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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Vorwort.
Der Juni 1991 war ein symbolträchtiges Datum für den Wegbeginn unseres Vereins. 50 Jahre nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion gaben wir ein spektakuläres Konzert, das dem Gedenken der Opfer dieses Krieges gewidmet war: Hundert junge Musiker aus Leningrad, wie die Stadt damals noch hieß, führten im Großen Saal des Berliner Konzerthauses die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch auf. Gleichzeitig veranstalteten wir eine internationale Historikerkonferenz über die Ursachen, Opfer und Folgen dieses Krieges.
Vor diesem Hintergrund und all dem, was wir seither an Geschichtsaufklärung leisteten, war die Bekanntschaft mit Marina Schubarth ein Glücksfall. Sie gab uns den Impuls, uns der Schicksale ehemaliger „Ostarbeiter“ in ihrer alten Heimat, der Ukraine, anzunehmen.
Seither wurde mit Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen, Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsberichten die Öffentlichkeit informiert. Wir haben eine Spendenkampagne begonnen, die bereits vielen alten Menschen eine Nothilfe ermöglichte. Es sind ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, denen die Nachweise für ihre Verschleppung nach Deutschland fehlen. Bei insgesamt neun Reisen wurden fast 100 000 Euro ausgezahlt.
Die letzte dieser Reisen wurde von unserem ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter Jan Illig und seiner Frau Ute durchgeführt.
Hier sein Bericht:
von Jan Illig.
Auch im Sommer 2002 konnte KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. in Kiew und Umgebung Spendengelder an bedürftige ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen übergeben, die dritte Reise in diesem Jahr. Es wurden vor allem Menschen berücksichtigt, die dringend Geld für medizinische Behandlungen und teure Arzneimittel benötigten.
Obwohl die allgemeinen wirtschaftlichen Indikatoren der Ukraine eine langsame Besserung der Situation anzeigen, konnten wir bei unserem jetzigen Besuch in Kiew und in umliegenden Dörfern wiederholt feststellen, dass dies noch keine positiven Auswirkungen auf die soziale Situation der meisten, nach wie vor unter dem offiziellen Existenzminimum lebenden Ukrainer hat. Gerade auf dem Gebiet der medizinischen Versorgung herrschen für uns unvorstellbare Zustände, über welche die Ukrainer lieber gar nicht erst reden.
Galina Karawajewa (74) aus Kiew sagte: „Wenn du hier krank wirst, bist du verloren, selbst wenn du dich als ehemalige Zwangsarbeiterin beim Professor für eine kostenlose Krebsoperation auf eine lange Liste eintragen lassen kannst; aber wer zahlt dir die Medikamente?“
Marina Schubarth war dieses Mal krank. Trotzdem hat sich KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. entschieden, auch in diesem Sommer weitere Spendengelder in der Ukraine zu überreichen. Es waren insgesamt 11 000 €. Ein Teil davon war für bestimmte NS-Opfer vorgesehen, für das ehemalige Partisanenkind Frau Galina Titowa (64), deren Eltern bei einer Massenerschießung ums Leben kamen, sowie für Frau Vera Dolgowa (73) und für Herrn Pjotr Setko (73) für eine Augenoperation.

