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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Das Seminar wurde im Mai 1998 zwischen dem Gastgeber KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. und Dr. Alexander N. Tubelskij, Generaldirektor der Wissenschaftlich-Pädagogischen Vereinigung „Schule der Selbstbestimmung“ und Präsident der Assoziation innovativer Schulen Rußlands, vereinbart. Dabei wurde als Projektpartner die RAA-Brandenburg e.V. gewonnen, um auch Brandenburger Schulen die Teilnahme am Seminar in Moskau zu ermöglichen.
Der Titel „Schulreform in Europa“ wurde vom russischen Projektpartner gewählt und gibt den Wunsch zum Ausdruck, diese erste Begegnung als Baustein für einen gesamteuropäischen West-Ost-Dialog zu nutzen.
Drei Schulleiter/-innen, dreizehn Lehrer/-innen, fünf Schüler/-innen aus folgenden Schulen:
Berlin:
(insgesamt 14 Teilnehmer/-innen).
Brandenburg:
(insgesamt 7 Teilnehmer/-innen).
eine Mitarbeiterin, ein Mitarbeiter von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., ein RAA-Brandenburg – Begleiter.
Die staatliche, allgemeinbildende Schule der Selbstbestimmung hat seit 1986 den formellen Status einer Experimentalschule. Sie liegt im Einzugsgebiet einer sozial schwach entwickelten Region am Stadtrand Moskaus. Die Schülerschaft kommt zum überwiegenden Teil aus diesem Rajon. Es handelt sich daher nicht um eine „Eliteschule“, die Schule muß das komplizierte soziale Umfeld vieler Schülerinnen und Schüler in ihrem pädagogischen Konzept berücksichtigen.
Bereits am ersten Arbeitstag kam in der Begrüßungsansprache der stellvertretenden Vorsitzenden des Moskauer Bildungskomitees, Frau Kurneschova, der Wunsch zum Ausdruck, mit diesem Seminar möge ein langfristiger russisch-deutscher Diskurs über Schulreformen beginnen.
Nach einem Referat von Alexander Tubelskij über die pädagogischen Konzepte der Schule der Selbstbestimmung und einer Diskussion über den Seminarablauf wurden Arbeitsgruppen zu den vorgeschlagenen Themen eingerichtet.
Über deren viertägigen Verlauf – es nahmen auch Schülerinnen und Schüler teil – entstanden folgende Gruppenberichte.
Die Schulverwaltung, meist als undurchdringlicher Nebel der Bürokratie empfunden, der das Vorankommen der eigenen Arbeit erschwert und pädagogische Initiativen verhindert, steht bei uns eher im Ruf, staubtrocken und blutarm zu sein. Kann, ja muß das an der Schule der Selbstbestimmung nicht anders sein?
Als Schulpraktiker wollten wir es genauer wissen.
Wir hatten das Glück, an der Quelle Informationen schöpfen zu können, denn mit Alexander Tubelskij, dem Schulleiter, stand uns ein kompetenter und engagierter Moderator zur Seite. Daß sich dennoch anfangs etwas Unzufriedenheit bei uns Berlinern und Brandenburgern breit machte, lag an zwei unterschiedlichen Erwartungshorizonten.
Während wir Deutschen, zwar durchaus offen für Neues, aber eher formal denkend, genau wissen wollten, wie sich die Schule der Selbstbestimmung denn im Alltag organisiert, dachte Alexander Tubelskij, ganz Visionär und Spiritus Rector, in erster Linie daran, uns seine reformpädagogischen Ideen und den Geist seiner Schule näher zu bringen.
Die beiden Ausgangspositionen erwiesen sich im Laufe des Seminars aber als die beiden Seiten ein und der selben Medaille. Am Ende waren wir vom pädagogischen Charme der Schule infiziert und zugleich vertraut mit den wesentlichen organisatorischen Rahmenbedingungen der Schule.
Anders als bei uns ist der Schulleiter nicht nur Dienstvorgesetzer, sondern auch Arbeitgeber. Er stellt Personal ein und hat durch die Verteilung von Unterrichtsstunden und Arbeitsbereichen direkt Einfluß auf das Einkommen seiner Mitarbeiter. Er befindet sich folglich in einer wesentlich stärkeren Position als das bei uns vorgesehen ist.
Neben den Gehältern (umgerechnet zwischen 60 DM und 150 DM pro Lehrer im Monat) sind aber nur die staatlichen Zuschüsse zur Schulspeisung finanziell sichere, wenn auch äußerst bescheiden kalkulierte Etatposten.
