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<title>News von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.</title>
<link>http://www.kontakte-kontakty.de</link>
<description>KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. ist eine NGO, die sich für die Entwicklung der Beziehungen zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion einsetzt.</description>
<language>de-de</language>
<pubDate>Fri, 18 Aug 2017 16:52:00 GMT</pubDate>
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<title>11. Neuer Freitagsbrief</title>
<description>&lt;p&gt;Repinskaja, Nadeshda Semjonowna&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus
&lt;p&gt;Kreis Werchnedwinsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender Dr. Gottfried Eberle, Vorstandsmitglied Eberhard Radzuweit, Kurator des Projekts Dmitrij Stratievski!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es schreibt Ihnen Nadeshda Semjonowna Repinskaja, geborene Bembel. Ich bin die leibliche Schwester von Tatjana Semjonowna Tripuk (geb. Bembel) und Marija Semjonowna Grizkewitsch (geb. Bembel). Sie sind beide wohnhaft in Werchnedwinsk, Republik Belorus. Von ihnen habe ich Ihre Kontaktdaten, in Berlin sowie in Minsk. Ich aber, Repinskaja N. S. – Bembel – lebe seit 1971 in Leningrad bzw. St. Petersburg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe den Brief gelesen, den Sie an meine Schwestern geschrieben und den sie ihrerseits mir zugeschickt haben, und bin tief berührt von diesem Akt der Zuwendung zu uns, den Kindern des Krieges. In Russland zitiert man Olga Bergholz: „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen.“ Aber für uns, die Kinder des Krieges, gibt es wenig, abgesehen von diesem Leitsatz.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie richten sich in Ihrem Brief an uns mit der Bitte, von dem zu berichten, was wir wissen, woran wir uns erinnern, was wir erlebt haben. „Wir würden uns sehr über Briefe von Ihnen freuen“, „sind erfreut über jede Zeile“ (ich zitiere Ihren Brief).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier ist das, woran ich mich erinnere:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 22. Juni 1941 begann der Krieg. Ich wurde an diesem Tag genau 4 Jahre und 8 Monate alt. Manche Ereignisse, Kriegsepisoden, die uns und unser Dorf betrafen, schrieben sich in meine kindliche Erinnerung ein, mein Herz, meine Seele. Nur eine Woche später zog eine berittene Einheit durch unser Dorf Samuleschkowo mit Kurs nach Osten. Das war im Bezirk Drissensk, Gebiet Witebsk, Belorus. Das Dorf lag 18 km von der Bezirksstadt Drissa entfernt. Unweit der lettischen Grenze. Die berittene Einheit brachte uns keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber die Erwachsenen wurden gewarnt: „Sollten wir den Rückzug antreten, wehe euch allen.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich weiß noch genau, wie wir Dorfkinder nach ihrem Abzug bunte Schnipsel einsammelten – Bonbonpapier – und uns sehr darüber freuten. In unserem ganzen Leben haben wir so etwas nicht gesehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir drei Schwestern – Tatjana Semjonowna (geb. 1927), Marija Semjonowna (geb. 1929) und ich, Nadeshda Semjonowna (geb. 1936) – befanden uns alle bis Juli 1944 auf besetztem Gebiet, d.h. bis zum Tag der Befreiung unseres neuen Wohnortes im Dorf Schajterowo; bis zur Verbrennung unseres und der umliegenden Dörfer befanden wir uns unmittelbar in der Partisanenzone. Das muss etwa Ende März, Anfang April 1943 gewesen sein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In unserem Dorf gab es kein deutsches Quartier. Sie nisteten sich in den Dörfern Polsino und Sopolowschtschino ein, um näher an der Eisenbahnstrecke zu sein. Diese wurde bewacht. Dort war es sicherer für das deutsche Quartier. Unserem Dorf statteten sie bei Tageslicht Besuche ab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die schrecklichsten und tragischsten Ereignisse begannen sich im Jahr 1943 abzuspielen. Die Worte „Bestrafer“, „Strafexpedition“ versetzten die Bewohner der Dörfer in unserem Gebiet in Angst und Schrecken. Mit ihnen kamen Pogrome, Plünderungen, Diebstahl von Vieh und allem Kleintier, Verbrennungen von Dörfern mitsamt ihren Einwohnern, Ermordungen … Es wurde niemand verschont, weder Erwachsene, Alte noch Kinder. Einige von diesen furchtbaren Ereignissen brannten sich in die Erinnerung ein. Als das Wort „Bestrafer!“ die Runde machte, rannten auf der Stelle alle los, die sich noch bewegen konnten, um sich möglichst weit weg vom Dorf zu verstecken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es kam so, dass meine Mutter und ich nicht mehr fliehen konnten. Ein Fremder kam in unser Haus. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre: Er war überdurchschnittlich groß, trug ein langes dunkles Gewand, das an einen Mantel oder einen Trenchcoat erinnerte, und forderte: „Mleko, jajko, masla.“ [„Milch, Eier, Butter.“] Nachdem er ein kleines Stück Butter bekommen hatte, ging er geradewegs in den Stall und nahm die Kuh mit. Meine Mutter machte sich später Vorwürfe, dass sie ihm dieses Stück Butter gegeben hat, er stahl uns ja sowieso unsere Ernährerin. Alle diese Handlungen waren Vorboten des herankommenden großen Unheils.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ein anderer Fluchtversuch meiner Mutter und mir ist mir in Erinnerung geblieben. Der Atem des Frühlings war zu spüren: Der Schnee schmolz in der Sonne, hier und da flossen schon erste Bächlein. Obwohl noch reichlich Schnee lag und es nachts Frost gab. Wieder hörte man: „Die Bestrafer!“. Wir verlassen fluchtartig das Haus, suchen ein Versteck. Plötzlich versperrt tiefes Schmelzwasser den Weg, man kann es nicht umgehen. Meine Mutter streift sofort ihre Stiefel ab, nimmt sie in die Hände, mich auf die Schultern, und bahnt sich ihren Weg barfuß durchs eiskalte Wasser. Als sie dieses Hindernis überwunden hat, steckt sie ihre nassen Füße in die Stiefel und rennt weiter auf der Suche nach irgendeinem sicheren Ort.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir mussten uns immer öfter verstecken. Mehrmals spannte unser Vater noch vor Tagesanbruch die Pferde vor den Schlitten, und wir fuhren in großer Eile zum Fluss, irgendwo in die Büsche, weit weg vom Dorf, von den Häusern, versteckten uns unter dem steilen Ufer oder sogar unter der Eisschicht (durch den starken Frost fror der Fluss zu und die Eisschicht dehnte sich aus). Einmal zündeten wir ein kleines Feuer an, um Schnee zu schmelzen und etwas Heißes zu trinken. Doch es gelang uns weder etwas zu trinken noch uns aufzuwärmen. Der feine aufsteigende Rauch wurde so sehr unter Beschuss genommen, dass wir das Feuerchen sofort mit Schnee erstickten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den Gesprächen der Erwachsenen wird immer mehr große Besorgnis spürbar. Die Dörfer Botki, Martinowo, Byki u.a. wurden niedergebrannt, sie brannten mit den Menschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bevor unser Dorf angezündet wurde, wurden die arbeitsfähigen Menschen und Kinder nach Lettland gebracht. Sie wurden am Bahnhof in Borowka nahe Drissa in Güterwaggons geladen. Im lettischen Lager wurden die Kinder von ihren Eltern getrennt. Die Erwachsenen wurden zum Arbeiten nach Deutschland verfrachtet. So landeten mein leiblicher Onkel Roman Pawlowitsch Bembel und seine Frau im KZ (ich glaube, in Polen). Sie wurden in der Wäscherei eingesetzt. Dort sind sie geblieben – sie haben nicht überlebt. Ihre kleine 2-jährige Tochter starb bald im Lager. Von den älteren Kindern wurden welche in lettischen Familien aufgenommen – die einen aus Mitleid, die anderen als Haushaltshilfe … Insgesamt hatten sie fünf Kinder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf die gleiche Weise kam Ksenija Antonowna Grizkewitsch nach Lettland, wurde dort von ihren Kindern getrennt (es waren vier) und zum Arbeiten nach Deutschland geschickt. Aber sie hat überlebt, kehrte nach der Befreiung durch die Rote Armee zu der Brandstätte zurück, die von ihrer Heimat übriggeblieben war. Überlebt hat sie nur deshalb (so hat sie es uns erzählt), weil sie manchmal beim Abernten der Felder half, auf denen Rote Bete und Möhren wuchsen … Und so konnte sie manchmal unbemerkt von Aufseher ein Rübchen in den Mund stecken, nachdem sie es an der Arbeitskluft abgerieben hatte: wenigstens ein paar Vitamine. Ihre Kinder fanden sich nach der Befreiung Lettlands durch die Rote Armee nach und nach wieder. Aber Shenja (geb. 1936) fand seine Mutter und seine Brüder erst im Jahr 1956.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere Eltern und wir wurden nicht nach Lettland oder Deutschland vertrieben, wir haben das Dorf rechtzeitig verlassen und, das weiß ich noch, uns unterhalb des Ufers am Fluss Swolno sowie unterhalb der Eisschicht versteckt gehalten, die der Frost auf diesem kleinen Flüsschen gebildet hatte. Das Dorf stand lichterloh in Flammen, fast das ganze Himmelszelt wurde von der Röte erfasst. In der Dämmerung tasteten wir uns in Richtung Golubowo voran, wo die Bestrafer noch nicht hingekommen waren. In Gebäude des ehemaligen Dorfrates versammelten sich nach und nach Menschen, die überlebt hatten, wir heizten den Ofen an, kochten irgendeine Brühe in einem großen gusseisernen Kessel, wärmten uns auf und schliefen nach den Höllenqualen und der Kälte des Tages auf dem Boden ein. Am Morgen suchte sich jeder seine eigene Überlebensstrategie. Wir zogen zu unseren Verwandten, die an der großen Hauptverkehrsader lebten, welche rege von den deutschen Truppen auf ihrem Weg von West nach Ost genutzt wurde, auf der Route Polozk – Witebsk – Smolensk …, und 1944 in umgekehrter Richtung, also von Ost nach West.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der kindlichen Erinnerung sind einige Dorfnamen geblieben, die in der Nähe unseres Dorfes Samuleschkowo lagen: Dubrowki, Wiroslawki, Lizwjaki, Mamonowschtschino, Golubowo, Polykowschtschina, Kochanowitschi, Borodulino, Polzino, Bondari, Potschtalewo u.a. Sie wurden alle niedergebrannt. In einigen von ihnen bin ich mit meinen Eltern gewesen. Im Dorf Lizwjaki lebte mein leiblicher Onkel (mütterlicherseits) Aleksandr Aldrowitsch Glatjonok. Er war gelähmt an den Beinen, war ans Bett gefesselt. Er starb eines qualvollen Todes – verbrannt bei lebendigem Leib.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine ältere Schwester Tatjana erzählte einmal über das Dorf Potschtalewo, in dem unsere Grußmutter Aleksandrina mit ihrer Tochter Ksenija (unsere Tante) und deren 3 Kindern lebte. Das Dorf und die Menschen wurden vernichtet. Aber eine Frau und ihr Ehemann konnten sich irgendwie retten. Als sie auf die Brandstätte zurückkehrten, waren sie von dem Bild der Zerstörung erschüttert: Leichen, Leichen, überall Leichen – große, kleine, blutige, verkohlte. Sie fingen an, die toten Körper wegzuziehen, um sie wenigstens irgendwie zu bestatten. Die Frau hielt dem noch stand, aber ihr Mann verlor immer wieder das Bewusstsein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In meiner Erinnerung ist noch ein anderer schrecklicher Tag geblieben. Es war tiefster Winter, eisig kalt, es lag viel Schnee, strahlend weiß, der in der Sonne funkelte. Im Dorf tauchte ein Trupp deutscher Soldaten und ihresgleichen auf. Ich denke, aus Polsina (dort war ihr Quartier). Was das Ziel ihrer Besuche war, weiß ich nicht. Es gab keine Plünderungen. Aber als sie sich auf den Rückweg machten, trieben sie alle Dörfler, die des Laufens fähig waren, zusammen und befahlen, mit ihnen zu kommen. Ich weiß noch, dass mein Arm in irgendwelche Lumpen gewickelt war und aussah wie eine Keule: In Höhe des Handgelenks hatte ich ein großes Furunkel. Alle liefen in Schweigen gehüllt, in Gedanken daran versunken, welches Schicksal jeden einzelnen von uns wohl erwartet. Denn das Verbrennen unserer Gegend und der Menschen hier war ja bereits grausame Realität.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Kolonne ging eine junge Frau, Tamara Maschara. Sie hatte die 10. Klasse beendet, in der Schule hatte sie Deutsch gelernt. Sie nahm allen ihren Mut zusammen – und lief nach vorn, zum Anführer ihrer Truppe, und fing an mit ihm zu sprechen, so gut sie konnte, auf deutsch. Das Ergebnis dieser Verhandlungen war positiv. Sie ließen uns alle gehen. Es stellte sich heraus, dass wir Dörfler die Funktion eines Schutzschildes erfüllen sollten. Die Partisanen würden ja nicht auf ihre eigenen Leute schießen. Die deutsche Kampfeinheit hatte den gefährlichen Abschnitt bereits passiert und hatte nun keine Verwendung mehr für uns. Wir, die wir Angst und düstere Gedanken durchlitten haben, waren alle am Leben geblieben und kehrten in unsere Häuser zurück. Nach meinem Alter zu urteilen, muss das etwa Ende Januar, oder im Februar gewesen sein. Der Frühling war noch nicht in Sicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Krieg hat viele Schicksale zerstört und vielen Menschen das Leben gekostet. Ich nenne nur einige meiner Verwandten. Zwei leibliche Brüder, Petja (geb. 1923) und Arkadij (1925), fielen in Partisanenkämpfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater Semjon Pawlowitsch Bembel (geb. 1895) hatte fünf Brüder: Roman, Ignat, Nikolaj, Iwan und Wiktor (zusammen mit meinem Vater waren sie zu sechst) und eine Schwester, Ksenija. Aus der Familie der genannten Personen sind nur mein Vater und Onkel Wanja am Leben geblieben. Alle anderen sind gestorben: die einen verbrannt, die anderen im KZ gestorben, ermordet oder verschollen …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In ewigem Andenken an sie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater Bembel S. P. unterlag 1941 vom Alter her nicht der Einberufung 1944, nach der Befreiung unseres neuen Wohnortes im Dorf Schajterowo, wurde er mit der Arbeitsarmee in die Uralwerke geholt, den Sieg schmieden. Er kehrte erst im Winter 1946 von dort zurück. Meinen Onkel bewahrte sein Auge. Er verlor es noch vor dem Krieg durch einen Arbeitsunfall im Steinbruch auf der Halbinsel Kola.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zum Abschluss meines Briefes möchte ich meine Hoffnung ausdrücken, dass die Beschreibung jener schrecklichen Kriegsereignisse, die sich in meine kindliche Erinnerung eingeschrieben haben, Ihnen dabei helfen, sich all das vorzustellen, was die Menschen in Belorus in jenen Jahren durchleben mussten. Möge Gott so etwas niemals wieder geschehen lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll und mit bestem Dank für die Aufmerksamkeit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;N. S. Repinskaja-Bembel&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Zu Ihrer Information:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Stadt Drissa wurde in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Werchnedwinsk umbenannt und der Bezirk Drissenskij entsprechend in Werchnedwiskij.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;20.12.2013 [Unterschrift].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-15-2017.php</link>
<pubDate>18 Aug 2017 16:52:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Neuer Freitagsbrief Nr. 10</title>
<description>&lt;p&gt;Worobjow, Leonid Stepanowitsch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weißrussland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Werchnedwinskij rn&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Siedlung Bigosowo&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Januar 2014.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakty“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr und danke Ihnen dafür, dass sie meiner harten Kindheit im Krieg gedacht und mir eine kleine Unterstützung zukommen lassen haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte von der Zeit erzählen, über die die heutige Jugend nichts weiß.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Februar 1943 gab es die erste Strafexpedition. Meine Mutter, meine kleine Schwester und alle Dorfbewohner wurden verbrannt, und ich war in den Wald geflohen und bin am Leben geblieben. Ich war damals 13 Jahre alt. Die zweite Strafaktion gab es einige Wochen später. Sie haben in den Wäldern nach Menschen gesucht. Ich bin bei einem Fluss aufgewacht und sah eine ermordete Frau und ein kleines Kind, das nach Essen fragte. Aber ich hatte selbst Hunger, und ich nahm das kleine Kind nicht mit, ich war ja selbst erst 13.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Wald traf ich auf zwei Jungen, etwa 14–15 Jahre alt. Sie wärmten am Feuer meine gefrorenen Füße, rissen ein Hemd entzwei, verbanden sie. Zu dritt versteckten wir uns vor den Nazis im Wald. Wir stießen auf eine faschistische Strafbrigade. Aber wir versteckten uns unter einer Tanne und bewegten uns die ganze Nacht lang nicht, so lange bis die Deutschen weg waren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Leben war sehr hart für uns – kein Essen, keine warme Kleidung. Man wünscht seinem ärgsten Feind nicht das, was ich, ein Kind des Krieges, durchmachen musste.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Sie Genaueres erfahren möchten – kommen Sie her, sie werden ein ganzes Buch über die Kinder des Krieges schreiben können.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit den allerbesten Wünschen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Worobjow Leonid Stepanowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-14-2017.php</link>
<pubDate>11 Aug 2017 10:50:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Neuer Freitagsbrief Nr. 9</title>
<description>&lt;p&gt;Nina Jegorowna Schut&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Witebsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Juli 2017.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Schut Nina Jegorowna möchte meine Kindheitserinnerungen an das Erlebte mit Ihnen teilen. Ich war 4 Jahre alt, als in mein Leben das schreckliche Wort Krieg trat. Warum, weshalb, wofür? Man wusste nur Eines: Etwas Schreckliches war gekommen. Unsere Stadt Witebsk wurde eingenommen, eine Besatzungseinheit kam in unser kleines Dorf am Rande von Witebsk. In unserem neuen Haus, das mein Vater gebaut hatte und in dem wir erst einen Winter gelebt hatten, machten sich die Deutschen breit. Wir wohnten mit ihnen zusammen, sie taten uns nichts, aber wir hatten große Angst. Ich weiß noch, wie ein deutscher Soldat mich als kleines blauäugiges Mädchen auf seinem Arm durchs Zimmer trug. Wahrscheinlich hatte er zu Hause auch Kinder, und wir erinnerten ihn an seine Familie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber so lebten wir nicht lange, bald mussten alle Bewohner ihre Häuser verlassen und wurden alle zusammen in ein Haus gepfercht. Wir schliefen auf dem Boden, in einer Reihe auf dem Stroh, wie in einer Kaserne. Im Herbst 1943 wurden alle Bewohner aus dem Dorf gejagt und in einer bewachten Kolonne Richtung Witebsk getrieben. Wie einen Schwarzweißfilm sehe ich das düstere Bild von den leidvollen Menschen vor mir, die einen laufen, die anderen fahren, jeder wie er kann, Erwachsene und Kinder mit Bündeln auf dem Rücken. Sie gingen gerade ins Lager, in das „Fünfte Regiment“ – alle standen unter Schock. So viele Menschen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die ersten Tage im Lager war ich gesund, sah, wie um mich herum Kinder krank wurden und starben. Dann erwischte es auch mich. Erst die Masern, dann Scharlach, Mumps, eine Lungenentzündung … Mir tat das Atmen weh, niemand glaubte daran, dass ich überleben würde. Ich erinnere mich, wie ich irgendwo lag, ohne aufzustehen, wollte nichts essen, konnte nicht weinen, weil die Krankheiten mich schon alle Kraft gekostet hatten, zerfressen von Läusen, Wanzen und Flöhen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter mit einem Lappen meinen schmutzigen Körper abrieb, aber sie verteilte nur den Dreck.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann wurden wir aussortiert und zusammen mit unseren Eltern mit einem Zug irgendwo Richtung Westen gebracht. Auch an die Fahrt im dreckigen, durchlöcherten Viehwaggon erinnere ich mich. Lange fuhren wir, an manchen Stationen standen wir stundenlang, ohne Wasser, ohne Essen, manchmal gab es etwas Balanda, die man nicht herunterbekam. Wenn wir hielten, blieb die Tür verschlossen, man durfte nicht raus, seine Notdurft verrichten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der letzte Halt war Litauen, Alytus. Es war Winter, furchtbare Kälte. Wir mussten irgendwohin weiter. Mein Vater ließ mich mitten auf dem schneebedeckten Feld stehen, sagte: „Hab keine Angst, ich komme gleich wieder, ich lass dich nicht allein.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber ich hatte Angst. Ich wollte schreien und weinen, stand da wie angewurzelt. Dann kam mein Vater zurück. Danach erinnere ich mich an nichts mehr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Konzentrationslager Alytus holten sich die Deutschen die Menschen zum Arbeiten. Meine Familie wurde getrennt. Meine Mutter arbeitete bei einem Bauern auf dem Feld, mein Vater arbeitete für die deutsche Armee, mein großer Bruder mit seinen 10–11 Jahren bei einem anderen Bauern, hütete das Vieh, bekam nur ein bisschen Essen dafür. Geld gab es keins, bloß ein Stückchen Brot, etwas gekochtes Gemüse.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich überlebte meine Lungenentzündung, zum Sommer 1944 ging es mir besser. Mit meinen 6 Jahren musste ich wieder laufen lernen, weil meine Beine mich nicht mehr trugen, ich brauchte eine Stütze. Ich hatte immer Hunger, freute mich am meisten über Brot.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Herbst 1944 kehrten wir nach Witebsk zurück. Die Stadt lag in Trümmern. Wir standen vor dem Nichts; unser Haus, unser ganzer Hof war zerstört. Wir zogen in eine kleine Scheune mit winzigem Fenster ganz oben, es gab weder Brot noch Kartoffeln oder Getreide. Ich weiß nicht, wie wir überlebten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann bauten wir Stück für Stück wieder unseren Hof auf: Kauften eine junge Kuh, dann kamen Hühner dazu, ein Ferkel. Das Vieh lebte mit uns in der Scheune. So lebten wir ein paar Jahre lang zusammen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die harten Nachkriegsjahre!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Eltern habe es in ihren fast 40 Jahren, die sich nach dem Krieg gelebt haben, nicht geschafft, alles wiederaufzubauen, was sie verloren hatten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin jetzt 80 Jahre alt, 38 Jahre davon habe ich mit Kindern gearbeitet, als Grundschullehrerin. Ich habe zwei Söhne, beide sind Professoren in Witebsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen, den Mitgliedern des Vereins, den Mitarbeitern, den Spendern, allen, die an diesem wohltätigen Werk mitgewirkt haben. Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Frieden und alles Gute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Belarus, Witebsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Schut N. Je.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-13-2017.php</link>
<pubDate>04 Aug 2017 09:58:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Neuer Freitagsbrief Nr. 8</title>
<description>&lt;p&gt;Maria Fjodorowna Makejenok&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Werchnedwinsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Jahr 2013.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Verein KONTAKTE-KONTAKTY e.V.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Makejenok Maria Fjodorowna, möchte Ihnen mitteilen, dass ich die Hilfe in Höhe von 300 Euro und den Brief erhalten habe. Ich bin Ihnen sehr dankbar, vielen Dank. Ich habe sie in Belorussische Rubel umgetauscht und entsprechend ausgegeben (habe den Fußboden in der Wohnung erneuert, Farbe gekauft, gemalert und einen neuen Herd gekauft). Ich wohne allein, ich bin 86, habe einen kleinen Garten, in dem ich ein wenig arbeite.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ja, dieser schreckliche Krieg blieb fürs ganze Leben im Gedächtnis. Unser Haus haben die Faschisten niedergebrannt. Unsere ganze Familie 6 Kinder und die Eltern gingen in den Wald. Im Dorf Latygowo wohnten Verwandte der Mutter. Die Deutschen haben alle Einwohner dieses Dorfes in den Wald gejagt und erschossen. Das Dorf wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. Im Dorf Ardawskoje wohnten mit ihren Familien zwei Schwestern. Sie haben uns auch aufgenommen, aber nicht für lange. Im Frühjahr 1943 kamen die Deutschen auch dorthin. Dort lebten in Erdhütten auch Flüchtlinge. Die Faschisten haben alle in unsere Erdhütte gejagt und ein Deutscher begann zuerst aus nächster Nähe mit der Pistole zu schießen. 13 Menschen hat er erschossen und 2 Granaten geworfen. Unsere Familie war dort. Der Vater wurde von Granatsplittern verletzt, die kleine Schwester Tanja am Bein. Zwei Schwestern und ihre Töchter wurden getötet. Im Buch „Zum Gedenken“ ist alles verzeichnet. Wer verwundet am Leben blieb, kroch aus der Erdhütte und ging wieder in den Wald. Gott allein weiß, wie wir überlebten, 1944 wurden wir befreit. Wir kamen zu einem nackten Feld, nur Ruinen. Wir wussten nicht, womit beginnen. Wir bauten Erdhütten. 1950 gebar ich in der Erdhütte, ohne Ärzte, meinen Sohn Valera. Einige Zeit später sind wir aus diesen Erdhütten ausgezogen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere Generation hatte es sehr schwer. Ich habe zwei Enkel, die beim Militär in Russland sind. Der Urenkel ist in diesem Jahr in die Armee eingezogen worden. Ich bin aufgeregt deswegen, hoffentlich bleibt alles ruhig. Ich erzähle meinen Enkeln und Urenkeln von diesem blutigen Abschlachten, das die Faschisten unserem friedliebenden und fleißigen Volk angetan haben und wie wir durchgehalten haben und siegten. Gott gebe unseren Veteranen Gesundheit. Mein Mann war auch im Krieg, war verwundet. Vor 12 Jahren habe ich ihn verloren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bedanke mich nochmals für die Hilfe. Gott möge Ihnen allen Gesundheit geben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll Maria Fjodorowna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Martin Creuzburg.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-12-2017.php</link>
<pubDate>28 Jul 2017 07:18:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Neuer Freitagsbrief Nr. 7</title>
<description>&lt;p&gt;Gennadij Grigorjewitsch Pusako (geb. 1927)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sofja Wladimirowna Pusako (geb. 1928)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bezirk Werchnedwinsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;06.01.2014.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;es schreibt Ihnen Pusako, Gennadij Grigorjewitsch (geb. 1927) und Pusako, Sofja Wladimirowna (geb. 1928). Wir leben heute im Bezirk Werchnedwinsk, Gebiet Witebsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als der Große Vaterländische Krieg ausbrach, waren wir 14 und 13 Jahre alt. Damals lebte ich (Gennadij) im Dorf Wysozkoe und Sofja im Dorf Polykowschtschina. Die erste Erinnerung an die Ankunft der Deutschen ist folgende: Einige Dutzend deutscher Soldaten kamen auf Fahrrädern angefahren. An diesem Tag brachten sie niemanden um, es handelte sich um eine Erkundung. Sie waren hungrig und griffen sich Hühner, nahmen Milch und Eier, und wir fingen an, uns fertig zu machen, verließen unsere Häuser und flohen in den Wald, dort verbrachten wir etwa 4 Jahre. Ich war gemeinsam mit meinen Brüdern eine Zeit lang Teil der Partisaneneinheit „KIM“. Dann zog die Einheit hinter die Frontlinie, und ich kehrte zu meinen Eltern in den Wald zurück. Nahrung besorgten wir in Dörfern, die Bewohner vergruben Getreide in der Erde, als sie ihre Dörfer verließen. Wir suchten diese Erdgruben, buddelten das Getreide aus, dämpften und aßen es. Wir waren ständig hungrig, schliefen direkt auf der Erde auf Tannenzweigen, im Winter genauso. Wir waren etwa 30 Leute, alles Alte, Frauen und Kinder. Unsere Hauptbeschäftigung bestand darin zu spähen, ob die Deutschen kamen. Deutsche Soldaten kamen etwa 2–3 Mal im Monat mit Strafaktionen, fanden uns jedoch nicht. Verbindung zur Außenwelt hatten wir keine, uns erreichten keine Nachrichten. Ich lebte mit meinen Eltern und meinen Brüdern Pjotr, Fjodor, Sergej und meiner Schwester Alja. Unser Bruder Wolodja kämpfte an der Front, im Landheer, wurde mehrmals verwundet, aber blieb am Leben und ging durch den ganzen Krieg. So lebten wir bis zum Juli 1944. Bis zu dem Zeitpunkt, als Soldaten der Roten Armee kamen und sagten, wir könnten den Wald verlassen, weil sie die Deutschen bereits weit fortgejagt hätten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen von einem Ereignis in dieser Zeit berichten. Es trug sich am frühen Abend zu. Wir hörten Leute rufen, die Deutschen kämen, und rannten auseinander. Im Wald hatten die Einwohner eines jeden Dorfes ihre eigene Stelle. An dieser Stelle versteckten sich die Bewohner bei Gefahr. Die Stelle war überhaupt nicht eingerichtet, einfach Wald, in dem sich die Menschen unter Bäumen versteckt hielten. Auf dem Weg der Deutschen lag als erstes das Versteck der Dorfbewohner von Jarmolino, sie wurden als erste entdeckt und allesamt erschossen. Während sie das taten, dämmerte es, und die Deutschen gingen aus Angst vor der Dunkelheit weg, denn in der Nacht waren die Partisanen aktiv. Dieser Ablauf der Ereignisse half uns zu überleben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schreibe Ihnen, um meine Erinnerungen an die Strafaktionen gegen Zivilisten, die auf dem Territorium der Republik Belorus durchgeführt wurden, mit den jüngeren Generationen der Deutschen zu teilen, denn die Erinnerungen an jene Tage wiegen schwer, wir wurden unserer Kindheit beraubt und lebten unser ganzes Leben mit der Unmöglichkeit, die schrecklichen Tage des Krieges jemals zu vergessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Pusako G. G. und Pusako S. W.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Dankbarkeit für die finanzielle Hilfe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-11-2017.php</link>
<pubDate>21 Jul 2017 09:58:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Neuer Freitagsbrief Nr. 6</title>
<description>&lt;p&gt;Jewgenij Iwanowitsch Ishochin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Witebsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;23.02.2017.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Mitglieder, Mitarbeiter, Spender, Aktivisten des Vereins Kontakte,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;wir danken Ihnen für Ihr Verständnis und die Hilfe, die Sie uns leisten, den Kindern des Krieges – denn die ältere Generation ist heute nicht mehr am Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In unseren Gebieten fanden erbitterte Kämpfe zwischen den deutschen Truppen, der regulären Sowjetarmee und den Partisanen statt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich erinnere mich an einen Vorfall: Ein Deutscher, ein Arzt, bat uns Jungen darum, sein Motorrad zu waschen. Er gab uns Süßigkeiten und bemerkte dabei, dass ich an meinen Armen die Krätze hatte, also nahm er mich mit in die Sanitätsstelle (ich hatte Angst mitzugehen, ich war 9 Jahre alt), gab mir Süßigkeiten. Er behandelte meine Arme, bald danach ging es mir besser. Zur selben Zeit hatte unsere Mutter Typhus. Am Haus hing ein Schild, dass der Zutritt verboten war. Aber dieser Arzt ging ins Haus und behandelte meine Mutter. Nicht alle Deutschen waren also schlecht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin die Frau [von Jewgenij] und schreibe seine Worte auf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als die Front näher kam, wurden wir aus unseren Häusern vertrieben und gingen zu Fuß weg von der Frontlinie. Mitnehmen konnten wir nichts. Wir haben alles verloren: unser Haus, unseren Besitz, unser Vieh. Als wir nach Hause zurückkehrten, fanden wir nur Asche und Zerstörung vor – die Häuser waren verbrannt worden. Im ganzen Umkreis gab es kein Haus, das noch gestanden hätte. Zwei Jahre lang lebten wir in einer Erdhütte, ernährten uns von Grünzeug, Beeren und Pilzen. Es war sehr hart, wir hatten nichts zu essen, nichts anzuziehen, kein Haus. Shenja [Kurzform von Jewgenij, d. Übers.] erzählt, wie er einmal eine Pelzmütze gefunden hat, und darin lagen Knochen. Er schüttelte sie aus und trug sie noch mehrere Winter. Durch unsere Gegend verlief die Hauptstraße zwischen Witebsk und Polozk, und darum kämpften die Deutschen und die Russen. Die Frontlinie verlief neun Monate lang hier.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich selbst war in einer anderen Gegend, in Welisha, Oblast Smolensk. Während des Krieges, 1941 bei Smolensk, ist mein Vater verschollen. Als die Deutschen bei uns waren, schliefen meine Großmutter und ich auf dem Ofen, meine Mutter und ihre Schwester in der Scheune (sie waren 26 Jahre alt). Ich weiß noch, wie meine Großmutter auf sie schimpfte, sie sollten bloß nicht den Deutschen unter die Augen kommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man könnte endlos darüber schreiben. Aber ich möchte mich bedanken, dafür, dass es bei Ihnen in Deutschland Menschen gibt, die verstehen, sich daran erinnern und die Wahrheit über den Krieg kennen: Wie schwer es für uns Belarussen war. Es wäre gut, wenn Ihre Regierung das versteht und die Kinder des Krieges nicht vergisst. Ja, sie hat den Menschen geholfen, die in Konzentrationslagern waren, aber wir Kinder haben keinerlei Hilfe bekommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe und dafür, dass Sie uns nicht vergessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In unserem Dorf wurde ein großes Gedenkzentrum errichtet, das den in unserer Gegend gefallenen Kämpfern gewidmet ist. Hier liegen ungefähr 5.000 (fünftausend) Soldaten und Offiziere begraben. Insgesamt sind in unseren Gebieten an die 10.000 (zehntausend) Soldaten und Offiziere gefallen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zudem befindet sich an der Schule hier ein großes Museum, in einem freistehenden großen Haus. Das Museum heißt „Geschichte des Saronowskij Kraj“. Einen großen Platz nimmt darin die Kriegsthematik ein. Es gibt ein Buch, in dem alle namentlich genannt sind, die hier gefallen sind – an die 10.000 Menschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 9. Mai, dem Tag des Sieges, kommen viele Verwandte der Gefallenen zu uns. Also laden wir auch Sie herzlich ein, zum Tag des Sieges herzukommen und das Gedenkzentrum zu besuchen. Es waren schon einmal Menschen aus Deutschland hier – kommen Sie auch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Geschrieben habe ich, Ishochin Talina Michajlowna (geb. 1937), die Ehefrau von Ishochin Jewgenij Iwanowitsch (geb. 1934) ….&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-10-2017.php</link>
