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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Wir beschlossen, über das im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz Gesehene nicht zu sprechen, sondern zu schreiben: einen Brief an einen Häftling, an ihre Großeltern oder eine beliebige andere Person.
Mein lieber Freund, ich verstehe, was du erfährst. Ich war heute dort und habe gesehen, wie ihr lebt. Ich weiß wie man mit euch umgeht. Genau wie du und deine Leidgenossen hasse ich die SS-Leute und Nazis.
Als ich durch die Blocks gegangen bin und mir Zeichnungen und Fotos anguckte, habe ich mir vorgestellt, was dort mit euch gemacht wird. Früher habe ich darüber nur Bücher gelesen und konnte mir all das nicht vorstellen, was ich mir heute während des Besuchs dieses Museums vorgestellt habe.
In meinem Inneren zog sich alles zusammen als ich die Fotos und die entwendeten Sachen gesehen habe.
Drei Stellen waren besonders beängstigend: Die erste war beim Museumseingang mit dem Standbild eines entstellten Menschen. Die zweite Stelle war die Todeswand. Und die dritte, die schlimmste von allen, war die Gaskammer mit Krematorium, die aus einem polnischen Bunker gemacht wurden. Alles sah grauenhaft aus.
Noch schrecklicher war es, als ich aus einem Fenster guckte und es schien mir, als ob gleich ein SS-Trupp mit Häftlingen auftauchen würde oder eine Brigade von Häftlingen zur Arbeit für diese Unmenschen oder zum Tod in die Gaskammer gehen wird.
Einverstanden, das alles ist vorbei und existiert nicht mehr, dennoch gedenken wir in Ehren aller, die ihr Leben für die Freiheit der Heimat und der Welt gegeben haben.
Ich weiß nicht, wer du bist. Ich kann all deine Leiden nicht begreifen. Aber aus der ganzen Seele habe ich Mitleid mit dir.
Den Weg gehend, der möglicherweise dein letzter gewesen ist, dachte ich: wofür ist das alles passiert. Ich meine, warum haben Menschen eine solche Sünde auf sich genommen, so viele Menschen, die nichts verschuldet haben, ermordet oder gequält zu haben. Und ich beuge mich vor dir, denn du bist durch alle Höllenkreise gegangen. Und alles, was du in deinen letzten Tagen, Monaten, Jahren kanntest, sind Baracke, Tod, Hunger, schrecklicher Umgang.
Morgen möchte ich Blumen zu deiner Ehre und zu Ehren aller anderen Häftlinge niederlegen. Ich möchte eurer gedenken. Gerade euretwegen dürfen wir nicht zulassen, daß sich eine solche Grausamkeit wiederholt.
Als du dich auf den letzten Weg gemacht hast, wußtest du nicht eimal, was dich in der nächsten Zukunft erwartet. Die in diesem Lager arbeitenden Soldaten haben bis ins letze geschwiegen, und die Menschen wußten manchmal bis zur letzten Minute nicht, daß sie sterben werden.
Sie haben sich hoffnungsvoll auf das neue, ihnen versprochene Leben gefreut. Es ist vielleicht auch besser, nicht zu wissen, daß dein Leben bald zu Ende geht, anstatt dich die letzten Minuten zu quälen und an den Tod zu denken.
Du wurdest am 7. Oktober 1943 hierher gebracht. Du warst einer von denen, die in die versprochene „Neue Welt“ gefahren sind. Als ihr am Bahnhof angekommen seid, hat man euch persönliche Sachen und Gepäck weggenommen und euch in zwei Gruppen aufgeteilt: Männer und Frauen, Kinder. Als ihr an dem Arzt vorbeigegangen seid, hat man euch ebenso in zwei Gruppen aufgeteilt, du hast aber nicht verstanden, nach welchem Prinzip.
Eine Gruppe wurde irgendwohin abgeführt und euch hat man in Kasernen untergebracht. Erst später hast du verstanden, daß du die andere Gruppe nicht mehr sehen wirst…
Mit jedem Tag veränderten sich deine „Nachbarn“ bis zur Unkenntlichkeit: vor Geschwüre und Blasen bedeckten Hände und Beine vor Schwerstarbeit, der Körper wurde mager und knochig, es blieb keine Kraft mehr, um sich zu bewegen und zu arbeiten. Nach dem Betreten des Lagertors hörten die Menschen auf , Menschen zu sein. Sie bekamen Nummern und hörten auf zu existieren.
Bald hast auch du deine Nummer erfahren – 24376.
Heute bin ich diesen Weg durch das Tor ins Lager gegangen, wo du jeden Morgen zur Feldarbeit gegangen bist und jeden Abend müde und erschöpft dich mit letzter Kraft in die Baracke geschleppt hast, in der auf dich warteten: dasselbe Bett, vier nackte Wände und ein Stück Brot, das du als Belohnung für diese höllische Arbeit verstanden hast.
Ich bin fassungslos, daß du genug Kraft hattest, all diese Experimente, die du erleiden mußtest, auszuhalten. Ich bin voller Bewunderung für dich, weil du ein bißchen zu Kräften gekommen, dich trotzdem für eine Flucht entschieden hast.