Für jeden Schüler zahlt die Moskauer Verwaltung monatlich 60 Rubel (6,60 DM) für das Mittagessen. Davon erhalten die Schüler der ersten vier Klassenstufen sowie die Kinder aus finanzschwachen Familien täglich ein kostenloses Frühstück und Mittagessen. Für die anderen Schüler kostet das Essen in der Schule 10 – 12 Rubel (0,70 DM bis 0,90 DM) pro Tag. Aber auch das ist schon für viele Familien eine schwere finanzielle Belastung.
Zuwendungen für Anschaffungen, bauliche Unterhaltung, Ausgaben für Heizung, Verwaltung u.a.m. sind nur sehr knapp bemessen und reichen meist selbst für das Notwendigste kaum aus. Die Schule ist immer wieder bei den Wasser-, Elektrizitäts- und Heizkraftwerken in Zahlungsschwierigkeiten. Eine Situation, die für die gegenwärtigen russischen Verhältnisse nicht untypisch ist, dennoch mit Sicherheit an den Nerven der Schulverantworlichen zerrt.
Dem Schulleiter stehen für die Planung, die Organisation der Primarstufe, die Werkstätten und andere Verwaltungsaufgaben sechs Administratoren zur Seite. Diese sind ganz oder teilweise von unterrichtlichen Verpflichtungen freigestellt.
Die ca. 800 Schüler und 200 Kindergartenkinder der Schule, die alle kein Schulgeld zahlen, werden von 98 Pädagogen betreut. Vom Grundsatz her unterrichten alle Lehrer hier 15 Wochenstunden (üblich sind in Rußland 18 Stunden). Darüber hinaus haben sie drei Verfügungsstunden zur Schülerbetreuung, Unterrichtsvor- und nachbesprechung u.a.m.
Viele Kollegen haben aber zur Aufstockung ihrer Gehälter ihr Wochenstundensoll auf bis zu 28 Stunden angehoben. Interessant war auch, daß die Kollegen für das Unterrichten größerer Lerngruppen einen Gehaltszuschlag erhalten – ein bedenkenswerter Vorschlag für eine leistungsgerechtere Entlohnung auch bei uns.
Ähnlich wie bei uns gibt es keine Anwesenheitsverpflichtung der Lehrer über ihren Unterricht hinaus. Eine unangemessen hohe Anzahl von Springstunden muß folglich bei der Erstellung des Stundenplans vermieden werden. Das ist aber bei dem an der Schule praktizierten Zweischichtbetrieb (Unterricht von der 1. bis zur 14. Stunde) mit Sicherheit nicht immer leicht zu realisieren.
Neben der Schule der Selbstbestimmung gibt es insgesamt sechs Schulen in Rußland, die ähnlich wie diese organisiert sind. Als Schule besonderer Prägung und durch gesonderte Unterstützung durch das Bildungsministerium hat die Schule der Selbstbestimmung monatlich 500 Stunden für ihre spezifische pädagogische Arbeit zur Verfügung. Dadurch ist es ihr beispielsweise möglich, den Schülern die Hausarbeitsstunden unentgeltlich anzubieten. Diese werden sonst üblicherweise in Rußland von den Eltern bezahlt.
Der besondere Status der Schule ermöglicht es ihr aber auch, zehn wissenschaftliche Mitarbeiter und vier Schulpsychologen anzustellen. Neben der Betreuung der Schüler sorgen sie gemeinsam mit den Lehrern für eine permanente schulinterne Evaluation.
Feste Bestandteile des Schullebens sind ständige schuleigene Fortbildungen und gemeinsame Besuche anderer Schulen. Das Kollegium arbeitet, bedingt durch parallel laufende Schulprojekte, aufgeteilt in verschiedenen Teams eng zusammen. Gegenseitige Anregungen und Kritik werden so gefördert.
Die ersten drei Tage zu Beginn des Schuljahres dienen der gemeinsamen Vorbereitung der bevorstehenden Arbeit durch Schüler, Lehrer und wissenschaftliche Mitarbeiter. Dazu fährt man, wenn das Geld reicht, auch gelegentlich zusammen in die Umgebung Moskaus.
