amerikanern befreit wurde, wurde er Ende 1945 zusammen mit anderen Kriegsgefangenen unter Bewachung zurück in die Sowjetunion geschickt. Hier wurde er verurteilt, weil er in der Gefangenschaft gewesen war, und nach Prokopjewsk im Gebiet Kemerowo verschickt, wo er bis Juni 1953 in der Verbannung seine Strafe absaß. So wurde mein Vater Opfer des Stalinregimes.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Juni 1953 wurde er rehabilitiert, die Vorstrafe wurde ihm erlassen, und die Aberkennung der Bürgerrechte aufgehoben. Im Alter von 29 Jahren kehrte er an seinen Wohnort Nadeshjowka im Bezirk Skosyrskaja und zu seiner Mutter zurück. Im November 1953 heiratete er meine Mutter und lebte und arbeitete von da an im Ort Skosyrskaja. Er hat 30 Jahre als Koch in der Kolchose gearbeitet. Mit 60 Jahren ist er in Altersrente gegangen. Er hat mehrere Auszeichnungen für seine Verdienste bei der Arbeit bekommen, wurde Arbeitsveteran und mit der Medaille „Für außerordentlichen Arbeitseinsatz“ ausgezeichnet. Erst im Sommer 1998 hat er aber einen Nachweis über seine Teilnahme am Krieg bekommen, weil man ihn im Russischen Staatsarchiv erst 1998 von der Liste der Gefallenen gestrichen hat. Bis 1998 war er offiziell am 9.2.1943 gefallen. All diese 55 Jahre von 1943 bis 1998 war er moralisch unterdrückt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute wird er von Seiten des Staates gut behandelt: man zeigt Interesse an ihm, er bekommt eine Rente und im November 2008 hat er vom Staat ein Auto bekommen. Leider verlassen ihn aber langsam die Kräfte. Er ist jetzt Witwer, seine Frau ist vor acht Jahren gestorben. Er lebt bei mir, da sich täglich jemand um ihn kümmern muss.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seine Kinder: Ein Sohn, geb. 1954, eine Tochter, geb. 1956. Er hat drei Enkel, alle sind schon erwachsen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater hat unmenschliches Leid und Unrecht erleiden müssen. Deshalb sagt er sehr oft: „Gebe Gott, dass sich das alles nie mehr wiederholt.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Er dankt Ihnen für Ihre Arbeit und wünscht Ihnen dabei Alles Gute!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;F. A. Tscherepowskij&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_337.php</link>
<pubDate>08 Mar 2013 11:12:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Igor Lwowitsch Schwarzman</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihre finanzielle Unterstützung erhalten und bin Ihnen dafür sehr dankbar. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu antworten. Als wir im Ghetto waren, war ich noch klein, ich kann mich nicht mehr an viel erinnern, aber sogar das Wenige, das ich weiß, hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Soweit ich aus Erzählungen meiner Mutter und meiner Großmutter weiß, flohen wir 1941 vor den Besatzern und gelangten bis an den Dnjepr, irgendwo in der Gegend um Saporoshje. Dort kehrten wir um, da auf der anderen Seite des Dnjepr die Deutschen waren. Aber wir kamen nicht bis Kodyma, denn beim Ort Olgopol im Gebiet Winniza wurden wir von den Deutschen gefangen genommen und ins Ghetto gebracht. Das war im August 1941. Großvater wollte unbedingt nach Kodyma, aber sie ließen uns nicht. Jahre später haben wir erfahren, dass wir damals großes Glück hatten, denn in Kodyma wurde ein Teil der Juden aus dem Ghetto im September erschossen, und die restlichen Juden im Februar 1942. Nur wenige haben überlebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir waren bis März 1944 im Ghetto Olgopol. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als wir befreit wurden. Sie trieben uns alle (die Bewohner des Ghettos) in das einzige zweistöckige Gebäude im Ort (vielleicht war es die Schule, ich weiß es nicht) und schlossen uns dort ein. Vor allem waren es Frauen und Kinder, Männer waren nicht dabei. Die Fenster waren vernagelt, die Türen verriegelt. Wir hatten nichts zu essen. Alle weinten, Erwachsene wie Kinder. Nur einige Frauen, unter ihnen meine Großmutter, versuchten irgendwie Ordnung in die Menge zu bringen und die Kinder so gut es ging zu beruhigen. Meine Mutter kümmerte sich um meinen kleinen Bruder, er war am 2.1.1942 in Olgopol zur Welt gekommen. Mitten in der Nacht hörten wir Schüsse, Granaten, Kanonenschüsse. Dann ging plötzlich die Tür auf, und ein ganz junger Soldat rief: „Kommt heraus, wir haben es rechtzeitig geschafft!“ Die Frauen weinten noch mehr, jemand rief: „Sie wollen uns provozieren, seht doch, er hat Schulterabzeichen, die gibt es in unserer Armee nicht!“ Meine Großmutter aber nahm mich bei der Hand, rannte zur Tür und hinaus auf die Straße, und weiter zu dem Haus, in dem wir wohnten (Ich weiß noch, dass ich mich gewundert habe, warum die ganze Schule mit Stroh ausgelegt war. Ich hatte noch gefragt, Wozu ist das, damit es wärmer ist? Soviel ich weiß, wollten sie uns in der Schule anzünden. Deshalb hatte der Soldat gesagt, dass sie uns noch rechtzeitig befreit hatten). Meine Großmutter sagte später, sie habe sich große Sorgen um Großvater gemacht, der am Abend vorher verschwunden war.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor unserem Haus standen drei Pferde und zwei Soldaten. Sie versuchten, Großmutter zu beruhigen, sagten ihr, Großvater wäre los, um uns zu suchen. Kurz darauf kam er auch schon zurück. Es stellte sich heraus, dass die Männer bereits am Abend vorher davon erfahren hatten, dass die Deutschen das Ghetto liquidieren wollten. Ein paar von ihnen waren dann auf die andere Flussseite gegangen und hatten unsere Soldaten darüber informiert. Deshalb haben unsere Einheiten noch in der Nacht angegriffen, was uns das Leben rettete.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vom Leben im Ghetto sind mir nur das ständige Hungergefühl und das Gefühl der Angst in Erinnerung geblieben. In dem Haus, in dem wir wohnten, lebten noch mehrere andere Familien. In unserem Zimmer wohnten außer uns (meinen Großeltern, meiner Mutter, meinem Bruder und mir) noch zwei weitere Familien. Wir erkrankten alle nacheinander an Typhus. In der Ecke des Zimmers hatten wir ein Loch gegraben, in dem die anderen uns (meine Mutter und uns Kinder) manchmal versteckten. Als wir schließlich befreit wurden, lebte nur noch unsere Familie in dem Zimmer. Wo die anderen abgeblieben sind, weiß ich nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kann mich noch erinnern, dass wir mit den Erwachsenen zusammen auf den Feldern gearbeitet haben. Wir mussten Unkraut jäten, Kartoffeln sammeln, Maiskolben ernten. Im Winter rebelten wir den Mais. Meine Mutter nannte mich unseren Ernährer. Offensichtlich haben wir für diese Arbeit Essen bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nur eine Woche nach der Befreiung kehrten wir schon nach Kodyma zurück. Unsere Häuser waren alle abgebrannt. Meine Großeltern und meine Mutter liefen noch lange die Nachbarn und sogar die umliegenden Dörfer ab und sammelten unsere Möbel, unser Geschirr und andere Haushaltsgegenstände, die uns gehört hatten, ein. Und wieder hungerten wir. Der Hunger verfolgte uns noch lange. Mein Bruder war sehr krank, er konnte erst mit zehn Jahren in die Schule gehen und hat sie nie abgeschlossen. Mit sechzehn Jahren machte er eine Ausbildung im Betrieb. Er hat dann im Betrieb gearbeitet, musste aber schon mit 45 Jahren aufhören. Seitdem ist er Invalide.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich selbst habe 1954 auch eine Handwerksausbildung angefangen und in einem Betrieb gearbeitet, später dann im Bergwerk. Dann konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr körperlich arbeiten und habe am Technikum eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Später habe ich noch studiert. Seit 1994 bin ich zertifizierter Wirtschaftsprüfer. Ich bin Invalide zweiten Grades.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sowohl mein Bruder als auch ich sind immer wieder krank. Aber wir leben. Wir müssen leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Igor Schwarzman&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-maerz-2013.php</link>
<pubDate>02 Mar 2013 20:23:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>336. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Rjasan´&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Andrej Iwanowitsch Owodow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Andrej Iwanowitsch Owodow (ehemaliger Kriegsgefangener) möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief und die humanitäre Hilfe in Höhe von 12 458 Rubel erhalten habe. Ihre Unterstützung kam gerade zur rechten Zeit, denn gesundheitlich geht es mir gerade nicht sehr gut und ich habe mir von dem Geld ein teures Medikament kaufen können, ich hoffe, dass es mir helfen wird. Ich danke Ihnen sehr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin sehr froh, dass diese schweren Jahre meiner Jugend nicht vergessen sind. 1939 habe ich im sonnigen Armenien in der Armee gedient, mein Armeedienst verlief sehr gut, die Armenier bewirteten uns mit Weintrauben und Lawasch [armenisches Brot], und alles war wunderbar. Wir warteten schon auf unsere Entlassung, drei Monate hatten wir noch abzuleisten. Aber dann kam der 22.6.1941 und die Deutschen erklärten uns den Krieg. Wir wurden per Schiff von Armenien nach Noworossijsk gebracht, danach auf die Krim, wo ich dann in Gefangenschaft geriet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Eine Flucht war unmöglich, ringsumher nur Wasser, unsere Soldaten versuchten, zu den Unsrigen hinüber zu schwimmen, aber die Deutschen schossen aus dem Flugzeug auf sie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von der Krim wurden wir in die Ukraine gebracht, dort kamen wir hinter Stacheldraht und mussten arbeiten. Die Verpflegung war schrecklich. Die Gefangenen waren sehr geschwächt, viele konnten nicht zur Arbeit gehen, auch ich nicht. Die stark geschwächten Gefangenen wurden auf Bahren zum Sterben in ein halb zerstörtes Haus gebracht, auch mich brachten sie dorthin. Die Sterbenden bekamen Essen, aber sie konnten schon nichts mehr essen und starben. Nur ich starb aus irgendeinem Grund nicht. Eines Tages wurde eine Gruppe zum Abtransport nach Deutschland zusammengestellt, ihnen fehlte noch ein Mann und so wurde ich dazu genommen. Wir wurden in einen Zug geladen, jeder bekam einen Laib schwarzes Brot, das wir sofort aufaßen. Wir hatten nicht die Kraft, uns etwas aufzusparen, solchen Hunger hatten wir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir kamen in ein Übergangslager, in dem wir einen Tag blieben, dann wurden wir zur Arbeit zu Bauern gebracht. Da ich krank und schwach war, wollte mich keiner haben, aber dann fand sich dort ein gutherziger Bauer, der mich mitnahm. Die ersten Tage gab er mir eine leichte Arbeit und ich wurde gut verpflegt, so dass ich natürlich schnell zu Kräften kam. Der Bauer hieß Heinrich S. aus Barenhausen [Barsinghausen?]. Ich bin ihm dafür sehr dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dort war ich bis zum Schluss der Gefangenschaft. Wir wurden befreit. Nach der Befreiung diente ich noch zwei weitere Jahre in der Armee.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute lebe ich gut. Unsere kluge und geliebte Regierung mit Dmitrij Anatol´jewitsch Medwedjew und Wladimir Wladimirowitsch Putin kümmert sich sehr gut um uns. Ich bekomme eine gute Rente und uns wurde jemand zugeteilt, der uns pflegt. In der heutigen Zeit lebt es sich sehr gut, es ist nur schade, dass uns nur wenig Zeit geblieben ist, ich würde gerne noch ein wenig länger leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen nochmals für die finanzielle Unterstützung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Andrej Iwanowitsch Owodow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;4.3.2009.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_336.php</link>
<pubDate>01 Mar 2013 08:06:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Inessa Petrowna Shurichina</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Charkow.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erinnerungen an meine Kindheit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Winter 1941 war ich sechs Jahre alt. Ich kann mich noch gut an alles erinnern, was passiert ist. Deutsche Truppen nahmen meine Heimatstadt Charkow ein. Sie drangen in die Wohnungen der Menschen ein, nahmen ihnen Lebensmittel und Sachen weg, demütigten und schikanierten die Menschen, besonders die Juden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war sehr schwer, ihre Demütigungen zu ertragen und mit anzusehen. Jeder versuchte, sich irgendwo zu verstecken. Bald kam die Anordnung, die jüdische Bevölkerung habe sich an einer Sammelstelle bei der Traktorenfabrik einzufinden. Meine Mutter Paschet Semjonowna Krakower brachte mich zu russischen Bekannten, sie selbst musste zur Sammelstelle gehen und wurde mit 16000 anderen Juden in Drobizkij Jar erschossen. Mein Vater war zu dieser Zeit an der Front und fiel kurz darauf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unerwartet meldete jemand von der Polizai, dass bei einer Familie ein jüdisches Kind lebte. Ich kam ins Kinderheim und blieb dort bis 1944. Es waren sehr viele Kinder dort. Die Lebensbedingungen im Kinderheim waren sehr schlecht, wir froren und hungerten, und weil wir immer zu wenig zu essen hatten, gingen wir betteln.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Luftangriffe waren und alles brannte, wurden die Kinder in den Keller getrieben, bekamen jedes einen Zwieback und einen Schluck Wasser. Wir haben viel Schlimmes durchlebt, von dem ich nicht schreiben möchte, es nimmt mich zu sehr mit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1944 holte mich meine Tante zu sich, die Schwester meiner Mutter, die in der Evakuierung gewesen war.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Inessa Shurichina.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-februar-2013.php</link>
<pubDate>28 Feb 2013 16:29:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Fejga Naftulowna Schwarzman</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tultschin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Winniza.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Fejga Naftulowna Schwarzman, geboren 1938, wohne in Tultschin, uliza Lenina 100, kwartira 18. Mein Mädchenname ist Brener.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich befand mich im KZ „Todesschlinge“ in Petschora im Bezirk Tultschin vom ersten Tag des Ghettos bis zur Befreiung am 11. März 1944. Da ich erst drei Jahre alt war, als wir ins Ghetto kamen, kann ich mich praktisch an nichts mehr erinnern. Das meiste weiß ich aus den Erzählungen meiner Mutter.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich weiß von den schrecklichen Lebensbedingungen: Wir bekamen kein Essen, meine Mutter musste mich und meine ältere Schwester alleine lassen und außerhalb des Lagers um Essen betteln, oder sie arbeitete für die Ukrainer im Haushalt, wofür sie Kartoffelschalen, Möhren und Rüben bekam, um für uns Kinder und ihre Eltern wenigstens etwas zu essen zu haben. Viele Male wurde sie von den Rumänen geschnappt, sie schlugen sie und nahmen ihr das Essen weg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Lager sind meine Schwester Lisa, meine Großmutter, mein Großvater, meine Tanten und vier Cousinen gestorben – und das sind noch nicht alle. Wir schliefen auf dem Zementfußboden, in den Zimmern und Korridoren; überall war es überfüllt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich selbst kann mich noch an folgenden Vorfall erinnern. Meine Mutter war nicht da. Rumänen tauchten auf und nahmen die kräftigeren Leute mit zur Arbeit. Eine Frau nahm mich bei der Hand und sagte, ich sei ihre Tochter (wer Kinder hatte, den nahmen sie nicht zur Arbeit). Die Rumänen glaubten ihr nicht, packten mich, warfen mich zu Boden und schlugen mich so, dass alle dachten, ich würde es nicht überleben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als Folge des damals Durchlebten bin ich heute schwer krank, deshalb möchte ich dem Verein „Kontakte-Kontakty“ meinen aufrichtigen Dank für die Unterstützung aussprechen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dieser Brief wurde nach meinen Worten aufgeschrieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;16.10.2012.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Schwarzman&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-februar-2013.php</link>
<pubDate>28 Feb 2013 16:28:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>335. Freitagsbrief (vom Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwano-Frankowsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Andrej Sacharowitsch Jemeljantschuk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] Ich habe Ihre Glückwünsche zum Geburtstag bekommen und bin tief gerührt. Vielen Dank für die humanitäre Hilfe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihnen nichts von meiner Zeit in der Gefangenschaft geschrieben, die Erinnerungen daran sind so schmerzhaft, dass ich nicht an diese Zeit zurückdenken möchte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin am Dnjepr in Gefangenschaft geraten, ich war an beiden Beinen verwundet und hatte am Rücken Verletzungen von Granatsplittern. Ich kam ins Lager für Kriegsgefangene in Smela, dort wurde ich überhaupt nicht medizinisch versorgt, meine Wunden fingen an zu eitern und bekamen Maden. Essen gab es einmal am Tag - ein Glas verschimmelter Sonnenblumenkerne, in Folge bekamen alle die Ruhr, die Menschen starben wir die Fliegen. Mir hat ein älterer Kriegsgefangener, ein Usbeke, das Leben gerettet, er arbeitete bei den Deutschen in der Küche und offensichtlich tat ich ihm Leid, weil ich so mitleiderregend aussah. Er brachte mir Suppe und sterile Verbände. Nach einer Weile wurden wir Verwundeten nach Drogobytsch [Stalag 325Z] im Gebiet Lwow überführt, in ein Gefängnis, das noch unter Katharina der Großen erbaut worden war. Dort war es warm, das Gebäude wurde mit Gas beheizt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einmal am Tag bekamen wir eine Suppe aus Steckrüben und 300 Gramm Brot, das aus so genanntem /Spelzmehl/ hergestellt war, das ist Mehl aus Gerste und anderem Getreide und wenig Mehl.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Deutschen vertrieben sich die Zeit gerne damit, die Gefangenen zu verprügeln, die sich auf die Fuhre stürzten, auf der die Abfälle der Steckrüben aus der Küche abtransportiert wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu Neujahr bekamen wir Brot zum Sattessen, das die Kirche bei den Bürgern der Stadt gesammelt hatte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Beim Appell suchten die Deutschen Kriegsgefangene mit verschiedenen Berufen heraus, ich meldete mich als Bäcker, als ich schon wieder gehen konnte. Wir kamen in eine Bäckerei in Krakau in Polen. Der deutsche Bäckermeister testete unser Können beim Brotbacken. Als er bemerkte, dass ich davon keine Ahnung hatte, da verprügelte er mich brutal, weil ich gelogen hatte. Ich durfte aber trotzdem bleiben und kam zum Holzhacken, und das war neben dem Brot.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde 1945 bei Prag von der sowjetischen Armee befreit und dann in eine Einheit aufgenommen, in der ich noch bis 1948 gedient habe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt bin ich Rentner. Ich habe am Polytechnischen Institut in Lwow Physik und Mathematik studiert, bin Ingenieur.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Sie können, dann machen Sie bitte bekannt, dass ich Folgendes anbieten kann: eingelegte, gebratene oder getrocknete Champignons, z.B. für die Mitarbeiter der Opelwerke etc.. Ich kann Naturhonig aus den Bergen liefern, in jeder Menge und Sorte; Beeren: schwarze Johannisbeeren, Heidelbeeren aus den Karpaten etc. […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bitte teilen Sie mir Ihren Vatersamen und Ihre Adresse mit, ich möchte Ihnen zu Neujahr ein Päckchen mit eingemachten schwarzen Johannisbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren und mit Honig schicken. z.B. Lindenblütenhonig gegen Erkältungen. Alles umsonst.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Andrej Sacharowitsch Jemeljantschuk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;15.7.2009.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir schrieben Herrn Jemeljantschuk zuletzt vor zwei Jahren. Er meldete sich nicht mehr, wahrscheinlich ist er bereits verstorben. (E. Radczuweit)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_335.php</link>
<pubDate>22 Feb 2013 09:49:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>334. Freitagsbrief (vom Februar 2013, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Gasim Saifullinowitsch Manajew&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Baschkirien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[Es schreibt der Enkel Marcel Sagitow].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag! Unsere ganze Familie und unser geliebter Großvater senden Ihnen unseren herzlichen Dank! Danke für Ihr Interesse und die finanzielle Unterstützung!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach den schweren Nachkriegsjahren hatte Großvater weiter kein leichtes Leben. 1947 kehrte er in sein Heimatdorf zurück und hat praktisch sein ganzes Leben in der Kolchose gearbeitet, praktisch für umsonst … Die Altersrente, die sich Großvater erarbeitet hat, betrug nur 10 000 Rubel. Erst nach unendlich langer Zeit, am 27.07.2011, ist es uns allen unter großer Mühe gelungen, für ihn einen Nachweis als Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg zu bekommen, mit dem er als Kriegsveteran anerkannt wird. Erst seit diesem Zeitpunkt bekommt er eine anständige Kriegsrente, und unsere ganze Familie hat es zum Glück geschafft, die Wohnbedingungen zu verbessern!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Wichtigste ist aber natürlich der moralische Aspekt des Ganzen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sein halbes Leben lang hat sich Großvater benachteiligt und minderwertig gefühlt, trug immer eine Last auf der Seele. Wenn die anderen Veteranen und Kriegsteilnehmer feierlich zu Veranstaltungen eingeladen und geehrt wurden, saß unser Großvater mit gesenkten Augen daneben. Es kam vor, dass er ganz «vergessen» wurde und man ihn nicht mal zum Tag des Sieges eingeladen und ihm nicht gratuliert hat! Von manchen wurde Großvater gedemütigt und «Gefangener» oder «Faschist» geschimpft … Man kann sich kaum vorstellen, was für ein seelisches Leid das für ihn bedeutet hat! Unsere ganze Familie stand immer hinter ihm, und Großvater hat trotz aller Schwierigkeiten niemals den Kopf hängen lassen – dank seiner Kämpfernatur. Zum Glück hat sich die Situation in den letzten Jahren geändert. Endlich hat die Gerechtigkeit gesiegt! Die Ehre unseres Großvaters ist wiederhergestellt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für Außenstehende mag das amoralisch scheinen, aber leider hat unser Staat kein Interesse daran, den Veteranen und Kriegsteilnehmern zu helfen, so ist hier im Moment die Realität. Und den ehemaligen Kriegsgefangenen erst recht nicht. Deshalb müssen wir uns bei allem selbst helfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Großvater denkt nicht gern an seine schwere Vergangenheit zurück und erzählt auch nicht gerne davon, aber einmal hat er uns eine Episode aus der Zeit der Gefangenschaft erzählt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war Abend. Die russischen Gefangenen hoben in der Kälte Gruben aus. Großvater war sehr krank, und in diesem Moment wurde ihm schlecht. Er fiel beim Gehen vor Erschöpfung und Müdigkeit zu Boden. Er hatte kaum noch Kraft, aber er stand wieder auf, nahm wieder den Spaten in die Hand und führte weiter die Befehle der deutschen Soldaten aus, widerspruchslos und ohne sich zu schonen. Dann fiel Großvater wieder hin, und dieses Mal schaffte er es nicht, wieder aufzustehen. Die Kräfte hatten ihn verlassen … Es schien keine Hoffnung mehr für ihn zu geben; nur ein Wunder hätte ihn retten können.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;«Aufstehen!» sagte ein Soldat zu ihm auf Deutsch. Großvater versuchte, den Kopf zu heben und erkannte unscharf die Silhouette eines deutschen Soldaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;«Der Russe lebt», rief der deutsche Soldat. Dann half er dem erschöpften und entkräfteten russischen Soldaten aufzustehen und gab ihm etwas zu trinken. Danach holte er aus seinem Rucksack ein kleines Päckchen hervor, wickelte ein Stück Brot aus und streckte es Großvater hin. Das Gleiche wiederholte sich nun jeden Tag. Der deutsche Soldat half Großvater wieder auf die Beine und ließ ihn nicht sterben …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dieser Vorfall sagt viel aus und hat eine tiefere Bedeutung. Das System legte den Menschen Fesseln auf, schickte sie in eine Sackgasse, in der ein Mensch den anderen töten musste, um selbst am Leben zu bleiben. Man hatte keine Wahl. Entweder er oder du. In so einer Lage gibt es keine Schuldigen, da jeder nur seine Aufgabe erfüllt, seiner Bestimmung nachkommt, die man ihm oktroyiert hat; wie ein winziges Rädchen in einem riesigen Mechanismus, wie mein Großvater es immer sagt. Er hegt keinen Groll: «So war das Leben, so waren die Umstände», sagt er. Auch er lässt Ihnen seinen aufrichtigen Dank ausrichten!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Februar wird mein Großvater 95 Jahre alt. Mit der Gesundheit steht es nicht zum besten, aber Großvater lässt sich nicht unterkriegen und liebt das Leben!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Marcel Sagitow, der Enkel (19 Jahre alt)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_334.php</link>
<pubDate>15 Feb 2013 06:52:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Bremer Appell zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2013</title>
<description>&lt;p&gt;Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wird aller NS-Opfer gedacht, auch der 900 als erste in Auschwitz mit Giftgas ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie zählen neben den europäischen Juden zur größten NS-Opfergruppe. In den ersten 10 Monaten des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion starben zwei Drittel der sowjetischen Kriegsgefangenen in Lagern der Wehrmacht. Diese „Russenlager“ waren Sterbelager. Die Gefangenen verhungerten, starben wegen mangelnder Hygiene an Seuchen, wurden ermordet. Trotz der Notwendigkeit, als Zwangsarbeiter verwertete sowjetische Kriegsgefangen zu ernähren, dauerte das Massensterben bis Kriegsende an. Von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen kamen bis zu 3,3 Millionen zu Tode. Sie waren Opfer rassenideologisch motivierter NS-Gewaltherrschaft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie hatten die härteste Zwangsarbeit zu verrichten und gelten trotzdem der Bundesrepublik Deutschland als „nicht leistungsberechtigt“. Nur wenige Überlebende, die in KZ-Haft waren, erhielten die Zwangsarbeiter- entschädigung. Als Begründung galt dem Bundesverfassungsgericht „die besondere NS-ideologisch motivierten Diskriminierungen und Misshandlungen“ und weil „die Haft in einem Konzentrationslager nicht als allgemeines Kriegsschicksal angesehen werden kann.“ In einer offiziellen Liste von 3800 anderen Haftstätten, die der KZ-Haft vergleichbar sind, hätten auch die „Russenlager“ aufgeführt werden müssen. Die Haftbedingungen waren zeitweise grausamer als in Konzentrationslagern. Warum wurde dies ignoriert? Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag könnte jedem Politiker nahe bringen, dass dort die Gefangenen nicht unter „allgemeinem Kriegsschicksal“ litten. Sie wurden unter dem Diktat der NS-Ideologen als „Untermenschen" misshandelt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Warum verweigert die Bundesregierung bis heute den wenigen noch lebenden ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen eine humanitäre Geste der Anerkennung dieses Unrechts?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor den ehemaligen „Russenlagern“ liegen Hunderttausende in anonymen Massengräbern. Ihre Namen werden ermittelt durch deutsch-russische Archivsuche. Wir fordern die Bundesregierung dazu auf, dem Gesetz [*] nach zu handeln: Die Grabstätten müssen in würdiger Form mit den Namen der Toten gekennzeichnet werden!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ehemalige sowjetische Kriegsgefangene erinnern sich an Gesten der Solidarität und des Mitleids. Menschlichkeit gab es selbst in Zeiten des Terrors. An ein heimlich zugestecktes Stück Brot denken sie bis zum Lebensende mit Dankbarkeit. Unserem Bürger-Engagement verdanken bisher über 7000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Geldspenden, die als Geste der Anerkennung von Unrecht gereicht wurden. Schülergruppen gestalten aus Tontafeln an Massengräbern Namensschilder. Der Bundesregierung werden also Beispiele zum Handeln geboten. Das Gedenken der Toten und die Verantwortung für die Überlebenden des Naziterrors sind unteilbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Bundesregierung wird aufgefordert, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene nicht weiterhin zu missachten und eine Geste der Anerkennung zu beschließen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Vorstand des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. und die Gäste einer Veranstaltung des Bremer Evangelischen Bildungswerks zum Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer: Prof. Dr. Karl Marten Barfuß, Eckart Behm-Blüthgen, Ingeburg Bertzbach, Jörg Bismark, Steffen Breyer, Anke Buchow, Uta-Maria Cau du Buisson, Hartmut Drewes, Klaus von Freyhold, Richard Grassick, Gunther-Cornelius Hagel, Eike Hemmer, Uwe Henrion, Dorothea Hoffmann, Dr. Hans-Gerhard Klatt, Corinna Kuprin, Behina Magull, Barbara Matuschewski, Prof. Dr. Friedrich Ortmann, Prof. Dr. Hedwig Ortmann, Siegrid Petrahn, Karin Pfeiffer, Ursula Prahm, Reinhard Prail, Eberhard Radczuweit, Petra Redert, Frauke Scheller, Wolfgang Schwanebeck, Julia Schwarzmann, Sabine Springorum, Kerstin True-Biletski, Eva Wertheim, Beatrix Wuppermann, Edgar Zimmer, Marlen Zimmer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Bundesgesetz zur Erhaltung von Gräbern der Opfer von Krieg u. Gewaltherrschaft&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/kriegsgefangene/bremer-appell.php</link>
<pubDate>10 Feb 2013 09:15:00 GMT</pubDate>
</item>
		
<item>
<title>333. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;GebietStawropol´&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Georgij Fedorowitsch Al´tschakow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Herren des Vereins „Kontakte“,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es grüßt Sie der ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Georgij Fedorowitsch Altschakow. Ich möchte den einfachen Bürgern Deutschlands meinen Dank ausdrücken, die mir humanitäre Hilfe haben zukommen lassen. Ich habe sie Anfang Februar 2009 erhalten. Das war ziemlich unerwartet und eine schöne Überraschung für mich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kann nur mit tiefer Bitterkeit und unter Tränen an die Tage zurückdenken, die ich in Deutschland in der Gefangenschaft verbracht habe. Im Juni 1941 wurde ich im Alter von achtzehn Jahren zur Verteidigung der Heimat eingezogen. Wir durchliefen die Armeeausbildung in Georgien und wurden dem 73. selbständigen Panzerjägerbataillon im Nordkaukasus zugeteilt, jeder von uns wurde mit einer Maschinenpistole mit 32 Patronen ausgerüstet. Aber unser Zug erreichte das 73. Panzerjägerbataillon nie, denn am 4. November 1942 wurde unser Zug in der Gegend der Stadt Alagir in Nordossetien von Luftlandetruppen eingekesselt und gefangen genommen. Wir wurden in Güterwaggons nach Deutschland deportiert, bekamen am Tag nur 100 Gramm Brot und einen Becher heißes Wasser.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 23. Dezember 1942 kam ich ins deutsche Lager Nr. 326, wo man alte deutsche Uniformen an uns ausgab und uns dann auf andere Lager aufteilte. Am 10.6.1942 kam ich ins Arbeitslager Nr. 2114. Das war ein großes unter Bewachung stehendes Gebäude (ein ehemaliger Klub) und auf der Pritsche jedes Gefangenen stand der Name des Arbeitgebers, bei dem er arbeiten musste. Ich kam zum Bauer Adolf […] [*], der in der Nähe der Station Rimbeck [Warburg] lebte, sieben Kilometer außerhalb von Düsseldorf [Paderborn?]. Dieser „Flußbauer“ (neben dem Gehöft floss ein kleiner Fluss) hatte ein großes zweistöckiges Haus, die Nummer zehn und einen großen Bauernhof. Er war ein strenger Chef, zwang mich, von morgens fünf Uhr bis abends um acht das Vieh zu versorgen und auf dem Feld zu arbeiten (pflügen und Getreide ernten). Um acht Uhr abends mussten wir ins Lager zurück, wo wir zum Appell antreten mussten. So verlief mein Leben zwei Jahre lang, bis uns die amerikanischen Truppen am 31. März 1945 befreiten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem ich die Überprüfung durchlaufen hatte, wurde ich am 15.8.1945 der Armeeeinheit Nr. 07068 zugeteilt, die in der östlichen Besatzungszone in Rostock stationiert war. Später wurde ich nach Neustrelitz überführt ins 76. Flakartillerieregiment, das der 9. Garde-Panzerdivision unter Führung von G. K. Schukow untergeordnet war.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Februar 1947 wurde ich aus dem Armeedienst nach Hause entlassen. Noch im gleichen Jahr habe ich geheiratet, ich habe vier Kinder großgezogen, wir haben fünf Enkel und einen Urenkel. Ich habe mein ganzes Leben im meinem Heimatdorf Nowotroickij in der Landwirtschaft gearbeitet, 48 Jahre lang. Meine Rente ist nicht sehr hoch, in den letzten Jahren hat der Staat den Kriegsteilnehmern die Renten erhöht, aber unsere Regierung kümmert sich nicht sonderlich um die Alten. Am 10. Februar 2009 habe ich meinen 85. Geburtstag gefeiert, aber ich fühle mich als schwacher, kränklicher alter Mann.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich hoffe sehr, dass die Menschheit beginnt, sich Gedanken über die Folgen der Weltkriege zu machen und keine neuen Kriege mehr zulassen wird, die für die Menschen nur Zerstörung, Leid und Unglück mit sich bringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;der ehemalige Kriegsgefangene Al´tschakow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Aus Datenschutzgründen wird der Name ausgeklammert.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_333.php</link>
<pubDate>09 Feb 2013 11:21:00 GMT</pubDate>
</item>



