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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Referat von Alexander Naumowitsch Tubelski *).
Demokratien können nur etabliert werden, wenn die Schulen dazu ihren Beitrag leisten. Bisher wird allerdings den Schülern Demokratie meistens schulmeisterhaft von oben herab verordnet, wobei praktische Demokratie nicht vermittelt werden kann.
Ein besonderes Problem stellen hierbei die postkommunistischen Staaten dar, wo noch keinerlei Demokratierfahrungen existieren. Deshalb bemühen wir uns, Demokratie an unserer Schule gemeinsam mit Schülern und Lehrern zu erleben.
Auch in Westeuropa sind die Schulen nicht im eigentlichen Sinne demokratisch. Hier herrscht noch immer die Überzeugung, daß die Lehrer aufgrund ihrer Qualifikation und Lehrerautorität den Schülern übergeordnet sein müßten, woraus die Aufgabe eines Lehrers entspringe, die Schüler zu „belehren“.
Die deutschen Kollegen führen diesbezüglich oft das Argument an, daß die Schule der Selbstbestimmung in Moskau so etwas ist, wie vergleichbare Schulen, die in Deutschland im Zuge der 1968er Bewegung bereits eingerichtet wurden.
Das ist aber nicht korrekt.
Ganz im Gegenteil, viele westliche, selbst innerhalb der 68er Bewegung aktiv gewesene Kollegen, stehen heute neuen Ideen sehr skeptisch gegenüber. Die Demokratiebewegung am Ende der 60er Jahre war eine Protestdemokratie der Kinder gegen ihre Eltern und deren überholte Wertvorstellungen. Eine Protestdemokratie vor dem Hintergrund einer Mitschuld der älteren Generation am 2. Weltkrieg und am neuerlichen Konfrontationskurs gegen den Osten.

Alexander Tubelski.
Heute leben wir in einer völlig neuen Zeit, das Streben nach Demokratie hat nichts mehr mit einer Protestbewegung zu tun, sondern erwächst aus der Einsicht, daß die Demokratie die einzige Organisationsform ist, um die Herausforderungen der modernen Welt zu meistern.
Im Gegensatz zur politischen und gesellschaftlichen Situation der 60er und 70er Jahre stehen wir heute vor kulturellen, ethnischen und sozialen Problemen viel größeren und globaleren Maßstabs.
Im Gegensatz zur Demokratiebewegung vor 30 Jahren, die fast nichts mit Toleranz gemein hatte, sind heute Demokratie und Toleranz untrennbar miteinander verwoben – zur Lösung der Weltprobleme kann heue nur beigetragen werden, wenn Menschen verschiedener sozialer Schichten und verschiedener Kulturen an einem Strang ziehen.
Demokratie läßt sich heute mit Mitteln der Gewalt nicht mehr durchsetzen. Unser Planet ist kleiner geworden, jedes Land hängt heute von den anderen Ländern ab – was leider nicht bedeutet, daß sich die Menschen automatisch besser verstehen würden. Und an diesem Punkt kommt der modernen Schule eine zentrale und keine periphere Bedeutung mehr zu.
Wie gesagt, unsere globalen Probleme lassen sich nur innerhalb einer wirklichen Demokratie lösen, einer wirklichen und allumfassenden. Allumfassende Demokratie bedeutet, daß die Schule Teil dieser Demokratie ist, sie ist eine Instanz, die einen maßgeblichen Anteil an der Persönlichkeitsbildung der Menschen hat.
Bereits Sokrates hat formuliert, daß die Einwirkung der Schule auf die Person des Menschen ein ewig wirkendes Moment ist. Einige hundert Jahre später formulierte Fichte, daß das Ziel des Menschen die freie Gestaltung seiner sozialen Beziehungen sei.
Ausgehend von der Bedeutung der Schule als persönlichkeitsprägendes Moment und ausgehend von dem allgemeinen Streben nach freier Gestaltung der persönlichen Beziehungen vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage, muß sich die modere Schule fragen, welchen Einfluß sie künftig auszuüben gedenkt und welches Bildungsziel sie sich stellt.