<pubDate>14 Jul 2017 12:48:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Neuer Freitagsbrief Nr. 5</title>
<description>&lt;p&gt;Dmitrijewa Tatjana Fjodorowna&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Witebsk.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;14.05.2016&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender der Organisation „Kontaky“ Gottfried Eberle!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es wendet sich an Sie die Bürgerin der Republik Belarus Dmitrijewa Tatjana Fjodorowna …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zunächst, Herr Gottfried Eberle, möchte ich Ihnen für Ihren humanitären Einsatz danken und den Wunsch, den Nazismus A. Hitlers zu verurteilen, seine menschenfeindliche Politik und den grausamen Krieg, den er vielen Völkern Europas aufgezwungen hat, und der, wie sich im Nachhinein herausstellte, sogar für Deutschland selbst sinnlos war – und für die anderen Völker eine schreckliche Tragödie. Ich bin froh, dass es in Deutschland Menschen gibt, die das Wesen von Hitlers Nazipolitik verstehen und bereit sind, sich vor den anderen Völkern für ihren Landsmann zu entschuldigen, der schreckliches Leid über Millionen von Menschen gebracht hat, in meiner Heimat Belarus jedes dritte Menschenleben ausgelöscht hat. Und heute, damit alle Völker der Erde in Frieden und Freundschaft leben können, müssen alle Politiker der Welt die unumstößliche Wahrheit begreifen, dass nämlich alle Völker auf dem Planeten Erde das Recht auf ein Leben in Frieden und Freiheit haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin von Beruf Lehrerin für Russisch und Literatur. Stets habe ich der jungen Generation in meinem Land beigebracht, andere Völker zu respektieren, einschließlich der Deutschen, denn das deutsche Volk trägt nicht die Schuld an der Tragödie des vergangenen Jahrhunderts.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und nun zu Ihrer Bitte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 21. Juni 1941, genau um 4 Uhr morgens, fielen bereits Bomben auf Kiew. Im Radio wurde verkündet, dass der Krieg begonnen habe. Belarus lag an den westlichen Außengrenze der UdSSR. Die Belarussen bekamen als erste zu spüren, was dieser Krieg, der für uns überraschend kam, bedeutet. Trotz der Heldentaten und der Tapferkeit der Verteidiger der Brester Festung konnte der Vormarsch der mächtigen deutschen Armee nicht aufgehalten werden. Bis nach Mogiljow schritt sie ziemlich schnell voran. Auf dem Bujnitschi-Feld bei Mogiljow gab es am 12. Juli 1941 einen erbitterten Kampf, er dauerte 14 Stunden an. Von Mogiljow bis nach Tschawussy sind es 46 km, und von Tschawussy bis zu meinem Dorf Riminka sind es 17. Die Deutschen überwanden diese Entfernung schnell, marschierten weiter, und wir fanden uns auf besetztem Gebiet wieder, vom 15. Juli 1941 bis zum 25. Juni 1944. Und als die Deutschen wieder auf dem Rückzug waren, verharrte die sowjetisch-deutsche Front lange, von Oktober 1943 bis Juni 1944, in der Gegend von Tschawussy am Fluss Pronja. Neun Monate lang wurde erbittert gekämpft. Von der Kreishauptstadt Tschawussy war nichts mehr übrig, nur zwei Friedhöfe und viele Soldatengräber. All diese Ereignisse sind im Buch „Befreiung …“ beschrieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf diese Weise befand mein Dorf sich plötzlich im Frontgebiet. Alle jungen Männer waren seinerzeit in die Sowjetarmee geholt worden, und niemand kehrte nach Hause zurück. Im Krieg fiel auch mein älterer Bruder, die Nachbarn verloren vier Söhne.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den besetzten Gebieten fühlten sich die Deutschen wie die Hausherren. Deshalb zwangen sie auch Frauen dazu, Verteidigungsgräben zu schaufeln, und die älteren Männer, die aufgrund ihres Alters nicht in die sowjetische Armee eingezogen worden waren, zwangen sie, den Wald entlang der Eisenbahngleise abzuholzen. Und eines Tages traf mein Vater den Draht einer Mine, die die Partisanen gelegt hatten, sie explodierte, und mein Vater erlitt eine schwere Schädeprellung. Lange konnte er nichts mehr hören, und später quälten ihn Kopfschmerzen bis ans Ende seines Lebens.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Dorfbewohner hatten sehr viel Angst vor den Deutschen, darum hoben sie im Wald Erdhütten-Gruben aus und versteckten sich darin. Was ist eine Erdhütten-Grube? Das ist ein bis zu 1,5–2 Meter tiefes Loch in der Erde. Ein Dach aus kleineren Hölzern, obenauf mit Moos maskiert. Und ein Durchschlupf. Man saß und schlief auf Tannenzweigen. So viele Menschen, wie gerade hineinpassten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Menschen waren halbverhungert, hatten keine Banja, wechselten ihre Sachen nicht, Wasser war knapp. Von dem Dreck und der Enge verbreiteten sich schnell massenhaft Läuse. Ich weiß noch, wie wir einmal über dem Feuer Kartoffeln kochten, anstatt Salz nahmen wir Dünger. Das gab einen schwarzen Schaum. Alle aßen diese Kartoffeln, und es kam uns so vor, als gäbe es nichts Besseres.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Dorf Riminka war groß, um die 150 Höfe. Es war in drei Siedlungen unterteilt. Und eines Tages brannten die Deutschen aus irgendeinem Grund das ganze Dorfbis auf das letzte Haus nieder. Auch die umliegenden Dörfer wurden abgebrannt. Unser Dorf lag am Rande eines großen Waldes, dazwischen verlief ein kleiner Fluss. Manche traten an den Rand des Waldes hinaus uns sahen, wie ihre Häuser brannten, und alles andere auch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir hatten keinen Ort zum Überwintern, und so brachen wir nach Osten in die Evakuierung auf. Fuhrwerke gab es nur wenige, denn es gab keine Pferde. Kleine Kinder wurden mitgenommen, die Erwachsenen gingen zu Fuß. Wir schliefen nachts unter freiem Himmel. Einmal hielten wir zum Rasten auf einem Feld mit Heuhaufen. Daneben war Wald. Plötzlich tauchten deutsche Flugzeuge auf und warfen Flaschen ab, die mit Brandbeschleuniger gefüllt waren. Ich erinnere mich, dass auf einmal Feuer loderten, die Heuhaufen brannten. Die Menschen rannten in den Wald, aus den Flugzeugen wurde geschossen. Der Wald entpuppte sich als Sumpf. Ich rannte zusammen mit meiner großer Schwester, aber ich war langsamer und ging verloren. Fremde Menschen fanden mich und übergaben mich an meinen Vater, der gerade dabei war, fremde Kinder zu retten. Zum Glück überlebten wir. Die Flugzeuge waren weg. Nass, durchgefroren und hungrig vergruben wir uns im Heu und schliefen ein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann zogen wir weiter. Unsere Familie blieb in der Nähe der Stadt Kritschew, im Dorf Djagowitschi. In dem Haus lebte eine Frau. Sie teilte einfach alles mit uns. Wir, meine Schwester und ich, hatten ständig Hunger. Manchmal baten wir unsere Eltern um Essen, und sie sagten: „Macht die Augen zu, legt euch hin und schlaft ein, dann geht der Hunger weg.“ Und als die Hausfrau im Frühling Bohnen im Garten gepflanzt hatte, lief ich hinter die Scheune, grub die Bohnen aus und aß sie ungewaschen. Dann entdeckte die Hausfrau, warum die Bohnen nicht aufgingen. Ich bekam schlimmen Ärger, damit ich das nicht nochmal machte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir aus der Evakuierung nach Riminka zurückkehrten, gab es nichts, wo man hätte wohnen können. Mein Vater baute eine Erdhütte und darin einen Ofen aus selbstgemachten Ziegeln. Wir rührten Ton an und fertigten die Ziegelsteine selbst. Dann baute Vater ein kleines Häuschen aus Holz, das später unsere Scheune wurde. Mit der Zeit errichtete mein Vater dann ein richtiges Haus.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu essen hatten wir nichts. Im Frühling durchpflügten unsere Eltern und wir Kinder die Kolchosefelder auf der Suche nach liegengebliebenen Kartoffeln. Wuschen sie, machten die Schale ab und brieten Puffer. Damals schien es uns, es sei das leckerste Essen der Welt. Im Sommer sammelten wir Beeren, Pilze, Ampfer, aus dem wir Suppe kochten. Feste Schuhe hatten wir keine, deshalb liefen in der kalten Jahreszeit sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder in Bastschuhen herum.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wie wir damals überlebten, das lässt sich heute mit dem Verstand nicht mehr erklären. Wahrscheinlich, weil wir Kinder die Angst, die Not, das Leid, die Kälte und den Hunger anders als die Erwachsenen erfuhren. So war meine Kindheit. Im Grunde hatte ich keine, genau wie alle meine Altersgenossen in meiner Belarus. Heute haben wir, natürlich nicht ohne Grund, einen Haufen Krankheiten, die damals gesät wurden, in der kalten und hungrigen Kindheit, in der ständigen Angst um unser Leben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dmitrijewa T. F.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_485.php</link>
<pubDate>14 Jul 2017 12:36:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>528. Freitagsbrief (vom 25.07.2012, aus dem Russischen von Martin Creutzburg)</title>
<description>&lt;p&gt;Wladimir Mefodjewitsch Pleiko&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Witebsk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag! Gestern habe ich in der Zeitung „Argumente und Fakten“ die Ansichten des Mitglieds des Vorstandes der deutschen öffentlichen Vereinigung „Kontakte-Kontakty“ Eberhard Radcuweit gelesen: „Der Krieg mit den Augen von Deutschen“. Ich, wie auch andere, die in den Kriegsjahren gelitten haben, unterstütze und begrüße Ihre Position. Ein wenig über mich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Pleiko Wladimir Mefodjewitsch, wurde am 6. Juli 1937 in der Stadt Osweja, Werchnedwinsker Rayon, Witebsker Gebiet, Belorussland, geboren. Als der Krieg begann, war ich 4 Jahre alt. Alle Ereignisse, von denen ich berichte, sind natürlich Erinnerungen meiner Eltern, die ich für mein ganzes Leben im Gedächtnis behalten habe. Da ich mich in diesem Alter nicht erinnern konnte. Sie waren unmittelbare Zeugen und Teilnehmer dieser Ereignisse in den Jahren des Krieges.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ende Juli 1941, nach der Bombardierung unserer Wohnsiedlung, drangen die Deutschen in die Stadt ein. Das erste, was sie machten, war, dass sie eine Gruppe von Juden erschossen, wo heute im Park die Gräber und Gedenksteine sind. Nach diesen Ereignissen zogen wir in das Dorf Abrasejewo, wo mein Großvater väterlicherseits wohnte. Mein Vater, Jahrgang 1912, war Invalide seit der Kindheit und war von der Wehrpflicht befreit. Aber lange konnten wir in Abrasejewo nicht leben. Es begannen Razzien, Tötungen, und wir alle aus dem Dorf, die konnten, gingen in den Wald, verließen Haus und Besitz. Wir bauten Erdhütten, Erdgruben, in denen wir den ganzen Krieg über wohnten. Als die deutschen Razzien durch die Erdhütten kamen, wurden alle, die vorgefunden wurden, erschossen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir hatten Glück, wir blieben am Leben. Im Februar bis März 1943 haben die Hitlerschen Halsabschneider die nächste schreckliche Operation unter der Bezeichnung „Winterzauber“ durchgeführt. Der gesamte Osweijsker Rayon wurde faktisch vom Gesicht der Erde getilgt, in ihm blieb nicht ein einziges Gebäude ganz. Die „Osweijsker Tragödie“ – ist die schrecklichste und tragischste Seite in der Geschichte des Krieges auf dem Territorium Belorusslands. Bei dieser Operation wurden 2/3 der Bevölkerung des Rayons getötet, mehr als 6000 hauptsächlich Kinder, Alte und Frauen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber ich möchte von einem Fall berichten, an den ich mich erinnern kann, da ich schon 7 war und er dauerte drei Tage, als die Rote Armee uns befreite. Wir versteckten uns im Gebüsch südlich von Osweja im Forst Michalino, unweit des Dorfs Abrasejewo. Wir waren etwa 20 Kinder, Alte, Frauen. Wir befanden uns im Niemandsland zwischen den Deutschen im Westen und den Russen im Osten. Wir liefen und machten dann eine Rast, da war sehr hohes Gras und reichlich Tau. Plötzlich kamen auf unserem Pfad drei deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen und einer Rolle Telefondraht. Das waren Nachrichtenleute, die eine Leitung verlegten. Wir waren alle ganz verwirrt von dem plötzlichen Erscheinen der Soldaten. Aber sie waren nicht aggressiv. Die Sprache nicht kennend zeigten die Frauen mit Gesten, was sie brauchten, nämlich Streichhölzer. Ein Soldat gab Streichhölzer, zeigte auf den Himmel und sagte: „Russ –bom –bom“. Gab uns zu verstehen, dass man nachts kein Feuer machen sollte, weil russische Flugzeuge kommen und Bomben werfen. Ich erschrak sehr und begann, auf die Hände meines Vaters zu weinen. Ein Soldat kam zu mir streichelte meinen Kopf und gab mir eine Tafel Schokolade. Das war die erste und letzte Tafel Schokolade meiner Kindheit. Das habe ich für mein ganzes Leben im Gedächtnis behalten, habe meinen Kindern und Enkeln davon erzählt. Ich bin jetzt 75 Jahre alt. Am 28. April 2012 habe ich mit meiner Frau Rimma Franzewna goldene Hochzeit gefeiert. Bei uns ist alles in Ordnung. Die Ironie des Schicksals will, dass meine Kinder, Enkel und Enkelinnen in Kaliningrad wohnen und Freunde in Deutschland haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll Wladimir Pleiko.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Indem ich diese Episode den Kindern und Enkeln erzählte, wollte ich damit sagen, dass nicht alle Deutschen Killer und Halsabschneider waren.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-8-2017.php</link>
<pubDate>30 Jun 2017 09:16:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>527. Freitagsbrief (vom 14.05.2016, aus dem Russischen von Jennie Seitz)</title>
<description>&lt;p&gt;Sadowskij Stanislaw Petrowitsch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Woropajewo.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender der Organisation „Kontaky“ Gottfried Eberle!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es schreibt Ihnen Sadowskij Stanislaw Petrowitsch aus der Republik Belarus. Ihre Adresse habe ich von Stepanida Tichanowitsch erfahren. In Ihren Brief bitten Sie uns Belarussen, Ihnen unsere Erinnerungen an den Großen Vaterländischen Krieg zu schicken. Das ist, wie ich finde, ein gutes Unterfangen. Und ich werde Ihrer Bitte gerne nachkommen. Es sind nicht mehr viele übrig von uns, die sich an diesen schrecklichen Krieg erinnern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier sind meine Ausweisdaten: Ausweisnummer: persönliche ID:[……], Sadowskij Stanislaw Petrowitsch, Geburtsdatum: 25.05.1937, Geburtsort: Republik Belarus, Gebiet Witebsk, Kreis Postawy, Dorf Pawljugi.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anmerkung: In Wirklichkeit wurde ich 1935 geboren, aber meine Geburtsurkunde war nirgends aufzufinden, deshalb trug die ärztliche Kommission bei meiner Einberufung in die Armee als Geburtsjahr das Jahr 1937 ein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und nun möchte ich berichten, was ich über den Krieg noch weiß. Es war so:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Überraschungsangriff der Deutschen auf die Sowjetunion, und also auch Belarus, im Juni 1941, fing man bald an, Partisaneneinheiten zu gründen, die gegen die deutschen Besatzer für die Befreiung von Belarus kämpften. Die am meisten patriotischen, gebildeten und mutigen Leute schlossen sich den Partisaneneinheiten an, die so gut sie konnten einen Kampf gegen die deutschen Truppen und die Polizaj führten. Natürlich konnten die Partisanen nicht legal überleben, deshalb versteckten sie sich in den großen Wäldern, wo sie Erdhütten bauten, in denen sie lebten. Nahrungsmittel besorgten sie in den am Wald gelegenen Dörfern. Und die Zivilisten mussten die Partisanen ernähren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Schon im Sommer 1942 bekamen wir in unserer waldreichen Gegend Besuch von Deutschen und der Polizaj, die überprüften, wer sich den Partisanen angeschlossen hatte. Wenn Partisanenfamilien aufgespürt wurden, wurden sie erschossen. Doch diese grausamen Maßnahmen führten nicht zum gewünschten Ergebnis. Die Partisanenbewegung breitete sich aus, der Kampf wurde umso erbitterter geführt und brachte den deutschen Einheiten zahlreiche Verluste ein. Die Partisanen vernichteten Polizeiwachen, töteten die deutschen Dorfältesten, zerstörten Eisenbahnbrücken, Straßen und Wasserpumpen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Deshalb beschloss die deutsche Befehlsführung im Sommer 1943, die Partisanen und alle Dörfer, die in Waldnähe lagen, zu vernichten, um so die Partisanen von der Lebensmittelversorgung abzuschneiden. Wir hatten bereits gehört, dass die Deutschen in Belarus eine Belagerung der Partisanen planten. So nannte man bei uns diese Operation.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und so kamen eines Abends im Oktober 1943 Deutsche und Polizaj auf Motorrädern und Fuhren in unser Dorf Pawljugi. Die Nacht verbrachten sie in unserem Dorf. Ihre Leute patrouillierten in der Nacht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am nächsten Tag versammelten sie alle Menschen im Dorfzentrum. Das Dorf bestand aus 29 Höfen. Vor die Menschen stellten sie einen Karren mit einem Maschinengewehr obenauf. Alle waren starr vor Angst, manche Frauen hielten es nicht aus und fingen an zu weinen, weil sie dachten, dass gleich alle erschossen würden. Dabei wollte man leben, nicht sterben. Nach einer Weile sagte der deutsche Kommandeur über seinen Dolmetscher, unser Dorf befinde sich in der Partisanenzone und müsse deshalb vernichtet werden. Alle Bewohner würden umgesiedelt. Daraufhin sagten sie, alle müssten ihre Kühe an eine Stelle am Ende des Dorfes bringen, wählten ein paar junge Leute aus, denen sie befahlen, die Kühe zur Bahnstation in Woropajewo zu treiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann befahl der deutsche Kommandeur, Pferde vor die Karren zu spannen und Kleidung und Lebensmittel für einige Tage mitzunehmen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater war noch 1942 an einer Erkrankung verstorben. Ein Pferd besaßen wir nicht. Also setzte ich mich auf den Karren meines Onkels. Meine Mutter lief die meiste Zeit zu Fuß. Auf dem Weg nach Woropajewo begegnete uns noch so ein Tross aus dem Nachbardorf Borejki. Zu diesem Zeitpunkt sahen wir schon, wie unsere Dörfer brannten – Pawljugi, Barejki, Jakimowzy, Kewlitschi, Stachowskije. Die Frauen weinten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am Abend kamen wir in Woropajewo an. Untergebracht wurden wir im Park des Grafen Pschesdezkij auf einem Platz, der von Stacheldraht umgeben war. Frauen und Kinder verbrachten die Nacht auf den Fuhrwerken, den Männern erlaubte man, die Pferde am See weiden zu lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am nächsten Morgen wurden alle in der Mitte des Platzes versammelt und aufgereiht. Ich stand neben meiner Mutter, barfuß, denn ich besaß keine Schuhe. Meine Mutter und ich lebten in Armut ohne Vater.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Deutschen stellten die Jungen und Arbeitsfähigen auf die eine Seite, ältere Erwachsene, Alte und Kinder auf die andere. Die jungen Leute führten sie zur Bahnstation, die sich in der Nähe befand, luden sie in Güterwaggons und brachten sie weg Richtung Litauen. Wie wir später verstanden, wurden sie zum Arbeiten nach Deutschland geschickt. Wohin unsere Kühe gebracht wurden, weiß ich nicht. Was aus unseren Schafen, Hühnern und Gänsen wurde, weiß ich auch nicht. Entweder sind sie verbrannt oder man hat sie auf Fahrzeuge geladen und weggebracht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Den übrigen Menschen sagte man offen und geradeheraus: „Geht, wohin ihr wollt!“ Von meinem Onkel, dessen Familie nach Deutschland gebracht worden war, waren das Pferd und der Karren übriggeblieben. So waren wir auf einmal reich, besaßen Pferd und Karren, worüber wir uns sehr freuten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Mutter und ich gingen zurück in das Dorf Kejsiki, in der Nähe von Woropajewo, wo unser Verwandter Kejsik Fjodor mit seinen drei Kindern lebte. Um zu überleben, gingen meine Mutter und ich durch die Dörfer und baten um Hilfe. Bei uns sagt man dazu „shabrowat“ [„Herumbetteln“].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1944 wurde unsere Gegend durch die Sowjetarmee befreit/. /Wir dankten unserem Verwandten Kejsik Fjodor für das Obdach und fuhren zurück in unser Dorf Pawljugi. Dort lebten wir in einer Erdhütte, die ein Verwandter gebaut hatte. Ernährten uns von Kartoffeln, die wir auf den Feldern fanden, von den Kernen irgendeiner Pflanze, später sammelten wir Beeren und Pilze, im Herbst kamen Äpfel hinzu, eigene Gurken und Tomaten, neue Kartoffeln, grüne und Ackerbohnen. Auch das Korn reifte heran. So überlebten wir.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1944 war ich erst zehn Jahre alt. Meine Mutter und ich beschlossen, unser Pferd gegen einen Stoß Holzbalken einzutauschen. So begann ich mit der Hilfe von Verwandten und guten Nachbarn ein Haus zu bauen. In der warmen Jahreszeit lief ich barfuß herum, im Winter in Bastschuhen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Erst 1946 ging ich in eine Schule, die im Dorf Piskuny im Privathaus von Matyrew Jewgenij eröffnet hatte. Ich schloss sieben Klassen ab. Mein ganzes Leben arbeitete ich als Förster. Jetzt lebe ich in Woropajewo und habe es auf 80 Jahre gebracht. Erstaunlich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das ist es, was ich über den Krieg noch weiß, und über das harte Leben, an das ich mich nur ungern erinnere, es ist schwer.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Mühsal von damals ist bereits vergessen, ich will niemandem böse sein. Wir möchten mit allen Völkern in Frieden und Freundschaft leben. Die Belarussen sind friedliebende Menschen.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-7-2017.php</link>
<pubDate>23 Jun 2017 13:25:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Lappo Anatolij Semenowitsch</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Witebsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;24.03.2017.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrter Eberhard Radczuweit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihre Hilfe und den Brief erhalten, in dem Sie mich bitten, meine Erinnerungen an den Krieg 1941–45 mit Ihnen zu teilen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass es noch Menschen gibt, die für die Taten des Faschismus, der in jenen Jahren an der Macht war, noch Scham empfinden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1941, im September, bin ich 7 Jahre alt geworden. Wir lebten in einem kleinen Dorf in großen Familiengemeinschaften zusammen (Eltern, Kinder, Enkel). Die Erwachsenen arbeiteten im Kolchos, pflanzten, säten, ernteten, hielten Vieh, hatten genügend von allem. Manchmal wurden Feste gefeiert, dann wurde gesungen und getanzt. Alles ging ruhig und friedlich zu. Plötzlich hieß es – „Krieg“. Dieses Wort donnerte in aller Ohren. Die jungen und erwachsenen Männer wurden zum Kriegsdienst einberufen, im Dorf blieben Frauen, Kinder und alte Leute zurück. Es kehrte unruhige Stille ein. Dann trieben Herden von Kühen, Schweinen und Schafen durchs Dorf. Sie liefen von Westen nach Osten. Der Anblick dieser Tiere war schrecklich, sie waren ausgelaugt und entkräftet, die Kühe hatten geschwollene Euter, die Frauen melkten die Milch einfach auf den Boden ab und weinten dabei.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Plötzlich rief jemand: „Ein Deutscher!“ Die Dorfbewohner kamen herbeigelaufen, um ihn anzusehen. Ein einfacher Soldat war das, in deutscher Uniform und einem Ranzen auf dem Rücken. Woher er kam und wohin er ging, wusste niemand, offenbar hatte er den Anschluss verloren und sich verlaufen. Als er die herbei kommenden Menschen sah, begann er zurückzuweichen, mit dem Rücken zum Zaun. Am Zaun blieb er bewegungslos stehen. Die Leuten standen eine Weile herum, beschauten ihn – sah aus wie ein ganz normaler Mensch, und gingen auseinander. Der Deutsche lief langsam in Richtung der Eisenbahnstrecke und ging entlang der Gleise davon. Wahrscheinlich hat auch er sich davon überzeugen können, dass hier nicht irgendwelche Tiere, sondern ganz gewöhnliche Menschen lebten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser Dorf war nicht besonders groß, es war nicht umgeben von dichten Wäldern, Partisanen gab es bei uns keine, dafür verlief in der Nähe eine Eisenbahnstrecke. Sie verband Witebsk mit Smolensk und Moskau. Die Deutschen hatten die Kontrolle über diese Strecke, es gab einen Kommandanten, der Russisch sprach. Die Züge rollten einer nach dem anderen vorbei, vorneweg mit Sand beladene Plattenwagen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Partisanen waren irgendwo in der Umgebung, etwas weiter weg von uns. Der Partisanenkrieg war schon in vollem Gange, oft wurden Züge in die Luft gesprengt. Ins Dorf kamen Strafbataillone und verlangten, dass man die Partisanen verriet. Sie sperrten alle Menschen in eine Scheune und wollten sie anzünden. Wir überlebten dank dem Kommandanten. Er hatte immer genau verfolgt, von wo die Sprenganschläge kamen, und rettete uns. Ich erinnere mich an einen Vorfall, als man uns in die Scheune gesperrt und schon alles zum Anzünden vorbereitet hatte. Aber der Kommandant zeigte in den Fußspuren im Tau, die in unsere Richtung führten, ein abgerissenes Kabel. Er überzeugte sie, dass wir unschuldig waren. Sie ließen uns aus der Scheune, nahmen einen Dorfbewohner, dem ein Arm fehlte (den hatte er noch vor dem Krieg verloren, durch einen Korndrescher), und erschossen ihn. Wir anderen durften gehen. Die Zugsprengung war kein Einzelfall, sie fanden regelmäßig statt, und jedes Mal hatten wir Angst vor den Bestrafern. Denn das waren tatsächlich keine Menschen, sondern Bestien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte mich aber auch an die normalen, menschlichen Deutschen erinnern, die diesen Krieg genauso wenig wollten wie wir. Ich erinnere mich noch an August, der auf einem Wachturm saß. Er war schon alt, hatte im ersten Weltkrieg gekämpft und war in Gefangenschaft geraten, konnte Russisch. Er kam oft ins Dorf, saß in unserer Hütte mit den Alten zusammen, spendierte denen Zigaretten und uns Kindern Süßigkeiten. Meine Großmutter gab ihm Milch zu trinken. Irgendwann kam er und sagte: „Efrassinja (so hieß meine Großmutter), ich bin /kaputt/, ich muss an die Ostfront.“ Meine Großmutter begann zu weinen, legte ihrem Arm um seinen Kopf und gab ihm einen Kuss. Danach sahen wir ihn nicht wieder. Dann bauten sie den Wachposten ab, demontierten die Eisenbahnschienen und fuhren dort wie auf einer normalen Straße.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Später fanden wir uns mitten in der Kampflinie wieder. In unser Dorf kamen die Deutschen, stellten ihre Kriegstechnik in unseren Höfen ab, jagten uns aus unserem Haus (wir lebten in einer Nische hinter dem Ofen) und zogen selbst dort ein. Und dann begannen die Beschüsse. Ein Geschoss traf unser Haus, explodierte im Dachstuhl. Welches Wunder hat die Deutschen und uns gerettet? Ich weiß es nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor einem der Kämpfe ging der Kommandant durch alle Höfe und warnte die Dorfbewohner auf Russisch: „Bis fünf Uhr früh müsst ihr alle hier weg sein, dann wird gekämpft.“ Mein Großvater machte sich daran, die Stute einzuspannen, damit er uns wegbringen konnte. Der Kommandant warnte ihn wieder: „Vater, jetzt ist es noch hell, ihre Leute werden nicht auseinanderhalten können, ob sie zu ihnen oder zu den Deutschen gehört. Wartet, bis es dunkel ist.“ Aber meine Großmutter begann zu zetern: „Lasst uns fahren! Lasst uns fahren!“ Also fuhren wir los. Wir wurden sofort beschossen. Wir hatten noch Glück, dass dort ein Abhang war, den wir hinabstiegen, so dass man uns nicht mehr sah. Als es dunkel geworden war, fuhren wir in ein anderes Dorf, in dem nicht gekämpft wurde. Bei einem der Beschüsse wurde meine kleine Cousine verletzt, sie war drei, und meine Großmutter. Den deutschen Ärzten gebührt Respekt, ich weiß nicht, ob allen, aber zumindest denjenigen, die den Verletzten Hilfe leisteten, ungeachtet dessen, dass sie Zivilisten waren und nicht deutsche Soldaten. Meine Cousine und meine Großmutter wurden versorgt und verbunden, aber sie hatten bereits viel Blut verloren und starben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Befreiung kehrten wir nach Hause zurück, aber von unserem Dorf war nichts mehr übrig, nicht ein einziges Haus. Es begann ein Leben in Erdhütten. Es war kalt und es gab nichts zu essen. Man kann nicht alle Qualen beschreiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Spuren, die der Krieg hinterlassen hat, waren schrecklich. Es war erbittert gekämpft worden. Die Erde war übersät von den Leichen getöteter Menschen und Pferde. Es war schon warm geworden, das alles begann zu verwesen, in der Luft stand ein Gestank, dass man keine Luft bekam. Deutsche Kriegsgefangene schaufelten Gräben und verscharrten darin alles zusammen (Menschen, Pferde). Bis heute sehe ich dieses Bild vor mir: ein Feld, übersät mit schwarzen Leichen (schwarze Uniformen). Es hatte offenbar einen „Banzai-Angriff“ gegeben, bei dem alle getötet wurden. Und es bleiben nur Fragen: Wozu war das alles gut? Für wen? Warum? Wofür dutzende Millionen Menschen sterben lassen? Nur weil ein Größenwahnsinniger die Welt beherrschen wollte? Alle Völker sind gut, doch was ist mit den Menschen, die die Macht haben?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin bald 83 Jahre alt. Ich werde Kinder hinterlassen, Enkel, Urenkel … Ich habe nur eine Bitte an die Menschheit: Schützt das Leben, schützt unseren Planeten, die Erde. Jedes Volk hat auf dieser Erde seinen eigenen Flecken, lasst die anderen darauf so leben, wie sie es möchten. Lass deine Überzeugungen zu Hause, wenn du in ein fremdes Kloster kommst (so heißt es bei uns).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und an die Wissenschaftler habe ich eine Bitte: Hört auf, Dinge zu erfinden, die die Menschheit zerstören. Steckt eure Arbeit in etwas, das dem Wohle der Menschen dient.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, für die Erinnerung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Verzeihen Sie meine Handschrift, ich bin ein alter Mann.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit herzlichen Grüßen&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lapno A. S.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-6-2017.php</link>