Die Einbeziehung der Schüler auf allen Ebenen ist dann auch ein Essential der Schule. Sie sind, wie die Lehrer, Bürger der Schule – gleichermaßen mit Rechten und Pflichten ausgestattet. Das Bewußtsein, auf besondere Weise zu diesem Kreis dazuzugehören, schafft Identifikation. Selbst nachdem sie die Schule verlassen haben, dürfen sie Bürger der Schule bleiben. So ist es nicht verwunderlich, wenn Ehemalige bei Theaterinszenierungen mitwirken, Schulfeste mitfeiern und sich für Arbeiten am Schulgebäude zur Verfügung stellen. Nicht zuletzt für arbeitslose Schulabgänger bleibt die Schule so weiterhin Anlaufstelle bzw. soziale Orientierung.
Wer Bürger der Schule werden bzw. bleiben will, erkennt das „Gesetz über den Schutz der Ehre und der Würde“ der Schule an. Darauf verpflichten sich die Eltern und Schüler schon bei der Aufnahme. Für eine ständige Anpassung der Artikel an den schulinternen Diskussions- und Entwicklungsstand sorgt der Rat der Schule, in dem Schüler die Mehrheit stellen.
Gerade vor dem Hintergrund russischer Geschichte und der Prägung der Gesellschaft durch ein uniformes Erziehungsideal erscheint es besonders wichtig, ein neues, demokratisches Schüler-Lehrer-Verhältnis zu entwickeln. Schüler, die beispielsweise in Schulgremien erlebt und gelernt haben, ihren Lehrern gleichberechtigt aber respektvoll gegenüberzutreten, haben nicht nur die Chance erhalten, ihr Selbstbewußtsein zu stärken, sondern werden auch aus diesem Bewußtsein heraus nach dem Verlassen der Schule ihren Beitrag zur Entwicklung demokratischer Strukturen leisten wollen.
Die Bereitschaft, eigene Normen und Ziele zu überprüfen und daraus die notwendigen Schritte zur Veränderung zu gehen, zeichnet das Schulkonzept aus. Dazu bedarf es des Muts, aus gewohnten Bahnen auszuscheren und neue, unsichere Wege auszuprobieren. So gesehen versteht sich Schulverwaltung bzw. -leitung an der Schule der Selbstbestimmung weniger als Kontrollorgan, vielmehr will sie eher Beratungsinstanz sein und selbst Innovationen anregen.
Wenn zugelassen wird, daß ggf. auch Fehler gemacht werden (Es irrt der Mensch, solang´ er strebt. „Faust I“), gesteht man Schülern und Lehrern auch eigene Kompetenzen zu. Mit der Übertragung von Mitverantwortung wachsen Selbstwertgefühl und schließlich auch Identifikation mit der Schule. So wird aus dem Lernbereich „Schule“ ein anregender Erfahrungs- und Lebensbereich.
Eine Verwaltung, die dazu ihren Beitrag leistet – wie bei unserem Moskaubesuch erlebt – ist selbst risikobereit, voller Ideen und das Gegenteil von langweilig.
Durch zahlreiche Hospitationen in unterschiedlichen Lerngruppen und intensive Befragungen der SchülerInnen und LehrerInnen bekamen wir einen Eindruck von der Unterrichtsorganisation und vor allem der Wahlmöglichkeiten der SchülerInnen. Es wurde viel über die Didaktik des Unterrichts gesprochen, wir versuchten immer wieder den Bezug zum Thema „Wahl“ herzustellen.
Wir kamen schließlich zu folgenden Fragestellungen, die wir anhand unserer Beobachtungen klären wollten:
zu 1.
Das wichtigste Erziehungsziel ist, daß die SchülerInnen lernen zu wählen. Sie sollen dadurch so viel wie möglich selbst bestimmen, was sie wann lernen wollen. Dadurch nehmen sie die Verantwortung für ihre Ausbildung selbst in die Hand, natürlich beraten durch LehrerInnen und Eltern. Aber auch die Konsequenzen müssen von ihnen getragen werden. Dies lernen sie fürs Leben.
Die Möglichkeit der Wahl wird immer größer, je älter die SchülerInnen werden. In der Grundschule wählen die SchülerInnen innerhalb eines gemeinsamen Projekts, welche Arbeit sie erledigen möchten.
