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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Hintergrundinformationen zu einem Skandal von Prof. Dr. Pavel Polian [1].
Sehr geehrte ehemalige Kriegsgefangene, sehr geehrte Frau Botschafterin, sehr geehrter Botschaftsrat, sehr geehrte Gäste, die Sie hier heute erschienen sind.
Das was sie hier gerade gehört haben, das Schicksal des Kriegsgefangenen Wodopajew, der zwar seine Befreiung erlebt hat, allerdings zwei Tage danach, nach der Befreiung des Lagers Lambsdorf, verstorben ist, das ist die Tragödie eines einzelnen Menschen.
Doch die sowjetischen Kriegsgefangenen haben auch eine kollektive Tragödie erlitten. Wenn Sie sich einmal die Protokolle der Nürnberger Prozesse anschauen sollten, dann werden sie feststellen, dass dort sehr häufig, häufiger fast als alle anderen die Tragödien und die Schicksale benannt werden, die Verbrechen, die ausgeübt wurden gegenüber den sowjetischen Kriegsgefangenen.
Wenn man sich einmal die Unterlagen anguckt, die Unterlagen, auf deren Grundlage die Deutschen in jener Zeit handelten, dann werden Sie feststellen, dass sie nichts anderes waren als die Anweisung zur systematischen Vernichtung dieser Menschen. Das sind zum Beispiel die Einsatzbefehle, die Befehle von Heydrich, in denen eindeutig angewiesen wurde, dass zuerst die Politkommissare und dann die Offiziere und die Juden zu vernichten waren.
Sie brauchen sich nur einmal anzuschauen, über welche Lebensmittelmengen der Generalquartiermeister verfügte, welche Rationen er den Menschen geben konnte, dann werden sie verstehen, dass der Kriegsgefangene Wodoparjew in seinem Tagebuch das Leitthema schilderte: der ständige Hunger, dem er ausgesetzt war.
In Anbetracht dieser Situation werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen die Zahlen nenne, die die Statistik trocken vermerkt: dass von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen 3,3 Millionen in Gefangenschaft gestorben sind. Das sind genau 57, also fast 60 Prozent.
Wenn wir zum Vergleich die Statistik für die englischen, amerikanischen und anderen Kriegsgefangenen heranziehen, dann liegt die Sterberate für sie zwischen 3 und 5 Prozent.
Aber das ist nur die eine Seite. Es kommt schließlich dazu, dass die Haltung der eigenen Regierung, dass heißt in diesem Fall der Sowjetregierung zu ihren eigenen Landleuten, zu ihren eigenen Kriegsgefangenen, ebenfalls äußerst brutal gewesen ist.
Nach geltendem Recht, so in den Dienstanweisungen der Sowjetarmee niedergelegt, waren die Gefangenen letztendlich Heimatverräter. Rotarmisten durften sich nicht in Gefangenschaft begeben. Der Befehl lautete, dass sie sich, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gab, mit der letzten Kugel selber zu erschiessen hatten.
Daraus leiteten sich dann auch diese ungeheuerlichen Befehle ab wie der Befehl 270 von Stalin „Kein Schritt zurück“, oder auch der Befehl, der im August 1942 ausgegeben wurde, nach dem nicht nur die Kriegsgefangenen, sondern auch ihre Familienangehörigen repressiert wurden.
Es kam schließlich so, dass eine Athmosphäre herrschte, dass die Leute, die sich in Kriegsgefangenenschaft begeben haben, in der Heimat als Heimatverräter angesehen wurden und die Gesellschaft sich ihnen gegenüber misstrauisch verhielt.
Dieses Wissens, dass sie zu Hause doch nur als Verräter angesehen wurden, brachte ungefähr eine Million ehemaliger sowjetischer Armeeangehöriger dazu, letztendlich mit den Deutschen zu kollaborieren. Man nannte sie ganz global Wlassowsche, obwohl bei weitem nicht alle in der Armee von Wlassow dienten. Viele waren einfach Hilfwillige, leisteten technische Dienste in der Wehrmacht, aber sie hatten eben auch diesen Eid geleistet.
Nach dem Kriegsende setzte sich ihr Schicksal fort – und das war nicht nur das Schicksal der Kriegsgefangenen, sondern auch der Verschleppten und zur Zwangsarbeit gezwungenen Zivilpersonen. Als sie repatriiert wurden und in die Heimat zurückkehrten, stießen sie dort auf eine Atmosphäre des Misstrauens und der Repressionen.
Besonders hart traf es die ehemaligen Offiziere, sie wurden generell durch die Organe des Ministeriums des Inneren, SMERSH, der Gegenaufklärung, überprüft. Die Mehrzahl der Personen, die letztendlich untersucht oder überprüft wurden – und das traf insbesonders die Kriegsgefangenen – landeten in den Lagern des Gulag.
Diese Überprüfungen dauerten in der Regel ein bis eineinhalb Jahre und man schickte diese Leute in der Regel für etwa sechs Jahre in die stalinschen Gulag-Lager.
Aber selbst wenn man diese Überprüfungen schadlos überstanden hatte und man anfangs noch als einigermaßen vertrauenswürdig eingestuft worden war, so war das doch kein Schutz davor, dass man nicht doch noch später irgendwelchen Repressalien ausgesetzt war. So wurde unter anderem eine große Zahl von Kriegsgefangenen in den Jahren 1948, 1949 ebenfalls verhaftet und in die Lager geschickt.
