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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Von Joachim Gaestel, Lehrer an der Ernst-Schering-Oberschule in Berlin-Mitte.
Vom 12. Mai bis zum 18. Mai 2001 trafen sich 10 Schüler/innen der Ernst-Schering-Oberschule und 10 Schüler/innen unserer Partnerschule, der Schule der Selbstbestimmung aus Moskau, in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz.
Begleitet wurden sie von jeweils zwei Lehrer/innen, einer Journalistin des Tagespiegels, einem Dolmetscher und einer Mitarbeiterin von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., einer Organisation für Kontakte zu den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die diese Reise organisatorisch vorbereitet hat.
Warum ein Treffen von deutschen und russischen Jugendlichen in Auschwitz, diesem Ort des Verbrechens?
Die ersten Opfer, an denen das Giftgas Zyklon B getestet wurde, waren russische Kriegsgefangene. Der wichtigere Grund aber ist, dass Vergangenheitsbewältigung auch immer Zukunftsfähigkeit sein muss. Die Urenkel der Opfer und Täter von Auschwitz sollten nicht nur rückwärts blicken, sondern auch vorwärts auf eine friedliche Zukunft im „gemeinsamen Haus Europa“.
Diese Reise hatte mehrere Ziele:
Vier Ziele, die innerhalb einer Woche zu erreichen sicherlich von Anfang an ein schwieriges Unterfangen war. Die Berliner Gruppe traf am Abend des 12. Mai in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz ein, begrüßt von der Moskauer Gruppe, die einige Stunden vorher anreiste. Ein gemeinsames Abendessen und der Versuch erste Kontakte herzustellen beendete diesen Abend.
Am Sonntag stand nach dem Frühstück eine gemeinsame Stadtbesichtigung auf dem Programm. Zwanzig Jugendliche durchstreiften mit einer Mitarbeiterin der Begegnungsstätte und unserem Dolmetscher Oswiecim, eine Stadt mit mehr als 800 jähriger Geschichte.
An der Mündung der Sola in die Weichsel stand bereits seit 300 Jahren eine Burg, bevor die Stadt im 14. und 15. Jahrhundert Sitz der Herzöge von Oswiecim wurde. Nach der letzten polnischen Teilung Ende des 18. Jahrhunderts lag Auschwitz am Westrand des österreichischen Galizien, wenige Kilometer von der preußischen Grenze entfernt.
Wir besichtigten u.a. den heute verschlossenen jüdischen Friedhof. Das letzte Begräbnis fand nach langer Pause im Jahre 2000 statt, der Gedenkstein wurde umgestoßen. 1939 waren gut die Hälfte der damals 12 000 Einwohner Juden, heute ist kein Bürger der Stadt mehr jüdischen Glaubens.
Unser Weg führte an der Maximilian-Kolbe-Kirche vorbei zum alten Marktplatz. Die Kirche, in den 80iger Jahren erbaut, erinnert an einen Häftling in Auschwitz, der 1941 für einen Mithäftling in den Hungerbunker von Block 11 ging und ermordet wurde. Der Marktplatz mit seinen zum Teil restaurierten Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert wird verunziert durch einen „Beton-Palast“ aus den 70iger Jahren.
Am Sonntag-Nachmittag besichtigten die Jugendlichen noch einmal in vier gemischten Gruppen die Stadt. Einige zogen es jedoch vor, bei diesem schönen Wetter am Ufer der Sola zu liegen und sich auf ihre Art und Weise näher kennen zu lernen.
Am Montag stand der Besuch Krakaus auf dem Programm. Krakau, bis 1572 Hauptstadt Polens, nach den Teilungen zu Österreich gehörend, strahlt noch heute den Charme einer weltstädtischen K. und K. Metropole in der geografischen Mitte Europas aus.
Ein Bus brachte uns in das Stadtzentrum, dann begannen zwei zweistündige Führungen auf deutsch und russisch. Zunächst wurde der Wawel besichtigt, ursprünglich eine Wehrburg, um 1500 ein von König Sigismund erbautes Renaissanceschloss, 100 Jahre später unter dem Einfluss des Barock umgebaut.
