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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Mit Spendengeldern für NS-Opfer in die Ukraine.

Marina Schubarths dreizehnte Reise: Kiew – Dnepropetrowsk – Jalta (4. bis 18. April 2004).

Diese Spendenreise bringt gleich drei Projekte in die Ukraine: „Bürger-Engagement für NS-Opfer“, „Soforthilfe für NS-Zwangsarbeiter“ und Internationales Theaterjugendprojekt „OST-Arbeiter“. Wir beschließen, mit dem Bürger-Engagement am nächsten Tag in Kiew zu starten.

Kiew, den 05.04.2004

Gleich am Morgen fahren wir in die Ukrainische Nationale Stiftung, wo wir herzlich empfangen werden. Nadeschda, die mich in Kiew begleiten wird, hat in ihrer Tasche eine Liste von NS-Opfern, welche noch keine Entschädigung bekommen haben, weil sie von der Stiftung einen Ablehnungsbescheid erhielten. In der Ukrainischen Stiftung bekomme ich Adressen von ehemaligen Kriegsgefangenen, die von der Bundesstiftung nicht berechtigt sind, eine Entschädigung zu bekommen, aber durch das Projekt „Bürger-Engagement“ jetzt eine humanitäre Geste erhalten können.

Der erste NS-Geschädigte erweist sich als ein ehemaliger KZ- Insasse. Er war in Weißrussland, als der Krieg ausbrach. Gleich 1941 wurde er in Weißrussland schwer verwundet. Er kam in ein Krankenhaus, in das ihn die Dorfbewohner brachten. Dort wurde er nicht als Soldat, sondern als ein ganz normaler Bürger behandelt. Wegen Platzmangel in den Lazaretts kamen auch Soldaten in dieses Krankenhaus. Als die Deutschen das Krankenhaus betraten, mussten die, welche noch laufen konnten, aufstehen, so auch er, und gemeinsam mit Kriegsgefangenen musste er losgehen. Zu Fuß ging die große Gruppe und kam nach ein paar Tagen im KZ Maidanek an. Er wurde mit anderen Kameraden nach ein paar Monaten aussortiert und in Viehwaggons gesperrt. Wohin es ging, wusste keiner. Ihm und seinem Freund gelang die Flucht. Er kehrte zurück in die Ukraine, wo er die restliche Zeit des Krieges im Versteck lebte.

Wegen seiner Verletzungen ist er Frührentner geworden. Heute noch ist sein Arm gelähmt. Er hat noch nie eine Entschädigung bekommen. Heute lebt er unter sehr schweren Umständen. Seine Frau und er sind schwer krank, beide gehen nicht mehr auf die Straße. Der Kühlschrank ist leer. Medizin kann er sich nicht leisten. Er wurde mit 300 Euro aus dem Projekt „Bürger-Engagement“ begünstigt. Es war schwer, diese beiden Menschen so zu sehen, die ihr Leben fast aufgegeben haben. Und es war erleichternd zu wissen, dass sie sich jetzt durch die 300 Euro aus dem Bürger-Engagement Medizin leisten können und vielleicht neuen Lebensmut finden.

Der zweite, den wir besuchten, erwies sich ebenfalls als kein Kriegsgefangener. Wladimir studierte in der Akademie der Künste in Kiew, wo man eine bestimmte Akademieuniform trug. Die Deutschen fingen ihn auf der Straße, als er gerade auf dem Weg nach Hause war. Da die Deutschen dachten, er wäre ein Soldat (wegen seiner Uniform), kam er zu der Kriegsgefangenengruppe. Wladimir erinnert sich, wie man ein paar Tage zuvor gefangengenommene Matrosen zur Erschießung durch die Stadt jagte. Sie gingen durch die Stadt, sangen ein Aufstandslied, wohl wissend, dass sie alle umgebracht werden.

Zu Fuß ging es nun nach Deutschland. Wer in der riesigen Kolonne zurückblieb, wurde auf der Stelle erschossen. Und so fand er für sich ein, wie sich herausstellen sollte, lebensrettendes System: Beim Appell sich ganz nach vorne hinzustellen, damit er in den stundenlangen Märschen langsamer werden konnte und sich, durch die große Erschöpfung bedingt, zurückfallen lassen konnte. Aber eben nur so weit, dass er nicht als letzter ging und erschossen wurde.