<pubDate>16 Jun 2016 09:59:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Chocholko Sinaida Dmitrijewna</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;>Blisniza&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;21.03.2017.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einen Gruß an alle Menschen in Deutschland!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief erhalten und danke Ihnen für die Sorge um die Menschen in Belarus und auf der ganzen Welt, die zu Opfern des Faschismus wurden. Ich habe geglaubt, das sei Sache der Regierung, nicht die der einfachen Menschen in Deutschland, sie tragen ja keine Schuld an den Grausamkeiten, die die Leute in Militäruniform während des Krieges begangen haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aber auch unter ihnen waren Menschen, die versucht haben, in diesen furchtbar schweren Zeiten zu helfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zum Beispiel, als sie aus einer Höhle unter einer Tanne im Wald vier kleine Kinder, eine 70 Jahre alte Frau und zwei Frauen geholt haben, die von diesem Leben völlig ausgezehrt waren und bei deren Anblick einem die Tränen kamen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einer von [den Deutschen], offensichtlich der Rangälteste, holte aus seiner Tasche ein Foto von seiner Familie hervor, schaute es sich an und gab seiner Mannschaft den Befehl weiter zu reiten, während er der Familie sagte, sie sollte mit den Kindern tiefer in den Wald gehen und sie nicht mehr in solche Höhlen stecken. Dann ritt er seinen Leuten hinterher, um solche Verbrecher, wie sie es selbst waren, zu jagen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das war offenbar, nachdem es einen Befehl gegeben hatte, keine Menschen umzubringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Noch ein ähnlicher Fall von menschlicher Güte, wenn auch in furchterregender Uniform – auf ihren Ärmeln waren gespaltene Schädel abgebildet. Es war ein Tscheche, seinen Namen kannte ich nicht. In diesem Lager war außer mir noch ein anderes Kleinkind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Offenbar hatte jemand eine menschliche Seele gehabt, dass wir noch nicht im einem Gaswagen gelandet waren. Damals waren wir gerade irgendwo zwischen Polozk und Gorodok. Und dieser Tscheche, unser Retter, gab uns manchmal einen Laib Brot und sagte uns, wir sollten dafür Frösche sammeln und ihm geben. Also sammelten wir Frösche und brachten sie ihm.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Erwachsenen wurden in den Wald getrieben, wo sie Deckhölzer aus Baumstämmen hauen mussten. Hier gab es immerhin etwas zu essen, wenn auch nicht viel, aber im Vergleich zu Borowucha kam einem das Leben hier schon fast wie das „Paradies“ vor. In Borowucha wurden wir mit Balanda aus fauligen Kartoffeln gefüttert. Der Tscheche gab uns Männerhemden, damit man für mich etwas zum Anziehen nähen konnte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der kleine Junge war dort mit seiner Mutter, ich hatte nur meinen kranken Vater. Ich habe die ganze Zeit über nicht gewusst, ob meine Mutter noch lebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn ich seine Adresse hätte, würde ich ihm heute meine gesamte Rente als Zeichen meiner Dankbarkeit schicken. Aber damals, wie konnte ich da daran denken, dass ich einmal groß sein würde, zur Schule gehen, arbeiten, Geld verdienen, das ich mit diesem guten Menschen teilen könnte, der mich gerettet hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann brachte man uns weg von Polozk in Richtung Belyj, bis Dernowitsch, weiter westlich. In Dernowitsch halfen uns gute Menschen, uns im Wald zu verstecken, Richtung Rassonskij Rajon. Erst in diesen Wäldern fanden wir heraus, wo unsere Familie ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Partisanen rieten uns, uns in den kleineren Wäldern zu verstecken, aber die furchterregenden Männer mit den Totenköpfen am Arm durchkämmten auch die.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und dann kam der glücklichste Tag – der 12. Juli 1944, der Tag der Befreiung. Aber er ist mir auch als Schreckenstag in Erinnerung, denn von Mittags bis in die tiefe Nacht hinein wurde erbittert gekämpft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dann gingen wir zurück in unser Dorf, aber dort, wo unser neues, erst 1938 erbautes Haus stand, war nur noch mannshohes Unkraut und ein Ofen ohne Rohr. Und so begannen wir unser Leben bei Null. Das einzige, was die Menschen, die zu den Brandstätten zurückkehrten, gerettet hat, war der späte Winter, der in jenem Jahr lange auf sich warten ließ.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein armer älterer Bruder ist gestorben, die drei Kinder wuchsen als Waisen auf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt lebe ich zu zweit mit meinem Mann, alle meine Angehörigen sind schon von uns gegangen. Wir sind alt, Rentner, beide 84.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich kann selbst kaum glauben, was für ein schwieriger Lebensweg hinter mir liegt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wie sehr wünsche ich mir, dass die Menschen überall auf der Welt gütiger werden, das Wort Krieg vergessen und in Frieden und Freundschaft leben. Ja, manchmal holt das Schicksal die Schuldigen ein, aber nicht immer lassen sich greifen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Verzeihen Sie, ich habe keine Kraft mehr, die Gesundheit macht nicht mit. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich habe Ihre Hilfe von 300 Euro erhalten. Ich wünsche allen Menschen nochmals alles Gute – Frieden, Freundschaft, Gesundheit, Freude, Erfolg, Glück, bis an ihr Lebensende. Außerdem denke ich, solange die Nachbarn friedliche Menschen sind und ein gutes Herz haben, kann man in Ruhe und Frieden leben und sich am Leben erfreuen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Unterschrift]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Chocholko Sinaida Dmitrijewna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-5-2017.php</link>
<pubDate>09 Jun 2017 11:17:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>Ljachowskaja Anastassija Antonowna</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Samostotschnoje&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;29.03.2017.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit Aufregung habe ich Ihren Brief erhalten, das mich in meiner Erinnerung in die ferne Kindheit zurückversetzt hat. Ich bin jetzt 87 Jahre alt, aber trotzdem erinnere ich mich immer noch an die guten wie auch, und vor allem, an die schlechten Ereignisse, die man nicht vergessen kann, so sehr man das auch möchte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine bewusste Kindheit fällt leider Gottes auf die Jahre dieses schrecklichen Krieges, den kein normaler Mensch versteht und den alle normalen Menschen hassen. Aber es ist die Geschichte, und man kann sie weder umschreiben noch vergessen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor dem Krieg waren wir eine ganz normale Familie: Vater, Mutter, zwei Brüder und zwei Schwestern. Aber nicht alle haben diesen schrecklichen Krieg überlebt. Mein Vater wurde gleich zu Beginn des Krieges zum Dienst einberufen. Er war 45 Jahre alt. Er hat alles erlebt: erbitterte Kämpfe, Gefangenschaft, die Befreiung und den Sieg. Er hat diesen schrecklichen Krieg überlebt und kehrte nach Hause zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein kleiner Bruder war erst vier Jahre alt. Er starb 1944 an Typhus. Damals hatten uns die Faschisten in den Wald gejagt, weil die Verteidigungslinie der Deutschen in der Nähe unseres Hauses verlief und erbitterte Kämpfe geführt wurden. Wir waren gezwungen, in einer Erdhütte zu leben, und es konnte niemand Hilfe leisten. Die Befreiung von Belarus war schon im Gange, und meine Mama konnte mit Müh‘ und Not die Besatzer überreden, mein Brüderchen auf dem zum Ort unserer Verbannung nächstgelegenen Friedhof zu beerdigen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein älterer Bruder war 1941 17 Jahre alt. Er wurde nicht einberufen, weil er zu jung war. Er musste sich vor den Besatzern verstecken, damit sie ihn nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland schicken. Aber 1944 wurde er dennoch hinter Stacheldraht gesperrt, in ein Lager der Faschisten, in dem die Lebensbedingungen schlicht unerträglich waren. Die Gefangenen wurden für den Bau von Verteidigungsanlagen und dem Graben von Schützengräben missbraucht. Sie musste 15 Stunden am Tag arbeiten und bekamen Schläge für den kleinsten Ungehorsam. Im Juni 1944 konnte er zusammen mit ein paar Kameraden fliehen und sich bis zur Ankunft unserer Armee auf einer Insel mitten im Sumpf verstecken. Im August wurde er in die Rote Armee einberufen und musste an die Front. Die Briefe von der Front kamen regelmäßig. Ich habe diese kleinen Soldatendreiecke bis heute aufbewahrt, sie sind die letzte Erinnerung an meinen Bruder. Ende Januar 1945 wurde er verwundet und wurde im Sanitätsbataillon behandelt. Und Anfang März geriet das Sanitätsbataillon unter Beschuss und wurde vollständig zerstört. Praktisch alle, die sich dort aufhielten, wurden getötet oder sind verschollen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Später bekam meine Mutter eine Benachrichtigung, dass ihr Sohn Gajdaschow Alexander Antonowitsch, Soldat der Feldposteinheit 06562-B, ohne Nachricht verschollen sei. Nach dem Krieg haben wir versucht, meinen Bruder zu finden, haben mehrfach Anfragen an alle möglichen Instanzen geschrieben, aber die Suche blieb erfolglos. So hat dieser schreckliche Krieg mir meine beiden Brüder genommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1941 war ich 11 Jahre alt. Solche, wie mich, nennt man Kinder des Krieges. Wir kannten keine glückliche Kindheit und mussten durch alle uns auferlegten Bewährungsproben: Hunger, Kälte, Grausamkeit, Erniedrigung, Angst. Ich bin außerdem eines der Kriegskinder, die unter der Grausamkeit der Faschisten leiden mussten. Man muss sagen, dass alle, groß und klein, Angst vor den Besatzern hatten. Man rannte vor ihnen weg, versteckte sich, machte möglichst einen Bogen um sie. Es war im Dezember, der Winter war fürchterlich kalt und schneereich. Ich war gerade auf dem Rückweg aus der Siedlung nach Hause, was etwas außerhalb lag. Der Weg verlief am Waldrand. Ich sah, dass relativ weit weg von mir auf der Straße eine Gruppe deutscher Soldaten stand. Sie redeten laut und lachten. Ich nahm an, dass sie mich nicht sehen oder mir zumindest keinerlei Beachtung schenken würden. Aber plötzlich ertönte ein Schuss. Mein Bein durchfuhr ein brennender Schmerz, und ich fiel hin. Weil der Schmerz so unerträglich war und weil ich solche Angst hatte, erinnere ich kaum daran, was dann passierte. Ich erinnere mich nur, dass ich es irgendwie, mal kriechend mal mit Mühe auf das verletzte Bein auftretend, in den Wald geschafft und mich hinter einem Baum versteckt habe. Ich wartete angsterfüllt auf die nächsten Schüsse. Aber es kamen keine. Und es kam auch niemand, um zu sehen, ob ich noch lebte oder tot war. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist und wohin die deutschen Soldaten gegangen sind. Ich hatte sehr starke Schmerzen und sehr viel Angst. Ich zog mir irgendwie den Filzstiefel vom Fuß und ging barfuß nach Hause. Wahrscheinlich habe ich Glück gehabt, dass das alles nicht weit von unserem Haus geschah, und dass mein nackter Fuß eingefroren war und nicht mehr so blutete. Doch darüber habe ich erst später viel nachgedacht. Damals aber, als meine Mutter mir den zweiten Stiefel ausgezogen hat, war auch der voller Blut. Ich weiß nicht, wie oft sie geschossen haben, aber später hat ein Faschisten-Scherge, ein Polizai (Vaterlandverräter gab es damals auch), erzählt, dass ein deutscher Scharfschütze mit einem anderen gewettet hatte, dass er mich aus der großen Entfernung ins Knie treffen würde. Dieser deutsche Scharfschütze hat seine Wette gewonnen. Weil so viel Schnee lag, musste ich meine Beine hoch in die Luft heben, um sie aus den Schneebergen zu befreien. Die Kugel ging schräg etwas unterhalb des Knies durch, streifte den Knochen, ohne ihn zu zertrümmern, durchbohrte das Sprunggelenk des zweiten Beins und kam wieder heraus. Dann kamen die harten Monate der Heilung. Viele Jahre hatte ich starke Schmerzen beim Auftreten. Mit der Zeit wurde der Schmerz etwas dumpfer. Vielleicht hatte ich mich auch einfach nur an ihn gewöhnt. Seitdem ist der Fuß mit dem durchschossenen Sprunggelenk unansehnlich verdreht und schmerzt. Heute, nach so vielen Jahren, denke ich manchmal, einem kleinen Mädchen ins Knie zu schießen – das ist der Gipfel des Sadismus. Man stirbt nicht davon, und auch die Knochen wachsen sicher irgendwann wieder zusammen. Aber das Humpeln, der Schmerz und die Entstellung bleiben für das ganze Leben. Und man fragt sich nur: „Wofür?“ …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Deutschen waren wahrscheinlich, wie alle anderen Menschen auch, nicht alle gleich. Unweit unseres Hauses gab es eine Wasserpumpstation. Sie versorgte die Lokomotiven an der Bahnstation mit Wasser. Wie andere sehr wichtige Objekte auch wurde sie gut bewacht. Am Tag nach dem Vorfall kamen zwei deutsche Soldaten von der Wachbesatzung zu uns nach Hause. Sie sagten zu meiner Mutter: „Mutter! Das waren nicht wir, die geschossen haben. Es tut uns sehr leid, das das passiert ist!“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Verehrter Herr Vorsitzender und die Vorstandsmitglieder des Vereins KONTAKTbI. Ich danke Ihnen sehr für die Arbeit, die Sie leisten. Im Moment tauchen in den Nachrichten immer wieder Berichte aus verschiedenen Ecken des Planeten über das Erstarken der Ideen des Faschismus, des Nazismus und Nationalsozialismus. Die Menschen fangen an zu vergessen, wohin das führen kann. Aber wir, die Menschen, die jene harten und schrecklichen Jahre erlebt haben, erinnern uns noch gut daran und wissen um die Gefahr. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen viel Erfolg bei Ihrem gemeinnützigen Schaffen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen auch für die finanzielle Hilfe. Große Veränderungen wird sie natürlich nicht herbeiführen können, aber überflüssig ist sie keinesfalls. Verzeihen Sie, dass mein Bericht so lang geraten ist, aber die Erinnerung hat mein Herz aufgewühlt, ich bin ganz aufgelöst. Ich danke Ihnen für Ihren Brief.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anastassija Antonowna Ljachowskaja.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Jennie Seitz.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/verbrannte-doerfer-briefe/brief-aus-belarus-4-2017.php</link>
<pubDate>09 Jun 2017 11:05:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>526. und letzter Freitagsbrief (vom Oktober 2016, Übersetzung Karin Ruppelt)</title>
<description>&lt;p&gt;Als wir im Juni 2006 begannen, die „Freitagsbriefe“, Berichte ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener über das Leben in deutschen Lagern, zu veröffentlichen, war dies als ein kurzer Übergang gedacht bis zur Veröffentlichung unseres Buchs „Ich werde es nie vergessen“. Inzwischen sind mehr als zehn Jahre vergangen und heute veröffentlichen wir den 526. und letzten Freitagsbrief – ein Abschied. Die Briefschreiber hatten Jahrzehnte lang geschwiegen, ihre Erinnerungen waren weder in ihrer Heimat noch in Deutschland gefragt, das hat sich in den letzten zehn Jahren ein wenig geändert. Der Deutsche Bundestag hat eine Geste der Anerkennung des zugefügten Unrechts beschlossen, die ehemaligen Kriegsgefangenen sind in ihren Heimatländern als Kriegsveteranen anerkannt. Wir hoffen, dass wir mit der Veröffentlichung der „Freitagsbriefe“ etwas dazu beigetragen haben, über die Verbrechen der Wehrmacht an den sowjetischen Kriegsgefangenen aufzuklären. Alle „Freitagsbriefe“ sind auf unserer home-page www.kontakte-kontakty.de weiterhin nachzulesen. Die Überlebenden der Lager können kaum noch selber berichten, um so wichtiger ist es, dass wir ihre Erinnerungen bewahren und die Kinder und Enkel in gegenseitigem Kontakt bleiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dmitrij Iwanowitsch Petrow war Arzt und als solcher auch als Kriegsgefangener in Lagern in Polen tätig, er konnte zu den polnischen Partisanen fliehen. Ein Bericht von ihm ist als 116. Freitagsbrief veröffentlicht, weitere Berichte können wir auf Anfrage zuschicken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sibylle Suchan-Floß&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dmitrij Iwanowitsch Petrow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Orenburg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute ist der 2. Oktober 2016, aber ohne die versprochene Kälte – kein Winter. Es hat ein bisschen geregnet. Wind aus verschiedenen Richtungen, meistens trüb. Ja, die KPRF wollte bei den Wahlen die regierende Partei „Einiges Russland“ vernichtend schlagen. Herausgekommen ist das Gegenteil. Die neue (siebte) Duma ist im Wesentlichen in den Händen des „Einigen Russland“. Aber einige Vertreter des „Gerechten Russland „und der LDPR sind auch in der Duma gelandet. Die können nichts entscheiden. Alle Macht liegt beim „Einigen Russland.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und die lokalen Dumen im Gebiet, der Republik – da steht noch nichts in der Zeitung, über das Wer und Wo.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unser häusliches Unglück: Ich werde sehr schwach, meine Beine gehorchen mir nicht mehr recht. Am 18. Oktober [?] bin ich zu Hause auf den Rücken gefallen, auf die linke Seite und habe drei Rippen links gebrochen: die 7., 8., 9. Jetzt sind sie irgendwie geheilt. Diese Rippen. Ich kann nicht auf den Flur ins Treppenhaus hinausgehen. So dass ich nicht mehr besonders lange leben werde, wahrscheinlich kommt am Anfang des echten Winters der Tod und nimmt mich mit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich hätte gern einzelne Erinnerungen an den Aufenthalt im Lazarett des Stalag – 366 [Siedlce] aufgeschrieben, aber ich schaffe es nicht mehr, ich erfülle[schon] diese Aufgabe mit Mühe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im vorigen Brief habe ich Ihnen einen Wunsch in Bezug auf all die fast vollständig in die andere Welt Hinübergegangenen geschrieben, die in deutscher Gefangenschaft gelitten haben. Ich hätte gern Gespräche mit einzelnen Rekonvaleszenten aufgeschrieben, aber jetzt schaffe ich das nicht mehr. Ich habe Ihnen über den Plan von gegenseitigen Besuchen in Minibussen geschrieben, als Kuriere der unteren Gesellschaftsschicht. Vielleicht können wir eine Absprache mit einem hohen Tier bei der Eisenbahn erreichen, dass sie ab und zu einen Waggon mit Kurieren in bestimmte Städte in Russland und Deutschland anhängen …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute ist der 4. Oktober, es ist noch warm, der versprochene Winter ist nicht da.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;D. Petrow.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_526.php</link>
<pubDate>30 Dec 2016 08:04:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>525. Freitagsbrief (vom Februar 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Moskau&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aleksej Semenowitsch Shurawlew.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Eberhard Radczuweit!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief bekommen. Vielen Dank für Ihre Neujahrswünsche. Auch ich möchte Ihnen und Ihrer Familie sehr verspätet ein Frohes Neues Jahr wünschen sowie Gesundheit und Erfolg. Ganz nach dem Sprichwort „Besser spät als nie“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich erinnere mich noch an Neujahr 1944 [?], als ein Offizier, der von der Ostfront zurückgekommen war, um 12 Uhr nachts mit der Lagerleitung zu uns in die Baracke kam, weil er sich mal ansehen wollte, wie denn die russischen Kriegsgefangenen so waren. Natürlich sahen wir nach der schweren Fronarbeit sehr erschöpft und elend aus und legten beim Auftauchen der Gäste keine große Freude an den Tag.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Später erfuhren wir, dass dieser Offizier für einen Kurzurlaub zu seiner Familie aus Stalingrad gekommen war, wo seine Armee eine schwere Niederlage erlitt. Wir arbeiteten im Steinbruch, wenn ich mich richtig erinnere, in einem Vorort von Rübeland [Harz].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dort gab es Berge, aber sie waren nicht sehr hoch. In diesen Bergen führten sie Sprengungen durch, in deren Folge große Steinblöcke abbrachen. Wir mussten diese Blöcke per Hand mit großen Hämmern bis zu einer bestimmten Größe zerschlagen und sie dann auf Loren verladen. Die gefüllten Loren wurden zu einem Steilhang gefahren, unterhalb dessen ein Werk zur Verarbeitung der Steine war. Jeder musste am Tag 15 Loren verladen, und wer das nicht schaffte, der bekam zur Strafe abends keine Lagersuppe oder er kam in den Karzer. Ich kam einmal in den „Genuss“, im Karzer zu übernachten, weil ich die Norm nicht erfüllt hatte. Ich kann Ihnen sagen, sowohl in physischer wie in psychischer Hinsicht war das eine schreckliche Erfahrung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Beim zweiten Mal hatte ich Glück und konnte dem Karzer entrinnen. Das war schon im April 1945. Die Alliierten rückten auf Rübeland vor und wir wurden hastig ins Landesinnere evakuiert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Seit Anfang 1945 flogen in regelmäßigen Abständen Geschwader von schweren amerikanischen Bombern über unser Lager. Wir wurden dann schnell in einen Bunker in den Bergen getrieben. Für uns war das eine Zeit der Erholung, für die Wachleute waren es Stunden des Schreckens. Später kamen Gerüchte auf, die Alliierten würden zum Angriff auf Dresden fliegen. Wie die Bombardierung ausging, wissen Sie besser als ich. Eine brutale Operation der Alliierten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt zur Gegenwart.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gemeinsam mit Ihnen bedauere ich den Tod des Schuldirektors, Ihres guten Freundes, mit dem Sie, wie ich verstanden habe, gerne zusammen waren und zusammengearbeitet haben. Ich lese Ihre Bulletins mit großem Interesse, darin steht sehr viel wichtige Information. Wenn Sie nach Moskau kommen, wie ich es Ihrem Brief entnommen habe, rufen Sie mich bitte an.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen Glück und Erfolg,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihr A. S. Shurawlew.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Den Pianisten Shurawlew lernte ich in unserer damaligen Partnerschule des russisch-jüdischen Reformpädagogen und Schuldirektors Alexander N. Tubelsky bei einem Meeting mit Schülern unseres Projekts „Schüler helfen NS-Opfer“ kennen. E. Radczuweit.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_485.php</link>
<pubDate>23 Dec 2016 08:44:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>524. Fretagsbrief (vom Februar 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski)</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Gomel&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Grigorij Iwanowitsch Schowgenija.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] Ich, 84-jähriger Bürger von Belarus, ehemaliger Kriegsgefangener, von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen, wünscheKONTAKTE alles Gutes. Den Gründern und Mitwirkenden wünsche ich beste Gesundheit, bestes Familienleben und viel Erfolg im Privatleben sowie Stabilität im Lande, hellen Himmel und geschmackvolles Brot. Möge die Freundschaft zwischen dem deutschen und dem belarussischen Volk ewig andauern!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor dem Krieg war unsere Militäreinheit in Alytus stationiert, damals Litauische Sowjetrepublik. Die Militärausbildung lief routinemäßig. Wir erwarteten nichts. Am 22. Juni 1941 um 4 Uhr gab es Alarm. Die geweckten Soldaten sahen deutsche Geschwader. Auf dem Gelände unserer Militäreinheit explodierten Bomben. Es waren Schussgarben von unseren Jägern und Bombern zu hören. Es kam zur Panik. Trotzdem nahmen alle Unterabteilungen die Verteidigungsstellung ein. Am Abend des 22. Juni 1941 begann der ungleiche Kampf gegen die Deutschen. Er war sehr brutal. Am Ende wurden wir von den Deutschen belagert. Viele Soldaten und Offiziere fielen. Eine relativ kleine Gruppe, darunter ich, wurde gefangen genommen. Das war in einem Wald auf litauischem Gebiet. So begann für mich und für meine Kameraden ein „glückliches“ Leben im Rahmen des deutschen Programms „Neue Ordnung“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als erstes gab es das Lager in einem Pferdestall der ehemaligen Artillerieeinheit in Grodno [Stalag 324Z]. Am Morgen wurden alle Kriegsgefangenen aus dem Stall weggeführt und in Vierer-Kolonnen gestellt.Ein deutscher Offizier zählte alle Gefangene ab. Damit sollte jeder vierter Mann nach vorne kommen. So zählte er: „Eins, zwei, drei, vier – raus!“ [im Original deutsch mit kyrillischen Buchstaben d. Übers.]“Alle Soldaten aus dieser Gruppe „vier – raus“ wurden an die Wand gestellt und in Anwesenheit der glücklich Überlebenden erschossen. Das war für mich eine Art „Taufe“ für die spätere Kriegsgefangenschaft, das erste, was ich im deutschen Gewahrsam in den ersten Tagen gesehen habe. Das taten bestialische deutsche Soldaten, vielleicht Mitglieder einer der Jugendorganisationen unter Hitler, Hitlerjugend oder SS. [Wahrscheinlich die Aussonderung und Erschießung von Juden und „Kommissaren“.]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Weiter ging es noch schlimmer. Spätherbst 1941. Wir Kriegsgefangenen wurden von einem Lager zum anderen getrieben.Die Lager befanden sich auf offenem Feld.Das Feld wurde mit einigen Stacheldrahtreihen umzäunt. Es gab kein Dach. Essen gab es einmal täglich, Rübe oder Kohlrabi. Um vor Kälte nicht sterben, musste man mit dem Kessel Erdlöcher ausgraben und schließlich reinkommen. Dass war im Lager Chisborn, unweit von der polnischen Stadt Suwalki [Stalag IE/F]. In diesem Lager verbrachte ich den ganzen Winter und den Sommer 1942. Danach wurden wir in Güterwaggons nach Hohenstein transportiert. Das war ein großes KZ in Ostpreußen [Stalag IB]. Hier blieb ich bis Frühjahr 1943. Während der Lageraufenthalte arbeitete ich schwer. Ich lud in den Bahnstationen Waffen für die deutsche Armee, die an die Ostfront geschickt wurden. Wir Kriegsgefangenen wurden schlecht ernährt, genauso schlecht, wie Sie, meine Herren, in Ihrem Brief geschrieben haben, nur für die nackte Existenz. In ganz vielen Fällen wurde uns auch die Existenz nicht garantiert. Als Schuhe für Kriegsgefangene galten aus einem Stück Holz gefertigte Holzpantinen. Das Ziel war die Vermeidung der Flucht aus dem Lager. Ich denke, einige Exemplare dieser Schuhe sind in deutschen Museen zu finden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Lager Stalag IA [Stablack] bekam ich die Kriegsgefangenennummer 29711. Im Frühjahr 1943 wurde ich mit einer Gruppe von 20 Mann nach Guttenbach-Waldheim geschickt. Uns bewachten zwei Wächter, ältere bewaffnete Wehrmachtssoldaten. Wir arbeiteten in der Landwirtschaft: pflegten Roggen, Bohnen, Kartoffel, bereiteten Viehfutter für Schweine und Pferde vor und brachten die Ernte ein. Auf diesem Bauernhof musste ich bis Februar 1945 arbeiten. Im Februar 1945 wurden alle Kriegsgefangenen aus der Ortschaft Guttenbach-Waldheim ins Stalag IA zurückgebracht. In der Nähe gab es eine Stadt, Stablack. Diese Stadt erreichten Ende Februar die Einheiten der Sowjetarmee. Paradoxerweise trieben die Deutschen alle Gefangene, etwa 300 Personen, zu Fuß von Stablack nach Danzig. Zu dieser Zeit explodierten bereits in Danzig die Geschosse der Sowjetarmee. Mit einem Frachtkahn waren wir 13 Tage lang nach Westdeutschland unterwegs. Vielleicht hoffte jemand noch, dass den Krieg von der Wehrmacht gewonnen werden könnte. Dann würde die kostenlose Arbeitskraft von Kriegsgefangenen noch gebraucht werden. 13 Tage Schifffahrt über die Nordsee [Ostsee], ohne Essen und Trinken. Es gab viele Gefahren: Minen, Luftangriffe, U-Boote … Am 13. Reisetag, als der Frachtkahn an der Anlegestelle von Lübeck endlich andockte, konnte niemand von uns diese „eiserne Festung“ selbständig verlassen. Wir wurden mithilfe von Tragen weggebracht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danach wurden die Gefangenen nach Marne [Holstein] geliefert. Unsere Aufgabe war, Befestigungen für die Wehrmacht zu bauen. Später transportierte man uns zum Kieler Kanal [Nord-Ostsee-Kanal]. Zum Glück, oder zum Unglück, wer weiß, dauerte es nicht lange. Ende April-Anfang Mai befreiten uns die Alliierten-Truppen in der wunderschönen Hafenstadt Eckernförde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich war nicht lange in Eckernförde. Die Alliierten übergaben unsere Gruppe der Kriegsgefangenen als Repatriierte an die sowjetische Besatzungsmacht in der Stadt Laage. Im August 1945 wurde ich nach entsprechender Prüfung durch zuständige Behörden in die Sowjetarmee einberufen. Ich diente bei den sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland in der Stadt Güstrow, die unweit von Neu-Brandenburg liegt. Im Dezember 1946 wurde ich demobilisiert. Als Freigemeldeter arbeitete ich als Buchhalter in einer Werkstatt bei der Militäreinheit, Feldpostnummer 06680.Ich half älteren Deutschen, die ihre Söhne im Krieg verloren hatten. Ich gab einen Teil meiner Lebensmittelration kostenlos weiter: Mehl, Weizen, Zucker und Konserven. Mir taten diese Alten ohne Söhne leid, arme Frauen und Männer. Ich wohnte in der Neue Straße 42 in Güstrow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 15. Juni 1947 kehrte ich in meine kleine Heimat zurück. Ich fand eine Arbeitsstelle. Als ich etwas Geld gespart hatte, renovierte ich mein Haus. Es war im Krieg verschont geblieben. Das Dach war aber von einer deutschen Granate durchschossen worden. Im Juni 1950 heiratete ich. Meine Ehefrau war auch Opfer des Faschismus. Als minderjähriges Mädchen wurde sie nach Deutschland verschleppt und zur Arbeit als Putzfrau in Köln gezwungen. Wir zogen einen Sohn und zwei Töchter groß. Leider starb meine Frau am 21. Februar 2003. Sie war Invalide der 1. Gruppe. …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute lebe ich allein. Meine Töchter und fünf Enkel leben in Minsk. Sie haben eine Hochschulbildung, die sie in der UdSSR kostenfrei bekamen. Sie erhielten sogar ein Stipendium vom Staat. Die Tochter meines Sohnes ist Deutschlehrerin. Sie hatte eine Fortbildung in Deutschland. Heute macht sie ein Aufbaustudium. Das ist heutzutage nicht leicht. Der Wissenschaft geht es aber überall schwer, auch im reichen Deutschland.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bedanke mich bei Ihnen, meine Herren, für die überwiesene Hilfe. Ich möchte Sie zu mir zu Gast einladen. Unsere alte Stadt Turow ist über 1000 Jahre alt. Allerdings hat die Stadt heute ganz wenige Einwohner. Die Stadt ist aber als uralte Siedlung von Dregowitschi [altslawischer Stamm] in vielen alten Schriften beschrieben, eine lange Geschichte. In der Umgebung von Turow gibt es schöne Natur. In der Nähe fließt der Fluss Pripjat. Weiter gibt es wunderbare Eckchen der Natur. Es existiert ein Naturschutzgebiet mit unangetasteten Arten von Flora und Fauna. Ich kann meine kluge Enkelin Anjetschka einladen, die fast fehlerfrei Deutsch spricht. Sie kann Ihre Gruppe bei der Reise durch das Gebiet Turow als Dolmetscherin begleiten, damit auch sprachliche Probleme gelöst werden könnten. Sie haben jetzt das Wort. Auf diese Weise können wir uns persönlich kennen lernen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit großer Hochachtung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;15. Februar 2007.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Verzeihen Sie mir bitte für die Handschrift. Vielleicht wollten Sie etwas anders erfahren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 30. Dezember 2016 enden die „Freitagsbriefe“. Wir empfehlen den Band.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;„Ich werde es nie vergessen“ – 60 Briefe sowjetischer Kriegsgefangener 2004–2006.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;270 Seiten, mit Beiträgen der Historiker Christian Streit, Grigorij Golysch, Peter Jahn, Pavel Polian, Dmitri Stratievski sowie zum Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer von Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ermäßigter Preis 9,90 € (+ Porto) Bestellung unter info [at] kontakte-kontakty.de&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_524.php</link>
