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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Das lange Warten auf ein bisschen Gerechtigkeit.

Im ukrainischen Dzensiliwka haben bislang nicht einmal zehn Prozent der ehemaligen Zwangsarbeiter ihre Entschädigung aus Deutschland erhalten.

Ein Bericht von Amory Burchard.

Knapp 200 Kilometer von Kiew entfernt, in einem Dorf an der Chaussee nach Odessa. Im Musiksaal der Schule von Dzensiliwka sitzen dicht gedrängt etwa 75 alte Frauen und Männer.

Alle Frauen tragen wollene Kopftücher, die Männer sind in ihren vielfach geflickten Arbeitsjoppen gekommen. Zerfurchte Gesichter, schwere, rissige Hände, in denen viele irgendwelche Papiere halten.

„Wer von Ihnen war in Deutschland?“, fragt Marina Schubarth, die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Berliner Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI zu den Völkern der ehemaligen Sowjetunion.

Alle melden sich.

„Und wer hat schon die erste Rate erhalten?“

Fünf der ehemaligen Ostarbeiter melden sich.

Als Marina Schubarth schließlich denjenigen, die noch Probleme mit ihrem Entschädigungsantrag haben, anbietet sie zu beraten, erheben sich über die Hälfte.

Zwei Stunden lang erklärt die aus der Ukraine stammende Berlinerin den alten Menschen die Schreiben vom internationalen Suchdienst in Arolsen – zumeist Formbriefe, in denen um Geduld gebeten wird – oder macht ihnen Mut, dass die ukrainische Stiftung sich bestimmt bald melde.

Marina Schubarth reist seit zwei Jahren regelmäßig in die Ukraine, um von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. gesammelte private Spenden an ehemalige Zwangsarbeiter zu verteilen. Rund 90 000 Euro hat sie auf jetzt sieben Reisen bei unzähligen Hausbesuchen übergeben.

Auch in Dzensiliwka lässt sich von den 70- bis 90jährigen ihre Lebensituation schildern, hört viele Klagen über unbezahlbar teure Herzmedikamente oder Operationen.

Fünfzehn Bedürftigen kann sie ganz konkret helfen, mit humanitärer Soforthilfe, dank der sie die Monate bis zur Auszahlung der Entschädigung überbrücken können.

Während die alten Menschen sprechen, schreibt die ehrenamtliche Helferin aus Berlin unaufhörlich mit. Jeder Fall wird dokumentiert, jede Spende quittiert.

Einige exemplarische Fälle wird Marina Schubarth zwei Tage später der Ukrainischen Nationalstiftung in Kiew vortragen:

Zum Beispiel Ivan Babka ….

Und was ist mit dem Fall des ehemaligen Traktoristen Ivan Babka, für den Marina schon vor einem Jahr mit Hilfe von „ZDF Reporter“ den Nachweis als Industriearbeiter in einer bayerischen Fabrik besorgte?

Er ist verzweifelt, hat Angst, dass er die „erste Rate“ nicht mehr erlebt. Ivan Babka ist mit seinen beiden alten Freunde in die Schule gekommen, mit denen er als 14jähriger aus Dzensiliwka zur Zwangsarbeit nach Bayern deportiert wurde.

„Wir waren 18 Jungen aus der Siedlung, vier sind noch übrig“, sagt Petro Maljowanij. Der Vierte, Mischa Pavlenko, liege zu Hause – im Sterben. Bevor Ivan in die Fabrik verlegt wurde, arbeiteten sie zusammen in einem Kalkwerk, lebten in einer Baracke.

Die Deutschen haben Dzensiliwka übel mitgespielt: Aus dem 1000-Seelen-Dorf wurden rund 200 Menschen – zumeist junge Mädchen und Frauen – verschleppt, 240 Männer fielen im Krieg.

Trotzdem werden die Gäste aus Deutschland – Teilnehmer einer von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. veranstalteten Seminarreise – überaus herzlich aufgenommen und nach Landessitte üppig bewirtet.

Es hat keinen Sinn darüber nachzudenken, welchen Teil der Rente die Zubereitung der Speisen gekostet haben mag. Sie geben es von Herzen, wird uns erklärt, und ihr solltet euch von Herzen bedienen.

Zurück in Kiew geht es am nächsten Tag zur Ukrainischen Nationalstiftung. Vielleicht können wir hier etwas bewegen für diese tapferen, großzügigen Menschen aus Dzensiliwka.

Rund 560 000 Anträge auf Entschädigung wurden hier bis zum 31. Dezember 2001, dem offiziellen Annahmeschluss eingereicht.

In gut begründeten Ausnahmen könnten auch in den kommenden Wochen noch Anträge nachgereicht werden, sagt Raisa Budko, die Sprecherin der Behörde. In einem abgelegenen Dorf zu leben, sehr alt und ein bisschen verwirrt zu sein, könnte so ein Grund sein.

Drängenden Fragen nach der „schleppenden Auszahlungen“ begegnen die Mitarbeiter der Stiftung mit glasklaren Zahlen und Ablaufplänen. Seit dem Beginn der Auszahlungen im Februar 2001 hätten bereits rund 75 000 Menschen ihre erste Rate bekommen.

