Direkt zum Navigationsmenü.
KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Ein Reisebericht von Anastassja Mischina.
Am 16. Dezember begleitete ich Marina Schubarth nach Kiew. Mit uns kam eine Berliner Journalistin. Jede hatte 20 000 DM mit – ein Drittel der Summe von 60 000 DM, die KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. während zweier Monate als zweckgebundene Spenden bekommen hatte. Die Gelder kamen als Reaktion auf den Bericht Marina Schubarths über ihre Reise in die Ukraine im Oktober 2001.
Unsere Arbeit hatte schon lange vor der Reise begonnen. Wir mussten entscheiden, an wen das Geld ausgezahlt wird. Hier haben wir große Hilfe vom ukrainischen Verband der ehemaligen Häftlinge des Faschismus bekommen. Es waren die Vertreter des Opferverbandes, die entschieden, wer wieviel Geld bekommt – sie haben immer Kontakt zu den ehemaligen NS-Zwangsarbeitern und kennen deren Probleme sehr gut.
Wir selbst bestimmten nur, dass vor allem arme, kranke, bettlägerige oder dringend zu operierende Menschen bevorzugt werden – also, ein Minimum von 100 DM für „einfach“ Kranke bis zu 1000 DM für diejenigen, die operiert werden müssen. Auch sollten sie zu jener Gruppe gehören, die noch keine Entschädigung bekommen haben und keine amtlichen Nachweise zur Verfügung stellen können.
Weiter war es wichtig, dafür zu sorgen, dass wir in der Ukraine gut abgesichert sind. Mit 60 000 DM Bargeld zwischen Grenzen und in der Ukraine herumzureisen ist doch kein Witz! Das sollten wir auch telefonisch erledigen: starke „Bodyguards“ und eine sichere Wohnung zu finden. Als wir in die Ukraine geflogen sind, hatten wir eine Liste der ehemaligen Zwangsarbeiter und 60 000 DM mit. Am Flughafen Borispol warteten zwei starke Jungs und Nadeshda Iwanowna auf uns.
Vier Tage, 60 000 DM, 15 ukrainische Gebiete, ca. 300 ehemalige Zwangsarbeiter. Vier Tage waren wir in Kiew. Jeden Tag machten wir Hausbesuche, oft bis Mitternacht, in verschiedenen Kiewer Bezirken. Auch in einem Dörfchen 200 km von Kiew entfernt – das Dorf war noch nicht mal auf der Karte verzeichnet. Wir haben 18 Leute besucht. Die wurden uns von Nadeshda Iwanowna mitgeteilt – die Kranken, diejenigen, die dringend Operationen brauchten, die Bettlägerigen.
Wir haben mit den Leuten gesprochen, über ihr Verschleppung, über ihre Jahre in Deutschland, über ihre Rückkehr in die Heimat. Es wurde viel geweint, und nicht nur von ihrer Seite. Jeden Tag hatten wir Besuche im Büro des Kiewer Opferverbandes. 14 Verbandsvertreter/innen aus vielen Regionen des Landes waren gekommen, um das Geld abzuholen, Zuwendungen für ihre bedürftigsten Mitglieder. Ungefähr 300 ehemalige Zwangsarbeiter/innen haben einen Teil der 60 000 DM bekommen.
Wovon ich hier berichten will, sind die Fragen, die wir vor unserer Reise in die Ukraine hatten, und die Antworten, die wir dann bekamen.
Wir haben mit dem Opferverband für ehemalige Häftlinge des Faschismus sehr eng zusammengearbeitet. Nadeshda Iwanowna, die Vertreterin des Kiewer Bezirkes, war diejenige, die alle „Termine“ mit den Zwangsarbeitern für uns gemacht hatte. Eine tolle Frau, sie war immer mit, immer dabei, auch wenn wir bis zu später Stunde arbeiteten und bei -20 °C aufs Land fuhren.
Der Opferverband – der Internationale Verband ehemaliger jugendliche Häftlinge des Faschismus wurde vor über 10 Jahren eingerichtet. Mit Filialen in jedem Gebiet der Ukraine – nationale Sektionen gibt es in fast allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion – vertritt die ukrainische Abteilung die Opfer des Nationalsozialismus, vor allem jene, die als Kinder nach Deutschland verschleppt wurden, oder dort geboren wurden, aber auch ehemalige Zwangsarbeiter (Bestimmung nach dem deutschen Gesetz) und Überlebende der Shoah.
Der Verband beschäftigt sich mit Beratung der Opfer zur Zwangsarbeiter-„Entschädigung“. Ehemalige Zwangsarbeiter bekommen vom Verband Hilfe beim Antragsstellen und bei der Nachweisrecherche. Ein Vertreter des Verbandes ist Mitglied des Prüfteams der ukrainischen Nationalstiftung, einer Partnerorganisation der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Jede Filiale des Verbandes nennt die Leute, die sich um die Opfer ihrer Bezirke kümmern. Sie betreuen und besuchen die Kranken oder Bettlägerigen, prüfen, ob alles ist in Ordnung ist, vermerken sofort, wenn es einige Probleme gibt, und versuchen dann, den Leuten zu helfen.
Der Verband führt eine breite Öffentlichkeitsarbeit durch, um die Bevölkerung über die Probleme der ehemaligen Zwangsarbeiter und anderer NS-Opfer zu informieren. Sie führen Recherchen durch und bringen die Ergebnisse an die Öffentlichkeit.
Noch eine unserer Aufgaben war der Besuch bei der Kiewer Partnerorganisation (PO). Dort trafen wir auf eine nette Frau, die Erste Vorsitzende der Stiftung. Sie war sehr freundlich und sprach mit uns etwa 40 Minuten lang über die Auszahlungsprobleme. Neben anderen Fragen, die wir ihr stellten, war die wichtigste, ob und inwiefern unsere Plausibilitätsbescheide von der ukrainischen PO anerkannt werden. – Darauf hat die nette Frau mit einem bestimmten Ja geantwortet, aber ohne ins Detail zu gehen.
Es sieht so aus, als ob die Arbeit der Stiftung und des Prüfteams parallel zueinander verläuft, obwohl die Tätigkeit dieses Prüfteams ein wesentlicher Teil der Stiftungsaufgaben ist. Von der Stiftung werden die Plausibilitätsbescheide anerkannt, trotzdem hängt alles davon ab, wie sich das Prüfteam entscheiden wird, ob das Prüfteam die Bescheide als plausibel gelten lässt. Also bleibt der Schicksal der Plausibilitätsbescheide immer noch eine offene Frage. Diese Frage muss noch mehrmals gestellt werden, bis eine richtige Antwort kommt.
Direkte Hilfe für ehemalige Zwangsarbeiter vor Ort (Ukraine, Belarus, Rußland) ist hochnotwendig. Die Leute brauchen Hilfe beim Einkaufen, Hilfe, Briefe zur Post zu bringen, Gesellschaft, um sich nicht allein zu fühlen. – Parallel zum Einsatz in der Partnerstiftung in der Ukraine, z.B. könnten Freiwillige aus Deutschland auch mit dem Opferverband zusammenarbeiten, um direkte Sozial- und Menschenhilfe zu leisten.
Warum helfen die Deutschen den ehemaligen Zwangsarbeitern – und wir, Bürger dieser Länder, machen in der Zwischenzeit nichts, um diese Leute zu unterstützen? Warum geben wir kein bisschen Geld, das zusammen mit anderen kleinen Spenden eine wesentliche Summe machen würde? Warum gibt's bei unseren Schülern kein Interesse an diesem Kapitel unserer Geschichte?
![]()
Zurück zum Seitenanfang.