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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Warum sollen wir an die Tragödien der Vergangenheit erinnern?

Ein Seminarbericht von Olga Leontieva

Dieser Artikel ist nicht nur von Emotionen bestimmt. Für mich ist er eine Einladung zu einem für die gegenwärtige Pädagogik komplizierten und wichtigen Gespräch. Zu einem Gespräch darüber, ob die heutige Schule nur der Wissensvermittlung ihre Aufmerksamkeit schenken soll, und ob wir das Recht haben, in die intimsten Gefühlssphären und in die Weltanschauung einzudringen.

Wenn ja, wie soll das geschehen? Wenn nein, wie soll dann die Jugend vor der vielfältigen und zurzeit geschickten Propaganda der Nationalisten verschiedener Niveaus geschützt werden?

Ich bin tief davon überzeugt, daß wir Lehrer diese Arbeit tun sollten. Andernfalls bleiben unsere Schüler alledem wehrlos und hilflos überlassen.

Die Frage ist, wie soll es ohne Schlagworte, ohne Kultivierung neuer nationalistischer Prinzipien, statt dessen mit dem Blick in die Vergangenheit gemacht werden? Die Welt ist in den Augen von Teenagern ohnehin schon in Schwarz und Weiß aufgeteilt, deshalb darf man ihnen nicht behilflich sein, sich in Extreme zu stürzen.

„Alle haben in letzter Zeit nur über Oswiecim gesprochen – alle wollten uns auf diesen schwierigen Moment vorbereiten. Ich weiß, dort ist viel Schlimmes passiert, mehr als in der ganzen Geschichte der Menschheit. Ich gebe zu, am Anfang habe ich keinen Schmerz, keine Trauer oder etwas Anderes empfunden, als ich an diesem Ort angekommen bin. Ich konnte das, was ich wußte, nicht auf das, was ich sah, projizieren. Und gesehen habe ich Sommer: ein ruhiger Ort, grüne Bäume…“

So beginnen die Reflexionen eines 17jährigen Mädchens über die Besichtigung der Gedenkstätte Oswiecim (Polen).

Das war nicht einfach ein Ausflug: im kleinen polnischen Städtchen Oswiecim, in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte haben sich zwei Gruppen getroffen – Berliner und Moskauer Schüler.

Sie haben sich getroffen, um Freundschaft zu schließen, die durch solche „feinen“ Appelle wie „Rußland nur für Russen“ oder „Deutschland nur für Deutsche“ nicht gehindert werden kann. Sie haben sich getroffen, um gemeinsam verstehen zu können, wozu Hass und Verachtung führen, um den Wert der Liebe und des Glücks zu erfassen, um neue Freunde auf dem großen Planeten Erde zu finden.

Für diese Begegnung haben sie sich lange vorbereitet, ca. 1,5 Jahre: Sie haben unter anderem die Geschichte dieser weit zurückliegenden und furchtbaren Zeit gelernt und Interviews über interkulturelle Beziehungen in Berlin und Moskau durchgeführt. Diese Begegnung war dank des ehrlichen Glaubens der Erwachsenen an ihre Notwendigkeit möglich: Die deutsche Organisation KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. baut schon seit vielen Jahren feste Freundschaftsbrücken zwischen unseren Ländern.

Jemand wird skeptisch lächeln: Finanzierung ist nicht alles. Und ich bin mit den Skeptikern einverstanden, denn die allererste und wichtigste Hilfe von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. hat mit Geld gar nichts zu tun. Und glauben Sie mir, genau das war so kompliziert. Begegnet sind sich Erwachsene und Kinder, die verschiedene Sprachen sprechen, die verschiedenen Kulturen mit eigenen Traditionen und Erfahrungen angehören. Und begegnet sind sie sich an einem Ort, der uns gleichzeitig verbindet und trennt.

Die Erwachsenen haben mühelos die Vergangenheit „gesehen“. Die Jugendlichen dagegen – Sommer und grüne Bäume. Und das ist so natürlich…

Wenn sich Austauschschüler besuchen, nehmen ihre Gastgeber eine große Verantwortung auf sich, machen die Gäste mit ihren Traditionen bekannt. Hier waren wir ebenfalls zu Gast, zu Gast bei unserer Vergangenheit – mit einer Hoffnung für die Zukunft.

Es war deutlich, wie unterschiedlich und dennoch gleich wir sind. Kinder, die sich auf diese Begegnung lange vorbereitet haben, lehnten solidarisch gemeinsame Unterkunft (was wir überwiegend nur sehr mühsam geändert haben) und die Arbeit in gemischten deutsch-russischen Kleingruppen ab.

Alle wollten mit denen bleiben, die sie bereits gut verstehen und die ihre Freunde sind. Eine ganz natürliche „Schutzreaktion“ bei Menschen. Dadurch wurde aber das Ziel dieser Begegnung gefährdet: der Abbau des Mißtrauens (auch des unbewußten, in der Tiefe der Seele versteckten) zwischen jungen Menschen aus zwei Ländern.

