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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Auf die erstaunliche Nachricht hin, dass ich mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt werde, fragte ich mich nach meiner Beziehung zu den bisher Ausgezeichneten. Das ließ mich innehalten und zurückblicken.
Mir kam ein Träger dieser Medaille in Erinnerung, zu dem eine prägende Verbindung geknüpft wurde, obwohl es nur eines kurzen Telefongespräches nach London bedurfte. Ich spreche von Erich Fried. Damals, 1983, hatte ich im Rahmen einer bezirklichen Friedensinitiative eine Künstlergruppe gegründet, die eine Ausstellung im Schöneberger Haus am Kleistpark vorbereitete. Es war die Zeit der Angst vor Atomraketen, des Protestes gegen den Rüstungswahnsinn, der Utopien von einer solidarischen Welt.
Erich Fried schenkte unserer Ausstellung den Titel: „Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, will nicht dass sie bleibt.“
Unter diesem Motto traf sich eine bunte Schar unterschiedlichster Künstlerpersönlichkeiten, bei der kein heutiger Kurator sich trauen würde, sie gemeinsam unter ein Dach zu bringen. Mein Freund, der Maler Bernd Krüerke, hatte die Idee, Gegensätzliches in zwei Räumen nebeneinander in Beziehung zu bringen: In dem einen waren Impressionen von der guten Welt, die es zu bewahren gilt (das „Konservative“), im anderen der Protest, der Schrei und die Anklage.
So kam zusammen, was sich im allgemeinen gesellschaftlichen Raum kaum solidarisch berührt. Im Mikrokosmos dieser längst vergessenen Ausstellung war mein globaler Wunsch verborgen, es möge zwischen allen Parteilichkeiten, Weltanschauungen und Interessengruppen die zusammen führende Erkenntnis gewinnen, als Homo sapiens – vernunftbegabter Mensch – die Welt zu bewahren, anstatt sie zu zerstören.
Eine antike Erkenntnis dies, alt wie Spinoza und jung wie die „Kirche im Asyl“. Alle bisher mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrten Persönlichkeiten wirkten in diesem Sinn und haben ein ge-meinsames Dach: den Humanismus. Carl von Ossietzky zeigte über seinen Tod hinaus, wie es um die Statik dieses Daches bestellt ist. An diesem Tag sollte daran erinnert werden.
Als er im KZ Esterwegen, nahe Oldenburg, gefoltert wurde, protestierte die freie Welt. Zu den Mitinitiatoren des Protestes zählte Willy Brandt im norwegischen Exil. In der Ägide des Bundeskanzlers Willy Brandt aber tobte der Streit um den Namen des Carl von Ossietzky. 1975 stürmten 400 Polizisten die Universität Oldenburg und entfernten seinen Namenszug von der Fassade. Fast 20 Jahre lang hat der Einsatz von Studierenden und Professoren gedauert, bis 1991 – erst nach der Wende – diese Universität seinen Namen tragen durfte.
„Frieden für immer“ lautet die Inschrift auf der Gedenktafel an seinem Grab. Auch heute ein Stein des Anstoßes, wo zum Dschihad aufgerufen wird und man jenseits des Atlantiks dieses arabische Idiom auf eigene Weise übersetzt und die Waffen putzt. Carl von Ossietzky ist lebendig, so lange der Pazifismus mit Vernunft und Aufklärung als Ausdruck des europäischen Humanismus propagiert wird. Der Mensch lebt so lange, wie die Erinnerung an ihn reicht, heißt es.
Schrecklicher als die 400 Polizisten von damals ist das Vergessen von heute. Mich entsetzt die Unkenntnis der Heutigen vom Lebenswerk dieses Friedensnobelpreisträgers. Am 3. Oktober 1889 wurde er geboren. Und wenn an einem 3. Oktober zum Tag der deutschen Einheit aufgerufen wird, sollte hierzulande daran gedacht werden, wie Carl von Ossietzky den Begriff Einheit in einem weiter gefassten Sinn verstand.
