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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

5 Jahre BEAM – Erfolge und zukünftige Herausforderungen.

Zwischenbilanz des Berliner Erzieherinnen- und Erzieher-Austauschs mit Moskau.

Von Dr. Marcus Hildebrandt.

Der Bereich der Erziehung ist ein Feld, das wie kaum ein anderes durch Wertvorstellungen und Weltanschauungen geprägt ist. Aus diesem Grund finden Veränderungen in diesem Bereich nur sehr langsam und oft unter sehr großem Widerstand statt.

Wer selber Kinder großgezogen hat oder noch in diesem Prozeß steckt, weiß, wie schwierig es ist, sich mit einem Partner auf eine gemeinsame Linie zu einigen,

Ein Hinterfragen der eigenen Erziehungsideale und -methoden von außen wird oft als ein direkter Angriff auf die eigenen, sehr tief verwinkelten Wertvorstellungen angesehen und führt deshalb häufig zu Abwehrmechanismen.

Um also entspannt und trotzdem „hart in der Sache“ über solche Inhalte fachlich diskutieren zu können, muß ein stabiles, tolerantes und auf Vertrauen basierendes Verhältnis zwischen den Partnern vorhanden sein.

In unseren Projekt-Abschlußberichten war es uns deshalb immer ganz besonders wichtig, auch etwas von der guten zwischenmenschlichen deutsch-russischen Atmosphäre weiterzugeben, in der unsere Zusammenarbeit verläuft.

Für Außenstehende mag es oft schwer nachzuvollziehen sein, wenn wir von unseren Treffen zurückkommen und überschwenglich berichten, wieviel Raum in unseren Projekten sozialen Aktivitäten und vertrauensbildenden Maßnahmen eingeräumt wird, die wir aber als Grundlage unserer erfolgreichen Zusammenarbeit sehen.

Was haben wir aber vor fünf Jahren vorgefunden, als wir mit unserer Zusammenarbeit zwischen Moskauer und Berliner Erzieher/-innen begannen?

Grundlegende Unterschiede zwischen Berlin und Moskau.

Der deutsche und der russische Kitabereich unterscheiden sich grundlegend. Um die Hauptunterschiede für Laien auf den Punkt zu bringen kann folgendes vereinfacht gesagt werden:

Es existiert also eine tiefe Kluft zwischen den pädagogischen Ansätzen in den beiden Ländern, die auch durch eine verschiedene Sicht vom Kind geprägt sind.

Während bei uns ein Kind als ein tendenziell gleichberechtigter Partner, der sich nur noch entwickeln und lernen muß gesehen wird, herrscht m Rußland noch ein hierarchisches Verhältnis vor, innerhalb dessen das Kind geformt werden soll.

Gleiche Wörter haben unterschiedliche Bedeutung.

Verstärkt wird diese Kluft nicht nur durch die unterschiedlichen Landessprachen, sondern auch noch durch die vermeintlich gleiche Fachsprache, die gleiche Wörter mit unterschiedlichen Inhalten belegt.

Ein Beispiel hierzu: Wenn die Deutschen vom Vorschulbereich reden, so meinen sie explizit nur das letzte, auf die Schule vorbereitende Jahr. In Rußland wird darunter der gesamte Bereich von der Kinderkrippe bis hin zur Einschulung verstanden.

Hinzu kommt noch das übliche Ost-West-Problem, das wir oft genug in unserem eigenen Land beobachten konnten („Besserwessis“, die zu „Missionarsfahrten“ in den Osten aufbrechen).

Anhand dieser Barrieren stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, auf diesem Gebiet mit Moskau zu kooperieren und ob die Länder hier prinzipiell voneinander lernen können. Die Vorschulbereiche in Nord-Amerika und England zum Beispiel sind dem russischen wesentlich ähnlicher.

Daß diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet werden kann, werde ich nun anhand der Erfolge unserer Zusammenarbeit gerade mit der staatlichen russischen Seite versuchen zu belegen.

Gerade weil die Unterschiede so groß sind und wir mittlerweile ein sehr nachhaltiges Vertrauensverhältnis mit unseren russischen Partnern sowohl auf staatlicher Seite (Ministerium für Vorschulbildung) als auch auf nichtstaatlicher Seite (Zentrum „Free Style“) aufgebaut haben, bestehen Lernmöglichkeiten, die über leichte, „kosmetische“ Verbesserungen hinausfuhren können.

Unsere Kooperation mit der nichtstaatlichen Seite will ich im weiteren einmal ausklammern, obwohl dort die Zusammenarbeit noch wesentlich intensiver ist.

Dies insbesondere deshalb, weil der Multiplikationseffekt auf staatlicher Seite wesentlich größer ist und dort Veränderungen wesentlich schwerer und langsamer stattfinden.

Mehrfach wurde uns von den Ministeriumsmitgliedern im Rahmen informeller Treffen bestätigt, daß wir einen Einblick in das russische Vorschulsystem erhalten, den sie anderen Partnern, zum Beispiel aus den USA, in dieser Form nicht ermöglichen würden. So war es uns unter anderem möglich, auch Kitas zu besichtigen, die definitiv keine „Vorzeigekitas“ waren, in denen aber in Teilbereichen gute Arbeit gemacht wurde.

Integration behinderter Kinder ist ein Schwerpunkt.

Ein Schwerpunkt in unserer Zusammenarbeit ist und war die Integration von behinderten Kindern. Früher war es absolut undenkbar, daß behinderte Kinder in normale russische Kitas gehen können.

Nach den Hospitationen in Berliner Integrationskitas wurden uns beim nächsten Treffen in Moskau die ersten Versuche gezeigt, auch Integrationsarbeit zu leisten. Mittlerweile gibt es einen Erlaß, daß zum Beispiel nichtstaatliche Kitas Ausgleichsabgaben zahlen müssen, wenn sie nicht eine gewisse Quote behinderter Kinder aufnehmen.

