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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Ein Reisebericht von Marina Schubarth.
Oktober 2005.
Dieses Mal geht es ohne das OST-Theater und mit 18 000 Euro in die Ukraine, was für Katharina und mich nicht weniger Arbeit bedeutet, denn auf dem Plan für die „Soforthilfe“ stehen die Städte Kiew, Andruschewka, Bardoschiwka, Koschanka, Igrenj, Dnepropetrowsk, Simferopol und Jalta.
Das bedeutet in zehn Tagen vom Norden der Ukraine bis in den südlichsten Zipfel und zurück.
In Kiew angekommen, fahren Katharina und ich gleich am nächsten Tag mit unserer Fahrerin Nelly direkt ins Herz der Ukraine: In das Winniza-Gebiet.
Zwanzig Jahre lang war ich nicht mehr in diesem Dorf, woher meine Urgroßeltern und meine Großmutter stammen, das Dorf meiner Kindheit.
Dieses Dorf kann man auf der Karte der Ukraine kaum mehr finden. Als hätte man schon entschieden, das dieses Dorf schon ausgestorben ist. Dieses winzige Dorf liegt im Winniza-Gebiet, einem Gebiet, wo sich Tausende kleiner Dörfer in einer paradiesischen Landschaft verstecken.
In diesem Dorf Bardoschiwka leben heute nur noch siebzig Einwohner. Das sind dreißig Höfe.
Man muss fünf Stunden aus der Hauptstadt Kiew fahren, um dahin zu kommen. Bis zur Stadt Bila Zerkiw ist die Straße noch gut zu befahren, dann muss man abbiegen. Man fährt durch kleine Ortschaften und die wunderschöne Landschaft der Ukraine. Diese Landschaft überwältigt einen einfach mit seiner Weite, ohne Häuser, Fabriken, Zäune oder Menschen. Sie liegt einfach still und ruhig in der Sonne da und erfreut das Herz.
Die Straßen werden nun auch schwerer befahrbar, kaum ein Auto kommt uns entgegen. So fahren wir eine Stunde, bis wir wieder durch kleine Orten fahren. Man sieht die Kolchosen, Sowchosen aus der sowjetischen Zeit, doch sie sind fast alle stillgelegt.
Irgendwann endet die asphaltierte Straße, nur noch unbefestigte, holprige, kleine Wege. Löcher, Steine, Wurzeln machen die Fahrt mühsam.
Plötzlich entdecke ich die Wälder und die Felder meiner Kindheit, wo ich meine Ferien verbrachte. Auch entdecke ich den Hügel mit eng stehenden Bäumchen – genau in dieser Oase liegt das winzige Dorf Bardoschiwka.
Was weiß ich über diesen Ort noch?
Meine Urgroßmama Nastassia kam aus einer bürgerlichen Familie. Sie war eins von zehn Kindern. Ganz jung heiratete sie den Bauern Semen, meinen Urgroßvater. Mit achtzehn Jahren bekam sie meine Großmutter Maria.
Unter Stalin in den dreißiger Jahren nahm man ihnen alles – die Tiere, das Essen. Es begann die Zwangskollektivierung, die vielen das Leben kostete. Meine Urgroßeltern waren gezwungen, in der Kolchose für den Staat zu arbeiten.
1933 kam die künstlich herbeigeführte Hungersnot durch Stalin. Meine Großmutter war bereits fast verhungert, sie lag nur noch in ihrem Bett, konnte nicht mehr aufstehen. Eine Zwiebel im Garten, zu der sie nur noch kriechend auf dem Boden gelangte, rettete ihr durch den Vitaminschub das Leben.
Wenn man durch so eine reiche Landschaft fährt, ist es unvorstellbar, wie Hunger in solchen Regionen jahrelang herrschen konnte und Millionen Menschen in dieser Zeit einfach verhungerten. Die Bauern mussten alles, was sie ernteten, abgeben. Wer auch nur ein Weizenkorn versteckte, konnte erschossen werden.
Kaum hatte sich die Ukraine wieder ein wenig erholt, kam der Zweite Weltkrieg.
Das Winniza-Gebiet hat viele Wälder. In diesen Wäldern versteckten sich zu der Zeit viele Partisanen. Menschen leisteten Widerstand, oder ganze Familien versteckten sich bei den Partisanen.
Es gab aber auch viele Kollaborateure unter der Bevölkerung, die mit den Nazis zusammen arbeiteten. Manche von ihnen wollten gegen den Stalinismus gemeinsam mit den Nazis vorgehen, um eine unabhängige Ukraine zu bekommen. Diese Kollaborateure nannte man Polizei. Diese Polizei überreichte den Nazis die Listen mit jüdischen Namen, Partisanen und dann die Namen der jungen Menschen, vorgesehen für den Transport zur Zwangsarbeit nach Deutschland.
Gerade im Winniza-Gebiet lebten viele jüdische Menschen, die man als erstes begann, grausam zu ermorden. Wenn ein Nazi ums Leben kam, wurde als Vergeltung ein ganzes Dorf angezündet. Oder wenn die Nazis im Dorf Partisanen vermuteten, geschah dasselbe. Die Nazis brannten ganze Dörfer nieder samt deren Einwohnern, ungeachtet dessen, dass es Kinder oder alte Menschen waren.
In das Dorf Bardoschiwka kamen die Nazis wegen des Verdachtes auf Partisanen. Ein sogenannter Polizist verriet, dass dort in einem Haus Partisanen Munition sammelten. In einer Nacht begannen die Häuser zu brennen, Menschen wurden getötet.
Kurze Zeit darauf begann die Jagd auf die Jugend, zur Zwangsarbeit vorbestimmt. Meine Großmama war damals zwanzig, als es an der Tür unseres Hauses klopfte. Sie machte auf. Vor ihr stand ein völlig erschöpfter junger Mann, der sie um Wasser bat. Sie sahen sich in die Augen – es war Liebe auf den ersten Blick.
Er war bei den Partisanen als Journalist tätig, und ohne zu zögern, folgte meine Großmama ihm zu den Partisanen in die Wälder.
Alle anderen jungen Mädchen und Jungen wurden entweder nach Deutschland, Österreich oder auch nach Frankreich deportiert, um dort als OST-Arbeiter/Innen zu arbeiten. Sieben Kilometer entfernt gab es einen Kulturclub. Dort sammelte man die Jugendlichen. Dann ging es noch einige Kilometer zu Fuß zum Bahnhof, wo man die jungen Menschen in Viehwagons hineinpferchte und deportierte.