Ab Klassenstufe 5 erweitern sich die Wahlmöglichkeiten so, daß etwa 50 Prozent Pflichtunterricht ist und 50 Prozent Wahlunterricht von insgesamt etwa 35 Std. pro Woche. In den Pflichtbereich gehören die Fächer : Muttersprache, Mathematik, Sport, Fremdsprachen, Arbeitslehre. Aber auch hier können sie zwischen unterschiedlichen Kursen je nach Interesse oder LehrerInnen zu Beginn des Schuljahres wählen. Der Wahlbereich umfaßt ein sehr großes Angebot und auch die Möglichkeit, selbst Projekte zu entwickeln.
Am Ende der Klassenstufe 9 steht ein Examen. Bis Mitte April werden die Beurteilungen für die Pflichtfächer abgeschlossen, anschließend erfolgen die Examen in den Wahlbereichen. Die Form der Prüfung können die Schüler selbst wählen, ebenso ihre Inhalte und Bewertungskriterien.
In den beiden letzten Klassenstufen (10 und 11) arbeiten die SchülerInnen sehr zielstrebig auf einen guten Abschluß hin. Die Wahl besteht hier in der Spezialisierung und der des Lehrers.
Darüber hinaus gibt es immer neue Experimente. So beteiligen sich z. Zt. drei Klassen des 5. und 7. Jahrgangs an einem Experiment zum offenen Unterricht: Die SchülerInnen dürfen jederzeit wählen, was sie gerade machen möchten.
zu 2.
Unter dieser Fragestellung wurde die Einschränkung durch Schuladministration und Schulleitung recht kontrovers diskutiert. Die Verhältnisse in Rußland und Deutschland, und hier an den jeweiligen Schulen, sind natürlich sehr unterschiedlich.
An der Schule der Selbstbestimmung wird den LehrerInnen durch den Schulleiter der Rücken frei gehalten. Die Orientierungslosigkeit im ganzen Land führt zu größerer Freiheit aber auch Hilflosigkeit. Es entstehen immer wieder Konflikte, wenn Ideen umgesetzt werden sollen, hinter denen die Schulleitung nicht hundertprozentig steht. Aber die Meinungen gingen hier sehr auseinander.
Es gibt eine wissenschaftliche Begleitung der Schule, die alle Entwicklungen genau beobachtet und in Frage stellt. Aus diesem Disput folgerten wir die vierte Frage.
zu 3.
Unsere Anregung für die russische Schule belief sich erst mal auf die Aufforderung, in Deutschland Schulen zu besuchen und Fragen zu stellen. Weitere Ideen waren: ältere Schüler als Tutoren in den Wahlprozeß der SchülerInnen einzubeziehen; LehrerInnen die größtmögliche Unterstützung zukommen zu lassen.
zu 4.
Diese Frage war ein heikles Thema. Die Emotionen gingen hoch. Es ist ein Zeichen dafür, daß es schwer ist, Demokratie und Selbstbestimmung zu leben, Experimente und Fehler machen zu dürfen auch unter den KollegInnen.
Dies ist eine knappe Zusammenfassung der Arbeit dieser Gruppe, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Was macht die Moskauer Schule der Selbstbestimmung zu etwas Besonderem?
Postulat: Bildung ist nicht eine Frage der Fächer, sondern eine Frage der Umgebung, der Gestaltung der Bedingungen des Lernens.
Daraus folgt: Das Wichtigste für eine Schule ist die Schullebensweise. Schule wird hier verstanden als Raum, in dem Bedingungen geschaffen werden, die Lehrer und Schüler brauchen, um sich auf ihrem Weg zum Ziel entwickeln zu können.
Aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Aspekten wird der Blick auf 2 Schwerpunkte fokussiert:
Gemäß den pädagogischen Prämissen, daß das Kind es selbst bleiben darf und daß es Anlagen (innere „Missionen“) hat, die es nach seinem eigenen Programm entwickeln darf, ergibt sich für die Schule das Konzept der freien Wahlmöglichkeiten. Durch die Möglichkeiten der Wahl, der Schwerpunktsetzung und des Weglassens von Fächern und Inhalten entsteht eine spürbar hohe Motivation der Schüler, in die Schule zu kommen.
Durch die Wahlmöglichkeit und dadurch, daß die Schüler früh lernen (im Kindergarten!), Verantwortung für ihr Tun, für ihre eigene Entwicklung zu übernehmen, ist Schule für sie nicht fremd, sondern wird Teil des eigenen Lebens. Sie erkennen schrittweise, daß sie ein unverzichtbarer Teil im Gesamtbetrieb sind.
Eine zentrale Frage in der „Schule der Selbstbestimmung“ lautet: Wie bringe ich Schüler in die Eigenverantwortung?