Unterwegs warfen ukrainische Frauen und Kinder den Gefangenen Brot zu, doch die Deutschen eröffneten genau in diesen Momenten das Feuer. So erinnert er sich:„… lagen rechts und links von der Straße erschossene Frauen und Kinder …“ Diese Bilder hat er sein Leben lang nicht vergessen können. Er kam nach Bremen (Augusthausen, Baden und Grossmeer – so seine Erinnerung), bekam die Lagernummer 10186, die er bis heute im perfekten Deutsch aufsagen kann. Aus dem Lager holte ihn ein Bauer zu sich, damit er ihm bei der Landwirtschaft hilft. Doch Wladimir, der ja aus der Stadt kam, erwies sich als untauglich. Wladimir war in der Stadt aufgewachsen und wusste nicht einmal, wie man Kartoffeln ausgräbt. Es kam zur Schlägerei zwischen dem Landwirt und ihm. Im Lager bezog er dafür Prügelstrafe.

Als er in seine Heimat zurückkehrte, warf man ihm Vaterlandsverrat vor, und es folgten 10 Jahre im sibirischen Lager. In dem kleinen Zimmer, wo er und seine Frau wohnen, hängt ein Bild, das er einst in seiner sibirischen Baracke gemalt hatte. Ein Fensterbrett und Feldblumen in einer kleinen Vase. „Ein Stück Leben und Hoffnung“, wie er es nannte. Heute lebt er mit seiner Frau, einer ehemaligen „Ostarbeiterin“, unter dramatischen Umständen. Beide leben in einem winzigen Zimmer. Zu Essen hatten sie Weißbrot und Tee. Medizin war kaum vorhanden, obwohl beide schwer herzkrank sind. Wie viel 300 Euro sind, wussten sie nicht, denn sie haben noch nie Euros gesehen, geschweige denn, in der Hand gehabt. Die Dankbarkeit stand in ihren Augen, er griff sich dauernd fassungslos ans Herz. Die Freude, dass Menschen in Deutschland ihr schweres Schicksal nicht ignorieren, brachte den beiden noch Tränen in die Augen.

Die nächsten Hausbesuche führten zu NS-Opfern, damals Kinder oder Minderjährige, die mit ihren Familien nach Finnland kamen. Dort gab es ein großes Lager, speziell für Familien gebaut. Das Lager hieß Petrosawodsk. Es war in verschiedene „Unterlager“ mit entsprechenden Nummern aufgegliedert. Die Lager 2 und 6 waren wohl solche, wohin vor allen Familien kamen. Die Menschen, die in dieses Lager kamen, waren einer fürchterlichen Brutalität ausgesetzt. Schläge, Beschimpfungen, kaum Essen, Schwerstarbeit, Misshandlungen, Erschießungen, Kälte, Krankheiten und Hunger – das sollte der jahrelange Alltag sein.

Swetlana berichtet, wie sie mit allen Familienangehörigen dorthin kam. Wie sie von zu Hause abgeholt und ohne eine Chance, etwas an Kleidung oder persönlichen Gegenständen mitzunehmen, aus ihrem Haus „rausgeworfen“ wurden. Sie erinnert sich an die Brutalität der Aufseher, die in der idyllischen Natur um das Lager herum noch brutaler wirkten. Andrej erinnert sich, wie die Mütter bis zum Bauch im Wasser stehen mussten und abgesägte Bäume, die den Fluss abwärts trieben, aufs Land ziehen mussten. Irina hat ihre Angehörigen dort verloren.