Als ich im Januar 1990 zur Gründung des Verein Deutsch-Sowjetische Kontakte – wie er damals hieß – aufrief, hatte sich die Welt geändert. Perestrojka schien die Metapher zu sein für eine vernünftigere Welt. Es schien die Zeit gekommen zu sein, in West und Ost die unterschiedlichen Erfahrungen des Jahrhunderts der Kriege und Konfrontationen zusammen zu bringen und über Konsequenzen nachzudenken. Die Zeit schien reif zu sein für den paritätischen West-Ost-Dialog. Die 50 Gründungsmitglieder des Vereins waren so unterschiedlich, wie es zuvor die Künstlergruppe gewesen war. Das breite Meinungsspektrum versprach eine Plattform, auf der Toleranz zur Richtschnur des Dialogs mit sowjetischen Partnern werden konnte.
Das eigentliche Gründungsdatum unseres Vereins wurde aber der 22. Juni 1991. 50 Jahre nach dem, was Goebbels den Totalen Krieg nannte, dem beispiellosen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, konnten wir die größten Veranstaltungen in unserer Vereinsgeschichte realisieren: das Gedenkkonzert mit der Aufführung der 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch mit 100 jungen Musikern aus St. Petersburg im Berliner Konzerthaus und jene deutsch-sowjetische Historikerkonfe-renz über Ursachen, Opfer und Folgen dieses Krieges, was zu einem deutsch-russischen Historikerstreit über die rot-braune Gleichsetzung beim Begriff Totalitarismus führte.
Geschichtsaufklärung und Gedenken setzten wir an den Anfang, weil unserer Meinung nach ohne dies keine ehrlichen deutsch-russischen Beziehungen denkbar sind. Die danach jahrelang durchgeführten Seminarreisen „Auf den Spuren der Deutschen Wehrmacht“ durch Belarus und das Baltikum führten in Dörfern und Städten zu Begegnungen mit alten Menschen, in deren Berichten das Inferno der Verbrannten Erde nachklang. Versöhnung brauchte selbst im Umkreis von Trostenez, dem größten Vernichtungslager der Nazis in der Sowjetunion, nicht bekundet zu werden. Denn die Alten nahmen uns stets gastfreundlich auf, selbst in der ärmsten Bauernkate wurde aufgetischt und niemand schämte sich seiner Tränen.
Der Versöhnung bedurfte es an anderer Stelle: erst 1995, fünfzig Jahre nach Kriegsende, sprach ein deutscher Bundespräsident ein Schuldbekenntnis aus. Die meisten unserer Gesprächspartnerinnen und Partner von damals leben nicht mehr. Auch Anna Krasnopjorko, die das Ghetto von Minsk überlebte und jede unserer Reisegruppen auf den Spuren ihres Leidensweges begleitete, ist schon gestorben. Wir werden sie nie vergessen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es. Margers Vestermanis, der als Jugendlicher aus dem Ghetto von Riga floh und zu den Partisanen ging, sagte mir in höchster Erregung, nicht nur, dass die Deutschen die Juden ermordet hätten, sei das Verbrechen, sondern dass sie seinesgleichen wie Ungeziefer vernichtet und somit ihrer Menschenwürde doppelt beraubt hätten, sei immer noch das Unerträgliche für ihn.
Das sagte er in Bonn, im Bundeshaus, wo gerade Rita Süßmuth unsere gemeinsam mit Margers Vestermanis gestaltete Ausstellung „Shoa in Lettland“ eröffnet hatte. Das war 1998, zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir hatten den Ausstellungsort gewählt, um den Politikern, die damals noch die NS-Opfer im Osten ignorierten, diese Bilder von vernichteten Menschen vor Augen zu halten.
