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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Professor Dr. med. Alexander I. Karachunskiy (Leiter der Abteilung für klinische Onkologie am Russischen Institut für pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Immunologie, Vorsitzender der multizentrischen Studiengruppe Moskau-Berlin.)
In meinem Vortrag geht es um die Therapie der am häufigsten vorkommenden Form von Kinderkrebs – der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL). Im Jahre 1990 betrug die Heilungsrate von Kindern mit ALL in den führenden Ländern des Westen mehr als 70%. Damals galt diese Krankheit in Russland und in den anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion als unheilbar, nur 10% der erkrankten Kinder überlebte die Therapie. Die Ursachen sind mehrmals diskutiert worden und ich wiederhole das jetzt nicht. Als das Land sich öffnete und Informationen über westliche, zuallererst deutsche Therapieregimes oder Behandlungsprotokolle für Chemotherapie der ALL weitgehend zugänglich gemacht wurde, versuchten die meisten der russischen Kliniken die westlichen Heilungsprogramme zu kopieren, insbesondere das deutsche Protokoll BFM (Berlin-Frankfurt-Münster). Aber die starre Reproduktion der Chemotherapie-Protokolle in Russland ist ergebnislos wegen des Fehlens einer adäquaten Infrastruktur und wegen der schweren toxischen Nebenwirkungen der Medikamente.
Zu diesem Zeitpunkt kam ich für ein halbes Jahr nach Westberlin in die Klinik der Freien Universität (heute ist es das Klinikum Charité) zu dem Kinderonkologen Prof. Günter Henze. Uns wurde während der Zusammenarbeit und detaillierten Analyse der internationalen Erfahrungen klar, dass man ein neues, originelles, aber nicht minder wirkungsvolles, auch unter einheimischen Bedingungen leicht anwendbares, Kindertherapieprogramm entwickeln muss. Zum Zeichen unserer Partnerschaft haben wir unserer Projekt Moskau-Berlin (MB) und das neue Therapieprotokoll ALL-MB 91 genannt. Seine Besonderheiten, dank Prof. Henze: die Verwendung nur jener Komponenten, deren absolute Notwendigkeit und Vorteile in multizentrischen klinischen Untersuchungen bewiesen worden waren und Verzicht auf hochtoxische, klinisch weniger untersuchte Komponenten.
Nach vier Jahren der Pilot-Anwendung des Moskau-Berlin-Protokolls in unserer Moskauer Klinik wurde uns klar, dass es weniger toxisch und leicht anwendbar ist, aber ebenso effektiv wie das etablierte deutsche Protokoll. Es war nötig, die Ergebnisse bei zahlreichen Patienten und Kliniken zu wiederholen. Und seit August 1995 gelang es uns, andere Kliniken einzuschließen. So entstand die erste russische multizentrische klinische Studie zur Therapie von Kindern mit ALL. Sie dauerte sieben Jahre bis Mai 2002 und es wurde bewiesen, dass sich unser eigenes einheimisches Protokoll Moskau-Berlin sich als ebenso effektiv, dabei weniger toxisch erwies, wie das für die ganzen Welt exemplarische, schon klassische deutsche Protokoll BFM. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden in diesem Jahr in der internationalen Fachzeitschrift „Leucemia“ veröffentlicht.
Die Ärzte der Kliniken, die am Projekt „Moskau-Berlin 91“ teilnahmen, erkannten, dass eine solche Zusammenarbeit, die wir als multizentrische Studien bezeichnen, sehr effizient ist. Man kann schnell die Qualität der Therapie der kleinen Patienten, die an verschiedenen, sogar sehr seltenen Krebsformen leiden, verbessern. Solche Partnerschaft zwischen vielen Kliniken führte nicht nur zur besseren Qualifikation der Ärzte, sondern auch zur Anhebung des wissenschaftlichen Niveaus.
Deshalb beschlossen wir weiter zusammenzuarbeiten und haben die nachfolgende Version unter dem Namen Moskau-Berlin 2002 entwickelt. Im Rahmen dieses Projekts versuchten wir, die Toxizität und das Komplikationsrisiko bei der Leukämietherapie noch weiter zu vermindern, besonders ganz zu Beginn der Krankheit. Die Zahl der beteiligten Kliniken hat sich dabei erheblich erhöht. Besonders zu schätzen ist, dass sich die drei Kliniken aus Weißrussland anschlossen, es war der erste Schritt zur internationalen Kooperation. Die Ergebnisse dieser 2. Studie wurden auf dem SIOP-Kongress in Berlin vorgestellt und werden zu Publikationen vorbereitet. Uns gelang es auch, die Behandlungsergebnisse bei Kranken vor allem aus der Mediumrisiko-Gruppe wesentlich zu verbessern und zu erkennen, wie man die Toxizität vermindern und die Wirksamkeit der Therapie bei den Kranken aus der Standardrisiko-Gruppe steigern kann. Auf dem Basis der erhaltenen Daten haben wir das neue Projekt Moskau-Berlin 2008 entwickelt
Das Projekt Moskau-Berlin hat nicht nur eine enge, rein wissenschaftliche, sondern eine umfassende Bedeutung für unser Land. Es ist nicht nur die Grundlage der kontinuierlich arbeitenden Kooperationsgruppe für die Therapie der ALL bei Kindern und die Basis für die weiterführenden Studien ALL-MB 2002 und ALL-MB 2008 (der ca. 40 russische und belorussische Kliniken angeschlossen sind). Es hat sich auch deutlich gezeigt, dass nur die Zusammenarbeit vieler Kliniken sowie eine- einvernehmliche- ärztliche- Leitung (also das, was wir als multizentrische oder kooperative klinische Gruppe bezeichnen) die Ergebnisse der Krebstherapie bei Kindern und Erwachsenen grundsätzlich verbessern kann. Die Organisation solcher multizentrischen Studien ist die Autobahn der Entwicklung solcher hochtechnologischen und kritischen Gebiete des russischen Gesundheitswesens, wie Onko- und Kardiologie.
Zum Schluss möchte ich sagen, dass diese Studien das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler hervorragender Ärztinnen und Ärzte aus den Kliniken unserer Kooperationsgruppe sind. Ich bin sehr dankbar für die Geduld und Unterstützung dieser Menschen und dass es diese Möglichkeit gibt, zusammen zu arbeiten. Diese Arbeit wäre unmöglich ohne die Hilfe meiner deutschen Kollegen und nahen Freunde – Professor Günter Henze, Arend von Stackelberg und ihrer Kollegen aus der Charité. Sie halfen unseren Ärzten und Krankenschwestern nicht nur während der Fortbildung, sie unterstützten uns immer in schwierigsten Momenten- wir haben einfach alles zusammen gemacht. Besonders warme Worte der Dankbarkeit widme ich dem deutschen gemeinnützigen Verein „Kontakte-Kontakty e.V.“ für die andauernde riesige Unterstützung und maßgebliche Förderung. Die „Kontakte“ haben nicht nur Arzneimittel für Kinder und multizentrische Ärztetreffen bezahlt, sondern auch sehr stark unsere multizentrische Gruppe unterstützt.
Wir sind allen Deutschen sehr dankbar, die gezeigt haben, was der westeuropäische Humanismus konkret bedeutet.
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