Die drei Menschen, die wir besuchten, kannten sich untereinander nicht, obwohl sie zum Teil in den selben Lagern waren. Es war bedrückend, wie sie mir ihre Ablehnungsbescheide vorlegten, in denen man sie bürokratisch sachlich darüber informiert, dass diese Lager nach dem Stiftungsgesetz nicht in den Grenzgebieten von 1938 lagen und sie somit nicht berechtigt sind, eine Entschädigung von der Bundesstiftung zu bekommen. Die finnischen Archive haben zwar diesen drei Menschen einen Nachweis darüber erstellen können, dass sie tatsächlich in diesen Lagern waren, aber sagten auch gleichzeitig, dass Deutschland diese Entschädigung zahlen müsse. Und aus Deutschland erhielten sie die Antwort, dass sie ihre Entschädigung in Finnland fordern sollten. Das Bürger-Engagement konnte auch diesen Menschen ein Stück Gerechtigkeit zurückgeben.

Es war bereits zwölf Uhr in der Nacht, als wir die Wohnung von Irina verließen. Auf der Liste von Nadeschda stand aber noch eine Adresse, und so fuhren wir weiter.

Olga war damals ein Kind, als sie in ein Lager Namens Artjöm in Kiew kam. Es handelte sich dabei um eines der Durchgangslager, in die Hunderttausende „Ostarbeiter“ während des Krieges geschleust wurden. Warum man Olga, ihre Mutter und noch andere Gefangengenommene nicht nach Deutschland abfahren ließ, hat sie nie erfahren. In diesem Lager, ein Hauskomplex mit einem Innenhof, musste Olga nun über ein Jahr lang leben. Kein Rauskommen aus dieser Einrichtung, die mit Stacheldraht und Wachen abgesichert war. Sie erinnert sich, dass man in diesem Lager nie heizte und kaum Essen austeilte. Was sie zu essen bekam, stammte von neu eingetroffenen Gefangenen, die ihr aus Mitleid etwas vom mitgebrachten Brot abgaben. Die Mutter wurde täglich aus diesem Lager abgeholt und zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt. Olga musste im Lager putzen, oder vegetierte einfach so vor sich hin, ohne zu wissen, ob ihre Mama zurückkommen würde.

Da das Lager in Kiew und nicht in Deutschland war, und auch vom Gesetz der Stiftung nicht anerkannt wird, hat Olga kein Anrecht auf eine Entschädigung. Durch das Bürger-Engagement hat sie nun eine Geste erhalten können. Olga gelang es später im Leben, als Deutschlehrerin und Übersetzerin zu arbeiten. Und auch hier wird uns eine Gastfreundlichkeit zuteil, die in Anbetracht der mehr als bescheidenen Verhältnisse so sehr rührt. Olga läßt es sich nicht nehmen, uns mit einem Tee und extra frisch geöffneter Schokolade, die sie manchmal als Dankeschön für ihre Übersetzungen bekommt, zu beköstigen.

„Soforthilfe“ Kiew, den 06.04.2004

Auf unserem Plan für den heutigen Tag stehen Hausbesuche in Randbezirken von Kiew.

Wir fahren in einen Vorort. Dort warten bereits zwei der bei der vorletzten Reise begünstigten Menschen. Nadeschda sagt uns vorher, dass Maria in sehr schlechtem Zustand sei. Man hat ihr ein Bein amputiert, und das andere solle demnächst amputiert werden. Ihr Sohn war in Deutschland geboren worden, der nur durch eine deutsche Krankenschwester, die ihm heimlich Milch in die Baracke schmuggelte, überleben konnte.

In einer 2-Zimmer Wohnung leben insgesamt 6 Menschen. Die Mutter Maria, ihr bettlägeriger Mann, deren Sohn und Tochter, sowie die Frau vom Sohn und der Mann von der Tochter. Maria geht es wirklich sehr schlecht. Sie bedankt sich immer wieder für die damals gebrachte Spende, mit der sie Medikamente für sich und ihren Mann kaufen konnte. So hatte sie wenigstens nicht allzu große Schmerzen. Die Operation konnte sie damals von der ersten Auszahlung aus der Stiftung bezahlen, nun aber käme die zweite Rate erst im nächsten Jahr. Sie weint und zeigt ihr geschwollenes schmerzendes Bein. Ihr Sohn hätte seine Gesundheit dort in Deutschland gelassen , sagt sie unter Tränen. Stundenlang musste sie ihr Baby allein in der Baracke lassen, während sie selbst Zwangsarbeit leisten musste.

