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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille.

Dankesrede Marina Schubarth.

Vor vier Jahren lernte ich Anna in der Ukraine kennen, in einem kleinen Dorf im Herzen der Ukraine. Ich ahnte damals nicht, dass dieses Treffen der Beginn einer schweren, komplizierten und harten Arbeit werden würde. Anna hat das KZ Ravensbrück überlebt. Sie bat mich damals, ihr ein Dokument über diese Zeit in Deutschland zu finden, um die ihr zustehende Entschädigung zu bekommen. Der Beginn einer Odyssee durch Archive, Bürokratie und Leid begann. Mir gelang es, dieses Dokument für Anna zu beschaffen. Nach vier Jahren hat sie 65 Prozent ihrer Auszahlungssumme erhalten.

Eine weitere Reise auf die Krim löste eine größere Lawine aus. Es war das Treffen mit dem NS-Opferverband Jalta auf der Krim mit Zeitzeugen, ehemaligen „Ostarbeitern“, die ihre notwenigen Dokumente nicht auffinden konnten. Der Weg zum Opferverband war steil und bei der Hitze schwer zu erreichen. Vor mir ging eine alte Frau, sich auf einen Stock stützend. Sie quälte sich den Weg hoch. Auch eine Überlebende des KZ Ravensbrück.

Als ich den Hof des Opferverbandes betrat, blieb mir fast das Herz stehen. Vor mir stand hinter einem Stacheldrahtzaun eine Baracke und dort warteten Menschen auf mich. In der Mitte des Raumes war der völlig vermoderte Boden nicht zu betreten. Als ich rein kam, schauten mich viele Augen an. Viele hatten Tränen in den Augen. Ich stand vor diesen Menschen nicht als Ukrainerin, sondern als lang erwarteter Gast aus Deutschland, zum ersten Mal nach über 50 Jahren.

Die Stille brach ab, die Stimmen wurden lauter, die Erzählungen ergriffen einen sofort.

Wir fühlen uns verstoßen, nicht gehört, allein gelassen. Wir wissen nicht mehr, an wen wir uns noch wenden sollen. Wohin wir auch schreiben, ob an die Landesarchive, an den Bürgermeister oder zum Internationalen Roten Kreuz, von überall nur Schweigen oder nur eine kurze sachliche Nachricht: „Ihre Dokumente werden noch gesucht. Bitte warten Sie.“

Es war ein Moment des Begreifens: Diese Menschen können nicht mehr warten. Ihre Zeit drängt. Bevor ich Jalta verließ, verabschiedete sich Vladislav Suchorukov, der Vorsitzende des Opferverbandes Jalta und sagte:

„Tochter, du hast nun alles gesehen. Hilf uns, die Stimmen der Ostarbeiter nach Deutschland zu bringen. Niemand, so scheint es, will uns hören. Weder hier, noch dort bei Euch.“

Mit diesem Satz stand mein Entschluss fest, alles in Bewegung zu setzen, was in meinen Fähigkeiten lag. Zu dieser Zeit waren die Medien in Deutschland voll vom Thema Zwangsarbeiter. Doch fast nirgendwo fand man das Wort „Ostarbeiter“.

Eine Freundin, die mit in die Ukraine gefahren war, Ulrike Vetter, und ich haben versucht, die Journalisten auf diese NS-Opfergruppe aufmerksam zu machen. Doch nichts geschah. Auch ein Brief an den Bundeskanzler Schröder bewegte nichts. Auch ein Schreiben an das Internationale Rote Kreuz blieb ohne Wirkung. Die Verhandlungen in der Entschädigungsdebatte liefen auf Hochtouren. Doch immer noch kein Wort über die Ostarbeiter.

In dieser Zeit war ich arbeitslos und suchte ehrenamtlich Dokumente für die Menschen in Jalta. Alle meine Bitten an verschiedene Organisationen, mir finanziell behilflich zu sein, wurden abgelehnt. Die einzige moralische Unterstützung lag bei meinen Freunden. An dieser Stelle möchte ich Frau Ulrike Vetter, Mario Bartorelli und Lothar Evers vom Bundesverband für NS-Verfolgte besonders danken. Ulrike Vetter half mir, Briefe zu korrigieren und zu formulieren. Lothar Evers lud mich zu wichtigen Treffen der Verfolgten in Berlin ein und unterstütze meine Arbeit und Ideen. Herrn Mario Bartorelli verdanke ich die erste Spende.

Er, ein ehemaliger italienischer Kriegsgefangener, Überlebender des KZ Neuengamme, überlebte unter anderen durch die Solidarität von zwei Ostarbeiterinnen, die ihm durch den Zaun Brot und Kartoffeln zu warfen. In der Baracke, vor seinen Augen, starb ein russischer Ostarbeiter, der Mario kurz vor seinem Tode erzählte, dass er vier „Bambinis“ in der Heimat hinterlassen musste. Am nächsten Tag war der Russe tot, vor Erschöpfung und Hunger gestorben.

Diese Geschichten ließen Mario sein ganzen Leben nicht los. Von seiner winzigen Rente gab er mir die Hälfte. Sie solle die Menschen erreichen, die heute in größerer Not leben als er, denen er sein Leben zu verdanken hat.

