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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Viele NS-Opfer sollen leer ausgehen

Zu Besuch bei ehemaligen NS-Zwangsarbeitern in der Ukraine

Ein Reisebericht von Gisela Wenzel

Sonntag, 4. Februar 2001

Mit der Ukrainian Airlines nach Kiew

Es stürmt und schneit schon seit dem Vormittag in Berlin. Als ich im Spätnachmittag mit der S-Bahn zum Flughafen Schönefeld fahre, unterscheidet sich das weiß verschneite S-Bahngelände mit seinem Schienengewirr und den erleuchteten Weichen am Güterbahnhof Schöneweide wahrscheinlich kaum von dem Bild, das sich hier vor 58 Jahren den aus ihrer Heimat verschleppten ZwangsarbeiterInnen bot.

Aber ich sitze in einem geheizten Personenzug und nicht in einem eisigen Güterwaggon. Ich werde nicht tage- und wochenlang unterwegs sein, sondern in zwei bis drei Stunden in Kiew landen. Und obwohl ich nur vier Tage unterwegs bin, ziehe ich einen großen Koffer auf Rädern hinter mir her.

In dieser vergleichenden Perspektive vermittelt sich mir ein sehr konkretes Gefühl für die Entbehrungen und Härten, die die Menschen damals zu erleiden hatten.

Wir sind pünktlich eine Stunde vor dem Abflug vollzählig. Eine kleine Reisegruppe von vier Personen. Unser Ziel sind Informationsgespräche und Kontakte, aber auch Verteilung privater Spenden an besonders hilfsbedürftige Menschen unter den ehemaligen ZwangsarbeiterInnen. Daher wird jeder von uns mit einem dicken Bündel Geldscheine ausgestattet, ein Betrag, der ganz offiziell in die Zollerklärung eingetragen wird und ohne Probleme eingeführt werden kann. Wo das Geld geblieben ist, fragt bei der Rückkehr niemand.

Es ist draußen schon dunkel, als um 18.30 Uhr die Boing der Ukrainian Airlines vom verschneiten Rollfeld abhebt. Wir sind sofort in den Wolken. Eine Stunde ist die Uhr vorzustellen. Um 21.40 Uhr sanfte Landung auf einer schneeverwehten Rollbahn des Flughafens Kiew, der einen etwas provinziellen Eindruck macht.

Die Abfertigung ist freundlich – am Schluß sind wir die einzigen Passagiere in der Halle. Anastasia, eine Freundin von Maritschka, begrüßt uns. An ihrer Seite sind zwei starke Männer, die sich sofort des Gepäcks annehmen und uns draußen auf zwei Autos verteilen.

Erst fahren wir über die Autobahn, dann geht es auf Stadtstraßen quer durch eine hügelige Parklandschaft mit märchenhaft angestrahlten Kirchen und Schlössern. Und dann – ganz unverhofft – befinden wir uns mitten im Zentrum der Stadt mit modernen Hochhäusern und den üblichen Reklametafeln.

Wir halten am Platz der Unabhängigkeit vor dem ersten Hotel der Stadt, Hotel Kasatzkij (Kosakenhotel). In der Hotelhalle begrüß, uns Nadjeschda Iwanowna und zwei andere Frauen mit einem Blumensträußchen

Nachdem wir unser Gepäck in die Zimmer gebracht haben, treffen wir uns noch einmal mit Nadjeschda in der Bar. Der Weg führt an unzähligen Spielautomaten und ein paar dazwischen verloren wirkenden Jugendlichen vorbei.

Es gibt Tee, später auch Sekt und in der Mitte des Tisches steht eine große Schüssel mit krautgefüllten Teigwaren, die Nadjeschda eigenhändig für uns zubereitet hat. Sie schmecken selbst kalt noch köstlich.

Wieder in mein Zimmer zurückgekehrt, versuche ich vergeblich die Temperatur der Heizkörper zu drosseln. Es gibt keine Ventile.

Als ich daraufhin das Fenster öffne, dringt von unten ohrenbetäubender Lärm ins Zimmer. Auf dem Platz sind einige Lastwagen mitten in der Nacht damit beschäftigt, die hohen Schneeberge abzufahren. Mit aufheulenden Motoren karriolen sie wie die Berserker hin und her. Trotzdem schlaf ich vor Müdigkeit sofort ein.

Montag, 5. Februar 2001

Ukrainisches Frühstück

Verabredungsgemäß klopft Eberhard um 9 Uhr an meine Tür. Wir gehen ins Restaurant frühstücken. Das ukrainische Frühstücksbuffet gleicht unserem Brunch: warme Speisen in Form von Fleisch, Fisch und Spiegeleiern, Plinis, Kartoffelplätzchen und kleinen Pasteten. Dazu jede Menge von Kraut- Rote Beete- und Kartoffelsalaten, leckere Fruchtsäfte und Kefir.

Mit dieser üppigen Frühstücksgrundlage gelingt es dann auch ganz gut, tagsüber ohne warme Mahlzeit über die Runden kommen. Denn zum Mittagessen bleibt bei der Dichte des Programms selten Zeit.

Der ukrainische Verband der Opfer des Nazismus

Um 11 Uhr sind wir zu einer großen Gesprächsrunde bei der Nationalen Stiftung eingeladen. Wir werden von Nadjeschda Iwanowna und der Dolmetscherin abgeholt und fahren mit zwei Autos dort hin.

Im Sekretariat zeigt man sich erst einmal von unserem Besuch überrascht. Offensichtlich ist es nicht bis dahin durchgedrungen, dass ein Stockwerk höher schon eine große Versammlung von Vertretern der Opferverbände aus allen Regionen der Ukraine auf uns wartet.