Ihr wart insgesamt neun. Ihr habt gewußt, sollte ein Fehler passieren, ist mit keiner Gnade zu rechnen. Es ist doch kein Unterschied: entweder sterben vor Schwerstarbeit oder erschossen werden, was im Prinzip in dieser Situation besser ist.
Es ist leider keinem von euch gelungen, zu fliehen und in Freiheit zu leben. Zwei sind während der Flucht gestorben, fünf hat man erschossen. Das hast du mit eigenen Augen gesehen und sogar erwartet, daß auch du erschossen wirst.
Tränen liefen dein ausgetrocknetes Gesicht herunter. Es war aber nicht die Angst vor dem eigenen Tod, es war der letzte Tribut an die ums Leben gekommenen Mitgefangenen.
Der Arzt hat sein entscheidendes Wort gesagt und du wurdest als arbeitsfähig eingeschätzt. Und den Soldaten war es egal, ob es einen Tag früher oder später sein wird, denn deine Frist lief in 10 Tagen ab.
Ja, ja, du hast hier schon fast drei Monate verbracht. Länger ist es kaum jemandem gelungen, an diesem schrecklichem Ort zu überleben. Du hast dich bemüht, daran nicht zu denken. Jeder Mensch hat versucht zu überleben, wie er nur konnte! Einer hat jeden Tag gezählt, der ihm bis zum Tode geblieben ist, andere lebten einfach ein normales Leben und genossen die Sonne, den Himmel und das Leben!
Als du morgens aufgewacht bist, hast du verstanden, daß heute schon der 7. Januar ist…
Was ich jetzt gern schreiben möchte…
Ich möchte deswegen nicht darüber sprechen, wie grauenvoll und unmenschlich das alles gewesen ist, weil jeder von uns das genauso versteht, also würde ich nichts Neues sagen.
Ich möchte aber einfach über meine Eindrücke, Erwartungen und ihre Erklärung schreiben. An erster Stelle war es ziemlich schwer für mich, Auschwitz als Museum mit dem Ort, an dem das alles passierte, was wir im Museum gehört haben, gleichzusetzen.
Ich denke aber, um das nachempfinden zu können, sollte man sich die Geschehnisse nicht geistig vorstellen. Einige Male hatte ich solche Augenblicke. Wenn du beispielsweise die Kinderkleidung siehst, kannst du einfach nicht anders, du nimmst es dir zu Herzen, aber du schämst dich vor dir selbst…
Doch in diesem Moment ist es sehr schwer, sich diese kleinen Kinder von damals in dieser Kleidung vorzustellen, und daß sie die nächste Kleidungsgröße nicht mehr erlebt haben.
Berge von Kämmen, Zöpfen, Brillen, Prothesen – hinter denen je ein konkreter Mensch steht.
Wenn dir bewußt wird, daß dieser Berg von Sachen gleich ein Berg von Menschen ist, wird dir schlecht. Du betrittst die Gaskammer und verstehst, daß an dieser Stelle, wo du gerade stehst, vielleicht mehr als ein Tausend Menschen ums Leben gekommen ist…
Fotos von Menschen mit verschiedenen (traurigen, des Elends bewußten, angsterfüllten oder umgekehrt beseelt – unverständlich nur weshalb?) Gesichtsausdrücken, die auch 4 Monate überlebt haben…
Abgesehen aber von alledem, gleichgesetzt habe ich die unmenschlichen SS-Leute nicht mit diesen Deutschen, die ich kenne, auch nicht mit Deutschen als Nation überhaupt. Mein Verhältnis zu ihnen hat sich keineswegs geändert. Ich trenne emotional ganz deutlich Vergangenheit und Zukunft. Ich denke, daß diese Momente für die Deutschen nicht leichter als für uns waren, für manche vielleicht sogar schwerer.
Liebe Oma,
Ich war am 15. Mai im Lager in Auschwitz. Und ich habe an dich gedacht. 1942, als du 3 Jahre alt warst, ist deine Mutter ums Leben gekommen. Dein Vater ist an der Front gefallen. Nur deine Schwester ist geblieben.
Es ist gut, daß du nicht erfahren hast, was Auschwitz bedeutet. Das waren Deutsche; die das Konzentrationslager gebaut haben und Menschen gequält haben.
Als wir in das Konzentrationslager in Auschwitz gegangen sind, war es für mich sehr schrecklich, unangenehm und schlimm, das ganze Verbrechen zu sehen. Und deshalb möchte ich nicht darüber schreiben. Auch aus diesem Grund möchte ich nicht nach Birkenau fahren.
Lieber Opa!
Ich habe dich nie gesehen, aber oft überlege ich, wie du gewesen bist. Woher hattest du die Kraft, um zu überleben in einem der Konzentrationslager?
Es scheint mir, daß ich heute begonnen habe, dich besser zu verstehen.