Pjotr Setko empfängt 500 Euro für seine Augenoperation.
Das ganze Geld hatte meine Frau Ute im Reisegepäck, als sie am 13. August mit dem Zug nach Kiew fuhr. Bereits mehrere Male war sie mit größeren Summen auf dieser Strecke unterwegs gewesen, niemals gab es Zwischenfälle. Diesmal gab es Komplikationen mit einer Dame im Lederkostüm vom ukrainischen Zoll. Utes Reisegefährtin Isabel Cole aus New York (27), die als Spenderin von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. an dieser Reise teilnahm, sollte das Abteil verlassen.
Mit Ute allein geblieben, lobte die Zollbeamtin die Gesundheit von Utes mitreisendem, unserem 8 Monate alten Sohn Otto, kam dann jedoch recht schnell zur Sache und stellte fest, bei der Überführung von Summen über 1000 Dollar müssten zehn Prozent Zollgebühren entrichtet werden.
Ute war sehr überrascht, blieb auf Grund ihrer Kenntnis der ukrainischen Gesetzeslage jedoch ruhig und antwortete, sie sei natürlich bereit, den geforderten Obolus zu entrichten, aber nur unter der Bedingung, dass ihr dafür eine Quittung ausgestellt würde. Die müsse sie bei der ukrainischen Botschaft in Berlin vorlegen, da es sich bei dem Geld schließlich um humanitäre Hilfsleistungen für ukrainische Privatpersonen handelte, die gewöhnlich nicht verzollt würden. Die kühle Zolldame verließ hierauf das Abteil mit der Bemerkung, sie hole nur einen Quittungsblock, und ward von Ute nicht mehr gesehen.
Bereits am Tag nach ihrer Ankunft trafen sich Galina Titowa und Ute im Ukrainischen Nationalfonds „Verständigung und Versöhnung“. Bemerkenswert ist die Vorgeschichte.
Am 18. Juli 2002 erreichte KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. folgendes Rundschreiben des Ukrainischen Fonds „Erinnerung und Verständigung“:
Sehr geehrte Listenmitglieder!
Da das ungewöhnliche Schicksal dieser Frau uns sehr beeindruckt hat, hier ihre kurze Geschichte:
„Ich, Titowa Galina stamme aus dem Dorf Nowosilki-Dniprowi, Kiewer Gebiet. Auf dem Territorium dieses Gebietes befand sich die Partisanenabteilung ‚Siege‘, die von den Brüdern Naumenko geleitet wurde. Zu der Abteilung gehörte auch mein Vater. Er hieß Grigorij Tschetschko.
Ich war damals 5 Jahre alt, aber ich kann mich erinnern, wie wir erschossen wurden. Im Wald waren wir alle: mein Vater, die Mutter und mein Bruder. Ansonsten waren auch andere Leute dabei. Mein Vater wurde von einem deutschen Soldaten geschlagen und erschossen. Meine Mutter und der Bruder waren die nächsten an der Reihe. Ich legte mich zwischen den Vater und die Mutter und dann wurde ich von dem Soldaten erschossen. Aber der Herrgott hat mir das Leben geschenkt.
Ich war Gott sei Dank nicht tot, aber bewusstlos wegen der schweren Verletzung. Ich hatte eine riesige Brustwunde, und etwa zwei Wochen war ich allein im Wald unter den Leibern, die bereits wurmstichig wurden. Ich trank schmutziges Wasser und aß verschiedene Beeren.
Die Faschisten holten mich, und ich kam dann ins Lager, wo auch andere Kinder von Partisanen eingesperrt waren. Alle diese Kinder mussten in deutsche Lager. Mich rettete aber die Lehrerin Frau Klitschewska. Sie kam hin und wieder mit Essen für die Kinder ins Lager. Einmal bemerkte diese Frau ein Mädchen, das schwer verletzt und dem Tode nahe war. Frau Klitschewska bat einen deutschen Offizier, dieses Mädchen frei zu lassen und nicht nach Deutschland zu verschleppen. Man erlaubte es ihr, allerdings unter einer Bedingung: sollte das Mädchen wieder gesund werden, muss es wieder ins Lager.