<item>
<title>Klara Judowna Akselrod</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwano-Frankowsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;An den deutschen Verein „Kontakte-Kontakty“ von Klara Judowna Akselrod.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde am 29.1.1935 in Torocholino im Gebiet Stanislaw [heute Gebiet Iwano-Frankowsk] geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem unser Ort Torocholino 1941 von deutschen Truppen besetzt worden war, zogen meine Eltern mit mir nach Stanislaw um, zu Verwandten meines Vaters.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einige Tage nach unserem Umzug in die Stadt (Ende Oktober 1941), wurde unsere ganze Familie zusammen mit mehreren tausend jüdischen Bewohnern der Stadt ins Ghetto umgesiedelt. Dort waren wir bis zum Frühjahr 1943. Im Ghetto lebten wir unter permanenter Angst, Hunger und Kälte. Wegen der Unterernährung war ich oft krank, ich lag im Bett, konnte nichts mehr sehen und konnte nicht mehr laufen. Meine Eltern mussten schwere Zwangsarbeit leisten, hauptsächlich am Bau. Jeden Tag hatten sie Angst, dass sie den Tag nicht überleben würden. Die Kranken und Schwachen wurden rausgeholt und zum jüdischen Friedhof gebracht, wo schon Gräben ausgehoben waren, in denen sie nach der Ermordung verscharrt wurden. Mehrmals hetzten sie im Ghetto die Hunde auf mich, und ich wurde von Soldaten der deutschen Armee verprügelt. Bis heute sehe ich diese Szenen noch genau vor mir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;52 unserer Verwandten sind im Ghetto umgekommen. Ende 1942 und Anfang 1943 verschlimmerten sich die Lebensbedingungen im Ghetto erheblich. Mein Vater erkannte, dass wir im Ghetto keine Überlebenschance hatten und beschloss, die Flucht aus dem Ghetto zu versuchen. Mit der Hilfe eines Bekannten meines Vaters [hier eine Zeile der Kopie unlesbar, Anm. d. Übs.] schafften wir es, dieser Hölle zu entfliehen. Wir gingen in der Nacht zurück in unser Dorf, obwohl dort die deutschen Besatzer waren. Wir hatten große Angst um unser Leben. In dieser schier ausweglosen Situation wandten sich meine Eltern hilfesuchend an unseren ehemaligen Nachbarn, den Priester Iosif Michajlowitsch Petrasch. Als wir bei ihm auftauchten, freute er sich sehr, dass wir noch am Leben waren. Petraschs Familie gab uns Essen und Kleidung und brachte uns in einem extra Zimmer unter, das sie absperrten, damit niemand erfuhr, dass wir da waren. Sie hatten Angst, dass sonst Gerüchte darüber aufkommen konnten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach einiger Zeit wurden in der Nachbarschaft deutsche Offiziere einquartiert, so dass es für uns zu gefährlich wurde, dort zu bleiben. Der Priester wandte sich an den Djaken [Pope], dem er vertraute, und bat ihn, uns unter seine Fittiche zu nehmen. So fanden wir unseren nächsten Unterschlupf auf dem Gehöft des Djaken, wo wir uns in einem Erdloch unter dem Stall versteckt hielten. Einmal am Tag brachten sie uns Essen – unser Retter teilte das letzte Stück Brot mit uns.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In dem Erdloch unterm Stall war es dunkel, feucht und kalt, und so bekam ich eine Lungenentzündung. Der Djak erzählte Priester Petrasch davon, dass ich krank sei, und er war so mutig, mich zu sich zu holen und mich gesund zu pflegen. So wurde ich von meinen Eltern getrennt. Ich wurde wieder gesund, konnte aber nicht zu ihnen zurückkehren, weil ich noch zu schwach war. Die Familie des Priesters beschloss gemeinsam mit meinem Vater, dass sie mich nach der ukrainischen Tradition einkleiden und mir christliche Gebete beibringen würden, um mich dann zur Arbeit ins Nachbardorf zu schicken. Ich ging also ins Dorf Fedosow, aber bis zum Abend konnte ich keine Arbeit finden, ich war abgemagert, klein und kränklich. Dann stellte ich mir vor, dass ich durch den dunklen Wald zurück nach Torocholino laufen musste. In meiner Verzweiflung klopfte ich beim letzten Haus im Dorf an und fing an zu weinen. Die Bäuerin hatte Mitleid mit mir und gab mir Arbeit für sechs Monate (ich musste die Kuh hüten). Die Tochter der Bäuerin hatte eine Freundin, sie hieß Paraska. Paraskas Mutter war am Typhus gestorben, sie war allein und schlug mir vor, ihre Schwester zu werden. Die sechzehnjährige Paraska sprach das mit meiner Bäuerin ab, und von da an lebten wir zusammen, bis 1946.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung des Gebietes Stanislaw durch die Rote Armee machte mich mein Vater ausfindig. Meine Mutter war zu der Zeit schon gestorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bis heute wärmt mir die Erinnerung an diese Menschen das Herz, nicht jeder kann in so einer schweren Situation seine Sicherheit und die Sicherheit ihrer Kinder aufs Spiel setzen, vielleicht sogar das Leben: die Familie des Priesters Petrasch aus Torocholino und die Bewohner des Dorfes Fedosow, Praskowja Semjonowna Dutlag [?].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für meine Familie waren und sind sie bis heute wie Verwandte, wir werden immer in Kontakt bleiben und uns gegenseitig unterstützen, und uns an die schweren Jahre erinnern, die wir gemeinsam durchgestanden haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Iosif Michajlowitsch Petrasch wurde postum zum Gerechten unter den Völkern erklärt. Auch Taraskowja Semjonowna Dutlag [?] ist eine Gerechte unter den Völkern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Klara Judowna Akselrod, habe Ihnen in aller Kürze von den schwersten Jahren in meinem Leben berichtet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für Menschen wie mich ist die Arbeit, die Ihr deutscher Verein „Kontakte- Kontakty“ leistet, von schier unschätzbarem Wert, weil sie die Erinnerung an das tragische Schicksal unseres Volkes vom Grund der Geschichte an die Oberfläche holt, weil sie Belege aus den Archiven zusammenstellt und Zeitzeugen des Holocaust befragt, und heutige Erscheinungen von Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus bekämpft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für die finanzielle Unterstützung, die ich für Ihnen zur Behandlung meiner Krankheit bekommen habe, ungeachtet der internationalen Wirtschaftskrise.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Akselrod.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;25.02.2010&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-februar-2013.php</link>
<pubDate>07 Feb 2013 14:16:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>332. Freitagsbrief (vom Juli 2010, aus dem Russischen von Norbert Ehle)</title>
<description>&lt;p&gt;Jakow Andrianowitsch Nikulin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Moskau.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag Dmitrij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute habe ich etwas ausführlicher mit Großvater gesprochen und möchte Ihnen noch einige Zeilen darüber schreiben, wie er durch den Krieg gekommen ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Großvater lebte auf dem Dorf und mit 20 Jahren ging er zum Armeedienst in Belorussland. Eines Abends gingen sie mit den Kameraden ins Kino, nach einer Weile kam der Diensthabende angelaufen und brachte den Befehl, zur Einheit zurückzukommen. Sie wurden versammelt, erhielten den Befehl mit vollständiger Ausrüstung anzutreten und wurden zum Bahnhof geführt. Unterwegs wurde nichts erklärt. Sie wurden in die Ukraine gebracht, auf die Einheiten verteilt und am selben Abend sagte man ihnen, dass der Krieg begonnen hat und sie sofort zum Angriff abrücken werden. Großvater war 1. MG-Schütze. Sie liefen durch einen Wald und wurden fast augenblicklich von Flugzeugen beschossen, sehr viele wurden auf der Stelle getötet, die Verbliebenen gingen zum Rückzugüber, aber sie befanden sich schon in der Einkreisung durch die Deutschen. Als sie sich an ein nahe gelegenes Dorf heranarbeiteten, gerieten sie wieder unter Beschuss und Großvater wurde am rechten Bein verwundet, im Bereich des Knies, ein Durchschuss (als er das erzählte, zeigte er mir die Narbe von der Kugel). Sie hatten keinen Sanitäter und sein Kommandeur verband ihm das Bein mit dem Stück von einer aufgetrennten Hose. Sie gelangten bis zu einem Dorf, jedoch den Einwohnern war befohlen worden, keine Hilfe zu leisten und russische Soldaten nicht einzulassen. Aber manch einer hat sich trotzdem entschlossen zu helfen. Manbeherbergte sie in einer Scheuneund gab ihnen Milch und Teigfladen. Am nächsten Morgen brach der Kommandeur auf, wobei er dem Großvater versicherte, dass er Hilfe schicken würde, wenn es ihm gelänge. Zu der Zeit war dessen Bein schon stark angeschwollen und er konnte sich nur sehr schlecht fortbewegen. Er ging hinaus zum Brunnen um zu trinken, ringsum flogen Flugzeuge, Dröhnen stand in der Luft und er merkte nicht sofort, dass sich auf dem Weg ein deutscher Panzer näherte. Als er ihn sah, war es schon zu spät zu fliehen, ein deutscher Soldat befahl ihm, die Waffe im Anschlag, die Hände zu heben und nahm ihn gefangen. Hinter dem Wald war ein großer Tagebau, von Stacheldraht umgeben, und darin waren schon Tausende Gefangene. In freiem Gelände, unter sengender Sonne, ohne Wasser und Essen. Dort saß er fünf Tage. Viele starben vor Hitze und an Dehydrierung. Danach wurden sie in den Wald getrieben, unter ähnlichen Bedingungen, aber man gab ihnen Wasser. Dort schliefen sie dicht aneinandergedrängt und drehten sich nur auf Kommando auf die andere Seite um. Danach wurden sie ins „Ferienlager“, das Ziganai (oder irgendwas in der Art) genannt wurde, überstellt. Dort bekamen sie morgens 10 Gramm Brot, einen Becher Tee, und zum Mittag – jeder eine Kelle Suppe (Wasser und Rüben), zum Abend gab es nichts. Sie wohnten in riesigen Baracken, schliefen in dreistöckigen Kojen, Matratzen und Kissen waren mit Stroh gestopft. Nachdem sie hierher gebracht worden waren, hatten alle Soldaten Läuse, aber nicht ein oder zwei Stück, sondern wie Großvater sagte, man musste sie vom Körper streifen wie eine zweite Haut. Den Verwundeten ging es noch schlechter, weil sich die Läuse in das Fleisch fraßen. Nach einiger Zeit wurden sie in Reihe aufgestellt und zwei deutsche Offiziere, in Begleitung von Hilfspolizisten, siebten die Juden nach äußeren Kennzeichen heraus. Als er an Großvater vorbeikam, stieß der Hilfspolizist ihn mit dem Finger an und holte ihn mit dem Worten „ein Jude“ aus dem Glied, der deutsche Offizier jedoch schaute ihn an und sagte: „Nein, ein Russe“ und befahl, ins Glied zurückzutreten (Als er das erzählte, bemerkte Großvater: „Danke diesem Deutschen, wenn er nicht gewesen wäre, würde ich nicht mehr unter den Lebenden sein“). Nach dieser Siebung wurden die Juden am Rand eines ausgehobenen Grabens aufgestellt und erschossen, dann wurde dieses Grab einfach mit Erde zugeschüttet. Nach dieser „Säuberung“ wurden sie zur Dusche geführt, gaben die Kleidung zur chemischen Reinigung ab und wurden aus Schläuchen mit eiskaltem Wasser übergossen, wie in einer Dusche, und man musste gerade stehen, wenn sich irgendjemand beugte, wurde er mit Gummiknüppeln geschlagen, das erheiterte die Deutschen sehr. Danach bekamen sie die Kleidung zurück, Großvater sagte, dass sie schrecklich gestunken hatte, aber dafür hat er niemals mehr in seinem Leben Läuse gesehen. So vegetierten sie einige Zeit. Jeden Tag wurden Gruppen von 25–50 Mann zur Arbeit im Bergwerk und an anderen Orten zusammengestellt. Die Anwerbung war freiwillig, aber wenn die bestimmte Zahl nicht zusammenkam, nahm man einfach jene, welche am nächsten standen. Eines Tages ließ man sie antreten und sagte, man bräuchte eine Gruppe von 25 Mann, da sagte Großvater zu seinem Landsmann, dass man vortreten sollte, weil das eine kleine Gruppe sei und sicher irgendwohin zu einem Gutsbesitzer sollte. Sie traten vor und so passierte es auch, sie wurden von einem Baron zur Arbeit mitgenommen, der in der Nähe von Königsberg [?] wohnte. Er besaß eine große Waldfläche und sie arbeiteten bei ihm im Wald, sie fällten Bäume und verarbeiteten sie zu Balken. Sie arbeiteten paarweise mit deutschen Zivilisten zusammen, 4 „Russen“ und 2 Deutsche in einer Gruppe. Großvater erzählte, dass es anfangs, wenn er sich schlafen legte, still und dunkel war, aber nach einiger Zeit konnte er, wenn er sich schlafen gelegt hatte, das Blitzen explodierender Geschosse und das Dröhnen von Flugzeugen hören, die Armee rückte vor. Dann wurden sie evakuiert, weil es unmöglich wurde, in der Nähe von Königsberg zu bleiben und sie wurden unter Bewachung durch Wälder an einen anderen Ort geführt (er erinnert sich, dass dort sehr viele Apfelbäume waren). Unterwegs gerieten sie unter Beschuss der Amerikaner, die Bewachung lief auseinander, aber sie gingen wohin das Auge blickt … Nach einiger Zeit kamen sie auf einen Weg hinaus und ihnen entgegen kamen amerikanische Soldaten, die sie mitnahmen. Nach einer weiteren Weile haben die Amerikaner die gefangenen Soldaten den Russen an der Elbe übergeben. Nach der Rückkehr wurden alle ehemaligen Gefangenen ins Gefängnis gesteckt und unter der Anklage des Verrates an der Heimat verhört (und das nach all dem, was sie durchlebt hatten und von den eigenen Landsleuten … ich war schockiert). Großvater bestand das Verhör sofort, weil er ja verwundet worden war und rein physisch nicht irgendwohin fliehen konnte, das heißt er kam notgedrungener Weise zu den Deutschen und nicht aus eigenem Willen. Danach wurde er einer Militäreinheit zugeteilt, wo er noch ein halbes Jahr diente und dann nach Hause entlassen wurde. Er kam im Juni 1946 nach Hause und im September 1946 heiratete er meine Großmutter. Sie lebten zusammen auf dem Dorf (Gebiet Tambow) bis 1988, dann holten wir sie nach Moskau. Großmutter ist am 10. Mai des vergangenen Jahres gestorben, sie hatten 63 Jahre zusammen gelebt, es hat ihn sehr mitgenommen und ich habe zum ersten Mal gesehen, dass er weinte … Er hat zwei Töchter, mich (die Enkelin) und einen Urenkel der jetzt ein Jahr sechs Monate ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;An konkrete Daten, Namen von Städten, Personen kann er sich natürlich nicht erinnern. Sein Gedanke war stets nur – nach Hause zurückkehren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So – im Grunde alles, was ich schreiben wollte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit Hochachtung,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jekaterina (Enkelin des Nikulin, Jakow Andrianowitsch)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_332.php</link>
<pubDate>01 Feb 2013 21:04:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Swetlana Lwowna Dowgal´</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Swetlana Lwowna Dowgal´, wurde am 25.05.1936 in Odessa als Tochter von Lew M. Wladowskij geboren. Ich hatte noch zwei Geschwister. Unser Vater ist im Krieg gefallen. Unsere Mutter versteckte uns Kinder vor den Faschisten. Im März 1942 ist sie gestorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Verwandte meiner Mutter nahmen meine kleine Schwester Nadezhda (geb. 1931) und meinen kleinen Bruder Aleksandr (geb. 1938) zu sich, sie lebten im Gebiet Chmelnizkij. Dort verriet sie ein Polizai, er meldete, dass sie jüdische Kinder waren. So wurden sie erschossen. Ich blieb in Odessa, lebte bei fremden Menschen, die mich versteckten. Bald aber wurde ich entdeckt und mit anderen ins Ghetto Domanjowka getrieben, wo ich alle Gräuel des Lebens im Ghetto erfahren habe. Im März 1944 wurden wir von der Roten Armee befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg – ein Leben als Waise, Ausbildung, Arbeit, Familie, Kinder, Enkel, Urenkel … ich lebe!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen sehr für die Unterstützung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;S. Dowgal&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-juli-2013.php</link>
<pubDate>30 Jan 2013 20:27:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Lidija Michajlowna Kusnezowa</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Saporoshje.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Vorstandsmitglieder von „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen dafür, dass Sie uns unterstützen, die glücklichen Überlebenden einer sehr schweren Zeit für unser Land, als es von den deutschen Faschisten besetzt war. Wir hegen Ihrer Generation gegenüber, die an den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges keinen Anteil hat, uns aber für diese um Verzeihung bittet, keinerlei feindlichen Gefühle. Aber natürlich wünschen wir uns sehr, dass unsere Enkel und Urenkel niemals so etwas erleben müssen wie wir damals.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Krieg begann, war ich sechs Jahre alt und lebte zusammen mit meiner Mutter und meiner älteren Schwester in Nikopol im Gebiet Dnepropetrowsk (Ukraine). Mein Vater war an der Front. Im August 1941 marschierten deutsche Truppen in unserer Stadt ein. Bald gab es die Anordnung, alle Menschen jüdischer Herkunft bis zur vierten Generation (bis zu den Urgroßeltern) hätten eine gelbe Armbinde zu tragen. Und im Oktober mussten sich alle auf dem Marktplatz der Stadt einfinden, mit Papieren und Gepäck. Mein Vater war zwar Jude, meine Mutter aber Russin und ebenso meine Schwester, ihre Tochter aus erster Ehe, und deshalb ging Mutter mit uns nicht zum Sammelpunkt. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass alle, die zum Marktplatz gekommen waren, außerhalb der Stadt erschossen worden waren. Deshalb versteckte mich meine Mutter bei den Nachbarn im Keller. Danach wurde die Stadt noch mehrere Wochen durchsucht und all diejenigen, die damals nicht zum Platz gekommen waren, wurden erschossen. Auch bei uns tauchten mehrere Male Polizai auf und durchsuchten das Haus, den Stall und den Keller. Meine Mutter wurde zum Verhör auf die Kommandantur bestellt, und dort sagte sie, sie habe mich für den Sommer zur Großmutter gebracht und ich sei dort geblieben. Da die Durchsuchungen nicht nur tagsüber, sondern auch nachts stattfanden, musste ich auch im Keller schlafen. Dort war es kalt und dunkel und ich hatte Angst. Ich erkältete mich und wurde krank. Meine Mutter hatte Angst, mich nach Hause zu holen, deshalb bat sie eine entfernte Verwandte, die am Stadtrand wohnte, mich zu sich zu nehmen. Dort konnte ich im Haus wohnen, im Warmen, und im Sommer lebte ich auf dem Dachboden. Ende 1942, als es in der Stadt ruhiger wurde, holte Mutter mich nach Hause. Sie lud niemanden zu uns nach Hause ein, und als es warm wurde, schlief ich auf dem Dachboden unseres Hauses oder des Stalls. So habe ich überlebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt im hohen Alter (ich bin 78 Jahre alt) bekommen wir „Kriegskinder“ eine bescheidene Rente in Höhe von 120 Dollar, unabhängig von Art und Dauer der Arbeit, und so sind wir in einer traurigen Lage. Diese Rente reicht kaum für Lebensmittel und die Wohnungsnebenkosten. Deshalb bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihre Unterstützung, die es mir ermöglicht, meine Ernährung wenigstens ein bisschen aufzubessern und mir Medikamente zu kaufen. Ich danke Ihnen auch für Ihr Interesse an uns und unserem Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen noch ein frohes Neues Jahr 2013 wünschen. Möge es für Sie ein fröhliches, erfolgreiches und gesundes Jahr werden!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;L. Kusnezowa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;9.1.2013.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S.: Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen mit einem Jahr Verspätung schreibe. Der Grund dafür ist, dass ich letztes Jahr bei meinem Sohn in Russland zu Besuch war, weshalb meine Verwandte damals Ihren Brief mitgenommen hat, aber bei ihr in der Wohnung haben sie renoviert und sie hat vergessen, wo sie den Brief hingelegt hat. Erst vor Kurzem hat sie den Brief wieder gefunden und mir gegeben.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-4-januar-2013.php</link>
<pubDate>30 Jan 2013 20:23:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Brief von Kusmin Valentina Josifowna</title>
<description>&lt;p&gt;Guten Tag!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu Ihrem Brief vom 12. Juni 2012 gebe ich Ihnen folgende Information.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Kusmin Valentina Josifowna, Mädchenname Kruk, wurde am 14. August 1924 im Dorf Schawraki Werchnedwinsker Rayon, vor dem Krieg Osveisker, Witebsker Gebiet, geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Während des Krieges 1941–1945 wurden auf dem Gebiet unseres Dorfsowjets folgende Dörfer niedergebrannt: Schewraki, Rubany, Saleno, Dedino, Popiluschowo, Wyschnarowo, Osetki, Wydritzkie, Gorowatki, Mikolenki, Korenniki, Gromowki. Die Anzahl der lebendig verbrannten Menschen ist mir nicht bekannt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Während der zweiten Racheexpedition im Dezember 1943 wurde ich, Kusmin Valentina Josifowna (Kruk) zusammen mit meinen Dorfanwohnern: Koslowa Lisa und Vera (Schwestern), Orshanik Kwjatinja, Kudlo Maria, Mozulewym Petr, Butromei Fenja (Kruk) von dem Straftrupp in der Partisanenzone aufgegriffen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden in das Rayonzentrum Werchnedwinsk in das Gestapogefängnis gebracht, das sich im Gebäude der Miliz befand. 1,5 Monate lang mussten wir Hohn und Spott, Schläge, Verhöre erdulden, danach wurden wir in das Lager für Zivilisten überführt, wo wir uns bis zum Juli 1944 befanden und durch Truppen der Sowjetarmee befreit wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am Leben blieben nur ich und meine Schwester Buromei Fenja Josifowna. Jetzt wohne ich an folgender Adresse Werchnedwinsker Rayon, Osweisker Dorfsowjet, Dorf Wesnjewo. Butromei Fenja wohnt Werchnedwinsker Rayon Sarjansker Dorfsowjet, Dorf Sarja.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir, die wir am Leben geblieben sind, erinnern uns an alle Schrecken des Krieges und bitten das deutsche Volk niemals die Verbrechen der Faschisten gegen die Menschheit zu vergessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll Kusmin Valentina Josifowna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;2. Oktober 2012.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Übersetzung Martin Creutzburg&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/belarus/verbrannte-doerfer-in-belarus.php</link>
<pubDate>30 Jan 2013 20:21:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>331. Freitagsbrief (vom Juni 2009, aus dem Russischen von Ilse Tschörtner)</title>
<description>&lt;p&gt;Kreis Stawropol´&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jewgenij Pawlowitsch Petrossow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Brief von Jewgeni.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, Ihren Brief habe ich erhalten, ich war von ihm ganz überrascht. […] Ich erzähle der Reihe nach. Bevor ich an den Kämpfen teilnahm, schärften uns die Politruks ein, dem Feind auf keinen Fall in die Hände zu fallen; sie würden mit Nadeln unter die Fingernägel stechen, Sterne in den Rücken ritzen. Ich stellte es mir vor und bekam Angst. Auch sagten sie, man solle sich durch eine Handgranate das Leben nehmen oder die letzte Kugel für sich selbst. Als ich aber in Gefangenschaft kam, sah das Bild anders aus. Ich will noch erwähnen, was vorher war. Ich war Verbindungsmann, das heißt – wir verteidigten auf der besetzten Linie einen Trosszug. Ich war Melder, wurde mit einer Meldung zum Regimentsstab geschickt. Bei irgendeiner Gelegenheit badete ich in einem Fluss. Der Kompaniekommandeur erkannte mich und drohte mir, mich zu erschießen. Doch er war ein großer Feigling. Er saß in einem Erdloch und traute sich nicht heraus. Er schickte mich dann los zur Erkundung, was in den Zügen los sei, wohin die Geschosse fliegen usw. Doch das nebenbei. Als wir aber zum Angriff übergingen,hat es drei Stunden Sturmfeuer auf unsere Stellungen gegeben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mir gefällt, dass Sie hervorheben, dass es Gute und Schlechte gab. Ich will erzählen, wie ich zum Guten kam. Ich war am Bein leicht verwundet, die Wunde wurde von einem Sanitäter verbunden. Ein Soldat gab mir Kaffee aus seiner Feldflasche, er holte eine Karte hervor und zeigte, aus welcher Stadt er kommt. Ich zeigte ihm meine Stadt. Er sagte, er sei eben in Urlaub gewesen. Dann trugen mich zwei Soldaten ins Hinterland, dort waren Ärzte. Jemand gab an alle Brot aus, dann wurde ich in einen Unterstand gebracht. Soldaten interessierten sich für ihre Betrunkenen, sie machten sich über sie lustig, fragten, ob sie nicht Schnaps übrig hätten. Solch eine Art von Gespräch. Ihnen wurde gesagt, hier wäre ein Unterstand für Offiziere, da gingen sie wieder. Ich wurde zusammen mit einem Deutschen, der am Arm verwundet war, in ein Auto geladen. Unterwegs erzählte er, dass er in Afrika und in Stalingrad gekämpft hat. Er schimpfte auf den Krieg, zeigte ein Foto von seiner Familie. Wir kamen in ein Dorf, wurden in einem leeren Haus untergebracht. Dort lagen russische und deutsche Verwundete. Die Verwundeten wurden mit dem Zug nach Jusowka/Donezbecken gebracht, ins Krankenhaus. Wir wurden von russischen Ärzten behandelt, die Verwundeten bekamen einen frischen Verband. Dann wurden wir je nach Genesungsstand von einem Lager zum andern bis nach Deutschland gebracht und dort auf verschiedene Orte verteilt. Ich kam in ein Werk bei Dresden. Wir luden aus Güterwagen Geräteteile aus, die wir zu den Drehbänken bringen mussten. Dort lebte ich mich ein. Um Lebensmittel aufzustöbern, gewöhnte ich mir an, die Waggons abzulaufen und zu öffnen. Es gab eine Razzia, ich flüchtete, aber mein Kumpel und ich wurden von einer Streife gefasst. Die brachte uns zum Polizeirevier, und wir wurden vernommen. Ein russischer Immigrant hat einen Partner gehabt, der Partner wurde zusammengeschlagen, aber ich wurde in Ruhe gelassen. Neben mir stand eine hoher Militär und sagte, mich solle erin Ruhe lassen. Dann wurde ich nach Dresden ins Gefängnis gebracht, dort war der Untersuchungsführer ein Immigrant. Ich wurde vernommen, habe aber keine Strafe gekriegt. Dort saßen Zivile für kleineren Diebstahl ein. Bestraft wurden wir so: Am Freitag wurden wir zusammengeholt und mit Stockschlägen bestraft. Irgendein Vertreter kam hinzu. Ich erinnere mich, dass er ein Abzeichen am Jackett hatte. Er sagte, in Deutschland hätte es niemals Hunger gegeben, hier würden alle Lebensmittel verteilt; wenn jemand bestohlen wurde, dann …, aber in Russland gäbe es fast jedes zweite Jahr eine Hungersnot. Er sagte, wie viele Schläge der eine oder andere bekommen sollte, meistens waren es 40–60. Dann sperrten sie uns in eine Zelle. Freitag, Samstag und Sonntag kamen alle wieder frei. Mir wurde ein anderes Los zuteil. Wir wurden ins Lager bei dem Werk zurückgebracht. Eines Tages wurden ich und ein paar andere ins Lager geführt und aufgefordert, den Oberkörper freizumachen. Ein Vertreter vom Militär nahm uns in Augenschein, dann wurden wir in einen Wagen, dann in den Zug gesetzt und nach Köln gebracht. Dort wurden wir wieder irgendwo eingewiesen. Ich kam nach Obladen [Opladen], eine Stadt bei Köln. Dann musste ich wieder zurück nach Köln, um dort eine Rheinbrücke zu bewachen. Bei Fliegeralarm schossen wir Rauchgranaten ab, so konnten die Flugzeuge nicht treffen. Wir waren zu viert, wohnten in einer kleineren Baracke nahe der Brücke. So ist die Brücke bis Kriegsende unbeschädigt geblieben. Befreit wurden wir von amerikanischen Truppen. Nach einiger Zeit verlegte man uns in die sowjetische Zone, nach Wetemberg [Wittenberg], wo wir eine Überprüfung durchliefen und dann nach Hause geschickt wurden. Ich erhielt eine Arbeit in Grosny. Dort wurde ich ständig überwacht und schließlich verhaftet und eingesperrt. Drei Monate haben sie mich Tag und Nacht verhört, sie haben mich kaum schlafen lassen. Sie warfen mir Spionage vor, doch verurteilt wurde ich dann wegen antisowjetischer Propaganda. Der Staatsanwalt war gnädig, er verurteilte mich zu 10 Jahren; das galt als wenig, alle andern bekamen 25. Ich wurde in ein Lager zum Holzfällen geschickt. Dort traf ich ehemalige deutsche Kriegsgefangene; auch bei ihnen hatte sich also herausgestellt, dass sie Verbrecher waren. Gestern waren wir Feinde gewesen, heute waren wir Freunde und fällten zusammen Bäume. Später wurden sie in ihre Heimat Deutschland entlassen. Ich selbst wurde nach Stalins Tod freigelassen und rehabilitiert. So bin ich ein gleichberechtigter Bürger geworden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Entschuldigen Sie die Schrift. Mit Gruß&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jewgenij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;	
	
&lt;p&gt;Die Lagerhaft erfolgte nach Auswertung von der Sowjetarmee vorliegenden Karteikarten der Wehrmachtsauskunftsstelle. Allerdings waren Einsätze bei der Flak überwiegend nicht freiwillig, sondern wurden durch bewaffnete Wachmannschaften erzwungen. (S. Suchan-Floß)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_331.php</link>
<pubDate>25 Jan 2013 09:08:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>330. Freitagsbrief (vom September 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland 362031&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nordossetien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wladikawkas&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dschiojew Graf Sawitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte deutsche Freunde!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gestatten Sie mir, Sie im Namen der Kinder von Graf Sawitsch Dschiojew [Graf ist der Vorname] zu grüßen und Ihnen Gesundheit und Erfolg bei Ihrer guten Sache zu wünschen. Leider ist Ihr Brief zu spät angekommen, unser Vater hat ihn nicht mehr erlebt, aber wir wissen, dass er sich sehr gefreut und selbst auf Ihren Brief geantwortet hätte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Vater hat sich nicht gerne zurück erinnert an die schwere Zeit des Zweiten Weltkrieges und vor allem an die Zeit, die er in der Gefangenschaft verbracht hat. Er konnte sich noch an alle Einzelheiten genau erinnern und wenn er davon erzählte, was er damals alles durchmachen musste, konnten wir die Tränen kaum zurückhalten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Gefangenschaft geriet er in Folge einer Kopfverletzung und in bewusstlosem Zustand. Er hat erzählt: Einmal in der Gefangenschaft haben sie die Juden herausgesucht und an die Wand gestellt, sie sollten erschossen werden, und da er einen langen Bart hatte, stellten sie ihn auch an die Wand. Vater sagte: Wenn ihr mich töten wollt, bitte sehr, aber nicht als Juden. Da musste er sich ausziehen, um zu beweisen, dass er nicht beschnitten war. Im Lager für Kriegsgefangene Benjaminow (in der Nähe von Warschau) [Stalag 368] wurde er zur Arbeit im Wald, zum Holzfällen geschickt. Dabei traf ihn ein fallender Baum, einige Rippen waren gebrochen, die unter den Bedingungen in der Gefangenschaft dann nicht richtig zusammenwuchsen und ihm sein ganzes Leben lang Probleme gemacht haben. Er lernte in der Gefangenschaft einen Feldwebel kennen, der ihn zu sich nach Hause nahm, um ihn für verschiedene schwere Arbeiten im Haus einzusetzen. Dort wurde er besser verpflegt, was ihm das Leben rettete. Im Dezember 1943 floh er zu Weihnachten mit einigen anderen Gefangenen, seinen Freunden, zu den Partisanen. Die Faschisten nahmen mit Hunden ihre Verfolgung auf. Sie waren 18 Leute, vier von ihnen schafften es bis zu den Partisanen, die restlichen kamen ums Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vater war in der Gefangenschaft oft krank, weil sie unter freiem Himmel leben mussten. Er erkrankte schwer an Typhus, überlebte nur knapp. Als sie zu den Partisanen kamen, wurden sie von Mitgliedern der Sondereinheiten so geschlagen, dass mein Vater das Bewusstsein verlor, sie dachten, er sei tot und warfen ihn nach draußen. Dass er nicht gestorben ist, war für ihn ein Wunder. Einige Partisanen fanden ihn und brachten ihn ins Lager, er war ganze zwei Monate krank. Später wurde er vom Kommissar der Partisaneneinheit und von der Sondereinheit immer wieder verhört, aber sie schlugen ihn nicht mehr so viel. Ein ganzes halbes Jahr war er beim Strafbataillon. In der Zeit schickten sie ihn zu solchen Einsätzen, von denen man normalerweise nicht lebend wieder zurückkommt. Mit der Zeit stieß die Partisaneneinheit zur Armee, und Vater folgte der Front durch die Westukraine, Moldawien, Polen usw. Den Sieg 1945 erlebte er in Österreich, in der Nähe von Wien. Unser Vater wurde dreimal für den Ehrentitel „Held des Krieges“ vorgeschlagen, er bekam aber nur Tapferkeitsmedaillen, da er in der Gefangenschaft gewesen war. Sonst hat Vater aber viele Auszeichnungen bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am neunten Mai ist in der Zeitung ein Artikel über meinen Vater erschienen, ich schicke ihn Ihnen mit. In dem Artikel gibt es noch einige Angaben zu seiner Biographie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Vater, der den georgischen Genozid an den Südosseten im Jahr 1920 [*] und den Krieg von 1941–1945 überlebt hat, hätte sich nie vorstellen können, dass er noch ein weiteres Mal die Gräuel des Krieges miterleben muss. Beim Zerfall der Sowjetunion in den 90er Jahren trat Georgien aus dem Staatenbund aus und begann sofort, andere ethnische Minderheiten vonihrem angestammten Territorium zu vertreiben. Besonders traf es Südossetien. Von 1989 bis 2009 hat Georgien offen Krieg geführt, hat eine Wirtschaftsblockade verhängt, Gas, Strom und Wasser wurden abgeschaltet. Im August 2008 begannen die Georgier dann wieder uns zu bombardieren. Sie beschossen die Stadt mit schwerer Artillerie, schwerkalibrigen Waffen, Geschosshagel. Die Häuser brannten, Menschen kamen ums Leben. Russland hat uns das Leben gerettet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Russland uns nicht zur Hilfe gekommen wäre, gäbe es jetzt keine Südosseten mehr. Danke, Russland. In den 20 Jahren des Krieges von Seiten Georgiens lebte Vater natürlich schlecht und mit ihm seine Kinder. Nach dem Augustkrieg von 2008 erlitt er einen Schlaganfall. Wir, seine Kinder, haben ihn sehr gut gepflegt. […] Am 12. Mai ist er verstorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Vater hat nie irgendwelche feindseligen Gefühle gegenüber den Deutschen gehegt. Er sprach fließend Deutsch. Als intelligenter und gebildeter Mann schätzte er das deutsche Volk und seine Kultur, die Faschisten und Nationalisten aber hasste er.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater war sehr gastfreundlich, und da er Sie nun nicht mehr einladen kann, so möchten wir, seine Kinder, Sie herzlich zu uns nach Südossetien ins mittlerweile friedliche Zchinwali einladen. Südossetien ist ein Land mit schönen Bergen, sauberen Flüssen, einem sehr guten Klima und gutherzigen, gastfreundlichen Menschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin übrigens die Tochter und von 1972 bis 1975 habe ich in der DDR gelebt, in Halle, da mein Mann bei den sowjetischen Streitkräften in Deutschland gedient hat. Und unsere Tochter Isabella wurde in Dresden geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Kinder von Graf Sawitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Die Unterstützung, die Sie ihm geben wollten, könnten wir natürlich auch gut gebrauchen, da es im ersten Jahr nach dem Tod traditionelle Riten gibt, wir müssen einen Grabstein aufstellen usw., deshalb hoffen wir sehr darauf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Nach Aufhebung der südossetischen Selbstverwaltung durch Georgien kam es 1920 zu einem blutig niedergeschlagenen ossetischen Volksaufstand, dem danach viele Südosseten durch eine Hungerkatastrophe und Seuchen zum Opfer fielen.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_330.php</link>
<pubDate>18 Jan 2013 07:39:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Wera Semenowna Suponizkaja</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Lochwiza&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Poltawa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein aufrichtiger Dank gilt dem Verein „Kontakte“ und Ihnen persönlich für Ihre Unterstützung. Sie leisten wichtige Hilfe für uns, die Juden, die die Gräuel des Holocaust überlebt haben, und ohne diese Hilfe wüsste ich – Invalidin ersten Grades – gar nicht mehr, wie ich überleben sollte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war so, dass meine Familie während des Krieges nicht evakuiert werden konnte. In den ersten Tagen der Besatzung starb mein Vater Semen Gilewitsch Suponizkij. Dann wurden mein Großvater und mein fünfzehnjähriger Bruder Ruwim erschossen. Ich, das kleine Mädchen (ich war noch keine vier Jahre alt), wurde zu Bekannten auf dem Land gebracht. Später ging ich verloren und gänzlich fremde Menschen hielten mich bei sich versteckt. Ich musste mich in kalten Kellern oder im Wald verstecken. Meine Mutter fand mich erst zwanzig Monate später. Die Erkältungen aus dieser Zeit im Versteck wirkten sich auf meine Gesundheit aus. Ich bekam Rheumatismus, später eine Gehirnentzündung und wurde Invalidin. So bin ich alleine geblieben und konnte keine Familie gründen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen nochmals danken. Haben Sie meinen herzlichen, aufrichtigen Dank. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, gutes Gelingen bei Ihrer Arbeit und alles, alles Gute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wera Suponizkaja&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-3-januar-2013.php</link>
<pubDate>11 Jan 2012 15:29:00 GMT</pubDate>
</item>
		
<item>
<title>329. Freitagsbrief (vom August 2008, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Rostow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Semen Semenowitsch Tjaglo.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich diente in der Armee in der Stadt Przemysl, die am linken Ufer des Flusses San liegt, am rechten Ufer lagen die deutschen Truppen. Als der Krieg am frühen Morgen begann, brachten unser Regimentskommandeur und der Hauptfeldwebel unsere Regimentsfahne nach Osten, wo ein neues Regiment formiert wurde, das an den Kampfhandlungen bis zum Kriegsende teilnahm. In Przemysl wurden die Leute und die ganze Wirtschaft einfach zurückgelassen. Wir haben uns mit einem Kameraden versteckt und uns in Richtung Osten bewegt zu unseren Truppen. Ungefähr am 3.–4. Juli 1941 gerieten wir in Gefangenschaft. Man brachte uns über den San in ein Lager unter freiem Himmel, das mit Stacheldraht umzäunt war. Ungefähr nach einem Monat wurden wir Gefangene in die Stadt Bocholt transportiert, ins Kriegsgefangenenlager 6Z-Zeche Z [Bocholt Stalag VIF, Dorsten VIF/Z Eventuell Zeche Fürst Leopold/Baldur]. In diesem Lager standen viele Holzbaracken, in denen dreistöckige Pritschen standen, auf denen die Gefangenen schliefen, derer es dort viele gab. Täglich starben Gefangene, die man im Massengrab beerdigte. Die Gefangenen wurden nicht geschlagen und gequält, jedoch werDisziplin und Ordnung verletzte, erhielt 1–2 Schläge mit einer Spezialknute. Brot gab es täglich einen Laib für 10 Mann, 200 gr. pro Tag. Ein Gefangener vereinbarte mit den Wachmännern, dass er ein ganzes Brot bekommt, wenn er auf den aus Ziegelsteinen gemauerten Schornstein klettert und dort Handstand macht. Als er auf den Schornstein kletterte, schaute das ganze Lager und hielt die Luft an. Den Handstand auf der Spitze machte er normal und kam auch langsam und ohne Pausen wieder herunter. Die Wachleute wussten diese Heldentat wohl zu schätzen und gaben ihm ein ganzes Brot und zusätzlich ein Stück Speck. Anfang August 1941 [? sic] brachte man uns 200 Kriegsgefangene in die Stadt Mühlheim in das Kriegsgefangenenlager des Thyssen–Werks. Wir haben dort verschiedene Hilfsarbeiten im und außerhalb des Werks gemacht. Die nächste Arbeit war – Erde auf Waggons der Schmalspurbahn zu laden. Buchstäblich am zweiten Tag legte ein Gefangener seine vier Finger der rechten Hand unter die Räder eines beladenen Waggons und er zerquetschte sie ihm. Die Wachleute haben ihn verprügelt und ins Krankenhaus zur Behandlung geschickt. So sind im Lager Mühlheim nach 1 Jahr und 3 Monaten 15 Gesunde, 10 Kranke, die nicht mehr arbeitsfähig waren, übriggeblieben, 175 waren beerdigt worden. Am nächsten Tag kam neue Verstärkung von 200 Kriegsgefangenen, uns sechs, die wir nicht brauchbar waren, schickte man ins Kriegsgefangenenlager in die Stadt Duisburg. Hier arbeitete ich in der Kohle-Zeche „Alstaden“ [Oberhausen-Alstaden, Stillegung 1972 förderte Anthrazit für den Hausbrand] als Heizer im Kesselhaus in der Schicht des Kesselwärters Alfred Boos bis zum Kriegsende. Danach wurden wir in die sowjetische Besatzungszone gebracht und später nach Russland. So sind meine Kriegsjahre vergangen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…].&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_329.php</link>
<pubDate>11 Jan 2013 07:12:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>David G. Bejder</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Liebe Freunde vom deutschen Wohltätigkeitsverein „KONTAKTE-КОНТАКТЫ“ und sehr verehrter Vereinsvorsitzender Herr Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen und allen Mitgliedern Ihrer wohltätigen Organisation von ganzem Herzen für Ihr gutes Herz und die Anteilnahme gegenüber uns, den Ghettoüberlebenden, danken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr Volk ist das einzige auf der Welt, das, obwohl die heutige Generation nichts mehr mit dem Holocaust zu tun hat, über Jahrzehnte hinweg Gott und uns, die unschuldigen Nazi-Opfer, um Verzeihung bittet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, David Gersipowitsch Bejder, wurde 1931 in Tschetschelnik im Gebiet Winniza in der Ukraine geboren – dieses Gebiet war in Transnistrien, das zu Rumänien, Hitlers Verbündetem, gehörte. Meine Familie war im Ghetto, das mit Stacheldraht umzäunt war und von Wachtürmen aus bewacht wurde. Meine Eltern, meine ältere Schwester und meine älteren Brüder wurden jeden Morgen in einer Kolonne zum Arbeitseinsatz geführt, während wir Kinder hinter Stacheldraht zurückblieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zweimal sollten wir, alle Bewohner des Ghettos, erschossen werden. Beim ersten Mal führten sie uns alle aus dem Ghetto zu einer Grube, wo wir erschossen werden sollten. Zuerst sonderten sie die Kinder und Alten aus, die mussten auf die eine Seite, während die Kräftigeren und Jüngeren auf die andere Seite mussten. Die Mütter weinten und wollten ihre Kinder nicht loslassen, riefen, dass sie mit ihren Kindern zusammen sterben wollten. Während man noch mit dem „Aussortieren“ beschäftigt war, traf irgendein deutscher Offizier dort ein, der die Anführer der Erschießungsaktion anbrüllte und die ganze Menge zurück nach Hause gehen ließ. Damit hat er uns das Leben gerettet. Das war Gottes Wunsch. Wir beteten für ihn, denn er war von Gott gesandt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Beim zweiten Mal kamen Gestapo-Leute ins Ghetto und wir sollten zum Erschießen geführt werden. Wir aber boten den Rumänen alles an, was wir noch an Besitz hatten, Gold, Goldzähne, Ringe, Eheringe, Ohrringe, Münzen (was wir versteckt hatten) und baten sie, uns am Leben zu lassen. Die Rumänen nannten uns eine Summe und sagten, wir sollten die hübschesten jungen Mädchen für die Gestapo aussuchen, die sollten sich für sie waschen und hübsch machen. Meine Eltern baten die anderen unter Tränen, ihre Mädchen sollten dieses Opfer bringen, um alle Ghettoinsassen zu retten. Und so zogen sie los, mit allem Besitz, den sie hatten, um uns zu retten. So stand uns (den Überlebenden) der Herr bei und erlebten den Tag der Befreiung von den Faschisten. Viele waren ermordet worden, vor allem die Jungen und die Männer, sie wurden gehängt, einfach aus dem Grund, weil sie Juden waren. In erster Linie wurden die Männer getötet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Rumänien, die ins Transnistrien das Sagen hatten, haben schwerste Verbrechen begangen, von denen eines beispiellos in der Geschichte der Menschheit ist. Sie trieben 25 000 Menschen jeden Alters in ein ehemaliges Munitionslager, dann übergossen sie das Gebäude mit Benzin und zündeten es an und ließen die Menschen bei lebendigem Leib verbrennen. Es gab viele grausame Verbrechen dieser Art. Aber die Rumänen, deren Volk auf keine jahrhundertelange Zivilisation und Kultur zurückblicken kann, kommen gar nicht auf die Idee, ihre Taten zu bereuen und dafür um Vergebung zu bitten, nicht bei Gott und erst recht nicht bei uns, den Holocaust-Überlebenden. Von einer Entschädigung oder auch nur der kleinsten finanziellen Unterstützung für die Kranken kann natürlich keine Rede sein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Deshalb können nur Sie, die Deutschen, ein zivilisiertes Volk mit einer langen kulturellen Tradition, bis heute Reue zeigen, um Vergebung bitten und Ihr letztes Geld geben, um den Bedürftigen zu helfen. Obwohl Sie mit den Verbrechen von damals gar nichts zu tun haben. Ich danke Ihnen allen sehr für Ihre Güte, Ihren Anstand und edle Gesinnung. Möge Gott Sie schützen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihre Unterstützung für mich kam gerade zur rechten Zeit. Ich hatte einen Herzinfarkt und einen weiteren Infarkt im Juli 2009. Medikamente sind hier sehr teuer und Ihre Unterstützung in Höhe von 500 Griwna kommt genau richtig. Wir haben davon gleich Medikamente gekauft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen herzlichen Dank.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bejder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;11.11.09.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-januar-2013.php</link>
<pubDate>09 Jan 2012 17:06:00 GMT</pubDate>
</item>



