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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Mein Praktikum in einer Moskauer Kita.

Ein Bericht von Friederike Meier.

Ich habe durch Vermittlung von KONTAKTE-KOHTAKTbI im Rahmen der ErzieherInnen-Ausbildung von September 2002 bis Februar 2003 die erste Hälfte meines Anerkennungsjahres im „Kindergarten der Selbstbestimmung Nr. 869“ in Moskau absolviert.

Die staatliche Einrichtung mit Modellcharakter liegt in unmittelbarer Nähe der „Schule der Selbstbestimmung Nr. 734“ im südöstlichen Moskauer Bezirk Ismailovo.

Sie beherbergt sechs Kindergartengruppen und zwei erste Schulklassen mit je 20 bis 24 Kindern zwischen 3 und 6 Jahren bzw. zwischen 6 und 7 Jahren.

Geöffnet ist der Kindergarten von 8.00 Uhr bis 19.00 Uhr.

In jeder Gruppe arbeiten in der Regel zwei Erzieherinnen, jeweils von 8.00 Uhr bis 14.00 Uhr oder 14.00  Uhr bis 19.00 Uhr. Des weiteren sind in der Einrichtung zahlreiche „Spezialisten“ tätig, die mit den Kindern etwa musisch, künstlerisch oder mathematisch arbeiten.

Diese Angebote finden jeden Tag, meist nachmittags, statt, die Teilnahme ist in der Regel freiwillig.

Der Vormittag ist ziemlich durchstrukturiert, variiert aber von Gruppe zu Gruppe.

Mein Vormittag in der zweiten Gruppe sah folgendermaßen aus:

Das Kindergartenjahr ist geprägt durch eine Reihe von Veranstaltungen und Festen, wie etwa Theater- und Konzert-Aufführungen, Zirkus, Puschkin-Fest und mehrere Sportveranstaltungen.

Organisatorische und inhaltliche Themen werden in zwei Zusammenkünften pro Woche besprochen, geleitet von der Leitung und ihrer Stellvertretung.

Ich werde im Folgenden einige Eindrücke meines Praktikums schildern.

Dazu gehört zuallererst der Eindruck, dass trotz aller Umbrüche in Moskau und Rußland das Leben im „Kindergarten der Selbstbestimmung“ sehr viel unberührter von der politischen Situation verläuft als in vielen Berliner Kitas. Die Situation in den Berliner Einrichtungen spiegelt die politische und wirtschaftliche Situation der Hauptstadt wider. Sicher ist auch Veränderung in meiner Moskauer Einrichtung spürbar gewesen: Die Geiselnahme im November beispielsweise machte dies deutlich. Auch wird darüber nachgedacht, wie man über zusätzliche Betreuungszeiten an dringend benötigtes Geld kommt, den Eltern wird schon jetzt nach und nach finanziell immer mehr abverlangt…

Trotzdem habe ich oft den Eindruck gehabt, ein Stück noch in eine heile Welt zu treten: So wie es läuft, läuft es seit Jahren, finanzielle Probleme sind ein alltägliches Thema an das man ein Stück weit einfach gewöhnt ist, man hat sich damit arrangiert, wie auch mit Gehältern, von denen allein zu leben in Moskau unmöglich ist. Im Mittelpunkt steht das Wohl der Kinder, hierfür wird oft ein Aufwand betrieben, beispielsweise vor den traditionellen Festen, wie ich ihn in Deutschland noch nie erlebt habe.

Die Kinder der Einrichtung kommen mit wenigen Ausnahmen aus dem Einzugsgebiet um den Kindergarten herum und somit aus ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Geburtenrate in meiner Gruppe ist höher als in Berlin: Auf eine Familie kommen ca. zwei Kinder, dies scheint unabhängig vom Einkommen der Familie zu sein: Einige der Eltern, die in der benachbarten Schule der Selbstbestimmung als LehrerInnen arbeiten, und somit zu der am schlechtesten verdienenden Berufsgruppe gehören, haben bis zu drei Kinder.