Die nächste Adresse liegt auf der gegenüber liegenden Seite von Kiew, wir müssen also durch die ganze Stadt. Aber unsere Fahrerin Nelly kennt alle Abkürzungen. Sina und ihre Mama wissen nicht, dass wir kommen. Was für eine Freude, als sie uns die Tür öffnet! Mama! Besuch aus Deutschland!! Und schon sitze ich bei Mama auf ihrem Bett, und wir halten uns die Hände. Die Mama Vera wurde am 22.07.1942 aus dem Dorf Lutschin verschleppt . Sie kam ins Sudetenland. Vera wurde von einem Bauern ausgewählt. Ohne etwas gegessen zu haben, nach einem 10 Kilometer langem Marsch mit nackten Füßen wurde Vera vom Bauern sofort aufgefordert zu arbeiten. Sie sollte Heu schaufeln. Wegen Erschöpfung, Hunger und zu langer Arbeit, bekam Vera Nasenbluten. Der Bauer wurde deswegen wütend und begann, auf Vera einzuschlagen.

„Dieser Tag muss ein Glückstag sein!“, sagt Sina begeistert und zeigt auf den Tisch. Gerade heute, vor dem Gedenktag der Zwangsarbeiter, haben sie vom Bezirk ein Paket mit Zucker, Mehl, Schokolade, ein wenig Wurst und eine Konserve erhalten. Und nun auch noch Gäste aus Berlin! Es wird ein langes Gespräch. Ich erzähle über die Arbeit von Kontakte, über mein Jugendtheater-Projekt. Ich zeige Fotos davon, und schon klettert Sina auf einen Stuhl und holt mir für die Mädchen aus der Theatertruppe ukrainische Kopftücher. Wir scherzen, binden uns alle die Tücher um, und Katharina macht ein Foto.

Auch die Spende kommt zur richtigen Zeit, denn auch hier werden Medizin und Lebensmittel dringend gebraucht. Sina pflegt seit Jahren ihre bettlägerige Mama, kann aus diesem Grund keiner Arbeit nachgehen. Das Geld reiche demnach von vorne bis hinten nicht. Mit 32 Euro zwei Menschen zu versorgen – das ist schlicht und einfach nicht möglich. Mit den Spenden aus Deutschland, die ich schon das dritte Mal im Namen der Spender der Familie übergeben konnte, können die beiden Frauen sich das Wichtigste kaufen – vor allem aber Medizin.

Von hier aus fahren wir direkt zum Bahnhof.

Dnepropetrowsk 07.04.2004

Morgens kurz nach sechs Uhr erreicht unser Zug die Stadt Dnepropetrowsk.

Auch hier warten bereits zwei Opferverbandsvertreter auf uns. Wir fahren gleich zu Ludmila nach Hause. Sie hat uns ein schönes Frühstück vorbereitet. Sie erzählt:

„Geboren bin ich 1936. Als der Krieg ausbrach, ging meine Mutter in den Untergrund. Wir lebten in dem Städtchen Irpenj bei Dnepropetrowsk. Meine Tante holte mich eines Tages ab. Und mit ihr wurden wir von deutschen Soldaten gefangen genommen. Ich erinnere mich an eine riesige Menschenkolonne, in der wir Dnepropotrowsk verließen. Wir gingen lange, ich fror fürchterlich. Irgendwann pferchte man uns in einen Viehwaggon. An die Fahrt kann ich mich kaum erinnern. Ich bekam Gelbsucht. Eine Station bleibt mir in Erinnerung, wo wir eine lange Zeit nackt unter der Dusche standen. Es ging das Gerüchte um, dass wir in einer Gaskammer sind. Ich wusste aber damals nicht, was eine Gaskammer war.

Nach Deutschland kam ich also mit meiner Tante. Wir kamen in das Reichsbahnlager Haldorf. Die nächste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich hinter Stacheldraht. Und hinter dem Stacheldraht war die Natur so wunderschön.. Als der Krieg vorbei war, kehrten meine Tante und ich nach Irpenj zurück. Am Bahnhof traf meine Tante ihre Bekannte. Ich lauschte deren Gespräch: ‚… weißt Du, .man hat Sima verhaftet!‘ Sima, das ist meine Mama. Was ‚verhaftet‘ in der Sowjetunion zu bedeuten hatte, wusste ich bereits. Im Jahr 1938 verhaftete man meinen Großvater. Kurz darauf wurde er erschossen.