Dass es in einem Dorf wie Dzensiliwka erst fünf sind, sei eine „normale Rate“. Zuerst erhalten die KZ- und Getto-Häftlinge Geld, dann die Industriearbeiter und dann die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Innerhalb der Gruppen wird die Dringlichkeit wieder nach Alter und etwaiger Behinderung unterschieden.

Anna Karol? Ein Stiftungs-Mitarbeiter guckt im Computer nach: „Da gibt es kein Problem, sie ist anerkannt, aber Jahrgang 1926 und hat kein Attest über ihre Behinderung.“ Anna und auch Ivan Babka, sagt der Mann, müssten „noch in diesem Jahr“ ihr Geld bekommen.

Der Diabetiker dagegen habe ein Problem: Er könnte schon ausgezahlt sein, streitet mit der Stiftung aber noch um seinen Status als Industriearbeiter, den er nicht belegen kann.

Bei einer Befragung durch den sowjetischen Geheimdienst nach dem Krieg hatte er aus Angst vor Repressionen angegeben, „nur“ in der Landwirtschaft gewesen zu sein.

Eine Archivanfrage, liest der Mitarbeiter am Computer ab, liege in Arolsen. Rund 30 000 solcher Anfragen hat die Stiftung seit Mai 2001 gestellt, und rund 8000 Antworten bekommen. Die des Mannes aus Dzensiliwka war noch nicht dabei.

Die gesicherten Fälle werden alle zwei Monate auf Listen mit 30 000 bis 40 000 Namen an die deutsche Stiftung weiter gereicht. Nach einer Woche kommen dann Stiftungsmitarbeiter aus Deuschland, um im Kiewer Stiftungsarchiv 10 Prozent der Fälle nach Aktenlage zu überprüfen.

Es gebe sehr wenige Beanstandungen, sagt Raisa Budko.

Dann werde das Geld für die Leute von der Liste von Berlin überwiesen und aus Kiew unverzüglich an die Filialen der ukrainischen Vertragsbank weitergeleitet. Die regionalen Banken sind es dann, die die Empfänger benachrichtigen.

Von diesen Abläufen seien die ehemaligen Zwangsarbeiter schriftlich und in den Medien informiert worden, sie könnten außerdem jeder Zeit bei einer „Hotline“ in Kiew anrufen und nachfragen.

„Aber wir verstehen gut, dass sie keine Informationen mehr brauchen“, sagt Budko, „sie brauchen das Geld.“

Nach dem Termin in der Stiftung ist für Marina Schubarth und Nadeshda Slesarjowa vom Kiewer Opferverband noch lange nicht Feierabend. Wie jeden Tag bei dieser und den sechs früheren Reisen machen sich die beiden Frauen auf den Weg zu ihren Hausbesuchen.

Nadeshda hat für diesen Tag eine Liste zusammengestellt mit Namen und Adressen von zehn „Neuen“: Frauen und Männer, von deren Schicksalen der Opferverband gerade erst erfahren hat, die meist noch keinen Cent aus Deutschland bekommen haben und in schlimmer Not leben sollen.

Leben unter dem Existenzminimum.

Am Stadtrand, in einer wild gewachsenen Siedlung finden wir die 81jährige Katerina Prijenko nach langem Suchen in einem heruntergekommenen zweistöckigen Mehrfamilienhaus.

In Kopftuch und mit dicken Wollstrümpfen an den geschwollenen Beinen sitzt Katerina im Wohnzimmer, in dem auch sie und ihr Mann schlafen. Sohn Viktor hat die beiden kürzlich vom Dorf zu sich geholt, weil die Mutter so krank und schwach war.

Jetzt wohnen sie zu fünft in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung.

Viktor wurde im Februar 1943 in Krefeld geboren. Katerina war im achten Monat schwanger, als die Deutschen sie abholten. Ein paar Tage nach der Geburt musste sie wieder zehn Stunden am Tag in der Chemie-Fabrik arbeiten. Viktor blieb allein in der Baracke und schrie sich einen Leistenbruch.

Gerettet wurden die beiden von Kurt, dem Vorarbeiter in der Chemiefabrik und von einer Krankenschwester. „Kurt rief immer ‚Katja, Katja‘“, erinnert sich Katerina unter Tränen, „und legte mir heimlich Essen unter das Fenster.“ Die Krankenschwester brachte Milch vom Bauern.

Als die alte Frau eine kleine Pause vom Sprechen braucht, geht Marina unauffällig in die Küche und guckt in den Kühlschrank. Dort stehen vier Weckgläser mit Sauermilch, eingemachten Früchten und Gemüse. Daneben liegt eine Plastiktüte mit Innereien. Auf dem Herd steht ein Topf Suppe.

Alles ist ordentlich und sauber, aber diese Familie lebt in bitterster Armut, notiert sie.

Marina fragt nach und erfährt, dass Viktors Rente als Automechaniker, Katerinas Rente und das, was ihr 77jähriger Mann als Wächter in einer Fabrik verdient, zusammen nicht einmal das offizielle ukrainische Existenzminimum für eine Person ausmachen.

Katerina leidet an Polyartritis, das Medikament lässt seit einigen Monaten Beine und Gesicht anschwellen.

Wieder übergibt Marina „humanitäre Hilfe, die die Deutschen für Sie gesammelt haben“. Wieder verlässt sie eine Wohnung in der Gewissheit, so bald als möglich zurückkommen zu müssen.

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