Im April 1999, am Gedenktag der Zwangsarbeiter in Simferopol, erreichte seine Spende die notleidenden Ostarbeiter. Dieser Gedenktag löste eine große Welle aus. Hunderte von Menschen kamen zu mir, immer mit der gleichen Bitte. „Helfen Sie mir, meine Dokumente zu finden. Ich bin alt, lebe von 50 DM Rente, habe keine Mittel, mir Medikamente zu kaufen oder auch einfaches Essen. Ich brauche die Dokumente, um meine Entschädigung zu erhalten.“

Wieder in Deutschland angekommen, suchte ich weiter nach einer Organisation, die mir wenigsten meine Briefmarken bezahlen könnte. Wieder versuchte ich die Presse zu informieren. Doch nichts geschah. Ich zahlte weiterhin alles von meinem Arbeitslosengeld. Im Herbst 1999 wurde ich von dem American Jewish Committee zu einem Journalistentreffen eingeladen. An diesem Tag wandte sich erstmals ein Journalist an mich. Ein Artikel von Herrn Böhme im Tagesspiegel half mir, die Stimme der Ostarbeiter in die deutsche Öffentlichkeit zu bringen.

Mein Briefkasten war täglich voll von ergreifenden Briefen aus der Ukraine und es werden immer mehr. Ich arbeitete Tag und Nacht, Samstag und Sonntag und immer noch ohne konkrete Hilfe. Mit meiner Freundin Ina entwickelten wir die Idee einer Ausstellung, die die Problematik der Nachweisbeschaffung und die Not der Menschen in der Ukraine darstellen sollte. Unser Konzept fand zwar große Anerkennung, aber Geld bekamen wir dafür nicht.

Es war auf meiner Liste die letzte Adresse, der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.. Ohne viel Hoffnung betrat ich das Büro. Eberhard Radczuweit hörte meine Erzählungen über die Ostarbeiter und die Ungerechtigkeit, Hilflosigkeit und Not dieser Menschen und die darauf folgende Idee einer Ausstellung und sagte zu. Ein Glückstag für viele Menschen in der Ukraine. Mit dieser Wanderausstellung und einem Spendenaufruf haben wir viele Herzen der deutschen Bürger erreichen können. Unsere Arbeit wurde von der Presse unterstützt. Mit dem Spendengeld reiste ich acht Mal in die Ukraine und verteilte das Geld an die besonders bedürftigen Opfer.

Auf diesen Reisen habe ich viel Leid und Tränen gesehen, aber auch Freude. Nach über 50 Jahren kehrte etwas Gerechtigkeit in die Wohnungen der Ostarbeiter ein. Nach über 50 Jahren des Schweigens erzählten viele zum ersten Mal über ihre Zeit in Deutschland und die Folgen im eigenen Land.

Diese Begegnungen trage ich fest in meinem Herzen. Und sie waren immer der Motor, nicht aufzugeben und sich weiter für diese Menschen einzusetzen. In den drei Jahren meiner ehrenamtlichen Tätigkeit habe ich aber auch am eigenen Leib viel Ungerechtigkeit erlebt. Die Recherchearbeit war oft demütigend, denn manche beschimpften mich: Ich solle Deutschland verlassen, ich solle mich nicht einmischen. Manche drohten mir mit Anwälten oder legten wortlos den Telefonhörer auf. Aus der rechten Szene kamen Drohanrufe und Drohbriefe. Doch die Mehrzahl waren etliche Anrufe aus der Bevölkerung, die mir unterstützende Worte schenkten und damit Mut zum Weitermachen gaben.

Zahlreiche Begegnungen zwischen Ukrainern und Deutschen fanden in den letzten vier Jahren statt. Es waren unbeschreiblich rührende, wichtige und unvergessliche Momente, die wir bei diesen Treffen erlebten. Freundschaften sind dabei entstanden.

Heute droht das Thema „Zwangsarbeit“ fast ganz zu verschwinden. Laut Meinung der Medien läuft die Auszahlung gut, die Statistik beweise dies. Die Realität ist oft anders. Natürlich begegne ich heute einigen Menschen, die ausgezahlt worden sind. Aber Hunderte, wenn nicht Tausende, leben bis heute ohne den notwendigen Nachweis ihrer Zwangsarbeit in Deutschland.

Die Recherche ist wegen der mangelhaften Dokumentenlage zäh, das Alter der Zwangsarbeiter hoch. Ein Wettrennen mit der Zeit läuft. Viele werden ihren Nachweis nie bekommen und somit auch das ihnen rechtlich zustehende Geld nicht erhalten. Eine Demütigung in Betracht auch an die Zeit, in der die Zwangsarbeiter selbst jahrelange Recherchen unternommen haben. Soll so nun der Lebensabend dieser Menschen in Armut, Ungerechtigkeit und Not enden?

KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. hat entschieden, sich für diese Menschen weiterhin einzusetzen. Wir wollen so vielen Menschen helfen, wie es uns möglich ist. Um diese Arbeit fortzusetzen, sind wir auf Spenden und Öffentlichkeit angewiesen.

Heute bin ich wieder arbeitslos und hoffe auf die Zustimmung des Arbeitsamtes, meine SAM-Stelle zu verlängern.

Ich möchte im Namen der notleidenden Zwangsarbeiter dazu aufrufen, unsere Arbeit weiterhin finanziell und ideell zu unterstützen.

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