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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Nationalistische Ideologie wirkte wie ein Rauschgift.

Eberhard Radczuweit an den Ukrainischen Verband der jüdischen KZ- und Ghetto-Überlebenden (Oktober 2004).

Berlin, 6. Oktober 2004.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein dummes Unglück hindert mich daran, Sie heute zu treffen. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, Sie kennen zu lernen. Es tut mir unendlich leid, dass es nicht möglich ist. Gerne hätte ich Ihnen persönlich gesagt, welche Hochachtung ich Ihnen gegenüber empfinde. So will ich Ihnen auf diesem Wege etwas mitteilen.

Sie haben in Ihrer Kindheit höllisches Unrecht erlitten. Die Deutschen hatten Ihr Land überfallen mit dem Ziel, deren Bewohner zu versklaven oder zu ermorden, um die Ukraine zu „germanisieren“. Jeder Jude war für die Generation meines Vaters, der als deutscher Soldat in Gomel starb, ein Todfeind, den es zu vernichten galt. Die rassistische und nationalistische Ideologie des deutschen Faschismus wirkte wie ein Rauschgift, das die natürlichen menschlichen Empfindungen betäubt. Nicht alle Deutschen verfielen diesem Rauschgift. Vielleicht haben Sie und Ihre Eltern auch welche damals getroffen, die barmherzig waren und heimlich Gutes taten.

Andere Deutsche erwachten später im Leben wie aus einem furchtbaren Traum. Sie quält bis heute das Schuldbewusstsein, als junge Menschen von den Hitler-Leuten verführt worden zu sein. Einige dieser jetzt alten Männer und Frauen schreiben mir Briefe und schicken etwas Geld. Sie schreiben von der Verantwortung Deutschlands Ihnen gegenüber, protestieren gegen die deutsche Wirtschaft, die so wenig Geld gegeben hat für die ehemaligen Zwangsarbeiter („Ostarbeiter“). Schliesslich sind viele Fabrikbesitzer dadurch im Krieg reich geworden und auch ihre Erben „schwimmen im Geld“, das auch durch ukrainische Zwangsarbeiter gewonnen wurde.

Nicht nur einige Deutsche Ihrer Generation spenden etwas Geld, weil sie sich schämen und weil sie sich verantwortlich Ihnen gegenüber fühlen. Es sind auch junge Leute, die Geld spenden. Mein schönstes Beispiel bieten die Kinder eines ehemaligen deutschen Soldaten. Er wurde Vater von drei Töchtern, denen er vom Unrecht des Krieges gegen die Sowjetunion erzählte. Als der Mann dieses Jahr starb, baten die Töchter alle Trauergäste, keine Blumen und Kränze für das Grab des Vaters zu kaufen, sondern das Geld zu spenden für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene.

Ein anderes hoffnungsvolles Beispiel für die Zukunft unserer Welt bieten Schüler in Berlin, Kiew, Moskau und Minsk. Gemeinsam organisieren sie mit unserem Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion (KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.) das Projekt „Schüler helfen Opfern des Faschismus“. Die Berliner Schüler spenden ihr Taschengeld, die Kiewer Schüler kaufen davon Lebensmittel für alte Menschen, die in Armut und einsam mit ihren Erinnerungen an die Kriegszeit leben.

Wir werden Ihnen etwas Geld geben. Aber Sie verstehen jetzt, was das bedeutet. Das Geld ist ein Ausdruck von Menschlichkeit und dem Bewusstsein von Verantwortung Ihnen gegenüber.

Ich wünsche Ihnen Gesundheit und persönliches Glück. Und ich bitte Sie, mir zu schreiben. Berichten Sie über Ihr Leben. Diese Berichte werde ich dann in Deutschland bekannt machen.

Ihr Eberhard Radczuweit.

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