<pubDate>16 Dec 2016 20:13:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>523. Freitagsbrief</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Wollynien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwan Grigorjewitsch Knysch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit sowie alle „Kontakte“-Mitglieder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin für Ihre Hilfe und Ihre Wünsche sehr dankbar. Sie haben die schrecklichen Ereignisse, die vor 66 Jahren passierten, nicht vergessen. Am 15.08.1939 bin ich im Alter von 28 Jahren einberufen worden. Das Militärkommissariat hat mich an die deutsch-polnische Grenze überwiesen. Ich hatte gar keine Gedanken, dass Krieg wäre. Ich dachte, das wäre eine Übung oder eine militärische Ausbildungsmaßnahme sein. Zu Hause ist meine Frau mit zwei Kindern geblieben. Meine Tochter war 7 Jahre alt, der Sohn ein Jahr alt. Der Krieg begann am 1. September 1939. Ich geriet sofort an die vorderste Linie. Dann kam die Gefangenschaft, zwei Jahre in Hunger und Kälte. Ich war im Militärlager in Luckenwalde, arbeitete auf einer Ziegelsteinfabrik, im Steinwerk, in der Landwirtschaft und in Möbelfabriken bei Lückow, Hamburg und Breslau. In diesem Zeitraum bin ich zweimal geflüchtet. Der erste Versuch misslang. Ich wurde 14 Tage später gefasst. Zum zweiten Mal flüchtete ich aus Breslau. Im Oktober 1941 kam ich nach Hause.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1944 bin ich in die Sowjetarmee einberufen worden. Ich war an der Befreiung Polens beteiligt. 18.02.1945 wurde ich in etwa 40 km vor Berlin verletzt. Meine Behandlung fand in Lodz und Tschenstochow statt und dauerte 9 Monate. Im November 1945 kehrte ich nach Hause zurück. Nach dem Krieg arbeitete in der Landwirtschaft, später auch als Buchhalter in einem landwirtschaftlichen Kooperationsunternehmen. Jetzt bin ich 94 Jahre alt. Alle Schrecken des Krieges habe ich bis zu jeder Einzelheit im Gedächtnis. Sehr oft erzähle ich darüber meinen Enkeln und Urenkelkindern. Meine Kinder sind schon längst tot. Mein Sohn kam 1973 ums Leben, meine Tochter starb 1978 an einer Krankheit, die Ehefrau starb 1990. Ich habe 3 Enkelkinder, 4 Urenkel und eine Schwiegertochter, die in einer 20 km entfernten Ortschaft leben. Ich wohne alleine. Meine Verwandten besuchen mich einmal wöchentlich. Ich kann mich noch um mich selbst kümmern. Ich habe ein eigenes Haus, einen Gemüsegarten, etwas Geflügel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte der heutigen Generation Folgendes wünschen: Ihr müsst den Krieg verhindern. Ihr sollt den Krieg nie spüren. Alle Konflikte kann man friedlich lösen. Die einfachen Menschen in unserem und in Ihrem Land brauchen keine Kriege. Da bin ich sicher. Der Mensch hat nur ein Leben. Die Kriege haben so viele Leben zerstört. Die Kinder wurden Waisen, die Frauen Witwen. Wem kommt es zugute?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bedanke mich noch einmal für Ihre Wünsche und Ihre Sorgen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Iwan Knysch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;07.02.05.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_523.php</link>
<pubDate>09 Dec 2016 20:50:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>522. Freitagsbrief (vom April 2006, aus dem Russischen von D. Stratievski)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kaluga&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Walerij Michajlowitsch Panasow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Herr Gottfried Eberle, Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Walerij Michajlowitsch Panasow, begrüße Sie und die anderen Mitarbeiter Ihres Vereins. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und viel Gelingen in Ihrer edlen Arbeit. Ihre humanitäre Hilfe von 300 Euro habe ich erhalten. Vielen Dank! Das Geld habe ich mit einer gewissen Fassungslosigkeit und Peinlichkeit in meiner Seele entgegengenommen. Ich fühle mich etwas unwohl. Die Mitglieder Ihres Vereines sind bestimmt nicht reich. Sie haben das schwer verdiente Geld aus eigener Tasche genommen und mir gegeben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich weiß nicht, warum Gott meinem Volk und meinem Land ein brutales und schonungsloses Schicksal zugeteilt hat. Zwei Jahrtausende konnten wir nicht als normale Menschen leben: Tatarenjoch, Leibeigenschaft, kommunistisches Regime … Alles richtete man gegen die Menschen. Vielleicht ist Gott daran nicht schuldig? Vielleicht sind, wie unser Schriftsteller sagt, schlechte Straßen und Dummköpfe daran schuld? Ich weiß es nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Juni 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Zu diesem Zeitpunkt war ich seit sechs Monaten verheiratet. Meine Ehefrau erwartete ein Kind. Zum ersten Mal sah ich meinen Sohn, als er sechs Monate alt war. Zum zweiten Mal sah ich ihn, als ich heimkehrte. Mein Sohn war sechs Jahre alt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Militäreinheit war in Leningrad stationiert. Am Tag des Kriegsbeginns hatten wir Militärmanöver. Am Mittag kamen wir nach Wyborg und erfuhren vom Kriegsbeginn. Mit der Bahn schickte man uns nach Nowgorod. Wir eroberten die Stadt und trieben die Deutschen zurück. Wir bewegten uns Richtung Staraja Russa und Ilmen-See. Bald mussten wir uns nach Luga zurückziehen. Etwa 2–3 Monate konnten wir unsere Stellung halten. Danach schickte man uns zu den unterschiedlichen Frontabschnitten bis zum Ladoga-See. Wir verloren die Mehrzahl der Soldaten. Im Herbst war uns gelungen, am rechten Newa-Ufer die Stellung zu nehmen. Die Deutschen kreisten Leningrad vollständig ein. Die Lebensmittel- und Munitionslagern wurden niedergebrannt. Das spürten wir sofort auf der eigenen Haut.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Winter 1941/1942 war sehr schwer. Die deutsche Luftwaffe herrschte am Himmel. Sie bombardierte alles, was noch zu sehen war. Es gab fast keine Luftabwehr. Wir hatten bereits keine Luftwaffe mehr. Die Artillerie sollte meist schweigen, weil die Einheiten nicht berechtigt waren, einige Geschosse über festgeschriebene Tagesmenge zu verbrauchen. Die Bombenangriffe, Artillerie- und Minenbeschuss dauerten den ganzen Tag. Die Essensration war sehr klein. Es war unmöglich, ein Erdloch zu graben. Überall war nur Wasser. Wir befanden uns im Sumpfgebiet. Wir bauten Laubhütten und zündeten vorsichtig ein Feuer ohne große Flamme und Rauch. Aus einer Tonne bastelten wir einen kleinen Ofen. Mehr hatten wir nicht. Tagsüber bauten wir eine Überfahrt über die Newa. Im April 1942 wurde uns gemeldet, dass wir den Kessel durchbrechen sollten. Von der anderen Seite sollte eine gut bewaffnete Armee vorstoßen. Unsere Aufgabe war, die Höhen von Sinjawino zu stürmen. Ich sah aber keine Höhen. Wir gelangten noch tiefer ins Sumpfgebiet. Die Deutschen sperrten uns ein. Die Newa hatte bereits Eisgang. Alle Übergänge waren zerstört worden. Wir konnten uns nicht mehr zurückziehen. Die Deutschen teilten unsere Einheiten in kleinen Gruppen und vernichteten diese einzeln. Nach einwöchigem Umherirren durch unendliche Sümpfe wurde ich gefangen genommen. Wir waren hungrig, krank und erschöpft. Die Kleidung war vollständig verschlissen. Die Deutschen stellten eine Kolonne zusammen und trieben uns zur Eisenbahnlinie. Die Waggons waren voll. Im Inneren konnte man nur dicht beieinander stehen. Wir standen sechs Tage lang, ohne Wasser oder ein Stück Brot. Morgens wurden die Türen aufgemacht. Der Befehl lautete: „Tote raus!“ Am sechsten Tag warf man zwei Brote und zwei Eimer Wasser rein. Der Zug fuhr weiter. Letzten Endes kamen wir in die Stadt Kaunas in Litauen. Wir wurden im 6. Fort untergebracht. Wir bekamen einen Platz im Unterstand. Die anderen mussten Erdlöcher selbst ausgraben. 1942 gab es im Lager etwa 3.000 Gefangene. Die Gefangenen aus dem Jahr 1941 waren im Winter gestorben. Die Lebensbedingungen waren schrecklich. Das war einOrt des Todes. Zur Arbeit wurden wir zu einer 2 km entfernten Bahnstation getrieben. Wir gingen dorthin in der Hoffnung, etwas zusätzliches zu Essen zu bekommen: zu stehlen oder bei Litauern zu erbitten. Manche Wächter konnten weggucken. Dann nahmen wir etwas Holz, Kohle, Steckrüben, Kartoffeln, manchmal auch ein Stück Brot oder ein wenig Tabak mit ins Lager. Den Tabak konnte man gegen jede beliebige Ware tauschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Winter wurden mein Kamerad und ich typhuskrank. Man brachte uns in die Typhusbaracke. Etwa drei oder vier Tage war ich bewusstlos. Mein Kamerad starb. Ich blieb allein. Nach der Krankheit konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich war wie ein Gespenst: Skelett und Haut. Im Sommer 1943 wurden gesunde, d.h. ehemalige typhuskranke Gefangene nach Deutschland verschleppt. Ich kann nicht mehr sagen, welche Lager ich erlebte. Mein eigenes Schicksal war mir gleichgültig. Ich war sicher, dass ich bald sterben würde. Ich hatte keine Kraft, um mein eigenes Leben zu kämpfen. Ich wog 41 Kilo. Die geschwollenenBeine sahen wir dicke Holzstücke aus. Unserer Lagererfahrung nach müsste ich in cirka sieben bis zehn Tagen sterben. Plötzlich wurde ich in einen anderen Teil Deutschlands überwiesen. Eine Privatperson in Ludwigsburg bei Stuttgart hatte drei bis vier Pferde in Besitz. Der Mann lieferte Lebensmittel für einige Spitäler und machte die Müllabfuhr. Manchmal wurden seine Pferde requiriert. Er bekam provisorisch kranke und schwache Tiere. Der Mann behandelte sie und brachte sie in Ordnung. Er hatte sechs Arbeiter: Eine polnische Familie, ein alter Deutscher und ich. Wir pflegten die Pferde, fuhren den Müll weg und holten Lebensmittel ab. Es gab also genug zu tun. Der Arbeitgeber ernährte uns den Umständen entsprechend gut. Es gab genug Kartoffeln. Er arbeitete genauso schwer wie wir. Zwei bis drei Wochen später wurde ich dick. Danach gab es eine kurze Erkrankung. Zum Schluss funktionierte mein Körper wieder. Ich sah wieder wie ein Mensch aus. Wir lebten in einem separaten Zimmer. Die Zimmer waren in der Nacht immer verschlossen. Zweimal wöchentlich kam ein Soldat vorbei und prüfte, ob die Regelungen für die Unterbringungen der Kriegsgefangenen eingehalten wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurz vor dem Vorstoß der Amerikaner wurden wir wieder im Lager versammelt und zu Fuß nach Osten getrieben. Die Amerikaner überholten uns. Als wir eine Ortschaft erreichten, war sie bereist von Amerikanern besetzt. Die wollten uns nicht allzu lange bei sich behalten. Mit dem Zug brachte man uns ins russische Filterlager. Das Lager wurde mit Stacheldraht umzäunt. Es gab Wachtürme mit russischen Wächtern. Die „Filtration“ war sehr gründlich. Viele wurden als Deserteure eingestuft und zu Lagerstrafen verurteilt. Die ehemaligen Offiziere wurden in der Regel zu schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde freigesprochen. Ich musste als Soldat in einer Militäreinheit weiter dienen und auf den Entlassungsbefehl für mein Alter warten. Ich blieb also noch ein Jahr in der Armee und kehrte im Juli 1946 nach Hause zurück. Zu Hause sah ich nur verbrannte Erde. Das Elternhaus und das Haus der Eltern meiner Ehefrau waren vollständig niedergebrannt. Die Familie übersiedelte nach Kaluga. Die Stadt war im Krieg fast verschont geblieben. 1947 gab es am Flussgebiet Oka eine Überschwemmung. Mein Schwiegervater und ich konnten genug Holz auffischen. Dann hatten wir Baumaterial für eine Hütte 3x6 Meter. Das Leben war sehr schwer. Wir lebten halb hungrig und bestritten unseren Unterhalt durch Gelegenheitsjobs. 1950 übersiedelten meine Frau und ich in die Fischersiedlung Labytnangi. Wir dachten, wir würden uns dort zwei bis drei Jahre aufhalten. In der Tat lebten wir dort 11 Jahre.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich absolvierte im Fernstudium ein Technikum (Fachrichtung Techniker und Mechaniker). Das ganze Berufsleben arbeitete ich als Mechaniker im Baubereich. Der Norden machte uns nicht „reich“. Wir konnten jedoch sozusagen „das Brot mit Butter essen“. Wir konnten unserem Sohn finanziell helfen, der in Kaluga weiterlebte und von meiner Schwiegermutter betreut wurde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach der Rückkehr nach Kaluga bekam ich kostenlos eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Plattenhaus, bei uns „Chruschtschowka“ [1] genannt. Seit 40 Jahren lebe ich in dieser Wohnung. Zurzeit wohne ich alleine. Meine Ehefrau starb. Der Sohn hat eigene Wohnung. Seit 18 Jahren habe ich genug Zeit für meine „Faulheit“. Ich bin also Rentner. Im Februar dieses Jahres feierte ich das 90. Jubiläum. Ich habe eine perfekte Familie: Einen Enkelsohn, eine Enkeltochter, zwei Urenkelinnen und einen Urenkel. Ich wünsche meiner Familie ein besseres Schicksal.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank für Ihre materielle Hilfe. Ich werde das Geld vernünftig ausgeben. Ich werde ein Fenster im Schlafzimmer ersetzen. Das alte Fenster ist sehr schlecht. Im Winter geht die ganze Wärme aus der Wohnung raus. Wenn ich bis zum Herbst nicht sterbe, werde ich das zweite Fenster ersetzten. Dann wird es in meiner Wohnung ganz warm sein wie in Taschkent. [2] Meine Nachkömmlinge werden an meine Tat gut denken. Sie werden auch Ihnen dankbar sein.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Liebe Vereinsmitglieder! Ihre Arbeit ist sehr wichtig und gemeinnützig. Setzten Sie bitte diese Arbeit fort! Sie sind aber nicht schuldig. Die Söhne und die Töchter tragen keine Verantwortung für die Taten ihrer Väter. Meiner Meinung nach müssen eher Amerikaner und Briten ihr Gewissen betäuben. Im Laufe des Krieges hatten diese Reichen kein einziges Stück trockenes Brot für die vor Hunger und Krankheiten sterbenden Soldaten der verbündeten Armee. Sie tun nichts umsonst. Sie haben kein Mitgefühl.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am Ende des Briefes möchte ich folgendes sagen. Wenn jemand der Vereinsmitglieder zufällig nach Kaluga kommt, kommen Sie bitte zu Gast. Sie sind herzlich willkommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, viel Erfolg in der Arbeit und viel Glück im Privatleben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;W. Panasow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;23.04.2006.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[1] Die billigen Plattenhäuser wurden in der Sowjetunion unter Chruschtschow zwecks dringender Lösung des akuten Wohnungsmangels gebaut. (Übersetzer).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[2] Taschkent ist die usbekische Hauptstadt mit heißem Klima. (Übersetzer).&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_485.php</link>
<pubDate>02 Dec 2016 13:59:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>521. Freitagsbrief (vom August 2005, aus dem Ukrainischen von Dmitri Stratievski)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Wollynien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wasilij Dmitrijewitsch Trofimenko.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief erhalten. Ich freue mich sehr, dass mir als ehemaligem Kriegsgefangenem humanitäre finanzielle Hilfe von 300 Euro zusteht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Trofimenko Wasilij Dmitrijewitsch, wurde am 7. April 1918 in der Stadt Golaja Pristan im Gebiet Cherson geboren. 1926–1936 besuchte ich dort eine Allgemeinschule. 1932–1933 haben wir eine schreckliche Hungersnot überlebt. Wir retteten unser Leben wie wir konnten. 1938 bin ich in die Armee einberufen worden. 1941 schickte man mich von Moskau an die Front in der Umgebung von Jelnja. Unsere Einheit wurde eingekesselt. Das war ganz schrecklich. Die Deutschen versuchten mit allen Mitteln Moskau zu erobern. Nur der starke Winter, der Frost von –30/–35 Grad, das Fehlen der guten Straßen haben den Deutschen gebremst. Die Kriegstechnik konnte sich nicht weiter bewegen. Die Deutschen waren deswegen ganz böse und behandelten Kriegsgefangene sehr brutal.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden in ein Dorf getrieben und in einen Stall gesperrt. Hier blieben wir neun Tage lang, ohne Essen und Wasser. Später wurden wir zu Fuß ins Lager in Jelnja geführt. Wir waren völlig entkräftet und konnten kaum gehen. Wir bemühten uns aber, den Anschluss zu halten, weil Nachzügler auf der Stelle erschossen wurden. Auf beiden Straßenseiten lagen die Leichen. Ich war zu erschöpft zum Weitergehen. Zwei Kameraden nahmen mich unter die Arme. Wir wurden über Gemüsegärten getrieben. Die Kartoffeln waren noch da. Ich angelte mit dem Fuß beim Gehen eine Kartoffel und aß sie ungeschält. Ich habe mich gewundert, dass ich an Kräften gewann. Auf diese Weise habe ich das Lager in Jelnja erreicht. Dort bekamen wir Essen. Es waren Kornreste, die nach der Produktion von Spiritus übrig blieben. Sie stanken. Im Lager gab es bereits viele Kriegsgefangene. Viele Verletzte lagen auf dem Stroh im Stall. Es war kalt. Jeden Morgen zählten wir zehn bis 15 Tote. Die Menschen starben vor Hunger und Kälte. In der Nähe vom Lager wurde ein Loch gegraben. Die gefrorenen, steinharten Leichen wurden dort bestattet. Meine Kameraden und ich transportierten einen Toten bis zur Grube und flüchteten aus dem Lager. Jemand sagte uns: „Rennt nach Westen. Wenn Ihr Kriegsgefangenen erwischt werdet, gibt es keine Gnade.“ Dafür mussten wir dem Großen Lehrer und Führer Genossen Stalin einen Dank aussprechen. Heute, 65 Jahre später, bleibt dieser Name für mich immer noch verflucht. Ich wollte lieber diesen Namen gar nicht schreiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir gingen nach Westen über Brest, Ternopol [Stalag 323] und Biala Podliaska [Stalag 366Z]. Hier schnappten sie uns. Man brachte uns ins Lager Sedilce [Stalag 366 Siedlce/Polen]. Einige Tagen blieben wir eingesperrt, dann wurden wir zur Arbeit geführt. Es war unterschiedliche Arbeit, vor allem bei der Eisenbahn.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Frühjahr 1944 wurden wir aufgestellt. Wir mussten uns ausziehen. Unsere Kleidung wurde durchgesucht. Dann durften wir uns wieder anziehen. Jeder bekam ein Schild mit der Personennummer. Dann wurden wir von der Bahnstation Sedlice abtransportiert. In jeden Waggon stiegen 30 Männer ein. Der Waggon wurde mit Stacheldraht in zwei Hälften geteilt. In einem Raum saßen die Gefangenen, im anderen befanden sich die Wächter. In „unserer“ Hälfte war sehr eng. Wir konnten nur stehen. Wir waren acht Tage unterwegs und erreichten die Stadt Ludwigsburg zwischen Stuttgart und Karlsruhe. Im Lager waren Pferdeställe. In einem Stall lebten 300 Personen. Es gab schon andere Kriegsgefangene, Franzosen, Briten, Polen, Amerikaner. Das war also ein internationales Lager. Wir wurden getrennt untergebracht. Einmal täglich machte der Aufseher das Tor auf und wir konnten eine Stunde lang frei atmen. Als Essen bekamen wir Grünzeug, Rüben und ungeschälte Kartoffeln. Es gab auch einen großen Hof. Die Westler wurden wesentlich besser behandelt als wir. Jede Woche erhielten sie Päckchen vom Roten Kreuz mit Zigaretten und Nahrungsmittel. Auch die allgemeine Lagerration war für sie besser. Unsere Jungs suchten verzweifelt in der Mülltonne nach einer Kippe oder dem Speiserest.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Damit wir uns nicht „langweilen“, mussten wir Steine ziellos über das Lagergelände schleppen. Jeder Stein war etwa fünf Kilo schwer. Als die Steine zum Außenrand des Lagers gebracht wurden, mussten wir sie zurücktragen. Als die Alliierten mit dem ständigen Bombardement der Stadt begannen, wurden wir zur Trümmerbeseitigung rekrutiert. Zuerst wurde Pforzheim vier Stunden lang bombardiert. Das Lager stand 40–50 km entfernt. Die Erde tobte. Ich habe es selbst gesehen. Das passierte gegen um 9 oder 10 Uhr abends. Die Luftabwehrkanonen haben fünf oder sechs Flugzeuge abgeschossen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei der Schuttbeseitigung fanden wir oft Nahrungsmittel. Das hat uns unterstützt. Heimlich aßen wir Brot und anderes Essen. Als wir aber die Eisenbahngleise reparierten, arbeiteten wir tagelang fast ohne Unterbrechung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einmal bemerkte ich, als wir ins Lager zurückkamen, dass die Gitter vor den Fenstern durch festere ersetzt worden waren. Dann wurde eine Gruppe von Gefangenen reingeführt. Das waren unsere Flieger, fünfzig Männer oder mehr. Alle trugen die Uniform mit Orden und Medaillen. Den Fliegern wurde zu unserem Erstaunen erlaubt, die Auszeichnungen zu behalten. Das waren obere Offiziere, Majore und Oberste. Sie baten uns um Zigaretten. Wie unvorhersehbar ist das menschliche Schicksal. Ein Flieger, ein Oberst, ist ein großer Mensch. Seine Ausbildung hat den Staat viel gekostet. Er ist hoch gelobt. Er ist des Vaterlands Stolz. Plötzlich ist er zu einem einfachen Kriegsgefangenen herabgesetzt und bittet ums um eine Kippe! In einer Nacht wurden alle Flieger weggebracht. Ich weiß nicht, was mit den Männern passierte. Vielleicht wurden sie erschossen. Was ist ein menschliches Leben wert! Eine Fliege kann wenigstens wegfliegen. Der Mensch ist ungeschützt. Damals war der Mensch ganz einfach zu töten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach den Kriegsjahren hat unser Volk unter sehr schweren Bedingungen die Wirtschaft wiederaufgebaut. Viele Häuser waren zerstört. Die Menschen arbeiteten rund um die Uhr. Ihre Arbeit verdiente Anerkennung, war für jeden verständlich und nachweisbar. Wir bauten Werke und Fabriken wieder auf. Heute, innerhalb von 14 Jahren, wurden die ukrainische Wirtschaft unter Krawtchuk und Kutschma noch mehr beschädigt als während des Krieges. Krawtschuk hatte viele Gefolgsleute, die alles raubten und billig verkauften. Sie wurden reich. Das Volk ist arm geblieben und wartet auf die Hilfe von Seiten anderer Länder. Ich und alle Bürger der Ukraine können nicht in Kauf nehmen, dass bei uns Milliardäre, Oligarchen und andere Räuber erschienen. In anderen Ländern mit Ausnahme der UdSSR wurde das Eigentum geerbt. Wir hatten früher keine Millionäre gehabt. Plötzlich kamen die Reichen wie Pilze nach dem Regen. Sie sind an allem schuld. Unsere Ersparnisse sind verloren gegangen. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Moskau 800 Milliarden Rubel weggebracht. Aus diesem Grund sind die Alten und Schwachen ärmer geworden. Ich habe viel erlebt: die Hungersnot 1932–1933, den Krieg 1941–1945, den Wiederaufbau des Landes. Jetzt wurde unsere Wirtschaft endgültig dem Boden gleich gemacht. Niemals war ich so entrechtet wie heute. Lieber hätte uns Hitler töten sollen. Am 22. August 2004 starb meine Ehefrau. Ich bin allein geblieben, arm, krank, arbeitsunfähig. Im Land herrschen Korruption, Bestechung, Protektionismus. Es kommt die Zeit, dieses Unkraut zu hacken. In der Ukraine führt die Opposition einen Kampf gegen die neue Regierung. Sie blockiert die guten Vorhaben. Überall, im Parlament und in der Regierung sitzen die alten Vertreter der reichen Elite, die absichtlich jede Initiative verhindern. Eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Es wird noch schlimmer, weil die Korruption blüht. Im Land herrschen Achmetow, Medwedtschuk, Pintschuk, Surkis, Wolkow und andere Millionäre, die im Parlament sitzen. Sie teilen die Ukraine in Ost und West. Solche Bereicherung erfolgt nur in einem Land, wo keine Ordnung ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Deutschland wurde die Mauer entfernt. Die BRD und die DDR haben sich vereinigt. Sie leben zusammen, haben Frieden und Wohlstand. Wenn die Politiker die Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung als Ziel setzen, leben dort die Menschen friedlich und wohl und können sich noch zusätzlich um andere Völker kümmern, den Armen wie mir helfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte Sie ausdrücklich, mir eine Antwort zu schreiben. Dann würde ich wissen, dass Sie meinen Brief gelesen haben und meine Bemühung nicht umsonst war. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich etwas Falsches geschrieben haben. Ich bin 88 Jahre alt und bin froh, dass ich in diesem Alter überhaupt noch schreiben kann.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihre Hilfe habe ich am 08.08.2005 erhalten. Dafür bin ich vom vollen Herzen dankbar. Das ist eine spürbare Unterstützung für mich. Jetzt zahle ich die Betriebskosten für die Wohnung. Den Rest werde ich für Medikamente verbrauchen. Die guten Arzneien, die bei uns angeboten werden, sind ausschließlich im Ausland produziert und sind deshalb sehr teuer. Was soll ich denn tun! Das menschliche Leben ist teurer als das Geld. Ich bemühe mich zu überleben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Sie eine Möglichkeit haben, bitte ich Sie, eine gewisse Zeit später mir noch etwas Geld als humanitäre Hilfe zu überweisen. In unserem Staat ist eine Verbesserung kaum zu erwarten. Wir leben im Chaos und haben jede Hoffnung aufgegeben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank und beste Wünsche!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Wiedersehen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Erwartung auf die Antwort.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(Unterschrift).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;09.08.2005.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_521.php</link>
<pubDate>25 Nov 2016 07:39:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>520. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Pensa&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aschajew Sergej Antonowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren sehr freundlichen und herzlichen Brief bekommen habe. Ich danke Ihnen für das Feingefühl und das Verständnis und für die Anerkennung, die Sie darin zum Ausdruck bringen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das furchtbare Ereignis, das im Juni 1941 in mein junges Leben einbrach, hat wirklich eine tragische Spur in meinem Leben hinterlassen. Der Große Vaterländische Krieg hat vier meiner Brüder das Leben gekostet und ich selbst bin bereits am ersten Tag des Krieges, am 22. Juni, in faschistische Gefangenschaft geraten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das war an der deutsch-litauischen Grenze in der Nähe der Stadt Taurage [Tauroggen], wo ich als Nachrichtensoldat der 106. Grenzabteilung diente. Wir gerieten unter ein Bombardement, von unserer Sicherungseinheit blieben nur sechzehn Leute am Leben, wir waren fast taub und teilweise verwundet. Wir versuchten, auf Nebenwegen zum Wald zu kommen. Sieben von uns schafften es bis zum Wald, die anderen neun wurden von deutschen Infanteriesoldaten erschossen. Den ganzen Tag rannten wir durch den Wald Richtung Osten. Hunger und Durst quälten uns. Als uns die Kräfte verließen, wollten wir zu einem litauischen Hof gehen, um uns Lebensmittel zu holen. Unsere Papiere und Waffen ließen wir beim Kommandeur im Wald. Kaum waren wir aus dem Wald getreten, tauchten schon deutsche Wagen mit Soldaten auf. So gerieten wir in Gefangenschaft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir wurden in ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene gebracht, das sich in dem Ort Rossijany [?] befand. In diesem Lager waren 60 000 Menschen. Wir waren unter offenem Himmel, in der brennenden Sonne und hinter zwei Reihen Stacheldraht eingepfercht, wir hatten schrecklichen Durst, gruben mit den Händen Mulden in den sandigen Grund, unter dem es Wasser gab. Wir mussten auf dem Flugplatz arbeiten und die Landebahnen befestigen. Die Verpflegung war schlecht: gekochte Futterrüben, mehr bekamen wir nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Faschisten gingen brutal mit uns um, für den kleinsten Ungehorsam wurden wir geschlagen, wer sich widersetzte, wurde erschossen. Sie brachten uns ins Badehaus, zogen uns ganz aus und bespritzten uns mit kaltem Wasser aus dem Schlauch. Viele brachen zusammen und starben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich hatte das Glück, am Leben zu bleiben und unter den dreißig Männern zu sein, die für die Arbeit bei den Bauern ausgewählt wurden. So kam ich auf einen deutschen Bauernhof, wo ich alle möglichen landwirtschaftlichen Arbeiten übernehmen musste. Die Bauern, friedliche Deutsche, waren gut zu mir, ich bekam genügend zu essen und durfte mit ihnen am Tisch sitzen. Dort blieb ich von März bis September 1942.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bald darauf erfolgte Hitlers Anweisung, dass die Kriegsgefangenen zur Arbeit in den Bergwerken eingesetzt werden sollten. So kam ich ins Ruhrgebiet, wo ich im Steinkohlebergwerk arbeitete. Die Bedingungen dort waren sehr schlecht, zu essen bekamen wir Kartoffeln und Futterrüben, unsere Füße steckten in derben Holzschuhen, die uns die Füße blutig rieben. Uns war es verboten, auf dem Bürgersteig zu gehen, nur auf der Straße. Wir waren völlig erschöpft und ausgehungert, mussten jeden Tag in den Stollen hinunterfahren und mit dem schweren Abbauhammer Steinkohle für die deutsche Industrie gewinnen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die amerikanischen Truppen befreiten mich 1944 [?] aus der Gefangenschaft. Was kann ich Ihnen, meine Lieben, noch von diesem Abschnitt meines Lebens schreiben? Von all dem Leid und der Not, die ich durchleben musste? Das kann man unmöglich mit Worten wiedergeben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danach kam die Rückkehr in die Heimat, unzählige Überprüfungen, erniedrigende Verdächtigungen. Auch das musste ich alles durchmachen. Von Beruf bin ich Lehrer. In den ersten Nachkriegsjahren wurde ich einige Male von der Arbeit suspendiert, weil ich in Gefangenschaft gewesen war. Diese ganze Ungerechtigkeit hat sich wie eine bittere Schale um mein Herz gelegt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit der Zeit aber normalisierte sich das Leben, ich gründete eine Familie. Mein ganzes Leben habe ich in meinem Heimatstädtchen als Lehrer gearbeitet. Insgesamt war ich vierzig Jahre als Lehrer tätig.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt bin ich neunzig Jahre alt und wohne in dem Haus, das ich selbst gebaut habe. Ich habe den Titel Veteran des Großen Vaterländischen Krieges bekommen, bin mit dem Orden des Großen Vaterländischen Krieges und mit einigen Medaillen ausgezeichnet worden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sich diese furchtbare Zeit, die ich durchleben musste, nie wiederholen möge, dass alle Menschen in Frieden leben und es nie wieder Krieg gibt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das habe ich immer meinen Schülern gesagt und das sage ich auch jetzt noch, wenn ich als Veteran des Großen Vaterländischen Krieges zu Treffen mit jungen Leuten eingeladen werde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich befürworte von ganzem Herzen Ihre Bemühungen, bei der jungen Generation Respekt und Dankbarkeit gegenüber den sowjetischen Soldaten zu wecken, sie zu Toleranz zu erziehen und dazu, dass sie mit allen Völkern den Frieden wünschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sergej Antonwitsch Aschaew,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Veteran des Großen Vaterländischen Krieges von 1941–1945.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_520.php</link>