Die Würde von noch lebenden Opfern der Nazityrannei im Osten ist bei unseren zahlreichen Reisen in die Ukraine ebenso erlebbar wie im Mai dieses Jahres, als wir acht ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Berlin einluden, damit sie die Stätten ihrer Sklaverei bei der Deutschen Reichsbahn noch einmal aufsuchen konnten.
Würdelos dagegen war das lange Gefeilsche mit der deutschen Wirtschaft über eine angemessene Kompensationsleistung für Zwangsarbeit. Nur ein Bruchteil des Hehlergewinns aus dieser Sklaverei wurde zu steuerbegünstigten Konditionen der Wirtschaft abgetrotzt. Wir können uns nur mit eigener, praktizierter Solidarität gegen diesen Ungeist wehren, indem wir unsere Zuwendungen an die einst als „Ostarbeiter“ gedemütigten und beraubten Menschen nicht nur in Geldwert ausdrücken.
Damals, zu Beginn unserer Vereinsarbeit, riefen Bild und Stern zur Hilfe für Russland auf. Diese „Russlandhilfe“ begleitete die Geburtswehen der Marktwirtschaft in der postsowjetischen Gesellschaft. Über Nacht wurden in Moskau Milliardäre geboren und stürzten Millionen ins Bodenlose. Ein Gründungsmitglied unseres Vereins, der ZDF-Korrespondent Dirk Sager, schrieb später über diese Zeit, dereinst würde man es zu würdigen wissen, wie Jeffrey Sachs und Milton Freedman (radikalliberale Wirtschaftsberater von Jelzin) 150 Millionen Menschen zu Versuchskaninchen ihrer ökonomischen Experimente machten. Damals waren wir für die Medien für kurze Zeit interessant. Alles wurde gelobt, was irgendwie Carepakete nach Russland warf.
Wir machten aber keine humanitären Gesten. Ausgangspunkt unserer Hilfsaktionen war die Einladung von Kinderärztinnen mit ihren Patienten aus den verstrahlten Gebieten von Belarus ins Rudolf-Virchow-Klinikum nach Berlin. Manchmal helfen Zufallsbegegnungen einem auf die Sprünge. Die Bekanntschaft mit dem jungen russisch-jüdischen Kinderarzt Alexander Isaakovitsch Karatschunskij war so ein Fall, der uns bis heute nicht loslässt.
Ich traf ihn 1991 im Virchow-Klinikum, wo er deutsche Therapiestudien zur Behandlung leukämiekranker Kinder kennen lernte. Damals starben in den Län-dern der ehemaligen Sowjetunion jährlich von rund 5 000 an Leukämien erkrankten Kindern fast alle, während seit den 70er Jahren im Westen schon zwei Drittel geheilt werden konnten. Hier erwuchs für uns eine konkrete Aufgabe. Wie wir sie erfüllen, darüber kann hier nicht Rechenschaft gegeben werden.
Nur in Kürze: Wir vermittelten Dutzende Stipendien für Ärztinnen, Ärzte und Krankenschwestern aus jener Krebs-Station im größten russischen Kinderkrankenhaus, deren Leitung Karatschunskij bei seiner Rückkehr nach Moskau übernahm, sowie einer weiteren Kinderklinik, wo einer der Stipendiaten Chefarzt wurde (Andrej Timakov). 1991 kam mit unserer Hilfe die erste wissenschaftliche, multizentrische Studie in Russland auf den Weg. Unter Leitung von Karatschunskij und seinem Berliner Kollegen Günter Henze wurde eine Therapiestudie begründet, mit der sich die russischen Kinderonkologen emanzipierten. Sie trägt den Namen „Moskau-Berlin-Protokoll“ oder kurz „MB“ und ihr verdanken schon Hunderte Kinder das Leben. Über 70 Prozent der leukämiekranken Kinder werden jetzt wieder gesund.