In Bardoschiwka.
Meine Familie überlebte, natürlich nicht alle, Brüder von meinem Großvater kehrten aus dem Krieg nicht zurück, meine Großtante wurde erschossen, und andere Verwandte überlebten den Krieg nicht.
Die heimlich gedruckten Aufrufe zum Widerstand meiner Großeltern findet man heute noch in der Schule in Andruschewka, dem Geburtsort meines Großvaters, in einem Museum und im Kiewer Mutter-Heimat-Museum.
Nach dem Krieg schrieb mein Großvater noch diverse Romane über den Krieg im Winniza-Gebiet und sein Dorf.
Als kleines Kind fragte ich oft die Einwohner von Bardoschiwka, ob sie auch gegen die Nazis gekämpft hätten, aber meine Urgroßeltern sagten mir oft: „Frag nicht Kind, sie hatten es schwer im Krieg.“ Kein Wort über Deutschland, kein Wort über Zwangsarbeit.
Wir steigen aus dem Auto. Ich muss weinen, denn meine Kindheit steht vor mir, zwanzig Jahre war ich nicht hier.
Von der Stille und der frischen sauberen Luft sind wir überwältigt, ein Gefühl, als wäre man in eine andere Zeit gekommen, eine ganz andere Zivilisation. Kleine Lehmhütten stehen noch, keine Straßenbeleuchtung, Ziehbrunnen, Hühner, Gänse, Kühe, Ziegen.
Alles ist hier so, wie es wahrscheinlich noch vor hundert Jahren war.
Wir gehen die „Hauptstraße“ runter, und gleich entdecke ich die Lehmhütte meiner Urgroßeltern. Der große Garten ist völlig zugewachsen, und niemand kommt mehr aus dem Häuschen, der mir sagt:„ Kindchen, da bist du ja, meine liebe Urenkelin!“
Da die Nachbarn natürlich sofort mitbekommen haben, dass ein Auto in das Dorf gekommen ist, dauert es nicht einmal eine Minute, und schon kommen die Einwohner zu uns. Sie erkennen mich gleich, und ich erkenne sie! Freude, Tränen, Fragen. Alles vermischt sich mit Emotionen.
Man öffnet mir die Tür meines Häuschens. Wir betreten das Haus. Meine Eltern waren vor sechs Monaten hier. Aus diesem Häuschen haben sie fast ein kleines Museum gemacht. Die Schürze meiner Urgroßmutter hängt da, die Mütze meines Urgroßvaters hängt an einem Nagel – noch genau da, wo er sie immer aufhängte.
Im Haus riecht es immer noch nach den beiden und nach Hefebrot und nach meiner Kindheit. Ich fühle mich hier zu Hause. Hier sind meine Wurzeln, hier ist das Leben, was wir Stadtmenschen fast vergessen haben – mit der Natur, mit wenigen Dingen im Einklang zu leben.
Unerwartet erfahre ich, dass meine Oma mit Verwandtschaftsgrad über tausend Ecken noch lebt. Nina heißt sie. Ich kann mich an sie erinnern, nur weiß ich nicht, dass sie zu meiner Familie gehört. Sie nimmt uns sofort auf, Katharina nennt sie ihre zweite Enkelin, hat sie gleich ins Herz geschlossen.
Bald erzählt Nina über den Zweiten Weltkrieg, denn von meinen Eltern weiß sie, dass ich mich mit diesem Thema seit Jahren beschäftige:
„Meine Familie wurde aus dem Haus getrieben, es wurde geplündert, und dann zündeten sie das Haus an. Sie brannten es nieder.
Wir gingen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, um einen Unterschlupf zu finden. Hunger, Kälte, Morde, Schreie, Tränen, Flucht und Angst, das war meine Kindheit.
Als der Krieg vorbei war und die Mama ein winziges Haus baute, hatte ich nicht einmal mehr Schuhe. Aber ich wollte weiter zur Schule gehen. Ich bekam einen rechten Männerschuh, und der linke war ein Frauenschuh. So konnte ich noch ein paar Monate zur Schule gehen.
Doch als diese Schuhe durch waren und der Winter kam, konnte ich die fünf Kilometer nicht mehr gehen. So musste ich zwangsläufig die Schule abbrechen, was mein ganzes Leben bestimmt hat.
Vielleicht wäre ich in ein Institut gegangen, vielleicht Lehrerin geworden. So aber war ich gezwungen, in der Landwirtschaft zu arbeiten.“
Nina führt uns in ein anderes Haus, zu einem anderen Hof. Dort leben Hanka, Olga und Mikola. Alle waren sie in Deutschland. Hanka ist neunundachtzig Jahre alt.