Die Weigerung, in „gemischten“ Gruppen zu arbeiten, wurde von den Jugendlichen mit Sprachbarrieren, Altersunterschied und mit dem Wunsch, einfach immer und überall mit Freunden zusammen sein zu wollen, begründet. Der Unwille, sich in der ersten Arbeitsphase (Einteilung in Gruppen) ungern von Freunden zu trennen, ist übrigens bei Kindern normal. Dies ist ein normaler psychologischer Schutzmechanismus.

Dank der persönlichen Beiträge aller Erwachsenen und aller Jugendlichen ist es uns gelungen, diese Barrieren zu überwinden. Um gemeinsam Tischtennis und Fußball zu spielen, haben sich die Jugendlichen selber schnell organisiert. Sport bedarf keiner Sprachkenntnisse. Das abendliche „Zusammenhocken“ ohne Erwachsene hat schnell zu festen Sympathien geführt, diesen wiederum folgte zwangsläufig Eifersucht der sich der Gruppe nicht angeschlossenen oder „zurückgewiesenen“ Kinder.

Die ersten zwei Tage vergingen wie folgt: Ausflüge in die Stadt, Gesprächsversuche über das Gesehene, Arbeit in den von Lehrern gebildeten „Kleingruppen“, in denen sich kaum jemand für den anderen interessierte.

Kinder, die von vornherein sehr gutwillig eingestellt waren, sind füreinander nur Ausländer geblieben, die zu einer Begegnung gekommen sind. Die Einsicht, daß sie gerade in neuen Gruppen neue Freunde gewinnen und verstehen konnten, kam wesentlich später.

Unsere Jugendlichen haben mit Dankbarkeit bemerkt, daß sie sich gerade bei dieser Arbeit mit Hüssein, Gülcin, Christoph und Agnieszka angefreundet haben. Sie haben sich sogar dafür bedankt, von uns nach „unbekannten Prinzipien“ zur Gruppenbildung gezwungen worden zu sein.

Ein Mädchen hat das wie folgt beschrieben: „Vom ersten Tag an sind zwischen uns Mißverständnisse, Meinungsverschiedenheiten entstanden. Nachdem wir (oder genauer gesagt die Lehrer) sie aber geklärt haben, hatten wir plötzlich eine schlechte Meinung voneinander bekommen (hier sind die Probleme mit der Unterkunft gemeint, O. L.). Außerdem hat mich noch diese schreckliche Einteilung in Gruppen einfach wütend gemacht. Erst später habe ich verstanden, daß diese Gruppen uns vor der Trennung in zwei getrennte Lager gerettet haben.“

Und so sind wir zusammen in der Gedenkstätte gewesen. Zwei Gruppen gingen parallel, die russische und die deutsche. Die ganze Zeit blieben wir nebeneinander: Unsere Blicke trafen sich, unsere Schultern berührten sich. Und anschließend, im Kreis stehend und uns an den Händen haltend, haben wir still darüber nachgedacht, was an diesem Ort vor vielen Jahren geschah. Diese für uns alle seltsame und wichtige Schweigeminute vor dem Krematorium des Konzentrationslagers in Auschwitz: Es waren keine Worte nötig, denn manchmal stören sie wirklich, einander zu verstehen.

Wir beschlossen, über das Gesehene nicht zu sprechen, sondern zu schreiben – das, was wir an diesem Tag zu schreiben wünschten – und kommentarlos vorzulesen. Eigene Gedanken oder Briefe an diejenigen zu schreiben, die dort hätten gewesen sein können, die in dieser Zeit gelebt haben.

Viele weigerten sich, das Geschriebene vorzulesen: es sei zu persönlich. Und genau dann, als wir in unseren Kleingruppen überlegt haben, worüber es sinnvoll wäre zu schreiben, als wir unsere „Briefe in die Vergangenheit“ und Tagebuchnotizen vorgelesen haben – haben sich die Haltungen unserer Schüler geändert, als ob sie aus „Ausländern“ füreinander Menschen geworden wären, die zwar leider unterschiedliche Sprachen sprechen, sich aber sehr nahe und ähnlich sind.

Die bisherigen Schwierigkeiten sind verschwunden. Wir haben uns nicht nur gemeinsam gefreut – wir konnten gemeinsam trauern und weinen. Wir haben einander um Hilfe gebeten – und haben einander geholfen, indem wir uns an den Händen gehalten haben.

Das waren keine formvollendeten, für den Sprachlehrer geschriebenen Texte. Diese Zeilen waren vielleicht in einer halben Stunde entstanden, denn sie mußten noch in die jeweils andere Sprache übersetzt werden. Sie waren nicht mit professioneller Hand „poliert worden“. Vielleicht sind die dort gebrauchten Sätze aus dem literarischen Gesichtspunkt gesehen viel zu einfach, oder im Gegenteil, zu geziert erhaben.