Nach der Überzeugung der Schulgemeinschaft der Schule der Selbstbestimmung, besteht das höchste Bildungsziel darin, daß die Kinder lernen, frei zu sein und, daß sie Denken lernen. Unter den dann gegebenen Voraussetzungen kann das Kind sich alles andere selbst aneignen.
Das oben genannte Bildungsziel läßt sich nicht allein im Unterricht realisieren, die Erreichung des Ziels steht mit der entsprechenden Ausgestaltung des ganzen, auch außerunterrichtlichen Schullebens und der Einrichtung von Schule als übergreifender Lebensraum in direktem Zusammenhang.
Demokratieverständnis und Demokratieerfahrung können nur vermittelt und erlernt werden, wenn eine demokratische, gesellschaftsadäquate Struktur bereits innerhalb der Schule als eine kleine Gesellschaft funktioniert und auf diesem Wege eine identische demokratische Schulatmosphäre erzeugt. Bereits an der Schule kann Demokratie nur innerhalb eines Gleichklangs von Lehrern und Schülern erzeugt werden.
Demokratie funktioniert nur aus sich selbst heraus und verträgt es nicht, wenn sie, wie so oft praktiziert, von den Lehrern den Schülern „angeboten“ oder im schlimmsten Falle „verordnet“ wird. Die demokratischen Regeln einer auf Demokratie bedachten Schule müssen von allen am Schulgeschehen Beteiligten entworfen und befolgt werden.
Der Anspruch auf Demokratie und Toleranz verträgt sich nicht mit der häufig an deutschen Schulen getätigten Praxis, daß die Gestaltung und der Entwurf von demokratischen Strukturen an der Schule den Lehrern und dem staatlichen Gesetzgeber vorbehalten bleibt, und den Schülern dabei nur soviel Freiraum eingeräumt wird, daß sie die Wahl haben, ob sie sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens einbringen wollen oder nicht.
Es ist nicht Demokratie, wenn Erwachsene und übergeordnete staatliche Organe sogenannte Gremien für die Schüler schaffen, in denen sich diese demokratisch betätigen können oder sollen.
Auf diese Art und Weise wird den Kindern ein grundsätzliches demokratisches Moment vorenthalten, die gleichberechtigte Mitwirkung an der Initiierung von demokratischen Strukturen und Lebensbedingungen für ihren wichtigsten Lebensbereich, für das Umfeld, in dem sie sich die meiste Zeit des Tages aufhalten müssen, für die Schule.

Der Kreis mit Linien, welche die Durchdringung aller Ebenen selbstbestimmten Lernens und gesellschaftlicher Vorgaben nachzeichnen, soll insgesamt das Ideal einer demokratischen Schullebensweise darstellen.
Das Bild war Gegenstand vieler Diskussionen zwischen Berliner Schülern, Lehrern, Schulleitern und dem Schöpfer des Kreises, Alexander N. Tubelski.
Bei der Erschaffung demokratischer Strukturen an der Schule der Selbstbestimmung waren in der Anfangsphase viele Lehrer sehr skeptisch. Sie riefen die Vollversammlung der Schule an und protestierten dagegen, daß man den Schülern allzu wichtige Entscheidungen zumuten würde.
Der Direktor der Schule antwortete den Lehrern, daß sie doch selbst dafür gestimmt hätten, demokratische Gremien an der Schule einzuführen. Wenn man sich schon einmal für Demokratie an der Schule entschieden hätte, so müsse man auch konsequent deren Richtlinien beachten, Entscheidungen gemeinsam mit den Schülern fällen und sich auch im gesamten Schulkollektiv danach richten.
Demokratie ist kein Spielzeug. Es kann keine Demokratie und Toleranz zwischen den Kindern geben, wenn keine Toleranz und Demokratie zwischen Erwachsenen und Kindern existiert. Einige Lehrer sind damals der Argumentation des Direktors der Schule gefolgt, ein großer Teil allerdings konnte sich mit der angestrebten Entwicklung der Schule nicht identifizieren und hat die Schule zusammen mit über 60 Schülern der oberen Klassenstufen verlassen.