<pubDate>18 Nov 2016 09:20:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>519. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg)</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Mogilew&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kasimir Bronislawowitsch Wolkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Frau Dr. Schramm, sehr geehrte Teilnehmer und Leiter des Projektes,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;ich habe Ihren Brief vom 01.07.2005 aus Berlin in den Händen. Es schreibt Ihnen der Enkel von Kasimir Bronislawowitsch Wolkow, Igor Antonowitsch Wolkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank für die Sorge um meinen Großvater, die Sorge um alle sowjetischen Kriegsgefangenen. Leider ist der Großvater vor einem Jahr gestorben, am 28.04.2008. Er war ein starker Mensch und ein wahrer Soldat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kasimir Bronislawowitsch war der älteste in der Familie. 1940 wurde er in die Rote Armee eingezogen. Er diente in Litauen, dort ereilte ihn auch der Große Vaterländische Krieg. Als Hauptfeldwebel einer Maschinengewehrkompanie geriet er mit seinen Regimentskameraden in ein schreckliches Gemetzel. Ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr musste man sich zurückziehen, er geriet in eine Einkesselung, aus der es kein Entkommen gab. Er überlebte die Schrecken der Gefangenschaft, die seine Gesundheit untergrub, seine Moral war jedoch nicht gebrochen; der mutige Soldat befleckte nicht die Ehre seines Vaters – Träger des Georgskreuzes.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Kindheit verbrachte ich viel Zeit im Dorf, damals nahm mich der Großvater oft mit zur Arbeit. Bei der Fahrt über die Kolchosfelder mit der Brigadekalesche haben wir gemeinsam die Schönheit der Heimaterde, der Wälder und Wiesen bewundert. Zur Erde und der Arbeit an ihr verhielt er sich irgendwie besonders, dieses Verhältnis hat er auf die Kinder und Enkel übertragen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Großvater erinnerte sich ungern an den Krieg, er hat niemals etwas darüber erzählt. Aber als es mir gelang, ihn herauszulocken waren die Erzählungen gleichzeitig interessant und schrecklich. Die Geschichte ereignete sich in der Gefangenschaft. Man kann annehmen, dass sie in der Geschichte der faschistischen Lager einzigartig ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Morgens konnte der Großvater sich nicht von der Pritsche erheben wegen unerträglicher Schmerzen im Bein – das Knie war geschwollen, es gab keine Möglichkeit sich zu bewegen. Der Wachmann, der die Gefangenen zur Arbeit hinaus jagte, wurde fuchsteufelswild und schlug ihn […] auf das kranke Bein. Vor Schmerz vergaß er die Todesangst und verlor die Beherrschung. Großvater schlug mit aller Kraft den Polizai-Mann. Zu dieser Zeit kam ein Offizier in die Baracke, dem sofort über den Vorfall Meldung erstattet wurde. Kasimir Bronislawowitsch bereitete sich schon auf den Tod vor, erinnerte sich an alle Verwandte und verabschiedete sich im Geiste von ihnen. Plötzlich sagte der Offizier etwas in scharfem Ton zu dem Wachmann, der kam und verbeugte sich vor dem Soldaten. Durch den Dolmetscher wurde ihm gesagt, dass der Polizai-Mann ihn auf dem Rücken tragen wird. Er traute seinen Ohren nicht, er entschied, dass man ihn verhöhnen will, aber weiter entwickelte sich alles wie im Traum – der Wachmann trug ihn in die Sanitätsstelle. Dort versorgte man seine Wunde und auf dieselbe Art und Weise wurde er in die Baracke zurück gebracht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Erklären kann man diesen außergewöhnlichen Fall damit, dass der deutsche Offizier die mutige Handlung des sowjetischen Soldaten zu schätzen wusste. Es war so, dass der Vater Wolkows Kasimir Bronislawowitschs auch an der russisch-deutschen Front 1915 Soldat war. Er wurde verwundet, kam in Gefangenschaft. Die deutschen Ärzte operierten ihm 9mal die Hand, aber konnten leider die Hand nicht retten, sie musste amputiert werden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater, Wolkow Anton Kasimirowitsch, diente auch in Deutschland in der Stadt Leimar [Weimar?] bis zum Beginn der Kämpfe in der Tschechoslowakei [1968].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Onkel meines Großvaters Wolkow Kasimir Bronislawowitsch, Wolkow-Karatschewski Vincent Stanislawowitsch ist in den 30-er Jahren nach Deutschland gefahren, weil er Angst vor der Verfolgung durch das NKWD hatte. Leider ist mir von ihm fast nichts bekannt. Ich weiß nur, dass er ungefähr vor 7 Jahren in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Hannover gestorben ist. Er hat keine Kontakte zu den Verwandten aufgenommen, weil er befürchtete, dass sie das NKWD verfolgen würde.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So sind die Schicksale meiner Verwandten mit Deutschland verbunden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank für Ihre nicht leichte Arbeit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Habe die Ehre.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Enkel eines wahren Menschen und Soldaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wolkow Igor Antonowitsch&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_519.php</link>
<pubDate>11 Nov 2016 14:32:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>518. Freitagsbrief (vom Mai 2013, aus dem Russischen von Jenny Seitz)</title>
<description>&lt;p&gt;Prokofij Petrowitsch Pertaja&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Woronesh&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Autobiographie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Pertaja Prokopij Petrowitsch, wurde am 15. September 1921 in Kotschara im Otschmtschirskij Rajon der Georgischen ASSRin einer Bauernfamilie geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von der Nationalität her bin ich Mengrelier. Mein Vater war Pertaja Pjotr Pachulowitsch, geb. 1868, meine Mutter Pertaja Babina Antonowna, geb. 1867. Sie waren beide Mengrelier.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor und nach der Revolution waren sie Landwirte. 1928 wurde ich eingeschult, 1940 schloss ich die 9. Klasse in Kotschara ab.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1941 wurde ich in die Sowjetarmee einberufen, in das Nachrichtenbataillon der Fernostarmee (Bikin, Gebiet Chabarowsk, Primorskij Kraj). Im Februar 1943 wurde ich an die Front geschickt, als Schütze in der Panzerarmee unter der Führung von Katunow (seine Armee war zu diesem Zeitpunkt in der Oblast Kalininskaja, 300 Kilometer entfernt von Ostaschkowo). Im März 1943 wurde unsere Armee in Richtung Kursk, kurz hinter die Ortschaft Obojan versetzt. Vor der Offensive im Kursker Bogen waren wir in den Dörfern Krotlik [?] und Kurasowka stationiert. An den Kämpfen war ich ab dem 5. Juni 1943 beteiligt. Während der Kampfhandlungen geriet unser Bataillon in eine Einkesselung und wir wurden gefangengenommen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Eltern zu Hause bekamen eine Vermisstenmeldung. Nach der Gefangennahme war ich im Gefangenenlager in Jakowlewo. Nach einer Weile wurde ich nach Rowno versetzt. Drei Monate später schickte man mich zur Station Schepetowka [Stalag 301 Ukraine]. Von dort aus wurde ich nach Deutschland gebracht, in die Stadt Sajun [Sagan Stalag VIIIC Schlesien], wo wir eine Zeitlang in [unleserlich] blieben. Danach wurden wir von einem Lager ins nächste geschickt – in den Städten Görlitz [Stalag VIIIA], Bril [?], und das letzte Lager, in dem ich war, befand sich in Weimar nahe der französischen Grenze [sic!]. Das alles habe ich bei der Filtration in Rawarusskij [Rawa-Ruska?] dargelegt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus der Gefangenschaft wurde ich 1945 durch die amerikanische Armee befreit. Die amerikanischen Truppen übermittelten alle ehemaligen Kriegsgefangenen nach Chemnitz, und von Chemnitz aus wurde ich dann zum Sammelpunkt für ehemalige Kriegsgefangene in Rawa-Ruska geschickt, wo ich durch die Ermittlungsorgane überprüft wurde – wo und unter welchen Umständen ich gefangengenommen worden sei. Nach gründlicher Überprüfung wurde ich am 18. August 1945 wegen Krankheit nach Hause geschickt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde nicht angeklagt, es gab kein Ermittlungsverfahren. Bis zu meiner Pensionierung arbeitete ich in verschiedenen Anstellungen. Ich bin Invalide der Gruppe 2. Ich besitze keinerlei Dokumente aus der Zeit in Gefangenschaft, weil mir nie welche ausgehändigt worden sind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Deshalb sende ich Ihnen das einzige Dokument, das meinen Verbleib im Kriegsgefangenenlager bestätigt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich würde Sie bitten, mir Ihre Entscheidung an die folgende Adresse mitzuteilen:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In diesem Dorf lebe ich seit 1947. Ich bin verheiratet, habe vier Kinder und fünf Enkelkinder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Pertaja P. P.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte Sie dringend um die Rücksendung des Dokuments, falls es nicht benötigt werden sollte. Vielen Dank im Voraus.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Angelegt Fotokopie eines Dokuments, das die Kriegsgefangenschaft bestätigt, vom 25. Juli 1966, ausgestellt durch das Kreiskomitee der Kommunistischen Partei in Otschamtschir.].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Herr Pertaja erhielt im November 2013 unsere Antwort und 300 € als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts. Auf seine Bitte hin finanzierten wir ihm außerdem den Gasanschluss zu seinem Häuschen. Wir haben keine Nachricht, ob er noch lebt. (Die Redaktion)&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_518.php</link>
<pubDate>04 Nov 2016 23:59:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>517. Freitagsbrief (vom Januar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Tambow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wasilij Frolowitsch Droshshin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte allen Mitarbeitern von „Kontakte“ ein Frohes Neues Jahr 2010 wünschen. Ihrem ganzen Kollektiv und allen Deutschen wünsche ich das Allerbeste. Und ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief bekommen habe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Russland hatten wir italienische Wachmannschaften. Im Februar brachten sie uns nach Charkow, dann mussten wir zu Fuß bis zur Grenze marschieren. Sie brachten uns nach Deutschland ins Lager Stalag IV-B [Mühlberg/Elbe] (bis zum 1.5.1943) und ins Stalag II B Hammerstein (bis zum 7.5.1943). Dann brachten sie uns nach Norwegen. Wir bekamen Essensrationen für drei Tage, viele von uns haben alles sofort aufgegessen. Wir bekamen eine andere Kleidung und Holzschuhe, die innen für den Fuß ausgeschnitzt waren. Als Verpflegung ein Laib Brot und 800 g Konserven für drei Tage. Auf dem Schiff bekamen wir drei Tage lang nichts mehr.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir mussten in Trondheim einen Tunnel bauen. Im Winter gibt es dort viel Schnee. Der Tunnel war 4 km und 30 m lang. Wir beschlugen ihn mit Brettern, und unser Arbeitstrupp machte Ausweichstellen auf beiden Seiten des Tunnels, damit ein Auto zur Seite fahren und das entgegenkommende vorbeilassen konnte. Dann brachten sie uns über den Hafen Narvik nach Rognan. Dort arbeiteten wir beim Bau einer Eisenbahnlinie und mussten die Trasse frei räumen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 7. Mai 1945 kam die erste Schicht nach der Arbeit ins Lager zurück, die zweite Schicht ging los, wurde aber bald wieder zurückgebracht. Wir mussten im Lager zum Appell antreten und sie sagten uns, der Krieg sei zu Ende. Ein norwegisches Auto mit Lebensmitteln stand am Lagertor. Wir mussten einen Ältesten wählen, damit kein Chaos ausbricht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 8. Mai bekamen wir eine Soldatenration. Wir blieben noch bis zum 4. Juli 1945 in diesem Lager. Zu Hause in Russland wurden wir überprüft, dann ging jeder seines Weges. Unsere Kompanie kam nach Nowosibirsk. Erst arbeitete ich auf dem Bau. Dann sagte der Oberfeldwebel der Kompanie zu mir: „Du bist noch jung, geh in den Betrieb und mach eine Lehre zum Dreher.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wer Lehrer war, der durfte sofort nach Hause. Die anderen wurden je nach Jahrgang aus dem Armeedienst entlassen und nach Hause gelassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde entlassen, weil mein Elternhaus abgebrannt war und sie mich auf eine Bescheinigung des Landwirtschaftsrates hin nach Hause ließen. Ich fällte 5 Kubikmeter Holz und mit Hilfe der Dorfbewohner aus der Kolchose baute ich das Haus wieder auf.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute lebe ich allein. Ein Mann kümmert sich um mich, bringt mir Wasser und Brennholz, hilft mir im Garten, den ich noch für mich bewirtschafte. Ich habe Kartoffeln, Knoblauch, Gurken, Kohl, Tomaten, und bei allem hilft er mir. Ich war zweimal verheiratet, beide Frauen sind schon gestorben. Auch mein Sohn ist gestorben. Meine Stieftochter kommt mich manchmal besuchen. Ich habe noch eine Schwester, aber sie ist krank, sie nimmt Medikamente, lebt so lange sie die Medikamente hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;So lebe ich also. Weil ich schon 80 Jahre alt war, wollten sie meinen Leistenbruch nicht operieren. Damit lebt es sich nicht besonders, aber ich komme irgendwie zurecht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Meine Lagernummer war 205992.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Wiedersehen und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_485.php</link>
<pubDate>28 Oct 2016 08:56:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>516. Freitagsbrief (Dezember 2006, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Saporoshje&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wiktor Semenowitsch Ryshkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Dr. Gottfried Eberle und Herr Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einen großen menschlichen Dank für den Brief und die materielle Unterstützung!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Ihren Brief antwortet Lidja Wiktorowna Artemtschuk, die ältere Tochter von Wiktor Semenowitsch. Er kann auf Ihren Brief nicht persönlich antworten, weil seine rechte Hand verletzt ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte um Entschuldigung für die nicht rechtzeitige Antwort, also für meine Unpünktlichkeit. Wiktor Semenowitsch hat das Geld im Juli erhalten. Ich bin bereits Rentnerin. Trotzdem habe ich viele Dinge, für die ich sorgen muss. Vater lebt auf dem Lande. Mein Ehemann und der Sohn leben in Berdjansk, die Tochter mit Familie in Charkow.Ich habe mit der Enkelin den ganzen Sommer beim Großvater verbracht. Wir kümmerten sich um seinen Garten, Henne, Hund und Katze mit Katzenkindern. Meine Enkeltochter besucht die zweite Klasse des Charkower Mädchengymnasiums.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir Ihren Brief bekamen, weinten wir während des Lesens. Den ganzen Abend erinnerte sich der Vater an sein Nachkriegsleben und an seinen Lageraufenthalt. Mehrmals kamen Agitatoren von der Wlassow-Armee, UPA und OUN. Ich habe nur zugehört, – sagte der Vater, – und dachte an meine Verwandten, an den jüngeren und älteren Bruder, an Vater und Mutter, die auf mich in der Heimat gewartete haben. Der ältere Bruder war ein Berufsoffizier. Er kämpfte auch für das Vaterland. Der Vater kann sich ganz gut daran erinnern, wie OUN-UPA-Angehörige beim Rückzug den Sowjettruppen in den Rücken schossen. Er war Zeuge, wie diese Menschen vor dem Krieg ernährt wurden und sowjetische Uniform erhielten. Als der Krieg begann, gaben sie Fersengeld [und flüchteten] in den Wald, bauten dort Erdlöcher und saßen dort bis zum Kriegsende, sogar bis 1957. Im Krieg jagten sie wie Wölfe nach im Wald zurückgebliebenen und eingekesselten Soldaten oder Partisanen. Nach dem Krieg töteten sie Landsleute, die vom Krieg verwüstete Städte und Dörfer wiederaufbauten. Jetzt will unser Präsident die Kämpfer, Verteidiger der Heimat, den Mördern unter schwarzen faschistischen Fahnen rechtlich gleichstellen. Uns ist bekannt, dass bei Ihnen in Deutschland faschistische Organisationen verboten sind.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihr Verständnis. Wir können unseren Präsidenten nicht verstehen. Man kann die Fehler ideologischer Gegner verzeihen. Das gehört zur Vergangenheit. Man kann aber beide Seiten rechtlich nicht gleichstellen. Demokratie verdient sein Namen erst, wenn das Gesetz herrscht. Vor dem Gesetzt sind alle gleich. Ich will keine Richterrolle beanspruchen. In der Welt gibt es aber allgemeine menschliche Werte. Sie gelten als Ausgangspunkt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ehemalige Soldaten haben als Freiwillige vom Krieg zerstörte Städte und Betriebe wiederaufgebaut. Mein Vater arbeitete beim Wiederaufbau eines Metallwerkes in Donezk (damals Stalinsk). Es gab wieder Hunger und Kälte. Die Werkhallen waren zerstört, ohne Dach über dem Kopf. Sie haben Waren produziert und gleichzeitig das Werk wiederaufgebaut. Vor Hunger rettete die Lagererfahrung, Soldatengeschick und der Glauben an eine bessere Zukunft. Nach der Aufhebung der Lebensmittelkarten für Brot liefen verzweifelte Arbeiter von einem Geschäft zum anderen. Die Regale waren voll Brot. Es gab aber wenig Geld. Meine Großmutter bewahrte bis zum Lebensende in einem Versteck eine Tasche aus weißem Stoff mit trockenem Brot auf. Die Mutter beackerte ein kleines Feld und machte bis zum Tod Weizenvorräte, ein paar Säcke. Darüber wurde nicht geredet. Alle wussten aber: das ist auf Vorrat. Die vererbte Angst vor Hunger …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1948 übersiedelte der Vater ins Dorf Uspenowka, wo meine zukünftige Mutter lebte. Die Eltern heirateten. Sie fuhren später zur Arbeit nach Stalino. Danach ging es nach Russland. An der Wolga lebten Vaters Eltern und sein jüngerer Bruder. Vaters Mutter starb an Krebs im Jahre 1943. Der Vater war damals in Deutschland. Ihre zwei Söhne kamen von der Front nicht zurück. Die Stiefmutter empfing meine Eltern nicht freundlich. Die Großeltern hatten bereits zwei kleine Söhne. Dann wurde Mutter krank und die Familie kehrte zu Mutters Eltern in die Ukraine zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin 1950 geboren. Nach einem Jahr wurde meine Mutter Lungen-TBC-krank. Sie war neun Jahre lang krank. Die Folgen von Hunger, Lageraufenthalten und Typhus am Ende des Aufenthaltes in Deutschland blieben nicht aus. Meine Mutter war in einem Militärspital und überlebte. Sie fuhr mit dem Zug nach Hause. Vom Zug bis zum Haus wurde sie getragen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater hat keine Hochschulbildung. Er war einfacher Arbeiter, parteilos. Die Kinder, Dorfbewohner und Arbeitskollegen haben ihn immer respektiert. Er ist Russe. Im Dorf leben hauptsächlich Ukrainer. Ich kann die Menschen nicht verstehen, die einander im Namen von Ideen oder aus edlen Gründen oder für das Geld töten. Ich war Mitglied der Pionier- und Komsomolorganisationen. Als mir angeboten wurde, der Partei beizutreten, lehnte ich dies ab. Jede Macht bedeutet Gewalt und Manipulation der Menschen, egal in welchen Hände diese Macht ist. […].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir haben in der Ukraine beste Schwarzerde, Wälder und Bodenschätze. Wir sind ein talentiertes Volk. In unserer Gesellschaft gibt es aber keine Verständigung. Wir haben 15 Jahre Unabhängigkeit gefeiert. In unserem Land gibt es keine Stabilität und keine Ruhe für die Alten. Die Kinder, unsere Zukunft, fahren für die Arbeit ins Ausland.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Vater arbeitete 40 Jahre lang als Schlosser, Dreher, Schweißer und Fahrer im Autobetrieb von Andrejew. Man sagte: „Er hat goldene Hände“. Er konnte alles schaffen. Er baute ein Haus, pflegte den Garten und erzog zwei Töchter, Lida und Ljubow. Die Töchter sind groß geworden. Sie verließen das Haus der Eltern, bekamen eine Ausbildung und gründeten eigene Familien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Weil ich nicht weit vom Dorf des Vaters wohne (45 km entfernt), kümmere ich mich um ihn. Unser Haus ist auch älter geworden. Es ist sanierungsbedürftig. Im Dorf gibt es eine Gasleitung. Sie reicht aber nicht zu Vaters Haus. Dafür haben wir kein Geld.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurz über meine Person. Seit langem mache ich keine Einteilung der Menschen: Unsrige – Fremde, Freunde – Feinde. Noch in der Kindheit erzählte die Oma, dass einige Deutsche die Häuser beim Rückzug verbrannten. Die anderen Deutschen halfen hingegen, den Brand im Haus meiner Oma zu löschen. Sie warnten meine Oma vor Gefahren und halfen während der Razzien sich zu verstecken. Sie nannten sie „Mama“. Der Freund ist immer der Freund, egal, wo er lebt und welche Hautfarbe er hat. Das spielt keine Rolle.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das war’s. Auf Wiedersehen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn Sie sich für konkrete Fragen interessieren, schreiben Sie uns bitte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wiktor Semenowitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lidija Wiktorowna.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P.S. Stimmt es, dass die Kinder und Enkelkinder von Ostarbeitern in Deutschland kostenlos studieren dürfen?&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_516.php</link>
<pubDate>21 Oct 2016 13:14:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>515. Freitagsbrief (September 2012 aus dem Russischen übersetzt von Martin Creutzburg)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Taganrog&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nikolaj Sacharowitsch Jakowlew.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vom Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, dem Invaliden der zweiten Kategorie Jakowlew Nikolaj Sacharowitsch, geb. 1923, wohnhaft in Taganrog.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schicke Ihnen eine Ergänzung zu den Erinnerungen meines Vaters Jakowlew N. S. als Antwort auf die Fragen, die Sie per E-Mail vom 15.02.2012 gestellt haben. [Zum Stalag 326 Senne].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nikolai Sacharowitsch ist ein sehr guter Erzähler seiner Erschütterungen durch die faschistische Gefangenschaft während des Krieges. Er berichtet über sein gesamtes langes Leben. In unserer großen Familie kennen seine Erzählungen – „Wahre Geschichte über den Krieg“, alle, Jung und Alt. Diese Geschichten wurden Bestandteil der Geschichte unserer Familie.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier einige von ihnen:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Vater erinnerte sich an zwei Episoden der Humanität von deutschen Ärzten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;… der grimmige Winter 1943. Der Transport der Kriegsgefangenen nach Deutschland (vom Städtchen Smela in der Ukraine) in kalten Scheunen, nach unterwegs überstandenem Typhus, Verwundungen und Erfrierung an beiden Beinen, dem Fehlen von Nahrung und Wasser … Ein Wunder, dass er am Leben blieb!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Beim üblichen Rundgang der Ärzte in den Baracken bat Vater den deutschen Arzt, ihn in die Baracke zu den Schwerverwundeten zu verlegen. Der Arzt fand keinen Grund für eine solche Verlegung. Vater fuhr auf Deutsch fort, den Arzt zu überzeugen, dass seine Wunden in einem schrecklichen Zustand seien. Der deutsche Arzt zeigte Humanität und ließ Vater in die entsprechende Baracke verlegen, die „Eigenen“ gaben ihm etwas Brei und Brot von ihren schmalen Rationen ab, so wurde mein Vater vor dem sicheren Tode gerettet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vater erinnert sich an den Februar 1944, als er in Deutschland, im Kriegsgefangenenlager Nr. 326 [Stalag 326 Senne war das registrierende Stalag]tief unter der Erde, 12 Stunden täglich im Kohleschacht arbeiten musste. Die Höhe des Abbauorts betrug nur etwa einen Meter. Die auszehrende Arbeit mit dem Abbauhammer und der Spitzhacke, halb liegend, hat seine Gesundheit endgültig untergraben. Durch die nicht verheilten Wunden an den erfrorenen Beinen waren seine Lebenskräfte am Ende.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vater verstand, dass sein weiterer Verbleib im Lager und diese Sträflingsarbeit ihm keine Chance zum Überleben lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wieder half ihm ein rettender Engel.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bei der nächsten medizinischen Untersuchungskommission gelang es Vater, den deutschen Arzt davon zu überzeugen, dass der Zustand der Wunden an den Beinen zu Gangräne und dem Verlust beider Beine führen kann. Der Arzt schickte Vater und noch einige kranke Gefangene nach langem Schwanken in das Lagerlazarett. So wurde Vaters Leben ein zweites Mal durch einen deutschen Arzt gerettet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vater erinnert sich an eine Geschichte von seinen mehrmaligen Fluchtversuchen aus der Gefangenschaft:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nachdem man ihn ein wenig aufgepäppelt hatte, wurde er als untauglich für die Arbeit im Schacht, in ein Arbeitskommando zur Beseitigung von Trümmern, zum Holzeinschlag im Ruhrgebiet geschickt, da das als „leichte Arbeit“ galt. Die tägliche Brotration wurde von 500 g auf 300 g gesenkt, der Arbeitstag betrug jedoch wie vorher 12 Stunden. Entkräftet und erbittert von der untragbaren Arbeit, dem Hunger und der Krankheit der Beine, beschloss Vater zu fliehen. Ihm, als jüngstem Gefangenen, halfen Gefangene aus seinem Kommando die Flucht vorzubereiten, damit er sein Leben retten könne.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die zusammengesuchte Zivilkleidung nähten sie in einen kleinen Kissenbezug und bereiteten die Flucht vor. Es halfen ihm gefangene Franzosen, Italiener, Österreicher.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Waghalsig und furchtlos lief er nachts, am Tage versteckte er sich im Wald. Er lief nach Osten, die Ortschaften umgehend, aber die Kräfte verließen ihn. Als er in einem Heuhaufen lag, sah er bei Sonnenaufgang ein Mädchen stehen, das ihm den Rücken zugewandt hatte. Hungrig und dürr (42 kg bei einer Größe von 180 cm) bat er, auf sie zugehend, leise um Brot.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie drehte sich heftig um, aber erschrak nicht. Sein erschöpftes Gesicht betrachtend, sagte sie auf Russisch – ich bin auch aus Russland, genauer aus der Ukraine. Ich arbeite hier und zeigte auf ein Gehöft, das in der Nähe stand. Dort sind deutsche Soldaten, Autos, Panzer, aber die Hofbesitzer können etwas zu essen geben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dem Rat des Mädchens folgend, klopfte Vater, vom Hunger getrieben, an einem der entfernteren Häuser an. Man ließ ihn eintreten und gab ihm zu essen. Im Nachbarzimmer grölten laut deutsche Soldaten. Einer von ihnen kam ziemlich betrunken ins Zimmer, wo mein Vater war. Er begann lebhaft, meinem Vater etwas zu erzählen, hielt ihn offensichtlich für den Sohn des Bauern. Zusammen gingen sie hinaus auf den Hof durch die vorbeihuschenden Soldaten und die sich bewegende Technik. Er passte den Moment ab, um sich von dem Offizier zu lösen und lief zum Wald, um sich zu verstecken. Nachdem er einige Zeit im Wald gelaufen war, kam er an den Waldrand und stellte voller Schrecken fest, dass er durch ein Minenfeld läuft. Als er sich umsah, bemerkte er Schilder mit der Aufschrift: Achtung Minen, die im Gras steckten. Es wurde dunkel und er musste auf einem Baum übernachten, indem er ein Adlernest erweiterte und befestigte. Morgens lief er vorsichtig seinen Spuren folgend zum Dorf zurück, dank Gottes und seines Schutzengels ist er nicht durch eine Mine umgekommen. Als er den Waldrand passierte, stieß er auf eine deutsche Patrouille, die ihn festnahm und einsperrte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man verhörte ihn eifrig 15 Tage lang, sagte, dass er ein russischer Spion sei, fragten wo seine Dokumente und seine Komplicen wären und nachdem sie nichts erreicht hatten ließen sie ihn aus irgendeinem Grunde laufen. Wieder hat ihm offenbar sein Schutzengel geholfen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Noch eine Episode, die davon zeugt, dass nicht alle deutschen Soldaten Scheusale waren. Beim letzten Verhör, als die Offiziere schon beim hinausgehen waren, blieb einer, offenbar der Ranghöchste, er schaute in das ausgezehrte Gesicht vom Vater zog die Tischschublade auf und gab ihm ein Stück angetrocknetes Brot, ein Stück Käse und zeigte auf die Tür. Er war frei und dieser Offizier nahm Vater für Hausarbeiten auf sein Gut. Man bezahlte ihn mit Hausmannskost, wovon er bald zu Kräften kam, ein mal, während des Mittagessens schaute die halbwüchsige Tochter des Hausherren herein und flüsterte – Hitler kaputt!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es war Frühjahr 1945.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu Ihrer Frage über Juden sagte Vater, dass er keine angetroffen hat. Er nimmt an, dass man die Juden separat herausgesucht und in andere Lager gebracht hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu den Toten und begrabenen Kriegsgefangenen im Lager und von der Arbeit im Schacht sagt Vater, dass die Leichen zu 20–30 aufgestapelt wurden und dann irgendwohin weggebracht wurden, wie und wo sie begraben wurden, weiß er nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Über das Leben im Lager erzählt Vater, dass die Baracken aus Holz waren, ohne Isolierung, für 30–40 Mann, lange schmale Gebäude mit dreistöckigen Pritschen an den Seiten und einem engen Durchgang. Es gab keinerlei Bettzeug. Die Kleidung – gebrauchte alte deutsche Uniformen. Die Schuhe mit Holzsohle oder komplett aus Holz. Zum Essen gab es ein Mal am Tag, abends nach der Arbeit – 500 g Brot und eine Wassersuppe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Vater sagt, dass ihm die Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft zu überstehen ein Schutzengel geholfen hat, der ihn die ganze Zeit begleitet hat und ihn oft vor dem unausweichlichen Ende gerettet hat. Wir Töchter (wir sind 4) nehmen an, dass sein Schutzengel immer seine Mutter war, meine Großmutter – Jewdokija Iwanowna Jakowlewa, ehre ihrem Andenken!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie war ein tief gläubiger Mensch. In diesem verfluchten Krieg verlor sie drei Söhne: Iwan, Pawel und Michail. Mein Vater, einer der vier Söhne, kam aus dem Krieg zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gott sei Dank, dass er am Leben blieb!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die bitteren Erinnerungen an den Krieg fügen meinem Vater Seelenschmerzen zu sein ganzes langes Leben lang. Er ist jetzt 88 Jahre alt. Er ist Invalide der zweiten Kategorie, kann sich nur mit Schwierigkeiten in seinem Zimmer bewegen und verfügt seinen Nachkommen:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Grauen dieses schrecklichen, brutalen und barbarischen Krieges darf sich niemals wiederholen!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Erinnerungen meines Vaters Jakowlew Nikolaj Sacharowitsch hat seine Tochter Iwanowa Ludmila Nikolajewna niedergeschrieben.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_515.php</link>
<pubDate>14 Oct 2016 13:24:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>514. Freitagsbrief (vom Juni 2007)</title>