Marina (r.) und Nina.
Als wir in ihr Haus kommen, empfängt sie uns mit den Worten: „Frau Merkel hat bei Euch gewonnen, sie wird Eure neue Kanzlerin! Findet Ihr es gut für Euer Land oder schlecht?“ Sie fände es nicht so gut, weil Frau Merkel der Ukraine und Russland nicht so offen gegenüber stehe wie der Kanzler Schröder, weil ihr Amerika wichtiger sei.
Bis jetzt haben weder Katharina noch ich von der Wahlresultaten hier in der ukrainischen Landschaft etwas mitbekommen.
Hanka lebt mit ihren zwei Kindern zusammen. Sie arbeitet trotz ihres Alters immer noch in der Landwirtschaft, ansonsten könnte die Familie in den lang anhaltenden Wintermonaten, wo das Dorf von jeglicher Zivilisation abgeschnitten ist, nicht überleben. Die Familie hat zwar genug zu Essen, dafür hat sie kein Geld, um sich Kleidung oder Medizin zu kaufen.
Das einzige, kleine Geschäft, wo man Brot, Zucker und auch Kleidung kaufen konnte, ist seit dem Zerfall der Sowjetunion zu. Das nächste Geschäft und die nächste Apotheke bedeuten einen Fußweg von sieben Kilometern – hin und zurück. Die Rente kommt auch nicht regelmäßig.
Mikola trägt einen Anzug aus den achtziger Jahren, an den Füßen Pantoffeln. Andere Schuhe hat er nicht, und das Geld für Schuhe ist nicht aufzubringen. Wenn das Geld mal kommt, dann wird es für Medizin, Glühbirnen, Zucker und Mehl ausgegeben. Für mehr reichen die Renten nicht aus.
Über dreißig Jahre hat er in der Kolchose gearbeitet. Dann kam die Arbeitslosigkeit, als man nach und nach die Kolchosen schloss. Meine Mama hat Hanka geholfen, ihren Nachweis über die Zwangsarbeit zu bekommen, so wie für Mikola und Olga. Sie haben die Entschädigung schon erhalten, aber schon lange für das Notwendigste aufgebraucht. Schuhe gehören nicht dazu.
Olga ist krank, sie muss schon lange zum Arzt. Aber wovon soll sie sich die Medizin kaufen? Ich lasse ein wenig Geld da, und am nächsten Morgen, als wir die Familie besuchen, hat Olga sich schon ganz früh morgens auf den Fußmarsch zum Arzt und zum Geschäft gemacht, um ihrem Bruder Schuhe zu kaufen. Insgesamt sieben Kilometer hin und sieben zurück.
Mikola wird uns nun nach Koschanka und dann nach Andruschewka bringen. Er kennt dort fast jeden, weiß genau, wo ehemalige Zwangsarbeiter/Innen leben. Er macht uns auch mit dem Dorfrat von Andruschewka bekannt. Dieser kennt auch sehr viele, die wir besuchen sollen. Wir reden über das Dokumentartheater OST-Arbeiter und haben sofort eine tolle Idee: In Andruschewka, so wie auch in Koschanka und Bardoschiwka gibt es aus der sowjetischen Zeit noch echte Theater und Kulturhäuser.

Theater in Andruschewka.
Er schließt uns ein Theater im Herzen Andruschewskas auf. Ein fantastisches Theater, wo früher tolle Gastspiele aus den Städten stattfanden, wo das Dorf Konzerte sang. Der Boden im Foyer müsste erneuert werden, die Bretter sind marode. Aber sonst ist das Theater wunderbar erhalten.
Ich habe sofort die Idee, dass man mit den Jugendlichen und Schülern aus dem Dokumentartheater hierher kommen könnte, zusammen mit den Einheimischen dieses Theater renovieren und dann eine gemeinsame Aufführung und Konzert machen könnte.
Als Grundlage für das Szenario würde ich die Texte von den drei berühmt gewordenen Schriftstellern dieses Dorfes, darunter die Texte meines Großvaters, nutzen.
Der Dorfrat sagt sofort, dass es auf jeden Fall mit der Unterbringung des Ensembles keine Probleme gäbe, auch mit der Verpflegung nicht. Lediglich das Holz für den Boden im Foyer des Theaters müsste gekauft und verlegt werden.
Die einzige Schule in Andruschewka hat einen wunderbaren Chor, und im Dorf selbst leben noch alte Frauen und Männer, die hervorragend singen können. Die Jugendlichen könnten gemeinsam den alten Menschen in den Gärten helfen, Holz für den Winter hacken, Wasser aus den Ziehbrunnen holen.
Auf so einem Weg könnte man die einheimischen, jungen Menschen vielleicht dazu bewegen, dass sie diese Hilfe nach unserer Abfahrt weiter machen.
Als wir das Theater verlassen, sehe ich direkt daneben ein Denkmal für die getöteten Zivilisten, Partisanen, darunter der Name meiner Großtante.