Ich war fast tot, kam aber wieder zu Bewusstsein. Ich wurde insgeheim vom Militärarzt behandelt. Als die Rote Armee gekommen war, erfuhren meine Großeltern von diesem Drama. Seitdem lebte ich bei ihnen. An meiner Wunde litt ich mein ganzes Leben lang.“
Alle oben erwähnten Tatsachen sind durch folgende Dokumente bewiesen: Bescheinigung der Kommission (…), die das Präsidium des Obersten Sowjets der Ukraine am 18.10.1983 ausgestellt hat. Kommission § 146920 vom 16.06.1994 bescheinigte mir die Kriegsinvalidität in Folge einer Schußverletzung, rechtsseitiger Brustkorb.
Als Nachwort: Laut Gesetz zur Errichtung der Stiftung ist Galina Titowa nicht berechtigt, eine Entschädigung zu beantragen. Damit ist sie als Naziopfer nicht anerkannt. Möchte jemand der Frau ein paar Worte antworten?
Mit besten Empfehlungen
Lubow Sotschka
Eberhard Radczuweit von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. antwortete sofort, indem er eine Solidaritätsspende in Aussicht stellte. Ute überreichte Frau Titowa 500 Euro.
Galina Titowa mit Ute Illig bei der Geldübergabe
Wie gewöhnlich, wenn sich Leute von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. in Kiew beim Ukrainischen Nationalfonds aufhalten, fragte Ute auch dieses Mal nach dem Verlauf der Angelegenheiten der ehemaligen minderjährigen Häftlinge des KZ „Sowchos Krasny“ in Simferopol auf der Krim.
Seit einem Jahr kämpft KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. um die Anerkennung der Dokumente dieser ehemaligen KZ-Kinder und um deren Kompensationszahlungen. Dabei hat der Verein umfangreiche Recherchen angefertigt und mehrere Male bei den zuständigen Stellen in Simferopol, Kiew und Berlin vorgesprochen. Ute erfuhr, dass die Zahlungen endlich angewiesen wurden und die ehemaligen KZ-Kinder des „Sowchos Krasny“ nun zu ihrem Recht kommen – wir wurden mehrere Male irregeleitet, und so ließ sich Ute zur Sicherheit die entsprechenden Belege zeigen.
Nachdem ich meine Diplomarbeit zu Ende geschrieben hatte, reiste auch ich nach Kiew. Da Marina Schubarth krankheitsbedingt nicht in Kiew zur Verfügung stand, hatte die Partnerin von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., Nadeshda Iwanowna Slessarjowa, sehr auf weitere Unterstützung aus Deutschland gewartet.
In wochenlanger Vorarbeit erstellte sie für die Spendenaktion Listen von ehemaligen Zwangsarbeitern, die sich in einer besonderen Notsituation befinden und denen unbedingt geholfen werden musste: 87 bedürftige, ehemalige NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Sie wohnen in Kiew und Umgebung an 87 verschiedenen Punkten; allen sollte das Geld möglichst direkt überreicht werden; alle wollen aus ihrem Leben erzählen und etwas von den Spendern aus Deutschland erfahren, jeder hat verschiedene Fragen. Viele Einsame müssen getröstet werden! Allein kann Nadeshda Iwanowna dies nicht leisten – selbst zu zweit bzw. zu dritt konnten wir an einem Tage nicht mehr als 10 Menschen aufsuchen.
Nadeshda Iwanowna berichtete auch von einem weiteren Problem: Sie hat Angst, am Abend mit dem Spendengeld in ihrer Handtasche allein in Kiew unterwegs zu sein. Sie ist 72 Jahre alt, unter Stress spürt sie die Nachwirkungen der medizinischen Experimente aus ihren Kindheitstagen im KZ Ravensbrück, sie bekommt dann kaum noch Luft – und wie soll sie sich dann gegen einen Handtaschendieb zur Wehr setzen?
Vier Tage lang haben Ute und ich zusammen mit Nadeshda Iwanowna ehemalige Zwangsarbei-terinnen und Zwangsarbeiter in Kiew und Umgebung zu Hause besucht. Die noch halbwegs Gesunden hatten sich zu verabredeten Terminen in einer Wohnung versammelt, um das Geld in Empfang zu nehmen und um miteinander zu reden.

