Direkt zum Navigationsmenü.
KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Eine Betrachtung von Olga Leontieva.
Unsere Schüler bekommen internationale Probleme beiläufig mit. Wenn wir uns nicht entscheiden, mit ihnen darüber zu sprechen, kann aus unserem Schweigen Hass erwachsen, der die Welt in die Unsrigen und die Fremden teilt.
Aus den Erinnerungen der Komsomol- und Pionierkindheit blieb ein dauerhafter Hass zu jeder ideologischen Arbeit. Es scheint, als ob der ganze jugendlicher Nihilismus auf „Schwarz und Weiss“ gerichtet war, was von Erwachsenen so eifrig kultiviert wurde. Zum Tag des Sieges gab es aber von allen interessiert und ehrlich vorbereitete Glückwünsche, Musikstücke, Plakate: Kriegserzählungen schienen nicht geschwollen und der gemeinsame Schmerz war aufrichtig.
Seitdem sind viele Jahre vergangen. Die Biologielehrerin (die bin ich) hat eigene Probleme und Sorgen, die selten mit Geschichte und Politik zu tun haben.
Aber vor einigen Jahren bin ich zum ersten Mal zu einer Konferenz in Berlin gewesen. Und plötzlich, ich weiß nicht wieso, (ich hätte nie gedacht, daß mit mir so etwas passieren kann) begannen in meinem Kopf destruktive Gedanken zu kreisen: „Auf dieser Straße sind russische Soldaten gefallen, und hier lag möglicherweise mein verwundeter Vater…“
Wir wurden von Deutschen empfangen, die sich als kluge, gute, fröhliche Menschen erwiesen haben und die anschließend meine guten Freunde wurden.
Es war sehr interessant, mit ihnen zusammen zu arbeiten, aber der Gedanke über meine Gefühle und „Erinnerungen“ auf Berliner Straßen ließ mich nicht los: Ist das möglich, daß die Ablehnung des Nationalsozialismus und des Faschismus in meinem Herzen zur Abneigung gegenüber der ganzen Nation geworden ist?
Ein Jahr später kamen wir (die Rede ist hier vom Projekt „Produktives Lernen“) mit einer Exkursion in das KZ Auschwitz nach Polen zusammen. Meine russischen Kollegen sind nicht mit gefahren, da sie dort zu schreckliche Eindrücke gefürchtet haben.
Ich schloß mich den Deutschen und Anderen an (darunter viele Juden). Diejenigen, die sich an diesem Frühlingstag in das Todeslager begaben, hatten mir erklärt, sie fahren nicht der Eindrücke wegen, sondern um der KZ-Opfer zu gedenken. So gehen Menschen zum Friedhof: um sich zu erinnern, auszuweinen, nachzudenken…
Mein Großvater hat fast vier Jahre in einem ähnlichen Lager verbracht und überlebt, anschließend kehrte er völlig überraschend nach Hause zurück.
Ich bin nach Auschwitz gefahren, um an ihn zu denken, um die Vergangenheit besser zu verstehen.
Wir gingen alle nebeneinander, und ich versuchte zu erraten, worüber meine deutschen Freunde an diesem schrecklichen Ort denken. Einer der Lehrer war besonders angespannt, und ich fragte ihn, warum. Er sagte, daß sein Großvater Antifaschist war und in einem solchen Lager ums Leben kam.
Wir gingen, fühlten und litten gemeinsam. Später sprachen wir über unsere Schüler, darüber, wie schrecklich es ist, daß bei Teenagern wieder pro faschistische Stimmungen entstehen. Und auch darüber, daß wir Lehrer, gegenüber diesen Problemen nicht gleichgültig sein können. Die Vergangenheit darf man nicht vergessen, und in Zukunft sollen wir zusammenhalten, die Welt nicht in Nationen teilen und einander helfen.
Später hat KONTAKTE-KOHTAKTbI ein gemeinsames Projekt mit unserer Schule initiiert. Wir haben erfahren, daß Berliner Schüler in einem ihrer Projekte über das Leben der heutigen jüdischen Diaspora in Berlin lernen, und anschließend nach Auschwitz fahren wollen. Ich habe von meinen Erinnerungen erzählt, und davon wie die unsichtbare Mauer der Abneigung in meinem Herzen zerbrach.
Wir haben entschieden, ein gemeinsames Projekt über Faschismus und Neofaschismus zu organisieren und uns danach mit zwei Schülergruppen an diesem Ort zu treffen, an dem früher das Todeslager war.
Jeder ist sich selbst der Nächste, wie allgemein bekannt. Eigene Probleme muß jeder für sich selbst erkennen und lösen. Aber gibt es sie? Sind uns, den Bürgern eines multinationalen Staates die faschistischen Stimmungen vielleicht unbekannt?
Um darüber Klarheit zu bekommen, inwiefern in der Gesellschaft nationalistische Stimmungen verbreitet sind, wurde entschieden, eine anonyme Befragung in Moskau durchzuführen.
Eine kleine Schülergruppe hat eine Umfrage unter 500 Moskauern und Besuchern der Hauptstadt an verschiedenen Orten durchgeführt: Busbahnhof, ein großes Kaufhaus, Straßen in ruhigen Wohnvierteln, Arbat, Schulen und Hochschulen. Was meine Schüler bei dem Versuch, an öffentlichen Orten Menschen zu befragen, gelernt haben, ist eine andere Geschichte. Ich denke, die Leser vermuten schon, welchen Problemen sie gewidmet wäre.