Den traurigen Höhepunkt in der wechselvollen Geschichte des Wawel und ganz Krakaus bildet sicher die Zeit 1939 – 1945, als Krakau Hauptstadt des „Generalgouvernements“ wurde und Hans Frank, als Generalgouverneur verantwortlich für die brutale Besatzungspolitik, auf dem Wawel residierte.
Unser Weg führte uns in das historische Stadtzentrum zum 200 x 200 m großen Hauptmarkt, der Marienkirche und den Tuchhallen. Anschließend besichtigten wir das alte Jüdische Viertel Kasimierz. Wir besuchten die von der kleinen jüdischen Gemeinde genutzte Synagoge und den jüdischen Friedhof.
Nach dem Mittagessen in einem ukrainischem Restaurant erkundeten die Jugendlichen in wiederum vier gemischten Gruppen auf eigene Faust die Innenstadt.
Nach der Rückkehr in die Jugendbegegnungsstätte und dem Abendessen wurde der Blick auf den nächsten Tag gelenkt. In Kleingruppen formulierten die Jugendlichen ihre Erwartungen und Ängste in Bezug auf den Besuch der Gedenkstätten in Auschwitz und Birkenau.
Am Dienstag, dem 15. Mai begann schließlich die Führung durch das „Stammlager“ Auschwitz. In zwei getrennten Führungen wurde den Schülerinnen und Schülern auf deutsch und russisch das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit nahe gebracht.
Der Gang durch das Lager begann an dem Tor, dasdie Berliner aus den Geschichtsbüchern kannten, über dem die zynische Losung „Arbeit macht frei“ angebracht war. Da die Berliner Schülerinnen und Schüler bereits auf Grundinformationen zum Thema zurückgreifen konnten, wurde die Aufnahme an Wahrnehmungen und zusätzlichen Informationen erleichtert.
Die emotionalen Eindrücke konnten in ein kognitives Wissensraster eingefugt werden und vervollständigten dieses um eine wichtige Dimension. Pritschen, sanitäre Bedingungen, der enge Raum für zehntausende Menschen gaben einen Eindruck über die Lebensbedingungen der nach Auschwitz Deportierten. Die visuelle Vorstellung wurde ergänzt durch die zahllosen Koffer mit den Namen ihrer Besitzer, durch den Berg Haare, durch Münzen und rostige Schuhcremedosen sowie Zyklon B Giftgasbehälter. Schließlich der Gang durch Block 11 mit den Straf- und Todeszellen sowie der Blick auf die Todeswand.
Der Aufbau der Führung von eher „harmlosen“ Gebäudeteilen über die Bildwände der Opfer hin zu den ersten Verbrennungsöfen sprach die Schüler emotional stark an. Nachfragen und spontane Äußerungen zeigten das Entstehen von Empathie mit den Opfern und Wut auf die Schergen.
Stark betroffen standen die russischen und deutschen Jugendlichen mit ihren Lehrern schließlich noch einmal vor der „Todeswand“. Wir bildeten einen großen Kreis, legten die Hände auf die Schultern unserer Nachbarn und ich, als Leiter der Berliner Gruppe sprach ein kurzes Gebet:
„Wir haben heute viel Schreckliches gesehen. Egal ob wir gläubig sind oder nicht, egal ob wir Christen, Moslems oder Juden sind, wir bitten dich, Gott, gib uns die Kraft uns dafür einzusetzen, dass so etwas Schreckliches nie wieder passiert. Mache uns mutig und stark, damit wir uns für Toleranz, den Abbau von Vorurteilen und gegen Gewalt einsetzen.“
Eine Schweigeminute beendete das gemeinsame Gedenken.
Gegen 14.00 Uhr waren wir wieder in der Begegnungsstätte und den Nachmittag hatten die Jugendlichen zunächst zur freien Verfügung. Um 16.00 versammelten wir uns wieder und einige Schülerinnen und Schüler äußerten noch einmal ihre starke Betroffenheit. Dann begann der Versuch der Aufarbeitung.
Wir machten den Vorschlag, jeder solle einen Brief an ein Opfer oder einen Täter schreiben, ein Bild malen oder einfach die Gedanken in ein Tagebuch notieren. (Alle Jugendlichen erhielten am ersten Tag ein festes Ringbuch, um täglich die Eindrücke und Erlebnisse aufzuschreiben.)