Acht ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Kiew und Umgebung versammeln sich in der Wohnung von Galina Karawajewa und Pjotr Setko, um Geld für Medikamente und medizinische Behandlungen in Empfang zu nehmen. Ebenfalls zu sehen: Der jüngste Gast Otto Alexander Illig aus Berlin-Pankow.

Die New Yorkerin Isabel Cole lebt seit sieben Jahren in Berlin. Sie arbeitet als freie Literatur-Übersetzerin. Von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. hatte sie durch einen Spendenaufruf im Berliner Tagesspiegel erfahren. Sie begleitete Ute nach Kiew und nahm als „Kontakte-Spenderin“ an der Verteilung des Geldes teil.
Im Folgenden Eindrücke von einer Fahrt durch mehrere Dörfer und durch Kiew von Isabel Cole:
Am 8. September 2002 begleitete ich Jan Illig und Nadeshda Ivanovna Slessarjowa bei der Verteilung von Spendengeldern auf Dörfern in der Umgebung von Kiew und in Kiew.
Ich bin das erste Mal „auf dem Lande“ in der Ukraine und mich beeindruckte die Gastfreundschaft der Menschen, die schönen Baumalleen und die scheinbar so idyllischen Dörfer.
Unseren ersten Besuch erstatteten wir im Dorf Staiki, bei Aleksandra Kornejewna Strilko (79). „Sie haben Besuch aus Berlin,“ ruft Nadeshda Iwanowna bereits an der Tür des kleinen Häuschens. „Ich war noch nie in Berlin,“ erwiderte die Frau aus dem Inneren des Hauses, die uns überhaupt nicht erwartet hatte. Nadeshda Iwanowna erklärt ihr die Arbeit von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. und ermuntert sie, uns ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
Aleksandra Kornejevna wurde mit 15 nach Deutschland gebracht und hat drei Jahre lang in einer Rüstungsfabrik bei Thale gearbeitet, wurde schließlich von den Amerikanern befreit. In der Fabrik gab es „Menschen“ und „Nichtmenschen“, erzählte sie – zu den „Nichtmenschen“ zählten die Ostarbeiter. Jetzt erhält die ehemalige Zwangsarbeiterin eine Rente von 55 Hriwna (ca. 15 Euro) im Monat – das reicht gerade für das Essen, nicht für Medikamente.
Aber gerade diese braucht Aleksandra Kornejewna, denn sie leidet an Krampfanfällen. In ihrem Haus ist es ordentlich und sauber. – „Oft sieht es aus, als ob sie es gut hätten,“ sagt uns Nadeshda Iwanowna, „Die alten Leute haben Teppiche und Kristall noch aus Sowjet-Zeiten, aber es nützt ihnen nichts, denn sie können die Sachen heute nicht mehr verkaufen und haben kaum etwas zu essen.“

Aleksandra Strilko hat als 15-Jährige in einer Rüstungsfabrik im Harz gearbeitet

Im Dorf Sloboda besuchen wir Feodossija Grigorjewna Sarapina (76). Sie ist bettlägerig, mit einem Oberschenkelhalsbruch, das Haus ist verschlossen und außer ihr ist niemand da. Mit Hilfe eines Stuhls schleppt sie sich bis an die Haustür, kann aber den Schlüssel nicht finden, um uns aufzumachen. Endlich finden wir ein offenes Fensterchen – das Geld wird durchgereicht, die Dokumente werden unterschrieben.
Feodossija Sarapinas Haus ist verschlossen, Jan Illig und Nadeshda Iwanowna reichen das Geld für die Schmerzmittel durch das Fenster

Wir brechen auf, um nach der Nachbarin zu schauen, die, wie man uns im Dorf sagte, auch eine Zwangsarbeiterin gewesen sein soll. Unverhofft kommen dann jedoch Tochter und Enkelin von Feodossija Grigorjewna vom Markt wieder. Sie öffnen das Haus, laden uns ein und schlachten die gerade gekaufte Wassermelone. „Oma war heute das erste Mal seit Monaten auf den Beinen“, erzählen Mutter und Tochter tief beeindruckt.

Feodossija Sarapina, seit Monaten erstmalig wieder auf den Beinen
Im Hause sehe ich zum ersten Mal einen richtigen ukrainischen Ofen, der die Hälfte des Zimmers in Anspruch nimmt, mit unzähligen Nischen und einem Schlafplatz obendrauf.
Als nächstes besuchen wir Nikolai Filipowitsch Kutscherenko (77) in Sakutenzi. In Deutschland arbeitete er zunächst auf einem Bauernhof, dann anderthalb Jahre im Bergwerk, in der Nähe von Aussig (heute tschechisch: Usti). Es wurde 180 Meter unter der Erde gearbeitet. Die Ostarbeiter mußten jeden Tag sechs Kilometer zur Arbeit laufen. Nach der Befreiung durch die Russen, so Nikolai Filipowitsch, wurden viele – Männer wie Frauen – von ihren Landsleuten gleich als Verräter erschossen. Er selbst wurde sogleich in die Rote Armee eingezogen. Wenn er „freiwillig“ nach Deutschland gegangen wäre, hätten sie ihn sofort ins Lager geschickt. Damals gingen viele „freiwillig“ nach Deutschland, um der Hungersnot in der Ukraine zu entkommen.
Nikolai Filipowitsch besitzt Dokumente, die beweisen, daß er in Deutschland Zwangsarbeit geleistet hat, allerdings nicht wo. Deshalb bekommt er keine Entschädigung. Er leidet an einer Gehirnerkrankung und verliert häufig plötzlich das Bewußtsein.