Nein, ich habe weder geschrieen noch geweint, als ich die Nachricht über meine Mama bekam. Ich wurde in diesem Moment zu einer Erwachsenen. Alles in mir zog sich zusammen und fiel irgendwo in eine Tiefe. Es verschwanden alle Farben. Was wartete auf mich in der Heimat? Unser Haus war niedergebrannt, meine Mama in Gefangenschaft, mein Papa in irgendwelchen Filtrationslagern.“.

Ludmila zeigt uns ein Video von einer Befragung in Dnepropetrowsk zum Thema : „Was waren die OST Arbeiter“. Das Resultat ist erschreckend. Von den meisten Befragten wusste kaum jemand, was sich damals hinter der Aufschrift OST verbarg. Höchstens die Personen, deren Großeltern selbst Zwangsarbeiter waren und auch darüber mit den Enkeln geredet haben. Ich zeige Ludmila eine Videoaufzeichnung meines Theaterstückes „OST“ in Berlin. Sie ist sehr beeindruckt und berührt, und kurz darauf fahren wir los, um uns ein kleines Theater anzuschauen. „Euer Stück ‚OST-Arbeiter‘ muss hier in der Ukraine gezeigt werden!“, sagt sie immer wieder. „Es wäre für unsere Jugend wichtig, dieses Thema so zu zeigen.“

Wir fahren weiter. Unsere nächste Adresse liegt wieder außerhalb der Stadt. Dort lebt Boris, ein ehemaliger Zwangsarbeiter der Reichsbahn, Berlin-Lehrter Bahnhof. Vor zwei Jahren wurde er mit weiteren acht ehemaligen Reichsbahnern vom Verein Kontakte nach Berlin eingeladen. Boris wird seit dem Besuch in Berlin durch Spenden unterstützt.

Was für eine Freude, als Boris uns sieht. Wir sprechen über Berlin, über die dort gewonnenen Freunde. Boris strahlt. Es tut ihm gut, dass man ihn nicht vergisst.

Wir fahren weiter. Die ehemalige Ballerina Alla wartet schon ungeduldig auf uns. Alla kam vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus nach Hause zurück. Die Spende, die ich ihr bei der letzten Reise übergeben konnte, ist gänzlich für die Operationen draufgegangen. Sie hat mehrere Operationen hinter sich. Alla war in der Kriegszeit eine 15jährige Ballerina, als man sie nach Deutschland holte. Sie hat vor Zwangsarbeitern in Berlin tanzen müssen. Zurückgekehrt in die Heimat, wurde sie wegen Vaterlandsverrates zu 25 Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilt. Tanzen konnte sie danach nie wieder.

Diesem Schicksal hat meine Theatergruppe ein Stück gewidmet: „Tänzerin hinter Stacheldraht“.

Am Abend fahren wir weiter. Auf uns wartet wieder eine Nacht im Zug. Draußen gießt es.

Simferopol, 08.04.2004

Auf dem Bahnsteig wartet Lida. Lida Chodirewa war ein 6jähriges Kind, als man sie zum „Lebensborn-Kind“ machte. Heute ist sie die Vertreterin des NS-Opferverbands auf der Krim, seit Jahren unsere enge Mitarbeiterin.

An diesem Tag wird es ein Treffen mit einigen Zwangsarbeiter/innen in Simferopol, im „Heidelberg-Zentrum“ geben. Nicht alle, die zu unserem Treffen gekommen sind, können ihre Geschichte ganz erzählen. Zu weh tut die Erinnerung.

Unsere nächste Adresse ist Warwara. Sie lebt in einer 2-Zimmer-Wohnung und legt viel Wert auf Sauberkeit und Gemütlichkeit. Dass sie 82 Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an. Sie spricht ein sehr schönes Deutsch, wählt immer ganz fein ganz besondere deutsche Wörter. Sie gehört dem Vorstand des Opferverbandes an. Ob sie für ihre Arbeit Geld bekommt? Sie winkt einfach lächelnd ab.