<description>&lt;p&gt;Belarus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bobrujsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sergej Nesterowitsch Plech, geb. 1921.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;es freut mich als einen ehemaligen KZ-Häftling, dass in Deutschland Menschen leben, denen die Schicksale der in NS-Gefangenschaft geratenen Bürger nicht gleichgültig sind. Wenn ich auf die vergangenen 65 Jahre zurückblicke, erinnere ich mich immer noch an alle Details jener verhängnisvollen Ereignisse meines Lebens und des Schicksals von mir nahestehenden Menschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1941 wurde ich nach dem Kriegsbeginn in die Armee eingezogen. Ich diente in einem Pionierbataillon. Im Sommer 1941 gehörte zu unseren Aufgaben der Bau der Verteidigungsanlagen in einem wunderschönen Park in der Stadt Gomel. Wir gruben Schützengräben und bauten Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung der Stadt als Schutzmaßnahme bei den Angriffen der deutschen Bomber. Später wurden wir ins Gebiet Tschernigow in der Ukraine geschickt. Hier bauten wir am Fluss Desna provisorische Brücken, um den Rückzug der sowjetischen Truppen zu ermöglichen. Hier wurden wir im September 1941 eingekesselt. Wir hatten als „Waffe“ nur Axt, Säge und Schaufel. Wir wurden von den Hitlertruppen gefangen genommen. Man sagt, es wären insgesamt 5 Millionen Sowjetsoldaten gefangengenommen worden. Nach einer Geschossexplosion bekam ich eine Schädelprellung. Als Folge verlor ich das ganze Hörvermögen am rechten Ohr und alle Vorderzähne.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ein paar Tage lang fuhren wir ohne Essen und medizinische Versorgung durch das von den Deutschen besetzte Gebiet in die Stadt Grodno. Auf dem Weg starb ein Drittel aller Gefangenen. Ich glaube, es waren einige hundert. Im Laufe des Winters 1941–1942 starben in deutscher Kriegsgefangenschaft in Grodno 27 000 von 30 000 gefangenen Soldaten. Danach wurden wir zu Fuß nach Deutschland getrieben. Die Stadt Goldep [Goldapp in Masuren] lag auf dem von den Deutschen besetzten Gebiet Polens, 40 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Hier arbeiteten bis zum Frühjahr 1942 etwa 150 Belarussen, die aus dem Gebiet Polessje vertrieben wurden. Wir mussten diese Mannschaft verstärken. Wir bauten eine Eisenbahnlinie: verlegten Bahngleise mit Schienen und Schwellen. Die Gegend, in der wir den Damm bauten, hatte torfigen Untergrund. Der Torf war etwa 10 Meter dick. Der Bauleiter war Robert Richter, ein deutscher Unternehmer. Mit unmenschlichen Bemühungen bauten wir 10 km Gleise.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Frühjahr 1942 wurde unsere Gruppe, etwa 40 Mann, mit der Bahn nach Königsberg gebracht. Nach der Ankunft brachte man uns in der Stadt unter. Wir lebten in unbeheizten LKW-Garagen. Neben uns arbeiteten hier etwa 100 Personen. Ich erinnere mich gut daran, dass ich eine Nummer 87 erhielt. Auf der Oberkleidung wurde OST gemalt. Wir fällten Bäume, beseitigten Bäume und Schutt nach den Luftangriffen und räumten die Stadtstraßen sauber. Manchmal fuhren wir zur Arbeit in die Städte Kranz [?] und Rauschen [Raudszen/Rjadino]. Beim Näherkommen der sowjetischen Truppen reparierten wir nach dem Bombenangriff zerstörte Bahnlinie. Ende 1944 wurden wir in die Stadt Neumünster geschickt. Wir reparierten ohne Unterbrechung die Bahn. Dank unserer Bemühungen sicherten die Deutschen den Zugverkehr vom Westen nach Osten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Leider haben wir in der Kriegsgefangenschaft äußerst unmenschliche Behandlung von Seiten der „arischen“ Wächter erlebt. Der Tod wartete ständig auf uns. Das konnte der Tod vor Hunger, Kälte und Krankheiten sein. Viele, die einen Fluchtversuch unternahmen, wurden erschossen. Wohin konnte man denn fliehen? Überall waren die Deutschen. Viele sowjetische Kriegsgefangene starben beim Transport von einem Lager zum anderen. Wir wurden erst am 3. Mai 1945 von den britischen Truppen befreit. Einen Monat später wurden wir an die sowjetischen Truppen übergeben. Später wurde ich bei einem Kornspeicher in der Stadt Grimmen eingestellt. Zwei Woche später schickte man mich nach Reichenbach (heute die polnische Stadt Bershonev [Dzierżoniów]).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Krieg 1941–1945 war eine große Härteprobe für unser Volk. Ich habe den Tod in jeder Verkleidung an jeder Ecke lauernd gesehen, aber auch gute Behandlung der Kriegsgefangenen von der Seite einfacher Deutschen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg arbeitete ich vier Jahre lang in der Mühle von Gilbert Müller in Reichenbach in Schlesien. Ich war der Kornspeicherleiter (Kornspeicher Nr. 3298). Ich hatte zwei Helfer. Einer davon war ein Deutscher. In der Mühle arbeiteten hauptsächlich Deutsche (140 Personen), ausgenommen von Leitung und Wachmannschaften. Ich erinnere mich gerne an Wintecke, einen deutsche Ingenieur. Seine Tochter Gerda arbeitete als Prüferin im Kornspeicher. Damals beherrschte ich die deutsche Umgangssprache. Die einfachen Deutschen sind in meinem Gedächtnis als sehr akkurate und verantwortungsvolle Menschen geblieben. Gerne hätte ich erfahren, wie diese Menschen nach ihrer Deportation aus Polen lebten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1948 habe ich meine Arbeitsstelle verlassen und kam nach Belarus. Hier arbeitete ich als Buchhalter in einer Forstgesellschaft und später in einer Kolchose im Gebiet Gomel. Danach zog meine Familie nach Bobrujsk im Gebiet Mogilew um. Hier arbeitete ich in der Belarussische Reifenfabrik. Heute bin ich Rentner. Leider hat der Krieg meine Gesundheit geschädigt. Viele mir nahestehende Menschen starben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche mir, dass sich ein ähnlicher Krieg auf dem Gebiet von Belarus nie wiederholt. Mögen unsere Kinder und Enkelkinder keine Leiden und Elend kennen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anmerkung:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die meisten unserer Korrespondenten bezeichnen die Stalag als KZ oder „Konzlag“.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass Herr Plech aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und „zivil geschrieben“ wurde, für Kriegsgefangene war die Aufschrift auf der Oberbekleidung jedoch nicht „OST“, sondern „SU“.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_514.php</link>
<pubDate>07 Oct 2016 08:21:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>513. Freitagsbrief (August 2005, aus dem Ukrainischen übersetzt von Lucy Shnyr)</title>
<description>&lt;p&gt;Brief 1 (An die Ukrainische Stiftung Verständigung und Toleranz).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Saporoshje&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Michail Sergejewitsch Danilewskyj.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurze Erinnerungen an die Gefangenschaft.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anfang Mai 1942 wurde ich gefangen genommen. Das geschah auf der Krim, unweit der Stadt Kertsch. Wir waren sehr viele; wir wurden bis Dzhankoj getrieben, ohne Essen und Trinken. In Dzhankoj wurden wir in die Waggons beladen, bekamen jeder ein Stück Brot und ein Löffel Schmalz und wurden bis nach Kowel’ [Stalag 301/Ukraine] gefahren. Unterwegs erkrankte ich an Ruhr. In Kowel’ hat ein Freund mir das Leben gerettet – er brachte mich zu einem Polizaj und sagte, woran ich erkrankt war. Ich wurde auf die andere Seite des Stacheldrahts geführt, ins Bad, und dann in einen Isolierraum – eine Erdhöhle, wo schon 35 Menschen lagen. Jeden Tag starben 4–5 Kranke. Der Sanitäter dort war selbst aus Saporoshje, es stellte sich heraus, dass er vor dem Krieg auch im Werk N. 29 arbeitete. Er hat auf mich besonders aufgepasst. Die Behandlung sah so aus: Wir bekamen jeden Tag ein Löffel mit verdünnter Kaliumpermanganatlösung, Suppe mit Kartoffeln und Gerste. So habe ich dort überlebt, eigentlich eher zufällig.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danach wurde ich in die Stadt Wladawa transportiert. Dort gab es eine gründliche Durchsuchung, alle scharfen und metallischen Gegenstände wurden uns abgenommen. Von dort kam ich nach Deutschland, ins Stalag Xb [Sandbostel]; dort nahmen sie uns unsere Uniformen weg, man gab uns blaue Häftlingskleidung und Holzschuhe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus diesem Lager kam ich mit hundert Männern nach Lüneburg. Auf unseren Rücken und auf der Brust hatte man mit roter Farbe „SU“ (Sowjetunion) geschrieben. Meine Nummer war 60, wir gingen zur Arbeit. Verpflegung bestand aus Mehl, 20 g Margarine, ein Brot für vier Gefangene und einmal pro Tag Steckrübensuppe. Bei der Arbeit wurden wir bewacht; wir bauten einen Bombenunterstand. Die Arbeitgeber kamen und nahmen uns auch zu anderen Arbeiten mit: Wir haben am Bahnhof Waggons mit Kohle entladen und diese Kohle zu den einzelnen Haushalten transportiert. Am schwierigsten war es am Bahnhof: Für einen Waggon nur zwei Männer; und bis wir alles entladen hatten, konnten wir nicht weggehen. Wir bauten auch ein Wasserreservoir in der Stadt, damit die Einwohner im Falle eines Bombardements Wasser hatten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als wir in diesem Lager ankamen, wurden wir alle vom Feldwebel gewogen. Ich wog damals nur 45 Kilo. Nach der Befreiung diente ich wieder in der Sowjetarmee und wog 70 Kilo. Nach der Armee, 1946, erkrankte ich an einem Magengeschwür. Heute bin ich 84 Jahre alt, fühle mich schlecht, meine Beine tun sehr weh. Ich sehe schlecht und mein Gedächtnis lässt nach. Das ist in Kürze alles. Sie können mich anrufen, wenn Sie Fragen haben. Die Nummer lautet … Das ist die Nummer von meinem Nachbarn, ich selbst besitze kein Telefon.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Brief 2 an KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Saporoshje&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Michail Sergejewitsch Danilewskyj.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich grüße alle Mitglieder der Gesellschaft „Kontakte“. Ich bin für Ihre Hilfe und menschliche Achtung sehr dankbar. Sie haben uns nicht vergessen. Viele Kameraden kehrten von dem blutigen und brutalen, von Hitler und seinen Anhängern angerührten Krieg nicht zurück. Sie sind für ewig in der deutschen Unfreiheit geblieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit mir zusammen war mein teurer Freund Wasilij Jemeljanowitsch. Er hat mich in Kowel geführt und beschützt. Als wir nach Wladawa in Polen kamen, begannen seine Beine wegen Unterernährung anzuschwellen. Er wurde ins Krankenhaus überführt. Wir wurden nach Deutschland verschleppt, ins Lager Xb in Norddeutschland. Von meinem Kamerad habe ich seither keine Nachricht erhalten. Von Stalag Xb kamen wir ins Arbeitslager, wo hundert Männer untergebracht wurden. Wir haben verschiedene Arbeit geleistet. Die Essensration war klein: 20 g Margarine, 250 g Brot und einmal pro Tag eine Suppe. In einem Depot haben wir Kohle ausgeladen, zwei Männer pro Waggon. Bevor die Arbeit nicht beendet wurde, durfte niemand ins Lager zurückkehren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Kriegsende diente ich noch ein Jahr in der Armee und kehrte 1946 ins Heimatdorf zurück. Mein Haus war beim Rückzug der Deutschen verbrannt worden. Der Vater fiel 1943 im Kampf. Er war damals 48 Jahre alt. Der Bruder kam im Alter von 19 Jahren infolge einer Granatenexplosion ums Leben. Zu Haus blieben die Mutter, die 14 Jahre alte Schwester und der 12 Jahre alter Bruder. Nach meiner Heimkehr arbeitete ich in einer Kolchose und habe mit der Zeit ein privates Haus gebaut. Drei Jahre lang arbeitete ich auf einer Kaninchenfarm. Diese Farm war in unserem Bezirk bekannt und produzierte sechs Tonnen Fleisch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Bald wurden die Kinder groß. Ich zog nach Ljubymiwka um und arbeitete dort 18 Jahre lang in einem Lebensmittelgeschäft. 1982 ging ich in die Rente. Heute leben wir zu zweit mit meiner Ehefrau. Sie ist 80 Jahre alt. Ich bin 84 Jahre alt. Mein Sohn (Jahrgang 1951) arbeitet als Physiklehrer. Die Tochter arbeitet im Bezirksrat, 100 km von meinem Dorf entfernt. Der Sohn lebt im Gebiet Nikolajew. Das ist in 300 km Entfernung. Sie kommen selten zu Gast. Wir haben ein 0,5 großes Grundstück. Es ist schwer sich in unserem Alter darum zu kümmern. Wir haben einen Gemüsegarten, Henne, Ziegen, zwei Ferkel. Unsere Gesundheit ist schlecht. Ich habe Probleme mit dem Seh- und Hörvermögen. Dazu kommt noch ein Bruch. Die Ehegattin ist noch kränker als ich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir haben 300 Euro erhalten. Ich bedanke mich bei dem ganzen deutschen Volk, bei allen, die auf Appell von „Kontakte“ reagiert haben. Vielen Dank, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit. Bitte entschuldigen Sie mich für die schlechte Schrift. Ich sehe schlecht und kann den Schreibstift kaum halten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit Hochachtung&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Michail Danilewskij.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_513.php</link>
<pubDate>30 Sep 2016 07:41:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>512. Freitagsbrief (aus dem Russischen übersetzt)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Wolgograd&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Pawel Sergejewitsch Korogodin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte dem Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI für die moralische und materielle Hilfe in den schwierigsten Momenten meines Lebens sehr herzlich danken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin schon seit zwei Jahre ans Bett gefesselt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Korogodin Pawel Sergejewitsch, bin 91 Jahre alt. Vor vier Jahren ist meine Frau gestorben. Ich habe mit ihr fast ein halbes Jahrhundert zusammengelebt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es gibt keinen Tag, an dem ich mich nicht an die Kriegsgefangenschaft erinnere: die schweren, schrecklichen Tage sind aus meiner Erinnerung verschwunden und die schönen Momente sind für immer in meinem Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, Hans Krag (oder Grag), der Obst mitgebracht hat und es an die Kriegsgefangenen verteilt hat. Er hat mich gemocht und hat mich Onkel Doktor genannt. Ich habe ihm ein Pferd aus Holz geschenkt. Ich habe die Tiere in den Nachbardörfern behandelt.Einmal hat die Wache mich in den Wald zu einer kranken Kuh gebracht. Ich habe aber gedacht, dass sie mich erschießen werden. Vor dem Krieg habe ich eine Veterinärfachschule absolviert. Nach dem Krieg und bis zur Rente habe ich als Tierarzt gearbeitet. Die Menschen kamen bei Tag und bei Nacht zu mir, damit ich ihren Tieren helfe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg war es nicht leicht in der Heimat. Die von Stalin geführte Politik hat die Kriegsgefangenen mit Hass behandelt. Nachts haben sie mich zum KGB gebracht und mich mit vielen Fragen gequält: Warum wurde ich nicht erschossen? Warum habe ich in Gefangenschaft überlebt?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich geriet im August 1941 im Gebiet Smolensk in Gefangenschaft. Ich habe die Gefängnisse in den Städten Orscha [Dulag 127], Belopodlosk [Biala Podlaska/Polen Stalag 307], Samostje [Zamość/Polen Stalag 325], wo ich den General Karbyschew kennenlernte, dann „Swetoi Krest“, Demblin in Polen [Stalag 307], die Lager Folinbostel [Fallingbostel Stalag XIB], dann Bosenhausen in dem Arbeitskommando Nummer 3334 in Egistrof [Estorf] im Kreis Hannover in Deutschland überlebt. In dem letzten Lager habe ich vom Juli 1942 bis 8. April 1945 beim Holzfällen im Wald gearbeitet. Ich habe die Nummer 2095 getragen. Ich wurde von der amerikanischen Armee befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1943 wurde ich krank und erst 1953 wurde ich an den Nieren operiert – das sind die Folgen meines Aufenthaltes in der Kriegsgefangenschaft. Ich habe wieder überlebt, obwohl die medizinische Prognose nicht sehr optimistisch war. Der Chirurg hat gesagt: „Er hat die Gefangenschaft überlebt, dann ist er verpflichtet, auch in Freiheit die Krankheit zu besiegen.“&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe mein ganzes Leben ehrlich und fleißig gearbeitet, aber die Perestroika hat die fleißigen Menschen arm gemacht. Uns wurden alle Ersparnisse weggenommen, die wir in unserem Arbeitsleben zusammengespart haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mein Haus muss renoviert werden, das Dach ist kaputtgegangen und der Winter in diesem Jahr ist streng. Ich habe kein Gas und auch kein Wasser, Gott sei Dank habe ich noch ein bisschen Holz.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank Ihnen für die finanzielle Unterstützung in Höhe von 10 000 Rubel. Entschuldigen Sie mich bitte, dass ich Ihnen nicht sofort geantwortet habe. Ich hege keinen Groll gegen das deutsche Volk […] Wenn derjenige mit dem Namen Hans noch am Leben ist, wünsche ich ihm alles Gute, Gesundheit, viel Glück und Erfolg bei dem, was er tut. Ich bete mein ganzes Leben für ihn. Ich habe meinen Kindern, Enkelkindern und Urenkelkindern über ihn erzählt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit Dankbarkeit und den besten Wünschen an alle Bürger Deutschlands&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der ehemaliger Kriegsgefangene&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Korogodin Pawel Sergejewitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;28. Januar 2006.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_485.php</link>
<pubDate>23 Sep 2016 08:44:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>511. Freitagsbrief (undatiert, aus dem Russischen von Karin Ruppelt)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Republik Marij El&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Petr Grigorjewitsch Starostin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kurze Biografie eines ehemaligen Kriegsgefangenen in faschistischen Lagern im Großen Vaterländischen Krieg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Petr Grigorewitsch Starostin, bin am 13. Dezember 1916 in Beresowka im Gebiet Sowjetsk der ASSR Marij (jetzt Republik Marij El) geboren. Den Grundwehrdienst leistete ich von 1937 bis 1940 in der Kavallerie auf dem Gebiet der Ukraine ab, nahm am Vorrücken der Sowjetarmee auf die deutsche Armee auf dem Gebiet von Polen teil und erreichte 1938 meine Abteilung vor Krakau. 1940 rückte ich mit meiner Abteilung als Marschgruppe zum „Finnlandkrieg“ vor, aber unterwegs wurde die Marschgruppe aufgehalten und zur Standortverteilung zurückbeordert, da der Krieg bereits beendet war.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach Beendigung des Grundwehrdienstes wurde ich vom MWD [Innenministerium] in der Stadt Molotowsk (jetzt Sewerodwinsk) angeworben und ging von dort im Januar 1942 als Freiwilliger als Gemeiner Soldat des 200. Infanterieregiments an die Front, obwohl ich unabkömmlich war. Wir mussten mit hölzernen Gewehrattrappen kämpfen, echte Waffen gab es nur als Beute oder von gefallenen Kameraden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Mai 1942 wurde ich bei der Durchbrechung der Leningrader Blockade bei Wolchow eingeschlossen, wurde am Bein verwundet und geriet in deutsche Gefangenschaft. Anfangs kam ich in ein Feld-Durchgangslager in einer der baltischen Republiken, wir lebten fast unter freiem Himmel, auf dem Lagergebiet gab es nur einige Landsleute, dann fuhr ich in Etappen durch ganz Europa, bis zur westdeutschen Stadt Nürnberg, wo ich mich ungefähr ein Jahr lang in einer sog. „Arbeitsbrigade“ befand, nach der Bombardierung von Nürnberg durch die „Alliierten“ wurde ich an einen anderen Ort verlegt (ich erinnere mich nicht genau, wohin), nach einem Fluchtversuch mit zwei Genossen wurden wir auf tschechischem Gebiet von der tschechischen Polizei geschnappt und ins Gefängnis geworfen, wo ich 3 Tage und Nächte stehend verbrachte (schlafen konnte man wegen der Enge nicht). Nach dem Gefängnis wurde ich ins Lager verlegt, wo ich im Steinbruch arbeitete (wir trugen mit bloßen Händen Steine zur Eisenbahn). Wir arbeiteten bis zum Zusammenbruch und lebend kamen die Kriegsgefangenen da nicht heraus. Mein Leben rettete ich dadurch, dass ich mich tuberkulosekrank stellte, wurde ins Militärlazarett überstellt, wo der Arzt (ein russischer Kriegsgefangener) sehr erstaunt war und mir sagte, das hätte ich toll gemacht. Ich verbrachte da einige Tage und wurde dann mit eine Gruppe von Kriegsgefangenen zur Holzverarbeitung geschickt, wo ich nicht lange blieb, weil schon der Angriff der Sowjetarmee begann und man uns Kriegsgefangene zu Fuß weiter nach Westen verbrachte. Dieser Marsch dauerte etwa zwei Monate, der Konvoi bestand aus deutschen Kriegsinvaliden, die sich uns gegenüber gleichgültig verhielten. Während des Marsches wurden die Kriegsgefangenen nicht verpflegt, wir aßen das, was auf dem Weg lag (wilde Äpfel, auf den Feldern zurückgelassene Rote Bete usw.), ich überlebte dadurch, dass ich bei einer Übernachtung in einer verlassenen Scheune Garben von Hanfähren mit Körnern entdeckte, die ich die ganze Nacht über schälte und in der Tasche verbarg. Dank dieser Körner bin ich nicht verhungert. Am 8. Mai 1945 holte die Sowjetarmee unsere Kolonne ein und befreite uns aus der Gefangenschaft, niemand wusste, auf welchem Gebiet wir uns befanden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach den Verhören in der Spezialabteilung bildete man aus den ehemaligen Kriegsgefangenen Kolonnen, die sich zu Fuß in Richtung auf unsere Grenze bewegen mussten; wir liefen ca. 2 Monate bis Lwow (allerdings in Begleitung einer Feldküche). Nach den üblichen Verhören auf dem Gebiet der UdSSR schickte man mich und einen Teil der anderen ehemaligen Kriegsgefangenen zur Arbeit in die Donbass-Bergwerke, wo ich von August 1945 bis Juli 1946 arbeitete, dann wurde ich nach Hause entlassen und kehrte nach Joschkar-Ola zurück. Aber auch dort wurde ich dauernd in der 2. Abteilung verhört, ich durfte mich nicht einmal polizeilich anmelden, aber schließlich fanden alle Strapazen ein Ende, und, wie Sie sehen, lebe ich noch auf dieser Welt.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_511.php</link>
<pubDate>16 Sep 2016 08:56:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>510. Freitagsbrief</title>
<description>&lt;p&gt;Häufig beantworten die Zeitzeugen unsere Nachfragen in weiteren Briefen. Als Beispiel geben wir hier vier Variationen der Erinnerungen des Herrn Tscherwjakow zur Kenntnis, die er zwischen 2007 und 2009 schrieb. (Die Redaktion).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nikolaj Gawrilowisch Tscherwjakow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Smolensk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte mein Schweigen zu entschuldigen. Ihre Hilfe von 300 Euro habe ich erhalten. Vielen Dank dafür. Einige Worte zu mir. Vor dem Krieg lernte ich an einer Mittelschule, in der ich 9 Klassen absolvierte. Im Mai 1941 wurde ich 17 Jahre alt. In Gefangenschaft geriet ich am 25. Februar 1942. Anfang März 1942 erkrankte ich an Fleckfieber und kam in die Baracke für Typhuskranke in der Stadt Polozk in Belarus. Wie lange ich ohne Bewusstsein dort lag, weiß ich nicht genau und wie ich das überlebte auch nicht. Aus den Worten der Überlebenden in der Typhusbaracke weiß ich, dass ich 12–16 Tage ohne Bewusstsein war. In dieser Zeit bekam ich keinerlei Medikamente, keine Ernährung, noch nicht einmal Wasser. Eine Woche, nachdem ich wieder zu Bewusstsein gekommen war, wurde ich zusammen mit anderen Kriegsgefangenen mit dem Zug in die Gegend von Köln gebracht, wo ein Lager war. Ich habe in einer Chemiefabrik gearbeitet, wo man per Elektrolyse Kochsalz in Natrium und Chlor zerlegte. Soweit ich mich erinnere, hieß das Werk „Gold und Silber-Fabrik“ [DEGUSSA?]. Das Werk war in der Nähe von Köln, wo noch weitere große Fabriken waren. Irgendwann im März 1945 hat die amerikanische Luftwaffe alle diese Werke zerbombt. Ich war mit einer Gruppe russischer und italienischer Kriegsgefangener damit beschäftigt, die Blindgänger wegzuräumen. Die Sprengung wurde von deutschen Offizieren durchgeführt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In dem Maße, wie sich die amerikanischen Truppen näherten, wurden wir in die Stadt Paderborn evakuiert, wo wir irgendwann im April von amerikanischen Truppen befreit wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von April 1945 bis März 1946 befand ich mich zur Genesung in Krankenhäusern.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Von April 1946 bis 1991 arbeitete ich im Maschinenbau. Parallel schloss ich zwei Hochschulen ab, ich habe den Abschluss als Maschinenbauingenieur. Jetzt bin ich Rentner. Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Ich habe fast völlig das Augenlicht verloren und konnte Ihnen nicht selbst schreiben. Ich würde mir gern das heutige Deutschland ansehen, aber dieser Traum ist wohl unerfüllbar. Auf Wiedersehen, mit Hochachtung&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;N. G. Tscherwjakow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;19.04.2007.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Übersetzung Dr. Martin Creutzburg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag sehr geehrte Herren, ich bitte mein langes Schweigen zu entschuldigen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn ich über mein Leben in Gefangenschaft sprechen soll, so musste ich in einer Fabrik mit dem schönen Namen Gold und Silber Werk [DEGUSSA?] arbeiten. In Wahrheit wurde in dieser Fabrik Kochsalz per Elektrolyse in Natrium und Chlor zerlegt. Man musste die ganze Zeit mit Atemschutz arbeiten, wegen der giftigen Gase und in Schuhen mit Holzsohle, wegen der hohen elektrostatischen Aufladung. Chlor und Natrium wurden für den Krieg produziert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mir fiel das sehr schwer, da ich im März 1942 an Fleckfieber erkrankte und zur Arbeit in nicht ausgeheiltem Zustand gelangte. Jetzt denke ich oft darüber nach, wie viel Kraft und Energie die Menschheit für Kriege aufwendet. Es schien, als ob der II. Weltkrieg, der 50 Millionen Leben kostete, die menschlichen Leidenschaften wenigsten etwas zügeln würde. […] bis heute hat sich die Menschheit nicht beruhigt. Wenn man die Nachrichten hört, wundert man sich, dass es praktisch in allen Länder der Erde Versuche zur Wiedergeburt des Faschismus gibt und eine neue Epidemie auftauchte – der islamische Fundamentalismus und Terrorismus. Es scheint, man hat aus der Geschichte keine Lehren gezogen, so dass die Menschheit ruhig leben könnte. Das Unangenehmste daran ist, dass dies alles sich in hoch entwickelten und gebildeten Ländern entwickelt, dabei sind Deutschland und Russland keine Ausnahmen, die am meisten im II. Weltkrieg gelitten haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Entschuldigen Sie den Versuch, meine Gedanken zum Ausdruck zu bringen, vielleicht habe ich auch nicht recht, aber man möchte doch ruhig und ohne Erschütterungen leben. Ich würde mich freuen von Ihnen einen Brief zu erhalten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auf Wiedersehen mit Hochachtung&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tscherwjakow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;17.08.2007.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Übersetzung Dr. Martin Creutzburg.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Auszug vom 3. Brief:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse. Hier ist jetzt Frühling, im Moment ist es warm, aber heute Abend soll es wieder viel kälter werden, was uns natürlich nicht freut. Wir arbeiten in unserem Garten, wir ziehen vor allem Gemüse. Aber wir lassen uns noch Zeit, denn es wird noch Frost geben. Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass es im Mai immer noch mal Frost gibt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Soviel zu heute. An die Vergangenheit zurückzudenken fällt mir schwer. Ich war Aufklärer. Ende Februar 1942 geriet unsere Gruppe (vier Personen) bei einem Aufklärungseinsatz in Gefangenschaft (wir hatten keine Waffen).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es folgten Verhöre usw., ich erkrankte an Fleckfieber und wurde in eine Baracke mit Typhuskranken gebracht. Ich weiß nicht, wie lange ich ohne Bewusstsein war. Jedenfalls mindestens zwei Wochen. All diese Zeit nahm ich weder Nahrung noch Wasser zu mir. Und keinerlei Medikamente. Wie ich überleben konnte – weiß ich nicht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Mai 1942 dann wurden wir, die noch am Leben waren, nach Deutschland gebracht, in ein Konzentrationslager in der Nähe von Köln. Ich habe zuerst in einem Werk zu Verarbeitung von Bauxit (Bauxit ist Aluminiumerz) gearbeitet. 1943 kam ich zur Arbeit in ein Werk, in dem NaCl verarbeitet wurde. Dort wurden Chlorgas und Natrium-Metall gewonnen. Zum Schutz vor dem Gas arbeiteten wir mit Gasmasken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im November 1944 zerbombten die Amerikaner alles, die Fabriken. Wir mussten zuerst die Bomben, die nicht gezündet waren, ausgraben. Dann trieben sie uns in ein Konzentrationslager in Paderborn [Stalag 326], wo wir im April 1945 einen Aufstand organisierten, die Wachmannschaft entwaffneten und gegen die SS-Leute kämpften. Wir hatten wenig Waffen, aber die amerikanischen Panzer kamen uns zur Hilfe. Die SS-Männer machten sich aus dem Staub und wir waren frei.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;30.4.2009.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Übersetzung Valerie Engler.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die ins Stalag 326 evakuierten sowjetischen Kriegsgefangenen entwaffneten und isolierten die Lagerpolizisten. Am 31.03.1945 war das Lager in der Hand der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Wehrmachtssoldaten [nicht SS] trauten sich nicht mehr, es zu betreten. Eine Stunde bevor das Ultimatum des sow. „Lagerkommandanten“ an den deutschen Kommandanten zur Übergabe des Lagers und Schusswaffen zum Erhalt der Ordnung am 02.04.1945 ablief, erschienen US-Panzer und der deutsche Kommandant übergab das Lager. (Quelle: Hüser/Otto: Das Stammlager 326 (VIK) Senne 1941–1945.).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen für Ihr Interesse.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten und ein Frohes Neues Jahr!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich war ab 1941 im Krieg, mit 17 Jahren. Acht Monate lang ein schweres Gefecht nach dem anderen. In den ersten Monaten des Krieges kämpften vor allem Infanteristen, es gab keine Panzer und Flugzeuge. Ich habe an der Schlacht bei Smolensk teilgenommen und bin durch die Hölle gegangen. An der Spitze der Front in den Schützengräben und bei den Attacken. Dann war ich bei der Aufklärung. Beim letzten Einsatz ließ uns der Pilot 200 km neben dem Ziel mit Fallschirmen abspringen. Da wir weder Waffen noch Skier hatten (es war Ende Februar 1942), gerieten wir natürlich in Gefangenschaft. Es folgten Verhöre, dann bekam ich Fleckfieber. Wie ich überlebt habe, weiß ich nicht. Wie mir andere Überlebende erzählt haben, bekam ich, als ich krank war, keine Medikamente und, wie alle anderen auch, nichts zu Essen oder zu Trinken. Dann brachten sie mich nach Deutschland in die Nähe von Köln. Dort habe ich in einer Fabrik gearbeitet, in der Bauxit verarbeitet wurde, ab 1943 war ich dann in einem Chemiewerk bei der Verarbeitung von Salz zu Chlor und Natrium.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich war drei Jahre in der Gefangenschaft und ich muss sagen, dass ich keinen Verrätern begegnet bin. Im KZ [Stalag] haben sowohl die Wlassow-Leute als auch die Deutschen versucht, uns anzuwerben, aber keiner der Gefangenen aus unserem KZ ist zu ihnen gegangen, obwohl die Lebens- und Arbeitsbedingungen so schlecht waren. Sie sind gestorben oder haben sich selbst mit Chlor vergiftet, aber sind der Heimat treu geblieben. Was den achtzehnjährigen Jungen betrifft, so war er augenscheinlich seelisch und körperlich geschwächt. Was soll man ihm jetzt da große Vorwürfe machen. [Dmitri Stratievski hatte einige ehemalige Kriegsgefangene für seine Dissertation um ihre Meinung zu Kollaborateuren gebeten.].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zu den Kriegsgefangenen: Ich weiß nicht, ob Sie Informationen über die Konzentrationslager von 1941 haben. Ende März 1942 wurden wir vor der Deportation nach Deutschland im KZ in Borissow [Dulag 240] versammelt. Alle, die 1941 in Gefangenschaft geraten waren, wurden dort mit Stacheldraht umzäunt, sie bekamen weder Wasser noch Essen, bis alle starben, und wer versuchte zu fliehen, der wurde erschossen. So war es in Borissow. Nach dem Krieg hat man mir erzählt, dass es überall so war, wo Kriegsgefangene gehalten wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In den acht Monaten an der Front bin ich natürlich verwundet worden, die Folgen spüre ich bis heute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Wetter ist bis jetzt hier nicht sehr winterlich. Bis zum achten Dezember hatten wir Plusgrade. So etwas gab es nach Aussage der Metereologen schon 111 Jahre nicht mehr. Vom 8. auf den 9.12. hat es aber geschneit und es sind −3 bis −5 Grad. Und das im Dezember! Normalerweise ist der Dezember bei uns sehr kalt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich würde mich sehr über weitere Briefe von Ihnen freuen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tscherwjakow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;10.12.2009.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Russischen von Valerie Engler.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vor seinem Tod 2015 unterzeichnete Herr Tscherwjakow zusammen mit 60 anderen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen aus Russland und der Ukraine einen Friedensappell als „Aufruf zur Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern“.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_510.php</link>
<pubDate>09 Sep 2016 19:38:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>509. Freitagsbrief (vom April 2006, aus dem Russischen übersetzt)</title>