Letztes Wochenende reisten Prof. Henze und sein Kollege, unser Vorstandsmitglied Dr. Arend von Stackelberg, wieder nach Moskau zur Konferenz der MB-Studiengruppe. Sie trafen Kollegen aus onkologischen Zentren Sibiriens, der Schwarzmeerküste, vom Ural und aus Belarus. (Alle Reisekosten haben wir bezahlt.) Über die Hälfte Russlands ist in Bezug auf die beteiligten Kinderonkologischen Zentren an unserem Moskau-Berlin-Protokoll beteiligt.
Weil die erforderliche Polychemotherapie eine teure Angelegenheit ist und wir oft selbst das Hansaplast liefern mussten, brauchen wir viel Spendengeld. Tausende Menschen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz haben sich an unserer Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland beteiligt. In diesen Tagen ist eine Frauengruppe in Dammen aktiv, soeben gab es in Papenburg ein Benefizkonzert und die Kirchengemeinde in Dierdorf ruft auch an diesem Sonntag die Gemeinde zur Spende auf. Diese andauernde Solidarität mit sterbenskranken Kindern im fernen Russland berührt mich zutiefst. Sie gibt mir trotz aller Widersprüche und sozialer Entfremdungen im gesellschaftlichen Gefüge ein Gefühl von Heimat in diesem Lande.
Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, will nicht dass sie bleibt. Die meisten Länder der ehemaligen Sowjetunion haben mit der wirtschaftsliberalen „Schocktherapie“, wie man das nannte, noch keinen sozialen Ausgleich erreicht. Konkurrenz statt Solidarität bestimme das Geschäft, so wurde gelernt und man grenzt sich voneinander ab. Hier das Bestreben nach europäischer Gemeinschaft, dort grassierender Nationalismus. Tschetschenien ein Menetekel, das weder von den Herrschenden noch von der russischen „Intelligenzia“ verstanden wird.
Geschichte wird allerorts neu gedichtet. „Hitler habe sich mit dem Angriff auf das Land nur gewehrt“, werden die Nazis von den Enkeln der Opfer verteidigt – das hörte ich selbst von russischen Freunden. Viele im Westen haben sich von Russland abgewandt, nachdem die verheißungsvolle Perestrojka im geistigen Chaos versank. Ich sage hier deutlich, dass dies ein wahnsinniger Verlust ist – auch für uns!
Die gewaltige Menschenlandschaft im Osten birgt geistige und kulturelle Schätze, unsere Kulturen bereichern sich nur durch Kommunikation. Dazu zählt auch gute Streitkultur in gegenseitigem Respekt voreinander. Jenen Menschen, die sich einst Sowjetbürger nannten, ist die fröhliche Aufbruchsstimmung in eine neue Welt längst vergangen. Der zermürbende Kampf um das Existenzminimum vor den Reklametafeln unserer Konsumgesellschaft belässt die Vision von einer freundlicheren Welt im Nebel.
Vieles sehen wir hier deutlicher, denn unser zivilgesellschaftliches Engagement bringt Erkenntnisgewinn. Und wir lernen, die globalen Probleme so ernst zu nehmen wie die eigenen Sorgen. Aber wer solchermaßen global denkt und dabei die Nachbarn im Osten jenseits der wachsenden Europäischen Gemeinschaft vergisst, ist ein Ignorant.
Unser Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion will wachsen im vielstimmigen Dialog mit dem Osten. Ich nehme die Carl-von-Ossietzky-Medaille an in der Hoffnung, damit weitere Impulse zu vermitteln für den West-Ost-Dialog im Geiste des Humanismus. Ich nehme diese Medaille stellvertretend an für alle, die bisher mit unserem Verein für dieses Ideal gewirkt haben und in konkreter, zielbewusster Solidarität und Partnerschaft dem Humanismus eine reale Gestalt gegeben haben. Und ich danke stellvertretend für all diese Leute der Internationalen Liga für Menschenrechte, dass sie uns dieses Forum geschaffen hat.
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