Auch der 1. Vorsitzende der Stiftung, Herr Luschnikow, wird im Verlauf der Sitzung zu uns stoßen und uns begrüßen. Zunächst aber leitet der Erste Vorsitzende des ukrainischen Verbandes der Opfer des Nazismus, Markdyan D. Demydov, die Runde. Erst stellt er seinen Verband, dann die einzelnen VertreterInnen der Regionalverbände vor.

Der Verband der Opfer des Nazismus wurde im Februar 1991 gegründet und umfasst heute ca. 20 000 Mitglieder. Seine Aufgabe ist die Interessenvertretung seiner Mitglieder in der Entschädigungsfrage gegenüber der ukrainischen Regierung und der deutschen Bundesrepublik sowie die Organisation von Selbsthilfegruppen vor Ort.

Insbesondere bei der Verteidigung der Begünstigungen, die die Opfer des Faschismus der ukrainischen Regierung abgerungen hatten und die aufgrund eines Kabinettsbeschlusses wieder aufgehoben werden sollten, hatte man nicht vor Demonstrationen und lautstarken Protesten zurückgeschreckt. Bislang mit Erfolg.

Auch vor der deutschen Botschaft in Kiew war man schon aufmarschiert. Doch hier zeigte man sich kompromisslos.

Der Verband gliedert sich in 114 Regionalgruppen und ist dort am stärksten, wo die Menschen am meisten von der Verschleppung betroffen waren. Seinem Selbstverständnis nach ist er keine politische Organisation und schließt alle ethnischen Gruppen und Religionen ein.

Die Arbeit innerhalb des Verbandes ist ehrenamtlich und unbezahlt, denn der Verband hat keine eigenen finanziellen Mittel. Alle Mitglieder des Vorstandes werden von der Vollversammlung demokratisch gewählt.

Ein ähnliches Organisationsmodell hat sich auf der jeweiligen regionalen Ebene durchgesetzt.

Die eindeutigste Kritik an dem deutschen Stiftungsmodell richtet sich gegen die Vernachlässigung ganzer Opfergruppen. Dazu gehören die Kinder der Zwangsarbeiter, die ab dem 12. Lebensjahr ebenfalls zur Arbeit herangezogen wurden. Sie sollen aus Sicht der ukrainischen Betroffenenverbände bei den Auszahlungen ebenso berücksichtigt werden wie die in der Landwirtschaft Tätigen, die jetzt 2600 DM erhalten sollen. Frauen, die in Deutschland Kinder geboren haben, bzw. dort geborene Kinder sollen mit 700 DM berücksichtigt werden.

Daß aufgrund der deutschen Gesetzesvorgabe die verschiedenen Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, wird hier als ebenso demütigend erfahren wie das lange Warten auf die Auszahlungen.

Einige der regionalen Vertretungen

Bei allen Berichten der Gebietsvertretungen der Opferverbände stand im Vordergrund:

Die Ukrainische Nationalstiftung "Verständigung und Ausöhnung" beim Ministerkabinett der Ukraine

Vortrag von Luschnikow, dem 1. Vorsitzenden der ukrainischen Nationalstiftung

Zu Beginn würdigt er noch einmal ausdrücklich die Arbeit der Betroffenenverbände nach der Wende, deren unermüdlichem Einsatz es ganz wesentlich zu verdanken sei, dass die Opfergruppe der Zwangsarbeit im Lande zu einem öffentlichen Thema geworden sei. Dank ihrer Vorarbeit sei man auch nicht unvorbereitet in die Entschädigungsverhandlungen mit Deutschland eingetreten.

Die Gründung der Nationalen Stiftung geht auf einen Gesetzesbeschluß des ukrainischen Parlaments zurück. Das Zentrum der Stiftung und das zentrale Archiv ist in Kiew, hier arbeiten 87 Festangestellte für die Stiftung. In allen 24 Oblasten existiert eine Gebietsvertretung mit zwei bis fünf Festangestellten. Ab 1993 ist man darangegangen, die aus der BRD zugewiesenen Mittel in Höhe von 400 Mio DM zu verteilen. Von diesem Betrag seien bislang 383 Mio DM an die Opfer verteilt worden.

Ab 1993 wurden in der Stiftung die Anträge von 656 000 Anspruchsberechtigten registriert und bearbeitet. In der ersten Vergaberunde konnte sich die Stiftung nach Aussage von Luschnikow bei den Nachweis weitgehend auf die eigenen Archivunterlagen stützen.

Häftlings/Opferkategorien

Nach Aussage von Luschnikow sei mit den deutschen Vorgaben des Stiftungsgesetzes vom Juli 2000 eine schwierige Situation entstanden, weil es für die Ukraine wesentliche Kategorien wie die in der Landwirtschaft Beschäftigten, Minderjährigen und Kinder von Häftlingen sowie die Opfer medizinischer Versuche unbeachtet lasse.

Durch die Öffnungsklausel des Stiftungsgesetzes habe die Partnerorganisation zwar nachträglich die Möglichkeit erhalten, die bislang unberücksichtigten Kategorien in ihr Antragsverfahren einzubeziehen. Aber diese Kategorienerweiterung geht auf Kosten der Hauptopfergruppen, da der Gesamtbetrag der zu verteilende Geldmenge von Anfang an festgelegt war.

Dieses Vorgehen der deutschen Seite hat sowohl in der Stiftung, als auch in den Opferverbänden und bei den Opfern selbst viel Unzufriedenheit hervorgerufen und zu einer riesigen Verwirrung hinsichtlich der Anforderungen bezüglich der Nachweise geführt. Auch zwischen Stiftung und Opfern sei durch die angeblich damit verbundene neue bürokratische Schikane ein zusätzlicher Vertrauensverlust entstanden.