Angenehm überrascht hat mich, dass diese Kinder, was die vorschulische Bildung betrifft, keineswegs benachteiligt scheinen. Hierfür entscheidend ist sicher das Ganztagesangebot der Einrichtungen und die Tatsache, dass in der Regel mehrere Personen zusätzlich zu den Eltern an Erziehung und Bildung mitarbeiten, an erster Stelle sind hier die Großmütter zu nennen.

Das Thema „Sprache“, viel diskutiert in Berlin, auch dies offenbar „kein Thema“ in meiner Moskauer Einrichtung. Die Kinder meiner Gruppe sind zum allergrößten Teil in Rußland geboren, zu einem kleinen Teil in anderen Staaten der GUS. Die Erstsprache Russisch bereitet offenbar, soweit ich das als Ausländerin beurteilen kann, keine Schwierigkeiten, auch nicht die, die hier momentan bei vielen Kindern deutscher Herkunftssprache zu bemerken sind.

Über den finanziellen Beitrag hinaus wird den Eltern ein nicht unbedeutender zeitlicher Aufwand, z.B. bei den traditionellen Festen, abverlangt.

Viele Eltern scheinen dies aber auch gerne zu leisten. Feste sind gut besucht, benötigte Materialien werden auf Anfrage schnell besorgt.

Hierbei habe ich einen Unterschied zu der Stimmung in Berlin wahrgenommen: Hier geht es in der Diskussion inzwischen darum, wieviel die Eltern von einer Einrichtung verlangen können.

In Moskau wurde noch nicht einmal diskutiert, wieviel die Einrichtung den Eltern abverlangen kann, es wurde offenbar als selbstverständlich angesehen und zwar von beiden Seiten.

Das Thema „Bildungseinrichtung als Dienstleistungsunternehmen“, wenn in Deutschland auch nicht häufig praktiziert so doch viel diskutiert steckt im „Kindergarten der Selbstbestimmung“ allenfalls in den Kinderschuhen, die Arbeit für die Eltern durchsichtig zu gestalten und eine partnerschaftliche Arbeitsweise anzustreben, das sind Dinge, die allenfalls von Einzelnen angestrebt werden, nicht aber konzeptionell verankert sind.

Ich möchte mit meiner Beschreibung nicht den Eindruck erwecken, in Moskau sei die Zeit stehen geblieben, während in Berlin fleißig an bildungspolitischen Veränderungen gearbeitet wird. Mein Eindruck in Berlin ist nicht unbedingt der, dass vielerorten daran gearbeitet wird, die „Bildungsmisere“ abzumildern. Das Thema „Bildung“ ist aber ein sehr präsentes.

Eben dies ist der Unterschied zu meinen Eindrücken in Moskau.

Interessant ist aber, dass die staatlichen Moskauer Einrichtungen in der Tat einige Standarts aufweisen, die in den öffentlichen Berliner Kitas nicht mehr unbedingt selbstverständlich sind. Gespart wird z.B. nicht am Essen für die Kinder. Hier scheint das Desinteresse des Staates am Bereich „Bildung“ den Einrichtungen zugute zu kommen: Es wird so belassen, wie es halt läuft.

Was bei mir großen Eindruck hinterlassen hat war die Arbeit mit einzelnen PädagogInnen, die für sich Wege gefunden haben, ihre frühere Arbeitsweise, ihr Bild vom Kind, ihre Rolle als Erzieherin, neu zu überdenken und daraus eine Haltung den Kindern gegenüber zu entwickeln, die gleichermaßen individuell wie professionell ist. An diesen PädagogInnen habe ich eine Identifikation mit dem Beruf und eine Einsatzbereitschaft wahrgenommen, wie ich sie selten in Berliner Einrichtungen erlebt habe.

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