<item>
<title>Wiktor Iwanowitsch Almasow</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Cherson.&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Meine Erinnerungen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Wiktor Iwanowitsch Almasow, wurde am 25.6.1940 in Orscha in Belarus geboren. Anfang 1941 zog meine Familie – mein Vater Iwan Fedorowitsch Almasow, meine Mutter Anna Lwowona Maso sowie ihre Eltern – nach Cherson um, wo meinen Eltern eine Arbeit in der Berufsschule angeboten worden war. Sie bekamen eine kleine Wohnung zugeteilt. Mein Vater arbeitete dort nicht lange, er wurde als Reservist in die Armee eingezogen. Im September 1941, gleich nach der Besetzung der Stadt Cherson, kamen wir alle ins Ghetto. Die meisten Ghettoinsassen wurden erschossen, unter ihnen auch meine Großeltern. Meine Mutter und mich ließen sie gehen. Wir kehrten in unsere gänzlich leere Wohnung zurück. Unsere Nachbarn halfen uns, so gut sie konnten. Wir blieben dort nicht lange, denn bald brachte man uns ins Gefängnis von Cherson (in der Perekopskaja-Straße 10). Im Februar 1942 kam eines Nachts eine Frau zu unseren Nachbarn (sie waren zwei Schwestern) und sagte ihnen, dass sie mich retten könnten. Eine der Schwestern ging zum Gefängnis, sie hieß Matrena Jarowaja. Sie hat mir das Leben gerettet. Meine Mutter und die anderen Gefängnisinsassen wurden bald erschossen. Unsere Nachbarinnen verließen kurz darauf Cherson, um sich und ihre Kinder nicht zu gefährden, und gingen zu ihren Verwandten nach Snegirewka (60 km von Cherson entfernt). Sie trugen mich in einem Sack auf dem Rücken. Nachdem Cherson am 13.3.1944 befreit worden war, kehrten wir in die Stadt zurück. Ich habe weiter bei den beiden Schwestern gelebt, bis mein Vater im April 1946 aus der Armee zurückkehrte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für die finanzielle Unterstützung, die ich von Ihnen bekommen habe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;W. I. Almasow&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-januar-2013.php</link>
<pubDate>09 Jan 2013 11:54:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>328. Freitagsbrief (vom März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Georgij Aleksejewitsch Gorlow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kreis Stawropol.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Folgebrief].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrter Dmitri Stratievski und alle Mitglieder und Mitarbeiter von „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit großer Freude möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihre Glückwünsche zu Neujahr und zu Weihnachten bekommen habe, und meine Familie und ich danken Ihnen dafür sehr! Als ich Ihre Glückwünsche las, spürte ich Wärme vom deutschen Volk ausgehen. Ohne es zu wollen, wurde ich von Erinnerungen überflutet – wie war ich damals in Deutschland gelandet?!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich werde Ihnen ein wenig von meinen Erinnerungen erzählen, auch wenn sie mich traurig stimmen. Im Juli 1943 wurde ich während der Gefechte am Kursker Bogen verwundet und geriet so in Gefangenschaft. Ich und einige weitere Soldaten wurden ins Hinterland gebracht. Von meiner Einheit aber wurde eine Todesbenachrichtigung an meine Familie geschickt. Die Deutschen brachten uns eilig ins Hinterland, denn unsere Armee ging zum Angriff über.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Durchgangslager Kalwarija (ich weiß nicht mehr genau, ob das in Litauen oder in Polen war) [Litauen] wurden wir auf den Weitertransport vorbereitet, wir mussten die Oberbekleidung und die Schuhe abgeben, dafür bekamen wir alte deutsche Jacken und Hosen, auf denen mit großen roten Buchstaben „SU“ stand, am Rücken und an den Knien. Außerdem bekamen wir Holzschuhe. So bekleidet wurden wir in Güterwaggons ins tiefste Deutschland transportiert. Zu Beginn der Reise gelang es uns, die Waggontür ein wenig zu öffnen, so dass wir fliehen konnten. Der Zug hielt an, wir wurden entdeckt und brutal verprügelt. Wir mussten uns nackt ausziehen und die Kleidung zu einem anderen Waggon bringen, und dann brachten sie uns so (nackt) zum Lager Aschaffenburg. Anfang 1945 begannen die amerikanischen Truppen dort ihren Angriff und es gelang uns, aus dem Lager zu entkommen. Einige Zeit waren wir bei einem Sammelpunkt in Frankfurt am Main. Von dort brachten uns die Amerikaner in die sowjetische Besatzungszone, wo wir beim Abbau von Betrieben zum Transport nach Russland eingesetzt wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Russland durchlief ich in einem Reserveregiment die Sonderprüfung und wurde dann in die Reserve entlassen. Im Januar 1946 war ich zu Hause. Bei einer ärztlichen Untersuchung wurde bei mir Lungentuberkulose festgestellt – offene Reaktivierungstuberkulose im fortgeschrittenen Stadium. So bin ich seit April 1946 Invalide des Vaterländischen Krieges.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt bereitet sich unser Land auf einen Jahrestag vor – 65 Jahre sind seit dem Sieg über Nazi-Deutschland vergangen. Auch bei Ihnen wird dieses Datum begangen, wenn auch auf andere Weise.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Glück und Erfolg beim Kampf für Frieden und Glück für alle Völker der Erde!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Wiedersehen und mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Georgij Aleksejewitsch Gorlow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine neue Adresse: […].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Erstbrief von Herrn Gorlow wird auf Nachfrage zugestellt.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_328.php</link>
<pubDate>04 Jan 2013 15:08:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>327. Freitagsbrief (vom April 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kreis Stawropol´&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aleksej Fedotowitsch Lasarenko.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Vertreter des Vereins „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für das Interesse, das Sie dem Schicksal der Kriegsgefangenen, die durch den Überfall Hitler-Deutschlands auf die UdSSR so viel Leid erfahren haben, entgegenbringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 19. Februar 2009 habe ich meinen 90. Geburtstag gefeiert. In den vielen Jahren meines Lebens habe ich viel gesehen und durchlebt, der schwerste Abschnitt meines Lebens aber waren die Jahre des Großen Vaterländischen Krieges.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im November 1939 wurde ich zum Wehrdienst einberufen, ich diente in den Truppen der Schweren Artillerie im Osten Weißrusslands (ehemaliges polnisches Gebiet) im Gebiet Belostozka [Białystok] in dem Ort Boshki. Schon von der ersten Stunde des Krieges an war unser Artillerieregiment den Angriffen der nationalsozialistischen Truppen ausgesetzt. Unser Regiment wurde zerschlagen und wir mussten den Rückzug Richtung Osten antreten. Am 1. Juli 1941 geriet ich bei der Stadt Wolkowysk in Gefangenschaft. Von diesem Zeitpunkt an und bis zum 9. Mai 1945 befand ich mich in nationalsozialistischer Gefangenschaft auf dem Territorium von Nazi-Deutschland und anderen Ländern. Ich war in verschiedenen Lagern, in Wolkowysk [Dulag ?], Auschwitz und anderen. Von Auschwitz kam ich nach Buchenwald [sehr unwahrscheinlich, häufig wird Buchenwald für das Stalag IVK (304) Zeithain angegeben, die Namen Auschwitz und Buchenwald sind aus der Nachkriegszeit bekannt], wo ich von den nationalsozialistischen Soldaten entsetzlich gefoltert und geschlagen wurde, vor allem von Soldaten aus den okkupierten Ländern, aus Ungarn, Rumänien und Österreich. Sie schikanierten die Kriegsgefangenen und die Juden auf grausame Weise: sie hetzten Hunde auf sie, schlugen sie mit Gummiknüppeln. Im Oktober 1941 wurden die Kriegsgefangenen aus Buchenwald in Güterzügen nach Flankenberg [Frankenberg?] gebracht zum Bau eines deutsch-nationalsozialistischen Militärflugplatzes.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir luden Erde aus und transportierten sie, brachten sie zur Ausbringung auf den Flugplatz. Neben dem Flugplatz wurde ein Lager für Kriegsgefangene errichtet. Die Unterkünfte wurden aus Holzbalken gezimmert, das ganze Lager von zwei Reihen Stacheldraht umgeben und Wachtürme aufgestellt. Die Versorgung mit Essen war kärglich: 50 Gramm Brot mit Holzspänen, Suppe mit Stücken von Rüben und Kohlrüben darin. Bewacht wurden wir vor allem von ungarischen Soldaten, die uns wegen des geringsten Ungehorsams zu Tode prügelten. In Folge der Schikanen und der schlechten Nahrungsmittelversorgung starben jeden Tag fünf bis sechs Kriegsgefangene. Die Leichen wurden in einen Kühlraum gebracht, wo sie ganz gefroren, dann wurden sie zum Abtransport auf einen Karren geworfen. Man warf die Leichen in eine tiefe Grube und bestreute sie mit Chlorkalk, sie wurden nicht einmal mit Erde zugescharrt. So verwesten sie dort unter freiem Himmel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Fertigstellung des Militärflugplatzes im Frühjahr 1943 wurden die ungefähr 400 übrig gebliebenen Kriegsgefangenen in die Hafenstadt Stettin gebracht, wo auch Kriegsgefangene aus Italien waren. In Stettin wurden wir auf ein Schiff geladen und in die Laderäume gesperrt. Aufs Schiffsdeck wurden deutsche Panzer geladen. Das Schiff fuhrüber die Ostsee nach Norwegen, nach Oslo. Danach wurden wir in einem Güterzug nach Narvik transportiert. Auf dem Weg wurde in den Städten Trondheim und Stjordal jeweils eine Gruppe Gefangener ausgeladen, wo sie beim Bau verschiedener Objekte mitarbeiten mussten. Ich kam nach Stjordal, zur Arbeit am Bau einer Flugzeughalle und von Häusern für das Flugpersonal. Dort blieb ich bis zum Ende des Krieges. Im Mai wurden wir von den Engländern aus dem Kriegsgefangenenlager befreit. Alle befreiten Kriegsgefangenen aus Norwegen wurden in eine Hafenstadt in Schweden gebracht, wo ein sowjetisches Kriegsschiff auf uns wartete (20. Juni 1945). Man brachte uns nach Finnland, nach Helsinki, wo wir in einen Militärzug geladen wurden und via Wyborg und Leningrad in die Sowjetunion fuhren. Wir kamen in die Republik Mari El, wo wir einen Monat lang die Sonderprüfung durchliefen. Im September 1945 wurde ich in den Ural geschickt, zur Arbeit in einem Schwermaschinenwerk. Dort arbeitete ich zwei Jahre, dann wurde ich an den Ort meiner Einberufung in den Armeedienst geschickt. So kam ich endlich zu meiner Familie, die ich von 1939 bis 1947 nicht gesehen hatte. Ich traf meine Eltern und meine Schwestern in Kisljar (Dagestan).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Schule hatte ich gut Deutsch gelernt, was mir in den Kriegsjahren half, viele Schwierigkeiten und Probleme zu bewältigen, da ich die deutsche Sprache verstehen konnte. Bei der Arbeit am Bau des Militärflugplatzes in Norwegen beauftragte mich der deutsche Offizier Oskar Ziegler, der wusste, dass ich Deutsch sprach, mit der Reinigung des Lebensmittellagers. Dank ihm konnte ich meine stark angeschlagene körperliche Verfassung aufpäppeln.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1953 machte ich den Führerschein und arbeitete vierzig Jahre lang als Fahrer für ein Kinderheim. 1947 zog ich von Kisljar nach Grosnyj, heiratete und bekam drei Kinder. Einer meiner Söhne ist schon gestorben. Jetzt habe ich einen Sohn und eine Tochter, die schon seit 35 Jahren als Deutschlehrerin in der Mittelschule arbeitet. Ich habe sechs Enkel und drei Urenkel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1994 begann der Krieg in Tschetschenien. Wieder musste ich diese Hölle miterleben. Explosionen, Bombenangriffe, der Tod von Soldaten und friedlichen Bürgern – all das geschah vor meinen Augen. Lange Zeit versteckten wir uns im Keller, mussten hungern. Es war schrecklich. Die Stadt war völlig zerstört und abgebrannt. 1996 verließ ich Grosnyj und kam als Flüchtling in die Region Stawropol, wo ich bis heute lebe. Es war sehr schwer, alles zurückzulassen, was wir uns aufgebaut hatten, vor allem aber, die Freunde und Bekannten zu verlassen – und ein neues Leben zu beginnen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt lebe ich mit meiner zweiten Frau zusammen (meine erste Frau ist 1994 gestorben). Wir haben eine kleine Wohnung im Zentrum von […]. Wir sind oft krank, aber helfen einander wie wir können. Meine Kinder sind nach der Flucht aus Grosnyj in anderen Städten gelandet. Sie rufen oft an und kommen uns oft besuchen. Ihren Brief habe ich zu meinem neunzigsten Geburtstag bekommen und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Sie an uns denken und sich um uns kümmern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Natürlich kann man das Durchlebte nicht materiell wieder gutmachen, aber das Interesse von Ihrer Seite und dass Sie uns nicht vergessen haben, ist sehr wichtig für die, die noch leben und die die schwere Zeit in den nationalsozialistischen Lagern durchlebt haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aleksej Fedotowitsch Lasarenko&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_327.php</link>
<pubDate>27 Dec 2012 12:49:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>326. Freitagsbrief (vom Mai 2011, aus dem Russischen von Norbert Ehle)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Archangelsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Ust´janskij&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Pawel Andrianowitsch Kotow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde am 12. Oktober 1919 im Dorf Strojewskoje geboren. 1939 wurde ich zur Armee einberufen, in die Ukraine,Station Christinowka, im Kiewer Gebiet, zu den Eisenbahntruppen des Innenministeriums. Wir haben Bahnobjekte bewacht, Pumpstationen, Brücken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Krieg begann, hat man einen Teil der Jungs beim Objekt gelassen, ein anderer Teil wurde an die Front geschickt, die schnell herankam. Nach ein paar Tagen zog ich in den Kampf, in den Fußtruppen. Von Christinowka nach Westen passierten wir die Stationen Gubnik, Wypnjanka, Kotowsk und dann zogen wir uns zurück durch ebendiese Stationen in umgekehrter Richtung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als ich das erste Mal in den Kampf zog, hat man uns das Geleit gegeben. Dann marschierten wir durch einen Garten, die Kirschen waren gerade reif, wir stopften sie uns in die Taschen. Später zog ich dann mehr als einmal in den Kampf, ich hatte ein leichtes Maschinengewehr. Einen Monat wohl dauerten die ununterbrochenen Kämpfe, aber dann zeigte es sich – wir waren eingekreist, irgendwo bei Nowaja Zerkow. Wir sind aus der Umzingelung ausgebrochen, aber viele der Unseren wurden getötet, unsere Kompanie erwies sich in der Minderheit, die Mehrzahl war von denen, die sich unter Kämpfen von der unmittelbaren Grenze zurückgezogen hatten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden ungerecht behandelt: Denjenigen, die nicht beweisen konnten, dass sie zum 57. Regiment gehörten (und wir waren aus der 1. Selbständigen Kompanie), wurden die Waffen abgenommen, auch die Beutewaffen, wir schicken euch in ein Städtchen, dort werdet ihr überprüft – sagte man uns.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dort kamen wir aber niemals an. Die Deutschen hielten unseren Lastwagen an, forderten uns auf, die Waffen abzugeben (aber wir hatten ja schon keine mehr), und wir waren in Gefangenschaft. Wir wurden wiederum fast genau denselben Weg zurückgebracht(mit der Eisenbahn, auf Lastwagen oder auch zu Fuß).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Stadt, in die man uns brachte, verhörten uns die Deutschen: „Wer von euren Eltern ist im besetzten Gebiet geblieben?“ Manch einer von den Jungs ging zur Arbeit, sie teilten, was sie mitbrachten: Gemüse, Früchte. Und dann hat eine Gruppe der Jungs – Komarow, Apontschin, Tichonow – sich entschlossen zu fliehen. Ich bin auch mit ihnen geflohen und kam so zum dritten Mal nach Christinowka. Dort hat mich eine Frau – Jekaterina Romanowna Lewizkaja – an Sohnes statt angenommen, bei ihr habe ich mich ein wenig von der Gefangenschaft erholt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann erzählte man mir, dass sich im Dorf Leschtschinowka eine Partisanenabteilung bildet. Die Abteilung organisierte sich unter großer Geheimhaltung, weil es dort keine Wälder gab – Felder und Dörfer, Felder und Dörfer. Eine kurze Zeit waren auch wir dort, gingen zur Eisenbahnlinie, führten mehrere Sprengungen durch (den Sprengstoff bereiteten die Ortsansässigen zu). Wir waren dort bis zum 23. Februar und dann hat uns irgendjemand verraten. Nachts überfielen uns die Deutschen und ich kam noch mal in Gefangenschaft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kam in das Kohlebergwerk Taissenberg bei München [Pechkohlebergwerk Peißenberg]. Dort gab es auch Fluchtversuche (erfolglose): mit Hunden hat man uns herausgefischt. Dreimal sind wir geflohen. Ich lernte deutsche Bergarbeiter kennen – gute Jungs. Sie wurden an die Front einberufen und sie baten mich um ein Beweisstück, damit sie sich in Gefangenschaft begeben konnten (dass sie keine Faschisten sind). Ich sagte ihnen: habt keine Angst, gebt euch gefangen, Hauptsache ist, dass man keine Papiere bei Euch findet. Und sagt über mich, dass ich, ein gewisser so und so, euch geraten hätte, in Gefangenschaft zu gehen. Es war schon April 1944 und der Krieg ging dem Ende zu.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und so arbeiteten wir in diesem Bergwerk: Die Deutschen förderten mit dem Abbauhammer die Kohle und wir schaufelten sie auf ein Förderband, von dort gelangte sie in den Förderwagen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 2. Mai 1945 befreiten uns die Amerikaner. 1945–46 habe ich in Deutschland gedient, schon im Osten. Wir haben in Aken [Elbe] Flugzeugwerke demontiert. Das waren große Werke, (5 km x 5 km). Wir haben Turbinen und Elektroturbinen auseinander genommen und die Teile nach Podolsk, bei Moskau, verfrachtet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ende 1946 wurde ich im Rang eines Feldwebels demobilisiert. Eigentlich war ich Hauptfeldwebel, jedoch hat man mich einen Rang heruntergestuft, weil ich lange in Gefangenschaft war. Aber das war schon hier im Wehrkommando. Ich kam nach Strojewskoje, ging zum Rono – man schickte mich für ein halbes Jahr zur Arbeit nach Tscherenowo. Im Sommer 1947 habe ich geheiratet. Zusammen mit meiner Frau habe ich bis zur Rente in der Strojewsker Schule gearbeitet (ich war Mathematiklehrer). Außerdem habe ich in der Redaktion der „Udarnaja Brigada“ mitgearbeitet, schrieb Reportagen über die besten Leute, Fabeln, Erzählungen. 1979 bin ich in Rente gegangen.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_326.php</link>
<pubDate>21 Dec 2012 09:57:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>325. Freitagsbrief (vom 4. Dezember 2012, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni)</title>
<description>&lt;p&gt;Daniel Marikjan&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Armenien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] Da ich von Herrn Margarjan und dem Gremium unseres Vereins gebeten worden bin, für Sie einen Bericht über meine Kriegsgefangenschaft zu schreiben, tue ich das jetzt mit Hilfe meiner Enkelin, denn ich bin leider ganz blind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin 1918 im Dorf Gjulagarak (Bezirk Lori, Armenien) geboren. Im Jahr 1939 wurde ich in die Armee einberufen und diente in der ukrainischen Stadt Nowgorod-Wolinsk (Bezirk Schitomir). Als der Krieg ausbrach, zogen wir uns im Laufe der verzweifelten Kämpfe immer weiter zurück. Es war der 15. September 1941, als unser Regiment im Bezirk Poltawa eingekesselt wurde, und wir in Kriegsgefangenschaft gerieten. Ich war dabei am linken Arm und am Rücken verwundet. Uns brachten die Deutschen in das Lager von Dubniza [?]. Unsere Situation dort war unsagbar schlimm. Der unmenschlichen groben Behandlung sowie dem Hunger und den Krankheitenfielen täglich viele Kriegsgefangene zum Opfer. Nachdem ich dort einige Monate geblieben war, sonderten die Deutschen über 200 Kriegsgefangene ab, zu denen auch ich angehörte, und sie brachten uns in ein anderes Lager in Kiew. Dort arbeiteten wir von früh bis spät am Flughafen von Kiew. Nach einiger Zeit wurden wir nach Winniza geschickt, wo wir am dortigen Flughafen arbeiteten. Es war im Herbst 1942, als man uns von dort zu Fuß zum Bahnhof trieb, um uns dann nach Deutschland zu schicken. In der ersten Nacht wurden wir in einen verlassenen Stall gepfercht, wo wir die Nacht zubringen mussten.Es gab einen starken Schneesturm, weswegen kurz nach der Mitternacht die baufällige Decke herunterstürzte, und wir blieben unter den Trümmern. Einige Bewohner des nahen Dorfes eilten uns zu Hilfe, aber sie wurden von den Deutschen und Polizisten zurück getrieben. Mit Hilfe eines russischen Kameraden konnte ich den Balken, der über mir lag, mit Anspannung aller Kräfte etwas wegschieben und mich mit manchen Verletzungen retten. Die meisten aber hatten keine Möglichkeit sich zu retten. Sie alle, ja, selbst diejenigen, die durch unsere Hilfe aus den Trümmern heraus kamen, aber nicht mehr laufen konnten, wurden an Ort und Stelle erschossen. Als wir, die übrig gebliebenen, endlich zum Bahnhof kamen, schickte man uns durch einen Güterzug in Richtung München. Man hatte vor, uns an die südöstliche Grenze zu bringen. Da aber die Errichtung des dortigen Lagers nicht vollendet war, blieben wir fünf Monate im Lager von Dachau [wahrscheinlich Stalag VII A Moosburg]. Dann wurden wir zur südöstlichen Grenze gebracht. Wir arbeiteten in Duisdorf und in Minsdorf [?]. Dort gab es eine Trikotfabrik. Wir mussten die Maschinen der Fabrik abbauen und statt deren andere Maschinen einrichten, auf denen verschiedene Teile für deutsche Kampfflugzeuge produziert werden sollten. Später sind wir zum Flughafen geschickt, wo wir weiter arbeiteten. Wir blieben dort bis zum 4. Mai 1945, als die Amerikaner uns befreiten und dann den sowjetischen Truppen übergaben. Wir wurden dann nach Wien geschickt. Nachdem wir dort verhört waren, teilte man uns zu verschiedenen Gruppen auf, und ich wurde innerhalb einer Baugruppe in die Tschechoslowakei geschickt. Wir errichteten dort eine Brücke. Dann schickte man uns zum Bahnhof „Schepetowka“ im Bezirk Schitomir (in der Ukraine). Dort blieben wir bis zum Herbst 1946 und waren daran, die Wälder zu entminen sowie Häuser zu bauen. Im November 1946 bin ich wieder nach Armenien gekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lieber […], da bald die Weihnachten beginnen, sende ich Ihnen und Ihrer Familie auch meine besten herzlichsten Wünsche zum Neuen Jahr und verbleibe mit herzlichen Grüssen&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr Daniel Marikjan&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_325.php</link>
<pubDate>15 Dec 2012 00:16:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>324. Freitagsbrief</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Tschernigow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Baran Nikolai Maksimowitsch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erinnerungen des einfachen Soldaten Baran Nikolai Maksimowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;16.5.05, 1941–1944 in Gefangenschaft in Polen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Große Vaterländische Krieg erreichte mich, als ich mich in der Ausbildung im 20. Infanterie-Regiment beim Dorf Krasnoe, Gemeinde Tschernigow, befand. Als man den Krieg erklärte, trieb man uns nach Tschernigow, lud uns in Autos und sandte uns nach Gomel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus Gomel wurden wir in Autos in einen Wald gefahren, wo wir Schützengräben aushoben und begannen zu warten. Hier gab es ein kleines Flüsschen. Wir sahen, wie sich auf dem gegenüberliegenden Ufer deutsche Panzer und Autos aus Polen in unser Landbewegten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am Morgen gingen wir in Richtung nach Rogatschew zur Eisenbahnlinie, wo uns die Deutschen beschossen. Als wir die Eisenbahnlinie überquerten,krochen wir in einen kleinen Graben. Unser Kompanieführer verschwand, man wusste nicht wohin. Die Zugführer beschlossen, ihr Bataillon zu suchen. Als unsere Kundschafter herausfanden, wo unser Bataillon stand, . . schlugen wir unsin Gruppen nach irgendein Dorf bei Rogatschew durch. Da wir hungrig waren, erlaubten uns die Kommandeure ins Dorf zu gehen, um dortirgendwelche Lebensmittel zu erbitten. Als wir aus diesem Dorf Richtung Wald hinausgingen, kamen sogleich deutsche Panzer. Wir verteilten uns im Wald und im Moor. Da die Brücke in Rogatschew gesprengt war, konnten wir nicht auf unsere Flussseite hinüberkommen. Wir versteckten uns in Gruppen zu 10–15 Leuten dort, wo es möglich war: im Wald, in Waschhäuschen, in Scheunen. Die dortigen Bewohner brachten uns etwas zu essen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einmal kam ein alter Mann zu uns ( wir versteckten uns in einem Waschhäuschen) und sagte uns, er wüsste, wo unsere Kameraden stehen und könnte uns zu ihnen führen. Wir mussten ihm glauben, zwei unserer Leute begleiteten ihn, und er führte sie zu den Deutschen. Dann kamen die Deutschen zu uns. Der Dolmetscher sagte uns, dass wir den Deutschen unsere Adressen geben sollten, und sie würden uns nach Hause schreiben, wo wir uns befinden, wenn man uns aufgeteilt hätte. Danach wurden wir in Autos geladen und nach Polen in ein Lager gebracht. Wir waren 15 Leute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Lager war nicht sehr groß, dort waren schon andere unserer Soldaten-Kriegsgefangenen. Hier verbrachten wir 2–3 Wochen. Wir ernährten uns dadurch, dass wir Fleisch von getöteten Pferden sammelten und es in Küchen kochten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann lud man uns in Autos und brachte uns bis zum Bug. Es waren viele Autos, denn aus diesem Lager wurden alle Gefangenen weggefahren. Am Bug wurden wir ausgeladen, und die Deutschen trieben uns über die Brücke auf die andere Seite des Bugs in das Lager Biala Podlaska [Stalag 307]. Es war Sommer und Erntezeit. In diesem Lager befand ich mich ein Jahr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Lager war von einem dreifachen Stacheldrahtzaun umgeben, an den Ecken des Lagers standen Beobachtungstürme, auf denen rund um die Uhr Wächter Aufsicht hatten. Das Lager lag auf einem offenen Feld, daneben war Wald. Wir waren unter freiem Himmel, und in den Kasernen waren die deutschen Soldaten und ihre Kommandozentrale.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir hoben uns lange Gräben in der Erde aus und schliefen in zwei Reihen dicht aneinander gedrückt. Es war sehr kalt. Nach jeder Nacht blieben viele Gefangene in den Gräben liegen, da sie während der Nacht erfroren waren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Neben mir lag immer ein Soldat aus Gubitsch (Bezirk Repkinskij, Gebiet Tschernigow), Drogan Fedor, und eines Morgens war auch er erstarrt im Graben. An diesem Morgen wollte ich ihn zu wecken, aber er war schon tot. Gleich nachdem wir ins Lager kamen, gab man uns etwas Brot und einen Würfel Honig für vier Personen. Und dann aßen wir Steckrüben und suchten getötete Pferde und kochten deren Fleisch. Später wurden alle Gefangenen in Kriegsgefangene und Zivilgefangene eingeteilt. Im Winter wurden die Kriegsgefangenen zum Säubern des Waldes geführt, aber niemand wurde zurückgeführt, denn sofort nach der Arbeit wurden sie dort im Wald erschossen. Eine andere Arbeit gab man uns nicht, wir saßen im Lager (herum).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In einer Sommernacht des Jahres 1942 erhoben sich die Kriegsgefangenen mit dem Schrei „Hurra“ und liefen auf den Stacheldraht zu, um aus dem Lager wegzulaufen. Die Wachposten erhellten mit zwei Raketen das Lager und eröffneten ein tödliches Feuer auf die ersten, die zum Stacheldraht liefen. Viele wurden getötet, sehr viele Gefangene, hinter dem Leichenberg war der Stacheldraht nicht mehr zu sehen. Als alles still geworden war, kroch ich mit meinem Dorfgenossen Nikifor Tuniza durch einen Leichenberg, um aus der Gefangenschaft wegzulaufen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir das Territorium des Lagers verlassen hatten, krochen wir etwa einen Kilometer und gelangten auf ein Feld, auf dem Garben von gemähtem Roggen standen, und zwar jeweils neun Stück und eine Garbe obendrauf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir zogen diese Getreidegarben auseinander und krochen in die Mitte.So saßen wir bis zur Nacht. In der Nacht verließen wir unsere „Deckung“ und gingen auf irgendeinem Pfad los aufs Geratewohl. Vor uns hörten wir weibliche Stimmen. Uns kamen einige Frauen entgegen. Als wir auf gleicher Höhe mit ihnen waren, hörten wir, dass sie über uns sprachen, dass wir Gefangene seien. Wir gingen an ihnen vorbei und dann drehte sich eine Frau um und gab uns ein Stück Brot. Und sie sagte uns noch, dass wir direkt in den Wald gehen und uns dann links halten sollten. Dann würden wir das Häuschen des Waldhüters finden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir das Häuschen des Waldhüters gefunden hatten, begann ein Hund zu bellen und der Waldhüter kam aus dem Häuschen. Er fragte uns, ob wir Gefangene seien und befahl uns, auf ihn zu warten. Wir dachten, er würde die Deutschen holen, aber er brachte uns Brot und Suppe (Grütze). Der Waldhüter sagte uns, dass am Waldrand Deutsche vorbeikämen, aber wenn sie nicht dort sind, man ins Dorf hinübergehen könne. Zwei Tage lang beobachteten wir die Bewegungen der Deutschen, und als sich ein geeigneter Moment ergab und es keine Deutschen gab, da gingen wir in das Dorf Deretschanka.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier hatten sich 17 Menschen so wie wir versammelt. Einige Gefangene gingen dann fort in das Dorf Nowoselki und Kiewec, denn für ein Dorf waren 17 Menschen zu viel. Sieben blieben im Dorf. Die Dorfbewohner sagten uns, dass man über den Bug auf die andere Seite kommen kann, aber den Ort des Flussüberganges kannte niemand. Daraufhin beschlossen wir, ein kleines Boot zu bauen, um in ihm über den Fluss zu setzen. Die Dorfbewohner gaben uns Material und Werkzeuge. An das Boot wurde ein langer Draht gebunden um es zurückzuziehen, wenn 2–3 Menschen übergesetzt waren. Auf dem gegenüberliegenden (unserem) Ufer standen unsere „Schwarzen“ (Armenier, Georgier, Usbeken), die zu den Deutschen übergelaufen waren und als Wachen am Ufer standen. Als die ersten drei Leute im Boot waren, hörten die Wachen sie, erhellten den Fluss durch zwei Raketen und eröffneten das Feuer auf sie. Über ihr Schicksal haben wir nie etwas erfahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danach gingen wir in den Wald, gruben eine Erdhütte und verbrachten dort einige Zeit. Einst hörten wir, dass jemand an unserer Erdhütte vorbeilief. Einer von uns schaute hinaus und sah eine Frau. Er lief hinter ihr her und sie sagte, dass wir keine Angst haben sollten, denn sie sei wie wir. Sie versprach uns, am Morgen „Machorka“ zu bringen. Am Morgen stellten wir einen der Unsrigen als Wache auf, um zu sehen ob die Frau Deutsche zu uns führt. Dann hörten wir eine Schießerei und sahen Deutsche, die zu unserer Erdhütte liefen. Sie schossen auf uns und wir begannen alle, über das Feld wegzulaufen, denn die Deutschen kamen aus dem Wald.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Über das Feld lief ich neben Tuniza Nikifor. Als ich mich umblickte, war er nirgends zu sehen, aber hinter mir liefen zwei Deutsche und schossen auf mich. Ich warf meine warme Jacke weg und lief nur im Hemd weiter in den Wald. Das war im Februar 1943.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Wald irrte ich lange allein herum. Es lag Schnee und die Deutschen konnten mich wegen meiner Spuren verfolgen. Dann ging ich auf eine Wiese und setze mich auf einen Weidenbusch um zu beobachten. Ich saß dort bis zum Abend. Am Flüsschen erblickte ich einen mir bekannten Dorfbewohner, Janek, der Netze legte. Ich wollte zu ihm gehen, aber ich konnte mich nicht erheben, denn meine Beine waren völlig taub. Lange streckte ich sie, und danach konnte ich nur mit Mühe aufstehen. Der alte Janek erkannte mich anfangs nicht wieder, er sagte, dass ich schwarz wie Kohle sei. Er sagte, ich solle mit ihm nach Hause kommen, aber ich hatte Angst um seine Familie, dass sie meinetwegen leiden könnte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nicht weit entfernt war das kleine Dorf Maliy Dobryn. Dorthin ging ich zu einem Bekannten, Samsonjuk Wassilij. Dort gab man mir zu essen und ein wenig Alkohol, auf ihrem Ofen verbrachte ich die Nacht. Am Morgen gaben sie mir etwas Brot, Speck und eine warme Jacke. Aufs Neue ging ich in das Dorf Deretschanka, um etwas über das Schicksal derjenigen zu erfahren, die mit mir vor den Deutschen geflohen waren. Dort erfuhr ich, dass zwei unserer Leute in Nowoselki getötet wurden. Und Nikifor Tuniza wurde von den Deutschen gefangen und gezwungen, sie in den Wald zu führen und ihnen die Erdhütte zu zeigen, wo wir uns versteckt hatten. Bei der Erdhütte erschossen sie ihn. Die örtlichen Bewohner nahmen ihn und beerdigten ihn am Weg zur Kirche, an einen Baum schlugen sie ein Kreuz an. Sie zeigten mir sein Grab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Deretschanka traf ich Pjotr Romanowitsch Schatalow, mit dem ich früher zusammen war. Er wurde in Charkow geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit ihm ging ich in das Dorf Malyj Dobryn, und dort waren wir einige Zeit. Wir halfen den dortigen Bewohnern (Samsonjuk Wasilij, Schpiruk Janek und andere) in der Landwirtschaft: des Nachts trugen wir die Getreidegarben vom Feld, droschen das Getreide etc.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn die Deutschen begannen sich etwas zurückzuziehen, versteckten wir uns tagsüber im Wald auf einem Friedhof in einer Gruft (Wir zogen die Platte beiseite und versteckten uns im Grab), und nachts gingen wir zum Bauern, dem wir halfen. Er zeigte uns den Ort, wo wir uns verstecken konnten. Seinen Nachnamen erinnere ich nicht mehr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einmal hörten wir, als wir in unserem Versteck saßen, dass ein heftiger Bombenangriff begann. Unweit befand sich ein deutscher Flughafen, und unsere Flugzeuge bombardierten ihn. Nach einiger Zeit verließen wir den Friedhof und wollten am Ufer zum Bauern gehen, als wir hörten „Stehen bleiben, wer dort?“ Das waren zwei russische Soldaten mit Maschinenpistolen. Sie fragten uns, ob wir Gefangene seien und nahmen uns mit. Ihr Stab befand sich in dem Haus des Bauern, dem wir halfen. Wir baten, an die Front geschickt zu werden, aber das wurde uns verweigert. Im Stab sagte man uns , dass wir uns von den örtlichen Einwohnern eine Bescheinigung ausstellen lassen sollten, dass wir uns in ihrem Dorf aufgehalten und den Deutschen nicht geholfen hätten. Diese Bescheinigung unterschrieben alle Dorfbewohner. (Wir hatten ja keinerlei Dokumente). Dann schickte man uns in das Örtchen Peschtschacy, wo es einen Sammelpunkt für alle Kriegsgefangenen gab. Dort verbrachten wir eine Woche, während die Gruppe der ehemaligen Kriegsgefangenen zusammengestellt wurde. Dann gab man uns einen Waggon, lud uns ein und brachte uns fort. Zwei Soldaten und ein Sergeant begleiteten uns. Wir dachten, dass wir zur Front führen, aber man brachte uns nach Charkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Charkow brachte man uns in ein Lager, in dem es viele ehemalige Kriegsgefangene gab. Wir wurden registriert und zum Bauen geschickt, da es viele zerstörte Häuser gab. Petr Schatalow wurde zur Arbeit in die Fabrik geschickt, wo er vor dem Krieg gearbeitet hatte. In Charkow stellte man mir einen Pass und einen Wehrentlassungsschein aus. Nach dem Krieg unterhielt ich freundschaftliche Beziehungen mit P.R. Schatalow. Wir führten Briefverkehr. Einmal kam er persönlich zu mir ins Dorf gereist, ein zweites Mal dann mit seiner Frau. Aber jetzt sind unsere Verbindungen unterbrochen, denn ich kann nicht mehr sehen, lesen oder schreiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vieles könnte noch geschrieben werden. Aus dem Gedächtnis werden nicht jene schrecklichen Kriegsjahre gelöscht, als jede Minute die letzte hätte werden können.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man erinnert sich an alle Frontkameraden, mit denen man ein Krümel Brot oder ein wenig „Machorka“ geteilt hatte und mit denen man im Glauben an den Sieg gelebt hatte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihnen, die jetzt nicht mehr unter uns sind, ein ewiges Gedenken!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Baran Nikolai Maksimowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;15044 Bezirk Repkinskij&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Tschernigow&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_324.php</link>
<pubDate>07 Dec 2012 22:26:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>323. Freitagsbrief (vom Oktober 2012)</title>
<description>&lt;p&gt;Boris Antonowitsch Popow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus 220023&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Minsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Offener Brief an die Bundeskanzlerin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;ich schreibe Ihnen als Überlebender des größten Kriegsverbrechens, das die Geschichtsschreibung kennt, dem drei Millionen meiner Kameraden zum Opfer fielen. Darüber zu berichten, luden mich der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI und die Freie Universität Berlin als Zeitzeuge ein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde als Soldat der Roten Armee kurz nach Beginn des deutschen Vernichtungskrieges gegen meine Heimat gefangengenommen und kam zunächst in ein Lager bei Minsk. Wir waren dort hunderttausend dem Hungertod preisgegebene Kriegsgefangene. Ich überlebte durch einen glücklichen Zufall. Danach kam ich in ein Feldlager bei Gomel, in dem mangels hygienischer Mindeststandards eine Fleckfieberepidemie grassierte. Ich zählte zu den wenigen Überlebenden, die im Frühjahr 1942 nach Deutschland gebracht wurden. Die Verpflegung entsprach nun dem Minimum zur Gewährleistung der Arbeitsfähigkeit. Aber auch hier wurden wir als „Untermenschen“ misshandelt. Wir waren dem Status nach Kriegsgefangene, aber in Wirklichkeit wurden wir zu Opfern rassistischer NS-Ideologie, die uns die Daseinsberechtigung abstritt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als bekannt wurde, dass Deutschland die „Zwangsarbeiterentschädigung“ auszahlt, stellte auch ich wie viele meiner Kameraden einen Antrag, der abgewiesen wurde mit Verweis auf ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz. Wurden wir zuvor beleidigt durch Stalins Vorwurf, Vaterlandsverräter zu sein, schockierte uns nun die Missachtung durch den Deutschen Bundestag. Es erstaunt uns Überlebende, dass Ihre Regierung Verantwortung gegenüber allen Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft bekundet – dies aber gegenüber jenen negiert, die neben den europäischen Juden die größte Opferzahl aufweist. Die Nichtanerkennung von Unrecht hält Wunden dauerhaft offen, Armenier und Türken wissen Bescheid. Millionen Familien in Ländern der früheren Sowjetunion trauern um Angehörige, die in anonymen Massengräbern vor einstigen „Russenlagern“ der Wehrmacht liegen. Auch für sie, nicht nur für die schwindende Zahl der Überlebenden, wäre es eine späte Genugtuung und hätte heilsame Wirkung, wenn Ihre Regierung sich zur Anerkennung des Unrechts bekennt und gegenüber den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Humanität erkennen lässt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;B. Popow&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_323.php</link>
<pubDate>30 Nov 2012 08:44:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>322. Freitagsbrief (vom Mai 2008, aus dem Russischen von Hilde Rodecker)</title>
<description>&lt;p&gt;Filimonow Nikolaj Pimenowitsch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt Koroljow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Moskau.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Freunde, guten Morgen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief vom 23.09.2005 erhalten. Am 07.02.2008 kam das Geld – 300 Euro.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun möchte ich kurz meine Geschichte des Krieges und der Gefangenschaft beschreiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich begegnete dem Krieg als Kommandeur eines MG-Zuges der 124. Schützendivision am 22. Juni 1941 um 4.00 Uhr früh an der westlichen Grenze des Flusses Bug, Stadt Sokal, Westukraine. Man gab Gefechtsalarm, der erste Kampf war ein Nahkampf mit dem zahlenmäßig überlegenen Feind. Am 24.06.1941 wurde unsere Division nach dem Fall der Stadt Gorochow eingekesselt. Am 29.06.1941 begann unsere Division nach schweren heldenhaften Kämpfen, die Einkesselung zu durchbrechen. Wir kämpften uns 32 Tage durch das vom Feind besetzte Gebiet, legten 650 Kilometer zurück, ohne Lebensmittelversorgung, wir aßen Pferdefleisch, es waren 120 Pferde, die wir aufgegessen haben. Ich hatte eine offene Wunde am Bein, eine Kontusion des Gehörs und im letzten Gefecht im Dorf Ljuterka wurde ich im Nahkampf schwer verwundet und kam Ende Juli in Gefangenschaft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Gefangennahme unternahm ich den ersten Fluchtversuch, kam aber Ende August wieder in das Lager im Dorf Antoniyny in der Ukraine. Aus diesem Lager unternahm ich am 15. Oktober den zweiten Fluchtversuch Wir bewegten uns Richtung Osten, da wurden wir am 03. Dezember von der deutschen Patrouille in der Stadt Usin festgenommen und ins Lager von Belaja Zerkow [Stalag 334] in der Nähe von Kiew gebracht. Ende Dezember 1941 wurden 150 Leute ins Lager des Dorfes Rakitnoje gebracht, wo wir in einem Schweinestall wohnten und Pflastersteine herstellten. Im Winter 1941/1942 mussten wir bei bis −35° in leichter Bekleidung draußen arbeiten und froren wahrscheinlich genau so, wie die deutschen Soldaten bei Moskau. Da erkältete ich mich, bekam Furunkulose und Tuberkulose und war nur noch ein Knochengerüst.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Mai 1942 wurde ich zurück ins Lager Belaja Zerkow gebracht. Anfang Juni 1942 auf dem Weg mit dem Zug ins Lager der Stadt Drogobytsch [Stalag 325Z in der Ukraine](Moldawien) sägte unsere Gruppe von 8 Personen das Fenstergitter an, denn wir wollten uns bei voller Fahrt des Zuges durch das Fenster davonmachen. Aber wir hatten Pech, der Plan wurde entdeckt und jeder zehnte von uns 60 Gefangenen wurde erschossen. Ich hatte Glück, ich war in der Kolonne der neunundzwanzigste.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Lager der Stadt Drogobytsch wurden wir am 2. Juli 1942 mit dem Zug ins Stalag 326 [Senne] nach Westdeutschland unweit von Dortmund gebracht. Im Stalag 326 bekam ich die Nummer 28300 und uns, eine Gruppe von 400 Personen, brachte man in eine Grube der Stadt Oberhausen. Dort arbeiteten wir in der Tiefe von 950 Meter, höllisch schwere Arbeit, die Norm war 9,5 Tonnen Kohle, 50 % der Gruppe fielen wegen Unterernährung aus. Einmal, es war Montag, Ende Juli 1942 machte ich den dritten Fluchtversuch, eine Chance von 1 zu 100. Es war am Morgen, während man uns zum Aufzug durch einen Gang führte. Mein Freund und ich liefen durch eine Tür und hatten Glück, die Wache merkte nichts. Acht Tage lang versuchten wir, Oberhausen zu verlassen, das ist eine lange Geschichte, mein Freund blieb etwas zurück und kam wieder in die Hände der Wachen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich fuhr in einem Postwaggon zwei Tage und zwei Nächte von Dortmund bis nach Aachen, durch einen großen Teil des Westens von Deutschland. Am frühen Morgen wollte ich dann in den Güterzug umsteigen, der mit Vieh beladen, neben mir stand, und wurde von einem Schaffner bemerkt und der brachte mich zum Vorgesetzten, einem Offizier. Ich sage es ehrlich, der Offizier war ein guter Mensch, er verhörte mich ohne Schläge, er hat an meiner Bekleidung den Bergmann erkannt und ließ 2 Wachsoldaten kommen. Ich war überrascht, als ich diese zwei Wachsoldaten sah, die mich wieder zurück ins Lager brachten, aus dem wir geflüchtet waren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In diesem Lager musste ich ein schweres Verhör durchmachen, drei Soldaten entkleideten mich in einem Luftschutzkeller, schlugen mich brutal, ich verlor die Sprache und wurde dann in eine Kammer gesperrt. Am Abend wurde ich vor die gesamte Belegschaft des Lagers gestellt, der Arbeitgeber schrie fürchterlich, nannte mich Stalins Bandit und ordnete an, mich am nächsten Morgen zu erschießen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am nächsten Morgen öffnete ein Soldat die Tür, gab mir 100 Gramm Brot und ein Stückchen Leberwurst und dann wurde ich nach Bocholt VI F, drei Kilometer von der holländischen Grenze gebracht, das war am 6. August 1942. Dort war ich im allgemeinen Lager 3 Tage, ich wurde nicht geschlagen, aber musste Handschellen tragen und ich hing dann so, solange ich Kraft hatte, das hatte der Hauptmann (Wachtmann) [Original deutsch in kyrillischen Buchstaben], befohlen. Dann wurde ich in die Strafbaracke gebracht – „SK“-Strafkommando, wo noch 4 Sträflinge einsaßen. Die Isolierbaracke war mit dichtem Stacheldraht umzäunt, isoliert von den anderen Insassen. Da blieb ich bis zum 03. Februar 1943. Dann brachte man uns drei Strafgefangene in eine Sandgrube nördlich der Stadt Haltern. Die Arbeit war sehr schwer, wir mussten 18 Loren – 18 Tonnen harten Sand auffüllen. Ich war sehr schwach nach Bocholt, der Meister trieb uns zur Eile, er stieß mich mit der Pistole in die Seite und fragte immer, warum der Wagen nicht voll ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurz darauf hat mich ein Verräter denunziert, da ich für eine Flucht warb. Der Kommandant war erschrocken, sagte, die Nummer 28300 arbeitet nicht, und schickte mich in eine andere Sandgrube 7 km von Haltern am Dortmunder Kanal, das Kommando 1482. Hier war die Arbeit noch schwerer, wir arbeiteten jeden Tag außer Sonntag und mussten Lastkähne mit 500 Tonnen Sand beladen und durften nicht weg, bevor der Lastkahn voll war, so war der Befehl des Chefs Willi. Zum Lastkahn fährt man die Lore bergab, aber der Rückweg war bergauf, alleine, so dass es die Kniegelenke nicht mehr schafften vor so viel Anstrengung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diese Schinderei hielt ich von Mai bis Oktober 1943 aus, dann organisierten wir zu viert am 15.10.1943 erneut eine Flucht, meine vierte, aber die zweite in Deutschland.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das ist auch wieder eine Geschichte für sich. Wir waren einen Monat unter extremen Bedingungen auf der Flucht, zwischen Himmel und Erde, zweimal sah ich dem Tod in die Augen: das erste Mal – eine Vergiftung mit einem chemischen Salz, das wir für Kochsalz hielten. Das zweite Mal vergiftete ich mich mit Wasser aus dem Straßengraben. Zwei Kumpel blieben zurück und wir zwei legten 400 km zurück und konnten in einem Zug die Weser überqueren, die Wachen haben uns nicht gesehen. Am 15.11.1943 gingen wir durch eine Siedlung, dort fasste uns die Polizei und übergab uns in ein Lager – Arbeitskommando. Der Kommandant verhörte uns in der Nacht, wir wurden geschlagen, entkleidet und in getrennten Räumen in einer Baracke eingesperrt, bei −3 Grad.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am Morgen mussten wir in unseren schmutzigen Unterkleidern die Klos saubermachen und damit das Grundstück des Kommandanten düngen. Über den ganzen Tag bekamen wir ein Glas Wasser und 50 Gramm Brot. Am nächsten Tag wurden wir ins KZ Fallingbostel [Stalag XI D] in der Nähe von Hannover gebracht, wo, wie wir hörten, 100.000 Häftlinge untergebracht waren. Nach dem Verhör waren wir getrennt in Einzelkammern, und Anfang Dezember 43 kamen wir zurück ins Lager Bocholt, wo wir nach einem Verhör ohne Schläge (Gott sei Dank!) wieder in die Isolierkammer „SK“ kamen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im April 1944 schickte man mich zurück in die Grube 1482, von wo wir geflüchtet waren, der Chef Willi ließ mich nicht in Ruhe und ließ mich besonders streng vom Meister und den Wachsoldaten bewachen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ende März 1945 war ein Luftangriff der amerikanischen Flieger auf unser Lager, es fiel eine Bombe in den Kanal. Danach wurden wir evakuiert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir haben uns zu fünft zusammengetan und flüchteten wieder. Am 31.03.1945 verließen wir den Wald und gingen zu den amerikanischen Truppen in der Stadt Olda [Oelde], wo unsere Gefangenschaft zu Ende war. Die Alliierten behandelten uns sehr gut, ich kam zu einem Sammelpunkt in Paderborn. Am 01.08.1945 setzten uns die Amerikaner in ein Auto, fuhren über die Elbe und übergaben uns an die sowjetische Besatzung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Goldberg [Mecklenburg ?] durchlief ich die erste staatliche Prüfung, 800 Mann des Kommandeurskader kamen mit dem Zug zum Sammelpunkt, zur Station Alkino. Dort durchlief ich die zweite Prüfung vom SMERSCH und wurde als Unterleutnant der Reserve demobilisiert und nach Hause ins Gebiet Rjasan entlassen. So habe ich dank unserem Herrgott und meinem starken Organismus alle Heimsuchungen des Schicksals bestanden und kam in mein Elternhaus zurück, zu meiner Mutter, die die 8 Jahre – von 1938 bis 09.12.1945 –, die sie mich nicht gesehen hat, für mich gebetet hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun begann mein Leben in Frieden. Am 12. April 1946 habe ich angefangen zu arbeiten, übernahm die Buchhaltung in der Kolchose und arbeitete bis Mai 1947. Ich heiratete und zog nach Moskau um. Ich schloss Meisterkurse für die Herstellung von Mineralwatte nach amerikanischer Technologie ab, dann wurde ich Obermeister, stellvertretender Abteilungsleiter. Am 07.04.1948 starb meine erste Ehefrau. 1951 wechselte ich meine Stelle und wurde Meister für die Sicherheitskontrolle, wo ich 32 Jahre in verschiedenen Funktionen, z.B. Leiter der Betriebssicherheitskontrolle, tätig war. 1950 heiratete ich noch einmal und zog nach Koroljow, Gebiet Moskau, wo ich bis jetzt in […] mit meiner Tochter aus der zweiten Ehe wohne.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So langsam vergeht unser wunderbares Leben auf dieser Erde in der Hast des Tages.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 9. Dezember 2007 bin ich 90 geworden. Das alles dank dem Schicksal und unserem Herrgott, dass man ungeachtet der schweren Zeiten am Leben ist und ein friedliches Leben führen kann. Hinsichtlich der Gesundheit muss ich sagen, dass ich mit vielen Krankheiten zu kämpfen habe, die ich mir in der Kriegszeit zugezogen habe. So musste ich eine Behindertenrente wegen allgemeiner Erkrankungen und der Kriegsverletzungen beantragen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schließe meinen Brief und bitte Sie, meine Schrift und meine Schilderung mit meinem Gesundheitszustand zu entschuldigen, ich habe geschrieben, wie ich denke, mit viel Achtung vor Ihnen für das gute Verhalten zu uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen und zu mir persönlich, auch für die materielle Hilfe. Nochmals vielen herzlichen Dank für Ihre Aufrichtigkeit. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und Wohlergehen für die hoffentlich vielen Jahre Ihres Lebens.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit inniger Hochachtung&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nikolaj Pimenowitsch und meine Tochter Raja Mit unsere Got (Original deutsch]&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_322.php</link>
<pubDate>23 Nov 2012 08:24:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>321. Freitagsbrief (vom August 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievsky)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kreis Perm&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Suksun&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sergej Michajlowitsch Stepanow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Vereinsmitglieder,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, S. M. Stepanow bedanke mich bei Ihnen recht herzlich für Ihren Brief und für die Achtung, die Sie mir und allen ehemaligen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges schenken. Sie bitten, meinen Lebensweg zu erzählen. Wenn ich ausführlich berichtete, könnte man ein ganzes Poem schreiben. Ich bleibe kurz.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin in der Arbeitersiedlung Suksun im Kreis Perm geboren, wo meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gelebt hatten. Unsere Familie war groß: die Eltern, sieben Geschwister, ich, die Großmutter und eine gehörlose Tante. Nach der Beendigung eines Technikums wurde mir eine Arbeitsstelle gegeben. In dieser Zeit begann der Krieg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Herbst 1941 wurde ich in die Armee einberufen und in die Fliegerschule geschickt. Unsre Truppen zogen sich an der Front zurück. Ein Teil der Offiziersschüler aus den Flieger-, Panzer-, Artillerie-, und anderen Militärschulen bekam die Aufgabe, an einer vorbereiteten Befestigungsanlage den deutschen Vorstoß zu stoppen und damit unseren Truppen eine Atempause für die Verlegung zu geben. Die Befestigungsanlage war so gestaltet, dass ein gegnerischer frontaler Angriff kaum möglich war. Nach erbitterten Kämpfen gelang den Deutschen ein Flankendurchbruch. Die Befestigungsanlage wurde zerstört. In der ganzen Anlage sind nur 50 Mann am Leben geblieben. Es kam der Rückzugsbefehl. Es gab aber keine Möglichkeit zum Rückzug, weil die Deutschen hinter uns 40 km Hinterland erobert hatten. Es gab den Befehl, die Gegend in kleineren Gruppen zu verlassen. Nach einem nächtlichen Fußmarsch fanden wir in einem Gemüsegarten ein zugewachsenes Erdloch. Wir wollten hier zu viert eine kurze Zeit bleiben. Am Morgen fanden die Deutschen unser Versteck. So wurden wir gefangengenommen. Das passierte Anfang August 1942.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;An einem Tag trieben die Deutschen etwa 150 Personen zusammen. Mit Wagen wurden wir ins Lager nahe Charkow [Dulag 201] gebracht. Dort gab es schon unsere Kriegsgefangene, ca. 1500–2000 Mann. Wie sah das Lager aus? Das war ein von Stacheldraht umzäuntes Gelände mit einer Fläche wie ungefähr zwei Fußballfelder. Auf einer Seite stand ein großes dreistöckiges Haus. Vielleicht waren es ehemalige Militärkasernen. Das Lagergelände wurde in der Mitte geteilt. Bei der Essensvergabe wurden wir von einem Teil des Lagers zum anderen Teil getrieben. Einmal täglich gab es Essen: maximal 500 g Balanda (ungeschälte Kartoffeln, Rüben, ein bisschen Grütze und Wasser). Es gab kein Brot. Im Lager war kein Leitungswasser. Kriegsgefangene lieferten das Wasser in Tonnen mit einem Fuhrwerk. Das Fuhrwerk wurde von deutschen Wächtern begleitet. Im Inneren des Lagers befanden sich keine Deutschen. Das Kommando übernahmen die ukrainischen Polizisten. In allen Lagern, wo ich mich danach befand, hatten die ukrainischen Polizisten die Leitung. Sie hatten ihre Hauptwaffe: eine Peitsche. Der Griff der Peitsche war etwa 20–30 cm lang. Am Ende wurde entweder ein Gummischlauch (etwa 60–70 cm lang) oder ein Riemen festgemacht. Nach einem Schlag blieb auf dem Körper eine blaue oder blutige Stelle.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war im August. Es herrschte sommerliche Hitze. Das Wasser wurde ununterbrochen den ganzen Tag geliefert. Für so viel Kriegsgefangene reichte das Wasser aber nicht. Es kam zu Drängeleien und Zusammenstößen. Die Deutschen beobachteten dies, unternahmen aber keine Bemühungen, die Lage zu verbessern. Ich konnte mir auch nicht immer Wasser beschaffen. Wir tranken unseren Urin. Die Menschen wurden schwächer. Ich sah die ersten Toten. Niemand kletterte mehr zur Übernachtung in den 2. oder 3. Stock der Kaserne hoch. Die Menschen lagen im Erdgeschoss und draußen. Aus unserer Vierer-Gruppe konnten zwei Personen dies nicht mehr aushalten und meldeten sich zur Lagerpolizaj. Sie sagten, sie wären Ukrainer. Für die Lagerpolizaji wurden nur Ukrainer und Krim-Tataren rekrutiert. Nikolaj aus dem Gebiet Swerdlowsk und ich entschieden folgendes: Wenn wir im Krieg nicht sterben, werden wir heimkehren. Der Aufenthalt in der Kriegsgefangenschaft würde uns vielleicht verziehen werden. Ein Hochverrat wird nie verziehen. Dies hätte bei viel Glück „nur“ ein „zweites“ Lager, diesmal in der Heimat bedeutet. Noch schlimmer wäre die Schande für die Verwandten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es wurden die 60–80-Mann-Grupen gebildet. Wir dachten, schlimmer kann es nicht werden, und meldeten uns bei einer Gruppe. Man brachte und in ein anderes Lager. Es war deutlich kleiner: eine Lagerhalle, daneben ein Platz und eine Reihe Stacheldraht. Der Lagerkommandant war ein Deutscher. Die Wächter waren die Polizisten, diesmal mit Gewehren bewaffnet. Drei Tage lang hielten wir uns hier auf. Das Essen war nicht schlecht: zwei Mal täglich. Dazu noch eine Brotmischung. Nach drei Tagen wurden wir in 15–20-Mann-Gruppen zur Arbeit geschickt. Wir ernteten Rüben, Mais, Tomaten etc. In diesem Lager lebten wir zwei Wochen. Die Erntezeit ging zu Ende. Danach wurden wir in ein anderes Lager gebracht. Wir trafen die Entscheidung, zu flüchten. Hier war es relativ leicht. Wir wussten, dass wir die Unsrigen nicht erreichen könnten. Wir hofften, Partisanen zu treffen. Wir flohen. Ich werde den ganzen Weg nicht beschrieben, wo wir tagsüber und nachts waren. Die Ortschaften umgingen wir in der Nacht. Am vierten Tag versuchten wir, die ganze Nacht eine Ortschaft zu umgehen. Sie war endlos groß. Etwa in 500 Meter Entfernung sahen wir ein Einzelhaus. Wir näherten uns. Als es bis zum Haus noch cirka 30 Meter waren, erschien an der Ecke ein Deutsche mit Maschinengewehr: „Russe, komm!“ Wir gingen zu ihm. Er öffnete die Tür und stieß uns rein. So gerieten wir erneut in ein Lager. Es war klein. Die Ortschaft war die Stadt Perwomaisk. Das Lager war ohne Stacheldraht. Das war eine Lagerhalle. Im Erdgeschoss übernachteten 62 Kriegsgefangene. Sie arbeiten bei der Ernte. Oben lagerte Mais. Das Lagerkommandant war ein Deutscher, kein Offizier, sondern mit niedrigerem Rang. Er war ein sehr böser Mensch und lief immer mit einer Peitsche rum. Morgens gab es einen Appell. Alle Kriegsgefangenen mussten obligatorisch anwesend sein. Der Kommandant verprügelte uns persönlich mit der Peitsche. Das galt als „Lehre“ für andere Kriegsgefangene. Wir beide waren ohnmächtig. Eine Woche lang konnten wir die Pritsche ohne fremde Hilfe nicht verlassen, auch nicht um auf die Toilette zu gehen. Essen gab es zweimal täglich. Ich glaube, das Essen kochten ukrainische Frauen, weil die Balanda wie Borschtsch aussah, allerdings ohne Fleisch und Schmand. Im Winter hatten wir kaum Arbeit. Nur selten wurden 5–10 Mann für Hilfsarbeiten rekrutiert. Tag und Nacht bewachten uns die Polizisten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Frühjahr (ich erinnere michnicht an das genaue Datum. Es gab aber noch Schnee) wurde eines Tages die Wache deutsch. Wir mussten antreten. Viele waren schlecht gekleidet. Fast keiner hatte einenMilitärmantel. Unsere Militärmäntel hatten die Wächter bei der Festnahme beschlagnahmt. Die Schuhe waren kaputt. Wir befestigten sie mit einem Stück Folie, oben mit Draht gebunden. So gingen wir fort. Nach einer halben Stunde waren die Füße nass. Auf dem Weg trafen wir Halbbekleidete in der ersten Ortschaft Frauen. Sie brachten uns Kleidung und Schuhe. Der Kolonnenführer, ein Offizier, brachte Mitleid auf und befahl uns, die Bewegung zu stoppen. Er erlaubte uns, sich umzuziehen. Am zweiten Tag erreichten wir eine große Ortschaft. Dort gab es ein Lager für ca. 600–800 Personen. Wir übernachteten. Morgens fuhren wir mit dem Güterzug von einer Bahnstation nach Deutschland. Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit wir unterwegs waren. Man brachte uns nach Küstrin. Wir wurden in einem Quarantänelager untergebracht [Stalag IIIC]. Dort ging es uns sehr schlecht. Die Menschen starben. Nach etwa drei Wochen wurden diejenigen, die relativ gesund waren, ins Arbeitslager überwiesen. Das Lager sah so aus: 7 oder 8 Baracken, etwa 50 Meter lang. In der Baracke gab es einen  langen und breiten Gang durch die ganze Baracke. Auf beiden Seiten des Ganges waren die Abteile mit zweistöckigen Holzpritschen. Im Lager befanden sich auch eine Krankenbaracke für 20 oder 30 Betten, ein Ärzteraum und die Räume für die Mitarbeiter. Daneben hinter Stacheldraht – die Kaserne der Wachmannschaft, Lebensmittellager und die Küche. Das Lager wurde mit zwei Reihen Stacheldraht umzäunt. Es gab auch Wachtürme. Wir wurden in den Baracken untergebracht. Am nächsten Tag wurden wir zur Arbeit getrieben. In jedem Arbeitskommando arbeiteten 40–50 Menschen. Unser Kommando beschäftige sich hauptsächlich mit Ladearbeiten an der Bahnstation.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Züge lieferten Kohle, Metall sowie Kartoffeln und weitere Gemüsearten. Die Gefangenen wurden an der Station an Arbeitgeber verteilt, 2–5 Mann pro Arbeitgeber, abhängig vom Gut. Die schwerste Arbeit war das Schleppen von Kohle. Die Kohlebriketts wurden in 70-Kilo-Paletten gestapelt. Wir mussten dies in die Haushalte liefern. Gut, wenn es das Erdgeschoss war. Die Menschen lebten aber auch im 2. oder 3. Stock. Wenn du 10–15 Mal täglich nach oben kletterst, bist du zum Feierabend bewegungslos. Die Mehrheit der deutschen Hausfrauen hatte Mitleid. Sie gaben den Gefangenen etwas Brot, Käse oder Wurst. Nach der Rückkehr ins Lager wurden wir durchsucht. Die Lebensmittel wurden aber nicht weggenommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dieses abwechslungsarme Leben dauerte unmittelbar bis zur Befreiung. Im April 1945 gelang einer sowjetischen Panzergruppe den Durchbruch zu unserem Lager. Die Panzerfahrer sagten uns, dass die gegnerische Verteidigungslinie 8–10 km tiefer durchbrochen wurde. Sie empfahlen uns, durch diesen Gang die Unsrigen zu erreichen. Als wir zu den Unsrigen kamen, begannen die Geheimdienstler ihre „Arbeit“. Jeder wurde in einem separaten Raum vernommen: Wo wurdest du einberufen? Wo hast du gekämpft? Wie wurdest du gefangen genommen? Am zweiten Tag erhielten wir Uniformen und wurden in die reguläre Armee überwiesen. Ich befreite Dresden und andere Städte. Nach dem Krieg diente ich in Prag, in Österreich und Ungarn. Im August 1946 wurde ich demobilisiert. Ich kehrte nach Suksun zurück. Das ist ein Kurort, sehr schöne Gegend. In der Siedlung lebten damals ca. 10.000 Menschen. Es gab eine Optikfabrik und ein anderes Werk. Ich begann in der Optikfabrik als Ökonom zu arbeiten. Später war ich als Leiter der Planabteilung tätig. 1981 ging ich in Rente. Meine letzte Funktion lautete „Stellevertretender Direktor für wirtschaftliche Fragen.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg war das Leben schwer. Das Land war zerstört. Zu uns in den Ural wurden mehrere Werke aus den besetzten Teilen des Landes gebracht. Wir bauten alles wieder auf. Unsere Fabrik arbeitete gut. Wir gewannen erste Plätze beim sozialistischen Wettbewerb. Die Arbeiter verdienten 5–10 % mehr als im Landesdurchschnitt. Die Fabrik wurde mit dem Rotbannerorden gewürdigt. Viele Arbeiter wurden mit Orden, auch mit dem Orden „Ehrenzeichen“ ausgezeichnet. Das Leben wurde jedes Jahr besser.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es begann aber die Perestroika. Unser Wohlstand ging verloren. Unsere Regierung baute ab sofort auf den Kapitalismus. Die Kommunisten schmissen ihre Parteibücher weg. Sie lösten das Parlament auf, zerstörten die Sowjetunion, zerkleinerten das Land in kleine kapitalistische Länder. In jedem Land wurde ein Präsident gewählt. In Russland wurde Jelzin zum Präsidenten gewählt. Ich bin kein Gegner des Privateigentums. Ich bin aber gegen den wilden Kapitalismus, wie es bei uns zu Lande passiert. Das gefällt mir nicht. Nehmen wir die statistischen Angaben für das 1. Quartal 2007. Wir haben folgende Verdienste monatlich: im Bankwesen: 31.474 Rubel, in der Metallindustrie 13.798 Rubel, in der Landwirtschaft 5179 Rubel. Was für ein Unterschied! Ich würde nicht sagen, dass ein Buchhalter oder Wirtschaftsspezialist, die in einer Bank arbeiten, eine schwerere Beschäftigung hat als ein Metallurge vor dem Ofen. Das Unrecht ist auch von der Region oder von der Art der Ortschaft abhängig. Ein Dreher verdient in Suksun 3–5000 Rubel monatlich, in Perm (Kreishauptstadt) – 15.–20.000 Rubel, in Moskau oder Leningrad  – 35.–40.000 Rubel. Man darf auf keinem Fall in Moskau oder Leningrad wenig zahlen. Die Arbeiter könnten einen Streik oder Aufstand organisieren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Gerichtswesen haben wir das gleiche Unrecht. Wenn jemand einen Sack Kartoffeln klaut, wird er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Wenn jemand Millionen klaut, bleibt er entweder frei oder bekommt eine Strafe auf Bewährung. […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte um Entschuldigung für diesen langen Brief. Ich wollte tatsächlich kürzer schreiben. Und da habe ich ein ganzes Poem geschrieben. Ich habe nichts Böses gegen das deutsche Volk. Ich bin den deutschen Frauen dankbar, die uns in diesen fernen Jahren mit Lebensmitteln halfen. Ich bedanke mich noch einmal bei Ihrem Verein für den Brief und für die Achtung. Ich lade Sie zu mir zu Gast im Oktober ein. Ich werde meinen 86. Geburtstag feiern, wenn ich natürlich am Leben bleibe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diesen Brief half mir die Schwiegertochter, die Ehefrau des älteren Sohnes zu schreiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und ein langes Leben!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sergej Michajlowitsch Stepanow&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_321.php</link>
<pubDate>16 Nov 2012 14:52:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>320. Freitagsbrief (vom August 2007, aus dem Russischen von Sibylle Albrecht)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Odessa&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Siedlung Frunsowka&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Arsen´jewa Alexandra Fedorowna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es schreibt Ihnen Arsenjewa Alexandra Fedorowna, Kriegsteilnehmerin bei der Verteidigung von Odessa und Sewastopol.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dank dem Einsatz unserer Küstenarmee haben Odessa und Sewastopol die Ehrenbezeichnung „Heldenstadt“ bekommen. Sie stand unter dem Befehl von General Iwan Jefimowitsch Petrow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Sewastopol gehörte ich zum 224. Sanitätsbataillon der 172. Division, die in den McKenzy-Bergen („Mekensijewskije gory“) [*] zur Verteidigung eingesetzt war. Das Sanitätsbataillon hatte seinen Standort auf dem Gelände der Maximow-Datsche („Maximowa datscha“) [**]. Ich habe ein Foto, auf dem ich zusammen mit General Petrow in den McKenzy-Bergen aufgenommen wurde. Er war einmal mit dem Bus bei uns vorgefahren, versammelte alle Frauen und fuhr mit ihnen in Frontnähe. Dort wurde dieses Foto gemacht „für die Nachkommen“, wie der General sagte. Die Nina Onilowa ist nämlich gefallen und von ihr ist kein Foto geblieben. Die Kopie dieses Fotos lege ich bei.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Entschuldigen Sie bitte meine Handschrift. Die Hand zittert, das Schreiben fällt mir schwer. Aber Sie werden es schon verstehen. [….]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Zeitung habe ich gelesen, dass diejenigen, die im Krieg gekämpft haben und in deutsche Gefangenschaft geraten waren, materielle Hilfe bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Sewastopol gab es grausame Kämpfe. Irgendwann hatten wir keine Munition mehr, keine Waffen, hatten nichts mehr zu essen, kein Verbandsmaterial. Vom Festland kam kein Ersatz. Die Vorgesetzten ließen sich 2 U-Boote kommen. Sie fuhren davon und ließen uns zurück. Wir saßen unter den Felsen, da kamen die Vorgesetzten vorbei auf dem Weg zu den Booten. Ich fragte General Petrow „Iwan Jefimowitsch, Sie fahren alle weg, und was wird aus uns?“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;General Petrow erwiderte „Wir werden Euch eine Staffel schicken“, aber es kam keine Staffel und so gerieten wir in Gefangenschaft. Wir hatten nichts mehr zum Schießen, nichts zu essen und kein Verbandsmaterial für die Verwundeten. Die Deutschen jagten uns von der 35. Batterie bis nach Simferopol zu Fuß. In Simferopol waren wir zunächst in einem Gefängnis, dann brachten sie uns per Bahntransport nach Slawuta [Stalag 301Z], wo wir uns in Kasernen unserer Armee befanden und später ging es weiter nach Soest in Deutschland. Bei der Ankunft dort hatte ich schon Malaria. Ich hatte starke Schüttelkrämpfe, 40 º Fieber und konnte nicht mehr laufen. Die Frauen unter uns, die Deutsch konnten, gingen zu den Deutschen und fragten nach Hilfe. Die Deutschen schickten uns in ein Krankenhaus, unsere Frauen trugen mich auf einer Trage, das weiß ich noch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Krankenhaus bestätigten sie die Diagnose „Tropenmalaria“ und begannen mit der Behandlung. Aber ich konnte schon nicht mehr laufen. Nach der Behandlung hörten die Schüttelanfälle auf, das Fieber sank, und dann holte mich ein Deutscher ab, der brachte mich nach Lippstadt in ein Werk. Dort arbeitete ich dann.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von den Amerikanern wurden wir befreit, sie brachten uns in ein Lager für russische Kriegsgefangene nach Essen. Von dort ging es dann mit der Bahn in das Gebiet, wo unsere Truppen waren, nach Lüdersdorf. Zwei Ärzte kamen und baten, dass sich medizinisches Personal meldet für die Arbeit bei ihnen in den Einheiten, denn dort fehlte es. Ich hatte eine Freundin, Tamaran Jelezkaja, die war auch Feldscher [***] in unserer Division. Wir beratschlagten und meldeten uns zur Arbeit in einer Einheit. Bis 1946 blieben wir, und im September 1946 kam ich nach Hause.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Soweit in aller Kürze.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Entschuldigen Sie, ich habe schlecht geschrieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Hand zittert, ich kann (schon) nicht mehr schreiben. Über Hilfe würde ich mich sehr freuen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Arsen´jewa Alexandra Fedorowna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] F. McKenzy - Konteradmiral, gebürtiger Engländer, seit 1765 im Dienst der Russischen (Schwarzmeer-)Flotte; nach ihm benannte Erhebung in der Nähe von Sewastopol.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[**] Maximow-Datsche - bei Sewastopol ehemal. Gartenschloß des Grafen Maximow aus dem 19. Jahrh., mit Landschaftspark.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[***] Feldscher - in der russischen Armee Bezeichnung für unterste Stufe eines Militärarztes; in der Sowjetunion und den heutigen Nachfolge-Republiken zivile Tätigkeit im mittleren medizin. Dienst, Ausbildung unterhalb des Arztes, aber höherwertiger als die der Krankenschwestern.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_320.php</link>
<pubDate>09 Nov 2012 08:01:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Lew Wladimirowitsch Jalowezkij</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
		