Viele Teilnehmer, auch wir Lehrer und Lehrerinnen entschieden uns einen Brief zu schreiben. Jeder zog sich zunächst an einen Ort zurück, wo er seine Gedanken ordnen konnte. Die Briefe wurden anschließend in die jeweils andere Sprache übersetzt und nach dem Abendessen im „Haus der Stille“, einem kleinen separaten Holzhaus auf dem Gelände, zum Teil vorgelesen.
Einige Schülerinnen und Schüler legten Wert darauf, dass ihre Briefe bzw. Tagebuchnotizen nicht vorgelesen oder veröffentlicht werden sollten.
Hier Auszüge aus den Briefen einer Moskauer Schülerin und dem Tagebuch einer Berliner Schülerin:
An die Nr. 1723.
Ich weiß nicht, wer du bist. Ich kann all deine Leiden nicht begreifen. Aber aus der ganzen Seele habe ich Mitleid mit dir.
Den Weg gehend, der möglicherweise dein letzter gewesen ist, dachte ich: wofür ist das alles passiert. Ich meine, warum haben Menschen eine solche Sünde auf sich genommen, so viele Menschen, die nichts verschuldet haben, ermordet oder gequält zu haben. Und ich beuge mich vor dir, denn du bist durch alle Höllenkreise gegangen…
Morgen möchte ich Blumen zu deiner Ehre und zu Ehren aller anderen Häftlinge niederlegen. Ich möchte eurer gedenken. Gerade euretwegen dürfen wir nicht zulassen, daß sich eine solche Grausamkeit wiederholt.
4. Tag: Auschwitz.
Heute sind wir hin gefahren! M. hat mir Angst gemacht, dass es schrecklich sein wird. Es war schrecklich, aber auf eine ganz andere Art und Weise.
Ich war so sauer, so richtig wütend! Wie konnten Menschen so grausam sein und so etwas tun? Als ich diese Sachen sah, wurde mir übel. Die vielen Haare, die Schuhe und die Koffer. Die Leute kamen mit all ihren Sachen und waren voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Man nahm ihnen ihre Träume ohne Mitleid zu haben.
In einem Raum sah ich ein Schild in englischer Sprache. Sein Inhalt ging mir die ganze Zeit nicht mehr aus dem Kopf: „Wer die Geschichte nicht kennt, wird verdammt sein, sie selbst zu erleben!“
Einige Schülerinnen und Schüler (Deutsche und Russen) blieben noch lange im Raum der Stille sitzen. Da sie sich jetzt bereits kannten und Vertrauen zueinander hatten, schämten sie sich nicht ihre Betroffenheit, ihre Gedanken und Gefühle den anderen mitzuteilen.
Am nächsten Tag brachte uns nach dem Frühstück ein Bus in die Gedenkstätte Birkenau, ca. 3 km vom Stammlager Auschwitz entfernt. Auch hier wurden wir zweisprachig durch das weiträumige Gelände gefuhrt.
Der Rundgang begann bei der „Hauptwache“, dem Tor zum Lagerkomplex. Neben der berüchtigten „Rampe“, wo die Vernichtungstransporte endeten, gingen wir in das ehemalige Quarantänelager für neu eingelieferte Männer und besichtigten einen Teil des Frauenlagers.
Weiter führte der Weg zu den Ruinen der Gaskammern und Krematorien am Ende der „Rampe“, zwischen denen heute das internationale Mahnmal für die Opfer von Auschwitz steht.
Immer wieder wurde der Rundgang unterbrochen, Fragen gestellt, Betroffenheit geäußert. Auch hier wirkten kognitive Informationen, sinnliche Wahrnehmung und emotionale Ansprache zusammen.
Unser Rundgang ging weiter an der „Sauna“ (Wäscherei und Desinfektion) vorbei zu einem neuen Ausstellungsteil, der erst in diesem Jahr eröffnet wurde: Ein Raum mit einer Fotowand privater Fotos, die die Opfer mit sich führten und der Nachwelt erhalten geblieben sind.