Die jetzige Regelung sieht folgende Auszahlungsbeträge vor:

KZ-Häftlinge15 000 DM
Häftlinge in Speziallagern7000 bis 12 000 DM
Zivile ZwangsarbeiterInnen der Industrie und des Bergbaus4300 DM
ZwangarbeiterInnen in der Landwirtschaft1500 DM

Während bei der ersten Vergaberunde ab 1993 die Unterscheidung von Industrie und Landwirtschaft mit ca. 40 DM Unterschied kaum zu Buche schlug, sieht es nach der neuen Regelung erheblich anders aus.

Deshalb bemühen sich viele Antragsteller, einen Nachweis für ihre Arbeit in der Industrie beizubringen. Da sie es der Stiftung nicht zutrauen, dass sie entsprechend fündig wird, machen sie sich in eigener Verantwortung auf die Suche und schreiben alle möglichen Adressen in Deutschland an.

Auf die Frage angesprochen, ob und wie die Stiftung von ihrer Möglichkeit der „Glaubhaftmachung“ Gebrauch macht oder machen wird, antwortete Luschnikow: Man sei grundsätzlich bereit, als Nachweis auch indirekte Beweise gelten zu lassen. Als indirekte Beweise bezeichnete er: ein Arbeitsbuch oder eine Arbeitskarte aus Deutschland, genaue Beschreibungen, ja sogar Fotos.

Aber man müsse sehr vorsichtig mit dieser Möglichkeit umgehen, da sie dem Missbrauch Tür und Tor öffnen könne. Schließlich habe es ja anfangs auch viele Freiwillige gegeben und auch die vielen Menschen, die 1944 vor der vorrückenden Front der Roten Armee nach Deutschland gegangen seien, hätten dies vielleicht freiwillig getan.

Der Stellvertretende Vorsitzende der Stiftung, den wir zwei Tage später noch einmal sprechen konnten, räumte hier ein liberaleres Vorgehen in der Zukunft ein. Wenn die deutsche Seite die Plausibilität von Erzählungen und Berichten bescheinigen würde, dann würde das die Stiftung akzeptieren. Bei ihr läge jedoch das ausschließliche Recht, darüber zu entscheiden.

Das Gespräch und die Diskussion mit Luschnikow endete mit einem freundlichen Händeschütteln.

Der Verband der minderjährigen Häftlinge des Nazismus

Vortrag von Litwinow, Journalist und Schriftsteller, Vorsitzender der internationalen Organisation der minderjährigen Häftlinge, gegründet 1991

Die ersten Bestrebungen einer Organisation dieser Opfergruppe geht auf die Bemühungen zweier Brüder in den 60er Jahren zurück, die selbst gar nicht betroffen waren. Diese Bestrebungen wurden als staatsfeindlich verurteilt.

Erst unter der Regierung Jelzin wurde vor nunmehr 10 Jahren ein Zusammenschluß und eine offizielle Anerkennung möglich. Die Vereinigung umfasst 9 Nationen – von den baltischen Staaten über Russland, Belarus, die Ukraine, Kasachstan, Usbekistan bis zu Moldawien. Heute sind dort auch nicht nur die ehemaligen Minderjährigen vertreten, vielmehr steht der Zusammenschluss auch anderen Opfern offen.

Heute vertritt der Verband 550 000 ehemalige Häftlinge von Kaliningrad bis Wladiwostok. Das Verbandsblättchen hat den Namen „Schicksal“.

Litwinow berichtet ausführlich über die Diskriminierung und Entrechtung, die viele nach ihrer Rückkehr aus Deutschland in der Sowjetunion erfahren mussten und spricht von den „Opfern zweier Diktaturen“. Viele wurden von der sowjetischen Gesellschaft als „Feinde des Volkes“ behandelt und zum Steinkohleabbau ins Donez-Becken zwangsverpflichtet. Immer waren es die schwierigsten und härtesten Arbeitsbedingungen, die man ihnen zuwies.

Zwangsarbeit in Deutschland war ein Hinderungsgrund für den Eintritt in die Kommunistische Partei und die mangelnde Parteimitgliedschaft wirkte sich wiederum negativ für den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg aus. Aufgrund der äußeren Lebensumstände hätten viele keine Familie gegründet und ständen heute im Alter allein da.

Im Vordergrund dieser internationalistisch ausgerichteten humanitären Organisation steht der Gedanke der Selbsthilfe. Jedes Zusammentreffen, jede Jahresversammlung ist ein Fest. Der Gedanke des Dialogs und der Zusammenarbeit der Völker steht im Mittelpunkt.

Gut gefallen hat ihm Eberhards Rede, in der von „unserem Bedürfnis zu helfen“ die Rede war. Es käme darauf an, die Akzente richtig zu setzen und die Geschichte dieser Leiden und Opfer als Mahnung an die nächste Generation weiterzugeben.

Der Geschichte müsse man sich mit der Perspektive auf die Gegenwart und Zukunft zuwenden. Hier läge eine gemeinsame Aufgabe. Litwinow hat sich auf die Anfrage von Eberhard bereit erklärt, bei zukünftigen Begegnungen und Besuchsprogrammen als Referent und Berater zur Verfügung zu stehen.

Nach Abschluß der offiziellen Reden und Diskussionen lockerte sich die Runde auf. Maritschka eröffnete ihr Auszahlungsbüro für die meist von weither angereisten lokalen und regionalen Betroffenenvertreter.

Persönliche Informations- und Auskunftsstelle für die Opfer

Eine der großen Schwachstellen des Entschädigungsverfahrens in der Ukraine scheint mir die unzureichende Information und Beratung der Betroffenen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zu sein. Wie objektiv die Berichterstattung dazu in den Medien ist, vermag ich nicht zu sagen. Doch muss unter den gegenwärtigen Bedingungen des Landes der Tatsache Rechnung getragen werden, dass auch diese Medien nur einen Teil der Menschen erreicht.