&lt;p&gt;Kirowograd.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Michajlowskij,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich die Unterstützung in Höhe von 1000 Griwna vom Verein „Kontakte“ erhalten habe, wofür ich sehr dankbar bin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dieses Geld kommt von einer Organisation, die das furchtbare Unrecht, das dem jüdischen Volk durch die Nazi-Besatzer zugefügt wurde, verurteilt. Nochmals vielen Dank, dass Sie uns, die Überlebenden der Schoah, nicht vergessen haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun möchte ich Ihnen in Kürze davon berichten, wie ich den Holocaust überlebt habe. Nur wenige Tage, nachdem die Deutschen Kirowograd besetzt hatten, kam eine Frau namens Polina Kusminitschna Kowalewa zu uns und übermittelte uns die Bitte ihres Mannes Wladimir Wladimirowitsch Kowalew. Unsere Familie war schon lange Jahre mit der Familie Kowalew befreundet. Wladimir Wladimirowitsch bat uns, mich so schnell wie möglich aus der Stadt zu bringen. Bei einem Treffen sprach Wladimir Wladimirowitsch nicht lange von den „Regeln“ der Besatzer unserer Stadt bezüglich der Juden, sondern sagte nur, es gebe Informationen darüber, dass man mit dem Schlimmsten rechnen müsse, sogar damit, dass die Juden an einen „anderen Ort“ deportiert werden würden. Was mich betraf, so hatte er folgenden Plan gefasst: Ich unterschied mich äußerlich in nichts von den ukrainischen Jungen, und das müsse man ausnutzen. Ich müsse einen neuen Namen bekommen und hieße ab jetzt Leonid Wasiljewitsch Aleksejew. Ich sollte in ein Dorf gebracht werden, so weit wie möglich von der Stadt entfernt, und zwar ins Dorf Sofijewka, das 50km von Kirowograd entfernt und abseits der Hauptstraße gelegen war. Dort sollte ich einen Brigadier treffen und in seiner Brigade arbeiten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Früh morgens brachte Kowalew mich mit einem Pferdewagen nach Sofijewka. Etwa 20 km vor Sofijewka hielten wir an, um dem Pferd Wasser zu geben. Da kam ein Junge von etwa 15 Jahren zu uns und bat uns um etwas zu essen. Von ihm erfuhr ich, dass mein Vater in die Armee eingezogen worden und sein weiteres Schicksal nicht bekannt war, und dass sie meine Mutter erschossen hatten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir Sofijewka erreicht hatten, bat Kowalew den Brigadier, mich in seine Brigade aufzunehmen, da ich Waise sei und kein Dach über dem Kopf habe. Der Brigadier begriff. Er wollte mir helfen und nahm mich in seine Brigade auf. Ich arbeitete bei ihm im September und Oktober 1941. Dann kam der Winter und sie schickten mich zum Arbeiten auf einen Hof mit Schweinezucht. Dort musste ich die Ställe säubern und die Tiere füttern. Ich habe dort bis August 1943 gearbeitet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im August 1943 durchsuchten die Polizai jedes Haus, sie hatten eine Liste mit Namen von Männern, die zur Polizeiwache gebracht werden sollten. Irgendwann kamen sie auch zu dem Haus, in dem ich wohnte. Wir alle standen auf der Liste, wurden im Hof zusammengetrieben und dann nach Kirowograd gebracht. Dort wurden wir in einen Zug verladen und nach Deutschland gebracht, nach Freital bei Dresden, wo ich an der Bahnstation beim Be- und Entladen der Züge arbeiten musste. Ich habe dort bis Mai 1945 gearbeitet, dann wurden wir von der Roten Armee befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lew Wladimirowitsch Jalowezkij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Der Voraussicht und dem Mut Wladimir Wladimirowitsch Kowalews ist es zu verdanken, dass ich zu Leonid Wasiljewitsch Aleksejew wurde und unter diesem Namen den Holocaust überleben konnte.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-november-2012.php</link>
<pubDate>05 Nov 2012 17:32:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Emma Abramowna Stoljar</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dnjepropetrowsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Krieg begann, war ich sechs Jahre alt. Bald musste ich zusammen mit meiner Mutter, meiner jüngeren Schwester und meinem jüngeren Bruder ins Ghetto.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kann mich noch erinnern, dass viele Deutsche auf Motorrädern durch unseren Ort gefahren sind und im Fahren auf die Porträts von Lenin und Stalin geschossen haben, die vor dem Dorfsowjet hingen. Ein jüdischer Junge, ein Komsomolze, nahm die Porträts ab. Ein Motorradfahrer jagte hinter ihm her, erwischte ihn aber nicht. Später ist dieser Junge im Ghetto an Tuberkulose gestorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den ersten Tagen, als die Besatzungsmacht noch nicht gefestigt war, begannen die Polizaj das Regiment zu übernehmen. Die Juden, die sich noch gut an die letzten Pogrome erinnern konnten, begannen sich zu verstecken. Einige versteckten sich im Haus des ärmsten Juden, weil sie dachten, dass die Polizaj dort nicht auftauchen würden. Aber sie hatten sich geirrt. Die Polizaj kamen, schlugen die Menschen, nahmen ihnen die Sachen weg. Sie nahmen die gesamte Winterkleidung mit. Meine Mutter wurde geschlagen. Meine Mutter hatte mehr Angst als die anderen, da mein Vater Kommunist war, er war der Direktor der Schule.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Nacht ging Mutter mit uns kleinen Kindern ins Dorf zu einer Bekannten und bat sie, uns bei sich zu verstecken, aber sie nahm uns nicht auf. Wir waren lange unterwegs, gingen zu jüdischen Bekannten, sie gaben uns etwas zu essen und ließen uns bei sich übernachten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann kam das Ghetto. Schon im Herbst trieben sie viele Juden aus Rumänien und der Bukowina in unser Ghetto. Es waren völlig erschöpfte alte Menschen, Frauen und Kinder, die lange zu Fuß marschiert waren (unser Ort lag weit entfernt von der nächsten Bahnstation).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir lebten in schrecklicher Enge. Wir lebten in einem kleinen Zimmer zusammen mit einer Familie aus der Bukowina – ein Vater mit seinen zwei Söhnen und einer Tochter. Alle hatten offene Tuberkulose. Wie durch ein Wunder sind wir aber nicht an Tuberkulose erkrankt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Flecktyphus raffte die Menschen dahin. Da brauchte man sie nicht mehr zu erschießen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Sommer wurden die Leichen wohl sofort weggeschafft, aber im Winter lagen auf der Straße die nackten Leichen aufgestapelt (die Kleidung brauchten die Lebenden noch).Wenn sie dann auf einen Karren geworfen wurden, hörte man das Aufeinanderkrachen der gefrorenen Körper.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war furchtbar kalt, wir konnten nicht heizen und die Winter damals waren kalt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Eine oder zwei Zeilen auf der Kopie abgeschnitten]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und dieser Geruch – im Ghetto herrschte ein ganz spezifischer Geruch, den ich bis heute nicht vergessen kann.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin auch an Flecktyphus erkrankt, aber ich habe überlebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und die Läuse – wir alle hatten unvorstellbare Mengen an weißen Läusen auf dem ganzen Körper. Sie übertrugen den Flecktyphus. Im Ghetto war es unmöglich, die Läuse loszuwerden: Wir lebten in ungeheizten Gebäuden und konnten nicht einmal Wasser heiß machen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier ein Bild, dass sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat: Ein Mann steht da in einem schwarzen Mantel, der so übersät ist mit weißen Läusen, dass er aussieht wie ein weißer Mantel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und wie viele Läuse wir erst am Körper hatten!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann kamen Gerüchte auf: Im Nachbarghetto seien alle erschossen worden. Einer hatte der Erschießung entkommen können und war in unser Ghetto geflüchtet, wo wir auch jeden Tag mit der Erschießung rechneten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dass wir am Leben geblieben sind, ist natürlich ein Wunder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir alle, die sechzehn noch lebenden Ghetto-Überlebenden der Stadt Dnjeporpetrowsk, danken Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie uns nicht vergessen haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Emma Abramowna Stoljar (Gechtmann), geb. 1934&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Ghetto Murafa, Bezirk Schargorod, Gebiet Winniza&lt;/p&gt;
	