Zum Schluss trafen wir an einem fast idyllischen Ort auf die Moskauer Gruppe: Ein kleiner See, umgeben von herrlichen Pflanzen, ein „Biotop“, wie ein Schüler feststellte. Wir wurden darüber aufgeklärt, dass in diesen See die Asche der Ermordeten und Verbrannten gekippt wurde. Wie kann Idylle täuschen!
Zum Abschluss bildeten wir wie am Vortag einen großen Kreis, in der Mitte lagen 25 rote und weiße Rosen, die uns mit einem Taxi aus einem Blumengeschäft gebracht wurden. Jeder, der wollte, nahm sich eine Rose und legte sie dort nieder, wo er es für sinnvoll hielt: Am Ufer des Sees, auf dem Wasser, an der Rampe, auf den Überresten der Gaskammern oder auf einem Gedenkstein.
Noch einmal hatten die Jugendlichen jetzt Gelegenheit in kleinen Gruppen durch das Gelände zu gehen, viele setzten sich einfach hin, um über das Erlebte nachzudenken.
Nach der Rückkehr und dem Mittagessen wurde die Aufarbeitung in Gruppen fortgesetzt. Die Berliner und Moskauer Jugendlichen ordneten sich drei Gruppen zu:
Die Diskussion mit dem Zeitzeugen war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr informativ. Auf viele Fragen der Jugendlichen wurde eingegangen und begeistert erzählten einige später von dem absoluten Überlebenswillen, der diesem Menschen das Leben gerettet hatte.
Ab 17.00 Uhr genossen alle dann ihre wohl verdiente freie Zeit bei nach wie vor strahlendem Wetter.
Der Donnerstag Vormittag stand ebenfalls zur freien Verfügung. Viele gingen noch einmal in das Zentrum von Auschwitz, um ihr letztes Geld in polnischer Währung auszugeben.
Um 14.00 Uhr begann dann die letzte Arbeitsphase für beide Gruppen. Zunächst informierten sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig, wie sie diese Fahrt vorbereitet hatten. Schnell stellte sich heraus, dass es gemeinsame und unterschiedliche Herangehensweisen an Auschwitz gab.
In Moskau und Berlin waren Interviews zu den Themen Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile gegenüber Minderheiten und Antisemitismus durchgeführt worden. Die Ergebnisse wurden vorgestellt.
Da die Auswertung der Interviewergebnisse sehr viel Zeit in Anspruch nahm, machte sich zunehmende Unruhe unter den Jugendlichen breit. Wir Lehrerinnen und Lehrer mussten feststellen, dass leider die „Zukunftswerkstatt“, also die Frage nach dem Umgang heute miteinander und den Lehren für uns, nicht mehr realisierbar war.
Beide Seiten verabredeten jedoch in Kontakt zu bleiben, sich gegenseitig zu informieren und über das Internet weiter zu kommunizieren. Der Tag klang aus mit einem Abschiedsfest im „Haus der Stille“.
Auf der Rückfahrt im Zug am nächsten Tag hatte ich Gelegenheit, mit den Berliner Jugendlichen noch einmal über ihre Eindrücke während der letzten Tage zu reden. Die Betroffenheit der beiden Tage in Auschwitz und Birkenau war einer eher nüchternen Betrachtungsweise gewichen.
Alle Beteiligten zeigten sich mit dem Ergebnis der Reise zufrieden. „Mir ist das Thema Judenverfolgung jetzt erst so richtig klar geworden“, war eine typische Schüleräußerung. Sicher, eine Woche in Auschwitz wird aus den Schülerinnen und Schülern keine glühenden Antifaschisten gemacht haben, aber pädagogische Arbeit ist häufig Zentimeter-Arbeit.
Denkanstöße, kleine Korrekturen eingefahrenen Denkens, das Überprüfen des eigenen, noch nicht gefestigten Standpunktes, wären schon ein Fortschritt! Ich denke, dass diese Fahrt die Schülerinnen und Schüler langfristig für einen gewaltfreien und offenen Umgang mit anderen Menschen sensibilisiert hat.
„Diese Leiden dürfen niemals vergessen werden, damit das Grauen dieser Tage niemals wiederkehrt.“ (Haiina Birenbaum, Herzhya, Israel)
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