Als erste Voraussetzung gilt: Ich darf alles machen, was andere nicht einschränkt. Dies führt zu einem gemeinschaftlichen Aufstellen von Regeln und Gesetzen und zu einem Diskussionsprozeß. Auf diesem fortlaufenden, schwierigen Weg erwerben alle Mitglieder der Schule die Fähigkeit, Kompromisse zu akzeptieren. Die Rücksichtnahme auf sich langsamer entwickelnde Menschen führt zu gegenseitiger Akzeptanz und zur Identifizierung mit der Schule durch die Schüler und die Lehrer.
Akzeptanz und Verantwortung für das Ganze wird erreicht durch:
Aus dem Zusammenspiel der zuvor genannten Faktoren und vieler anderer mehr, entsteht eine immer spürbare Situation des Vertrauens. Allen wird immer wieder in unterschiedlichen Situationen vermittelt:
Motivation, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Akzeptanz, Vertrauen, Identifikation sind die entscheidenden Stichworte, die zu einem Ganzen führen und dadurch nicht isoliert betrachtet werden können sondern nur in Beziehung zueinander.
Schule der Selbstbestimmung könnte auch heißen: Schule der Selbstverantwortlichkeit
In der Schule der Selbstbestimmung wird ein besonderer Schwerpunkt der Bildung und Erziehung auf den Umgang mit Rechtsnormen gelegt. Die Worte „Recht“ oder „Gesetz“ werden in der Schule sehr häufig gebraucht, ja es gibt sogar ab der Klassenstufe 7 ein verbindliches Fach „Recht“.
Für die Schüler existiert eine besondere Sammlung von Gesetzen, die das schulische Leben regeln – altersgemäß aufbereitet für die kleineren und für die größeren Schüler. Die Schule hat eine eigene Verfassung als grundlegendes Gesetz.
Warum diese Betonung des Rechtsbegriffes an einer russischen Schule?
Recht hat im gesellschaftlichen Leben in Rußland einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Konflikte werden oft nicht über Gesetze oder Gerichte beigelegt, die Gesetze selbst gehen häufig an den gesellschaftlichen Problemen vorbei oder ihre Einhaltung wird durch eine starke staatliche Gewalt nicht gewährleistet. Wiederholte gesellschaftliche Umbrüche der letzten Jahre führten zu einem Werteverlust insgesamt und zum Verlust der Orientierung an gesellschaftlich verbindlichen Normen.
Zusammenleben zum Wohl aller erfordert aber die Einhaltung von Grundnormen. Konflikte gerecht zu lösen erfordert Maßstäbe für das Handeln und Einrichtungen zur Schlichtung. Und es erfordert die Mitarbeit der Beteiligten bei der Gesetzgebung, damit die Gesetze nicht an den Bedürfnissen vorbeigehen.
Die Schüler zu einer solchen Grundeinstellung zu führen und sie, oft entgegen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der Schule an einem solchen Prozeß der Demokratisierung nicht nur teilhaben, sondern ihn durch Schüler führen zu lassen, ist das erklärte Ziel aller Pädagogen.
Dabei geht es nicht darum, Demokratie und Recht in der Schule zu spielen oder sie im Unterricht zu besprechen, sondern sie wirklich zu leben.
Das bedeutet letztlich, daß alle Schulgremien mehrheitlich von Schülern getragen werden, da die Schüler ja auch die meisten Bürger der Schule darstellen. Bürger der Schule sind nicht nur besondere Gruppen, sondern alle in der Schule tätigen Personen. Und alle unterliegen diesen schulischen Gesetzen.
Die Eltern der Schüler unterschreiben bei Schuleintritt ihrer Kinder einen Vertrag mit der Schule, in dem sie die Gesetze der Schule anerkennen und sich verpflichten, ihre Kinder in diesem Sinne zu unterstützen.
Um dieses Rechtsgefühl zu entwickeln, wird die Mitverantwortung des einzelnen Schülers systematisch erhöht, der Rechtsraum erweitert – letztlich sogar über das Zusammenleben hinaus bis hin zur Bestimmung des eigenen Bildungsprogrammes und bis zum Erreichen eines Schulabschlusses.
Dabei gehen die Lehrer von den folgenden Prämissen aus:
Dem Fach „Recht“ kommt dabei die Aufgabe zu, das Entstehen von Gesetzen und Verfassungen zu verdeutlichen und konkrete Vorschläge für die Schulgesetze zu erbringen.