Wie unzureichend diese Aufgaben von Seiten der Stiftung gelöst sind, zeigt sich schon im Haus selbst. Beim Verlassen der Stiftung gehen wir noch einmal an der Poststelle und dem Gang im Erdgeschoss vorbei, wo viele alte Menschen auf ein Informationsgespräch warten. Wie auf dem Sozialamt müssen sie dort stundenlang ausharren, um einer Angestellten der Stiftung einmal mündlich ihren Fall und ihr Problem vortragen zu können.

Die Zeit des Einzelgesprächs ist auf 5 bis 10 Minuten beschränkt und spielt sich folgendermaßen ab: der/die Auskunftssuchende nimmt in einem Büroraum Platz, in dessen rückwärtigem Teil zwei SachbearbeiterInnen hinter ihrem Computer sitzen und Daten eingeben. Nur der vordere Teil des Raums steht für die Gesprächsführung zur Verfügung und läßt schon durch diesen Durchgangscharakter keinerlei vertrauliches Gespräch zu.

Die Menschen geben aus der Erinnerung die Lautgestalt des Ortes an, an dem sie in Deutschland im Arbeitseinsatz waren und die Angestellte der Stiftung sucht in einem zerfledderten und überholten deutschen Postleitzahlverzeichnis nach diesem Ort.

Natürlich wird sie in den wenigsten Fällen fündig, da zwischen Phonetik und Schreibweise oft ein erheblicher Unterschied ist. Nur wo der Ortsname schriftlich überliefert ist, führt diese Vorgehensweise zu einer möglichen Postadresse.

Wer dann in diesem Fall wohin schreibt, ist in der Kürze der Begegnung nicht mehr zu ermitteln. Auch bleibt für mich unklar, ob in diesem Fall eine Antragstellung empfohlen wird. Ein Antragformular wird hier auf jeden Fall nicht ausgehändigt.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass es hier weniger um eine sachgerechte Beratung, als um die Verabreichung einer psychologischen Beruhigungspille geht. Allein schon durch die räumliche Enge und die demütigende Wartesituation werden die Opfer und Antragsberechtigten zu ohnmächtigen Bittstellern degradiert.

Und wer bearbeitet wie die riesigen Postberge, die hier tagtäglich eintreffen? Dieser Frage können wir überhaupt nicht mehr nachgehen. Aber wir erhalten das Versprechen, an einem der nächsten Tage noch einmal ein Gespräch führen und das Archiv besichtigen zu dürfen.

Spendenverteilung vor Ort

Hungrig und durchgefroren suchen wir gegen 16 Uhr ein Café auf, wo wir auch etwas Warmes zu essen und zu trinken bekommen. Dann stehen wir mit durchweichtem Schuhwerk wieder in der Kälte auf der Straße.

Zwei Taxis gleichzeitig aufzugabeln und gemeinsam in die gleiche Richtung loszufahren, erweist sich als eine Aufgabe, bis zu deren Lösung wir fast zu Eiszapfen erfroren wären.

Es ist schon dunkel, als wir schließlich in dem Neubaugebiet am Rande von Kiew ankommen, auf das sich unsere heutige Hilfsaktion konzentrieren soll.

Nadeshda Iwanowa hatte in ihrem Wirkungsfeld bereits am Vortage auf telefonischem Wege alles vorbereitet und die Menschen warteten den ganzen Tag geduldig auf unseren Besuch.

Galina Karawajewa-Setho (Jahrgang 1927) und Pjotr Setho

Die warme Zweizimmerwohnung mit Küche, Bad und Klo strahlt Gemütlichkeit aus. Das Parkett spiegelblank, die Wände mit Teppichen behangen, die Schrankwand voller Kitsch und Nippes, in der Küche überall grün keimende Zwiebeln, ein Vitamin-C-Spender.

Das Hündchen, das in seiner Possierlichkeit eher einem Äffchen gleicht, ist im Flur angebunden und begrüßt alle Besucher mit einem freudigen „Männchen“-Machen.

In der Wohnung lebt ein Ehepaar, aber die Frau steht im Mittelpunkt, der alte Mann mit der dunklen Hornbrille hält sich eher im Hintergrund. Sie sitzt auf dem Sofa, mit Kittelschürze und Kopftuch, ein paar wasserblaue, gütige Augen, weiße Haarsträhnen, ein verschmitzter und pfiffiger Gesichtsausdruck.

Sie zeigt uns ihr schlimmen Hammerzehen, die unbedingt gerichtet werden müssen und klagt auch sonst über körperliche gebrechen. Doch Nadeshda versichert uns, dass diese Frau eine ganz wichtige Stütze der Organisation ist. Sie hat Telefon und dirigiert von ihrer Wohnung aus die Hilfsaktionen, benachrichtigt die Leute und nimmt wichtige Hilferufe entgegen und leitet sie weiter.

Diese Frau behält auch bei ihren eigenen körperlichen Gebrechen die Kraft und Nerven, sich für andere einzusetzen und ihnen Mut zuzusprechen. Mit dem heutigen Mann hat sie sich ein paar Jahre nach dem Tod ihres ersten Mannes zusammengetan. Jetzt leben sie auch schon über zehn Jahre zusammen.

Galinas Mutter war schon tot als sie mit ihrem Vater und der jüngeren Schwester nach Österreich verschleppt wurde. Der Ort hieß Deutsch-Wagyn und eine Postkarte mit ein paar Häusern und der Aufschrift ist ihr erhalten geblieben.

Der Vater musst bei der Reichsbahn im Gleisbau arbeiten und auch die vierzehnjährige Galina wurde gezwungen, die Waggons zu reinigen und die Räder zu waschen. Die kleine Schwester blieb unter der Obhut der alten Frauen, die dort für Ordnung sorgten, im Lager.