Denkmal in Andruschewka.
Dieses Denkmal könnte man auch gemeinsam auf Vordermann bringen. Die ganze Umgebung ist so voller Geschichten, dass hier eine wunderbare Geschichtsaufklärungsarbeit mit den Jugendlichen organisiert werden könnte.
Wir sind von dieser Idee sehr begeistert.
Doch jetzt stehen erst einmal Hausbesuche an. An diesem Tag besuchen wir siebzehn Menschen. Egal, in welches Haus wir kommen, es herrscht bittere Armut. Die alten Menschen, zum Teil nur auf sich selbst gestellt, arbeiten hart, denn ansonsten droht der Hunger. Ihre Rente wurde zwar mit der neuen Regierung höher gestuft, doch dem entsprechend sind die Preise auch gestiegen – also zu all den Jahren zuvor kein Unterschied.
Die Rente heute beträgt bis zu dreihundertfünfzig Griwna, dass sind keine sechzig Euro. Morgens kommt der Milchwagen ins Dorf. Er sammelt die Milch bei den Bauern ein. Die Bauern müssen sie selber zu einem Sammelpunkt bringen, was für viele zu einer kaum zu schaffenden, schweren Schlepperei wird. Dann erst können sie sie verkaufen.
Ein Liter Milch wird mit einer Griwna bezahlt. In der Stadt wird diese gute Milch für drei Griwna verkauft. Viele, die wir besuchen, warten schon seit drei Monaten, dass man sie für ihre Milch bezahlt.

Die Bauern haben auch für ihre Gärten höhere Besteuerungen bekommen, sie kommen daher kaum noch hinterher mit ihrer Arbeit, und rund herum erzählen sie uns, dass die Felder von Politikern aufgekauft würden mit dem Wissen, dass diese Erde großes Kapital bedeute.
Manche sagen sogar, dass findige Geschäftsleute aus Europa und Amerika dabei seien, diese Erde abzukaufen. Wie es ihnen aber hier gehe, frage niemand.
Diese Menschen haben darum um so mehr das Bedürfnis, mit uns, aus dem Ausland angereisten Gästen, zu reden. Sie erzählen über die Hungersnot unter Stalin, über das Morden unter den Nazis, über den Zerfall unter der Perestrojka, über die Folgen so eines Lebens, die sie bis heute verfolgen und worunter sie leiden. Und wieder ist es so, dass uns die Menschen gastfreundlich empfangen, dankbar dafür sind, dass wir die Zeit finden, ihnen zuzuhören.
Sie sind zu Tränen gerührt, wenn wir ihnen einen kleinen Briefumschlag mit einer Spende aus Deutschland lassen. Manche gehen sogar auf die Knie und beten. Solche Momente sind besonders schwer zu ertragen, und gerade hier im Dorf passiert das einige Male.
Die Geschichten werden uns auf das Genaueste erzählt. Eines haben sie alle gemeinsam: Deportation in Viehwaggons tagelang. Es fallen Namen von Orten wie: Zneim in Österreich, Fabrik Hassag in Leipzig, Kattowitz im Sudetenland, Heidelberg, bei Bauern in Unterbach, Fischfabriken in Kiel, eine Chemische Fabrik in Greizen, Firma Erl Hammer in Leipzig, Dorf Adendorf, Dreusendorf, Niederdorf in Österreich, Schwäbisch Gmünd, Radolfzell.
Ständiger Hunger und Beschimpfungen in Deutschland, Österreich oder Frankreich. Kälte, Angst und die Ungewissheit. Rückkehr in die Heimat, Aufbau, Zerfall der Sowjetunion und die heutige Armut.
Ich frage eine ehemalige Zwangsarbeiterin, was aus der Polizei nach dem Krieg geworden ist. „Ein Teil der Polizei wurde schon von den Nazis selbst umgebracht, die anderen hat man in den Dörfern gehängt, nur noch einer lebt hier im Dorf, aber er lebt einsam, man ignoriert diesen Menschen.“

Spät am Abend kommen wir wieder in Bardoschiwka an. Der Kofferraum unseres Autos ist voller Geschenke: Äpfel, Kartoffeln, Nüsse und Eingemachtes. Und im Herzen tragen wir Geschichten, viele Geschichten, die bisher kaum jemand hörte.
Am nächsten Morgen müssen wir weiterfahren. Die Rückfahrt geht wieder nach Kiew, von wo aus wir am nächsten Morgen nach Dnepropetrowsk weiter fahren werden. Es ist ein schwerer Abschied, viele Tränen.
Die Rückfahrt beginnt. Katharina und ich schauen uns nun genauer die Dörfer an, an denen wir vorbei fahren und Halt machen. Jedes Dorf hat ein Kulturhaus und daneben oder davor ein Denkmal für die ermordeten Menschen dieser Ortschaften. Hunderte Namen, Tausende. Und die Natur hat sich hier ruhig ausgebreitet, als wolle sie diese Menschen mit ewiger Ruhe zudecken.
Mittags erreichen wir die Stadt Dnepropetrowsk. Wir haben jetzt Zeit bis 23 Uhr, um Hausbesuche zu machen.
Wir werden vom Wassilij vom Bahnhof abgeholt, fahren gleich weiter zum Opferverband von Dnepropetrowsk. Dort hat man uns ein wunderbares Frühstück bereitet, und sofort zeigt man uns die Videoaufnahmen mit Interviews, aufgenommen in der Zeit, als wir mit dem Theater gastierten.
Während wir es uns anschauen, organisieren Wassilij und Ludmila Kotscherschina schon Hausbesuche, zu denen wir gleich fahren werden. Es werden sechs Menschen sein, die wir sowohl in Dnepropetrowsk als auch im dreißig Minuten entfernten Igrenj besuchen werden.
Wir fahren los, besuchen ein Ehepaar. Beide sind bettlägerig, sind schwer krank. Die Hilfe kommt gerade richtig, denn in diesem Haus fehlt es an Medikamenten. Der Ehemann kann definitiv nicht mehr gehen, aber seine Frau sagt, sie schaffe es noch bis zur Apotheke und kaufe jetzt gleich Medizin.
Nicht anders sieht es bei den nächsten Adressen aus. Die Hilfe kommt für diese Menschen zur richtigen Zeit.
Dann fahren wir weiter in Richtung Igrenj. Wir fahren an der langen, schwarzen Eisenbrücke vorbei.