Gegenwärtig wird in der Schule das seit etwa 10 Jahren gültige Recht zum Schutz der Würde in den Klassen diskutiert und auf seine Aktualisierung hin überprüft. Die schulischen Gremien setzten sich sehr ernsthaft mit den zahlreich eingegangenen Vorschlägen zur Änderung auseinander.
Demokratie als Lebensweise wird in den Gremien der Schule besonders deutlich:
| Vollversammlung: | höchstes Organ der Schule, verabschiedet die Verfassung und die Gesetze Teilnahme: alle Schüler der Klassen 6 bis 11 |
| Rat der Schule | Aufgabe: Ausarbeitung und Umarbeitung der Gesetze, vergibt die Finanzen der Schule, entscheidet über Schulaufnahme und -ausschluß, beschließt besondere Organisationsformen des Unterrichts und Formen der Prüfung. Vorsitz: Direktor Mitglieder: 12, dabei haben Schüler mindestens eine Stimme mehr als Lehrer und Eltern zusammen. Jede Klasse kann für zwei Monate ein bis zwei Abgeordnete in die Sitzungen des Rates delegieren. |
| Rechtsberatung: | von Schülern besetzt; wird von Schülern in Anspruch genommen, die ihre Probleme in den Schulgesetzen nicht geklärt finden. |
| Klassenrat: | drei bis vier SchülerInnen jeder Klasse, regeln die Angelegenheiten in der Klasse. |
Rat der Schule und Ehrengericht werden in allgemeinen und geheimen Wahlen von allen Bürgern der Schule gewählt. Der Wahltag ist ein besonderer Feiertag in der Schule. Wahlvorschläge können von allen Bürgern unterbreitet werden, die Kandidaten müssen sich öffentlich vorstellen. Es findet „Wahlkampf“ im besten Sinne statt.
Das Ehrengericht kann bei einer Beleidigung zwischen Schülern oder auch zwischen Lehrern und Schülern als Ort der Schlichtung einberufen werden.
Zusammenfassend ist zu sagen, daß wir die Begriffe „Recht und Gesetz“ in keiner Weise als die Schüler einschränkende Mittel kennengelernt haben, sondern als eine lebendige Demokratie, die alle Bereiche der Schule erreicht und vor allem von den Schülern genutzt wird.
Alle Bürger der Schule leben nach von allen ausgearbeiteten Gesetzen – eine Schule die wirklich auf das Leben vorbereitet und sicherlich Schüler entläßt, die um ihr Recht wissen und dafür eintreten werden und die sich vielleicht auch in die gesellschaftliche Umgestaltung Rußlands aktiv einbringen werden.
Neben der Gruppenarbeit war die Einbeziehung in den Alltag der Schule möglich, Hospitation im Unterricht, Teilnahme an den Sitzungen der Schulgremien, Zirkeln und kulturellen Schulveranstaltungen. Den Seminarteilnehmern bot sich ein weites, offenes Diskussionsfeld. Selbst bei abendlichen Einladungen in die Familien der Moskauer Kolleginnen und Kollegen konnten die Diskussionen des Tages weitergeführt werden.
Zum Abschluß fand eine Konferenz statt mit großer Beteiligung der Bürgerschaft der Schule der Selbstbestimmung. Berichte aus den vier Arbeitsgruppen bildeten die Grundlage für die Diskussion. Es gab eine grundsätzlich positive Bewertung: die anfängliche Distanz gegenüber den noch fremden Gesprächspartnern war im Laufe der Tage einer zunehmenden Offenheit auf beiden Seiten gewichen.
Während der Konferenz entsprang aus dem deutsch-russischen Dialog nicht nur eine kritische Diskussion zwischen dem Schulleiter und seiner Lehrerschaft: Bemerkenswert war die aktive Teilnahme der russischen Schülerinnen und Schüler. Durchweg selbstbewußt und ernsthaft meldeten sie sich zu Wort. Ihre Meinungen ließen erkennen, daß sie sich als Partner ihrer Lehrer verstehen.
Die Gastgeber erwarteten von der Konferenz schon konkrete Hinweise bezüglich der Anregungen des Seminars für Veränderungen der „Schullebensweise“ an den beteiligten Berliner und Brandenburger Schulen. Diese Erwartung konnte ad hoc nicht erfüllt werden. So einigte man sich auf ein Abschlußkommuniqué.
Das Abschlußkommuniqué im vollen Wortlaut.
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