Es ist nicht so, wie man zum Teil im Kalten Krieg behauptet hat, dass alle Kriegwgefangenen in die Lager geschickt worden wären oder dass man sie erschossen hätte, aber immerhin haben 12 bis 15 Prozent dieser Personengruppe dieses Schicksal erlitten.
Das typische Schicksal, dass die Mehrzahl der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen traf, insbesondere der Soldaten, sah so aus, dass man sie wieder einberief, sie wieder in uniformierte Einheiten steckte bzw. sie in der Arbeitsarmee von den Familien trennte und sie weiter arbeiten ließ.
Allerdings jeder, der in Kriegsgefangenschaft gewesen ist, bekam einen entsprechenden Vermerk in die Personalakte, welcher bis ans Lebensende in Kraft war und der dazu führte, dass sie eigentlich nie zu vollwertigen Bürgern des Landes mit vollwertigen Berufs- und Karrieremöglichkeiten wurden.
Deswegen ist es keine Übertreibung, wenn man sagt, dass sie Opfer zweier Diktaturen waren: der faschistischen Diktatur und der stalinistischen Diktatur. Leider müssen wir sie jetzt auch noch als Opfer mehrerer Demokratien bezeichnen.
Ich meine damit unter anderem auch den Grund, warum wir heute hier sind.
Die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen gehören nicht zu den Personengruppen, die in irgendeiner Art und Weise, auch heute noch nicht, offiziellen gesetzlichen Anspruch auf irgendwelche Kompensationsleistungen hätten.
Ungeachtet der Dokumente des Nürnberger Prozesses, ungeachtet diverser Monographien deutscher und russischer Autoren, werden sie nach deutschem Recht als ganz normale Kriegsgefangene angesehen. Sie werden nach der geltenden Rechtsauffassung gleichgestellt mit den amerikanischen, englischen oder französischen Kriegsgefangenen, deren Bedingungen in Gefangenschaft in etwa den von der Genfer Konvention geforderten Bedingungen entsprachen.
Selbst in den Gründungsunterlagen des Fonds „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ spielt diese Personengruppe keine Rolle.
Der deutsche Anwalt Taschjan hat versucht, diesen Zustand zu ändern, er hat Klage eingereicht, allerdings ist es ihm nicht gelungen, vor deutschen Gerichten diese Situation zu ändern.
Aus diesem Grund verneige ich mich vor dem, was der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI hier macht, denn er ist praktisch die einzige gesellschaftliche Kraft, die sich auf Spendenbasis um diese Personengruppe kümmert und versucht, ihnen auch moralisch Unterstützung zu geben.
Genauso hoch achte ich, das was Frau L., Tochter eines ehemaligen Kommandanten eines Gefangenenlagers, heute macht, dass sie aus ihrem persönlichen Geld zwei ehemaligen Kriegsgefangenen, die sie hat suchen lassen, persönliche Renten zahlt.
Leider ist es so, dass was im öffentlichen Russland stattfindet, etwa das gleiche ist, was auch im öffentlichen Deutschland läuft. 1995 hat Präsident Jelzin einen Erlass unterschrieben, in dem mit Ausnahme der Kollaborateure den ehemaligen Kriegsgefangenen der gleiche privilegierte Status eingeräumt wurde wie den anderen Kriegsteilnehmern. Damit erhielten sie auch Ansprüche auf Kompensationsleistungen.
Vor ein paar Wochen hat auch der Nachfolger, Präsident Putin, eine Erlass unterschrieben im Zusammenhang mit den jetzt stattfindenden Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag, allerdings stößt man in diesem Erlass auf keinerlei Erwähnung der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie spielen wieder keine Rolle mehr.
Somit ist die Situation entstanden, dass die Kriegefangenen lediglich zu einem Gegenstand der öffentlichen Diskussion geworden sind, dass sie unter anderem eine Rolle spielen bei Ausstellungen, dass dort ihr Schicksal offen genannt wird.
Vor der Eröffnung der Ausstellung „Gefangene des dritten Reiches“ hat sich ein interessantes Ereignis abgespielt. Der Bevollmächtigte für Menschenrechte des Präsidenten Putin hat, als er auf Fragen von Korrespondenten antwortete, um Entschuldigung gebeten für das, was den ehemaligen Kriegsgefangenen vom Sowjetstaat bzw. von seinen Nachfolgern angetan worden ist.
Das ist zum ersten Mal passiert, diese Entschuldigung. Sie ist ein Hoffnungsschimmer. Ich glaube, dass es soweit kommen wird, dass auch die Kriegsgefangenen vollständig rehabiliert werden. Allerdings steht zu befürchten, dass viele das nicht mehr erleben werden, denn das Durchschnittsalter liegt nun schon bei über 80 Jahren und es bleibt nicht mehr viel Zeit.
Die Tätigkeit des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI ist genau diesem Problem gewidmet und ich wünsche dem Verein viel, viel Erfolg auf seinem Weg. Ich danke für die Aufmerksamkeit.
[1] Vorgetragen auf der Benefiz-Veranstaltung von KONTAKTE-KOHTAKTbI zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus in der Akademie der Künste in der Berlin.
Mehr über die Benefiz-Veranstaltung.
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