&lt;p&gt;Dnjepropetrowsk, 2012&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-november-2012.php</link>
<pubDate>05 Nov 2012 17:29:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Dokumentation über Allukrainische Bewegung Swoboda</title>
<description>&lt;p&gt;Allukrainische Bewegung Swoboda (Freiheit), gegr. 1991 als Sozial-Nationale Partei der Ukraine, trug diesen Namen bis 2004.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Parteilogo bis 2004:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auszug aus dem Parteiprogramm 1995: „Im Hinblick auf die Massenentwertung der Menschheit und der ganzen Völker bleiben wir Sozial-Nationalisten die letzte Hoffnung der weißen Rasse und der Menschheit überhaupt“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Parteivorsitzender der Swoboda ist Oleh Tjahnybok. Aussagen:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;2004, öffentliche Kundgebung der ehemaligen Bandera-Kämpfer: „Unsere Vorfahren haben keine Angst gehabt. Wir müssen jetzt ebenfalls keine Angst haben. Unsere Vorfahren haben Maschinenpistolen genommen und gingen in die Wälder. Sie kämpften gegen die Scheiß-Russen, gegen die Deutschen, gegen die Scheiß-Juden und andere Unmenschen, die uns den ukrainischen Staat wegnehmen wollten. Wir müssen die Ukrainer endlich den Ukrainern übergeben.“ (Gerichtsentscheidungen zu dieser Aussage 2005–2007: keine Fremdenfeindlichkeit festgestellt).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;2005, Fernsehen, politische Talkshow: Frage: – Sie sprechen oft von Russen und Juden im äußerst negativen Sinne und verwenden klare, nicht zulässige, rassistische Begriffe in Bezug auf diese Völker. Sind Sie bereit, sich zu entschuldigen? Antwort: – Nein. Diese Besatzer der Ukraine haben im Inneren keine Gefühle zu unserem Land. Und können solche a priori nicht haben. Keine Entschuldigung ist möglich!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Konrad-Adenauer-Stiftung: „Oleh Tjahnybok tritt als Kandidat der Partei ‚Swoboda‘ an. Tjahnyboks rechtspopulisitsche Bewegung ‚Swoboda‘ befindet sich seit einiger Zeit im Aufwind. Tjahnybok mobilisiert antisemitische Ressentiments, Fremdenfeindlichkeit und ukrainischen Isolationismus. Er äußert sich dezidiert antirussisch und gleichzeitig antiwestlich und trifft damit Stimmungen, die in einigen Regionen der Westukraine prävalent sind.“ www.kas.de/wf/doc/kas_18488-544-1-30.pdf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ukr. Ex-Präsident Juschtschenko (2011): „Swoboda ist eine rechtsradikale Partei mit NS-Merkmalen“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jüdische Gemeinde der Ukraine (2012): „Swoboda ist eine faschistische Partei“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Alex Miller, Leiter der israelisch-ukrainischen interparlamentarischen Vereinigung und Mitglied der Knesset zur Unterzeichnung des Wahlbündnisses zwischen Timoschenkos Partei und Swoboda: „Ich kann nicht verstehen, weshalb eine Oppositionspartei in der Ukraine, die sich selbst als demokratisch bezeichnet, eine Vereinbarung mit solchen Personen unterzeichnen konnte. Israel und die Ukraine haben in den letzten Jahren weitreichende Beziehungen aufgebaut, Tourismus und Handel befinden sich im Wachstum. Wenn Politiker wie Tiahnybok an die Macht kommen, werden sie anfangen, uns Steine in den Weg zu legen und den Ausbau der Beziehungen zwischen den beiden Ländern sabotieren“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Israelisches Außenministerium: „Tiefe Besorgnis, da Swoboda in der Vergangenheit regelmäßig antisemitische und antirussische Parolen verbreitete, die sich den dunklen Seiten unserer Geschichte ähneln. Israel verurteilt scharf jede Form des Antisemitismus.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;2012 zog Swoboda mit 37 Mandaten erstmals ins ukr. Parlament ein, Wahlergebnis gesamt: 10.43 %. Wahlergebnis Region Lemberg: 38.05 %, Wahlergebnis Region Iwano Frankiwsk: 33.79 %, Wahlergebnis Kiew (Stadt): 17.30 %.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zum Vergleich: Wahlergebnis Parlamentswahlen 2006: 0,36 %.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(Zusammenstellung dieser Dokumentation: Dmitri Stratievski)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/verein/dokumentation_ueber_swoboda.php</link>
<pubDate>02 Nov 2012 11:28:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>319. Freitagsbrief (vom Januar 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski)</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Grodno&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwan Iwanowitsch Podwarkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte […],&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;für mich war Ihr Brief eine völlige Überraschung. Ich habe diesen Brief mit Interesse gelesen. Ich bin mit den aufgeführten Fakten einverstanden. Seit Jahrzehnten sehe ich im Schlaf Alpträume des vergangenen Krieges. Wie kann man die Unmenschlichkeit und Barbarei des Faschismus überhaupt vergessen?! Wir, die Einwohner von Wolkowysk, legen jedes Jahr Blumen und Kränze am Denkmal für die Opfer der Hitlersoldaten nieder. In den frühen Morgenstunden griffen die Nazis das Dorf Schulitschi an. 365 Frauen und Kinder wurden bei lebendigem Leib in zwei Hütten verbrannt. Alle Jugendlichen wurden erschossen. Konnten diese Bestien nicht begreifen, dass ein Säugling kein Partisan ist?! Die Partisanengruppe gegen die Besatzer hatte sich in einem Wald fünf km vom Dorf entfernt versteckt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Los war ein anderes. Ich habe die Schrecken des Krieges in Kriegsgefangenschaft erlebt. Ich, ein 19-jähriger Junge aus der sibirischen Stadt Omsk, war am ersten Kriegstag in Kaunas. Kämpfend zogen wir uns nach Osten zurück. Auf dem Weg verloren wir Kriegstechnik, verletzte und getötete Kameraden. Das Gefecht bei Postawa war für mich das letzte. Ich bekam eine Schädelprellung. Ich kam in einem Zimmer wieder zu Bewusstsein. Eine Krankenschwester verband mich und versuchte, mich zu beruhigen. Plötzlich drangen deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen ins Haus ein: „Los! Los! [*]“, riefen sie. Wenn jemand nicht aufstehen konnte, wurde er erschossen. Die in einem Raum versammelten Kriegsgefangenen wurden grob wie Vieh nach Westen getrieben. Unterwegs gab es unzählige Beschimpfungen und Kolbenschläge. Eine tausendköpfige Menschenmenge, verletzte Menschen mit schmutzigem Verband am Kopf, zog langsam ins Ungewisse. Diejenigen, die den Durst mit Wasser aus der Pfütze oder aus dem Brunnen stillen wollten, wurden mit dem Kolben zusammengeschlagen oder erschossen. Das gleiche „Erziehungsmittel“ wurde gegen Gefangene angewandt, die zu den örtlichen Bewohnern mit der Bitte um ein Stückchen Brot rannten. Die Zurückgebliebenen (die Menschen konnte nicht mehr gehen) wurden am Ende der Kolonne erschossen. Wir übernachteten auf einem mit Stacheldraht umzäunten Stück Land auf einem Feld. Wir schliefen auf dem Boden oder in den selbstgegrabenen Erdlöchern. Morgens wurden die Leichen weggebracht. Das waren die Menschen, die in der Nacht vor Hunger und Kälte gestorben waren. Jeden Morgen hatten wir eine „Arbeit“. Wir kratzten Ungeziefer vom Körper ab. So wurden wir bis zu nahe liegenden Bahnstation getrieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir kamen nach Hohenstein [Stalag IB in Ostpreußen]. Wir stiegen aus den Viehwaggons, beschimpft und mit Kolben geschlagen. Es spielte ein Orchester [das ist sicherlich eine durch spätere Bilder überlagerte Erinnerung]. Die Stadtbewohner beobachteten uns wie irgendwelche Tiere aus dem Dschungel. Unsere Kleidung war abgerissen. Wir waren schmutzig und lange unrasiert. Ich weiß nicht, woran die deutschen Einwohner dachten, als sie diese lebendigen Leichen sahen. Manche lächelten … Vielleicht wunderten sie sich, warum die Wehrmacht Moskau noch nicht erobert hatte. Wir erreichten das Lager. Vor uns waren Stacheldrahtreihen. […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Graue, gedrungene Baracken empfingen uns mit der ganzen Leere. Auf der Pritsche gab es kein einziges Stück Stoff, kein Stroh. Als Essen bekamen wir gekochte Rüben und Ersatzbrot sowie Ersatzkaffee. Die Menschen starben vor Hunger und Krankheiten. Es verbreitete sich Typhus [Fleckfieber]. Jeden Morgen erschienen Pferdewagen: Die Pferde waren belgisch. Es wurden Leichen aufgeladen. Die deutschen Soldaten hatten Angst, hinter den Stacheldraht zu treten. Einmal kam ein Dolmetscher rein und fragte: „Wer hatdas Fleisch auf dem Ofen gekocht?“ Bald wurde ein Asiat festgenommen. Er hatte ein Stück Fleisch aus dem Bein eines verstorbenen Nachbarn geschnitten und es gekocht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einmal fühlte ich mich krank. Ich hatte Kopfschmerzen und Fieber. Ich entschied mich, einen deutschen Soldaten um Hilfe zu bitten. Ich kam näher und begann ein Gespräch. Meine Schullehrerin Elsa Genrichowna hatte mir deutsche Grundkenntnisse vermittelt. Ich übergab den Soldaten eine Taschenuhr. Das war das Geschenk meiner Mutter. Der Soldat brachte mir nicht nur Brot, Margarine und Käse, sondern führte mich auch in die Krankenbaracke, wo gefangene Ärzte arbeiteten. Der Soldat rettete mich vor dem unvermeidlichen Tod. Ich bin ihm sehr dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Frühjahr 1942 wurde ich nach der Behandlung in eine Gruppe der Gefangenen aufgenommen, die zur Arbeit geschickt wurde. Man brachte uns ins Lager bei einer Bahnstation Schrombehnen, 30 km von Königsberg entfernt [heute: Stralnja Nowaja]. Wir beschäftigen uns mit Ladearbeit und trugen Baumaterialien. Hier waren die Lebensbedingungen wesentlich besser: ein richtiges Bett, warmes Essen, wöchentliches Waschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als die Kameraden erfuhren, dass ich deutsch lesen und etwas ins Russische übersetzen kann, beschafften sie für mich die Ausgaben vom „Völkischer Beobachter“. Ich erfuhr über die Niederlage der Deutschen bei Stalingrad sowie über die aktive Partisanenbewegung in den besetzten Gebieten. Wir, zwei Kameraden und ich, trafen die Entscheidung zu fliehen. Für einen, Georgij Rukawischnikow, war es der zweite Fluchtversuch. Wir bereiteten die Flucht heimlich vor. Dafür brauchte man Kompass, eine Karte und Lebensmittel. Dabei halfen uns zwei deutsche Vorarbeiter. Einer war früher in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Bei dem zweiten waren zwei Söhne an der Front gefallen. Ich bin beiden Männern für die Hilfe dankbar. Wir arbeiteten ganz intensiv: wuschen Soldatenwäsche und bastelten Ringe aus alten Münzen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als das erste Getreide hervorkam, flüchteten wir aus dem Lager. Die Vaterlandsliebe und Hass gegen den Faschismus bestimmten unsere Tat. Wir gingen nachts durch Deutschland, Polen und Westbelarus, insgesamt 45 Tage lang. Beim Dorf Peski trafen wir eine deutsche Wachmannschaft. Wir wurden beschossen. Die feindlichen Kugeln töteten meine Kameraden. Ich ging allein weiter nach Osten. In der Nähe vom Fluss Sschtschara traf ich Partisanen. Ab August 1943 kämpfte ich im Partisanenverband „Sieg“. Wir waren im Wald von Lipetschansk stationiert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Regierung hat mich mit den Orden „Ruhm“, „Vaterländischer Krieg“ sowie mit 15 Medaillen unter anderem „Für Tapferkeit“ gewürdigt. Zum Andenken an Kriegskameraden habe ich drei Bücher „Kriegskamerad aus Frankreich“, „Mit Glaube an den Sieg“ und „Das wird nie vergessen“ geschrieben. Diese Bücher wurden veröffentlicht. Im letzten Buch habe ich den Kriegsbeginn, Flucht aus der Kriegsgefangenschaft sowie meine Teilnahme an Kampfhandlungen als Partisan beschrieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe nichts dagegen, wenn Sie einige Ausschnitte aus diesem Brief in einer Zeitung veröffentlichen. Ich bin bereit, Ihre Fragen zu beantworten, falls Sie solche haben. Ich bin Ihnen für die guten Worte für uns Kriegsveteranen dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;I. I. Podwarkow&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_319.php</link>
<pubDate>02 Nov 2012 10:58:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>318. Freitagsbrief (geschrieben im Dezember 2005)</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus 222410&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Minsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Wilejskij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich heiße Semen Iosifowitsch Schubertij, Jahrgang 1918, wohnhaft im […] Bezirk Wilejskij, Gebiet Minsk, ehemaliger Kriegsgefangener in Deutschland, habe Geldhilfe und Ihren netten Brief erhalten und bin dafür sehr dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie schreiben, dass Sie gerne über meine Lebensgeschichte und über meinen vergangenen und gegenwärtigen Lebensweg erfahren hätten. Man kann die Vergangenheit nicht vergessen. Ich wünsche niemandem ein solches Schicksal.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Schon vor dem Krieg diente ich in der Roten Armee. Der Krieg begann für mich in seinen ersten Tagen. Wie Sie wissen, zogen wir uns in der Anfangsphase überall zurück. Mein Truppenteil wich ebenfalls zurück. Unsere Einheit, eine große Armee, wurde bei Leningrad am Fluss Wolchow eingekesselt. Ich wurde gefangen genommen. Zuerst hielt ich mich in den Todeslagern auf sowjetischem Boden auf. Danach wurde ich nach Deutschland verschleppt. 1942 leistete ich Zwangsarbeit in Westfalen, doch zuerst bei einem Bauern im Dorf Parow bei Stralsund und danach im Bergwerk „Julia“ in Herne. In Herne arbeitete ich genau zwei Jahre, vom 1. Januar 1943 bis zum 2. Januar 1945. Ich wurde durch amerikanische Truppen befreit und durfte heimkehren. Zu Hause wurde ich wieder in die Sowjetarmee einberufen, weil der Krieg noch nicht zu Ende war. So geriet ich wieder nach Deutschland, ins Berliner Umland, diesmal als Soldat der Sowjetarmee.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man kann nicht alles über die Vergangenheit erzählen. Im Lager war es sehr schwer. Wir wurden bestialisch behandelt und für jede Kleinigkeit, manchmal auch grundlos, brutal geschlagen. Hungrig und ungepflegt schliefen wir direkt auf dem Holzboden. Wir wurden nach Deutschland im Winter in offenen Güterwaggons gebracht. So behandelt man Vieh. Bei der ersten Übernachtung in einer Baracke durften wir uns duschen. Das war mit unserem Arbeitseinsatz verbunden. Ich kann mich ganz gut an schwere Arbeitstage erinnern. Als wir zum Beispiel bei einem Bauern landwirtschaftliche Arbeit leisteten, mussten wir im Frühjahr Mist transportieren. Alles machte man per Hand, ohne Geräte. Vom Stall bis zum Feld wurden Kleinbahngleise verlegt. Wir luden die Wagen per Hand voll. Ein Pferd zog die Wagen. Wir gingen daneben. Auf dem Feld verteilten wir Düngemittel. Das Hauptproblem lag daran, dass die Gleise nicht festgeschraubt waren. Wir mussten die Gleise zu einem anderen Ort selbst schleppen. Wir waren sehr schwach. Der Bauernhof war groß. Dort gab es viel Vieh. Der Hirte hieß Hans. Er hatte einen Hund. Wir wurden sehr misstrauisch behandelt, weil die Ostsee in der Nähe war. Jedes Mal begleitete uns ein bewaffneter Wächter. Das Dorf selbst war ziemlich klein. Alle Dorfbewohner arbeiteten für einen Arbeitgeber.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Arbeit im Bergwerk war sehr schwer. Mein Stemmhammer wog sehr viel. Später wurde ich zu einem Befestigter ausgewechselt. Nach dem Wegbringen der Kohle musste man die Wände schnell befestigen, um den Zusammenbruch zu vermeiden. Für die Befestigung der Decke benutzte man Holz- und Metallstempel. Gerade die aus Metall waren sehr schwer. Ich konnte sie kaum tragen. Einmal fiel eine runter. Ich habe bis heute eine Narbe am Hals. Ein paar Tage verbrachte ich in der Baracke und ging danach wieder zur Arbeit. Im Bergwerk arbeiteten wir als Helfer bei den deutschen Steigern. Ich arbeitete mit dem Deutschen namens Franz Schubert zusammen. Unser Steckmeister war der Pole Majewski. Ich kann nichts Schlechtes über beide Männer sagen. Franz teilte manchmal mit mir sein bescheidenes Mittagessen. Sein Essen bestand aus belegtem Brot und einer Tasse Kaffee.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mir ist es natürlich sehr bitter, dass ich für die zweijährige schwere Arbeit im Bergwerk keine Kopeke bekommen habe. Vielleicht ist der Bauernhof in Parow immer noch sehr wohlhabend. Keiner erinnert sich aber an uns.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte mich bei den deutschen Bürgern bedanken, die die Schuld der deutschen Wehrmacht wahrgenommen haben und uns helfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit Hochachtung und Dankbarkeit&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Semen Iosifowitsch Schubertij&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_318.php</link>
<pubDate>26 Oct 2012 09:09:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>317. Freitagsbrief (vom Juni 2007, die rege Korrespondenz mit Herrn Chaustow endete vor drei Jahren.)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Woronesh&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Anninskij&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Andrej Dmitrijewitsch Chaustow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seien Sie gegrüßt, meine Herren, oder einfacher ausgedrückt, wie das bei uns früher der Fall war: liebe Genossen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr Schreiben haben wir erhalten, und es war zu lesen sehr angenehm. Vielen Dank!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen ein zweites Mal mitteilen, dass die humanitäre Hilfe –- die 300 Euro –, eingegangen ist, wofür wir erneut danken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun fragten Sie mich zu meinem Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor dem Kriege habe ich, wie alle Leute zu arbeiten hatten, in einer Kolchose gearbeitet, hatte eine Frau und zwei Kinder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1941 wurden wir in den Krieg einberufen; im selben Jahr geriet ich in Gefangenschaft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wie viele Soldaten auch, bin ich geflüchtet; aber leider wurde ich gefasst und zur Arbeit in einen Schacht eingewiesen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bis 1945 habe ich dort gearbeitet. Bis wir befreit wurden, ging es uns dreckig. Aber was schreibe ich, das wissen Sie doch alles selber.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Kriege war ich wieder in einer Kolchose tätig; ich säte und pflügte und zog Kinder groß.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin jetzt 97. Da behält man nicht alles. Aber der Krieg bleibt unvergessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie wissen ja selbst, dass sich der Faschismus in Estland wieder auftut; so auch in der West-Ukraine. Man möchte die SS als Befreier darstellen. Ja, es ist eben so, dass das Gedächtnis kurze Beine hat; obwohl man sich im Volk an alles erinnert. Aber in einigen Ländern sind Leute an der Spitze, die es einfach nicht verstehen wollen. Freilich haben diese auch nicht an der Front gekämpft oder in KZs gesessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie haben Nachsicht mit mir für solche krassen Ausführungen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen sehr für Ihr Verständnis. Beste Wünsche in Ihrer wohltuenden Arbeit zum Zwecke der Aussöhnung und des Verständnisses zwischen unseren Völkern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll und tiefe Verbeugung Ihnen gegenüber!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Chaustow Andrej Dmitrijewitsch.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_317.php</link>
<pubDate>19 Oct 2012 08:35:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>316. Freitagsbrief (vom Oktober 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kreis Krasnodar&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aleksej Sacharowitsch Lewuschkin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun möchte ich Ihnen davon schreiben, was ich noch von meinem Leben in Deutschland weiß. Ich war in Neuburg im Konzentrationslager Rohrenfeld [Arbeitslager Rohrenfels an der Donau] beim Bau eines Flugfeldes, danach in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Dann wurde ich krank, hatte eine kruppöse Lungenentzündung und ich kam ins Lazarett für Kriegsgefangene. Da der Oberarzt im Lazarett sehr gut war, kam ich wieder auf die Beine und erhielt eine gute Verpflegung. Aber dann wurde ein anderer zum Oberarzt ernannt und ich bekam meine Diät, also das gute Essen, nicht mehr, stattdessen brachten sie mir zum Mittagessen angefaulte Kartoffeln und Rübensuppe, also schlechtes Essen. Ich war sehr geschwächt und ich wusste, dass ich bei so einer Verpflegung nicht wieder gesund werden würde. Ich werde niemals den deutschen Offizier vergessen, ich hatte gesehen, dass er zum Oberarzt ins Arbeitszimmer gegangen war und beschloss, ihm mein Leid zu klagen. Er sah mich an und erkannte mich, er war einmal ins Lager gekommen und hatte alle Gefangenen antreten lassen und dann hatte er alle gefragt, was für einen Beruf sie haben. Als er zu mir kam und mich nach meinem Beruf fragte, da antwortete ich ihm: Bäcker. Er hatte sich meine Lagernummer 70-49 gemerkt. Am nächsten Tag sah ich ihn durch den Flur des Lazaretts laufen, ich wollte mich bei ihm bedanken, dass ich nun wieder das gute Essen bekam, also die Diät. Als er mich sah, sagte er: Du kommst zu einem Bauern. Am nächsten Tag kam ein Soldat, der mich abholte und zu einem Bauern brachte. Dieser Bauer hat mir das Leben gerettet. Er hieß Kegelsogen [?], er hatte vier Schwestern und eine alte Mutter, der Soldat war noch an der Front, das war im Dezember 1944. Als ich ankam, da führte mich eines der Mädchen, Sofia, in den Kuhstall, wo ich mir Stroh holten sollte, aber sie sagte, ich solle nicht arbeiten. Ich bekam fünfmal am Tag zu essen, kam wieder zu Kräften und als ich mich wieder gesund fühlte, da beschloss ich ihnen zu helfen. Sie hatten 18 Kühe zu versorgen, mussten melken und ausmisten und das war sehr schwer für sie. Ich wollte ihnen helfen, nahm eine Karre, brachte den Mist weg und holte das Futter. Die Mutter bemerkte mich und fragte Sofie, warum sie mich zwingen würde zu arbeiten. Ich ging zu ihr hin und sagte ihr, dass ich schon gesund war und ihnen helfen konnte. Sie sagte: Aber langsam [*] und so arbeitete ich dann, bis die Amerikaner kamen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann wurden wir in ein spezielles Lager gebracht und der deutsche Leiter ordnete an, dass wir alles bekommen sollten, was man brauchte, Lebensmittel, Kleidung etc. Sie behandelten uns sehr gut.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen alles Gute, bitte entschuldigen Sie, dass ich so schlecht schreibe, seit meinem Schlaganfall kann ich schlecht schreiben. Ich hoffe, Sie können entziffern, was ich geschrieben habe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;A. S. Lewuschkin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] im Original deutsch geschrieben&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_316.php</link>
<pubDate>12 Oct 2012 20:56:00 GMT</pubDate>
</item>



<item>
<title>Alla Aronowna Jumaschowa</title>
<description>&lt;p&gt;Tschernigow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Alla Aronowna Jumaschowa (geborene Kolbowskaja) wurde am 27.04.1938 in Golubitschi im Bezirk Repki, Gebiet Tschernigow, geboren. Mein Vater Aron Abramowitsch Kolbowskij, ist 1942 im Krieg gefallen. Meine Mutter lebte mit mir und meiner Schwester Valentina (geb. 1940) während des Krieges von Oktober 1941 bis September 1943 unter deutscher Besatzung, da meine Mutter mit zwei kleinen Kindern nicht evakuiert werden konnte. Wir lebten bei Mutters Familie (meine Mutter war Ukrainerin) im Ort Zerkowischtsche im Bezirk Repki, Gebiet Tschernigow. Unsere Verwandten versteckten uns mal in einem Versteck unter dem Ofen, mal auf dem Dachboden oder im Keller. Auch einige Nachbarn haben uns geholfen und wir können uns noch gut an ihre Keller und Dachböden erinnern. Wie durch ein Wunder haben wir überlebt, obwohl uns mehrmals jemand angezeigt hat, mündlich und per Brief. Aber offensichtlich gab es mehr gute Menschen als schlechte. Auch unseren Vater haben viele in guter Erinnerung, da er in den umliegenden Dörfern unterrichtet hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die zwei langen Jahre im Untergrund sind nicht spurlos an uns vorübergegangen, wir waren schwächliche Kinder und oft krank. Und im Alter hat sich sehr früh eine ganze Reihe von Alterskrankheiten eingestellt, die eine ständige Behandlung mit Medikamenten erforderlich machen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit bestem Dank und herzlichen Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;A. A. Jumaschowa&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-oktober-2012.php</link>
<pubDate>09 Oct 2012 23:45:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>315. Freitagsbrief (vom Juni 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Rostow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nowotscherkassk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jurij Iwanowitsch Balaschewitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Es schreibt die Tochter Larisa Murawjowa]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank für Ihren Brief, Danke für die Anteilnahme und dass Sie die Kriegsgefangenen nicht vergessen haben!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin die Tochter von Jurij Iwanowitsch Balaschewitsch und schreibe Ihnen auf seine Bitte hin diesen Brief. Unser Vater ist Gott sei Dank am Leben und gesund. Gebe Gott, dass er am 2. Juli seinen 85. Geburtstag feiern kann!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sich an die Vergangenheit zurück zu erinnern fällt ihm sehr schwer. Aus seinen Erzählungen weiß ich, dass er im Februar 1943 in die Armee einberufen wurde. Er war damals 17 Jahre und sechs Monate alt. Einen Monat später kämpfte er schon als Panzerfahrer an der Mius-Front, also an der Südfront. Es wurden erbitterte Gefechte geführt, es war das reinste Gemetzel. Im August des gleichen Jahres wurde sein Panzer getroffen und er geriet in bewusstlosem Zustand in Gefangenschaft. Man trieb sie nach Stalino. Sie wurden von den Polizai verprügelt, Schuhe und Kleidung wurden ihnen weggenommen. Dann lud man sie in Güterwaggons und brachte sie nach Wlodzimier-Wolynski [Stalag 365]. Während der ganzen sechstägigen Fahrt bekamen sie nur einmal einen Eimer Wasser für den ganzen Waggon und jeder ein Stück Brot. Man ließ sie nicht einmal auf die Toilette gehen. Als sie ankamen, war die Hälfte der Gefangenen bereits gestorben. Etwa einen Monat hielt man sie unter solch unmenschlichen Bedingungen. Dann wurden sie wieder wie Vieh in Waggons geladen und nach Deutschland gebracht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man brachte sie nach Küstrin in ein riesiges Konzentrationslager [Stalag III C], das in mehrere Abschnitte unterteilt war, in denen Franzosen, Engländer, Tschechen, Italiener und andere Gefangene waren. Die Russen wurden von allen am schlechtesten behandelt. Sie bekamen einmal am Tag eine Balanda und ein Stück Brot. Im November wurde Vater mit zwei weiteren Gefangenen zur Kontrolle gerufen, bei der die Gefangenen normalerweise schikaniert und verprügelt wurden, diesmal aber übergab man sie überraschenderweise einem Wachsoldaten. Er brachte sie zum Bahnhof, setzte sie in einen Zug und brachte sie weg. Sie mussten im Gang des Zuges stehen, erreichten irgendwann die Stadt Wriezen. Dann mussten sie zu Fuß weiter, bis zu einem großen Gutshof mit dem Namen Herzhord [?]. Dort waren viele Arbeiter, etwa 30 Gefangene. Sie wurden dort nicht so schikaniert wie im Lager, aber die Verpflegung war sehr schlecht: 20 g Margarine am Tag, 150 g Brot, Tee und Kartoffeln. Dort hat Vater dann bis 1945 gearbeitet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es gab dort auch Deutsche, die sehr unzufrieden waren mit dem Leben, das die Nazis ihnen aufgezwungen hatten. Als dann unsere Truppen den Brückenkopf Küstrin einnahmen, wurden alle Gefangenen mit Wagen weggebracht, in ein etwa 20 km entferntes Dorf. Von dort versuchte Vater mit zwei anderen Gefangenen die Flucht. Aber sie wurden geschnappt, halbtot geprügelt, dann brachte man sie nach Wriezen und warf sie in irgendein Kellerloch, wo sie ihrem Schicksal überlassen wurden. Da aber begann ein heftiger Bombenangriff, die Kellertür wurde zerschmettert, so dass sie schnell wieder flohen, sie hatten ja nichts zu verlieren! Sie kamen zu irgendeinem Sumpfgebiet und ruhten sich aus. Sie waren so hungrig, dass sie Rohrkolben aßen. Dann beschlossen sie weiter zu gehen. Vor ihnen lag eine Siedlung und nicht weit entfernt war eine Straße. Dann sahen sie einen Deutschen, der mit dem Fahrrad zur Straße fuhr; plötzlich wendete er panisch und fuhr wieder zurück. Vater dachte sich, dass da etwas auf der Straße sein müsste, und als sie näher kamen, hörten sie unser Lied „Katjuscha“! Sie hatten also unsere Truppen gefunden! Sie wurden nach Pritzwalk geschickt, dort wurden sie behandelt und bekamen Essen. Vater blieb dann bei der Armee, er diente bis April 1949 als Fahrer in Parchim. Dann wurde er aus dem Armeedienst entlassen und fuhr nach Hause nach Russland! Daheim musste er schwer arbeiten, das Land musste wieder aufgebaut werden. Er heiratete noch im gleichen Jahr, 1949. Hat uns großgezogen, seine zwei Töchter. Er ermöglichte uns beiden ein Leben, bei dem wir immer genug hatten und nie Hunger leiden mussten, und er sorgte dafür, dass wir studieren konnten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg war Vater sehr krank, die Schläge machten sich bemerkbar, und er hatte Tuberkulose! Aber der Herr befreite ihn von dieser schrecklichen Krankheit. Er hat alle Schwierigkeiten zusammen mit meiner Mutter gemeistert. Sie leben ja schon seit mehr als 60 Jahren zusammen! Jetzt haben sie zwei Töchter, vier Enkel und zwei Urenkel. Und alle haben unser Vater und unsere Mutter großgezogen und gehütet. Dass wir alle heute in Frieden leben, dafür haben unsere Eltern gekämpft und gelitten! Wir lieben sie sehr und sind sehr stolz auf sie!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und Ihnen danken wir, dass Sie so eine wichtige Arbeit tun. Wenn die Menschen diese Gräuel, die unsere Väter und Mütter erleben mussten, nicht vergessen und darüber Bescheid wissen, dann werden wir, so denke ich, weiter Frieden auf Erden haben. Dann haben unsere Kinder und Enkel eine Zukunft!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wünschen Ihnen alles Gute, gebe Gott Ihnen Erfolg bei Ihrer Arbeit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jurij Iwanowitsch Balaschewitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jewdokija Lukinitschna Balschewitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Larisa Jurjewna Murawjowa (Balaschewitsch).&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_315.php</link>
<pubDate>05 Oct 2012 12:59:00 GMT</pubDate>
</item>