Letzteres ist sicher nicht das, was wir als Ziel unserer Zusammenarbeit gesehen haben. Es ist aber doch ein meßbarer Indikator dafür, daß ein massives Umdenken in diesem Bereich stattgefunden hat. Außerdem zeigt es, daß es sehr wichtig ist, auch mit den staatlichen Stellen intensiv zusammenzuarbeiten und deren Mitarbeiterinnen nicht als „Betonköpfe“ vorzuverurteilen, wie es nichtstaatliche russische Pädagogen gerne tun.

Steht das Ministerium hinter einer Veränderungsidee, so werden oft gleich in ganz Rußland oder zumindest in Moskau die oft die Pädagogik „knebelnden“ Rahmenbedingungen verändert. Aus diesem Grund arbeiten wir kontinuierlich mit der gleichen Personengruppe aus dem Vorschulministerium, aber mit wechselnden Personen aus verschiedenen Kitas zusammen.

Ein Beispiel für die tieferliegenden Veränderungsprozesse gerade im Bereich der Rahmenbedingungen, die wir direkt durch unsere Zusammenarbeit in Gang gesetzt haben, ist folgendes: Früher befanden sich die Kinder in nicht altersgemischten Gruppen (Lehrprogramme!), die voneinander isoliert untergebracht waren. Aufgrund von Hygiene-Vorschriften und aus Angst vor Krankheitsansteckungen wurde ständig für eine Trennung der Kindergruppen gesorgt.

Dies ging sogar soweit, daß die Kinder einer Gruppe im Freien nicht den ganzen Garten zur Verfügung hatten, sondern sich in einem kleinen, abgesperrten Bereich aufhalten mußten. Wenn es regnete, gab es für jede Gruppe einen eigenen Unterstand.

Mittlerweile sehen wir in einigen Kitas, daß diese Trennung im Garten aufgehoben wurde. Auf Nachfrage wurde uns bestätigt, daß die Kitaleitung grünes Licht von „oben“ bekommt, wenn sie dies auch in ihrem Garten umsetzen will. Auch sahen wir schon altersgemischte Beschäftigungsgruppen in Kitas; dies im Rahmen spezieller Förderungsangebote, die die Kinder nachmittags auf freiwilliger Basis nutzen können.

Oder die obligatorischen Schlafräume: In diesen standen bisher nur Betten und die Räume wurden auch nur zum Schlafen genutzt. Mittlerweile, nach konkreten Anregungen von unserer Seite im Rahmen von Besichtigungen und Hospitationen, können diese großen Räumlichkeiten auch als zusätzliche Spielbereiche genutzt werden, wovon wir uns selbst in einigen Kitas überzeugen konnten.

Für Laien mögen diese Veränderungen eher marginal erscheinen, aber sie sind Indikatoren für eine andere Sicht vom Kind und somit einer veränderten pädagogischen Haltung, die mehr die Bedürfnisse des Kindes als Individuum in den Mittelpunkt stellt.

Eine andere Dimension unserer Zusammenarbeit hat sich nach unserem letzten Treffen in Moskau aufgetan: Unsere russischen Partner im Vorschulministerium sind selbst politisch aktiv geworden und versuchen über die Russische Botschaft in Berlin „Lobbying“ für BEAM beim Senat von Berlin zu machen. Dies, um die explizite Aufnahme von BEAM in die Städtepartnerschaft Berlin-Moskau zu erreichen.

Die Bilanz des Transfers der Umsetzung von Konzepten in die andere Richtung sieht allerdings bis jetzt noch nicht so gut aus. Aus Wissen wurde hier noch kein Verhalten. Dies soll aber ganz verstärkt in den nächsten Jahren angegangen werden. Verständlicherweise fragen unsere Moskauer Partner immer stärker nach, ob wir denn schon Anregungen aus Moskau in Berlin umgesetzt haben.

Russische Partner haben einiges zu bieten.

Wir haben einige Elemente der russischen Vorschularbeit identifiziert, die in adaptierter Form auch in Berlin (Deutschland) umgesetzt werden könnten oder zumindestens sehr wünschenswert wären. Dazu einige Beispiele:

Unsere russischen Partner haben also offensichtlich einiges zu bieten. Jetzt sind wir an der Reihe zu Handeln. Das sind die Herausforderungen, die ich in der Überschrift angedeutete habe.

Erste Schritte in diese Richtung können im Rahmen unseres gemeinsam mit unseren russischen Partnern beim letzten Treffen in Moskau verabschiedeten BEAM-Programmes getan werden:

So soll bis zum Sommer 2000 eine gemeinsame zweisprachige Broschüre zum Thema „Integration/Adaption“ herausgegeben werden. Konkret sollen unter diesem Titel gemeinsame Projekte und der Erfahrungsaustausch beschrieben werden, die sich zum Beispiel mit den Problemen

auseinandersetzen.

Dazu ist ein erstes deutsch-russisches Projekttreffen der beteiligten Praktiker aus dem Kita- und Grundschulbereich im Herbst dieses Jahres in Berlin/Bad Kühlungsborn geplant. Parallel dazu werden im laufenden Jahr sowohl einmonatige Hospitationen in Moskau als auch in Berlin stattfinden.

BEAM geht aber noch weiter: Um den kontinuierlichen Dialog zu unterstützen, wird eine Projektplattform im Internet für BEAM eingerichtet werden. Diese ermöglicht allen Projektbeteiligten immer auf dem letzten Stand der Dinge zu sein und gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten oder im Rahmen einer Konferenz Erfahrungen auszutauschen.

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