Nikolai Kutscherenko wurde gleich nach der Befreiung in die Rote Armee eingezogen. Aus dieser Zeit ist sein Porträt erhalten geblieben.
Nach dem Gespräch mit Nikolai Filipowitsch laden uns dessen Nachbarn, die mit auf dem Hof leben, zum Mittagessen ein. Die Nachbarsfrau brät schnell Spiegeleier, der Nachbar holt seinen selbstgebrannten Schnaps (Samogon). Zwei Stunden lang werden Toaste ausgebracht, wird gesungen, diskutiert und auf die Völkerverständigung getrunken.

Zum Gastmahl in Nikolai Kutschenkos Haus
Im Dorf Krasni Worota kommen wir gar nicht dazu, Wassili Solowejevitsch Samyrailo (79) zu interviewen – der Tisch ist schon gedeckt. Offensichtlich haben uns Wassili Solowejevitsch und seine Frau Marija Stepanowna doch erwartet. Sie lassen keine Ausreden gelten, wir müssen ein zweites ausgiebiges Mittagessen zu uns nehmen. Unsere mangelnde Trinkfreudigkeit enttäuscht die Gastgeberin, die ihren selbstgebrannten Zitronenwodka hervorgeholt hat. Nach dem Essen bekommen wir einen Eimer Äpfel geschenkt, unser Fahrer rüttelt noch an dem Birnbaum, damit wir auch davon etwas haben.

Wassili und Marija Samyrailo auf ihrem Hof unterm Birnbaum.

Bereits wieder in Kiew, erwartet uns als Letzte Vera Iwanowna Dolgowa (77). Auch bei ihr ist der Tisch gedeckt – noch vom Mittag. Es ist fast 11 Uhr abends, und wir können wirklich nicht mehr, aber man kann nicht „nein“ sagen. „Sie kommen immer als Letzte zu mir“, sagt Vera Iwanowna vorwurfsvoll zu Nadeshda Iwanowna, „Ich schaffe es nie, einen mit Ihnen zu trinken.“

Vera Dolgowa nimmt die Spende von Frau Wulff aus Kiel für eine Augenoperation entgegen. Ihren einzigen Sohn, der im letzten Jahr an Krebs starb, kann ihr nichts zurückbringen.
Zum Abschluss unserer Reise übergab uns Nadeshda Iwanowna folgenden Dankesbrief der Ukrainischen Vereinigung der Häftlinge und Opfer des Faschismus mit den Unterschriften von 38 ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.
Ukrainischer Verband der Häftlinge und Opfer des Faschismus – Kiew
An
den Projektleiter der Nichtregierungsorganisation KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., Herrn Eberhard Radczuweit und das gesamte Kontakte-TeamDankesbrief
Ihre Vereinstätigkeit ist auf die soziale Unterstützung von Menschen ausgerichtet, die während der Herrschaft des Dritten Reiches unter dem Nazismus leiden mussten. Jetzt sind sie schon alt, krank und schwach, ihr Existenzniveau liegt unter der Armutsgrenze.
Wir schätzen Ihre große, internationale humanitäre Tätigkeit, welche zur Aussöhnung und Verständigung zwischen unseren Völkern, dem ukrainischen und dem deutschen, beiträgt, aus gan-zem Herzen.
Heute haben wir von Ihnen die für die medizinische Versorgung notwendige finanzielle Unterstützung erhalten.
Vor Ihnen, Ihren Sponsoren, den Firmen und Privatpersonen, das heißt allen, denen unser Schicksal nicht egal ist, eine tiefe Verbeugung. Bleiben Sie alle gesund und glücklich. Frieden und Wohlergehen Ihnen und den Ihren.
- 38 Unterschriften von ehemaligen Zwangsarbeitern -

Der Autor
Jan Illig, geb. 1970, arbeitet ehrenamtlich seit drei Jahren bei KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.
Er studiert Slawistik und Germanistik. 1995/96 studierte er an der Universität Wolgograd. 1997 reiste er als Deutschlehrer durch die Siedlungen der Russlanddeutschen im Odessaer Gebiet.
1997 – 1999 war er für die Hilfsorganisation „Taten statt Warten“ in Odessa tätig. 1999 beteiligte er sich an der deutsch-russischen Projektreihe „Schule und Demokratie“ des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI und seit dem Jahre 2000 an dessen Solidaritätsaktionen für NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Ukraine.
Mehrmals im Jahr werden durch unsere Mitglieder unmittelbar Nothilfen vor Ort ausgezahlt.
Spendenkonto:
Kontakte-Kontakty, Konto-Nr. 306 55 99 006, Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00
Kennwort „Soforthilfe“
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