<description>&lt;p&gt;Wasilij I. Garmasch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Lugansk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Erinnerung&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich heiße Wasilij Iwanowitsch Garmasch, geboren am 2. August 1919, gebürtig aus Raigorodka, Rayon Swatowo, Gebiet Lugansk, Ukraine.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wurde am 12. Februar 1940 zum Kriegsdienst einberufen. Am 15. Mai 1940 leistete ich den Fahneneid. Ich diente in Semjatitschi, Gebiet Brest, als Schütze im 141. Baubataillon. In Simjatitschi bauten das 141., 142. und 143. Baubataillon Grenzbefestigungen aus Beton. Unser Sommerlager befand sich in einem Wald. Am 20. Juni 1941 abends gab es eine Kinofilmvorführung für uns Soldaten. Nach dem Kino – wir hatten uns hingelegt, die einen waren bereits eingeschlafen, die anderen noch nicht – ertönte Alarm. Es setzte schwerer Beschuss ein. Vom 21. Juni bis 29. Juni 1941 nahm ich am Großen Vaterländischen Krieg teil. So lautet der Eintrag in meinem Militärausweis. Der Beschuss nahm an Stärke zu und dauerte an. In dieser Zeit wurde ich an den Beinen verletzt und erlitt eine Quetschung. Man ließ mich auf dem Schlachtfeld zurück, da ich bewusstlos war. Verwundete, die imstande waren zu gehen, halfen mir; sie trugen mich in ein Waldstück. Letztendlich landeten wir alle in einem Kriegsgefangenenlager (Lager Nr. 308) [Kursk] hinter Stacheldraht. Mein linkes Bein gab keine Ruhe. Unter uns waren sowohl Sanitäter als auch Ärzte, die aber keinen Medizinkasten bei sich hatten. Ein Mann – gebe Gott ihm Gesundheit – stopfte eine Binde mit irgendeiner Salbe direkt in die Wunde. Weiße Maden hatten sich bereits in der Wunde bis zum Knochen durchgefressen. Dank dieser Salbe wurde die Wunde wurde allmählich sauber und begann zu verheilen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zweimal trieb man uns von einem Ort zum anderen. Die Lebensbedingungen waren unerträglich. Wir Schwerverwundeten lagen auf nackter Erde unter freiem Himmel. Als die Nächte kälter wurden, grub jeder für sich ein kleines Erdloch, um sich ein wenig vor dem unangenehmen Wind zu schützen und sich warm zu halten. Die Erdlöcher wurden im Liegen gegraben mit dem, was man zur Hand hatte: ein Löffel oder irgendein Stückchen Eisen. Zu essen gab es Steckrübensuppe. Es herrschte Kälte und Hunger.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Danach verfrachtete man uns nach Deutschland, wo ich in einer Fabrik in Berlin arbeitete. Die Fabrik war sehr groß und bestand aus einer Schmiede und einer Gießerei. Dort wurden unter anderem Elektrodrahtspulen aus Papier gefertigt, oben und innen mit Metall beschlagen, so genannte Bergmannröhren. In riesigen Pressen, die so hoch waren wie ein Haus, entstanden Überzüge für Waffen. Der Werksleiter war ein Schwabe, er sprach Deutsch. In seiner Werksabteilung wurden Geschosshülsen gefertigt. Ich arbeitete als Elektroschweißer und reparierte Elektrogeräte. Ich trug eine Tasche mit Schraubenschlüsseln und Werkzeug und war einem deutschen Arbeiter namens Franz Hellebrandt zugeordnet. Er war damals 55–60 Jahre alt und hatte zwei Söhne. Einen Sohn, von dem es hieß, er sei Flieger gewesen, hatte er bereits zu Grabe getragen. Ich arbeitete in dieser Fabrik unter der Registrierungsnummer 6053 bis Kriegsende. Kurz danach wurden wir von sowjetischen Truppen befreit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nach dem Krieg diente ich von Mai bis August 1945 in Ungarn als Schütze im 200. Reserveartillerieregiment der Roten Armee, anschließend von August 1945 bis Mai 1946 im 1249. Panzerabwehrregiment, Geschützkaliber 45 mm. Meine Demobilisierung erfolgt am 31. Mai 1946.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Unterschrift].&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_509.php</link>
<pubDate>02 Sep 2016 07:50:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>508. Freitagsbrief (vom November 2015, aus dem Ukrainischen von Ksenia Hahn)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Ternopol&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dmitrij DemjanowitschDshigajlo.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1. Brief.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;ich bedanke mich herzlich bei Ihnen und natürlich bei allen, die Teilnehmer an dieser Hilfsaktion für das Sammeln finanzieller Unterstützung waren, ohne diejenigen zu vergessen, die diese Hilfe bereit stellten. Ich entschuldige mich bei Ihnen für meine schlechte Handschrift, meine Hand gehorcht mir nicht mehr. Wenn Sie sich für etwas interessieren, werde ich Ihnen gerne zurückschreiben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zum 3. Mal schreibe ich nach Deutschland. Ich schrieb nach Torgau wegen der Kompensation für Ostarbeiter, man antwortete mir gut und rechtzeitig, obwohl man meine Bitte nicht erfüllte. Ich arbeitete zwei Jahre bei 2 Hauswirten, denken Sie bitte nicht, dass mich der erste wegjagte, andersherum, er ließ mich nicht los, die Polizei holte mich ab und brachte mich beim Arbeitsamt, und dort wartete schon der zweite auf mich. Der war ein Bürgermeister, alle sagten zu ihm ‚Heil Hitler‘. Bei dem arbeitete ich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schrieb auch nach Kiew, von dort gab es auch keine Kompensation. Zum zweiten Mal schrieb ich dem Bürgermeister des Dorfes Poblitz [Polbitz], Kreis Torgau, wo ich arbeitete. Dieses Dorf befindet sich zwischen zwei Flüssen, der Elbe und Wanzka [Weinske]. Es gab mal eine Überschwemmung, die Dämme hielten nicht und die Pumpen halfen nicht. Und ich bat, dass irgendjemand dieses Ereignis entweder auf Russisch oder Polnisch oder Deutsch beschreiben könnte. Man antwortete nicht, die Hauswirte sind ja alt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit freundlichen Grüßen und alles Gute.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;2. Brief.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich begrüße Sie, Mitglieder des Vereins ‚Kontakte‘ und die Menschen, die Ihre Aufmerksamkeit und Einfühlsamkeit zu den sowjetischen Gefangenen äußerten. Großen Dank auch an jene, die das Geld spendeten. Glauben Sie, das war eine große Freude und seelische Unterstützung - da man in unserem Land solche Kategorie von Menschen, die gefangen waren, ganz ohne Aufmerksamkeit behandelt. Man respektiert nur die invaliden Kriegsteilnehmer und die Witwen. Jetzt schreibe ich zum Thema.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Als ich hörte ‚Hände hoch‘, waren wir in einer notwendigen Kampfpause. Als wir uns zurückzogen, kamen Flugzeuge angeflogen, wir versteckten uns in den Feldern. Motorradfahrer fuhren uns nach und riefen auf Deutsch ‚Hände hoch‘ und ‚Zurück‘.Am nächsten Tag führte man uns zum nächsten Sammelpunkt. Nach ein paar Tagen traten wir in einer großen Kolonne mit je drei Mann an. Beim Rückzug genehmigte man uns Pausen, aber jetzt schliefen wir Tag und Nacht im Gehen, und damals schliefen wir nur am Tag. Wir übernachteten nah am Wasser. Wir gingen von Chmelnytschtschyna bis zur polnischen Stadt Przemysl. Es regnete nicht, man gab uns aber kein Wasser, sogar wenn wir Wasser auf dem Weg fanden. Man schlug uns mit Gewehrkolben. Wir gingen pausenlos nicht schneller als 4 km/h.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wenn sich jemand erkältete, krank wurde, stach der Wachposten denjenigen zur Erde mit dem Seitengewehr, ohne sein Ende abzuwarten. In Przemysl [Dulag 315] waren wir nicht lange, warteten auf Waggons. Ein Mal am Tag reichte man uns eine Graupensuppe. In die Güterwaggons setzte man uns zu je 70 Mann. Es war ein heißer Sommer, man konnte kaum atmen. Fenster wurden eingeschlagen, es wurde besser, wenn der Waggon fuhr, aber grünes Licht bekamen die Züge, die an die Front fuhren. In Krakow gab man uns eine Graupensuppe zum Essen und fuhr uns nach Deutschland hin in das Zentrallager [Stalag 304 Zeithain?], wo man alle aufschrieb, man gab uns doppelte Metallnummern, eine Hälfte blieb bei uns, die andere Hälfte gaben wir ab. Ich prägte mir meine Nummer ein: 107830. Man gab uns Spritzen gegen Bauchtyphus. Ich bekam die zum dritten Mal: In der Fachschule, in der Armee und in der Gefangenschaft. Innerhalb von 6 Monaten bekam ich alle drei. Man ernährte uns einmal am Tag, wir schliefen in Zelten, als man uns in festen Räumen unterbrachte, schliefen wir zu dritt quer über dem Bett. Man schickte ca. 400 Mann in drei Baracken zum Bau eines Flugplatzes neben der Stadt Falkenberg. Die Aufgaben waren unterschiedlich, es war schwer, Zement oder gefrorenen Sand im Winter aus den Waggons auszuladen, ansonsten machten wir alle Landarbeiten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Besonders froren wir im Herbst und im Winter. Bei der Arbeit gab es eine Regel: ‚Mantel aus‘. Eine Feldbluse wärmte aber überhaupt nicht. Wir zogen unter die Bluse einen Zementsack an, man schlug uns dafür. Zur Arbeit ging jeder mit eigener Kraft, von der Arbeit führte man einen entweder unter den Armen oder man trug umschichtig einen zu viert.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Man ernährte uns sehr schlecht. Zum Frühstück gab es Brennnesseltee, aber bis zum heutigen Tage erinnere ich mich daran, dass wir ihn nicht trinken wollten. Brennnesseltee ist nützlich aber niemand schätzte ihn. Zum Mittagessen gab es Suppen aus Kohl, Kohlrüben oder eine Graupensuppe. Am Abend hatten wir einen Laib Brot für 5 Mann, Pellkartoffeln. Im Lager gab es kein Gras, wir schliefen wie auf Asphalt. Jeden Tag schlug man uns grundlos, einfach wegen allem. Man warf zwei Mann aus dem Lager, schlug die beiden und wer fiel, der stand nicht mehr auf, bis alle Anderen über ihn hinweggegangen waren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Winter 1941 kam früh und war kalt. Man fing an zu sterben. Wir beerdigten einmal acht Mann. Wir gruben ein Loch und legten einen Menschen in seinem Hemd und mit einer Hälfte seiner Metallnummer am Hals dort hinein. Auf dem Grab errichteten wir ein Kreuz, ein Wachposten löste einen Schuss aus. Wir kehrten von der Beerdigung zurück, wuschen uns nach dem Brauch nicht die Hände, gingen in die Küche und bekamen je zwei Portionen Suppe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1941 und 1942 waren die Lebensbedingungen sehr hart. 1943 änderten sich die Lebensbedingungen. Wir sagten: ‚Schade, dass er nicht 1941 und 1942 in Gefangenschaft geraten ist, dann hätte er gewusst, wie es ist, in Gefangenschaft zu sein.‘ Ich hatte aber Glück. Ohne Glück hätte niemand überlebt. 1942 hatte der Feldwebel einen Namenstag, ein Wachposten schrieb einen Glückwunsch, ich sollte den gut und rein abschreiben und überreichte ihm den Glückwunsch in die Hände. Er bedankte sich bei mir, sagte, dass ich auf seine 20 Entenküken aufpassen sollte. Ich hungerte nicht neben den Entenküken. Ich holte für sie das Essen aus der Küche. Den Wachposten putzte ich die Schuhe, das Fahrrad und den Fußboden. Alles nicht umsonst. Das Einzige, was der Hungrige braucht, ist Essen. Kurz danach fing man an, Gemüsegärten zu bestellen. Neben dem Flugplatz gab es ein Treibhaus. Bei der abendlichen Kontrolle fragte der Dolmetscher, wer von uns Gemüsegärtner sei. Ich meldete mich aus der Reihe heraus und man brachte mich zum Leiter, der fragte, wo ich gelernt hatte. Ich antwortete, dass ich in die Realschule ging. Am nächsten Tag übernahm ich die Frühbeete, Gewächshäuser, in welchem Gemüse für den Winter gezogen wurde. Sieben Frauen arbeiteten bei mir (drei davon waren junge Frauen), sie halfen mir. Im Winter ging es mir schon gut, das Treibhaus wurde beheizt. Im Frühling 1943 gab es Tomaten. Wir trugen sie aus den Treibhäusern in die Frühbeete hinüber.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Dokumente von fünf Mann, die in Falkenberg waren, schickte der Wachposten zum Arbeitsamt nach Torgau, damit endete mein Leben in der Gefangenschaft. Ich war noch zwei Jahre bei den Hauswirten und 1 Jahr in der Armee.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nochmals bedanke ich mich aufrichtig und herzlich bei Ihnen, Teilnehmer der Aktion.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Dshigajlo.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Doiczland bistu gekomen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Doiczland geistu vida [Original].&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Falkenberg in Bezug auf die Bestätigung der Entlassung aus der Gefangenschaft in den Zivilstand im Mai 1943. Ich suchte noch nach dem Brief aus der Gefangenschaft (1942). Das war ein gedruckter Standardbrief, der auf Deutsch und Ukrainisch geschrieben wurde, ich konnte ihn aber nicht finden. Der ist doppelt. Eine Hälfte blieb zu Hause, die andere Hälfte ging zurück mit den Nachrichten von Daheim.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_508.php</link>
<pubDate>26 Aug 2016 15:36:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>507. Freitagsbrief (vom April 2005)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Dnepropetrovsk&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Michail Iosifowitsch Gorbenko.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;im Namen des Vaters, Gorbenko Michail Iosifovitsch, schreibt Ihnen seine Tochter Raissa.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich möchte mich herzlich bei Ihnen, bei den Mitgliedern Ihres Vereins und bei den Menschen Ihres Landes für die Gratulation zum Neuen Jahr und die aufrichtigen Grüße, aber auch für die finanzielle Hilfe bedanken.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Unsere Familie ist sehr groß. Sowohl unser Vater als auch die verstorbene Mutter waren während des Krieges in Deutschland. Kennengelernt haben sie sich nach dem Krieg und heirateten 1947.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Mutter (Mädchenname Tilnaja Tatjana Fedotovna) wurde 1942 als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt. Gearbeitet hat sie in der Gebrüder Heinzmann Fabrik im Städtchen Böhmenkirch[en]. Auch sie erhielt materielle Hilfe, aber die Überweisung kam leider erst nach ihrem Tod. Die Eltern haben viel über ihr Leben in Deutschland erzählt, wo sie sich beide seit Anfang des Krieges aufgehalten haben. Sie redeten über die Schwierigkeiten, aber aus irgendeinem Grunde blieb größten Teils das Gute in ihrer Erinnerung. Die Fabrikbesitzer hatten meine Mutter sehr gerne. Von allen Mädchen, die in der Fabrik arbeiteten, sprach sie am besten Deutsch, das in der Schule unterrichtet wurde, war tüchtig bei ihrer Arbeit und lernte sogar Autofahren. Die Eigentümer baten sie, nach der Befreiung bei ihnen zu bleiben. Zwei ihrer Freundinnen taten das dann auch, doch die Mutter ging zurück – sehnte sich nach den Eltern, als ob sie fühlen konnte, dass ihre Hilfe sehr von Nöten war. Ihr Vater kehrte nach dem Krieg ohne ein Bein zurück, zwei ältere Brüder waren umgekommen. Der Jüngste war 1940 geboren, also noch sehr klein. Die tragische Geschichte einer Familie während des Krieges.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Der Vater hat oft erzählt, wie schwer es war, insbesondere am Anfang, als sie in Deutschland angekommen sind. Gearbeitet hat er im Flugzeugwerk „Arado“, später in einer Kiesgrube. Seinen letzten Arbeitsort in der Aluminiumfabrik der Stadt Wittenberg behielt er in seiner Erinnerung jedoch nur von der guten Seite. Häufig erinnerte er sich an zwei Fälle, die sich gegenseitig ergänzen und viel aussagen, nämlich dass deutsche Menschen keine Faschisten sind [sic]. Die Fabrikarbeiter wurden zu den Gemüselagern geschickt, wobei alle diese Arbeit verrichten wollten, da man ein wenig Kartoffeln mitnehmen konnte. Eines Tages wurden dorthin weniger Personen als üblich geschickt, und mein Vater war unter jenen, die nicht mitkamen, weshalb er seine Unzufriedenheit äußerte. Für den Arbeitseinsatz waren die Militärs verantwortlich, und so gab der deutsche Offizier den Befehl, Vater unverzüglich ins Konzentrationslager zu verlegen. Er wurde in den Bunker eingeschlossen, doch abends kam der Fabrikleiter und holte ihn ab. Später erzählte man meinem Vater, wie der Leiter den Offizier davon überzeugte, dass, wenn solche gute Arbeiter wie er in die Konzentrationslager gebracht würden, es bald niemanden gibt, der ordentliche Arbeit leistet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und als die Kriegsgefangenen befreit wurden, musste mein Vater seinen Retter verteidigen. Einer der Kriegsgefangenen prügelte auf den Fabrikleiter ein, um an ihm seinen Frust abzureagieren, doch Vater hielt den Landsmann auf und wies ihn zurecht mit dem Hinweis, dass er nur deshalb die langersehnte Befreiung erleben darf, weil sie eine menschliche Behandlung hatten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es wäre erfreulich, wenn diese Erinnerungen an die Verwandten der Fabrikeigentümerin weitergegeben werden würden. Sie sollten über ihre Angehörigen wissen, dass man in unserem Land an sie denkt und ihrem verständnisvollem Verhalten den Kriegsgefangenen gegenüber dankt. Er weiß noch, dass sie einen Sohn hatten, der damals die 10. Klasse besuchte. Ihre Namen kannte er nicht, doch nach seinen Worten wurde der Vater „Mitschka“ genannt. Vielleicht haben die Eltern ebenfalls ihrem Sohn über den Russen erzählt, der einst den Vater beschützte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Da wäre noch eine Erinnerung, die hier erwähnt werden sollte, und die etwas darüber aussagt, dass die deutschen Menschen das Leiden unseres Volkes miterlebten. Trotz des Krieges bekamen die Eltern meines Vaters 1942 die Nachricht aus Deutschland, dass er sich zwar in der Gefangenschaft befindet, doch am Leben und gesund ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Heute ist Vater 84 Jahre alt. Hat fünf Kinder (vier Töchter und einen Sohn), die eigene Familien haben; 10 Enkel (leider starb einer vor vier Jahren mit zwanzig); zwei Urenkelinnen, und dieses Jahr kam ein Urenkel zur Welt.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir lieben unseren Vater und geben uns Mühe, das in seiner Jugend Erlebte durch Liebe und Aufmerksamkeit auszugleichen. Jetzt ist er doppelt und zweifach darauf angewiesen, da die Mutter, derer wir immer gedenken, nicht mehr da ist.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Trotz allem, was unsere Eltern durchmachen mussten, blieben sie gutmütige Menschen, haben gute Kinder erzogen, die alle eine Fachausbildung oder einen Hochschulabschluss haben und eigene Kinder auf dieselbe Weise heranziehen. Wir, die Kinder, sind den Menschen, bei denen unsere Eltern während des Krieges gearbeitet haben, sehr dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Alles Gute wünscht Ihnen Gorbenko Michail Iosifovitsch und seine Familie.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_507.php</link>
<pubDate>19 Aug 2016 08:44:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>506. Freitagsbrief (aus dem Jahr 2005, Übersetzung aus dem Russischen)</title>
<description>&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebiet Tschernigow&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Iwan Iljitsch Beschun.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Es schreibt Ihnen mit Dankbarkeit und besten Wünschen Beschun Iwan Iljitsch, ein Bürger der Ukraine und ein ehemaliger Kriegsgefangener. Ich bin Ihnen für die humanitäre Hilfe i.H.v. 300 Euro, die ich im September 2004 erhalten habe, sehr dankbar.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Jetzt werde ich ganz kurz einige Abschnitte meines Lebens beleuchten. Ich bin am 22. Mai 1922im Gebiet Tschernigow in der Ukraine geboren. Mit 6 Jahren bin ich Halbwaise geworden, meine Mutter starb. Meine Kindheit war nicht leicht. In der Familie lebten noch zwei Kinder. Wir waren arm.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Im Alter von 19 Jahren bin ich in die Sowjetarmee einberufen worden. Ich diente in Poltawa. Im Juni dieses Jahres begann der Krieg. Wir unausgebildeten jungen Soldaten bekamen den Befehl, Poltawa zu verteidigen. Es sind nur zwei Kompanien am Leben geblieben. Der Rest wurde entweder getötet oder gefangen genommen. Wir zogen uns bis nach Bogutschary zurück. In Bogutschary habe ich eine Ausbildung in Militärtechnik gemacht und wurde nach deren Beendigung in die 102. Panzerbrigade überwiesen und dort wurde unsere Abteilung gebildet. Am 18. Juli 1942 wurden wir an die Front geschickt. Ich kämpfte in der Panzertruppe bei Kalatsch. Dort wurde am 19. August 1942 unsere Panzereinheit eingekesselt. Ich geriet in Gefangenschaft. Die Kolonne der russischen Kriegsgefangenen, in der ich mich befand, wurde, Entschuldigung, wie Tiere zusammengetrieben. Die verletzten Gefangenen, die nicht selbst gehen konnten, wurden an Ort und Stelle erschossen. Wir kamen nach Millerowo, wo bereits mehrere Tausend Gefangene untergebracht waren. Ich war hier nicht lange. Ausgewählte Soldaten, die noch bei Kräften waren, wurden in Eisenbahnwagen in die Ukraine nach Uman‘ geschickt. Es war sehr heiß. Die Waggons waren mit Kriegsgefangenen überfüllt, von denen viele auf der Fahrt starben, aber ich habe überlebt. In Uman‘ war ich im Kabelkommando, wir haben Kabelschächte gegraben. Die Tagesnorm für einen Kriegsgefangenen war ein zehn Meter langer und einen Meter tiefer Schacht, das Essen war schlecht. Es gab 200 g Brot pro Tag, falls man das überhaupt als Brot bezeichnen konnte, in der Tat war es zum Davonlaufen. Wir haben nur deshalb überlebt, weil die Einheimischen uns heimlich, so dass die Wächter es nicht bemerkten, Essen übergaben. Nur dank dieser Unterstützung haben wir überlebt. Es kam zu einer Typhusepidemie. Viele starben, ich bin aber am Leben geblieben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 19. September 1943 wurde ich mit der Gruppe von 1000 relativ starken und gesunden Männern nach Lamsdorf [Stalag 318/Oberschlesien] in Deutschland abtransportiert. Ich und meine Kameraden, insgesamt 70 Mann, arbeiteten im Eisenhüttenwerk in Malapane, dort war ich vom 13. Februar 1944 bis 20. Januar 1945 ein Lastträger. Später wurden wir erneut nach Lamsdorf zurückgeschickt. Als später im März 1945 die Offensive der Sowjetarmee begann, wurden wir Richtung französischer Grenze nach Nürnberg getrieben. Im April 1945 wurden wir durch die US-Truppen befreit und vier Monate lang lebten wir unter amerikanischer Obhut. Danach wurden wir an die sowjetische Verwaltung übergeben. Nach der Prüfung durch die Sonderabteilung durfte ich meinen Wehrdienst fortsetzen. Ich diente zwei Jahre lang in Leninakan an der sowjetisch-türkischen Grenze. 1947 wurde ich demobilisiert und kehrte ins Heimatdorf zurück. 1948 habe ich eine Familie gegründet und begann meine Arbeit in einem Kolchos. Ich habe drei erwachsene Kinder. 2000 starb meine Ehefrau. Heute lebe ich mit meiner Tochter und dem Schwiegersohn zusammen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das ist meine kurze Lebensbeschreibung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich wünsche Ihnen alles Gutes, vor allem Gesundheit.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;I. I. Beschun.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anmerkungen:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Kalatsch am Don: Letzte große für die Wehrmacht erfolgreiche Kesselschlacht, ermöglichte den Angriff auf Stalingrad.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Millerowo: Dulag bei Rostow am Don. Die berüchtigte „Grube von Millerowo“ in einer Steppenschlucht, durch die ein Bach floss. Nach Erinnerungen von Kriegsgefangenen wurde sie überwiegend von (bemerkenswert wenigen) Kollaborateuren bewacht.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Malapane in Oberschlesien (heute Ozimek): Vereinigte Oberschlesische Hüttenwerke AG. Wurde Mitte des 18. Jahrhunderts die erste staatliche Eisenhütte in Schlesien und goss ab 1780 die preußischen Kanonen.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_506.php</link>
<pubDate>12 Aug 2016 08:44:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>505. Freitagsbrief (vom Juli 2016, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni)</title>
<description>&lt;p&gt;Andranik Ghasarjan&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dorf Ararat&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Armenien.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter, lieber Herr Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;ich wollte Ihnen viel früher, wie mir auch die Leitung unseres Vereins [*] empfohlen hatte, über die Geschichte meiner Kriegsgefangenschaft zu berichten, aber ich musste das wegen einer schlimmen langwierigen Krankheit viele Monate verschieben, bis ich imstande war, dies zu tun. Endlich scheint diese Zeit gekommen zu sein. […]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bin am 21. November 1923 in der Stadt Armawir geboren. Meine Einberufung in die Rote Armee erfolgte am 17. Dezember 1941. Ich diente als Sergeant in der Artilleriedivision Nr. 262 (Regiment Nr. 151). Es war im Juni 1942, als wir an die Front geschickt wurden. Wir waren eine Zeit lang in der Nähe der Frontlinie bei Prochladny, Grosny und Mosdok stationiert. Unser Trupp befand sich am südlichen Ufer des Flusses Terek (in Richtung Mosdok) in den Gärten eines Dorfes, als die Deutschen am 11. September 1942 uns mit Panzern zu attackieren begannen. Wir leisteten erfolgreich Widerstand und waren darüber begeistert. Ja, unser Kommandeur Timoschenko machte sogar ein Namensverzeichnis, um die Soldaten, die sich bei der Schlacht hervorgetan hatten, unter ihnen auch mich, auszeichnen zu lassen. Die Begeisterung dauerte aber nicht lange. Die Deutschen, die beim Vorstoß am 11. September unsere Stellungen erkannt hatten, begannen uns am Folgetag mit Artillerie zu beschießen. Dann griff die deutsche Infanterie an. Wir konnten den an Zahl und Ausrüstung vielfach überlegenen Deutschen von unseren Schützengräben aus kaum Widerstand leisten. Viele von uns waren schon tot. Ich selbst wurde verwundet, und so gerieten wir in Gefangenschaft. Wir waren etwa 20 bis 25 Gefangene. Die Deutschen befahlen uns, irgendwelche Lasten zu schultern und so machten wir uns auf den Weg in eine uns unbekannte Richtung. Wir litten an Hunger und Durst. Am späten Nachmittag befahl man uns, uns aufzureihen. Wir vermuteten, dass man uns erschießen wollte. Es kam aber ein deutscher Offizier und sagte in gebrochenem Russisch, dass, wenn jemand von uns zu fliehen versuche, alle erschossen würden. Er meinte höhnisch, dass der Krieg für uns beendet sei, dass wir in die Etappe verschickt würden, wo uns das Paradies erwarte. Später sagte ich mir, wenn er ehrlicher gesprochen hätte, hätte er statt des Wortes „Paradies“ die Hölle gemeint.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir übernachteten unter freiem Himmel. Am nächsten Tag gingen die Deutschen zu einem massiven Angriff über, der für sie erfolgreich war. Es waren so viele sowjetische Soldaten und Offiziere in Gefangenschaft geraten, dass es uns schien, als ob keine Rotarmisten mehr in der Sowjetunion geblieben sein könnten. Es waren vor allem Angehörige unserer Division. All diese Kriegsgefangenen wurden in unsere Richtung geschickt, und dann mussten wir gemeinsam losgehen. Wegen des beim Marsch aufgewirbelten Staubes fiel es schwer zu atmen. Wir kannten das Ziel nicht. Uns plagten Hunger und Durst. Wer es wagte, abseits zu gehen, um aus einer Pfütze zu trinken, wurde erschossen. Dann sind wir in mehreren Lagern gewesen, die ich wie durch ein Wunder überlebte. Es fällt mir jetzt schwer, die Namen aller Orte in Erinnerung zu bringen, wo ich gewesen bin. Manche sind mir aber gut im Gedächtnis geblieben: Mosdok, Pjatigorsk, Gnadenburg, Prochladny … In all denen mussten wir verschiedene Zwangsarbeiten leisten, wobei man uns viel zu wenig zu essen gab. Wir waren verlaust, entkräftet und unsagbar grober Behandlung ausgesetzt. Meine schlimmsten Erfahrungen kommen trotzdem aus dem Lager von Mosdok, das das größte von allen war. Zu meinem Unglück traf ich dort den Mann meiner Schwester Schuschan. Er hieß Artjom. Einige Tage hatten wir gar nichts gegessen und waren kaum mehr imstande, auf den Beinen zu stehen, als Artjom einen Pferdehuf fand, woran noch manche Sehnen hingen. Er legte ihn in eine Konservendose, fand etwas Reisig und versuchte ihn zu kochen. Es kam aber nichts daraus, denn er konnte kein einziges Stückchen abbeißen. Das gelang auch mir nicht, und wir warfen den Huf weg. Eines Tages wählte man einen Teil der Kriegsgefangenen aus, die in irgendeine Richtung geschickt wurden. Es war für mich eine Erleichterung, dass Artjom ebenso weggeschickt wurde, weil wir uns wegen unserer Situation voreinander schämten. Außerdem wäre es meiner Ansicht nach unmöglich, in schlimmeren Verhältnissen zu sein und ich hoffte, dass es ihm dann besser gehen würde. Ich sah ihn leider nie mehr wieder.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Gesicht der Unmenschlichkeit zeigte sich mir in voller Blöße auch im Lager von Prochladny oder Pjatigorsk (Es fällt mir jetzt schwer, zu sagen, welches von beiden es war), wo der Tod täglich reiche Ernte hielt. Ich hatte mich dort schon mit dem Gedanken versöhnt, bald Hungers zu sterben, als man aus den Lagerinsassen wieder eine Gruppe zusammenstellte, die weggeschickt werden sollte. Die Gruppe, zu der auch ich gehörte, wurde zur Luftwaffenkompanie Nr. 6 geschickt, wo wir ebenso beständig Zwangsarbeit leisteten. Es galt, Waggons und Lastkraftwagen zu be- und entladen, Säulen [?] aufzustellen usw. Im Unterschied zu den anderen Lagern gab man uns dort aber besseres Essen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Die Verbündeten stießen bald immer weiter vor, und die Deutschen waren auf dem Rückzug. So durchquerten wir den Kaukasus, die Ukraine, Moldau, Rumänien, Ungarn, Österreich und kamen nach Deutschland. Wir befanden uns in der Stadt Oting oder Jering [?], als wir eines Tages beim Aufwachen unsere deutschen Wächter nicht mehr sahen. Sie waren in der Nacht geflüchtet. Nach einigen Tagen trafen uns die Amerikaner, die uns mitnahmen und nach etwa zwei Monaten den sowjetischen Truppen übergaben. Wir wurden dann an den Filtrationspunkten verhört zwecks Entlarvung von Feinden bzw. Verrätern. Leider war die Zahl der unschuldig „Schuldigen“, die dann festgenommen wurden, nicht klein. In mir fand man keinen „Verräter“. Da die Frist meines Militärdienstes nicht abgelaufen war, ließ man mich noch zwei weitere Jahre in der sowjetischen Armee dienen. Wir mussten vom österreichischen Eisenstadt bis Tighina (Bendery) in Bessarabien bzw. 1600 km zu Fuß gehen. Unser Regiment, wo ich anfangs diente, war mit dem Bau verschiedener militärischer Objekte beschäftigt. Meinen Dienst verbrachte ich aber hauptsächlich in Kirowograd, wo ich am 9. Mai 1947 aus der Armee entlassen wurde, und dann kehrte ich nach Armenien zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit lieben und allerherzlichsten Grüßen und Wünschen aus Armenien&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Andranik Ghasarjan.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_505.php</link>
<pubDate>05 Aug 2016 21:38:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>504. Freitagsbrief (vom Januar 2008, aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler)</title>