Sie war ein schönes Kind mit blonden Zöpfen und blauen Augen und eine Bauersfrau aus der Umgebung hatte es auf das Kind abgesehen und wollte es adoptieren. Das aber wollten Vater und Schwester auf jeden Fall verhindern und versteckten sie im Lager.

Der Vater ist gestorben, als sie selbst mit dem Leben kämpfte. Später durfte sie einmal mit der Schwester das Grab des Vaters besuchen. Der Schmerz dieser Erinnerung treibt ihr die Tränen in die Augen.

Maria Nikitschma Kozlowa (Jahrgang 1928)

Es duftet nach frisch gebackenen Plinis, als wir ihre Wohnung betreten. Maria hat ein rundes, gütiges Gesicht und eine runde Gestalt, auf den ersten Blick wirkt sie noch relativ jung und kräftig. Den ganzen Tag habe sie schon auf uns gewartet, sagt sie, aber jetzt sei sie froh, dass wir da sind.

Wir nehmen im Wohnzimmer der ebenfalls gemütlichen Wohnung Platz. Maria lebt hier offensichtlich allein. Schon nach den ersten Pinselstrichen ihrer Lebensgeschichte flattern die Nerven. Die Tränen schießen in die Augen.

Maria war fast noch ein Kind, als man sie nach Weingarten und Friedrichshafen verschleppte und sie in der Flugzeugindustrie arbeiten musste. 600 DM hat sie in der ersten Auszahlung bekommen, aber jetzt möchte sie beweisen, dass sie dort bei Dornier als Häftling unter der Knute der SS arbeiten musste und eine höhere Einstufung verdient.

Seit Jahren führt sie ihren privaten Feldzug gegen die Ignoranz der Behörden und die Korrespondenz ist zu einer dicken Akte angewachsen.

Im Oktober 1998 erhielt sie eine Bestätigung aus Arolsen, dass sie vom 14.3.1944 bis Januar 1945 beim Luftschiffbau in Friedrichshafen eigesetzt war, in Weißenau Gemeinde Eschach gewohnt hat und bei Dornier gearbeitet hat. Auch eine Korrespondenz mit der Gedenkstätte Dachau finde ich unter dem Papierwust.

Aber so ganz rational kann Maria die Sache nicht mehr angehen, für sie ist dieser Papierkrieg eine zweite persönliche Demütigung nach dem Grauen der Jahre im Nazideutschland! Ich möchte ihr vermitteln, dass sich für ihren Fall Menschen in Deutschland interessieren und dass sie eine entsprechende Bescheinigung erhalten wird, wenn sie tatsächlich unter SS-Bewachung unter Tage, d.h. in einem KZ-Außenlager von Dachau gearbeitet hat.

Ich bitte sie, ihre Erinnerungen noch einmal in alller Ausführlichkeit zu Papier zu bringen und mit eine Kopie ihrer Papiere mitzugeben.

Doch das Kopieren ist offenbar in Kiew nicht so leicht. Am letzten Tag unseres Besuches kommt sie selbst ins Hotel und übergibt mir das Dossier im Orginal. Jetzt hat es Maritschka erst mal an sich genommen.

Maria schenkt uns allen zwei Sammeltassen mit ukrainischen Folklore-Muster. Sie ist vollkommen in Tränen aufgelöst, als ihr Maritschka das Geld aushändigt. Ich habe den Eindruck, dass man ihr einen großen gefallen täte, wenn sie noch einmal nach Deutschland eingeladen würde.

Iwan Savowitsch Rachnjanski (Jahrgang 1927)

Nicht Iwan empfängt uns an der Tür, sondern sein Sohn und im Hintergrund taucht ab und zu ein noch jüngerer Mann auf, offensichtlich sein Enkel. Ein drei-Männer-Haushalt mit einer bildschönen Siamkatze. Die Einrichtung wirkt hier nüchterner und moderner, aber alles macht einen sehr ärmlichen Eindruck.

Iwan sitzt in einem Sessel, an dessen Seitenlehne die Krücken abgestellt sind. Das erste, was mir ins Auge fällt, sind seine riesigen, abgearbeiteten Hände. In diese Schaufelhände schmiegt sich das Kätzchen, sie streicheln zärtlich über das weiche Fell, aber lassen ihm auch alle Freiheit, diese warme Höhle zu verlassen und die vielen Gäste im Zimmer zu beschnuppern und zu beäugen.

Iwan hat eine schwere Polyathritis und ist seit seiner Kindheit fast taub. Als 15jähriger wurde er nach Deutschland verschleppt, kam über Schwandorf zum Bauern Karl Möginger ins Dorf Brum (Kreis Roding). Man behandelte ihn persönlich dort nicht schlecht. Aber der erwachsene ukrainische Knecht wurde immer wieder geschlagen und willkürlich bestraft.

Die Leidensgeschichte von Iwan setzte sich nach dem Krieg fort. Von 1950 bis 1956 war er im Straflager (Gulag) in Workuta und musste dort im Bergbau arbeiten. Das war der Ruin seiner Gesundheit, 1956 kehrte er als kranker Mann nach Kiew zurück.

Er wurde wirklich ein Opfer zweier Diktaturen. Ein körperlich gebrochener Mensch, der jedoch nicht mit seinem schweren Schicksal hadert. Seine ruhige Art zu erzählen, die zwar ein wenig sprachbehindert, aber gedanklich glasklar wirkt, strahlt eine tiefe Würde und einen starken Charakter aus.

Das war für heute der letzte Besuch.

Dienstag, 6. Februar

Maritschka hat ihr Büro im Restaurant eröffnet. Die Vertreter der Krim erhalten ihre Rate und berichten von weiteren bedürftigen Fällen. Zuerst Vladimir Suchorokow, dann Lidia Chodirjewa. Die Namen der Bedürftigen werden sauber in Listen eingetragen, der Empfang des Geldes quittiert. Alle sind zufrieden.