Am Abend erreichen wir unsere älteste Frau bei dieser Reise. Maria ist 94 Jahre alt. Sie arbeitete bei Siemens in Berlin. Sie lebt in einer Wohnung, wo es nur das Notwendigste gibt. Ein Tisch, Stühle, ein Herd und ein Kühlschrank, wo ein paar Einmachgläser drin stehen. Nirgendwo in der Küche können wir etwas Essbares sehen, außer eben ein paar Einmachgläsern mit Gurken oder Paprika. Im Schlafzimmer über dem Bett hängt ein Kreuz, sonst ist nichts an den Wänden. Ihre Freude ist besonders groß, denn noch nie hat sie jemand aus Deutschland besucht. Im hohen Alter hat sie begonnen, Gedichte zu schreiben. Sie greift zu einem Blatt auf dem Tisch. Seitdem sie von unserem Besuch gehört hat, ist sie so voller Vorfreude, dass sie extra für uns ein Gedicht verfasst hat, dass sie uns stolz vorträgt.

„Dieses Gedicht möchte ich den Menschen im heutigen Deutschland widmen, vor allem der jungen Generation. Denn das sind die Menschen, die jetzt den Weg zu uns in die Ukraine finden. Das macht mich glücklich.“

In diesem Gedicht beschreibt sie das Unrecht, das im Krieg der Zivilbevölkerung angetan wurde. Sie appelliert, Kriege nicht zu führen, die Kraft des Lebens zu schöpfen und dies nicht zu vernichten. Sie schreibt an das heutige Deutschland, wo, wie sie betont, heute ganz anders denkende Menschen leben als damals.

Maria wurde mit ein paar Freundinnen in den letzten Kriegswochen von einem Lageraufseher immer wieder außerhalb Berlins gebracht. Auf dem Land konnten die Mädchen so viel Kartoffeln sammeln, wie sie nur tragen konnten. Manchmal schafften sie es sogar, diese dort am Feld zu kochen. Dieses Stück Land gehörte einem deutschen Kommunisten. Eines Tages blieb Maria bei ihm, fiel in ein Bett (das erstemal nach 3 1/2 Jahren schlief sie in einem Bett!). Als sie aufwachte, stellte sich heraus, dass im Versteck noch andere deutsche Kommunisten und eine Jüdin lebten.

Ein paar Tage später hörte sie draußen Panzergeräusche und Schüsse. Sie dachte, ihr Ende sei gekommen und ging auf die Straße hinaus. Auf sie zu rollte ein Panzer der Sowjetischen Armee. Sie blieb stehen. Die Panzerluke öffnete sich, und ein Soldat schaute raus. Beim Anblick von Maria kam er aus dem Panzer, und die beiden lagen sich in den Armen.

Plötzlich begann der Panzer auf etwas zu zielen. Hinter Maria liefen die deutschen Kommunisten und die Jüdin. Sie riefen auf Russisch: „Nicht schießen! Wir sind deutsche Kommunisten und eine Jüdin! Wir haben auf Euch gewartet!“

Maria hat viel zu erzählen. Die erste Rate der Entschädigung hat sie vor zwei Jahren bekommen. Das Geld ging für Medizin und Lebensmittel drauf. Sie glaubt nicht mehr, dass die zweite Rate noch zu Lebzeiten ankommt. Zu viele andere wären erst mal vor ihr dran. Sie lächelt dabei und legt ihre großen Hände in ihren Schoß.

Jalta, 9.04.2004

Spät in der Nacht erreichten wir Jalta. Doch Ankünfte spät in der Nacht sind Polina, ehemalige Zwangsarbeiterin aus Aachen, ihre Töchter Luba und Waleria seit Jahren gewohnt. Große Wiedersehensfreude! Und Freude, einen neuen Gast aus Deutschland willkommen zu heißen! Katharina hat in diesen paar Tagen schon viele russische Wörter gelernt. Wir setzen uns an einen reichlich gedeckten Tisch, und es wird eine lange, wunderbare Nacht mit Geschichten und der Freude, sich endlich einmal wieder zu sehen.

