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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Eröffnungsrede von Dr. Norbert Meisner.
Heute vor 60 Jahren überschritten deutsche Truppen die Demarkationslinie zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion; nach dem Blitzkrieg gegen Polen begann der zweite Teil des Weltkrieges im Osten – ungleich blutiger und mörderischer als der erste. Wir wollen an diesen Jahrestag erinnern und natürlich anschließen an die gerade zum späten Erfolg geführte Diskussion über die Entschädigung der Zwangsarbeiter.
Der Überfall auf die Sowjetunion, unter Bruch kurz zuvor geschlossener Verträge, war keine plötzliche Laune des deutschen Diktators, sondern Konsequenz eines bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Russland-Bildes in Deutschland.
Der autokratische Zar über ein riesiges Reich, die späte Aufhebung der Leibeigenschaft, die „asiatische“ oder „halb-asiatische Barbarei“, Terror und Gegenterror in Russland, der rücksichtslose Einsatz von Menschenleben, gern beschworene Analogien zu Attila und den Hunnen (wie gesagt: das gilt für Deutschland; in West-Europa sind – in Verwendung einer Aufforderung von Wilhelm II. an die deutschen Truppen im chinesischen Boxeraufstand – wir die Hunnen ), – das alles zusammen ergab ein aus Überlegenheitsdünkel und Furcht gemischtes Russland-Bild in Deutschland.

Dass die Sozialdemokratie 1914 die Kriegskredite im Reichstag billigte, hing mit diesem Feindbild wesentlich zusammen. In der Zeit der Weimarer Republik fügte sich das Schreckgespenst des Bolschewismus in dieses alte Russland-Bild; was eben noch der Zar, waren nun die Zarenmörder. In der innenpolitischen Agitation der nationalistischen Rechten verbanden sich Anti-Semitismus und Anti-Bolschewismus; auch hier griffen Superioritätswahn und Angst ineinander: der innere Feind auf der äußersten Linken galt als die 5. Kolonne der russischen Bolschewisten und die Komintern-Politik tat alles, um diesem Klischeé zu entsprechen.
Keine deutsche Regierung zwischen 1918 und 1933 erkannte die Ostgrenze des Reiches an, Revanche-Pläne kreisten um das 1918 schon erreicht gewähnte deutsche Kolonialreich in Osteuropa.
Der Nationalsozialismus schließlich definierte sich geradezu durch den Kampf gegen den „jüdischen Bolschewismus“ und das Ziel, sogenannten „deutschen Lebensraum“ im Osten zu erobern. Der Überlegenheitsdünkel wurde durch eine verquaste Rassentheorie untermauert, die Furcht durch Erinnerungen an den Weltkrieg und die Mobilisierung von Schreckensbildern wach gehalten.
Ich erinnere an die Ausstellung „Bolschewismus ohne Maske“, 1937 im Berliner Reichstag gezeigt: so wurde der Krieg im Osten vorbereitet. Hitler selbst ließ nie einen Zweifel daran, dass er auf jeden Fall deutsche Kolonien im Osten suchen und die Menschen dort zu Sklaven machen oder umbringen wolle. Diese durchgängige Position der Nazis wurde scheinbar im Herbst 1939 jäh aufgegeben: Hitler schloss mit Stalin einen Nichtangriffspakt, in dessen geheimem Teil Ost-Mittel-Europa zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgeteilt wurde. Zwei weitere Verträge folgten: der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag nach dem Polen-Feldzug Ende September 1939 und ein deutsch-sowjetisches Wirtschaftsabkommen im Februar 1940.
Aber die vermeintliche Zäsur war nur die Atempause für den Krieg im Westen. Als Hitler diesen für gewonnen hielt, startete er – heute vor 60 Jahren – das Unternehmen Barbarossa, das erst nach ungeheuren Leiden vor allem der Russen und der anderen Völker der Sowjetunion mit weit über 20 Millionen Toten, nach der Vernichtung des osteuropäischen Judentums, nach dem nibelungenhaften Rückzug der verbrannten Erde auf den Trümmern Berlins endete.
Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion besonders verbrecherisch, weil ein Bruch von Verträgen war. Richtig ist, dass schon der Hitler-Stalin-Pakt selbst ein Verbrechen war, worauf unsere polnischen und baltischen Nachbarn aufmerksam machen. Eine Konsequenz des Überfalls auf die Sowjetunion war jene Nachkriegsordnung, die ein halbes Jahrhundert und länger unser aller Leben bestimmt hat.
Inzwischen ist der Kommunismus zusammengebrochen: Wir wissen, dass auch im Sommer 1941 die Sowjetunion nicht das Vaterland aller Werktätigen war, sondern eine kommunistische Diktatur, die genauso leichten Herzens die deutschen und polnischen Kommunisten verriet wie der deutsche Nationalsozialismus die Deutschen im Baltikum. In Russland selbst beginnt man sich das Schicksal derjenigen vor Augen zu führen, die nach der Zwangsarbeit für die Deutschen ihre angebliche Kollaboration noch einmal mit dem Gulag, wenn nicht mit dem Leben büßen mussten.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der deutsche Krieg im Osten – anders als der im Westen – von Anfang an ein Vernichtungskrieg war. Kriegsziel war nicht der Sieg über den Staat Sowjetunion, dem der politische Wille des Deutschen Reiches aufgezwungen werden sollte, sondern die Auslöschung, die physische Vernichtung der Völker im Osten Europas.
Und hier sind wir wieder bei dem Thema, das uns die letzten Jahre bewegt hat. Das deutsche System der Zwangsarbeit war nicht nur der Notlage eines Landes geschuldet, dessen Arbeiter als Soldaten fremde Länder besetzt hielten, und das vergessen hat, diese Arbeitskräfte zu entlohnen, sondern es intendierte von Anfang an die Vernichtung durch Arbeit. Das „Menschenmaterial“ wurde auf Verschleiß eingesetzt.
Wenn Sie unsere Ausstellung ansehen, dann achten Sie doch bitte einmal auf die Liste der Todesfälle unter den Zwangsarbeitern und Sie werden sehen, wie wohlfeil deren Leben war, wie dicht die Frequenz der Todesfälle und wie vielfältig die Todesursachen.
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