Als Nadeshda auftauscht, ist das Signal für die zweite Missionstour gegeben. Heute soll es hinaus aufs Land gehen.

Die Autofahrt dauert ungefähr eine halbe Stunde. Für meine Begriffe kann man hier nicht von Dörfern sprechen, eher von Datschensiedlungen. Keine Kirche, kein zentraler Ort. Von den Häusern sieht man hinter den massiven Bretterzäunen nur das Dach.

Frau auf dem Land

Als wir das ärmliche Haus betreten, sticht uns ein scharfer Gasgeruch in die Nase. Die alte Frau mit den dicken Warzen auf der Nase ist ganz durcheinander. Die beiden Stuben und die Küche wirken wie leergefegt.

Hier ist Schmalhans Küchenmeister. Die einzigen Essensvorräte dieses Haushalts sind zwei kleine Plastiksäckchen mit Buchweizen und Reis, die in einer alten Spiegelkommode aufbewahrt werden.

Die Frau ist so durcheinander, dass sie keinen zusammenhängenden Satz rausbekommt.

Wo wird sie das Geld verwahren, das wir ihr übergeben? Wer wird ihr dafür etwas zu Essen einkaufen, wo doch kein Laden weit und breit zu sehen war? Wäre es hier nicht besser, Lebensmittel mitzubringen? Das sind die Fragen, die mir durch den Kopf gehen.

Es ist mir peinlich, hier zu fotografieren, aber ich tu es doch, um diese Kargheit und Armut auch für andere bildhaft zu machen.

Einen Antrag auf Entschädigung hat diese Frau gar nicht gestellt. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie in diesem Zustand all diese Hürden überwinden soll, die sie dabei überwinden müsste.

Matrona Orlischenko (Jahrgang 1926)

Sie empfängt uns in der Tür ihres Häuschens mit einem blaugeschlagenen Gesicht, dickem Kopftuch, einem abgewetzten braunen Herrensakko und einem Knüppel in der Hand. Ein waches, lebendiges Gesicht, früher wahrscheinlich einmal eine sehr schöne Frau.

Auch sie lebt allein in dem kalten Haus. Als sie Holz holte, ist sie auf die harte Erde gefallen und hat sich die blauen Flecken im Gesicht geholt. Ihr aussehen ist ihr peinlich und anfangs wehrt sie sich gegen das Fotografieren. Aber nur anfangs. Wir setzen uns um den Tisch, auf dem eine Plüschdecke liegt und sie fängt ohne Zögern an zu erzählen.

Als die Deutschen in ihr Dorf kamen, haben sie die Häuser geplündert und angezündet. Sie hat sich in den nahen Wäldern versteckt und hat sich jeden Abend ins Dorf geschlichen und in dem Schuppen hinter dem Haus geschlafen. Mit Nahrungsmitteln wurde sie durch die Nachbarn versorgt.

1942 nahmen die Deutschen die älteste Schwester und den Vater mit, aber den Vater schickten sie wieder zurück weil er schon zu alt war. Dann nahmen sie auch sie – kaum 17jährig – mit nach Deutschland.

Wie die beiden anderen alten Frauen des Dorfes brachte man sie nach Bochum in eine Geschossfabrik. Das Lager hieß Weidmann. Dort war sie von 1943 bis 1945. Am Schluß musste sie Schützengräben ausheben. Ihre Geschichte ist im Staatsarchiv des Gebiets von Kiew dokumentiert. Deshalb hat sie bei der ersten Auszahlung auch 600 DM bekommen. Befreit wurde sie von den Amerikanern.

In den Monaten vor der Befreiung, als sich niemand mehr um sie kümmerte, war die Hungersnot am schlimmsten. Sie erinnert sich, dass sie auf die Wiese gegangen sind und Gras gegessen haben. Dann ist sie nach Bochum zurück und hat sich in dem geräumten Lager versteckt gehalten.

Bei der Repatriierung wurden 60 000 sowjetische Bürger von den Amerikanern an die Russen übergeben. Mit einem Blasorchester wurden sie wieder in die Viehwagen zurückgebracht. Die verhöre in den Filtrationslagern waren schrecklich. Sie weint.

All das dauerte Wochen und Monate. Erst im August/September kam sie in ihr Dorf bei Kiew zurück. Die Fahrt ging über Brest. Von den Dorfbewohnern erfuhr sie dann, dass der Bruder schon 1941 an der Front gefallen war. Die jüngere Schwester (Jahrgang 1930) war zu Hause geblieben. Sie war ein schönes Mädchen mit zwei langen Zöpfen.

Sie erinnert sich noch wie heute, als sich die beiden in die Arme gefallen sind. Auch die ältere Schwester war schon vor ihr aus Deutschland ins Dorf zurückgekehrt. Sie hatte bei München bei einem Bauern gearbeitet. Aber das war dem Erdboden gleichgemacht und sie alle lebten in den ersten Jahren in Erdhöhlen. Die ersten vier Jahre hat sie im Kolchos gearbeitet. 1950 wurde sie als Brigadierin ausgezeichnet. Dann ging sie nach Kiew zum Metrobau. Bis 1953 leistete sie schwere Erdarbeiten, dann wurde sie gekündigt, weil man herausbekommen hatte, dass sie in Deutschland gewesen ist.

Sie fand eine neue Arbeit in einer Margarinefabrik, wo sie 22 Jahre arbeitete. 1976 kündigte sie ihre Stellung, weil sie nicht länger im Dreischichtensystem arbeiten wollte. Sie hatte damals ihre kranke Mutter zu Hause und musste für ihre Pflege aufkommen. 1978 arbeitete sie dann als Reinigungsfrau beim Brückenbau und das ging bis 1989. Mit 63 Jahren ging sie in Rente.