<item>
<title>314. Freitagsbrief (vom Juni 2011, aus dem Russischen von Norbert Ehle)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kalmykien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Ortjabr´skij&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mutljajew Erendshen Chasykowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lebenslauf der Kriegszeit des Kriegsveteranen Mutljajew Erendshen Chasykowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 11. Dezember 1940 wurde ich zur Ableistung des Militärdienstes in die Rote Armee einberufen. Den Dienst habe ich in Tschernowzy in der Ukrainischen SSR an der Grenze zu Rumänien aufgenommen. Ich kam in das 2. Ausbildungsbataillon des 77. Panzerregimentes der 33. Panzerbrigade des Kiewer Besonderen Militärbezirkes. Den Dienst habe ich in T-26 Panzern aufgenommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Feuertaufe erhielt ich an der Grenze am Fluss Seret (linker Nebenfluss der Donau). Der Panzer T-26 schützte nur vor Gewehrkugeln, großkalibrige Maschinengewehre jedoch, schon gar nicht zu reden von Geschützen, durchschlugen die Panzerung. Die Soldaten nannten diesen Panzer „Sarg mit Musik“. Nach zahlreichen Kämpfen, nachdem aller Treibstoff und Munition verbraucht waren, trat der Rest der Panzerbesatzungen und der Soldaten den Rückzug an. Die Gesamtzahl der Rückzügler betrug mehrere Tausend. Man muss in Betracht ziehen, dass in den ersten 3–4 Monaten etwa 3,5 Millionen Soldaten in Gefangenschaft gerieten, weil alle Militärlager mit Waffen, Verpflegung und Munition den Deutschen zufielen, so dass wir zu dritt (ich und zwei Kriegskameraden) ein Gewehr mit wenigen Patronen hatten, es keinerlei Versorgung mit Essen und Munition gab, wegen dieser ruhmlosen Führung durch die Kommandeure.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden in der Ukraine gefangen genommen, gingen zu Fuß bis Winniza [Stalag 329]. Zum Sommeranfang 1942 verbrachte man uns mit einem Militärzug nach Polen. Aus dem einem Lager kamen wir ins andereLager in Sedlice (Polen) [Stalag 316 Siedlce]. Im August 1942 brachte man uns nach Nautsi (Nordfinnland) zum Flugplatzbau. Wir waren etwa 2500 Mann. Im Mai 1943 wurde ein Teil der Gefangenen, darunter ich, zu Fuß nach Kirkenes [Stalag 322] (Norwegen) getrieben. Dort arbeiteten wir bis 1944. Zum Ende des Krieges wurden wir nach Vardufas (Norwegen) überführt, wo uns im Frühjahr 1945 die verbündeten Engländer befreiten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von 11 Kalmyken, die gemeinsam mit mir in Gefangenschaft waren, überlebten vier. Das sind Buwajew Baasr (Charba), Konstantin Nimgirow (Lagan), Mandshi Gorjajew (Wolga-Kreis), Karschow Dordshi (Schinmer). Von 5 Burjaten überlebte nur einer – Tschombejew Wassilij, der sich den Kalmyken anschloss.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung wurden wir nach Port Saraisa (Norwegen) gebracht, von dort mit dem Dampfer nach Murmansk. Von dort brachte man mich, zusammen mit Mandshi Gorjajew nach Vyschnij Volotschok (Gebiet Twer) ins Filtrationslager. Nach langen Überprüfungen schickte man uns nach einem Monat mit dem Zug, in Begleitung zweier MP-Schützen, nach Sibirien in die Stadt Nowosibirsk, wo wir zusammen mit den Kalmyken in der Verbannung blieben.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_314.php</link>
<pubDate>28 Sep 2012 09:07:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Benzion Aronowitsch Frajberg</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tscherkassy.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter […]!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihre „bescheidene Spende“, wie Sie es in Ihrem Brief formuliert haben, bekommen und danke Ihnen dafür sehr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das ist eine riesige materielle und moralische Unterstützung für die jüdischen alten Menschen, die Lager und Ghettos überlebt haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nun einige Worte zu mir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Benzion Aronowitsch Frajberg, wurde am 7.7.1930 in Machajlowka im Bezirk Schargorod, Gebiet Winniza, geboren. Bevor der Große Vaterländische Krieg begann, hatte ich gerade an der Volksschule in Michajlowka die dritte Klasse beendet. Meine Eltern arbeiteten beide in der Kolchose. Als der Krieg begann, kamen Gerüchte über die Gräueltaten der Faschisten auf, aber meine Eltern glaubten ihnen nicht. Trotzdem beschlossen sie, die Stadt zu verlassen und ins sowjetische Hinterland umzuziehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Kolchose gab ihnen Pferde. Damit fuhren wir sechzig Kilometer bis nach Petschora, wo wir von deutschen Truppen angehalten wurden. Wir ließen alles stehen und liegen und liefen zu Fuß auf Seitenwegen zurück in unser Dorf. Wir hatten ein Haus, eine Kuh und eine kleine Wirtschaft. Alles war ausgeraubt und geplündert worden. Lange konnten wir nicht in unserem Haus bleiben. Im Juli marschierten schon die Deutschen in unserem Dorf ein. Eine Gruppe bewaffneter Ungarn kam zu unserem Haus. Ein Bewohner des Dorfes hatte sie zu uns geschickt. Wir versuchten davonzulaufen. Die Ungarn schossen auf uns, aber wir entkamen durch die Gärten. Die Ungarn zerstörten alles, was noch in unserem Haus übrig geblieben war, dann zogen sie ab. Als wir zurückkamen, fanden wir einen Trümmerhaufen vor. Alles, was nach den Plünderungen noch im Haus gewesen ist, war zerschlagen und zertrümmert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Deutschen schenkten ihren Kriegsverbündeten, den Rumänen, ein Gebiet in der Ukraine (das die linke Uferseite des Dnjestr, das Gebiet Odessa und einen Teil des Gebietes Winniza).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Besatzer begannen, auf diesem Gebiet Todeslager und Ghetto einzurichten. Das Gebiet nannte sich „Transnistrien“. Allein auf diesem Gebiet wurden während der Besatzung 300 000 Juden ermordet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Verfolgung der Juden begann in den nahegelegenen Städten und Orten in Bassarabien und der Bukowina. Zur Veranschaulichung schicke ich Ihnen eine Karte mit, auf der die Todeslager und Ghettos ins Transnistrien verzeichnet sind. Die Juden wurden in die Lager und Ghettos im wahrsten Sinne des Wortes getrieben, zu Fuß. Besonders schlimm traf es die Juden aus der Bukowina und Bessarabien. Sie mussten den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen – barfuß, ohne richtige Kleidung, schmutzig, verlaust und völlig abgezehrt trafen sie am Bestimmungsort ein. Viele von ihnen starben auf dem Weg, vor allem alte Menschen und Kinder. Viele Mütter vertrauten ihre Kinder ukrainischen Familien an, um sie vor dem Tod zu retten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Juden aus den anderen Regionen wurden im Ghetto in den Wohnungen einquartiert, in denen die Juden des Ortes lebten. Sieben bis zehn Menschen lebten in einem Zimmer. Alle schliefen einfach auf dem Boden, auch in der Küche, wo man eben einen Platz fand. Zu Essen bekamen sie eine „Suppe“ aus Wasser und Erbsen. Wer zur Arbeit musste, der bekam noch einen Erbsenpfannkuchen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Frau hat in so einem Ghetto gelebt, im Alter von neun bis zwölf Jahren. Die Juden aus der Bukowina brachten ihr das Stricken bei. Nachts schlüpfte sie aus dem Ghetto und ging in die Dörfer, wo sie den Leuten Pullover und Socken verkaufte. Von dem so verdienten Geld lebte eine ganze Familie mit sieben Personen. Leider ist meine Frau am 16.3.2009 verstorben. Sie war im Ghetto in Krasnoje.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Eltern sollten ins Ghetto in Murafa (Bezirk Schargorod, Gebiet Winniza) umziehen. Unser Nachbar Chriton Laptschewskij bot meinen Eltern an, sie könnten sich bei ihm verstecken. Heute ist niemand von seiner Familie mehr am Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir zogen also zu ihm und er erzählte allen im Ort, wir hätten den Ort nachts verlassen – wohin wir gegangen seien, wisse er nicht. Wir lebten im Keller oder im Schuppen. Spät in der Nacht kamen wir heraus, um frische Luft zu schnappen. Die Familie teilte ihr Essen mit uns. Im Sommer, wenn das Wetter gut war, zogen wir nachts in die Wälder hinter dem Dorf und blieben dort manchmal mehrere Tage, bevor wir zurück zu unserem Nachbarn kamen. Wenn wir im Wald waren, brachte uns sein Sohn etwas zu Essen. Er war so alt wie ich, elf bis dreizehn Jahre. 33 Monate hielten wir uns so versteckt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im März 1944 wurde unser Dorf von sowjetischen Truppen befreit. Nach der Befreiung ging ich wieder zur Schule und schloss die Mittelschule in Nowo-Murafa ab. Danach habe ich eine Ausbildung am Institut für Bauwesen in Odessa gemacht. Ich habe auf verschiedenen Baustellen und Projekten gearbeitet. 1971 habe ich Julia Borisowna Lechtgods geheiratet und bin mit ihr nach Tscherkassy gezogen, wo ich 25 Jahre lang als Leiter der Plan- und Produktionsabteilung gearbeitet habe. 1995 bin ich in Rente gegangen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;B. A. Frajberg&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-september-2012.php</link>
<pubDate>28 Sep 2012 09:05:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>313. Freitagsbrief (vom Januar 2009, aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kreis Stawropol&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kislowodsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Maksim Parfirjewitsch Smeschko.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Herren,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;liebe Freunde […]!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Maksim Parfirjewitsch Smeschko, habe Ihren Brief und die von Ihrem Fonds überwiesenen 300 Euro erhalten. Ich lese Ihren Brief und bin Ihnen und allen Mitgliedern Ihres Vereins sehr dankbar dafür, dass Sie an uns Kriegsgefangene denken. Ich geriet im Juli 1941 in der kleinen Stadt Mir in Weißrussland in Gefangenschaft. Wir Kriegsgefangenen wurden alle nach Polen gebracht, in das Lager Nr. 8 [?]. Es bestand aus mehreren Zellen unter freiem Himmel. Wir alle, nur dünn bekleidet und ohne ausreichendes Schuhwerk, zitterten vor Kälte und Hunger. Nachts drängten wir uns eng zusammen, wer noch am Leben war. Manche gruben sich in Erdlöcher ein und wachten nicht mehr auf, starben darin. Wir bekamen kaum zu essen. So lebten wir bis Ende August. Im September bekamen wir alle eine Nummer und wurden nach Deutschland gebracht. Dort erhielten wir Kleidung und Schuhe, dann ging es wieder ins Lager. Im Oktober wurden 80 Personen von uns ausgewählt und in den Ort Wünsdorf gebracht. In der Nähe waren Kläranlagen, die zum Kanalisationssystem von Berlin gehörten. Wir arbeiteten auf Gemüsefeldern. Ende November 1942 wurden 10 Personen von uns von Lager zu Lager transportiert. Im Dezember wurden 100 Personen ausgewählt und auf die Zeche Theodor in Altendorf in der Nähe von Essen gebracht. In der Grube arbeiteten bereits andere Kriegsgefangene; wir wohnten in Baracken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Tagesablauf sah so aus: Aufstehen um 4:00 Uhr morgens, zum Frühstück eine Kelle Suppe, dann unter Bewachung zur Zeche, dort erhielten wir ein Stück Brot und fuhren in den Schacht ein. Ich kam an einen Schacht, in eine Brigade von 10 Personen. Der Schichtleiter erklärte uns, was wir tun sollten, und wir arbeiteten bis zum Abend. Nach der Arbeit ging es wieder ins Lager. Zum Abendessen eine Kelle Flüssiges – und das Tag für Tag. Manchmal fuhren viele Männer ein, doch von Tag zu Tag fuhren weniger wieder aus. Viele starben im Schacht. Das Leben von uns Gefangenen hing von dem Bergmann ab, dem wir zugeteilt waren. Ich hatte großes Glück, mit mir arbeitete ein wunderbarer, gütiger Mensch namens Hans, ein Deutscher. Wir bekamen jeder ein Stück Seife, ich überließ ihm meins, und er brachte mir dafür ein Stück Brot; dank ihm habe ich überlebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich denke stets mit Dankbarkeit im Herzen an ihn. Ich arbeitete, so gut ich konnte, so weit meine Kräfte reichten. Alle Befehle erfüllte ich gewissenhaft. Ich habe gesehen, wie in Ihrem Land die Witwen und Kinder litten, genau wie in Russland. Ende März 1945 wurden wir um 3 Uhr nachts unter Bewachung zusammengeholt und weiter nach Deutschland hinein getrieben. Dann verließen uns unsere Bewacher, und wir wurden von amerikanischen Truppen befreit, dort blieben wir 10 Tage. Dann kamen wir alle in ein Lager in Paderborn [Stukenbrock], die Stadt gab es nicht mehr, nur noch Ruinen. An einem Ort standen drei Gebäude mit Kriegsgefangenen, es waren sehr viele, mehrere Tausend, alle ausgezehrt und krank. Wir bekamen Kleidung, Schuhe und normales Essen. Bald darauf wurden wir alle in ein Lager der englischen Truppen überführt. Im August 1945 wurden wir alle an die sowjetischen Truppen übergeben. Im Lager überprüfte man unsere Papiere, ich wurde einem Artillerieregiment zugeteilt, wo ich bis Mai 1946 diente. Nach dem Dienst wurde ich in meine Heimatstadt Kislowodsk entlassen. Ich war 29 Jahre alt. Meine jungen Jahre hatte ich unter schlimmsten Bedingungen zugebracht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1948 habe ich geheiratet, ich habe zwei Kinder, vier Enkelinnen, 5 Urenkel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin krankheitsbedingt Invalide der 2. Gruppe. Ich bekomme 10 Tausend Rubel Rente [280 Euro]. Am 12.08.2009 werde ich 90 – mein Jubiläum.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine ganze Familie hat Ihnen und den Mitgliedern Ihres Vereins Glückwünsche zum Neuen Jahr 2009 gesandt. Wir wünschen Ihnen Gesundheit, Wohlergehen und Glück in der Familie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für die Erinnerung an uns.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Maxim Parfirjewitsh Smeschko.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kislowodsk, 23. Februar 2009&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_313.php</link>
<pubDate>21 Sep 2012 09:01:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Mitglieder-Rundbrief September 2012</title>
<description>&lt;p&gt;Liebe Mitglieder,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;KOHTAKTbI-Förderinnen und Förderer!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ein Bericht über die Aktivitäten im Vereinsdomizil seit der Herausgabe des letzten Rundbriefs muss an erste Stelle die fortgesetzte Korrespondenz im Rahmen des „Bürger-Engagements für vergessene NS-Opfer“ setzen. Denn die täglichen Briefe an alte Menschen, die schwer an ihren Erinnerungen tragen, füllen immer noch den größten Teil des Tagewerks. Ohne das wären die übermittelten Geldspenden nur inhaltslose humanitäre Gesten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf die Danksagung der Jüdin L. W. Marchowskaja aus Odessa –&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;„Es ist erstaunlich, dass man in unserer heutigen Zeit, in der es so viele verschlossene und unzufriedene Menschen gibt, noch solche finden kann, die bereit sind, ihr Erspartes in ein anderes Land zu überweisen, an unbekannte Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges gelitten haben …“ –&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;folgte eine ebenso ausführliche Antwort wie auf die anderen 125 Briefe, die in den letzten Monaten nach Geldspenden an Ghetto-Überlebende in der Ukraine hier eintrafen. Auch die Korrespondenz mit ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen reißt trotz deren hohen Alters nicht ab. Nur der Dialog mit 140 Überlebenden der verbrannten Dörfer in Belarus, die dieses Jahr schon ermittelt und begünstigt worden sind, ist noch spärlich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dafür aber ist die Resonanz aus Moskau bemerkenswert: Die russische Stiftung Historical Memory beschreibt auf ihrer Webseite ausführlich unsere Solidaritätsaktion für Menschen, die damals dem Terror entkamen. Wir gerieten ins Blickfeld russischer Historiker, die erstmals deren Schicksale erforschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diese Moskauer Stiftung unterstützt ein Projekt, das von unserem Mitarbeiter Dmitri Stratievski aus der Taufe gehoben wird: Eine russische Variante unserer Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangene. Das ist in Russland eigentlich kein Tabuthema mehr. Aber nur wenige Historiker dort beschäftigen sich damit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Direktor des staatlichen russischen Museums für Zeitgeschichte – ein Prachtbau aus der Zarenzeit an der Twerskaja – meinte: „Die Zeit ist reif für eine solche Ausstellung“. Ein Projektantrag an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ist gestellt, die Antwort steht noch aus.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem unsere Ausstellung „Russenlager“ und Zwangsarbeit vom 26. April bis 20. Juli 2012 im Heidelberger Friedrich-Ebert-Haus stand, das Gästebuch dokumentiert eine positive Bilanz , laufen zur Zeit die Vorbereitungen für die 4. Station der Wanderausstellung auf Hochtouren. Vom 25. Oktober bis 6. Dezember wird sie auf Einladung des AStA und mit Unterstützung des FU-Präsidenten in der Freien Universität Berlin stehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Näheres dazu und zum Begleitprogramm ist auf unserer Webseite vermerkt. Nur soviel sei hier genannt: Wir luden als Zeitzeugen den 90jährigen Boris Popow zusammen mit seiner Gattin aus Minsk ein, dem am 26. Oktober eine Veranstaltung gewidmet ist. Man erinnere sich: Zum 70. Jahrestag des Beginns des II. Weltkrieges war er Hauptredner bei unserer Kundgebung auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz. Wir hoffen, er ist noch so wortgewaltig und agil wie vor drei Jahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Derweil ist der Bremer KOHTAKTbI-Freundeskreis in gleicher Angelegenheit aktiv. Wir besichtigten kürzlich als Ausstellungsort in zentraler Lage das Haus der Wissenschaft und vereinbarten, die Ausstellung dort im Jahr 2014 zu zeigen. Bis dahin soll der Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener als Zwangsarbeiter in Bremen dokumentiert werden. Das erfordert noch viel Archivarbeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Thema der Ausstellung stößt vielerorts auf Interesse. Der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ ist an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert. So wird uns dieses Projekt noch mehrere Jahre lang beschäftigen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ein Ausflug nach Bergen-Belsen sei hier erwähnt, weil er Impulse bot für künftige Aktivitäten. Wir drei täglich im KOHTAKTbI-Domizil Beschäftigten fuhren wegen einer Ausstellung in der hervorragend neu gestalteten Gedenkstätte dorthin, um Anregungen für unsere Arbeit zu finden. In der Nähe liegt der gut gepflegte Friedhof für sowjetische Kriegsgefangene - fast 20 000 namenlos Begrabene. Entlang einer Friedhofsseite stehen Eisengestelle mit von Schülern in Tontafeln geritzten Namen der Toten. Etwa ein Drittel aller Namen sind so veröffentlicht. Es ist ein Projekt mehrerer niedersächsischer Schulen, betreut vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Nun stellen wir uns vor, russische Schülergruppen zu Workcamps dorthin einzuladen, um sie gemeinsam mit deutschen Schülern Tontafeln fabrizieren und über Krieg und Frieden nachdenken zu lassen. Es wäre die Fortsetzung unserer langjährig unterbrochenen Jugendarbeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir fuhren weiter nach Celle zum Gespräch mit dem Historiker Dr. Rolf Keller. Er ist Mitarbeiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Wir besprachen mit ihm das Problem, dass die Bundesregierung trotz gesetzlicher Vorgaben die Kennzeichnung hunderttausender namenloser Massengräber auf „Russenfriedhöfen“ neben den einstigen Lagern verweigert. Wir fordern: „Gebt ihnen ihre Namen zurück!“ Denn rund 800 000 Namen und Begräbnisorte sowjetischer Kriegsgefangener sind inzwischen ermittelt. Herr Keller regte an, es sollte das Problem mit allen Gedenkstättenleitern besprochen werden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir haben immer gesagt, wenn die NS-Opfer nicht mehr leben, beginnt unsere Gedenkarbeit, ein weites Feld.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Einladung von Volker Beck nahm ich am 14. September im Bundestag an einem „Expertengespräch“ von Abgeordneten Bündnis90/Grüne teil. Es ging um unsere seit sechs Jahren im Bundestag liegende Petition, zu der dort die Aktenordner immer dicker werden: Die Anerkennung ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener als NS-Opfer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gute Argumente wurden vorgetragen. Aber noch verweigert die CDU/CSU ihre Zustimmung. Viele Mitglieder, Förderinnen und Förderer des Bürger- Engagements für vergessene NS-Opfer schrieben bislang vergebens Protestbriefe an diese Politiker, die anscheinend auf eine „biologische Lösung“ des Problems warten.
Partnerschaft für leukämiekranke Kinder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anfang September schrieb Sapura Ibragimova aus Taschkent / Usbekistan:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;„Wir sind sehr dankbar für Ihre Hilfe und Unterstützung! In Usbekistan wird seit 2008 das neue Therapieprotokoll Moskau-Berlin-2008  eingeführt - in Zusammenarbeit mit dem Koordinator des Protokolls, Professor Karachunsky, ohne dessen große Hilfe und Unterstützung wir nichts machen könnten. Wir haben über 100 Patienten mit ALL im Protokoll MB 2008 registriert. (…) In unserem Zentrum werden über 100 neu mit All diagnostizierte Patienten im Jahr behandelt; im Ganzen sind im Land ca. 300 Kinder registriert, und wir möchten unbedingt allen helfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den letzten Jahren haben sich die Ergebnisse bei der Behandlung von Kinder-ALL im Zusammenhang mit der Einführung der Behandlung nach dem Programm sehr verbessert. Aber wir verstehen, dass auf Grund unseres Mangels an Kenntnissen und Erfahrung die Hospitationen in Moskauer und deutschen Kinderleukämiezentren zur Weiterbildung notwendig sind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich und die Ärztin Aripova Nazokat sind bereit zu Hospitationen in Deutschland, wenn diese von Ihrer Seite unterstützt werden. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie eine Möglichkeit fänden, uns mit Geräten und Verbrauchsmaterialien, insbesondere mit Einwegteilen für Kinderkatheder, für die endolumbale und Wirbelsäulenpunktion, mit Infusomaten etc. sowie mit einigen teuren Medikamenten und Präparaten zu versorgen. (…)&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Was können wir tun? Es wurde beim Berliner Senat ein Antrag auf Aufnahme der neuen Partnerstation in den Bereich der offiziellen Städtepartnerschaft Berlin-Taschkent gestellt. Das kann die vorhandenen Schwierigkeiten mit der Klinikleitung mindern. Danach muss eine Spendenkampagne für die Taschkenter Partnerstation folgen. Denn unsere Ressourcen reichen nicht: Jetzt werden ca. 24 000 € für längst bestellte Broviak-Katheter bezahlt, 11 000 € sind fällig für das letzte Jahresquartal der MB-Studiengruppe, die Novemberkonferenz der MB-Ärztekooperative aus 45 Kinderkliniken kostet mindestens 20 000 €, für die jetzt Sponsoren gesucht werden müssen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere unter dem Schlagwort „Humanismus im West-Ost-Kontakt“ laufenden Spendenkampagnen lassen uns als pure Hilfsorganisation erscheinen. Aber dass wir mit Spendenvergaben recht hohe gesellschaftspolitische Ansprüche verbinden, wissen sowohl die Naziopfer im Osten wie die mit uns verbundenen Kinderärzte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Eberhard Radczuweit&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/verein/rechenschaftsberichte/mitgliederrundbrief-september-2012.php</link>
<pubDate>21 Sep 2012 08:55:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Magdalena Iosifowna Pulwer</title>
<description>&lt;p&gt;Magdalena Iosifowna Pulwer&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kiew.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit […]!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Magdalena Iosifowna Pulver, möchte Ihnen aufrichtig für die Spenden danken, für den Humanismus, den Sie uns, den Opfern des Holocaust, gegenüber an den Tag legen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen von meinen Kindheitserinnerungen erzählen, denn meine Kindheit fiel in die Zeit des Krieges.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde in Rumänien geboren, in Bukarest im Jahr 1939, vielleicht auch 1938 oder 1940 – in allen Dokumenten steht ein anderes Datum. Zu der Zeit bestimmten Ärzte das Alter der Kinder anhand der Zähne. Als meinen Geburtstag feiere ich den 20.7.1939.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Überhaupt war es im Kinderheim so, dass die Hälfte der Kinder im Winter Geburtstag hatte und die andere Hälfte im Sommer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kann mich nur sehr verschwommen daran erinnern, wie wir aufbrachen, aber wohin wir fuhren, warum und wozu – das weiß ich nicht. Erst fuhren wir mit dem Schiff, dann mit dem Zug und schließlich mit einem Pferdekarren. Wie lange wir so unterwegs waren durch verschiedene Länder, in denen Krieg herrschte, weiß ich nicht. Jedenfalls kam ich auf diese Weise in die Republik Dagestan im Nordkaukasus, ins Kinderheim für Vorschulkinder in Bujnake.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich war also allein in einem fremden Land. Wie ein Baum ohne Blätter. Ohne Heimat, ohne Mutter, ohne Vater, ohne Zuhause und ohne Papiere. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich einen Verband am Ohr trug und dass ich mir die Finger abgefroren hatte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann weiß ich noch – es war wohl 1943, als die Schlacht um Stalingrad war –, dass einmal viele neue Kinder zu uns ins Kinderheim kamen, viele von ihnen waren halbtot, und wir gaben ihnen zu essen, damit sie wieder zu Kräften kamen. Ein Mädchen, das mir am Tisch gegenüber saß, führte den Löffel mit Brei zum Mund und fiel im gleichen Moment tot um, mit dem Gesicht in den Teller. Als sie weggetragen wurde, da liefen wir neugierig hinterher, um zu sehen, wohin man sie bringen würde – wir dachten, sie sei eingeschlafen. Man brachte sie in den Hof. Dort stand ein Karren, der bis oben voll mit Kinderleichen war. Nur die Beine staken unter der Plane hervor, mit der die Leichen abgedeckt waren. Schnell verjagte man uns von dort.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Später, wahrscheinlich 1944, als die Zweite Front eröffnet wurde, halfen uns die Amerikaner und in unserem Kinderheim gab es plötzlich Brot. Ans Tor unseres Kinderheims kamen manchmal deutsche Kriegsgefangene und brachten uns selbstgemachte Spielsachen. Zum Beispiel zwei kleine Hölzer, die mit einem Faden verbunden waren, und dazwischen war ein kleines Holzmännchen, ein „Turner“. Wenn man auf die Hölzchen drückte, begann das Männchen zu turnen und Purzelbäume zu schlagen. Wir gaben den Gefangenen Brot und sie gaben uns Spielsachen. Wir hatten großes Mitleid mit ihnen. Dann kam endlich das Jahr 1945. Der 9. Mai. Ich kann mich sehr gut an diesen Tag erinnern. Neben unserem Kinderheim war ein Lazarett. Als übers Radio der Sieg verkündet wurde, da liefen wir rüber aufs Gelände des Lazaretts. Es war ein wildes Durcheinander, ein Orchester spielte, man sah die weißen Verbände der Verwundeten zwischen roten Pionierhalstüchern, es herrschte Freude vermischt mit Trauer, Lachen und Ausgelassenheit neben Tränen. All das vermengte sich zu einem einzigen Jubel: Sieg!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;An dieser schönen Stelle möchte ich meinen Bericht beenden. All das sind Erinnerungen an Ereignisse, die sich vor 65 Jahren zugetragen haben. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich etwas nicht so gut beschrieben habe. Ich danke Ihnen nochmals für die Unterstützung und die Anteilnahme.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Magdalena Pulver&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-september-2012.php</link>
<pubDate>14 Sep 2012 10:29:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>312. Freitagsbrief (vom Januar 2012, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Aleksandr Michajlowitsch Aronow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Drushkiwka&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Donezk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Mitarbeiter der deutschen Kontaktgruppe für ehemalige kriegsgefangene sowjetische Soldaten während des Großen Vaterländischen Krieges von 1941–45!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen und dem ganzen deutschen Volk ein frohes neues Jahr 2012! Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und alles Gute im Leben und bei der Arbeit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hiermit möchte ich bestätigen, dass ich Ihre materielle Unterstützung in vollem Umfang erhalten habe. Ich danke Ihnen sehr für die Hilfe und Anteilnahme.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es stimmt, ich habe während des Krieges Unmenschliches durchlebt, vor allem im Lager für Kriegsgefangene in Sytschewka im Gebiet Smolensk. In diesem Lager herrschten wahrhaft unmenschliche Lebensbedingungen. Schmutz, Seuchen, Hunger. Man behandelte uns wie Tiere.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich glaube, dass ich diese schwere Prüfung nur mit Gottes Hilfe überleben konnte, und dank meiner vielen Gebete zu meiner Mutter Sinaida Jermolajewna, Gott hab sie selig.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung und Rückführung in die Heimat wurde ich wieder schweren Prüfungen unterzogen, während der staatlichen Untersuchungen hinter Stacheldraht im Filtrationslager. Sie unterzogen uns einem peinlichen Verhör und die Ermittlungsoffiziere der Spionageabwehr „SMERSH“ hielten alle unsere Aussagen auf Papier fest.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diese Überprüfung hinter Stacheldraht dauerte bis zum 1.11.1946, dann ließen sie uns gehen, aber nicht ganz. Sie machten uns den „Vorschlag“, gleich hier in den Uranbergwerken zu arbeiten und erlaubten uns, unsere Familien nachzuholen oder zu heiraten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Verpflegung und die Versorgung wurden nun besser. In fünf Jahren haben wir eine Kleinstadt mit zweistöckigen Häusern aufgebaut, die Erdbeben von der Stärke acht standhalten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als es uns endlich möglich war, kündigte ich sofort meine Arbeit, verließ Mittelasien und zog nach Saratow, wo ich schnell eine Arbeit fand. Ich bekam ein Armeebuch und nach einem Monat Arbeit ein Zimmer in einem Wohnheim. Das war im Jahr 1954. Ich wollte so gerne noch an der Universität studieren. Dazu kam es aber erst viel später, in den 60er Jahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Sowjetunion war es sehr schwer, eine gute Wohnung zu bekommen. Deshalb bin ich 1978 in den Ort Drushkowka gezogen, wo ich bereits nach zwei Jahren Arbeit eine Wohnung in einem neunstöckigen Haus bekommen habe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe zwei Töchter, einen Enkel und zwei Enkelinnen mit Familie, die mir schon fünf Urenkel geschenkt haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1983 bin ich in Rente gegangen, habe aber Schach gelernt und viele Abende mit meinen Kumpels Schach gespielt, denn ganz in meiner Nähe gab es einen Schachklub.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit dem Zerfall der Sowjetunion hat sich vieles geändert und den Menschen stand der Sinn nicht mehr nach Schach und anderen Vergnügungen. So habe ich mich in den letzten 15 Jahren der Heiligen Schrift und Gottes Wort gewidmet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wie Sie sehen, habe ich eine furchtbare Schrift, was daran liegt, dass ich schlecht sehe. Nach einer Augenoperation habe ich nur noch 9% Sehkraft (0,1 und 0,08). Entschuldigen Sie also bitte meine schlechte Schrift. Ich schreibe mit einer Lupe vor dem rechten Auge.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte vor Ihnen keine Werbung für meine Biografie machen. Ich brauche keine Werbung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zum Abschluss meines Briefes möchte ich den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland von ganzem Herzen beste Gesundheit und privates wie berufliches Glück wünschen, Freude, Wohlergehen und alles, alles Gute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aleksandr Michajlowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;03.01.12.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_312.php</link>
<pubDate>14 Sep 2012 10:22:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>311. Freitagsbrief (vom Juli 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Lasar Uscherowitsch Mutschnik&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jekaterinburg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Ihre Bitte hin möchte ich Ihnen hiermit bestätigen, dass ich Ihren Brief vom 20.6.2007 bekommen habe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie sich für die ehemaligen Kriegsgefangenen und für eine Wiedergutmachung des uns vom Nazi-Regime zugefügten Leides einsetzen. Ich danke Ihnen auch für Ihre guten Wünsche an mich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mir, einem Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg, fällt es nicht leicht, mich an das Leid und die Gräuel zurückzuerinnern, die ich in den Nazi-Lagern durchmachen musste. Es war eine unerträglich schwere Zeit, die ich als junger Mann durchleben musste, und es ist nicht einfach, davon zu erzählen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tausende Soldaten der 2. Stoßarmee, in der ich war, waren eingekesselt und konnten aus dem Kessel nicht mehr herauskommen. So geriet ich im Juni 1942 in Gefangenschaft. Es folgte eine schier unendliche Kette von alptraumhaften Nazi-Lagern. Schwerstarbeit und ständiger unerträglicher Hunger. In Deutschland musste ich im Bergwerk per Hand Erz verladen, ich arbeitete im Steinbruch und beim Holzfällen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Drei lange Jahre hätte das für mich den sicheren und qualvollen Tod bedeutet, wenn die Faschisten erfahren hätten, dass ich Jude bin. Aber keiner der Kriegsgefangenen verriet mich, keiner erlag der Versuchung, mit einem Verrat sein eigenes Los zu erleichtern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im April 1945 wurde unsere Kolonne Kriegsgefangener von SS-Leuten zur Vernichtung geführt. Am 11. April wurde unsere Kolonne aber von Panzern der angloamerikanischen Truppen aufgehalten. Mit dieser Befreiung wurde ich zum zweiten Mal geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 9. Mai 1945 um elf Uhr morgens überquerte unsere Kolonne ehemaliger Kriegsgefangener bei Magdeburg die Elbe und wurde zu den Klängen des Militärorchesters feierlich der Verantwortung des Oberkommandos der Sowjetischen Armee übergeben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem ich die staatlichen Überprüfungskommissionen durchlaufen hatte, wurde ich im Dezember 1945 wieder in den Rang eines Offiziers erhoben und in die Reserve entlassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1951 schloss ich mit Auszeichnung das Ingenieurinstitut für Eisenbahnwesen in Dnepropetrowsk ab und bekam eine Arbeit bei der Eisenbahn Swerdlowsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute bin ich Invalide des Großen Vaterländischen Krieges und lebe von meiner Rente. Eine materielle Entschädigung von Seiten der deutschen Regierung würde für mich eine dringend benötigte Unterstützung bedeuten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Mein Nachname ist eigentlich Mutschnik. Warum ich ihn in Mutschnikow geändert habe, brauche ich Ihnen wohl nicht eigens zu erklären.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;L. U. Mutschnik, 6.7.2007.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.P.S. Nein, bei weitem nicht alle Deutschen waren uns, den Kriegsgefangenen, gegenüber feindlich eingestellt. Im Bergwerk habe ich zusammen mit einem anderen Kriegsgefangenen per Hand im Schacht Erz verladen. Dort gab es einen deutschen Arbeiter namens Karl (seinen Nachnamen wussten wir natürlich nicht), der uns, obwohl der Kontakt mit uns streng verboten war, jeden Tag ein dünnes belegtes Brot brachte und es in eine Spalte im Abbruch legte. Das war echte Barmherzigkeit und aufrichtiges Mitgefühl.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_311.php</link>
<pubDate>07 Sep 2012 07:46:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Gebt ihnen ihre Namen zurück!</title>
<description>&lt;p&gt;(September 2012) Eine KOHTAKTbI-Gruppe besuchte die Gedenkstätte Bergen-Belsen und den Friedhof Hörsten, wo nahezu 20.000 Opfer des KriegsgefangenenlagerS und –lazaretts Bergen-Belsen begraben sind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf deutschem Gebiet liegen hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene in anonymen Massengräbern. Die Bundesregierung fördert seit dem Jahr 2000 die Recherche der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Partnerschaft mit dem Generalstab der russischen Streitkräfte nach Namen und Begräbnisorten dieser Opfer eines der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges. Seither sind über eine dreiviertel Million Tote ermittelt und ihre Namen ins Internet gestellt worden: www.obd-memorial.ru. Familien der sowjetischen Kriegsgefangenen wissen nun, wo sie ihre Väter und Großväter finden und machen sich auf den Weg. Sie finden keine Orte des Gedenkens und der Trauer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof in Hörsten nahe der Gedenkstätte Bergen-Belsen ist eine Fläche freigegeben für Grabsteine, die auf eigene Kosten von den Nachkommen der Kriegsgefangenen gefertigt werden können. Längs des Friedhofs liegen Eisengestelle, in die Namenstafeln aus Ton gelegt werden. An der Aktion „Namensziegel“ beteiligen sich viele Schulen in Niedersachsen, auch auf den Friedhöfen der Kriegsgefangenenlager in Oerbke, Sandbostel und Wietzendorf . Die Schüler lernen dabei die Leidenswege der sowjetischen Kriegsgefangenen kennen. Hier fänden vor allem deutsch-russische Schulpartnerschaften ein breites Betätigungsfeld.&lt;/p&gt;
		

&lt;p&gt;Ein „Gräbergesetz“ der Bundesrepublik Deutschland soll helfen, „der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise zu gedenken und für zukünftige Generationen die Erinnerung daran wach zu halten, welche schrecklichen Folgen Krieg und Gewaltherrschaft haben.“ Wenn Namen und Ort der Bestatteten bekannt sind, sollen die Gräber mit „würdig gestalteten dauerhaften Grabzeichen versehen werden…mit gut lesbarer dauerhafter Schrift mindestens Vor- und Familienname, Geburts- und Todestag“. Das zuständige Bundesfamilienministerium ignoriert dieses Gesetz! So wertvoll die Schülerinitiativen mit ihren „Namensziegeln“ sind, entbinden sie nicht die Bundesregierung von der Pflicht, ihrem eigenen Gesetz nachzukommen. Wir fordern: Gebt ihnen ihre Namen zurück!&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/verein/aktuelles.php</link>
<pubDate>06 Jul 2012 12:34:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Ein Freitagsbrief aus Deutschland</title>
<description>&lt;p&gt;Friedrich Meinl&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Münster, den 5. Aug.2012&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, ist nicht meine Geschichte, sondern die meines Vaters, des Hauptmanns der deutschen Wehrmacht Lothar Meinl. Er ist schon lange tot. Er starb 1961, 6 Jahre nach seiner Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Es ist eine lange und ungewöhnliche Geschichte. Ich kann hier nur einen Teil davon erzählen, nämlich den, der mit sowjetischen Kriegsgefangenen zu tun hat und was ich davon zu erzählen habe, ist so anders als das, was damals die Regel war, dass es wahrscheinlich schwer zu glauben ist. Ich bin mir dessen bewusst. […..]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater war von Juli 1941 bis Mai 1945, also von Anfang bis Ende des Russlandkrieges, bei der Wehrmacht eingesetzt als Kompaniechef und Leiter des Betriebsstoff- Abfüllkommandos 967, das zum Heeres-Kraftfahrpark Münster in Westfalen gehörte und Teil der Nachschubtruppen 4 war. Das Kommando war eines von mehreren, die der Heeresgruppe NORD für die Kraftstoffversorgung zugeteilt waren und erhielt seine Weisungen vom Oberquartiermeister der Heeresgruppe. Die Kraftstoffversorgung war sowohl für den Nachschub als auch für die kämpfende Truppe von entscheidender Bedeutung. Die Aufgabe des Kommandos bestand darin, den in Großbehältern aus dem Reich angelieferten Kraftstoff umzufüllen auf 200 Liter Fässer und 20 Liter Kanister und diese in Güterwaggons der Reichsbahn zu verladen, die sie an die Front transportierte. Das Kommando war vom Juli 1941 -September 1942 nahe der Ortschaft Linkuhnen bei Tilsit in Ostpreußen stationiert, wurde im Oktober 1942 nach Riga in das Industriegebiet Mangali und im September 1944 nach Libau in die Nähe des Kriegshafens in die „alte Zuckerfabrik“ verlegt. Für die Umfüll -und Verladearbeiten wurden ca. 100 später 150 sowjetische Kriegsgefangene von den zuständigen Stammlagern zur Verfügung gestellt und im Kommando kaserniert. Die Befehlsmacht ging auf meinen Vater über, die Verfügungsmacht blieb beim Stammlager. Von dort wurde vor allem die Verpflegung und Bekleidung geliefert. Untergebracht, verpflegt und versorgt wurden die Kriegsgefangenen in einem kleinen Gefangenenlager des Kommandos. Mein Vater übernahm das Kommando in einem desaströsen Zustand. Er beschrieb mir seinen ersten Eindruck bei der Besichtigung so: „Ich hörte schon von weitem Geschrei. Es kam von der Verladerampe. 
Dort wurde gerade ein Zug beladen. Auf der Rampe war ein großes Gedränge von heruntergekommenen Kriegsgefangen, das von schreienden und brüllenden Wachsoldaten in hektischer Bewegung gehalten wurde. Mein erster Gedanke war: Viel zu viele Leute, in erbärmlichem Zustand, die sich gegenseitig im Wege standen und behinderten. Es war mir sofort klar, weshalb das Kommando seinen Soll-Umschlag nicht erreichte und wie es zu machen war: weniger Leute, bessere Versorgung und bessere Behandlung.“ „Als ich das Kommando übernahm, gab ich den angetretenen Soldaten als erstes zwei Befehle: Es wird nicht mehr geschrien und nicht mehr geschlagen. Dabei war mir klar, dass meine Befehlsgewalt nicht ausreichte, ich musste die Soldaten vor allem überzeugen und gewinnen. Dann ließ ich die Russen antreten. Ich war mir sicher, dass sie mit äußerster Spannung mein Auftreten, meine Bewegungen, meine Worte beobachten würden, denn für die Gefangenen verbindet sich mit einem neuen Kommandanten die bange Frage: wird es besser oder noch schlechter? Ich stellte mich also vor die Front, schaute einmal vom linken zum rechten Flügel und stellte mich als neuer Kommandant vor -in russischer Sprache. Zudem sagte ich, dass ich selbst sieben Jahre in Russland gefangen war, das Los der Gefangenen kenne und die russischen Menschen schätze. Ich würde versuchen, ihr Schicksal so gut ich kann, zu erleichtern. Am Mittag ging ich zur Essenausgabe, ließ mir ein Kochgeschirr und einen Schlag Suppe geben. Ich nahm einen Löffel voll und schmeckte. Darauf schüttete ich die Suppe weg und sagte: „Das ist kein Essen, das wird sich ändern. Tags darauf hielt ich in der Kantine vor den Soldaten eine Rede, in der ich ihnen meinen Auftrag, den Umschlag drastisch zu erhöhen, meinen Eindruck von der Lage und den Ursachen und meine Pläne erklärte. Ich machte ihnen klar, dass sich mehr Umschlagleistung mit weniger Leuten auf der Rampe und durch bessere Ernährung und Behandlung der Gefangenen erreichen lasse und dass ich aus eigener Erfahrung in Gefangenschaft weiß, wie das geht und ich mir sicher sei, dass wir nicht nur mit weniger Leuten auskommen würden, sondern auch mit weniger Zeit. Die eingesparte Zeit sollte ihnen als Freizeit und Ausgang zu gute kommen. Dann gab ich ihnen die ersten Maßnahmen bekannt. Alles, was in unserer Küche übrig bleibt, wird gesammelt und in die russische Küche gebracht. Es wird ein großer Gemüsegarten angelegt, ein Schweinestall und ein Hühnerstall gebaut und zudem eine mechanische und eine Uhrmacherwerkstatt. Einen Teil der Gefangenen würde ich den Bauern für die Ernte zur Verfügung stellen. Die Aussicht auf mehr Freizeit und Ausgang hat die Soldaten wahrscheinlich am stärksten für meine Pläne eingenommen. In den nächsten Tagen machte ich mich auf den Weg zu den Bauern und Gutsbesitzern in der Nähe. 
Es war gerade die Getreideernte im Gange. Ich bot ihnen Kriegsgefangene als Arbeitskräfte an gegen gute Verpflegung und Unterbringung. Die Bauern griffen sofort zu. Ich brauchte nicht lange, um die Hälfte der Gefangenen unterzubringen. Meine Rechnung ging schnell auf. Die Bauern hatten Hilfe, die Gefangenen konnten sich physisch und psychisch erholen, die Gefangenen im Lager bekamen doppelte Ration, ergänzt durch Reste aus der deutschen Küche. Zudem waren alle motiviert. Die Umschlagleistung stieg schlagartig und zwar so, dass ich sehr bald dem Oberquartiermeister erklären musste, wie ich das gemacht hatte. Ich habe es ihm erklärt und wie sich etwas später herausstellte, hatte ich ihn überzeugt. Als nächstes wurden die Ställe und die Werkstätten eingerichtet. In der mechanischen Werkstatt konnten die Gefangenen Fahrräder, Motorräder und kleine Maschinen für die Bevölkerung in der Umgebung reparieren. Bezahlt wurde mit Lebensmitteln. Der russische Uhrmacher reparierte alle Arten von Uhren sowohl für meine Soldaten wie auch für die Bevölkerung, vor allem gegen Lebensmittel. Dann wurde eine Arztpraxis und eine ordentliche Krankenstube eingerichtet. Meine Soldaten gehörten bald auch zu den Patienten des russischen Arztes. Unser Sanitäter hatte nicht mehr viel zu tun. Vor Einbruch des Winters wurde eine Wohnbaracke gebaut und die anderen winterfest gemacht. Es wurde Winterkleidung beschafft und anderes mehr. Bei alledem ebnete mir der Erfolg des Kommandos den Weg.“ Schließlich bauten die Gefangenen eine eigene Backstube mit Ofen. Das Ergebnis war, dass die Gefangenen jetzt mit den Soldaten zu beiderseitiger Abwechslung ihr Brot tauschten. In ihrer Freizeit flochten einige Gefangene allerhand schöne und nützliche Sachen aus Stroh, die sie mit der Bevölkerung gegen Lebensmittel tauschten. Meine Mutter und meine Schwester bekamen beide ein paar sehr schöne Strohschuhe als Geschenk. Noch im Sommer 1941 musste mein Vater in Königsberg über seinen Erfolg berichten. Kurze Zeit später wurde er vom OKH einbestellt und erhielt den Auftrag, die Kriegsgefangenenlager im Reich zu inspizieren und Vorschläge zur Erhöhung der Arbeitskraft und Leistung zu machen. Er erhielt dazu drei Dolmetscher, einen Chauffeur, einen großen PKW und dazu einen Befehl, der ihm den Zugang zu den Lagern öffnete. Was er auf dieser Inspektionsreise sah, hat ihn schwer erschüttert. Als er sich in Westfalen befand, nutzte er die Gelegenheit zu einem kurzen Besuch in Münster, wo wir wohnten. Mein älterer Bruder Lothar erzählte mir, dass der sonst immer außerordentlich gelassene und unerschütterliche Vater meine Mutter und meinen Bruder, der zu dieser Zeit erst 14 Jahre alt war, in die Küche holte. Dort berichtete er den beiden in höchster Erregung, was er gesehen hatte und schloss mit den Worten: „Wenn es eine Gerechtigkeit im Himmel gibt, dann werden wir das einmal schwer büßen.“ 
Nach seiner Heimkehr 1955 erzählte mein Vater auch mir davon. Eine besonders schlimme Geschichte ist mir in Erinnerung geblieben. Ich stelle sie aber zunächst einmal zurück. Die Inspektion wurde vorzeitig beendet. Mein Vater führte es darauf zurück, dass er seine Kompetenzen überschritten, Befehle gegeben und insbesondere Verbote ausgesprochen hatte, wozu er durch seinen Auftrag nicht ermächtigt war. Er musste in Berlin, wahrscheinlich beim Chef Kriegsgefangenenwesen oder beim Generalquartiermeister Bericht erstatten. Wie man weiß, hat sich in diesen Monaten zwar die Einsicht durchgesetzt, dass die Arbeitskraft der sowjetischen Kriegsgefangenen inzwischen kriegswichtig geworden war und erhalten werden musste, eine menschenwürdige Versorgung und Behandlung kam dabei aber nicht heraus. Immerhin hat die Sterblichkeit der sowjetischen Kriegsgefangenen in der Folge deutlich abgenommen. Für meinen Vater hatte weder sein Verhalten, noch sein Bericht negative Folgen. Bemerkenswert ist, dass man im März 1945 in Libau erneut auf meinen Vater zurückkam und ihn zum Inspektor für 8 Kriegsgefangenenlager ernannte. Schwierigkeiten und Gefahren für meinen Vater tauchten dann aber doch auf und zwar zuerst anlässlich der Kontrollen bei den Bauern, die er persönlich durchführte. Dabei ließ er sich die Unterkunft zeigen und befragte den Gefangenen, wie er verpflegt und behandelt würde. Da stellte sich nun heraus, dass es einige Bauern gab, die den Gefangenen ausbeuteten. Wenn mein Vater diesen Eindruck hatte, nahm er den Gefangenen mit. Das machte böses Blut. Er wurde bei der Kreisbauernschaft angezeigt. Davon erfuhr er aber erst später. Zunächst bekam er unerwartet den Besuch des Standortältesten Offiziers. Er erzählte mir das etwa so: „Ich saß in meinem Zimmer, als mir der Besuch eines Oberstleutnants gemeldet wurde. Ich bat ihn herein, wir machten uns bekannt, ich bot ihm Platz an, wir setzten uns. Und dann verhielt er sich ganz seltsam, als ob er mir etwas mitteilen müsste, was ihm schwer fiele, auszusprechen. Ich erstarrte innerlich, weil ich den Eindruck hatte, er hat einen Haftbefehl und es fällt ihm schwer, ihn auszuführen.“ Um den Schrecken meines Vaters zu erklären, füge ich hier ein, dass sein älterer Bruder Willi, auch er ehemaliger Offizier der k&amp;k Österreichischen Armee, einige Monate zuvor, am 27.7.1941 wegen Landesverrats in Plötzensee enthauptet worden war. „Aber stell' dir vor, schließlich bringt er nach vielem wenn und aber heraus, dass er mit seiner Benzinzuteilung nicht auskommt. Mir fiel ein Stein vom Herzen und musste meine Erleichterung verbergen. Ich machte keine Umstände, rief einen Unteroffizier und gab ihm den Auftrag, den Kofferraum des PKW des Herrn Oberstleutnants mit Benzinkanistern zu beladen. Dieser war hoch erfreut, er dankte mir lebhaft und kameradschaftlich. Er hatte Benzin und ich eine außerordentlich wichtige Erkenntnis. 
Mit Benzin konnte ich mich schützen. Ich hatte einen Blindbestand aufgebaut, der sich daraus ergab, dass in der Betriebststoffverwaltungskompanie für Fass und Kanister mit den Sollwerten 200 bzw. 20 Liter gerechnet wurde. Soviel geht aber in ein Fass bzw. einen Kanister im Sommer nicht hinein. Ich hatte darauf aufmerksam gemacht, aber es war nicht möglich, unter den gegebenen Bedingungen mit den wirklichen Mengen zu rechnen. Also verfügte ich über einen wachsenden Blindbestand. Der Standortälteste kam wieder, dann kam der Polizeichef, dann die NSDAP- Kreisleitung und schließlich auch der Ortsbauernführer. Der sagte mir, nachdem sein Kofferraum beladen war, wohl um seiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben und nicht ganz mit leeren Händen da zu stehen: „Herr Oberleutnant, sie unterstützen unsere Bauern ja tatkräftig bei der Ernte durch Gestellung von sowj. Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte. Das wird hoch anerkannt, auch von mir selbstverständlich, trotzdem, ich bekomme immer wieder Anzeigen aus der Bauernschaft. Ich muss sie darauf aufmerksam machen, dass sie Feinde haben. Aber, Herr Oberleutnant, sie können sich auf uns verlassen. Das geht alles in den Papierkorb, davon geht nichts raus.“ Soviel ich weiß, tauschte mein Vater gegen das Benzin nichts ein, als kameradschaftliches Verhalten und Vertraulichkeit.“ Er ging damit ein hohes Risiko ein, denunziert zu werden, vor allem aus der eigenen Kompanie, aber das ist nie vorgekommen. Im Gegenteil, er hatte in Riga mit Hilfe, des von ihm mit Benzin versorgten Chefs der Feldpolizei, seiner jüdischen Putzfrau (Anya Brodman geb. Anna Segal) und dem Soldaten (Erwin Erdmann), der mit ihr geflohen war und von einer Wehrmachtstreife aufgegriffen worden waren, das Leben retten können, weil der Polizeichef mit dem Vorgang so verfuhr, wie der Ortsbauernführer in Linkuhnen mit den Anzeigen aus der Bauernschaft. Dass mein Vater niemals von seinen Soldaten denunziert wurde, auch nicht nach der Flucht ihres Kameraden mit einer Jüdin aus dem KZ, finde ich sehr bemerkenswert. Ich kann mir das nur so erklären, dass auch seine Soldaten, ohne dass sie Benzin bekamen, zu ihm hielten. Und ich glaube, dass es auch nicht nur das Benzin war. 
Er hat die Leute durch seine Art einfach gewonnen und wohl auch überzeugt, sodass sie ihm uneingestanden innerlich recht gaben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch beim Oberquartiermeister in gutem Ansehen stand und da manches abgewehrt wurde. Das Kommando war äußerst empfindlich gegen Sabotage. Es hätte sich z.B. leicht anzünden lassen. Dazu wären die Gefangenen aus Sicht ihrer Regierung verpflichtet gewesen. Sie befanden sich also in einem Loyalitätskonflikt. Sie verübten aber keine Sabotage und verhielten sich gegenüber meinem Vater absolut loyal. Das gegenseitige Vertrauen muss groß gewesen sein und es war die Grundlage des ganzen Konzepts u.a. z.B. für die Vergabe von einzelnen Gefangenen an die Bauern. So erklärt sich auch, was Rene Drommert aus Libau darüber berichtet. Auch die Geschichte der Gefangennahme meines Vaters , die ich hier nicht erzähle, gehört dazu. Ich finde es bemerkenswert und erstaunlich, dass dieses Konzept, das auf Vertrauen und Kooperation sehr verschiedener Teilnehmer aufgebaut und angewiesen war, unter den gegebenen Verhältnissen bis zum Ende des Krieges erfolgreich funktioniert hat. Ein wesentlicher Punkt für den Erfolg war sicher der Umstand, dass es auf deutscher Seite keine Loyalitätskonflikte hervorrief. Die Loyalität der sowjetischen Gefangenen gegenüber meinem Vater wurde ihnen nach ihrer Befreiung sicher als Kollaboration zur Last gelegt. [….]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Sommerferien im August 1942 verbrachten wir, meine Mutter mit uns vier Kindern, in Linkuhnen. Wir waren bei einem großen Bauern und einer alleinstehende Frau einquartiert. Tagsüber hielten wir uns im Kommando auf. Mein älterer Bruder bekam ein Fahrrad und war damit ständig im Kommando unterwegs. Er hat von uns am meisten gesehen. Wir Kleineren spielten vor allem im Freien. Was wir da so trieben und erlebten, das alles zu erzählen würde zu viel für einen Brief. Es soll hier genügen, dass wir das Kommando vier Wochen lang selbst erlebt haben. In einer der ersten Postkarten, die wir von meinem Vater aus russischer Gefangenschaft bekamen, erwähnt er diese Ferien in Linkuhnen mit den Worten:&lt;p&gt;