Brücke zwischen Dnepropetrowsk und Igrenj.
Über diese Brücke mussten Tausende Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland gehen. Über diese Brücke ging auch Nadeschda vom Opferverband Kiew als dreizehnjähriges Mädchen, und über diese Brücke lief auch Ludmila als fünfjähriges Mädchen. Dann fahren wir weiter, vorbei am riesigen Gelände eines Krankenhauses.
Hier machen wir Halt. In diesem Krankenhaus, erzählt Ludmila, gab es im Zweiten Weltkrieg eine Abteilung für psychisch Kranke und für behinderte Menschen.
Als die Nazis es beschlagnahmten, trieben sie alle in ein Gebäude zusammen, und schlossen die Türen. Die Menschen starben unter fürchterlichsten Qualen. Andere, die nicht mehr hineinpassten, wurden an eine andere Stelle auf dem Gelände versammelt und erschossen.
Dann machten die Nazis ein KZ daraus, wo Tausende, u.a. auch Kriegsgefangene, ermordet wurden. Diejenigen, die überlebten, wurden weiter nach Deutschland deportiert.
Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die über dieses KZ Auskunft geben können, aber es müssen bestialische Verhältnisse geherrscht haben. Jetzt ist es wieder ein Krankenhaus für psychische Erkrankungen, und ein Teil des Krankenhauses dient als Mahnmal.
Wir kommen nach Igrenj. Ludmila zeigt uns den Platz, wo sie einst bei ihrer Oma gelebt hat. Als die Nazis kamen, haben sie erst einmal geplündert. Dann trieben sie die Familie aus dem Haus, ermordeten die Großmutter vor den Augen Ludmilas und brannten das Haus nieder. Sie und ihre Mama verschleppte man nach Deutschland.
Im ersten Haus, das wir besuchen, wohnt ein Ehepaar. Beide waren sie Zwangsarbeiter, so wie die alte Frau im Haus daneben – auch eine ehemalige Zwangsarbeiterin. Sie öffnet uns mit den Worten: „Wollt ihr bei mir übernachten? Kommt rein.“
Auch sie erzählt bewegt ihre Geschichte, ab und zu streichelt sie ihre Katze, als würde sie Schutz suchen.

Marina (mit Katze) und Ludmila.
Draußen ist es dunkel geworden. Seit heute früh haben wir nichts gegessen, und unser Zug fährt bald. Wir kehren nach Dnepropetrowsk zurück.
Alla werde ich bei dieser Reise nicht mehr besuchen können. Die Menschen, die wir besucht haben, hatten so viel zu erzählen, dass die Zeit einfach verflogen ist.
Ljudmila und Wassilij bringen uns zum Bahnhof. Wir haben großen Respekt vor diesen beiden Menschen, so wie vor Nadeschda, Lida oder Polina. Diese Menschen mit so einer schweren Vergangenheit, heute zwischen siebzig und achtzig Jahre alt, besitzen trotz ihrer Krankheiten noch so viel Kraft, zum einen so eine schwere Arbeit, wie wir sie seit Jahren machen, zu tragen, und zum anderen noch an junge Menschen zu denken, in dem sie Begegnungsarbeit leisten, Volontäre für alleinstehende, kranke Menschen organisieren und auch Zeit und Kraft für unser Theater und die damit verbundene Organisation aufbringen.
Um 5.45 Uhr morgens erreichen wir Simferopol. Lida steht natürlich am Bahnhof, obwohl wir ihr gesagt haben, dass wir auch alleine zu ihr finden werden. Wir kommen in ihre winzig kleine Wohnung und fallen erst einmal erschöpft in einen kurzen Schlaf. In Zügen kann ich sehr schlecht schlafen, und die Müdigkeit merken wir beide.
Doch nach dem Frühstück geht es sofort los. Lida hat eine Liste vorbereitet, und es gibt viel für die Zukunft zu besprechen.
Als erstes fahren wir zu Maria, einer ehemaligen Siemens-Zwangsarbeiterin. Sie ist jetzt fünfundneunzig Jahre alt. Wir nennen sie die Dichterin, weil sie im hohen Alter ihre poetische Seite entdeckt hat.
Es dauert keine Minute, da holt Maria für Suse, eine in Berlin lebende Frau, die sie finanziell unterstützt, ihre letzten Einmachgläser heraus, und zitiert dazu ein von ihr verfasstes Dankesgedicht. Das sollen wir Suse ausrichten, wenn wir wieder in Deutschland sind.

Maria.
Maria wurde kurz vor dem Kriegsende im Berliner Umland von einer deutschen, kommunistischen Familie versteckt, gemeinsam mit einer Jüdin. Wir sprechen kaum mehr über die Zeit in Deutschland, bei Siemens in Berlin-Spandau. Sie hat nur den Wunsch, herauszufinden, ob jemand aus dieser Familie noch am Leben ist.
Dann liest sie für Katharina und mich ein selbst geschriebenes Gedichte vor: „Ihr seid wie zwei Vögelchen. Ihr bringt Freude, Frieden und Glück, und dann fliegt ihr weiter in die weite Welt.“
Wir versprechen ihr, dass wir wiederkommen werden, richten ihr noch Grüße aus Berlin aus, und schon müssen wir weiter „fliegen“. Auf uns warten Warwara und Galina, zwei Schwestern, die auch bei Siemens gearbeitet haben.