Ich zitiere sie hier nicht, um zu zeigen, wie Kinder schreiben. Für mich sind sie wichtig, weil sie die Möglichkeit geben zu sehen, wie Kinder fühlen und verstehen. Die „Briefe an die KZ-Häftlinge“ waren zum Beispiel Ergebnisse ihrer Phantasie, ihre bildhafte Analyse dessen, was der Fremdenführer im Museum erzählt hat.

Am nächsten Tag waren wir im Todeslager in Birkenau, wo jeder eine Blume niederlegte an einer Stelle, die ihm wichtig war: Jeder von uns nahm eine Rose. Dann gingen wir schweigend in verschiedene Richtungen. Das Paradoxe dabei ist, daß wir eine unteilbare Gruppe geblieben sind. Die Wand zwischen uns war am Vortag verschwunden.

Am Abend haben alle versucht, nicht über die Anderen zu urteilen, sondern einander zu verstehen und einander zu helfen. Danach haben wir uns mit einem ehemaligen KZ-Häftling getroffen. Diese Begegnung hat sich nicht nur zur größten Überraschung als interessant, sondern auch als lebensbejahend erwiesen.

Ein Mädchen fragte nach, ob vielen Häftlingen eine Flucht gelang. Sie schrieb am Vortag einen Brief an einen KZ-Häftling, dessen Flucht mißlungen war. All das zeigte, daß ihr die Frage keine Ruhe gegeben hat: „Konnte man sich retten vor diesem höllischen Ort?“

Mit jugendlich glänzenden Augen wurde uns erzählt, was alle hat staunen lassen: wir haben über Freundschaft, Liebe, Hilfsbereitschaft gehört. Das heißt, für uns alle ist das so wichtig – man darf nicht nur über Grausamkeiten, Schmerzen und Leiden sprechen.

Der alte Pole hat unbeabsichtigt und durcheinander in drei Sprachen – Polnisch, Russisch und Deutsch – gesprochen. Es hat sich herausgestellt, daß es ihm gelungen ist, wie durch ein Wunder zu überleben, und daß er bis heute meistens Lebensfreude verspürt.

Die polnischen Fremdenführer, die über das Todeslager erzählt haben, sind ebenfalls unsere guten Freunde geworden. Ursula – die Russischlehrerin – hat sehr bedauert, daß der Kontakt zu Rußland heutzutage verlorengegangen sei. „Wir wollen glauben, daß es sich bald ändern wird“ – hat sie gesagt und gab uns ihre Schuladresse für einen Briefwechsel mit russischen Schülern.

Ich habe noch nie erlebt, daß während einer fünftägigen Begegnung so warme Beziehungen zwischen jungen Menschen entstehen. Mißverständnisse, Meinungsverschiedenheiten, die bei dem ersten Kontakt entstanden, sind nach dem letzten Gedenkstättenbesuch spurlos verschwunden.

Vielleicht ist es in diesem Moment passiert, als wir umarmt vor dem Krematorium gestanden und schweigend über das Gesehene nachgedacht haben. Oder, als wir unsere Briefe geschrieben haben, vielleicht als wir sie vorgelesen und versucht haben, einander zu verstehen. Und die Jugendlichen empfanden es wie wir.

Hier ihre Eindrücke über diese Reise:

Als wir uns das erste Mal gesehen haben, konnten wir noch nicht vermuten, welche Beziehungen zwischen uns entstehen werden. In den ersten Tagen gab es permanent Spannungen, denn es sollten Arbeitsgruppen gebildet werden, deren Zusammensetzung wir alle nicht kannten, dann sind kleine Unstimmigkeiten bei der Einteilung in Zimmern entstanden…

Wir haben den Eindruck gehabt, daß sie uns gegenüber negativ eingestellt sind, und wir haben Angst gehabt, sie als erste anzusprechen. Dasselbe haben sie über uns gedacht. Unsere näheren Kontakte begannen leider erst nach den Besichtigungen der Gedenkstätten in Auschwitz und Birkenau, in den letzten Tagen also.

Erst als wir angefangen haben, unsere Gefühle und Eindrücke miteinander zu teilen, ist uns klar geworden, daß wir füreinander wesentlich mehr als nur Arbeitspartner geworden sind. Schade, daß wir erst in den letzten Tagen so intensiv miteinander kommunizieren konnten.

…Und in den letzten zwei Tagen hat sich alles geändert. Wir haben einander mit halben Worten verstanden. Die Mädchen waren einfach super, und die Jungen erst recht. Innerhalb dieser wenigen Tage ist bei mir der Eindruck entstanden, daß ich alle schon viele Jahre kenne, und sie meine besten Freunde sind.

Es ist aber sehr schade, daß wir zurückgefahren sind, und von unserer Freundschaft und unseren Kontakten mir nur ein beschriftetes S-Shirt und zerknautschte Adreßzettel geblieben sind.

…Am Anfang konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß wir uns später so voneinander verabschieden werden. Und bis heute kann ich mir nichtvorstellen, daß wir uns nicht sehr bald wiedersehen werden. Mein einziger Trost ist, daß wir uns schreiben und uns auf jeden Fall wieder treffen werden.

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