Polina ist eine stolze Frau, keine, die sich schnell beklagt. Sie kommt mit wenig aus, lebt sehr diszipliniert. Das einzige, was ihr im Wege steht, sind die Krankheiten, die in diesem Alter nun mal kommen. Und damit natürlich das Problem, Medikamente zu bekommen, die erschwinglich sind. Mit Polina schauen wir die Namenslisten von noch lebenden Zwangsarbeitern aus Jalta durch. Polina kennt jeden.

Als wir damals unsere Arbeit vor 4 Jahren begannen, lebten noch 380 ehemalige Zwangsarbeiter in Jalta. Heute sind es nur noch 200. Polina hat sich überlegt, die aus Deutschland mitgebrachte Spende auf alle in Jalta noch Lebenden zu verteilen. Jeder solle eine gleiche Summe bekommen. Sie sagt, es sei ein schönes Zeichen am Gedenktag aller „Ostarbeiter“, dem Tag der Befreiung des KZ Buchenwaldes. Und die, die nicht mehr zur Gedenkstätte kommen könnten, würden dann durch Hausbesuche diese kleine Geste überreicht bekommen. Ein wenig Geld soll dann auch beim Opferverband bleiben, um bei Notfällen eine kleine Hilfestellung geben zu können. Und so verteilte der Opferverband an jeden 5 Euro. Das sind 30 Griwna. Die übliche Rente liegt zwischen 90 und 130 Griwna im Monat. Auch wenn die Summe so winzig erscheint, die Wichtigkeit liegt im Ausdruck der Solidarität.

An diesem Tag warten auf uns weitere 10 ehemalige „Ostarbeiter“ und KZ-Insassen.

Wir fahren zum Opferverband Jalta. Was für eine Freude strahlt uns entgegen! Wir gehen in den einzigen Raum, in den Keller eines sechsstöckigen Hauses. Hier sind nun Olga, Polina, Maria, noch eine Olga, Iwan, Katharina, Wladislaw und, und, und. Jeder möchte seine Geschichte erzählen. Ich kenne diese Menschen seit Jahren, und doch erzählen sie mir immer mehr und mehr. Wir haben ein herzliches Verhältnis und tiefes Vertrauen über die Jahre hindurch aufgebaut. Sie sehen in mir eine ukrainische Freundin aus Deutschland, den Verein Kontakte als einen Verein, der ihren Schicksalen und dem heute schweren Leben nicht den Rücken zukehrt, sondern seit Jahren alles dafür tut, damit diesen Menschen in ihrer Not ein wenig geholfen wird. Sie sind gerührt, dass man sie in Deutschland nicht vergessen hat, dass Menschen aus vielen Orten Deutschlands über Jahre hindurch ihnen geholfen haben, Operationen, neue Brillen, Hörgeräte, Krücken, Medikamente oder Lebensmittel finanziert.

Als ich ihnen über die Jugendlichen erzähle, Zeitungsartikel, Fotos von Proben und von den Auftritten zeige, Gesichter, die seit über einem Jahr im Berliner Bunker unentgeltlich das Stück „OST Arbeiter“ spielen, weinen die meisten vor Rührung. Sofort übernimmt der Vorstand unter der Leitung von Wladislaw Suchorukow eine Initiative und schreibt einen Brief an den Berliner Senat: „Wir, Opfer des NS- Regimes, bitten, diese Theatergruppe moralisch und finanziell zu unterstützen, und alles dafür zu ermöglichen, damit diese Truppe nach Jalta zum Gastauftritt kommen kann.“

Während sie diesen Brief gemeinsam schreiben, schaue ich mir diese Menschen an. Was wird sein, wenn nicht mehr so viel gespendet wird? Was wird aus diesen Menschen? Wer wird in Zukunft helfen? Wladislaw Suchorukow, der Robusteste von allen, verspricht mir, seine noch vorhandenen Kräfte für die Theatertruppe aus Berlin einzusetzen. Vor zwei Tagen ein Anruf von Polina aus Jalta: Wladislaw liegt im Krankenhaus. Er hat Blutkrebs.