Katharina (lks.) und Warwara.
Katharina und Warwara
Warwara lebt an einem Ende Simferopols, Galina am anderen. So müssen wir durch die ganze Stadt fahren. Die ältere, Galina, ist zweiundachtzig Jahre alt, Warwara achtundsiebzig. Beide sind sie krank, aber beide haben trotz ihrer Krankheit ihr Temperament nicht verloren. Ihre Augen glänzen immer noch voller Leben.
Beide haben gerade Operationen hinter sich. Diese konnten sie u.a. durch die Unterstützung seitens der Spender aus Deutschland finanzieren. Heute bringen wir ein wenig neue Unterstützung, die dringend für Medikamente gebraucht wird.

Galina.
Dann geht es weiter. Wir fahren zu Xenia. Diese Frau spricht so gut Deutsch, dass ich dieses Mal gar nichts zu übersetzen brauche. Katharina und sie sprechen ohne meine Hilfe.
Wir sitzen in einem sauberen, gemütlichen Wohnzimmer, und Xenia und Lida beginnen zu planen, wie man das Dokumentartheater nach Simferopol holen kann. Von der Organisation des Theaters bis hin zu den Übernachtungsmöglichkeiten, ist alles nach zehn Minuten organisiert. Drei können bei Lida, drei bei Xenia, zwei bei Maria, die anderen bei Anna, Nina usw. unterkommen. Ein Theater mit dreihundert Plätzen gäbe es, und einen tollen Schülerchor von fünfundzwanzig Schülern.
Eine neue Projektidee ist geboren. Lida und Xenia sind im Frühjahr extra nach Kiew gekommen und haben die Vorstellung unseres Theaters gesehen. Seitdem träumen sie davon, die junge Gruppe nach Simferopol einzuladen.
Doch wir haben noch eine weitere Frau zu besuchen. Sie ist an den Rollstuhl gefesselt, hat keine Beine mehr, aber trotzdem eine unglaublich stolze und kämpferische Frau, wie ich es selten gesehen habe.
Auch hier sprechen wir nicht mehr über die Zeit des Krieges. Sie möchte vielmehr wissen, wie es in Berlin ist, wie es uns in der Ukraine gefällt? Doch lange können wir nicht bleiben. Wir müssen noch heute nach Jalta weiter fahren.
Unterwegs zu Lida machen Katharina und ich einen kurzen Zwischenstop am Bahnhof, um uns einen Fahrer für Jalta zu organisieren. Eine zweistündige Fahrt wartet auf uns, die Straße ist kaum beleuchtet, der Weg führt über die Berge. Da muss man vorsichtig sein. Wir finden ein gutes Auto und einen guten Fahrer. Bei Lida schreiben wir schon einmal grob eine Skizze unseres Projektes auf, den Rest werde ich in Jalta formulieren.
Dieses Mal empfängt uns Polina nicht. Sie ist zu schwach nach der letzten Operation. Das ist auch der Grund, warum sie weder nach Kiew noch nach Dnepropetrowsk zu unseren Aufführungen kommen konnte. Und dabei wollte sie es so sehr, denn genau hier in Jalta vor sieben Jahren lernte ich unter der Leitung von Wladislaw Suchorukow den Opferverband kennen.
Es war Polina, die mich mit über dreißig ehemaligen Zwangsarbeitern bekannt machte. Es war dieser Opferverband, der mich bat, ihre Stimme, die Stimme der OST-Arbeiter, nach Deutschland zu bringen, weil sie bis dahin kaum jemand gehört hatte. Es war dieser Opferverband, der mir seine Biografien und Fotografien mit nach Deutschland gab.
Mit diesen Gesichtern und diesen Geschichten kam ich zum Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., zu Eberhard Radczuweit, der diesen Hilferuf hörte und mit dem wir dann im Jahr 2000 die erste Ausstellung zum Thema „OST-Arbeiter und die schwere Lage der Nachweisbeschaffung“ im Roten Rathaus am Alexander Platz mit dem Spendenaufruf SOFORTHILFE eröffnet haben. Dazu kamen Nadeschda, Lida und Wladislaw, die als Gäste nach Berlin eingeladen waren.
Seit dieser Zeit läuft das Spendenkonto und die enge Zusammenarbeit mit den Opferverbänden. Seit dieser Zeit konnten wir, Dank der wunderbaren Spender, Hunderten Menschen in ihrer Not helfen.
Der nächste Tag in Jalta beginnt mit einem „Guten Morgen“ von Polina. Ich sitze schon auf der Terrasse und schreibe das Projekt für Simferopol. Doch weit komme ich nicht, denn wir müssen gehen. Auf uns warten zehn ehemalige Zwangsarbeiter /Innen im Zentrum der Stadt.

Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Jalta.
Wir gehen zu Fuß. Vor dem Lenin-Denkmal sitzt unsere Gruppe. Hierher kommen sie nur selten, denn hier, an der Promenade Jaltas, sind die Preise genau so wie in Deutschland, wenn nicht noch höher. Sie erinnern sich aber alle noch, wie gerne sie sich damals hier trafen, wie man noch in ein Café gehen konnte. Und genau diesen Wunsch erfüllen wir ihnen.
Wir machen langsam einen Spaziergang durch die Hauptstraße. Das ist schon seit Jahren unser Ritual. Katharina führt die fast blinde Olga an der Hand. Olga spricht ein wenig Deutsch, und die beiden haben sich, wie immer, einiges zu erzählen.
Wir gehen in ein Café und bestellen Brötchen, Salate, Säfte, Krim Sekt und Kaffee. All das, was sie sich nicht mehr leisten können. Die Freude steht allen ins Gesicht geschrieben. Die Männer warten, bis die Damen sich etwas genommen haben, erst dann nehmen sie sich – aber das kleinste Stück auf den Teller.
Sie haben sich Rotwein gewünscht. Etwas, was sie sich sonst nicht leisten können. Es ist wie ein kleines Fest, was wir haben. Ein paar wohlhabende Passanten drehen sich nach unserem Tisch um. So etwas ist selten, dass ältere Menschen in einem Café im Zentrum sitzen können.
Zum Schluss bekommen wir ganz viele Geschenke. Wir bekommen zwei Flaschen Wein. Er wurde ihnen zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes geschenkt, und sie wollten es unbedingt, dass wir diese besonderen Flaschen bekommen.
Eine Frau hat uns Pantoffeln für uns und für Freunde gestrickt. Wir bestellen gleich weitere Paare. Diese können wir z.B. im Bunker verkaufen, und ihr dann das Geld zukommen lassen. Diese Idee finden alle sofort toll, doch am meisten kreisen auch hier die Gespräche darum, wie man das Theater nach Jalta holen kann, Aufführungen organisiert, aber auch einen kleinen Urlaub für das Ensemble daraus macht – als Dankeschön für den jahrelangen Einsatz für ein so schweres Thema.
Auch hier ist die Unterkunft unserer Gruppe in Minuten organisiert. Alleine bei Polina, ihrer Schwester, ihrer Tochter können schon acht Leute untergebracht werden. Die Restlichen hat die Gruppe sofort unter sich aufgeteilt. Ein Theater sollte auch zu finden sein. Das versprechen sie uns, in die Hände zu nehmen.
Ich begreife, dass das neu ausgedachte Projekt sich ausdehnt. Umso wichtiger ist es jetzt, dass ich es schreibe.
Jeder Abschied fällt schwer, und bei jeder Spendenreise verabschiede ich mich von ihnen, als wäre es für immer, und manchmal ist es das auch. Auch dieses Mal denke ich, ob ich sie alle beim nächsten Mal wiedersehe?
Katharina und ich gehen alleine über die Promenade zurück. Zum Meer haben wir es auch dieses Mal nicht geschafft.
Auf dem Weg nach Hause hören wir wunderschöne Musik. Es ist ein Quintett, welches klassische Musik in der Promenade spielt. Gleich kommen wir ins Gespräch. Auch sie wollen, wenn unser Theater kommt, mit dabei sein. Als sie hören, um welches Thema es geht, wollen sie sofort umsonst spielen – sie finden die Idee einfach unterstützenswert. Wir tauschen unsere Adressen aus und fahren nach Hause.
Zu Hause klingelt schon ganz aufgeregt das Telefon. Es ist Olga. Sie sagt mir, ich müsse morgen auf dem Rückweg nach Simferopol unbedingt in dem Ort Artek, zwanzig Minuten von Jalta, einen Halt machen. Dort gebe es eine Choreografin, die zum Thema „Krieg“ einen Tanz choreographiert hat. Und dabei tanze unter anderem Olgas Enkelin mit.
Der letzte Abend in Jalta ist angebrochen. Mit Polina besprechen wir eine Liste der Menschen, bei denen sie in den nächsten Tagen Hausbesuche machen wird. Das Geld wird in kleinste Raten aufgesplittet, damit jeder der einhundertsiebzig noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter/Innen ein wenig Hilfe bekommen kann.
Polina ist seit dem Tod von Wladislaw vom Opferverband Jalta die ausgewählte Vorsitzende des Opferverbandes. Sie ist heute achtundsiebzig Jahre alt. Seit Jahren führt sie ganz akribisch genaue Listen, wo jeder zu Begünstigende mit Adresse und seiner Passnummer registriert ist und selbst bei der Übergabe des Geldes unterschreibt.
Doch bei jedem neuen Besuch steht hinter einem neuen Namen das Wort „verstorben“. „Ja“, meint Polina, „Wir sind nicht mehr viele, die am Leben geblieben sind.“. So viele nicht gehörte Geschichten, Geschichten, die diese Menschen mit in ihr Grab nehmen.
Jalta verabschiedet sich von uns mit heranrückenden Wolken. Ich schreibe gleich am Morgen unser Projekt weiter. Und ich schaffe es, es zu Ende zu bringen. Dann noch schnell einen Brief an den Bürgermeister, mit der Frage, ob er uns bei einem positiven Resultat für die Theatergruppe ein Theater zur Verfügung stellen könne, in dem wir vor den Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges, den Jugendlichen aus Berlin und mit Jugendlichen aus Jalta einen Benefizabend geben können.
Dann hören wir schon das Hupen unseres Fahrers – wir müssen los.
In Artek lernen wir die Choreografin kennen. Wir können es nicht fassen, dass sie wirklich schon 50 Jahre alt ist. Sie schenkt uns gleich am Anfang selbstgemachte Feigenkonfitüre – das seien die letzten Früchte in diesem Jahr aus ihrem bescheidenen Garten, der sie ein wenig ernährt.
Auch sie hat großes Interesse, ihre Gruppe mit unserer zusammen zu bringen. Es wäre ein toller Austausch im kulturellem Sinne, und dann auch noch für einen so guten Zweck. Ein generationsübergreifendes Projekt der Zukunft und für die Zukunft.
Überwältigt von der Energie dieser Frau, kurioserweise eine Namensvetterin von mir, steigen wir wieder ins Auto. Es beginnt zu regnen.
In Simferopol wartet schon Lida auf uns. Mit wehenden Fahnen kommen wir fünfzehn Minuten vor Abfahrt unseres Zuges in Richtung Kiew an. Ich überreiche ihr schnell meinen Entwurf, und wir düsen zum Bahnhof. In letzter Sekunde erreichen wir unseren Waggon.
Es bleibt nur ein kurzer Augenblick zum Abschied, und der Zug rollt los. Lida blickt uns mit hoffnungsvollem Lächeln nach. Jetzt heißt es, in Deutschland Unterstützer zu finden, damit wir den Wunsch dieser Menschen, der ehemaligen Zwangsarbeiter/ Innen, denen wir auf unserer Reise begegnet sind, erfüllen können.
Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht fahren wir zurück nach Kiew. Bei Nadeschda fallen wir nach der anstrengenden Zugfahrt völlig erschöpft ins Bett. Doch an Ausschlafen ist nicht zu denken.
Wir haben noch einen Termin mit Ljuba Sotschka von der Ukrainischen Nationalstiftung. Wir haben uns am Unabhängigkeitsplatz verabredet. Das Telefon von Nadeschda klingelt. Es ist eine Freundin von ihr.
Diese berichtet, dass auf dem Platz der Unabhängigkeit die UPA, die ehemalige Armee der Ukraine, welche sich für eine unabhängige Ukraine schon vor dem Zweiten Weltkrieg einsetzte und dann im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierte, demonstriere.