Heute aber geht es um etwas anderes. Am 9. Mai 2000 haben wir in Moskau folgenden Text in Umlauf gebracht:
Liebe Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges!
Wir beglückwünschen Sie zum Tag des Sieges! Wir wünschen Ihnen ein langes und glückliches Leben! Dank Ihnen wurde das faschistische Deutschland zerschlagen. Vielen Dank dafür, daß Sie die Welt von der „faschistischen Pest“ befreit haben!
Es gibt noch Zeugen dieser schrecklichen Ereignisse und sie sagen, daß die „Schutzimpfung“ gegen Faschismus nur 50 Jahre wirkt. Laut Befragungen unterstreichen ca. 20 Prozent der Moskauer und Besucher der Stadt ihre Nationalität und verhalten sich feindlich gegenüber anderen Nationalitäten. Beispielsweise bewerten 60 Prozent der Befragten einen Menschen nicht nach der „fünften Rubrik“ (bei persönlichen Angaben im Reisepaß – die Nationalität), die übriggebliebenen 20 Prozent haben keine eindeutige Meinung und können sich sowohl den 60 Prozent als auch den 20 Prozent anschließen.
Und wieder müssen wir uns für einen Weg entscheiden. Deshalb wenden wir uns an alle. Hass kann nur Hass erzeugen, und Nationalismus ist der erste Schritt zum Faschismus. Daran denken wir und wollen es nicht vergessen!
Projektgruppe „Antifaschismus“, Schule Nr. 734.
Während der Arbeit ist mir klar geworden, dass es ein gefährlicher Fehler ist, mit Schülern nicht über Probleme des Nationalismus zu sprechen.
Versuchen Sie nicht gleich mit mir zu streiten und zu beweisen, daß diese Fragen fast tagtäglich in jeder Schule zur Sprache gebracht werden.
Ich meine damit keinen Appell zu Liebe und Brüderlichkeit zwischen den Völkern. Ich meine eine inhaltliche Arbeit mit Schülern über Wertvorstellungen, Geschichte, Tragödien verschiedener Nationalitäten.
Wissen Sie, was mir eine Schülerin zum Projektbeginn gesagt hat? Auf die Frage, wer Juden sind, hat sie geantwortet: „Es sind Menschen, die einst auf unserer Erde gelebt haben“.
Ja, von denen, die Juden, Tschetschenen und Tataren hassen, gibt es heute nicht mehr so viele in Rußland. Aber sie sind gefährlich, weil sie bereit sind, das auf jeder Straßenkreuzung laut zu schreien. Und Jugendlichen folgen gerne denen, die überzeugend sprechen, besonders wenn diesen Wörtern aus eigener Erfahrung nichts entgegenzusetzen ist.
Und die andere große Hälfte der Russen schweigt taktvoll aus unerklärlichen Gründen. Und… sie verlieren diese Kinder, denen in die Ohren geschrien wurde, daß die ganze Misere „die Nicht-Russen“ verursacht haben.
Und noch ein Bild. Ein Junge, Teilnehmer unseres Projekts wurde gefragt, ob es Nationalitäten gibt, die er nicht mag. Ohne eine Sekunde zu zögern hat er geantwortet: „Ich mag keine Tataren“.
„Auch Gulia magst du nicht? Und Fail? Und Farid?“ – sie sind alle seine guten Freunde, Klassenkameraden. „Was haben sie damit zu tun?“ – „Sie sind doch Tataren!“ – „Dann mag ich Tataren!“
Jemand hat einmal in seiner Gegenwart etwas Gemeines über eine andere Nationalität gesagt, und er war bereit, das munter zu imitieren. Und er hätte es weiter gemacht, wenn es diese Situation nicht gegeben hätte.
Einer der Schüler sagte, daß er keine Kaukasier mag – andere nachahmend benutzte er einen seltsamen Begriff, mit dem viele Völker des Kaukasus zusammenfaßt worden sind, der aber zum gewöhnlichen Wort in Rußland wurde. Es sich herausgestellt, daß einer seiner Freunde Itschkeretz, und die beliebteste Lehrerin Armenierin ist. Sie stand auf und erzählte, wie sehr es ihr weh tut, wenn man respektlos über ihr Volk spricht.
Ich hoffe, wenn meine Schüler herabsetzende Worte über „Personen kaukasischer Nationalität“ hören, werden sie sich an die Augen und die Liebenswürdigkeit von Nelli Gajkovna und Vitalik erinnern.
Vielen, wie auch mir, ist es egal, welcher Nationalität unsere Freunde sind; wir schätzen sie für ihre menschlichen Qualitäten, nicht für ihre Herkunft.
Wenn wir lieber das Thema mit unseren Schülern meiden und „taktvoll“ darüber schweigen, wer unter unseren Freunden oder Schülern aus dem Kaukasus oder aus Tschetschenien stammt, wer Jude, Russe, oder Deutscher ist, machen wir einen Fehler. Nein, Schweigen ist nicht immer Gold.
![]()
Zurück zum Seitenanfang.