<description>&lt;p&gt;Der ukrainische Rotarmist Ostapenko wurde 1943 aus uns nicht übermittelten Gründen aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entlassen und schildert hier anschließende Kriegserlebnisse. Er erhält bis heute von uns medizinische Hilfsmittel. Mit dessen Tochter Tamara stehen wir in lebhafter Korrespondenz. (Die Redaktion).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tscherkassy&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ostapenko Georgij Jewgenjewitsch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrte Damen und Herren,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ihren Brief habe ich erhalten. Für die Glückwünsche zum Neuen Jahr und für die Informationen über den Künstler Hans Liska [*] möchte ich Ihnen danken. Es ist kaum zu glauben, dass es innerhalb der jungen Generation in der deutschen Gesellschaft Menschen mit einem solchen Verantwortungsgefühl für die Taten ihrer Vorfahren gibt. Dafür meine tiefe Hochachtung.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sie schreiben, dass es für eine erfolgreiche Aufklärungsarbeit wichtig ist, Einblicke in die Ereignisse der Kriegsjahre aus erster Hand zu bekommen. Bei einem Treffen von Kriegsveteranen hat jemand in der Diskussion folgende Bemerkung gemacht: „… wie es scheint, braucht jede Generation IHREN Krieg, um zu verstehen, was er bedeutet“. Dieser Gedanke hat mich einfach erschreckt. Wenn Sie also etwas über diese furchtbare Zeit erfahren möchten, so bin ich bereit, Ihnen darüber zu berichten. Nicht mit Analysen der politischen und ideologischen Aspekte, nicht mit Archivunterlagen und Erzählungen von „Augenzeugen“. Sondern über alles das, was ich selber gesehen und erlebt habe. Ohne Kommentare. Ich greife eine „Filmszene“ und zeichne den Vordergrund. Die Tiefe der Filmszene muss der Leser mit seiner Phantasie ausfüllen. Die Gewaltszenen lasse ich aus ethischen Überlegungen weg. Das ist nichts für schwache Nerven.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Also:&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Herbst 1943. Ukraine. Die Kommandierenden beider gegeneinander kämpfenden Seiten zerstörten beim Abzug alles, was vom Gegner genutzt werden könnte. Die schlimmsten Zerstörungen und Vernichtungen geschahen beim Rückzug (der Deutschen). Die einheimische Bevölkerung wurde in Güterwagen verladen. Diese wurden am Kopf des Zuges angehängt (für den Fall, dass die Partisanen die Bahnstrecke vermint hatten). Am letzten Waggon wurde mit Ketten ein Anker befestigt, der bei der Fahrt des Zuges alle Holzschwellen der Strecke zerstörte. Durch die Straßen der Orte fuhren Panzerwagen, von denen die Soldaten Brandflaschen auf die Dächer der Häuser warfen, die innerhalb von Sekunden in Flammen standen, sogar Metalldächer. So wurden die Dörfer abgebrannt. Und wenn die Front 2 bis 4mal darüber hinwegging, was blieb dort übrig?&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tiefer Herbst 1943. Matsch bis zu den Knien. Die Technik kommt nicht durch. Aus dem Wald kommen drei Deutsche auf das letzte Haus in der Schlucht zu: Der erste hat einen Stock, nur schwer kann er seine Beine aus dem Morast ziehen. Er führt ein abgemagertes, mit Wunden bedecktes Pferd am Zügel, auf dem ein verwundeter Feldwebel sitzt. Der dritte Soldat hält sich beim Gehen am Schwanz der Mähre fest …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das ist die Besatzung eines zerstörten Panzers. Um nicht ins Blickfeld der Feldgendarmerie zu geraten, bewegen sie sich auf Feldwegen in Richtung Westen …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;20. August 1944. Bessarabien. Schönstes Sonnenwetter. Die Kampflinien der beiden feindlichen Armeen liegen sich am Fluss Raut gegenüber. Wir warten auf den Angriff. Der Gegner spürt die Gefahr der Einkreisung und hat seinen Munitionsvorrat einfach abgeschossen. Eines der Geschosse fiel direkt auf unsere Batterie. 13 unserer Kämpfer sind verwundet oder tot. Den Rückzug haben sie (die Deutschen) nicht mehr geschafft und gerieten in den Jassko (Iasi)-Kischinjower Kessel …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Nacht zum 14. Januar 1945 begann nach massiver Artillerie- Vorbereitung entlang der gesamten feindlichen Verteidigungslinien die große Offensive der sowjetischen Armee in Polen. Von unserem Magnuschewsker Aufmarschraum wurden 530 000 Geschosse abgefeuert. Fast einen ganzen Tag lang „verbissen“ wir uns in die Verteidigungslinien des Gegners (hier habe ich auch das Album von Hans Liska aufgesammelt). Am Ende brachen wir den Widerstand. Wir befanden uns im zweiten Zug. In die geschlagene Bresche drangen die Panzer und frische Militärverbände ein …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In der Nacht auf den 1. Februar 1945 konnten wir kampflos die vereiste Oder überqueren und nahmen das Dorf Kienitz am westlichen Ufer des Flusses ein. Wir stoppten einen Vorortzug aus Berlin, die Fahrgäste stiegen aus und erblickten auf dem Bahnsteig unsere Soldaten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;„Oh mein Gott, Asiaten“ hören wir ihr Erstaunen. Nach vorn ist kein Widerstand, unsere Nachhut war 70 bis 75 km hinter uns, die Panzer konnten nicht über das Eis fahren. Deshalb ordnete der Kommandierende der Einheit an, die Kommandostellen der Regimenter auf dem eingenommenen Gelände einzurichten und zu verteidigen. Er selbst kehrte in den Ort zurück, wo wir am Vortag das Abendessen eingenommen hatten, und traf dabei direkt auf den zurückweichenden Gegner (den wir überholt hatten). So starb unser Kommandeur, der Held der Sowjetunion Oberst Schostazki …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Um die geschlagene Bresche in seinen Verteidigungslinien zu schließen, konzentrierte der Gegner alle vorhandenen Kräfte auf unseren Abschnitt: den Volkssturm, die Polizeischule, weibliche Fliegerabwehrkräfte usw. Die Feuerkraft auf unsere Verteidigungsstellungen wurde stärker. Vor einem zweistöckigen Gebäude, das unsere Soldaten eingenommen hatten, tauchte plötzlich eine alte Deutsche auf, die um Hilfe flehte. Nur schwer sind die Gefühle eines abgehärteten Soldaten zu verstehen, die ihn dazu brachten, aus der Deckung hervorzuspringen und unter Beschuss die Alte ins Haus zu schleppen. Den ganzen Krieg mitzumachen und so kurz vor dem Sieg so viel zu riskieren? …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 16. April 1945 begannen die Hauptangriffe auf Berlin. Wir überquerten die Seelower Höhen, verschanzten uns im Vorort Marzahn fest und zogen über die Frankfurter Straße [Frankfurter Allee] bis zum Stadtzentrum. Von den Fenstern und Balkonen der Wohnhäuser hingen weiße Tücher, an den Wänden waren Losungen geschrieben: „Berlin bleibt deutsch“. Auf einer der Straßen zerteilten trotz Beschuss 2 oder 3 alte Männer ein getötetes Pferd. Eine alte Frau erzählte, dass aus der Luft gefälschte Lebensmittelkarten als wirtschaftliche Sabotage abgeworfen worden waren. Wer welche ergattern konnte, bekäme etwas, wer sich aber wegen der Bombardierungen im Keller verstecke, der bekäme keine Lebensmittel mit echten Kartoffeln …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Straßenkämpfe in Berlin. In einem Hof steht unser Tross. Eine herbeieilende weinende Deutsche bittet um Hilfe. Der Kutscher verstand sie als erster, er war aus einem Kriegsgefangenenlager zur Auffüllung der Einheit zu uns gekommen. Er fasste schnell das Pferd am Zaum und rannte mit ihm auf die Straße. In der Durchfahrt standen Feuerlöschgeräte, er spannte das Pferd vor die Feuerleiter und trieb es zum brennenden Haus, wo sich im 4. Stock zwischen den Fenstern ein alter Mann bewegte. Die Feuerleiter reichte nicht bis zum Fenster, aber der alte Mann hielt sich am Abflussrohr fest, schaffte es mit den Füßen bis zur Leiter und kam nach unten. Die Frau und der Alte (er war offensichtlich erheblich jünger, als ihn der Bart erschienen ließ) warfen sich auf die Knie und wollten dem Soldaten die Füße küssen …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am 2. Mai, als die Stadt Berlin kapitulierte, kämpften wir uns zum Alexanderplatz durch. Den Tag des Sieges begingen wir mit Siegessalut in Pankow. Die Begeisterung hatte keine Grenzen, alles schießt, sogar die deutschen Fliegerabwehranlagen auf den Straßen und Plätzen der Stadt. Dieser beeindruckende Salut bleibt mir für das ganze Leben in Erinnerung … Aber diesen Tag haben viele NICHT erlebt. Die Verluste der sowjetischen Armee in Polen betrugen 600 000 Mann, bei den abschließenden Kämpfen in Deutschland 300 000 Mann. Diese Zahlen sprechen für sich …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für die Kampferfolge um Berlin erhielt unsere Einheit den Ehrennamen „Berliner Einheit“ und wir blieben zur Bewachung der Industriebetriebe und der zivilen Objekte in der Stadt. In meinen Augen war die Schnapsfabrik das schwierigste Objekt …Zum Glück verlief alles ohne Kampfmaßnahmen. Dann bewachten wir das Werk Stolzberg in Reinickendorf. Untergebracht waren wir im Lager von Göring…&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sommer 1945. Wir fuhren ins Hinterland unseres Bereichs. Unsere Aufmerksamkeit erregte eine eigenartige Gruppe von Passagieren auf dem Eisenbahndamm. Kinder unterschiedlichen Alters drängten sich wie Küken bei der Henne um die Frauen. Schließlich machten sie uns verständlich, dass die Polen die Deutschen aus dem an sie gefallenen Gebiet vertreiben … Wie viel Leid und Tragik war in den Gesichtern der Mütter und Großmütter, die an ihren Händen kleine Kinder hielten und bestenfalls noch einen Kinderwagen mit Windeln….&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Was erwartete mich zu Hause? Im Oktober 1943, bei einer planmäßigen Evakuierung der Stadtbevölkerung durch die Deutschen, kamen meine Mutter und die Verwandten in einen Eisenbahnwagen, der in Richtung Westen fuhr. Bei einem der Halte unterwegs gelang es ihr zu fliehen und sie kam erst im April 1944 wieder zu Hause an. Zum Glück war das Haus nicht zerstört. Im Haus gab es nur noch 2 Stühle und einen alten Kleiderschrank, der hingelegt lange Zeit als Bett diente …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;1945 studierte meine Schwester in der Medizinischen Fachschule, für das Abschlussfest wurde ihr ein Kleid aus einem erbeuteten Fallschirm genäht … und sie bekam einen Wintermantel aus dem Futter eines General-Uniformmantels, was ich aus dem Lager Görings geschickt hatte. Was soll man sagen: Es gab ein Dach über dem Kopf und ich war imstande zu arbeiten. Weitaus nicht alle hatten soviel Glück …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Allerdings gab es in der zerstörten Stadt keine Arbeit, von der man leben konnte. In den ländlichen Gegenden entstand eine tragische Situation. Es fehlte völlig an Technik und Gerätschaften, an Vieh, männlichen Arbeitskräften und jungen Menschen – alle Last der aufreibenden landwirtschaftlichen Arbeiten mussten die Frauen tragen. Die Äcker konnten allenfalls mit Kühen gepflügt werden. Und wenn es keine gab? … Dann spannten sich die Frauen selber vor den Pflug.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In einer Kollektivwirtschaft versuchte man den Geflügelbestand in einer Hühnerfarm zu erhalten. Ein Alter „forschte“ nach Essbarem: zerkleinerte Stroh, Heu, sammelte verendete Tiere auf der Farm. Das alles brachte er mit einem Kläpper zu den Hühnern. Dieses Pferd war in einem derart schlechten Zustand, dass es nachts in der Box angebunden werden musste, weil es sonst morgens nicht aufstehen konnte. Die Hühner hatten die Größe von Rabenvögeln, mit blutigen Köpfen und Rücken voller Verletzungen. Während der Großvater dort arbeitete, machten sie sich über das Pferd her und nagten seine Beine derartig ab, dass die Hufe wie Galoschen aussahen … So ergänzte auch das Pferd das Hühnerfutter …&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Das Schicksal unterwarf meine Generation also einer weiteren Prüfung – die Wirtschaft des Landes aus den Ruinen wieder erstehen zu lassen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Für Ihre Aufmerksamkeit danke ich Ihnen. Ich hoffe, dass Sie mich richtig verstanden haben.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Mit Hochachtung&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;30.01.08 Kriegsinvalide I. Grades&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Tscherkassy Ostapenko G. E.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[*] Herr Ostapenko hatte uns zuvor geschrieben, dass er in einem deutschen Schützengraben ein Skizzenbuch mit Zeichnungen des Soldaten Hans Liska gefunden und bis heute aufbewahrt hat. Wir recherchierten und teilten ihm mit, welche Bewandtnis es damit hat.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_504.php</link>
<pubDate>29 Jul 2016 08:44:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>503. Freitagsbrief (vom April 2005)</title>
<description>&lt;p&gt;Russland&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Moskau&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Emmanuil Nikolajewitsch Sossin.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;entsprechend unserer Vereinbarung übersende ich Ihnen diesen Brief.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Erstes Mal geriet ich in die Gefangenschaft im Juli 1941. Aus dem Kriegsgefangenenlager bin ich geflüchtet und konnte bis zu unseren Truppen durchkommen. Ein Jahr lang kämpfte ich dann als Kompaniekommandeur. Meine zweite Gefangennahme kam während der Fortbewegung im Wald mit zwei anderen Offizieren und zwei Soldaten durch die Attacke deutscher Späher zustande. Das geschah im Juni 1942, obwohl es auf unserem Abschnitt keine Kampfhandlungen gegeben hat. Dann folgten fünf Lager auf russischem Territorium. Ernährt wurden wir dort kaum. Bei der Ansicht von halbleeren Lagern begriff ich, dass im Laufe des Winters 1941/42 Millionen von Kriegsgefangenen ums Leben kamen. Kurze Zeit später erfolgte der Abtransport nach Deutschland, wo man uns im Stalag IX-a in Ziegenhain eingewiesen hat, in dem außer uns (cirka 200 Leute) Amerikaner, Engländer uns Franzosen untergebracht waren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir Russen bekamen kaum etwas zu essen, weshalb viele gestorben sind. Gleichzeitig erhielten Amerikaner, Franzosen und Engländer riesige Esspakete vom „Roten Kreuz“, spielten Fußball, pumpten ihre Muskeln auf. Helfen konnten sie uns nicht. Die Überlebenden magerten ab und wurden wie sie waren zu den Eisenbahnarbeiten in die Stadt Haiger geschickt. Nach dem Aufenthalt in fünf Lagern in Russland und dem Stalag IX-a in Deutschland hielt ich die Deutsche für Unmenschen. Sie behandelten uns wie die Untermenschen, also erwartete ich vom Lager in Haiger nichts Gutes und bereitete mich auf den Tod vor. Umso mehr staunte ich, als die deutschen Arbeiter, die mit uns die Arbeiten verrichteten, sich uns gegenüber sehr kameradschaftlich verhielten. Sie konnten uns zwar auf Grund der eigenen Bedürftigkeit nicht mit dem Essen helfen, doch ihre freundliche Haltung gab uns Kraft. Und bald fanden wir schon etwas zu essen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zuerst entdeckten wir auf unserem Weg zur Arbeit extra für uns versteckte Kartoffelhäufchen. Unbekannte Einwohner von Haiger legten sie täglich entlang unserer Route hin. Und in Kürze erreichten wir Gefangenen die Fertigkeit, aus Stroh Schatullen zu basteln, die wir dann über Postmänner gegen Brot, Wurst oder Speck eintauschten. Kein einziges Mal behielten die Wache stehenden Soldaten etwas für sich! Unser Leben kam wieder in Fluss! Zur Zeit der Bombardierungen vom 1943–1945 wohnten die Städter in den Bergen. So sind wir zu alleinigen Besitzern ihrer Vorratskeller geworden. Später wurde unser Lager zerbombt. Wir begaben uns ebenfalls in die Berge. Die Freundlichkeit der mit uns die Arbeit verrichtenden Arbeiter werde ich nie vergessen. Nur mein jugendliches Unverständnis verhinderte damals nach der Befreiung, als wir vorübergehend in der nahegelegenen Stadt Wetzlar wohnten, dass ich mich bei ihnen allen gebührend bedankte.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hier sind ihre Namen: Albert – der Arbeiter, ein ausgezeichneter Mensch! Zwei Karls, Paul – der Vorarbeiter, Hugo – der Arbeiter und schließlich der Verfechter des Faschismus, Großbauer, der unsere freizügigen Gespräche mit den Arbeitern über den Krieg und andere Übel nie verraten hatte. Sie alle, außer Hugo, sind Einwohner von Haiger, die neben den weiteren Bürgern dieser Stadt,wie der Meister Lindberg, der im Lager Gefreiter gewesen ist und an uns nie etwas auszusetzen hatte, wie Becker, wie der Koch Ewald, der täglich unsere Suppe kochte, den Hunger aus unserem Leben nahm. Ehre und Lob haben sie alle verdient. Sie waren es, die es mir ermöglichten, meine Meinung über die Deutschen zu hinterfragen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich schrieb an den Bürgermeister von Haiger, erhielt aber keine Antwort. Falls das für Sie möglich ist, rufen Sie bitte da an und erzählen Sie über meinen Brief. Wahrscheinlich ist kaum einer der Arbeiter noch am Leben, aber die Söhne, Töchter und Enkel, die gibt es doch.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sossin E. M. Moskau.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Diese Rohübersetzung seines Briefs schickten wir damals der Stadtverwaltung von Haiger, erhielten aber ebenfalls keine Antwort. Sossins Erinnerungen veröffentlichten wir in neuer Übersetzung im Band „Ich werde es nie vergessen – Briefe sowjetischer Kriegsgefangener 2004–2006“ S. 195 (erhältlich für 9,90 € bei suchan-floss [at] @kontakte-kontakty.de).&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_503.php</link>
<pubDate>22 Jul 2016 07:33:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>502. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Jennie Seitz)</title>
<description>&lt;p&gt;Ruben Samsonowitsch Portschchidse&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Georgien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bagdati&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;06.04.2009.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Antrag.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich, Ruben Samsonowitsch Portschchidse, wurde am 3. Oktober 1921 in der Kleinstadt Majakowskij, heute Bagdati, Georgien, geboren.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Zum aktiven Kriegsdienst wurde ich durch das Kreismilitärkommissariat Majakowskij im Oktober 1940 einberufen. Ich wurde dem 89. Schützenregiment der 23. Schützendivision zugeteilt. Nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges nahm ich in den Reihen derselben an den Kämpfen gegen die faschistischen Besatzer teil. Ich habe nicht sehr lange gekämpft, denn im August 1941 wurde ich während einer Schlacht am Ufer der Desna unweit der Stadt Dwinsk von den Faschisten gefangengenommen. Eine Zeitlang wurde ich an selbiger Stelle in einem improvisierten Kriegsgefangenenlager in den Räumen der örtlichen Schule festgehalten, von dort aus verlegte man mich in das Lager der Stadt Schawlew [Schaulen/Šiauliai Litauen Stalag 336 Z], wo ich ebenfalls nicht lange blieb. Bald lud man die Gefangenen in derart vollgestopfte Güterwaggons, dass man darin wegen des wenigen Platzes nur stehen oder sich hinhocken konnte, und brachte sie nach Westen. Unterwegs starben täglich Gefangene an Hunger, Entkräftung, oder sie erstickten einfach aus Mangel an Luft. Die unterwegs Gestorbenen stapelte man an den Stationen einfach auf den Bahnsteigen. Nach ein paar qualvollen Tagen erreichten wir Polen. Man steckte uns in das Kriegsgefangenenlager Stalag 366 der Stadt Biała Podlaska, wo wir über ein Jahr lang blieben. Von dort aus wurde ich in das Lager in Kruszyno verlegt. Die Bedingungen waren unmenschlich: Die Kleidung bestand aus Fetzen, warme Schuhe sahen wir nie – wickelten uns Stofflappen um die Füße, jeder das, was er auftreiben konnte. Die Verpflegung: 150 g Brot, trübe Suppe, abends manchmal Kaffeegebräu. Die Sadisten schikanierten uns, wo es nur ging – zwangen uns, auf die Knie zu gehen, um die Essensschüssel zu bekommen, und auch essen mussten wir diese Plörre auf Knien. Aus dem Lager führten sie uns jeden Morgen zum Arbeiten in die umliegenden Höfe hinaus. Ich half in der Küche, beim Holzhacken, weidete das Vieh. Die hiesige Bevölkerung hatte Mitleid mit den Gefangenen und kam oft zum Lager mit Dingen, die wir reparieren konnten, um ein paar Groschen zu verdienen. Manchmal brachten sie auch etwas zu essen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anfang 1943 kam den faschistischen Sadisten eine neue Möglichkeit in den Sinn, die Gefangenen moralisch zu malträtieren. Sie verkündeten, es würde eine sogenannte georgische Legion zusammengestellt, und begannen, von den Georgiern diejenigen auszuwählen, die für die Aufnahme passend erschienen. Ich kam nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss, dass dies die einzige Möglichkeit für mich wäre, der Gefangenschaft zu entkommen und legte mir einen Plan zurecht, dass ich aus deren Legion fliehen und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auf unsere Seite überlaufen würde. Im März 1943 wurde ich in die Reihen dieser beschämenden Legion rekrutiert. Zum Glück mussten wir nicht an den Kampfhandlungen gegen die Partisanen teilnehmen, auf die man uns vorbereitet hatte. Aus dem Lager wurden wir von sowjetischen Truppen befreit und sofort zu Vaterlandsverrätern erklärt. Nach dem Ende des Krieges wurden wir ständig überprüft, vorgeladen, verhört – das war alles schon in der Heimat. Im Januar 1949 wurde ich als einer der ersten zu einer brutal langen Haftstrafe verurteilt – 25 Jahre, nach dem strengsten Artikel: „Vaterlandsverrat“. Aufgrund einer Amnestie wurde ich vorzeitig aus der Haft entlassen und kehrte nach Hause zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Insofern habe ich dreifach unter den Faschisten leiden müssen – ich überlebte das Grauen der Gefangenschaft, wurde der Schmach der Aufnahme in einem Bataillon gegen die eigenen Leute ausgesetzt und nach der Rückkehr in die Heimat als Verräter gebrandmarkt, womit ich sehr lange leben musste. Mein ganzes Leben war zerrüttet.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Und nun erfahre ich, dass man sich im neuen Deutschland an solche wie mich erinnert hat und uns wenigstens symbolisch für das entschädigen will, was wir durchgemacht haben. Das ist ein sehr ehrenwertes Vorhaben. Dabei geht es nicht so sehr um das Geld, obwohl das für uns Rentner auch eine Unterstützung ist, denn die Rente ist bei uns miserabel, reicht gerade für die Medikamente, und auch da nicht für alle. Hier geht es um das Andenken und den Wunsch, die Schuld der Großväter und Väter zu tilgen. Ich danke Ihnen dafür.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte Sie um die Gewährung von humanitärer Hilfe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ruben Portschchidse [Unterschrift].&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_502.php</link>
<pubDate>15 Jul 2016 08:11:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>501. Freitagsbrief (vom Mai 2016, aus dem Russischen von Jennie Seitz)</title>
<description>&lt;p&gt;Beresjuk Michail Iwanowitsch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ukraine&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Charkow.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Sehr geehrter Dmitri Stratievski!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass wir die Auszahlung der deutschen Regierung an die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangen erhalten haben. Ich danke Ihnen zutiefst für diesen Akt der Anerkennung der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer des Nationalsozialismus. Ich danke dem Kollektiv des Vereins „KOHTAKTbI“ […]. Die erste Nachricht von Ihnen, ein Neujahrsgruß zum neuen Jahr 2008, war für uns eine Überraschung. Denn es war das erste Mal, dass die ehemaligen Gefangenen jenes schrecklichen Krieges als eine bestimmte Kategorie ihrer Teilnehmer gesehen wurden – als Opfer des Nationalsozialismus. Diejenigen, die infolge einer Verletzung, einer Schädelprellung, gefangengenommen worden waren, unter schwierigsten Bedingungen in den Lagern ausharrten, durch Filtrierungslager und den SMerSch gehen mussten – sie kehrten mit einem schweren Gefühl in die Heimat zurück.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Lange lastete die Vergangenheit auf ihnen. Aber diese tapferen Menschen kämpften um ihren Platz im Leben: Sie bauten ihre Heimat wieder auf, zogen Kinder groß.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Selbst 70 Jahre später hat die Anerkennung dieser Menschen als Opfer des Nationalsozialismus, der Ausdruck von Achtung ihnen gegenüber und der Erinnerung an sie – die Lebenden wie die Verstorbenen – eine sehr große moralische Bedeutung, enthält einen tiefen humanistischen Sinn.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Vielen Dank für die im Verlauf all der Jahre unseres Kontakts vielfach geleistete Hilfe in Form von Medikamenten und medizinischer Technik, die uns aufrechterhalten haben. Wir sind gerührt von Ihrem Vorhaben, die soziale Unterstützung für Ihre Schützlinge fortzusetzen. Ich möchte meine Dankbarkeit gegenüber Ihrer Partnerorganisation im Rahmen des Projekts, dem „Internationalen Fonds für Toleranz und gegenseitige Verständigung“ (Kiew), zum Ausdruck bringen, für das Verständnis für unsere Probleme, die Fürsorge und die Herzlichkeit. Wir haben eine Gehhilfe erhalten, einen Sitz für die Badewanne. Er kann sich jetzt selbständig, aufrecht bewegen, ohne Angst vor dem Stürzen zu haben. In seinen Augen sieht man Freude, und das ist das Wichtigste. Obwohl es noch viele andere traurige Faktoren gibt. Aber wir werden „bis zur letzten Kugel“ kämpfen. „Kontakty“ ist für uns eine riesengroße Hilfe. Vielen Dank!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Aus dem Rundbrief Nr. 24 haben wir viel Interessantes über Ihre Arbeit erfahren. Wir freuen uns über die Erfolge, Ihre Unermüdlichkeit bei dem von Ihnen auserwählten Projekt und Ihren Plänen. Wenn es möglich ist, senden Sie uns gerne weitere Rundbriefe zu.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[…] Wir wünschen dem gesamten „KOHTAKTbI“-Kollektiv viel Erfolg, Gesundheit für Sie und Ihre Nächsten und alles Gute!&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;[Unterschrift]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Beresjuk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;23.05.2016.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;P. S.: Lieber Dmitri! Leider kenne ich Ihren Vatersnamen nicht und fühle mich dadurch etwas gehemmt. Michail Iwanowitschs Zustand ist so, dass er nicht mehr schreiben kann. Noch vor einem Jahr hat er selbst einen Abriss seiner Autobiographie für Sie aufgeschrieben, seine Erinnerungen an das Nachkriegsschicksal von deutschen Spezialisten beim Bau der Gasleitung. Die Jahre tun ihre Arbeit. Aber glücklicherweise kann er sehen, liest (abonniert acht Zeitungen), sieht fern, und außerdem hat er einen wundervollen Charakter und eine wundervolle Sicht auf das Leben. Und natürlich seine Familie. Abgesehen vom moralischen Faktor der Auszahlung, hat sie auch eine große materielle Bedeutung für uns, wenn man die wirtschaftliche Situation in der Ukraine bedenkt, die Sie ja zweifelsohne kennen. Danke vielmals! Und da mich die Arbeit von „Kontakty“ interessiert, würde ich mich auch über weitere höchst informative Rundbriefe von Ihnen sehr freuen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;In Dankbarkeit und mit herzlichen Grüßen&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Nina Michajlowna Beresjuk.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;****&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Anmerkungen: Im 451. Freitagsbrief schrieb Herr Beresjuk seine persönlichen Erinnerungen. Dr. D. Stratievski leistete im Auftrag des Vereins den Schriftverkehr mit den von uns begünstigten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen und übersetzte die KOHTAKTbI-Rundbriefe. Die Einmal-Leistungen aus staatl. Haushaltsmitteln ersetzen nicht unsere weitere Kommunikation mit den Begünstigten und deren Angehörigen und wir werden die Nothilfen für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene wie für andere bisher „vergessene“ NS-Opfer in Nachfolgestaaten der Sowjetunion fortsetzen, solange Geld für sie gespendet wird.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;(Spendenkonto: IBAN: DE 48 1009 0000 3065 5990 06 BIC: BEVODEBB).&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;E. Radczuweit.&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_501.php</link>
<pubDate>08 Jul 2016 07:11:00 GMT</pubDate>
</item>

<item>
<title>500. Freitagsbrief (Übersetzung aus dem Russischen von Jennie Seitz)</title>
<description>&lt;p&gt;Dawid Serapionowitsch Gogoberischwili&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Georgien&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tbilissi&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;17.02.2009.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Einige inhaltliche Anmerkungen zu diesem Brief:&lt;/p&gt;

    &lt;p&gt;Finnische Baracken sind Holzbaracken.&lt;/p&gt;
    &lt;p&gt;Es gab Extralager für ausgesonderte „politisch untragbare“ sowjetische Kriegsgefangene und Juden, aber diese führten zur Ermordung in einem KZ oder in der Nähe des Lagers. Es ist also anzunehmen, dass der Briefschreiber das abgetrennte Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen meint.&lt;/p&gt;
    &lt;p&gt;Die Lager, die er durchlaufen hat, waren alle Kriegsgefangenenlager, keines ein KZ, damit ist auch erklärt, dass Herr Gogoberischwili 2006 keine Auszahlungen aus der Zwangsarbeiter“entschädigung“ erhalten hat.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Antrag.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich bitte Sie, meine Bitte entgegenzunehmen und nicht unbeachtet zu lassen. Am 9. Januar 1942 wurde ich in die Sowjetarmee einberufen, am 12. Juni 1942 geriet ich in Gefangenschaft, aus der ich 1945 durch die Amerikaner befreit wurde. Diese Zeit war für mich sehr schwer, besonders zwischen Oktober ’43 und ’45, bis zur Befreiung, diese Zeit war tödlich.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich beginne mit dem Jahr 1943. Ich wurde verhaftet, man nahm mir die Schuhe weg und gab mir Holzpantinen, steckte mich in eine finnische Baracke, die von zwei Reihen Stacheldraht umzäunt war, zwischen denen zusätzlich eine Stacheldrahtrolle lag. Bewacht wurden wir am Tag von zwei Wachposten und in der Nacht von vier. Wir waren dort hinter verschlossenen Türen, Essen wurde einmal mittags gebracht, dann kam der Wachmann rein, schloss die Türen auf, ging hinter eine Absperrung und rief: „Rauskommen!“ Wir gingen raus, leerten den Kübel aus, nahmen das Essen mit und machten die Türen zu. Der Wachmann ging rein und schloss ab. Und dann wurde über unser Schicksal entschieden – erschießen oder nicht. Man beschloss, dass wir nichts nutzen würden, wenn man uns erschoss … Solang wir lebten, konnte man uns zum Arbeiten ausbeuten, und wenn wir starben – dann ab in die Erde. So blieben wir dort bis Dezember 1943, auch Usbeken waren dort zusammen mit uns. Am 6. Dezember brachte man uns von Hunden bewacht zur Eisenbahnlinie. Steckte uns in einen zweiachsigen Waggon, der ganz weiß war wegen des Frosts. Auf dem Boden nasse Späne, kein Ofen – wie Vieh, die Türen verschlossen, da konntest du auch sterben. Die Usbeken nahmen Watte aus ihren Jacken, entzündeten ein Feuer, zerbrachen meine Holzschuhe. Im Waggon stand der Rauch, man konnte kaum atmen.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Am Morgen erreichten wir Polen, Sedlice [Stalag 316 Siedlce]. Dort gab es zwei Lager, ein politisches und eines für Gefangene. Unser Lager war das politische. Ich bekam Schuhe, bei der Registrierung nahm man meine Fingerabdrücke ab, notierte meine Merkmale und Verletzungen. Diese Daten nahm man bei den Häftlingen im Gefangenenlager nie. Im Lager für „politisch Unzuverlässige“ blieben wir bis März 1944, und im März brachte man uns nach Deutschland, Siegenheim [Siegen], von dort aus ging es in die Grube Eirossberg [?], dort gab es Eisenerz. Ich kam in eine Tiefe von 850 Metern, in die 9. Abbausohle, zu Rudolf S. Er hatte eine Frau und zwei Jungen, und einen Kommunistenbruder, wie die Polen sagten.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Daneben lag die 11. Abbausohle, in der Walter arbeitete. Bei ihm arbeiteten die repatriierten Polen Zygmund und Karl.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Walter wurde im Herbst unter einem Stein begraben. Rudolf sagte, der Stein hätte ihm den unteren Teil zerquetscht und er wäre gestorben. Rudolf selbst bekam Ende Dezember '44 eine Erkältung und starb ebenfalls, ich glaube es war der 27. Er war ein guter Mensch, hatte Mitleid, ich erinnere mich an kein einziges lautes Wort. Wenn ich für meine Toten eine Seelenmesse halte, denke ich auch an ihn. Danach kam Alfons in unsere Sohle, und ich arbeitete mit ihm zusammen, manchmal war noch ein Italiener dabei. Damals arbeiteten die Gruben noch in einer Tiefe von 800 und 900 Metern. 1945, ich glaube, im Februar, als die Amerikaner die Oder [sic!] überquerten, konnte keine Kohle mehr in [sic!] die Grube gebracht werden und sie wurde geschlossen. Wir wurden über den Berg nach Siegen geführt, mussten von Bomben zerstörte Häuser und andere Objekte aufräumen. In der Grube, in der wir arbeiteten, wurde Eisenerz gefördert. Zu essen gab es: 300 g Brot, 25 g Zucker, verfaulte Kartoffeln ohne Fett. Wenn ich noch zwei - drei Monate länger in der Grube hätte arbeiten müssen, wäre ich für immer dort geblieben. Wir hatten es dort also schwerer als im Konzentrationslager. Aus unserer Gruppe waren dort sieben Leute, drei sind dort geblieben, sie sind gestorben, vier haben überlebt. Die Toten wurden weggebracht, und wir wissen nicht, wie sie verscharrt wurden.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Rudolf stammte aus Neunkirchen. Von da kam auch einer unserer Wachmänner, sein Nachbar. Aus unserem Lager wurden Leute nach Neunkirchen zum Bau eines Bombenschutzbunkers gebracht. Die Deutschen sprengten den Felsen, und wir trugen das Gestein heraus. Rudolf bat seinen Nachbarn, unseren Wachmann, mich immer mitzunehmen. Wenn wir nach Neunkirchen kamen, versorgten uns die Einheimischen der Reihe nach mit Essen, einmal am Tag. Wir waren froh, dort arbeiten zu gehen, damit wir wenigstens einmal am Tag zu essen bekamen. Tagsüber arbeiteten wir beim Bau des Bunkers, nachts in der Grube.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Ich habe noch damals, als KZ-Häftlingen Hilfe ausgezahlt wurde, viel geschrieben, aber nach Siegen, und sie versprachen mir damals, dass sie uns die Hilfe schicken würden, sollte uns eine zustehen. Nun habe ich erfahren, dass auch Sie uns für unsere Arbeit ein paar Prozente zukommen lassen. Wenn es Ihnen keine Arbeit macht, schicken Sie doch die Hilfe bitte an meine Adresse: [s.o.]&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Oder teilen Sie mir bitte mit, an welche Adresse die Hilfe geschickt wird und in welcher Höhe.&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Hochachtungsvoll&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;Gogoberischwili Dawid Serapionowitsch&lt;/p&gt;</description>
	
<link>http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/freitagsbriefe/freitagsbrief_500.php</link>
<pubDate>01 Jul 2016 15:17:00 GMT</pubDate>
</item>

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