&lt;p&gt;„Du hast selbst gesehen wie die russ. Gefangenen bei mir gelebt haben, wie sehr ich um ihr Los besorgt war. Die größte Weisheit und die klügste Tat ist doch die Menschlichkeit. Warum findet man sie so selten? „Lothar Meinl: „Liebe Trude“ 7.11.1946&lt;p&gt;

&lt;p&gt;Ende September 1942 wurde das Kommando nach Riga verlegt. Damit wurden die Dinge sehr viel schwieriger und zudem gefährlicher, denn Riga steckte voll mit Dienststellen der Wehrmacht, der SS, des SD, der Polizei und Feldpolizei, der Partei und der Verwaltung. In der Nähe lag das berüchtigte KZ-Kaiserwald, von dem täglich Häftlinge, Männer und Frauen, von SS Leuten zur Arbeit zum Kommando gebracht und wieder abgeholt wurden. Mein Vater ließ keine SS- Bewachung und SS-Aufsicht im Kommando zu. So konnte er die Juden wenigstens vor den Übergriffen der SS und den nicht minder grausamen Kapos schützen, aber er konnte sie nicht verpflegen und sie auch nicht in das Versorgungssystem integrieren, weil sie der SS unterstanden und im KZ kaserniert waren und verpflegt wurden. Hier stieß sein Konzept auf unüberwindliche Grenzen. Dazu kam, dass die Entfernung bis zu den Bauern viel größer war als in Linkuhnen. Es wurde für meinen Vater, sehr viel schwieriger, die Gefangenen zu versorgen und es war gefährlicher als in Linkuhnen. Dennoch hat er auch hier sein Konzept realisieren können. [….]&lt;p&gt;

&lt;p&gt;Ich denke, dieser Bericht zeigt, dass es damals möglich war, sowj. Kriegsgefangene menschenwürdig zu behandeln und zu versorgen. Damit stellt sich die Frage: „Warum war dies so selten der Fall? Fehlte es an gutem Willen, an Mitteln, an Erfahrung, an Fantasie, an Selbstvertrauen, an Mut? Wieso gelang es meinem Vater? Ich meine, guter Wille, Selbstvertrauen und Mut sind Grundvoraussetzungen, die ausreichen, um einem Einzelnen im Einzelfall zu helfen, mit ihm zu teilen. [….]&lt;p&gt;

&lt;p&gt;Friedrich Meinl&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/kriegsgefangene/friedrich-meinl.php</link>
<pubDate>01 Sep 2012 15:13:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>310. Freitagsbrief (vom Februar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Saratow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aleksej Michailowitsch Mischanin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, liebe Freunde!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir möchten Ihnen im Namen von Aleksej Michailowitsch Mischanin von ganzem Herzen für die moralische und finanzielle Unterstützung danken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen sehr, dass wenigstens Sie uns Alte und Schwache nicht vergessen haben. Wir hatten ein sehr schweres Leben und mussten sehr viel schreckliches und unmenschliches Leid durchstehen. Jetzt bin ich fast 90 Jahre alt und seit acht Jahren bin ich ans Bett gefesselt. Ich möchte Ihnen ein wenig von meinem beinahe vergangenen Leben erzählen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für unser Vaterland waren wir keine Helden, es war uns nicht vergönnt, Heldentaten zu vollbringen und unser Vaterland zu verteidigen, aber wir haben unser Vaterland sehr geliebt, genauso sehr wie die Helden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde mit 20 Jahren in die Armee einberufen, wir waren junge und unausgebildete Soldaten und bald schon begann der Krieg. Ich diente in einem Panzerregiment und im August 1941 wurde unser Regiment eingeschlossen und wir gerieten in Gefangenschaft. Daran zurück zu denken, ist für mich sehr schwer und schmerzhaft. Ich war erst in drei verschiedenen Konzentrationslagern [Kriegsgefangenenlagern], dann deportierten sie uns nach Deutschland. In Deutschland war ich auch in einem Lager für Kriegsgefangene. Von zwanzig Leuten hat dort nur einer überlebt, wir mussten den Hunger, die Kälte und die Schläge überstehen. Es gab unter den Deutschen aber auch gute Menschen. Die einfachen Bürger versuchten, so gut sie konnten, uns vor dem Tod zu bewahren, manche gaben uns ein wenig Essen, andere Kleidung. Wir mussten 18–20 Stunden am Tag arbeiten, aber dank dieser guten und mitfühlenden Menschen haben wir wie durch ein Wunder überlebt, und dafür sind wir ihnen sehr dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für Ihre jetzige Anteilnahme und Hilfe bin ich doppelt dankbar. Denn für mein Vaterland war ich kein Held, obwohl ich genauso viel Leid und Strapazen habe durchmachen müssen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Rückkehr nach Hause habe ich im Bergwerk gearbeitet, dann wurde ich rehabilitiert. Danach habe ich noch bis zum Alter von 70 Jahren weitergearbeitet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen nochmals sehr für die moralische und finanzielle Unterstützung. [….]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den aufrichtigsten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aleksej Michailowitsch Mischanin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Galina Nikolajewna Mischanina diesen Brief diktiert, sie hat ihn für mich aufgeschrieben.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_310.php</link>
<pubDate>31 Aug 2012 23:58:00 GMT</pubDate>
</item>





<item>
<title>Tamara A. Kotenko</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
Tscherkassy.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Unterstützung danken. Wichtig ist nicht die Höhe der Unterstützung, wichtig sind die Aufmerksamkeit und Menschlichkeit, die Sie uns zuteil werden lassen, uns alten und kranken Menschen, die so viel durchleben mussten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Krieg begann, war ich fünf Jahre alt. Meine Mutter fuhr im Sommer 1941 mit mir zu Verwandten aufs Land, und dann konnten wir von dort nicht mehr weg. Die Familie dort war groß, zehn Erwachsene und zwei Kinder. Zwei Söhne wurden an die Front eingezogen, zwei Töchter wurden nach Deutschland verschleppt und die dritte, minderjährige Tochter versteckte die Familie im Keller unter einem Heuhaufen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Mutter fand eine Arbeit auf einem Bauernhof und hoffte, so den Krieg überleben zu können, aber bald wurde auch sie abgeholt – angeblich sollte sie in die Bezirkshauptstadt gebracht werden. Bis heute sehe ich noch die Szene vor mir, wie sie sich von allen verabschiedete und zu mir nicht einmal hinsah, damit niemand merkte, dass ich ihr Kind war. Sie wurde auf dem Weg erschossen, als sie zu fliehen versuchte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von diesem Tag an musste ich mich auch im Keller unter dem Heuhaufen verstecken. In der Nacht holte mich die Familie ins Haus, wo ich essen bekam und mich aufwärmen konnte. Mehrmals wurde das Haus durchsucht, die Deutschen schossen und warfen Granaten; meine Tante wurde dabei am rechten Arm verletzt. Ich hatte eine Gehirnerschütterung, hörte auf zu sprechen und in der Nacht schrie ich immer fürchterlich, weil ich Albträume hatte. Da beschloss die Familie, ich sollte wie eine Kranke im Bett liegen, und sie sagten allen, ich hätte Typhus. Die Deutschen hatten vor dieser Krankheit große Angst und machten nun einen Bogen um unser Haus. Eines Tages aber stand plötzlich ein gutaussehender deutscher Offizier in unserer Tür. Alle erstarrten vor Schreck.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich lag auf einer Liege, die Locken und blauen Augen unverdeckt – ich hatte es nicht einmal mehr geschafft, mein Kopftuch anzuziehen. Der Offizier trat zu mir, hockte sich neben mich und sah mich aufmerksam und freundlich an; dann sagte er etwas auf Deutsch, aber wir verstanden, dass er zu Hause „zwei Kinder“ [*] zurückgelassen hatte, dass Hitler im Unrecht sei und die einfachen Soldaten gegen diesen Krieg seien. Danach setzte er sich an den Tisch, aß etwas ukrainischen Borschtsch und trank Uswar [**], dann verabschiedete er sich und ging. Er ist uns immer in bester Erinnerung geblieben. Ob er überlebt hat, weiß ich nicht, aber ich möchte seinen Kindern und Enkeln meinen Dank übermitteln, Dank dafür, dass ihr Vater in dieser furchtbaren Zeit gegen Gewalt und Antisemitismus war. Der Krieg hat mir meine Eltern genommen, das Haus und alles Hab und Gut. Ich habe auch nach dem Krieg weiter bei meinen Verwandten gelebt, in dieser guten, einträchtigen Familie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Durchlebte hatte seine Spuren bei mir hinterlassen: Rheuma, ein Herzfehler, nur 30% Sehkraft, ausgefallene Zähne etc. Trotzdem wollte ich unbedingt Ärztin werden. Ich bin 60 km zu Fuß marschiert, um an der Medizinischen Fachschule eine Ausbildung zu machen. Danach habe ich studiert, habe entbehrungsreiche Studienjahre durchlebt, aber ich habe es geschafft und bin Ärztin geworden. Ich habe vierzig Jahre lang mit Tuberkulose- und Diabeteskranken gearbeitet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute muss ich selbst behandelt werden, was ich dank Ihrer Unterstützung auch kann. Ich lebe für meine Kinder und Enkel und in der Hoffnung auf Frieden und eine bessere Zukunft für alle Menschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Dankbarkeit und mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tamara Kotenko&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[**] Ukrainisches süßes Getränk aus getrockneten Früchten&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-juli-2012.php</link>
<pubDate>30 Aug 2012 16:59:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Jurij Dmitrijewitsch Koletschiz</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belaja Zerkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit, sehr geehrte Herren vom Verein „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seit Kriegsende sind viele Jahrzehnte vergangen und heute wissen leider nicht mehr alle, welches Leid der Faschismus über Millionen von Menschen gebracht hat. Die Juden wurden umgebracht, nur weil sie als Juden geboren wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute ist Vieles in Vergessenheit geraten. Aber wir, die Überlebenden, können niemals vergessen, was damals passiert ist, und wir danken Ihnen, dass Sie sich in Ihrem Land dafür einsetzen, dass die Gräueltaten der Faschisten nicht vergessen werden. [….] Die Deutschen von heute müssen erfahren, was unsere Generation damals durchgemacht hat. Wir, die damals so grausam gelitten haben, sind Ihnen deshalb sehr dankbar, dass Sie sich der Aufklärungsarbeit verschrieben haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jurij Dmitrijewitsch Koletschiz&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;23.02.2012&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Während des Großen Vaterländischen Krieges konnte meine Familie – mein Vater, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich – nicht mehr evakuiert werden, da mein Vater bei der Feuerwehr war und bis zum letzten Tag gearbeitet hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Fahrzeuge der Feuerwache gerieten in einen Bombenangriff und mussten in die Stadt zurückkehren. Während der deutschen Besatzung wurde meine ganze Familie festgenommen und wir kamen hinter Stacheldraht. Meine Eltern wurden als Juden erschossen. Vor ihrem Tod konnten meine Eltern uns Kindern noch helfen, der Erschießung zu entgehen, sie halfen uns über den Zaun, so dass wir fliehen konnten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wie wir Kinder während der deutschen Besatzung – zweieinhalb Jahre – gelebt haben, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Wenn wir uns auf der Straße hätten blicken lassen, wären wir sofort von Polizai oder Gendarmen erschossen worden. Wir froren und hungerten, wären fast verhungert. In Belaja Zerkow gab es kein Ghetto, hier wurden alle sofort erschossen. Verschiedene Leute halfen uns Kindern, so gut sie konnten und so konnten wir überleben. Die Menschen, die uns geholfen haben, setzten damit ihr Leben aufs Spiel und wir sind ihnen ewig dankbar. Bei manchen kam es zu Hausdurchsuchungen, aber auch unter Schlägen haben sie uns nicht an die Deutschen verraten. So haben wir die Jahre der Besatzung von 1941–1944 überlebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg habe ich in der Armee gedient, die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung gemacht. Ich habe gearbeitet, bis ich 80 Jahre alt war, jetzt bin ich Rentner. Bis auf die Zeit in der Armee habe ich immer in Belaja Zerkow gelebt und lebe dort bis heute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Bruder Wladimir Dmitrijewitsch Koletschiz ist auch Rentner und lebt heute in Strutin im Bezirk Solotschew, Gebiet Lwow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ju. D. Kletschiz&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;23.02.2012&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vom ukrainischen Sicherheitsdienst haben wir ein Dokument bekommen (Nr. 24/1312 vom 12.10.1998), dass die Erschießung unserer Eltern als Personen jüdischer Nationalität belegt.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-3-august-2012.php</link>
<pubDate>30 Aug 2012 16:58:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Maja Isaakowna Granowskaja</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
	&lt;p&gt;Odessa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren der Stiftung „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Maja Isaakowna Granowskaja, Überlebende des Ghettos Tschitschelnik, möchte Ihnen hiermit ihren aufrichtigen Dank übermitteln.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Augen des Kindes haben die furchtbaren Bilder des Krieges für immer gespeichert. Mein Vater war in einer Partisananeinheit und wir Kinder kamen zusammen mit unserer Mutter ins Ghetto. Es fällt mir schwer, daran zurückzudenken. Ich habe schon vier Herzinfarkte hinter mir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lieber schreibe ich von etwas Schönem, und schön ist, dass es in Deutschland anständige Menschen gibt, die mitfühlen und mit uns den Schmerz teilen, den Verlust der Nächsten. Es ist wundervoll, dass wir in Deutschland Freunde haben, die Brücken der Versöhnung schlagen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Möge Gott Ihnen helfen und Ihnen Gesundheit und ein langes Leben schenken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;I. Granowskaja&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-juli-2012.php</link>
<pubDate>29 Aug 2012 17:38:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Isak N. Itkin</title>
<description>&lt;p&gt;Nowaja Uschiza&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Chmelnizkij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit! […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hiermit möchte ich Ihnen meinen herzlichen Dank aussprechen für Ihre Spende und für den Respekt, den Sie mir, dem Ghetto-Überlebenden, entgegenbringen. Es ist sehr gut zu wissen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die [….] die Schuld der deutschen Faschisten wiedergutzumachen versuchen und gegen Nationalismus und Antisemitismus ankämpfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Isak Itkin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Geschichte meiner Rettung in Kürze&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Krieg erreichte Nowaja Uschiza (einen kleinen Ort in Podolien) am 14. Juli 1941. Ich war fünfzehn Jahre alt, lebte zusammen mit meinen Eltern und meinen vier Schwestern. Einen Monat später wurde in Nowaja Uschiza bereits ein Ghetto für die Juden eingerichtet, in das meine Familie umziehen musste. Wir mussten Furchtbares durchmachen: Schikanen und Demütigungen, Schwerstarbeit (ich arbeitete am Bau der Straße nach Winniza und versorgte die Pferde). Am 20. August 1942 wurde die erste Kolonne in den Tod geschickt, man trieb die Menschen in den Trichow-Wald, wo vier Massengräber ausgehoben worden waren; dort wurden sie erschossen. Auch meine Familie und ich waren in dieser Kolonne. Als man uns an die Grube heranführte, gelang es mir, wegzulaufen. Bis zur Befreiung von Nowaja Uschiza von den Faschisten (am 26.03.1944) hielt ich mich bei Bekannten meiner Eltern versteckt, bei Jewdokija Andrejewna Wolkowskaja und Nina Dmitrijewna Klanzataja, die heute nicht mehr leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es fällt mir sehr schwer, an alles zurückzudenken, was ich damals durchgemacht habe. Ich war der einzige Überlebende der jüdischen Bevölkerung unseres Ortes. Deshalb ehre ich das Andenken an die Verstorbenen und gebe es an die junge Generation weiter (an die Enkel und Urenkel). Wir dürfen niemals zulassen, dass ihre Gräber vom „Gras des Vergessens“ überwuchert werden.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-august-2012.php</link>
<pubDate>29 Aug 2012 17:35:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>308. Freitagsbrief (309. Freitagsbrief vom August 2012, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni (leicht gekürzt)</title>
<description>&lt;p&gt;Sargis Suljan&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Armenien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] nehmen Sie bitte meinen herzlichsten Dank für Ihre lieben Spenden an, die ich von unserem Vereinsgremium [*] erhalten habe. Dank Ihres segensreichen Beistands … bin ich auch fähig geworden, in guter Ruhe an meine Vergangenheit zurück zu denken …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin im Jahr 1923 im Dorf Ajgedsor (Bezirk Schamschadin) geboren. Ich hatte gerade die Mittelschule absolviert und wollte mit meinem Hochschulstudium beginnen, als der Krieg ausbrach. Im August wurden in unserem Dorf einige Versammlungen von Jugendlichen abgehalten, wo ich ebenfalls Reden hielt. Unter anderem sagte ich einmal mit gewisser Begeisterung, dass „ich bereit bin, mein Blut für die Niederlage unseres Feindes zu geben …“. Der ganze Wortlaut dieser meiner Rede wurde in unserer regionalen Zeitung veröffentlicht. Ich hatte mich bei den Behörden schon vorher als Freiwilliger gemeldet, aber meine Einberufung erfolgte erst Ende September 1941 […] Unsere Truppe sollte das Auskundschaften erlernen, so dass man uns auch im Deutschen unterrichtete. Vor allem aber lehrte man uns das Fallschirmspringen. Am 13. Mai 1942 befahl man uns, unsere Fallschirme in Ordnung zu halten, weil wir an Kampfflügen teilnehmen sollten. […] Wir kamen […] an das westliche Ufer des Flusses Don und es wurde uns befohlen, nach Westen zu gehen. Es war Anfang Juli, als ein Kampfflugzeug über uns erschien und begann, uns zu beschießen. Einige von uns fielen, und es gab auch mehrere Verwundete. […] Unsere Waffen und Patronen waren viel zu wenig, und viele hatten gar keine Gewehre. […] Von Tag zu Tag wurde unsere Situation schlimmer. Es gab kein Essen und kein Wasser. Wir bekamen keinen Befehl zu kämpfen. Eines Tages sagte uns der Gehilfe des Kommandeurs unserer Mannschaft, dass wir belagert seien, unsere Leitung geflüchtet sei und jeder sich selbst retten solle. Wir teilten uns in kleine Gruppen auf. Wo sollten wir aber hingehen? Niemand kannte den Ort, wo wir uns befanden. Wir hatten auch keine Karte. Unsere Gruppe, die aus sieben Personen bestand, ging durch eine Schlucht, als wir Lärm von Panzern hörten. Wir versteckten uns im Gebüsch. Dann begannen die Deutschen aber das Gebüsch zu beschießen und ließen Hunde los. Wir mussten uns ergeben. In diesem Moment erinnerte ich mich an meine Rede, die in der Zeitung veröffentlicht worden war. Was hätte ich aber nun machen können …? Wir wurden zu seinem Sammelpunkt gebracht, wo wir durchsucht und kurz verhört wurden. Man suchte nach Juden und Kommunisten. Wir blieben in der Nacht dort. Am Morgen wurden alle Verwundeten, die nicht gehen konnten, abgesondert und entfernt. Es war uns klar, dass sie in den Tode geschickt wurden. Die anderen wurden wie Schafe in eine bestimmte Richtung getrieben. Endlich kamen wir in das Konzentrationslager zu Millerowo [Dulag 162?], wo es, wie man uns sagte, über 20.000 Kriegsgefangene gab. […] Das Konzentrationslager von Millerowo war eine wahre Hölle. Es befand sich in einer Schlucht, durch die ein kleiner Bach floss und bestand aus zwei „Lagerplätzen“, zwischen denen die „Küche“ lag. Diese bestand aus einer riesigen Zisterne, worin durch eine Röhre das „Wasser“ des Bachs hinein floss. Man machte Feuer unter der Zisterne. Darein wurden auch schmutzige, zum Teil verbrannte Gersten- oder Weizenkörner gefüllt, und am anderen Ende kam aus einer Röhre das „gekochte Essen“. Das „Essen“ der ersten Empfänger war einigermaßen gekocht und deshalb waren alle darum bemüht, es möglichst früh zu bekommen. Es entstanden deswegen immer Drängeleien und Schlägereien. Viele Gefangene hatten keine Behälter, um die Balanda zu erhalten, und wenn es nicht möglich war, den Behälter eines Kameraden (nachdem er seine Balanda gegessen hatte) zu leihen, mussten sie es in ihren Stiefeln oder Mützen bekommen. Täglich gab man uns 150-160 g Brot bzw. fünf Personen ein Brot, das 800 g wog. Wir waren verlaust. Es verbreiteten sich Krankheiten. An Unterernährung und Krankheiten starben täglich viele Gefangene, deren Leichen auf Fuhrwerken gesammelt wurden. Wenn der betreffende deutsche Leiter dieser Aktion ein Gewissen hatte, ließ er die Schwerkranken, die sich nicht bewegen konnten, liegen, bis sie starben. Es gab aber auch solche, die sie schlugen oder einfach über die Leichen werfen ließen. Die vielen Menschen mussten ihre Bedürfnisse direkt im Lager verrichten, wo es noch nicht einmal Platz zum Liegen gab. Im Bach floss mehr Urin als Wasser. Nach drei Monaten beschloss ich, mit drei Freunden zu flüchten. Als man uns aus dem Lagerplatz heraus kommen ließ, damit wir Balanda erhielten, nahmen wir sie nicht und stellten uns zu den Arbeitern der Küche, die die Wasserröhren in Ordnung bringen sollten. Wir konnten uns dann unauffällig entfernen und versteckten uns im Gebüsch. Die ganze Nacht gingen wir weiter, und beim Sonnenaufgang erreichten wir ein Dorf. Wir kamen in ein Haus und baten darum, uns bis zum Abend zu verstecken. Die Hausfrau war sehr erschrocken und meinte, wenn die Deutschen uns fänden, würden sie ihr Haus abbrennen und ihre Kinder töten. Sie gab jedem ein Glas warme Milch und eine Kartoffel und bat uns eindringlich, sofort loszugehen. […] Wir verließen das Dorf und wollten weitergehen, als wir wieder gefangen wurden. Die Deutschen brachten uns zu einem Wachposten, und nachdem sie mich geschlagen hatten und damit begannen, einen meiner Freunde zu schlagen, holte ich eine Kartoffel aus der Tasche und begann sie schnell zu essen. Das brachte die Deutschen, die mich offenbar für verrückt hielten, zum Lachen. Ein Offizier rief mich zu sich und fragte mich über einen Dolmetscher: „Woran denkst du jetzt?“. Ich antwortete in voller Ruhe: „Ich weiß, dass ihr uns erschießen werdet, weil wir aus dem Lager geflüchtet sind. Wir sind aber für diese Kartoffeln geflüchtet, und ich will sie wenigstens jetzt vor meinem Tode essen“. Der Offizier befahl den anderen, von uns eine schriftliche Zusage darüber zu nehmen, dass wir nicht mehr flüchten werden. Es wurde durch unsere Fingerabdrücke „gestempelt“. Dann gaben sie jedem von uns ein Brot und ein Stück Wurst und brachten uns wieder ins Lager. Das Lager von Millerowo, wo wir etwa anderthalb Monate blieben, kostete Tausende Kriegsgefangene das Leben. Es machte uns mit dem Unvorstellbaren bekannt. Eines Tages wurde uns durch einen Lautsprecher berichtet, dass acht Personen, bei denen Menschenfleisch entdeckt worden sei, erschossen werden sollten. Die Hinrichtung wurde vor unseren Augen vollzogen, was für uns schon eine normale Erscheinung geworden war.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Deutschen bildeten oft verschiedene Gruppen aus den Kriegsgefangenen, die dann irgendwohin anders geschickt wurden. Bald kam ich auch in eine Gruppe, die aus 350-400 Personen bestand. Wir machten uns in Begleitung von bewaffneten Wächtern, die mit Motorrädern mitkamen, auf den Weg. Uns plagten Hunger und Durst. Wenn wir zu einem Bach kamen, entstand eine so starke Drängelei beim Trinken, dass nur trübes Wasser getrunken wurde. Unser Marsch dauerte etwa drei Tage. Einmal sahen wir unterwegs ein gefallenes Pferd. Alle fielen darüber her, so dass ich mir nur etwas am Schwanz ausreißen konnte. Ich aß das wenige Fleisch und warf den Schwanz weg. Die Hauptquelle unserer Ernährung waren die Weizen-, Gersten- und Rübenfelder, durch die wir gingen. Viele von uns bekamen deswegen schweren Durchfall. Endlich erreichten wir den Bahnhof von Lugansk. Man gab uns dort etwas Essen und pferchte uns dann in Güterwagen, in jeden über 60 Menschen, so dass niemand imstande war, sich einigermaßen zu bewegen. Die Türen öffneten sich drei Tage lang nicht, während viele von uns der Durchfall plagte. Sie mussten ihr Bedürfnis in ihre Mützen oder Stiefel oder auch in Kleidungsstücken verrichten, um diese dann durch das Fenster wieder zu entleeren. Die Fenster waren aber zu hoch und hatten zudem ein Sicherheitsnetz, so dass dies eine schwere Aufgabe war. Oft fielen die Exkremente auf die Köpfe jener, die sie hinauswerfen wollten oder auch auf andere, die neben ihnen standen, und es entwickelten sich daraus Drängeleien und Schlägereien. Ich selbst war in Gedanken zu Hause, erinnerte mich an meine öffentlichen Reden und dachte, dass man seine Kräfte und Möglichkeiten nicht überschätzen darf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am vierten Tag öffneten sich endlich die Türen der Waggons und es wurde uns bekannt, dass wir zum Bahnhof von Ljublin gekommen sind. Die Waggoninsassen stiegen nicht aus, sondern sie fielen einfach auf den Boden. Die Deutschen fotografierten meine armenischen Kameraden Grigor und Serob … Sie waren beide körperlich sehr klein, äußerst schlank, sahen wegen des vielen Schmutzes ganz schwarz aus und waren dabei so schwach, dass sie ihre Köpfe auf dem Hals kaum gerade halten konnten. Offenbar wollten die deutschen Militärkorrespondenten ihre Fotos für Propagandazwecke in Deutschland veröffentlichen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Lublin [Stalag 366] war unsere Situation leichter. Man ließ uns baden, und wir konnten uns der unsere Körper bevölkernden Tierwelt entledigen. Unsere Haare wurden abgeschnitten. Wir wurden in einem dreistöckigen Gebäude in Lublin untergebracht, in dessen Räumen dreistöckige „Betten“ gestellt worden waren. In unserem Raum gab es etwa 40 Personen. In Ljublin schmeckte auch die Balanda etwas besser. Offenbar hat man auch Salz hineingetan. Täglich bekamen wir einen Liter Balanda und 150 g Brot und wer arbeitete, doppelt. Eines Tages ging einer unserer Kameraden, der bereits seine Balanda bekommen und sie bei einem Freund gelassen hatte, zum zweiten Mal zum Küchenarbeiter, um noch einmal eine Portion in die Mütze zu bekommen. Dieser füllte es in die Mütze, aber ein Deut­scher, der ihn erkannte, nahm die volle Mütze und drehte sie so, dass die ganze Balanda auf seinen Kopf herunter floss. Es erhob sich ein lautes Gelächter. Der junge Mann brachte dann seine nassen Finger und Ärmel in den Mund, was das Gelächter noch verstärkte. Unsere Verhältnisse hatten uns schon gelehrt, die Beleidigungen und das Auslachen ruhig hinzunehmen. […] Was uns dort besonders plagte, war das un­erträgliches Wasser, woran viele erkrankten. Bald brach auch Flecktyphus aus.[…] Auch ich erkrankte daran, und mich wie die anderen brachte man in einen Kellerraum, wo wir von zu Sanitätern geworden Kriegsgefangenen behandelt wurden. Ich hatte mich schon mit dem Tod versöhnt. Aber ich konnte die Krankheit endlich überwinden, und zwar durch die selbstlose Pflege meines engen Freunds Ruben, der mir stets heißes Wasser brachte. Meine Genesung erfolgte erst nach 40 Tagen, nach denen ich endlich den Kellerraum verließ. Noch lange konnte ich mich nicht aufrecht halten. Ich hatte nun sehr guten Appetit und wollte stets essen. Hauptsächlich lag ich auf meinem „Bett“ und ging im Gedanken nach Hause zurück, wo meine Mutter nach dem Backen des Brots mit den übrig gebliebenen Kornresten unsere Hühner und Tiere fütterte. Ich dachte dabei, was das für eine Verschwendung sei. Endlich war ich einigermaßen wiederhergestellt und wollte arbeiten. Die Zahl der Arbeitswilligen war viel zu hoch, und die Deutschen selbst wählten dafür so viele Personen aus, wie ihnen nötig war. Eines Tages, als ich mich wieder vergeblich zur Arbeit melden wollte, verstand der Deutsche, der an diesem Tag die Auswahl treffen sollte, meine Situation. Er sonderte mich aus der Reihe aus, ließ mich in einer Ecke sitzen und gab mir eine Tasse voll Essensresten. Ich aß schnell alles auf. Mein Magen war voll, aber ich selbst hatte wie­der so viel Hunger wie vorher. Am folgenden Tag meldete ich mich wieder, und man gab mir einen Spaten. Das war im November 1942. Dann begann ich zu arbeiten und bekam fast die doppelte Nahrungsration, was zu meiner Wiederherstellung wesentlich beitrug. Ich blieb im Lager von Lublin bis zum März 1943, wonach man mich mit anderen Kriegsgefangenen nach Demblin [Stalag 307] in Polen schickte. Im Mai 1943 wurde ich nach Stuttgart in Deutschland geschickt, und nach weiteren zwei Wochen brachte man mich mit mehreren Kameraden nach Norwegen, wo ich hauptsächlich im Lager bei Tinfoss war. Da ich schon ziemlich eingehend über meine Geschichte in den ersten Lagern schrieb, will ich auf meine weiteren Erlebnisse nicht weiter eingehen, zumal sie zu denen in den früheren Lagern nichts Besonderes hinzuzufügen vermögen.Erst im Juli 1945, nachdem ich von den Engländern befreit und den sowjetischen Behörden übergeben worden war, konnte ich wieder nach Armenien zurückkehren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lieber Herr Radczuweit, entschuldigen Sie mich bitte, wenn mein Bericht etwas zu lang wurde. Ich wollte kürzer schreiben, aber es ging leider nicht. Ich sende Ihnen meine besten Wünsche aus Armenien und verbleibe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;mit herzlichen Grüßen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr Sargis Suljan.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tausch, 02. August 2012&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_307.php</link>
<pubDate>24 Aug 2012 14:56:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>308. Freitagsbrief (vom September 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Pawel S. Sorokin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Komsomolskoje&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Republik Tschuwaschien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, […]!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief bekommen, danke. Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Anteilnahme am Schicksal der ehemaligen Kriegsgefangenen Nazi-Deutschlands. Ihnen und den deutschen Bürgern Vielen Dank, dass Sie versuchen, die Häftlinge der Nazi-Konzentrationslager finanziell zu unterstützen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für mich ist das Geld nicht so wichtig als vielmehr Ihr Interesse an uns, die in der Gefangenschaft gelitten haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Gefangenschaft waren wir keine Menschen, sie behandelten uns schlechter als Vieh. An Unterernährung, Kälte und den unbeschreiblich schlechten Lebensbedingungen starben viele von uns, schafften es nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurz zu mir. Ich bin im Juni 1942 in Sewastopol in Gefangenschaft geraten, da ich während eines Bombenangriffs verwundet worden war. Nach ein paar Tagen brachten sie uns in ein Lager für Kriegsgefangene in Bachtschissaraj ein Lager unter freiem Himmel, umzäunt von Stacheldraht. Nach anderthalb Monaten überführten sie uns nach Simferopol [Dulag 241], dort war das Lager in einem ehemaligen, kaputten Getreidespeicher. Zu Essen bekamen wir Rübenbrot (wie Teig), einen Laib für acht Personen. Warmes Essen gab es keines. Später, nach etwa zwei Monaten, wurden wir nach Kriwoj Rog [Stalag 338] überführt. Das Lager befand sich in der Garage eines Autowerks. Die Verpflegung war die gleiche, kein warmes Essen. Dieses Lager war ein Arbeitslager. Aber ich war so abgemagert, dass ich nicht arbeiten konnte. Im Dezember 1942 kamen wir ins Lager Nr. 11 B [Fallingbostel] in Deutschland. Vorher hatten wir uns ein halbes Jahr lang nicht gewaschen und waren völlig verlaust. Nun brachten sie uns zum Waschen. Dort bekamen wir auch warmes Essen Balanda aus Rüben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach vierzig Tagen Quarantäne brachten sie uns in ein Arbeitslager in Münster (bei den Ortsnamen bin ich mir nicht sicher). In diesem Lager waren Russen und Polen, der Lagerleiter war ein Pan [poln. Herr] Schikolskij. Ich war sehr geschwächt und konnte nicht arbeiten. Mir und einem weiteren Kameraden warfen sie Arbeitsverweigerung vor und Auflehnen gegen deutsche Ordnung und deutsches Gesetz. Wir bekamen 21 Tage strenge Einzelhaft und wurden dann in ein Straflager gebracht. In der Haft bekamen wir am Tag 300 g Rübenbrot und ein Glas Wasser. Nach sechs Monaten im Straflager kam ich wieder zurück ins Lager Nr. 11 B. Nach vierzig Tagen Quarantäne brachten sie mich in ein Arbeitslager in Grossmund, es befand sich in einem ehemaligen Schweinestall.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von dort wurden wir an verschiedene Orte gebracht. Ich kam zu einem reichen Deutschen, für den ich arbeiten musste. Aber ich war nicht in der Lage zu arbeiten. Da gab mir der Deutsche mehr Essen. Langsam kam ich wieder zu Kräften.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im April 1945 wurden wir von englischen Truppen befreit. Dann wurde, je nach Wunsch und Entscheidung, ein Teil der Kriegsgefangenen an das 31. Regiment der Roten Armee übergeben. Ich kam nach der Überprüfung zu einer selbstständigen Bewachungs-Kompanie. 1947 kehrte ich aus Deutschland zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe bis zur Rente als Installateur fürs Fernmeldeamt gearbeitet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P. S. Sorokin&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_308.php</link>
<pubDate>17 Aug 2012 11:26:00 GMT</pubDate>
</item>