Ab diesem Monat erhält sie nach diesem Leben voller Schinderei 75 Griwna, vorher waren es 68 gewesen. Der jüngere Bruder, der in der Armee gedient hat, ist 1981 gestorben. Sie war nie verheiratet und hat keine Kinder. Heute ist sie mutterseelenallein in der Welt.

Die kleine Babuschka

Weil sie erst vor kurzem aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen ist und in der Zwischenzeit das Wasser eingefroren ist, sie aber kein Geld für einen Klempner hat, ist es bei ihr zu Hause eiskalt. Zum Schlafen geht sie zu Nachbarn.

Ihr unmittelbarer Nachbar jedoch macht keinen sehr vertrauenswürdigen Eindruck. Er ruft seinen bissigen Schäferhund nicht zurück, als uns dieser anzufallen droht und nach uns schnappt.

Die kleine Babuschka – sie ist kaum 1,50 Meter groß und schlank und wendig wie ein Wiesel – rückt uns ein paar nackte Hocker zurecht. Die Sitzfläche ist eiskalt. Ich sehe meinen eigenen Atem in der kalten Luft.

Auch sie war in Bochum in der selben Fabrik. Auch sie ist kinderlos geblieben, hat aber einen Mann gefunden, der aus besseren Verhältnissen kam. Sie hat im Kolchos gearbeitet. Aber mehr weiß ich nicht mehr, obwohl ihre Erzählung interessant war. Bei der Kälte hatte ich keine Lust mehr, mir Notizen zu machen.

Am Schluß will sie uns noch etwas Gutes tun. Sie organisiert beim Nachbarn eine Flasche Wein und ein Glas mit Speck, aus dem sie uns zwei Stücke mitgibt.

Beschämt über so viel Gastfreundschaft lasse ich meinen Rucksack in dem Häuschen zurück. Ich bemerke den Verlust erst, als wir wieder in der Stadt zurück sind. Mit Jura und Lidia fahre ich noch einmal zurück in das Dorf. Jura verteidigt mich wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel entschlossen mit dem Schneeschieber gegen den geifernden Höllenhund des Nachbarn.

Im Haus keine Babuschka, kein Rucksack! Mein Paß ist da drin und mein Flugticket und natürlich auch Geld. Aber da kommt die Alte aus dem Nachbarhaus und überreicht mir den Rucksack. Mir fällt ein Stein vom Herzen!

Mittwoch, 7. Februar

Besuch im Museum des Zweiten Weltkriegs (1941-1945)

Heute steht als erstes ein gemeinsamer Besuch im MUSEUM des Großen Vaterländischen Krieges auf dem Programm. Maritschka hat am Vorabend für uns eine Führung und einen Gesprächstermin mit der Leiterin arrangiert. Das klappt alles wunderbar.

Das monströse Denkmal der „Mutter Heimat“ steht auf einer Anhöhe des Dnjeper-Tales. Die weibliche Figur im attischen Gewand hat beide Arme wie zum Segen erhoben. In der linken Hand hält sie ein Schild mit den Insignien der Sowjetmacht – Hammer und Sichel im Ehrenkranz –, in der rechten Hand ein abgebrochenes Schwert, das wie bei der amerikanischen Freiheitsstatue fackelartig in den Himmel ragt.

Im Sockel dieser Statue, der wie ein Raketensilo wirkt, ist das Museum untergebracht. Auf dem Weg dort hin kommen wir an Resten eines Festungsbaus aus dem 18. Jahrhundert, an einer stattlichen Villa, die Zwangsarbeiter für den deutschen Kommandanten von Kiew erbaut haben, und an Monumentalfresken mit Szenen aus dem Kriegsgeschehen vorbei.

Durch den Schnee ist dem martialischen Aufzug ein wenig die Strenge genommen. Besonders beeindruckt mich das Arrangement zweier Geschützpanzer vor dem Eingang des Museums. Die Kanonenrohre, die noch kurz zuvor frontal aufeinander gezielt hatten, kreuzen sich beim Näherkommen wie Florettklingen. Sie sind an der Schnittstelle mit einem Schiffstau verknotet.

Ein besseres Symbol für Abrüstung und Friedenssehnsucht hätte man nicht finden können! Wer hat das gemacht? Welche Beachtung findet es bei den Besuchern des Museums?

Die Museumsanlage ist auch von innen in ihrem Gesamteindruck bombastisch und scheint auf den ersten Blick unverändert aus der Sowjetzeit übernommen zu sein. Es gibt nur wenige Besucher.

Bei näherem Hinsehen wurden einige Räume neu arrangiert: den OST-Arbeitern wurde mehr Platz eingeräumt, das Kriegsgeschehen und die Okkupationszeit in der Ukraine erhielt einen eigenen Raum. Und vor allem der letzte Raum, der mit Tausenden von Privatfotos aus der Bevölkerung das Erinnern an die Millionen Opfer des Krieges thematisiert, ist erst ein paar Jahre alt und sehr eindrucksvoll arrangiert.

Hier findet der einzelne Besucher auch seine eigene Familiengeschichte wieder und für Veranstaltungen mit Gesprächen zwischen den Generationen wird dieser Raum auch häufig genutzt. Das ist eine andere Botschaft als die Walhalla für die gefallenen Krieger, eine Form des Erinnerns, die das Individuelle und Persönliche nicht negiert, sondern in den gegenwärtigen Alltag einbezieht.

Die junge Historikerin, die uns durch das Museum führt, fordert bisweilen mit ihren Aussagen zum Widerspruch heraus, aber den verkneifen wir uns. Wichtiger als sofort rechthaberisch und belehrend aufzutreten, ist es für mich, ihre Sichtweise zu hören und zur Kenntnis zu nehmen.

Eine Frage, die sie sichtlich in Verlegenheit bringt, ist die nach der Kollaboration von Ukrainern mit den Deutschen. Darüber könne man heute zwar bei Führungen schon etwas sagen, aber im Museum darstellen können man dieses Thema noch nicht.