Als ich über die Greueltaten hörte, die in Todeslagern begangen wurden, dachte ich plötzlich nicht über die dort umgebrachten Menschenmassen nach, sondern über einzelne Persönlichkeiten. Jeder von ihnen hat geliebt und gehaßt; sich gefreut und gelitten, hat geträumt und wurde enttäuscht.
Ich weiß, wie leidenschaftlich du dir gewünscht hast, ein einziges Mal wenigstens, deine Kinder und deine Frau zu sehen, die in Rußland geblieben waren. Früher habe ich gedacht, daß genau dieser Wunsch dich gerettet hat.
Jetzt aber denke ich, es etwas mehr war. Du hast das Leben und dich umgebende Menschen wirklich geliebt. Du hast geliebt und geglaubt: an das Leben, an Menschen, an Gott.
Angst erzwingt Haß, Haß erzeugt Verachtung, Verachtung erzeugt Hochmut. Der Hochmut hat es möglich gemacht, daß Menschen andere Menschen vernichtet haben. Eigentlich haben sie aber sich selber vernichtet… und für eine lange Zeit haben sie dadurch ihre Kinder der inneren Ruhe und Lebensfreude beraubt.
Kinder sind für die Taten ihrer Eltern nicht verantwortlich, aber eine solche Last ist bestimmt sehr schwer. Du hast nie über das Schreckliche von dort erzählt – du hast über Menschen erzählt, mit denen du befreundet warst, über Erfolge, die selten euer Leben erwärmten.
Richtet nicht und ihr werdet nicht gerichtet… Das ist gleichzeitig so einfach und so schwierig… Als ob ich diese Worte aus deinem Mund gehört hätte… Ich versuche es. Ich liebe dich.
Deine…
Alle haben in letzter Zeit nur über Auschwitz gesprochen, alle wollten uns auf diesen schweren Moment vorbereiten. Ich weiß, daß dort viel Böses geschah, mehr als in der ganzen Geschichte der Menschheit.
Ich gebe zu, daß ich keinen Schmerz, keine Trauer oder irgendwas anderes gefühlt habe, nachdem ich an diesem Ort angekommen bin. Ich konnte mein bisheriges Wissen nicht auf das übertragen, was ich gesehen habe.
Gesehen habe ich dagegen den Sommer: Ein stiller Ort, grüne Bäume, und ich konnte das keineswegs damit, was hier früher passierte gleichsetzen. Jedes Mal, als ich auf die Straße ging, war meine Traurigkeit verflogen…
Vielmehr wirkten auf mich Sachen, die die Menschen mitgebracht haben. Diese Menschen, die keine Gräber haben – sie leben dort, wo etwas von ihnen übrigblieb. Das ist furchtbar, wenn du aber manche Gesichter auf Fotos siehst, ist das erträglicher: Hier man gedenkt ihrer – sie sind nicht verschwunden, sie existieren immer noch.
Ich denke, daß das Begreifen später kommen wird, bisher ist noch zu wenig Zeit vergangen, damit alles bewußt wäre. Wenn wir eines Menschen aus dem Lager gedenken, gedenken wir aller.
Das Konzentrationslager Auschwitz ist ein furchtbarer Ort und als ich dorthin gegangen bin, wurde ich traurig und meine gute Laune ist verschwunden. Und als uns die Haare gezeigt und erzählt wurde, was man mit ihnen getan hat, als man uns gezeigt hatte, wie Juden ermordet worden sind, da ist mir ganz schlecht geworden.
Liebe Ulrike, liebe Antje!
Ich möchte in diesem Brief meine Gedanken aufschreiben, die in meinem Kopf entstanden sind während des Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz. Ihr wißt, daß ich über den Holocaust schon viel gesehen und gelesen habe. Dennoch, als ich heute gestanden habe, wo so viele Menschen auf so schreckliche Weise umgebracht worden sind, war es mir noch schwieriger diesen Wahnsinn zu begreifen.
Mütter wie ich gingen mit ihren Kindern in den Tod. Kinder wie ihr wurden ihren Eltern gewaltsam entrissen. Einige von ihnen haben überlebt, aber nach dem Krieg blieben sie allein, ohne Familie. Die ermordeten Häftlinge kann man zum Teil heute auf Fotos sehen.
In Deutschland spricht man heute sehr viel über die historische deutsche Schuld. Dennoch gibt es wieder viele Menschen, die sich dadurch gekränkt fühlen. Man kann nichts rückgängig machen. Ich bin der Meinung, daß es sehr wichtig ist, daß Menschen nie wieder versuchen, ihre Weltanschauung auf diese schreckliche Art und Weise zu verwirklichen.
Probleme, die in unserem Alltag entstehen, kann man mit Toleranz und Kompromißbereitschaft lösen. Abgesehen davon muß man das Maß kennen.
Ich wünsche, daß ihr weiterhin anderen Menschen gegenüber tolerant seid, selbst wenn es sehr schwer ist. Ich hoffe, daß ihr versuchen werdet, diese Toleranzfähigkeit an andere Menschen, und später an eure Kinder weiterzugeben. Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch, dem das bewußt ist, etwas dafür tun kann, daß wir eine Zukunft haben.
Eure Mutter
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