Kiew, den 12.04.2004 bis 18.04.2004

Zurück in Kiew, verbringen wir die nächsten Tage mit Besuchen bei der Stiftung, Presseinterviews, Planung unserer weiteren Projekte für die Zukunft. Am 16.04.2004 sind wir in eine Schule eingeladen. Dort werden ehemalige Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer ihren Gedenktag feiern. Die Schulleitung hat ein richtiges Bankett für die etwa 50 Gäste organisiert. Davon sind rund 30 ehemalige Zwangsarbeiter/innen und andere NS-Opfer. Eine Schülergruppe singt und tanzt. Bei diesem Treffen werden 30 ehemalige NS-Opfer begünstigt. Viele davon werden seit einigen Jahren durch KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. unterstützt. Ihr vielfach vorgetragener Dank gilt allen, die unsere Projekte unterstützen!

In dieser über 1600 km umfassenden Spendenreise war ich für drei Projekte unterwegs. Jedes Projekt hat sein eigenes Gesicht. Während das „Bürger-Engagement“ sich auf jene konzentriert, die durch das Gesetz der Bundesstiftung nicht berücksichtigt werden, oder auf die, denen man einen Ablehnungsbescheid wegen fehlender Nachweise ausstellte, konzentriert sich das „Soforthilfeprojekt“ auf NS-Opfer, die ebenfalls in sozialer Notlage sind, obwohl sie vom offiziellen Deutschland begünstigt werden. Im Soforthilfe-Projekt arbeiten verschiedene Opferverbände, die mich genau dahin bringen, wo Not ist. Aber man kümmert sich auch um eine ständige soziale Betreuung, indem ich mein Augenmerk bei meinen Spendenreisen nicht nur auf neue NS-Zwangsarbeiter richte, sondern unseren bereits begünstigten Menschen weiterhin mit Hilfe zur Seite stehe, sie oft bis zu ihrem Tod begleite. Eben eine Patin zu sein, die nicht nur einmal kommt.

Das dritte Projekt ist die Geschichtsaufklärung mit den Mitteln der Kunst. Am 21.06.2003 fand im Berliner Bunker am Blochplatz unterstützt von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., Club Dialog und Unterwelten e.V., die Premiere des Stückes „OST-Arbeiter“ statt. Eine internationale Jugendtheatergruppe sowie professionelle Schauspieler, erzählen in Form eines Dokumentartheaters Schicksale ehemaliger „Ostarbeiter“. Die Gruppe besteht aus 30 Darstellern aus 12 Nationen, spielt seither unermüdlich und unentgeltlich dieses Stück. Zu uns kamen mehr als 30 ehemalige Zwangsarbeiter aus Russland und der Ukraine. Sie verliehen dem Stück und der Gruppe einen symbolischen „Theaterweltpreis“. „Kein Film, kein Buch hätte ihr Schicksal so erzählen können, wie dieses Theaterstück“. Für eine Bühnenfassung wählte ich die Geschichte von Alla Rakitjanskaja, die ich hier vorgestellt habe. Wir würden gerne den Wunsch der ehemaliger Zwangsarbeiter erfüllen und in verschiedenen Städten der Ukraine unser Stück zeigen, doch bisher suchen wir nach einer finanziellen Unterstützung.

Im Namen von vielen NS-Opfern, welchen wir auf dieser Reise begegnet sind, möchte ich mich von ganzem Herzen auch für die kleinste Spende bedanken!

Weitere Spenden sind dringend erforderlich.

Wir leben in einer Zeit, in der das Thema „Zwangsarbeit“ aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verschwinden droht.

Um diese Menschen sich zu kümmern, ihnen einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen, um Geschichtsaufklärung leisten zu können, darum geht es uns. Deshalb wird jede Spende weiter benötigt! Beachten Sie bitte unsere Kennwort-Veränderung!

Das seit 4 Jahren bestehende Soforthilfeprojekt hat ein neues Kennwort. Bitte schreiben sie ab jetzt „SOFORTHILFE“. Das Bürger-Engagement hat das Kennwort „NS-Zwangarbeiter“.

Meine nächste Spendenreise werde ich in Oktober 2004 antreten und Sie dann wieder informieren.

Herzlichst, Ihre

Marina (Maritschka) Schubarth

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