Anschließend teilen wir uns für den Rest des Tages in zwei Gruppen auf. Während Markus mit Maritschka und Nadeshda weiter auf den Dörfern Spendengelder verteilt, fahre ich mit Eberhard zur Friedrich-Ebert-Stiftung.

Helmut Kurth, Mitte 30, ist erst seit ein paar Wochen im Amt. Er leitet das Kooperationsbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Ukraine, Belarus und Moldavien.

Eberhard berichtet von unseren Begegnungen der letzten Tage und von unserer Mission, dann stelle ich kurz die Geschichtswerkstatt vor.

Beim Stichwort „Begegnungen“ wird er hellwach. Da könne er sich eine Unterstützung gut vorstellen. Allerdings möchte er so ein Programm nicht auf Berlin beschränkt sehen, sondern den Besuch anderer Ort einbeziehen.

Für die Organisation von Studienreisen aus Deutschland in die Ukraine – wie sie KONTAKTE-KOHTAKTbI im Programm hat – sagt er ebenso eine Unterstützung zu. Sie wird finanziell bescheiden sein, weil das Kiewer Büro über keine großen Mittel verfügt und die eigenen Aufgaben zunächst ganz andere Themenbereich betreffen. Das sind Wirtschaftspolitik, Europa, Parlamentarismus.

Aber er weiß, wie wichtig die Geschichte im Verhältnis der beiden Länder sei und wie wichtig die Geschichte auch in der Vermittlung an die nachwachsende Generation ist.

Nach diesem erfreulichen Gespräch schnappen wir uns ein Taxi für 20 Griwna und fahren hinaus zum Höhlenkloster, dem ukrainischen Nationalheiligtum. Es liegt gleich neben dem Museum von heute früh.

Zur Besichtigung der ausgedehnten Klosteranlage mit einigen alten Kuppelkirchen bleibt uns nur eine Stunde. Wir kaufen uns einen Führer, haben Mühe, die vielen Angebote von Fremdenführern im Eingangsbereich abzuweisen, ziehen es vor, die Anlage selbst zu erkunden.

In einer freskenverzierten alten russischen Kirche zünde ich eine Bienenwachskerze an: das sind meine Blumen des Gedenkens.

Dieses mal fährt uns das Taxi für 15 Griwna zum Hotel zurück.

Donnerstag, 8. Februar

Zweiter Besuch bei der Stiftung

Markus hat zusammen mit der Übersetzerin noch einmal einen Termin bei der Stiftung arrangiert. In seinem aufgeräumten Büro empfängt uns der stellvertretende Direktor Stefan B. Koyak. Das Gespräch dauert über eine halbe Stunde und nimmt einen für beide Seiten befriedigenden Verlauf.

Das Gespräch mit Stefan B. Koyak in Auszügen

Anschließend an das Interview besuchen wir das Archiv der Stiftung, durch das uns ein freundlicher Verwaltungsangestellter führt. Er führt uns in einen Raum, auf dessen Regalen sich die einzelnen Dossiers der Antragsteller türmen.

Jetzt sei man dabei, die Daten der Anträge, bei denen alle erforderlichen Unterklagen zusammen seien, zu digitalisieren. Dabei werden neue Nummern vergeben, die dann bis zur Auszahlung gültig sein sollen. Bis Ende Februar sollen die ersten 10 000 dokumentierten Anträge für den Deutschen Bundestag abrufbereit gemacht werden. Eigene Einzelrecherchen werden bei der Nationalstiftung nicht unternommen, das sei vor allem die Aufgabe der Regionalarchive.

Er greift sich einen Aktenordner und zeigt uns den Inhalt. Das Dossier enthalt:

  1. Den neuen Antrag mit der unterschriebenen Erklärung.
  2. Den alten Antrag.
  3. Die Bestätigung des Regionalarchivs (mit rundem Stempel).
  4. Eine Ablichtung des neuen Personalausweises.
  5. Eine beglaubigte Kopie der Heiratsurkunde.

Abschied

Es heißt Abschied nehmen. Das Gepäck wird auf zwei Autos verteilt, die Menschen auch.

Auf dem Weg zum Flughafen mit den geplanten Zwischenaufenthalten übernimmt plötzlich unser Chauffeur Jura die Regie. Er bittet uns um einen kurzen Zwischenstop bei seinen Schwiegereltern.

Der Schwiegervater: Wassilij Andrejewitsch Kornitschuk. Geb. 26.03.1925. Wurde aus der Ortschaft Monastinschtschinskij nach Deutschland verschleppt. 1943 ist er mit der Nummer 25858 im KZ Neuengamme registriert und säter mit der Nummer 69695 im KZ Sachsenhausen.

Am 15.2.1996 schreibt ihm die Ukrainische Nationalstiftung, dass sein Antrag nicht anerkannt werden könne, weil in dem Nachweis von Sachsenhausen nur sein Nachname, nicht aber sein Vorname registriert sei. Über dieses Schreiben entsteht eine helle Aufregung. Meiner Ansicht nach ist es längst hinfällig, weil aus den anderen Unterlagen hervorgeht:

Aber einen neuen Antrag hat er noch nicht gestellt. Das soll er auf unser Anraten dringend tun.

Die Schwiegermutter und Jura haben inzwischen den Tisch gedeckt. Es gibt einen wunderbaren Gemüsesalat mit Mais uns Krabben, Wurst, Käse, Brot und Butter und den Wodka aus Wassergläsern. Einzig unser Fahrer bleibt abstinent.

Diese Gastfreundschaft ist umwerfend, der Wodka auch. Fototermin mit Blitzgewitter, „Spassivo“, „Spassivo“ – Danke für alles. Wir müssen zum Flughafen!

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