Demonstration in Kiew.
Diese Armee wird von vielen bis heute scharf kritisiert. Ihre Anhänger hätten, anstatt die Ukraine zu schützen, diese an die Nazis verraten. Ein großer Teil dieser Armee wurde später von den Nazis selbst umgebracht, sowie von der Roten Armee.
Jetzt demonstrieren die Überlebenden aus der UPA und deren Angehörige im Zentrum der Stadt, weil sie genau so wie die Veteranen des Zweiten Weltkrieges und Zwangsarbeiter anerkannt werden wollen.
Als Gegendemonstration stehen die Progressive Sozialistische Partei und die Kommunisten mit roten sowjetischen Fahnen. Dazwischen Frauen mit Ikonen in den Händen – und das auf jeder der demonstrierenden Seiten.
Wir sehen, dass auf der Seite der UPA einige junge Menschen in deutschen Militärjacken stehen. Sie haben sich maskiert. Auf der Seite der Kommunisten sehen wir Helden des Zweiten Weltkrieges. Sie stehen mit vielen Orden geschmückt, in der Hand die rote Flagge. Als dritte Richtungslinie steht die Progressive Sozialistische Partei, große Flaggen in rot und blau. Und in diesem Farbenmeer immer wieder die orange Flagge.
Wir mischen uns mit Fotoapparat und einer gehörigen Portion Vorsicht unter die Menge und beginnen, Interviews zu führen. Es wird uns an Hand dieser Demonstration klar, wie schwierig die politische Lage der Ukraine momentan ist.
„…Die Menschen wollen eine Veränderung. Nur soll sie auch wirklich gerecht sein, und nicht, wie vor einem Jahr die orange Revolution durch Millionen von Dollar aus Amerika bezahlt werden!“, so die Stimmen von Passanten. „Wir wollen endlich in einer Demokratie leben“, hört man von anderer Seite, „ohne Korruption, ohne Mafia-Strukturen!“
Andere sagen, dass nur die orange Revolution dem Land seinen Weg zeigen könne, Demokratie bringen könne. Die einen schreien, orange Revolution sei wie Faschismus, die anderen schreien: „Aufhören mit dem Ausverkauf der Ukraine!“, die Dritten entledigen sich jeder Worte und beginnen eine Straßenschlacht mit den Kommunisten. Die ehemaligen Soldaten der Roten Armee gehen mit ihren Flaggen auf junge Leute mit Bomberjacken und kahlgeschorenem Schädel los.
Doch in diesem ganzen Getümmel denkt niemand daran, dass die Ukraine seit vielen Jahrhunderten immer von Kriegen, Hunger, Zerfall, Unabhängigkeitskampf, Revolutionen heimgesucht wurde. Dass dieses Land, vielleicht mehr als jedes Land hier in Europa, einfach nur Zeit braucht, und, wie jedes Land, eine gute Politik. Keine neue Bewegung kann es in einem Jahr schaffen, ein Land aus einer so schweren Krise zu bringen. Dafür ist die Ukraine in sich schon zu verschieden.
Nach solch einem aufschlussreichen Nachmittag treffen wir Ljuba Sotschka von der Ukrainischen Stiftung, und gleich geht die Arbeit wieder los, Pläne für weitere Zusammenarbeit geschmiedet.

Marina (lks.) und Ljuba.
Zu dritt sprühen wir nur so vor großen, neuen Ideen. Und in dieser Kreativität endet unser letzter Abend in Kiew.

Nadeschda.
Nadeschda wartet auf uns mit dem letzten Gläschen Wodka. Ich soll noch in dieser Nacht ein Interview mit ihr führen. Und wer Nadeschda kennt, weiß: Es wird eine lange Nacht werden – aber eine Nacht, an deren Ende ein fertiges Interview stehen wird.
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