Aus der mehrjährigen demokratischen Praxis an der Schule der Selbstbestimmung in Moskau wird deutlich, daß man Demokratie erst richtig zu schätzen lernt, wenn man an dem Entwurf der demokratischen Grundregeln völlig gleichberechtigt Anteil hatte.
Es gibt innerhalb Rußland sehr verschiedene Schulen mit unterschiedlichen demokratischen Ansätzen. Demokratisierte Schulen in Rußland sind auch einem Vergleich mit demokratischen Schulen in anderen europäischen Ländern ausgesetzt. Auch die Gesellschaften und Staatssysteme in Europa unterscheiden sich in sehr vielen Dingen.
Bei all den Unterschieden gibt es aber in jedem Falle eine Gemeinsamkeit: Wenn Kinder selbst als Schöpfer demokratischer Gesetze und verbindlicher Normen auftreten und sich nicht nur fremd gemachten demokratischen Normen und Verbindlichkeiten unterworfen sehen, so erleben sie in jedem Falle, so unterschiedlich diese selbst entworfenen Gesetze von Schule zu Schule, von Land zu Land und von Kultur zu Kultur auch sein mögen, ein großartiges Gefühl. Es ist das Gefühl, für etwas Verantwortung zu tragen und nach den Regeln von etwas zu leben, das man selbst mit geschaffen hat.
Nur durch gleichberechtigte Mitarbeit von Schülern und Lehrern kann eine wahrhafte demokratische Schule geschaffen werden. Dieser Grundsatz ist das, was alle demokratischen Schulen der Welt als Gemeinsames anerkennen sollten.
Die Schaffung demokratischer Regeln für den Schulalltag und das generelle Funktionieren unserer Schule ist eine wichtige Angelegenheit. Genauso wichtig ist aber der Wissenserwerb selbst, der ja an jeder Schule eine herausragende Rolle einnimmt. Auch auf diesem Gebiet ist unsere Schule demokratisch.
Unsere Schule wäre keine Schule der Selbstbestimmung, wenn das Mitspracherecht der Schüler bezüglich ihrer Fortbildung auf die Wahlmöglichkeiten von speziellen Fachkursen und Projekten beschränkt bliebe. Die Schüler an unserer Schule bestimmen letztendlich ihr Arbeitstempo selbst, genauso, wie sie ihre Lehrer auswählen und auch die Lehrmaterialien und die Arbeitsmethoden bestimmen, die sie anwenden wollen.
Die Schulleitung, der „Rat der Schule“ wird von allen „Bürgern“ unserer Schule in freien und geheimen Wahlen anhand von Kandidatenlisten gewählt. „Bürger“ der Schule sind Lehrer, Schüler und Mitarbeiter der Schule. Der Wahl geht ein Wahlkampf voran, in dem die Kandidaten ihre Profile vorstellen.
Diesbezüglich ist der „Rat der Schule“ ein durch alle legitimiertes Gremium der Schule und der Schulleiter wird viele Kompetenzen guten Gewissens an dieses Gremium übertragen. Oft kommt es sogar vor, daß der Schulleiter bei einigen Entscheidungen im Schulrat überstimmt wird und sich mit seinen Überzeugungen in der Minderheit befindet. Jedoch ist diese Erfahrung immer wichtiger, als der zu fassende Beschluß.
Das höchste Gremium der Schule der Selbstbestimmung ist die Vollversammlung, an der alle Bürger der Schule, von der 6. Klasse an, eine Stimme besitzen. Durch die Vollversammlung der Schule wird das Grundgesetz der Schule angenommen und regelmäßig modifiziert.
*) Alexander Naumowitsch Tubelski ist Präsident der innovativen Schulen Rußlands, Generaldirektor der Schule der Selbstbestimmung; 1987 hat Alexander N. Tubelski die Schule als Direktor übernommen. 1988 wurde die Konzeption der Schule erstellt und 1990 hat die Schule den Namen „Schule der Selbstbestimmung“ angenommen. Ohne die Perestrojka unter Michael Gorbatschow hätte es nicht zur Gründung einer Reformschule kommen können.
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