		
<item>
<title>307. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;W. G. Nosarew&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Charkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Vereinsmitglieder,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen, dass Sie diese schweren Tage der Jahre 1941-45 nicht vergessen haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich diente damals im Baltikum in Liepaja [Libau] auf einem U-Boot S-1 als Funker. Als der Krieg begann, wurde unser Boot in Liepaja in Lettland repariert und konnte nicht von Anker gehen. Aber wir verließen den Hafen auf einem anderen Boot S-3 (unser Boot versenkten wir vorher), das fahren, aber nicht tauchen konnte. Wir hielten uns auf dem Oberdeck auf wie Fahrgäste. Aber noch bevor wir Windau [Ventspils] erreichten, wurden wir von zwei Jagdflugzeugen entdeckt und es begann ein Gefecht, das vierzig Minuten andauerte. Später schrieben sie in der Zeitung, unser Gefecht sei damals das längste in der Geschichte gewesen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Irgendwann ging uns die Munition aus und ein deutsches Motorboot näherte sich unserem Boot. Alle, die sich am Oberdeck befanden, sprangen ins Wasser und schwammen zum Ufer. Aber die Deutschen fingen uns ein und luden uns auf ihr Boot. Die deutschen Marinesoldaten gaben uns heißen Kaffee. So bin ich in Gefangenschaft geraten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir waren zusammen dreizehn Gefangene. Aus Pillau brachten sie uns in ein internationales Lager in der Nähe von Kiel (irgendwo dort) [Stalag XB Sandbostel?]. Dort blieben wir etwa eine Woche (sie suchten ein russisches Lager). Bevor wir in ein russisches Lager gebracht wurden, kamen der Kommandant und sein Gehilfe in unsere Baracke. Er sagte uns, das wir in ein russisches Lager gebracht würden, dass uns ein schwerer Weg bevorstünde und viele aus Deutschland nicht zurückkehren würden. […] Er sagte, dass er eine Tasche mit unseren Papieren und Orden habe (Orden aus dem Krieg gegen Finnland). Nach dem Krieg sollten wir sie suchen und sie würden uns alles zurückgeben. Danach schenkten sie jedem von uns ein Päckchen vom Roten Kreuz und dazu eine Gitarre, damit wir uns besser die Zeit vertreiben konnten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Tor öffnete sich, die Wachen brüllten und schimpften und drohten uns mit ihren Schlagstöcken und so trieben sie uns ins russische Lager in Wietzendorf [Stalag XD (310]], wo es einige Tausend Gefangene gab. In Wietzendorf wurden wir von unseren Kameraden in Empfang genommen, auch Leute aus meiner Heimatstadt waren darunter, die mich zu sich in ihr „Haus“ einluden. Haus – das hieß dort Baumstämme ohne Äste und unter dem Baum war ein Loch ausgegraben. Das war am Abend. Wir unterhielten uns ein wenig und schliefen ein. Am nächsten Morgen war mein Geschenk vom Roten Kreuz weg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu Beginn des Winters bauten wir Baracken aus Schlackensteinen ohne Zement, mit vielen Ritzen, so dass es in der Baracke immer zog (es wurde nicht geheizt). Im Lager brach eine Typhusepidemie aus, ich erkrankte und wurde bewusstlos ins Lazarett gebracht, wo ich zehn Tage lang bewusstlos, ohne Wasser oder Essen, lag. Als ich wieder zu mir kam, konnte ich nicht aufstehen. Aber nach ein paar Tagen trank ich literweise Salzwasser. Ein paar Tage später konnte ich aufstehen und rausgehen. Ich war fast ganz entkräftet, und um irgendwie zu Kräften zu kommen, trug ich die Leichen zu der Stelle, wo sie wie Holz gestapelt wurden. Einen Monat später kamen Käufer in unser Lager und nahmen 300 Gefangene mit und brachten uns als Arbeitskräfte nach Neumünster, dort wurden Tragflächen von Flugzeugen hergestellt und vernietet. Ich arbeitete dort etwa einen Monat. Ich beschloss, dass ich etwas tun musste, um nicht mehr Tragflächen zu vernieten. Ich streute mir Aluminiumstaub in die Augen. Meine Augen begannen stark zu tränen und entzündeten sich. Man brachte mich ins Krankenhaus, aber es gab dort keinen Augenarzt – er war an der Front. Das ist eine lange Geschichte – kurz gesagt, es gab einen Arzt, der mich aber nicht behandeln wollte. Ein deutscher Soldat hatte mich begleitet. Als ich auf Deutsch erklärte, dass ich Marinesoldat war, da unterhielt er sich mit mir zwei Stunden lang über Politik, über den Krieg etc., und erklärte mir, dass er mir nicht empfehlen würde, in der Produktion zu arbeiten, ich solle besser draußen an der frischen Luft arbeiten. Von da an ließ der Lagerkommandant mich im Lager, wo ich als Klempner und Elektriker arbeitete. So hatte ich einen Weg gefunden, wie ich keine Flugzeuge mehr vernieten musste.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt bin ich Rentner, ich bin 92 Jahre alt, fühle mich gut. Ich habe drei Enkel und drei Urenkel, Frau und Tochter, mein Sohn ist gestorben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für Ihre Anteilnahme und für Ihren Brief danke ich Ihnen, das Geld habe ich nicht bekommen.[*]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe meine ärztlichen Rezepte für mein Hörgerät und ein Blutdruckmessgerät wie vorgeschrieben nach Kiew geschickt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bitte entschuldigen Sie, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen. Ich möchte Sie bitten, wenn das möglich ist, den Kommandanten des Lagers für Kriegsgefangene zu finden, von dem ich geschrieben habe. Es war ein großes internationales Lager, das irgendwo in Norddeutschland war, Kiel oder Hamburg. Das Lager war sehr groß.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Kameraden vom U-Boot und ich, wir versammeln uns hier im Historischen Museum, würden gerne wissen, ob wir diese Tasche mit den Papieren bekommen können, das wäre sehr hilfreich für uns.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Verein der U-Boot-Matrosen in Charkow, ul. Uborewitscha 14A, Historisches Museum.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Eine Spende von 300 Euro erhielt Herr Nosarew kurz danach.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_307.php</link>
<pubDate>10 Aug 2012 10:19:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>306. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Iwan Iwanowitsch Kondratjew&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Motschkowaschi&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Republik Tschuwaschien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag! Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief, der für mich eine angenehme Überraschung war. Ich möchte Ihnen einige meiner Erlebnisse während des Krieges schildern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde im November 1940 in die Sowjetische Armee einberufen. Mein Leben in der Armee begann in Swerdlowsk. Anfang Juni 1941 wurden wir nach Witebsk verlegt, und ein paar Tage später erfuhren wir vom Ausbruch des Krieges. Unsere Einheit wurde zur Verteidigung der Stadt Smolensk beordert, wo wir Verteidigungsanlagen bauten – Bunker und Schützengräben. Vor der Stadt begannen furchtbare Schlachten. Die Deutschen griffen mit solcher Wucht an, attackierten mit Panzern, bombardierten uns ununterbrochen aus der Luft. Unsere Einheit wurde eingeschlossen und zerschlagen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei einem Bombenangriff hatte ein Splitter meinen Helm durchschlagen, ich wurde am Kopfverwundet und verlor das Bewusstsein. Dank der Hilfe meines Kameraden Tschernjaew blieb ich am Leben. Er hob mich, den Bewusstlosen, hoch und stellte mich auf die Beine, denn die Deutschen schossen auf alle am Boden liegenden und verwundeten Soldaten. Alle, die auf den Beinen stehen und gehen konnten, trieben sie zusammen, durchsuchten sie und nahmen ihnen alle Sachen ab. Dann trieben sie uns Richtung Witebsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach einem Monat des Hungers trieben sie uns geschwächte Gefangene nach Minsk. Von dort brachten sie uns mit dem Zug nach Litauen. So landete ich in Olitas [Stalag 343 Alytus] – der Todesstadt! Zum Essen bekamen wir Balanda, und die meisten Gefangenen starben den Hungertod. Die kräftigeren unter den Gefangenen schnitten Fleisch von den Toten, brieten es über dem Feuer oder tauschten es im Lager gegen Wertsachen. Aber ich hatte nichts zum Tauschen … Jeden Tag starben hunderte Gefangene, und die litauischen Bauern schafften mehr als 30 000 namenlose Gefangene auf ihren Bauernschlitten aus dem Lager, vergruben sie in einem Massengrab, nachdem sie Kalk über die Leichen geschüttet hatten. So vernichteten die Nazis auf unmenschliche Weise tausende Menschenleben, und ihre Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Brüder, Väter, Großväter und Männer begraben sind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zusammen mit sechs meiner Kameraden vom zweiten Stock floh ich aus dem Lager, denn die Gefangenen wurden nicht gezählt und nicht verfolgt. In der Nacht marschierten wir gen Osten zu unseren Truppen, tagsüber versteckten wir uns in Schuppen, in denen ungeschälte Erbsen gelagert wurden. Nach ein paar Tagen griffen uns litauische Polizaj auf und lieferten uns an die Deutschen aus – so landeten wir das zweite Mal in der Gefangenschaft, in Wilnius. Im Mai 1943 brachten sie uns nach Deutschland. Wir kamen in ein riesiges Lager, Stalag IVB [Mühlberg/Elbe], und ich bekam die Lagernummer 155743. Es gab mehrere Lagersektionen – für Franzosen, Serben, Schwarze, Engländer und andere Nationalitäten. Sie bekamen Lebensmittel vom Roten Kreuz. Für uns dagegen, für die sowjetischen Gefangenen, gab es keinerlei Hilfe!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Deutschen suchten 100 Gefangene zusammen und brachten uns nach Plauen. Dort wurden wir in einem Gebäude der Fabrik Dietrich untergebracht. Morgens beim Appell begutachtete ein Unteroffizier die Gruppe von Gefangenen. Ich und ein weiterer Gefangener sollten vortreten. Wir blieben im Lager, waren von der schweren Arbeit befreit. Ich war und bin diesem Unteroffizier sehr dankbar dafür, dass er mich vor dem Tode bewahrt hat. Da wusste ich, dass es auch unter Deutschen verständnisvolle Menschen gab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im März 1944 [sic!] wurden wir von amerikanischen Truppen befreit. Sie brachten uns zu den sowjetischen Truppen, und danach kam ich zum 335. Schützenregiment, das bei der Befreiung der Tschechoslowakei kämpfte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im November 1945 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und kehrte in die Heimat zurück. Zu Hause empfingen mich meine Mutter, meine Schwestern, meine Frau und mein Sohn. Mein Vater war bereits zu Beginn des Krieges umgekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe bis zur Rente als Lehrer in der Dorfschule gearbeitet. Ich habe ein zweites Mal studiert, habe ein Fernstudium an der Staatlichen Universität Kasan absolviert. Mit meiner Frau bin ich schon 72 Jahre verheiratet. Wir haben sechs Kinder großgezogen. Jetzt haben wir dreizehn Enkel und sieben Urenkel.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_306.php</link>
<pubDate>03 Aug 2012 08:39:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Heidelberger Ausstellung beendet</title>
<description>&lt;p&gt;(Juli 2012) Am 23. Juli wurde die Ausstellung „Russenlager und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener“ nach Berlin zurück gebracht, wo sie am 25. Oktober 2012 in der FU-Berlin eröffnet wird. Fotos von der Eröffnungsveranstaltung am 26. April im Heidelberger Friedrich-Ebert-Haus:&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/verein/aktuelles.php</link>
<pubDate>27 Jul 2012 14:58:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>305. Freitagsbrief (vom Mai 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;N. K. Kordjuk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poltaw.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] Wie Sie sehen, schreibe ich Ihnen eine Antwort, also bin ich noch am Leben, obwohl ich am 18.6.2007 schon 86 Jahre alt werde. Ich denke nicht gerne an die schweren Tage und Jahre der Kriegszeit zurück, vor allem nicht an die Zeit in der Gefangenschaft und insbesondere an die ersten Monate im Konzentrationslager in Wlodzimierz Wolynski [Stalag 365], wo jeden Tag 10–15 völlig unschuldige Menschen gestorben sind. Wie Sie sehen, habe ich überlebt, entweder wollte es das Schicksal so oder mein Organismus war stärker als andere. Aber mit 21 Jahren wog ich nur noch 42 kg. Wie schwer es ist, an all das zurückzudenken. Vielleicht hat mein Organismus auch deshalb alle Schwierigkeiten überstanden, weil es heißt: Wenn ein Mensch mal gehungert hat, dann isst er weniger. Und ich musste nicht nur einmal im Leben Hunger leiden. 1933 hatten wir Hungersnot, ich war schon halbtot, dann mehr als drei Jahre Gefangenschaft etc. 1929 begann bei uns auch noch die Kollektivierung. Und sie haben uns alles weggenommen. Die letzten Gramm Getreide. Mein Bruder und meine Schwester wurden aus der Berufsschule ausgeschlossen, wo sie eine Ausbildung machten (weil sie Kinder von Kulaken waren). Obwohl wir nur 3 Hektar Land hatten für eine neunköpfige Familie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg, als ich aus der Gefangenschaft befreit worden war, begann ein neuer Angriff auf mich: Der Sohn eines Kulaken hat sich freiwillig in Gefangenschaft begeben. Dabei waren die Umstände der Gefangennahme folgende: Wir waren im Kessel von Kiew. Natürlich muss man sagen, dass von meiner Waffe niemand auf der Feindesseite gestorben ist, aber ich bin froh darüber.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als Stalin gestorben war, wurde das Leben leichter und wir bekamen eine Rente als Invaliden des Großen Vaterländischen Krieges; ich merkte, dass ich jetzt ein Mensch war, also muss ich leben, obwohl es nicht leicht war mit der angeschlagenen Gesundheit. Dann habe ich eine Familie gegründet: Frau und zwei Töchter, jetzt habe ich auch Enkel und sogar eine Urenkelin, die schon 13 Jahre alt ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber der heutige Staat hat mich auch ungerecht behandelt, und zwar Folgendes: Vor 17 Jahren kam ich auf eine Warteliste, denn ich sollte als Invalide des Vaterländischen Krieges ein Auto bekommen. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich aber keinen Führerschein, deshalb musste ich einen Fahrer vorweisen. Ich habe einen gefunden. Aber als die Reihe nach 15 Jahren an mich kam, das war vor drei Jahren, hat sich das Gesetz geändert, jetzt muss der Fahrer in meiner Wohnung angemeldet sein. In meiner Wohnung gibt es keinen, der Auto fahren kann, deshalb habe ich auch kein Auto bekommen. Ich habe ihnen gesagt, verkaufen Sie jemandem mein Auto zum halben Preis und geben Sie mir wenigsten 25 % des Geldes für Medikamente. Ein Auto brauche ich jetzt mit 85 Jahren auch nicht mehr. Ich werde auch ohne Auto mein Leben zu Ende bringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gut, dass sie wenigstens eine Rente zahlen, zu Essen habe ich, obwohl ein alter kranker Mann ja nicht viel braucht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Familie und ich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;18.5.2007.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kordjuk&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_305.php</link>
<pubDate>27 Jul 2012 14:58:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>„Vergessene“ NS-Opfer erhalten Leistungen des Hardship Fund</title>
<description>&lt;p&gt;(Juli 2012) Zu unserem Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer zählten bisher jüdische Überlebende der deutschen Besatzungsmacht in der Ukraine, die im Versteck gerettet wurden. Sie galten der Bundesregierung bisher als „nicht leistungsberechtigt“. Die Jewish Claims Conference informiert, dass ab 1. November 2012 erstmals Entschädigungen an 80 000 Holocaustüberlebende auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ausgezahlt werden können, pro Person 2556 €. (Info: www.claims-conference.de/index.php?id=33) Dazu gehören auch jene Überlebende, die von uns als „vergessene NS-Opfer“ mit Spenden begünstigt wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Damit erhalten sie ab November keine finanziellen Leistungen mehr vom Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer. Eine Ausnahme bilden Spenden unter dem Kennwort „Ghettoüberlebende“ auf Initiative unseres Projektpartners Prof. Dr. Matthias Kroeger: Diese Zuwendungen werden unabhängig von anderen erhaltenen Leistungen jenen jüdischen Überlebenden in der Ukraine gewährt, die in besonderer Notlage sind. Auch Beihilfen für medizinische Leistungen zählen dazu.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(Eberhard Radczuweit)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/verein/aktuelles.php</link>
<pubDate>26 Jul 2012 15:54:00 GMT</pubDate>
</item>




<item>
<title>304. Freitagsbrief (vom April 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;[…] Ich habe auch Ihre finanzielle Unterstützung in Höhe von 300 Euro erhalten, wofür ich Ihnen sehr danke. Nun habe ich beschlossen, Ihnen zu antworten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Kürze: Im Mai 1942 geriet ich bei Charkow in Gefangenschaft. Dann wurde ich über Polen (Konzentrationslager) nach Deutschland deportiert, nach Ennepetal/Altenförde (bei Hagen), wo ich von Juni 1942 bis Mai 1945 als Kriegsgefangener unter Bewachung in einem Stahl- und Walzwerk der Firma Hoesch arbeitete.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Erinnerungen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Konzentrationslager in Polen war ich von Anfang Juni bis Ende August 1942. Im Lager wurden unsere Fingerabdrücke genommen und sie hängten uns eine Metalltafel mit unserer Nummer um den Hals. Wir wohnten in Sommerbaracken. Jede Baracke war von den anderen durch Stacheldraht abgetrennt. Es gab auch Winterbaracken aus Ziegelstein. Zu essen gaben sie uns Ölkuchen, ein kleines Stück für vier Personen, und brachten uns Balanda in Holzfässern. Jeder von uns hatte sein eigenes Geschirr: einen roten Emaille-Topf mit einem Henkel. In unserer Baracke lebten etwa hundert Menschen. 60–70 von ihnen arbeiteten in der Landwirtschaft. Es gab auch Verwundete und Kranke, die Toten wurden weggetragen, neue Gefangene kamen in unserer Baracke nicht nach. Ende August 1942 suchten sie aus unserer Baracke ein paar Leute heraus und brachten sie nach Deutschland. So kam ich ins Arbeitslager in Ennepetal. Von der Wohnbaracke bis zur Fabrik mussten wir etwa einen Kilometer unter Bewachung laufen. In der Kantine arbeiteten zwei deutsche Frauen, eine junge und eine ältere, und ein älterer Russe half ihnen. Wir arbeiteten in zwei Schichten jeweils acht Stunden. Die Arbeiter transportierten die Metallbarren vom Platz der Fabrik zum Ofen. Der Ofen war etwa 30 Meter lang. Ich habe von August 1942 bis 1945 immer die gleiche Arbeit gemacht: ich musste die heißen Metallteile mit einem langen Haken aus dem Ofen holen, gleichzeitig schaltete ich die Automatik ein und gab von der anderen Seite kalte Barren in den Ofen. Da es eine unaufhörliche, schwere Arbeit war, arbeiteten wir dort zu Dritt. Jeder arbeitete 30 Barren lang, dann konnte er 60 Barren lang ausruhen. Die Temperatur im Ofen wurde vom deutschen Meister kontrolliert. Danach gingen die heißen Barren durch die Walze. An den Walzen arbeiteten ältere Deutsche. Nach der Walze waren aus den Barren lange Streifen geworden, dann wurden sie zu Ringen zusammengedreht, in Waggons verladen und weggebracht. In der Fabrik arbeiteten auch zwei meiner Landsleute, sie sind jetzt nicht mehr am Leben. Nach der Befreiung durch die Amerikaner war ich in Lüdenscheid, dann wurden wir den Russen übergeben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das ist meine Geschichte. Nach dem Krieg habe ich meinen restlichen Dienst abgeleistet und bin 1947 nach Hause gekommen. Zu Hause erwartete mich meine Mutter, meinen Vater hatten die Deutschen 1943 zusammen mit vielen älteren Männern im Dorf erschossen. Gleich nach meiner Heimkehr bekam ich eine Arbeit in unserer Kolchose. Erst arbeitete ich an der Sämaschine am Traktor, dann machte ich den Führerschein und habe lange Zeit als Fahrer gearbeitet. Als Mechaniker im Fuhrpark der Kolchose beendete ich meine Laufbahn. Bald werde ich 86 Jahre alt, ich bin in Rente und bin Vorsitzender des Veteranenrates beim Gemeinderat von Krasnyj Krym, Bezirk Mjasnikowskij, Gebiet Rostow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach einem mehrjährigen Briefwechsel von 2001 bis 2003 ist Frau Ingrid Windmöller (Stadtarchivarin) von der Gemeinde Ennepetal im Besitz von genauen Informationen über meine Zeit in der Gefangenschaft […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Chatschechpar Chblikjan&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_304.php</link>
<pubDate>20 Jul 2012 10:54:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Dmitrj Izkowitsch Bobekskij</title>
<description>&lt;p&gt;Sehr geehrte Herren Radczuweit und Prof. Kroeger!&lt;/p&gt;


&lt;p&gt;Ich, Dmitrij Izkowitsch Bobekskij, habe im Kindesalter die Schrecken der
Gefangenschaft in einem Nazi-Lager erlitten, was sich für das ganze Leben
meinem Gedächtnis eingeprägt und natürlich auch auf meine Gesundheit
ausgewirkt hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seit der Befreiung sind mehr als 70 Jahre vergangen, aber ich habe manchmal
immer noch Albträume über das Erlebte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich führe einige Episoden an, die ich nicht vergessen kann. Die Soldaten
jagten die ganze Familie aus dem Haus. Meine Großmutter war blind. Mein
Vater trug sie, die Soldaten zwangen meinen Vater, die Großmutter ins Haus
zurückzutragen, dann zündeten sie das Haus an.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich erinnere mich, dass man uns in ein Lager jagte und ich saß auf den
Schultern meines Vaters und sah, wie alte Leute aus Erschöpfung hinfielen,
und wie die Soldaten auf sie schossen. Ich habe oft gesehen, wie Menschen
ermordet wurden. Es fällt mir schwer, über all das zu schreiben und das
noch ein Mal zu erleiden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich füge nur noch hinzu, dass die Faschisten alle .Frauen und die Kinder
zusammentrieben und sie erschossen. Mein Vater war damals 42 Jahre alt,
mein ältester Bruder 17, wir waren 4 Brüder, ich war der Kleinste, ich war
5.&lt;/p&gt;


&lt;p&gt;Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar für die Aufmerksamkeit, die seelische und
materielle Anteilnahme an meinem Schicksal. Mir als Rentner mit einer
bescheidenen Rente ist es angenehm, Ihre Hilfe zu fühlen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gebe Gott Ihnen Gesundheit, Mut und Langlebigkeit in Ihrer uneigennützigen
Mission für das Gute!&lt;/p&gt;


&lt;p&gt;Mit großer Hochachtung und Dankbarkeit&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dmitrj Bobekskij&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;28.1.2012&lt;/p&gt;


&lt;p&gt;Übersetzung Karin Ruppelt&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-5-juli-2012.php</link>
<pubDate>18 Jul 2012 08:05:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Lidia Naumowna Glusmanowa</title>
<description>&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Lidia Naumowna Glusmanowa, Überlebende des Ghettos Drobizkij Jar in
Charkow, danke Ihnen für die finanzielle Unterstützung. Während der
Besatzung der Stadt Charkow durch die deutsche Wehrmacht lebte meine
zehnköpfige Familie in Charkow. Am 14. Dezember 1941 erging die Anordnung
des deutschen Kommandanten, alle jüdischen Einwohner der Stadt Charkow
hätten sich am 16.12.1941 im Bezirk der Traktoren- und Maschinenfabrik
einzufinden. Meine ganze Familie zog früh am Morgen los, aber wir
erreichten den Bezirk erst um 18 Uhr. Wir wurden in Baracken untergebracht,
die weder Fenster noch Türen hatten, und bekamen nichts zu essen und nichts
zu trinken. Zu der Zeit waren es minus 30 Grad. Die Bedingungen, unter
denen wir dort ausharren mussten, machten ein Leben unmöglich. Es ging nur
ums Überleben. Wir waren dort vom 16.12.1941 bis zum 2.1.1942. Am 2. Januar
1942 begannen sie dann mit den Erschießungen. Ich war damals dreizehn Jahre
alt. Meine Mutter Riwa Abramowna Glusmanowa und ich konnten fliehen. Unsere
ganze restliche Familie, acht Personen, wurden in Drobezkij Jar erschossen.
Es war für uns zu gefährlich, in Charkow zu bleiben. So begann unser Irrweg
durch die Gebiete Charkow, Sumy und Poltawa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Herbst 1942 nahm uns die Familie von Pantelemon Sacharowitsch Suk bei
uns auf. Wir arbeiteten dort in der Landwirtschaft. Diese Familie half uns,
unterzutauchen. Am 24.8.1943 marschierte die Rote Armee in den Ort
Wjasowoje, in dem wir uns befanden, ein, und wir wurden befreit. Wir
kehrten nach Charkow zurück und begannen uns langsam wieder ein Leben
aufzubauen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute bin ich 83 Jahre alt, ich bin verheiratet, habe Kinder, Enkel und
Urenkel. Gott hat mir noch siebzig Lebensjahre geschenkt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen alles Gute für das Neue Jahr 2012 wünschen. Ich wünsche
Ihnen und Ihrer ganzen Familie beste Gesundheit, Glück, Freude und
Ausgeglichenheit, und dass niemals wieder solche Gräuel passieren, wie wir
sie haben durchmachen müssen. Friede sei mit Ihnen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit aufrichtiger Hochachtung,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;L. N. Glusmanowa&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;23.12.2011&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-4-juli-2012.php</link>
<pubDate>18 Jul 2012 07:59:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Grigorij Naumowitsch Golubow</title>
<description>&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Grigorij Naumowitsch Golubow, gehöre zu denjenigen, die jene
furchtbare Zeit überlebt haben. Dank der Hilfe guter Menschen konnten meine
Mutter und ich am Leben bleiben. Ich wurde am 2. März 1942 in
Pogrebischtsche im Gebiet Winniza geboren. Von August 1941 bis Dezember
1943 war das Gebiet Winniza von deutschen Einheiten besetzt. Einige Tage
nach meiner Geburt kamen ein Polizai und ein deutscher Offizier zu uns, die
unsere Familie abholen wollten. Mein Vater war an der Front.
Mutter wehrte sich, die Männer schlugen sie und brachen ihr den Arm.
Verwandte kamen ihr zu Hilfe. Sie hatten es schon geschafft, mich im
Geburtenregister eintragen zu lassen und irgendwie hatten sie beim Eintrag
der Eltern Nationalität, Name und Vatersname ändern können. Diese
Geburtsurkunde zeigten sie nun vor. Die Deutschen drohten damit, die
Angaben zu überprüfen, und wenn sie falsch sein sollten, würden sie alle
umbringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann versteckte die Familie uns in einer feuchten Erdhöhle, wo wir hungernd
ausharrten, bis die Stadt schließlich von den deutschen Besatzern befreit
wurde. Den Deutschen erklärten sie, wir seien fortgegangen, wohin, wüssten
sie nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So haben wir diese grauenvolle Zeit überlebt. Und auch nach dem Krieg war
es nicht gerade einfach. Wir lebten im Gebiet Rowno und dort wüteten die
Bandera-Anhänger.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die ganze schwere Vergangenheit macht sich jetzt bei mir gesundheitlich
bemerkbar. Ich muss mich jetzt mehreren Operationen unterziehen. Eine von
ihnen ist eine Augenoperation wegen Grauen Stars. Mein Sohn ist wegen einer
Kinderlähmung seit 1968 Invalide ersten Grades.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Radczuweit, ich möchte Ihnen von ganzem Herzen für die
finanzielle Unterstützung danken. Ich danke Ihnen für Ihre Herzensgüte und
Ihr Mitgefühl, und dafür, dass Sie verstehen, dass wir im Moment selbst
nicht für eine medizinische Behandlung aufkommen können.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie beste Gesundheit und alles Gute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Golubow&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;22.03.2012&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-3-juli-2012.php</link>
<pubDate>18 Jul 2012 07:57:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Tatjana Sruliwna Wyshgorodskaja</title>
<description>&lt;p&gt;Sehr geehrter Vorsitzender des Wohltätigkeitsvereins „Kontakte-Контакты“
Herr Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin Überlebende eines KZ, das sich auf ukrainischem Gebiet befand, in
Petschora im Bezirk Schpikow, Gebiet Tultschin. Dieses Lager wurde
Todeslager genannt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Tatjana S. Wyshgorodskaja, danke Ihnen und allen Mitgliedern Ihres
Vereins für die finanzielle Unterstützung und wünsche Ihnen alles, alles
Gute, vor allem beste Gesundheit sowie Kraft und Energie für Ihre nicht
einfache Arbeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Familie – mein Vater, meine Mutter und ich, damals dreieinhalb Jahre
alt – verließen unseren Ort und zogen Richtung Tultschin, aber unterwegs
wurden wir aufgegriffen und gewaltsam ins KZ gesteckt. Dieses Lager – damit
Sie sich eine Vorstellung davon machen können – bestand aus einem
dreistöckigen Gebäude, in dem vor dem Krieg ein Sanatorium für
Tuberkulosekranke untergebracht war. Auf der einen Seite des Gebäudes war
ein Fluss, auf der anderen Seite der sogenannte Schwarze Wald, und
dazwischen ein Stacheldrahtzaun mit Wachsoldaten. Eine Flucht war praktisch
unmöglich. Vor dem Gebäude war ein kleiner Platz mit einem stillgelegten
Springbrunnen. Im Lager waren etwa 10 000 Juden untergebracht. Jeden zweiten
Tag wurden alle aus dem Gebäude getrieben, die Sachen – wenn man noch
welche hatte – musste man mitnehmen, dann kamen Lastwagen angefahren, die
Deutschen suchten sich aus der Menge willkürlich Menschen heraus, luden sie
in die Lkws und fuhren sie zum Schwarzen Wald. Dort waren schon Gruben
ausgehoben, vor denen die Menschen erschossen wurden, dann wurden die
Gruben zugeschüttet, und die Erde hob und senkte sich, da nicht alle in den
Gruben tot waren. Entsetzlich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn in den Baracken jemand starb, mussten ihn die anderen Gefangenen
selbst hinaustragen. Unter ihnen war auch meine Mutter. Die Gefangenen, die
ihre Angehörigen aus dem Lager trugen und in die fertigen Grube warfen,
standen unter Schock und haben sich die Stelle nicht gemerkt. Deshalb weiß
ich bis heute nicht, wo die sterblichen Überreste meiner Mutter liegen.
Jeder der Gefangenen musste mal zum Fluss gehen, um Trinkwasser für alle zu
holen. Meine Mutter war also zum Fluss gegangen, aber die Polizai
erwischten sie dabei und verprügelten sie derart, dass Niere, Leber und
alle inneren Organe zerstört wurden. Mein Vater versuchte, sie da
herauszuholen; Geld hatten wir zu der Zeit schon keins mehr, aber es fanden
sich gute Menschen, die uns halfen. Sie brachten meinem Vater ihren
leblosen Körper. Ich war zu der Zeit schon etwa fünf Jahre alt und begriff
schon einiges. So wurden wir also zu Waisen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Eine Zeile fehlt auf der Kopie] Und dann bestach eine Gruppe Juden die
Wachen und die Menschen wagten im Schutz der Nacht die Flucht. Es war kalt,
Ende November 1943. Mein Vater war sehr entkräftet, aber er setzte mich auf
seinen Rücken und sagte mir, ich solle mich festhalten. Ich habe mir damals
die Hände abgefroren. Mein Vater glaubte schon nicht mehr daran, dass wir
überleben könnten. Deshalb beschloss er, nicht durch den Wald zu gehen,
sich nicht zu verstecken, sondern ging einfach die Straße entlang –
passiere, was da wolle.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die anderen Geflohenen rannten in den Wald, sie dachten, dort wären sie in
Sicherheit. Aber die Wachen fanden ihre Spuren und hetzten sofort die Hunde
in den Wald und so wurden alle wieder eingefangen. Mein Vater und ich
liefen dagegen immer weiter und kamen irgendwann an einen Wachposten, ich
weiß nicht, wer dort war, wahrscheinlich waren es Rumänen. Sie hielten
meinen Vater an und fragten ihn, woher er käme und wohin er ginge. Er sagte
ihnen, dass meine Mutter gestorben sei und er mich deshalb ins Nachbardorf
zu seiner Schwester bringe, da er nicht wisse, was er mit mir machen solle.
Sie fragten ihn, ob ihn unterwegs irgendjemand angehalten habe. Er sagte:
Nein. Da sagten sie zu ihm: Wenn dich die anderen in Ruhe gelassen haben,
werden wir dich auch in Ruhe lassen. So erreichten wir im Schutz der Nacht
den Ort Dsygowka im Gebiet Winniza und gingen zu Vaters Schwester. Sie nahm
uns bei sich auf, wir mussten aber im Keller wohnen. Sie hatte zwei kleine
Kinder, ihr Mann war an der Front gefallen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In diesem Keller haben wir dann bis 1944 gelebt, als das Gebiet Winniza
befreit wurde. Die Tante hatte nicht genug, um ihre eigenen Kinder zu
ernähren. Tultschin war zu dieser Zeit bereits befreit, und mein Vater
brachte mich dorthin ins Kinderheim, wo ich acht Monate gelebt habe. Er
selbst meldete sich beim Wehrkommissariat, aber wegen seines
gesundheitlichen Zustands nahmen sie ihn nicht, außerdem war der Krieg
schon fast zu Ende. Er bekam schließlich einen Arbeitsplatz in der Bukowina
zugewiesen. Das war damals Sperrgebiet. Er holte mich aus dem Kinderheim
und am 5. Mai 1945 machten wir uns auf den Weg nach Tschernowitz.
Und was ist heute? Gesundheitlich geht es mir schlecht. Ich habe eine
Knochenerkrankung. Bei uns in der Ukraine gibt es keine
Krankenversicherung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So sieht also mein Lebensabend aus.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber ich bin überzeugt, dass alles gut wird, solange es solche Menschen
gibt wie Sie, Herr Eberhard Radczuweit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;31.10.2011&lt;/p&gt;

T. S. Wyshgorodskaja&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-2-juli-2012.php</link>
<pubDate>18 Jul 2012 07:56:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>Ada Leonidowna Woronzowa</title>
<description>&lt;p&gt;Ich, Ada Leonidowna Woronzowa (Krawzowa), wurde 1934 in Cherson geboren, wo
mein Vater, Leonid Iwanowitsch Krawzow, seinen zweijährigen Wehrdienst
ableistete. Meine arme Mutter, Ada Mojsejewna Krawzowa (Elman) starb einen
Monat nach der Geburt am Kindbettfieber, im Krankenhaus in Cherson … Ich
wurde von meinem Vater und meiner Großmutter (der Mutter meines Vaters)
großgezogen, und wir lebten in Kiew, denn nach Beendigung des Wehrdienstes
kehrte mein Vater nach Kiew zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor dem Krieg, als die Bukowina an die Sowjetunion angeschlossen wurde,
musste Vater  beruflich für einige Zeit nach Tschernowitz, und dort waren
wir auch, als der Krieg begann. Vater zog bereits am ersten Tag an die
Front, und in Tschernowitz marschierten die Rumänen ein. Ein Jahr lang
lebten wir verhältnismäßig ruhig, die rumänischen Besatzer wüteten nicht so
schlimm, jedenfalls ließen sie die alten Leute und Kinder in Ruhe.
Im Herbst 1942 aber wurden meine Großmutter und ich verhaftet, und mit den
Worten „Moskauerin ist gleich Bolschewistin!“ ins Zentralgefängnis der
Stadt gebracht. Dort saßen wir 42 Tage, und die Zelle war ein riesiger
Zement-“Bau“ mit vergitterten Fenstern ganz oben an der Decke, die sich mit
der Zeit mit immer neuen Gefangenen füllte. Als schon viele Menschen in der
Zelle waren (mehr als 50 Personen), verluden sie uns in Gefängniswagen,
brachten uns zum Bahnhof und steckten uns in Güterwaggons, die mit schweren
Riegeln verschlossen wurden. Es begann eine lange Fahrt, voller
Demütigungen und Gräueln; an kleinen Stationen führten sie unseren Zug auf
ein Abstellgleis für Güterzüge, dann bekamen wir „Balanda“ – halb Suppe,
halb Brei – und sie ließen uns nacheinander draußen unser Geschäft
erledigen. Schmutz, Gestank, Hunger, das Geschrei der Kinder und das
Stöhnen der Erwachsenen sowie das Brüllen der Wachen – das ist mir von
dieser Fahrt in Erinnerung geblieben …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie brachten uns zum Bahnhof Wapnjarka. Dort waren schon mehrere hundert
weiterere Gefangene, und die meisten von ihnen waren Juden, die aus der
ganzen Gegend zusammengetrieben worden waren; aber es gab auch Ukrainer,
Polen, Russen, Zigeuner und viele andere. Alle mussten sich in Reihen
aufstellen und wurden in einer Kolonne die Straße entlang getrieben. Die
Kinder wurden von der Erwachsenen abgesondert, sie weinten verzweifelt und
wollten zurück zu ihren Müttern; auch die Mütter weinten und schrien,
flehten die Wachen an, ihnen ihre Kinder zurückzugeben, und es gab keinen
einzigen unter der Wachen, der menschlich genug gewesen wäre, ihnen zu
sagen, dass sie die Kinder dorthin brachten, wohin auch alle anderen kamen,
aber auf Karren, damit sie, die Kinder, die Kolonne nicht unnötig
aufhielten. Diese ungerechtfertigte Grausamkeit lebt bis heute als nicht
abklingender Schmerz in meiner Erinnerung. Wir, die Kinder, wurden auf
großen Fuhrwagen ins Lager gebracht, wo die Erwachsenen auf Baracken
verteilt wurden. Das waren mehrere zwei- und dreistöckige Gebäude auf einem
freien Feld, und sie waren von drei Reihen Stacheldraht umgeben, zwischen
denen ein gekreuzter Draht gespannt war. Auf der anderen Seite des
Stacheldrahtes waren Wachtürme mit Wachsoldaten; unten liefen Schäferhunde
als Wachhunde hin und her. Um das Lager herum gab es gar nichts, nur Hügel,
Wiesen und am Horizont sah man einen Wald. In den Baracken waren
zweistöckige Pritschen. Hier lebten wir. Wir schliefen auf den nackten
Brettern, aßen Erbsensuppe, die zweimal am Tag an der Essensbaracke
verteilt wurde. Es bildeten sich unendlich lange Schlangen von Menschen mit
Schüsseln in der Hand, es ging aber recht schnell voran, und die Schüsseln
wurden von der hungrigen Menge an Ort und Stelle geleert, draußen im
Stehen: Wir hatten solchen Hunger, dass wir es nicht schafften, mit der
Suppe in der Hand bis zur Baracke zu gehen. Der Gerechtigkeit halber muss
man sagen, dass es unter den Soldaten, die das Essen verteilten, auch gute
Menschen gab, die Mitleid mit uns Kindern hatten und uns einen Nachschlag
gaben. Die Erwachsenen (es waren 11 000 Personen!) mussten 10–15 km bis zur
Arbeit marschieren. Sie mussten nach Bombenangriffen die Trümmer räumen,
mussten Züge entladen, Gräben ausheben und Getreidesäcke von den
Getreidespeichern zum Bahnhof schleppen. Auch die Kinder mussten manchmal
arbeiten: Wir putzten die Lagerräume, ernteten Rüben usw. Die Versuchung
war sehr groß, etwas Essbares mitgehen zu lassen, aber wer dabei erwischt
wurde, wurde an Ort und Stelle erschossen. Nach einem guten Jahr wurden wir
in ein „Arbeitslager“ in Perwomajsk verlegt, und alles war genauso wie
vorher: wieder  Stacheldraht, wieder eine Baracke – es war entweder die
Werkhalle einer verlassenen Fabrik, oder eine riesige Garage, ohne Fenster,
aber mit einem Tor –, wieder Pritschen, und das gleiche schwere und brutale
Leben: Die Kranken und Schwachen und alle, die gegen die Lagerregeln
verstießen, wurden direkt im Lager erschossen und verscharrt wurden sie von
den Gefangenen, die neben ihnen auf der Pritsche gelegen hatten. Die
Verpflegung bestand wieder aus Balanda, nur war sie dort nicht aus Erbsen,
sondern aus Getreide. Die Arbeit war näher gelegen, in der Stadt, und das
machte das Leben leichter. Das Leben dort war erträglich, vor allem für die
Kinder, die keine Vergangenheit „im Gepäck“ hatten, und deshalb alles, was
um sie herum passierte, als normal empfanden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die wahren Gräuel begannen erst, als die Rote Armee näherrückte: Da
begannen die Deutschen mit den Erschießungen. Sie fingen bei den Juden an.
Meine Großmutter war ja Ukrainerin, und sie hatte mich, den „Mischling“,
bei sich im Pass eintragen lassen; meinen Geburtsschein hatte sie
verbrannt. Die Juden wurden in Gruppen von 200–300 Personen ins Umland der
Stadt gebracht, zu einer Schlucht, wo sie dann erschossen wurden. Wir
hatten Glück, dass die Reihe nicht mehr an uns kam. Eines Tages stürzten
die Deutschen plötzlich zu ihren Fahrzeugen und verließen per Auto,
Motorrad oder Pferdewagen blitzartig die Stadt! Wir, die verängstigten und
ausgehungerten Gefangenen,  liefen in alle Richtungen davon. Es war März,
überall taute der Schnee, die Straßen waren voller Schlamm und es war kalt!
Wir klopften bei den Bauern an, sie hatten Mitleid mit uns und gaben uns
etwas zu Essen, aber ins Haus ließen sie uns nicht: Die Menschen in der
Stadt hatten Angst, dass die Deutschen sie dafür erschießen würden – denn
die Stadt befand sich immer noch unter deutscher Besatzung. Einige Tage
irrten meine Großmutter, ich und Großmutters Freundin und Leidensgenossin,
die früher Physikdozentin am Pädagogischen Institut in Tschernigow gewesen
war, umher und hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, einen
Unterschlupf zu finden; schließlich klopften wir bei einem kleinen Häuschen
am Marktplatz an, wo, wie sich herausstellte, ein streng gläubiges altes
Paar lebte. Aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen – wen Gott geschickt
 hat, dem muss man auch helfen – ließen sie uns in ihr Haus! Was war das nur
für ein Glück für uns – wir waren ins Leben zurückgekehrt!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einige Wochen später marschierte die Rote Armee in der Stadt ein und setzte
unserem Leid ein Ende. Und als mein Vater im Sommer 1945 aus dem Krieg
zurückkehrte, da begriff ich, dass meine Großmutter mit ihren Worten „Gott
schützt die Waisen!“ Recht hatte. Mein ganzes Leben habe ich diese Wort im
Ohr …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ada Leonidowna Woronzowa (Krawzowa),&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dr. der Biologie, Professorin, Onkologin, leitende wissenschaftliche
Angestellte am  Kawezkij-Institut für experimentelle Pathologie der
Akademie der Wissenschaften der Ukraine/Kiew&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/juedisch-ukrainische-briefe/juedisch-ukrainischer-brief-juli-2012.php</link>
<pubDate>18 Jul 2012 07:55:00 GMT</pubDate>
</item>


<item>
<title>303. Freitagsbrief (vom April 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).</title>
<description>Russland&lt;br /&gt;
	Nordossetien&lt;br /&gt;
Georgij Sacharowitsch Lakojew.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe mich sehr über Ihren Brief gefreut und möchte Ihnen hiermit antworten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich will Ihnen etwas von meiner Zeit in der Gefangenschaft berichten. Vorweg möchte ich anmerken, dass ich mich leider an die Namen der Menschen nicht mehr erinnern kann – zu viel Zeit ist seitdem vergangen. Aber an die Gesichter, Ereignisse und Fakten kann ich mich noch genau erinnern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich war in einem Feldlager in Tilsit. Dort ist eine sehr große Menge Gefangener an Typhus gestorben. Die Überlebenden wurden aus Tilsit per Schiff nach Norwegen gebracht. Das Lager in Norwegen war groß und aus Holz. Die Lebensbedingungen waren schrecklich – es war sehr kalt, nachts deckten wir uns mit irgendwelchen Lumpen zu, es gab sehr wenig zu essen. Nur der „Totengräber“, der die Leichen begrub, bekam eine volle Essensration. Ich weiß noch, wie vor meinen Augen ein Gefangener erschossen wurde, der im Müll wühlte, auf der Suche nach einem Stückchen Brot.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden in diesem Lager zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt: wir mussten für die Armee Lebensmittel ausladen, Aufräumarbeiten ausführen etc. Hier ein Vorfall, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Wir arbeiteten, ein älterer Aufseher bewachte uns. Ich war sehr hungrig und ging in ein Haus, das in der Nähe stand, um dort um ein Stück Brot zu bitten. Das Haus war leer. Neben der Tür hing ein Dörrfisch. Ich konnte nicht widerstehen, nahm den Fisch und versteckte ihn unter meinem Mantel, aber ich wurde erwischt. Meine Gefangenen-Nummer war 111, die Frau in diesem Haus teilte der Lagerleitung sofort den Vorfall mit und ich wurde sofort bestraft – zwei Wochen Züchtigung, 50 Rutenschläge in der Arrestzelle. Zwei Unteroffiziere führten die Schläge aus. Einer, einer Rothaariger, schlug mich bis aufs Blut, und zwar nicht 50mal, sondern 60mal. Der andere, ein Dunkelhaariger, schlug mich dagegen gar nicht und brachte mir sogar noch Essen, wobei er mich warnte, dass ich niemandem davon etwas sagen dürfe. Ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, aber nur ihm habe ich es zu verdanken, dass ich am Leben geblieben bin. Wie gerne hätte ich ihn später mal getroffen und ihm gedankt. Zum Glück gab es an der Front auch solche Menschen wie ihn.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach einem Jahr wurden wir Gefangenen aus Norwegen nach Deutschland in ein großes Lager gebracht. Die Bauern aus der Umgebung nahmen uns aus diesem Lager zur Arbeit auf ihre Höfe. Wir mussten mähen, aussäen, ernten, jäten usw.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Lebensbedingungen in diesem deutschen Arbeitslager waren ein wenig besser als in Norwegen. Wenn wir gut arbeiteten, bekamen wir eine zusätzliche Essensration. Bei einem der Bauern arbeiteten zwei ältere Arbeiter im Vorratshaus, die 1913 [sic!] in russischer Gefangenschaft gewesen waren und deshalb Russisch sprachen. Einmal gaben sie uns einen Sack Getreide, von dem wir uns lange Zeit Brei kochten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Winter 1945 wollten sie uns nach Amerika schicken [?], aber dann waren die russischen Truppen schneller und befreiten uns.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung wurde ich verhört, wie und unter welchen Umständen ich in Gefangenschaft geraten war. Dann kam ich zum Armeedienst. Ich diente in Grabow an der Elbe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Am 28. Mai war ich schon zu Hause und begann ein neues Leben. Für meine gewissenhafte Arbeit wurde ich zweimal mit dem Titel „Arbeitsveteran“ ausgezeichnet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt habe ich natürlich viele gesundheitliche Probleme. Ich bin blind. Meine Tochter kümmert sich um mich und ihr habe ich diesen Brief diktiert. Auch heute gibt es noch genug Probleme, aber das Schlimmste liegt doch hinter mir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich freue mich sehr über unseren Briefwechsel, bin froh, dass der jetzigen Generation die Geschichte und das Schicksal der Menschen nicht gleichgültig sind.&lt;/p&gt;

	&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen allen Frieden und alles Gute!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den besten Grüßen und Vielen Dank für Ihr Interesse und die Anteilnahme.</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_303.php</link>
<pubDate>13 Jul 2012 07:55:00 GMT</pubDate>
</item>


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