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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Fünfzehn Monate in sowjetischer Gefangenschaft.

Wolfgang Ludwig.

Am 8. Mai 1945 kapitulierten die Reste der 8. Armee – es war ein seit langem erwarteter Tag – im „Kurlandkessel“ in Lettland. Unsere kleine 100-Watt-Sendeanlage war dazu ausersehen, die Übergabeverhandlungen mit der Roten Armee zu führen. Alle Waffen, Munition, die Fahrzeuge, die Funkwagen nebst den Funkgeräten wurden auf einem von hohen Kiefern umstandenen Platz in preußischer Ordnung gestapelt. Zwei Tage geschah so gut wie nichts, dann kamen sowjetische Offiziere und verteilten uns in den umstehenden zweigeschossigen Häusern. Dicht an dicht verbrachten wir die Nacht auf Strohsäcken, wurden am frühen Morgen des 11. Mai in Hundertschaften eingeteilt – quasi im alten Kompanieverband – und der lange Marsch in die Gefangenschaft begann.

Ein Rotarmist vorn, einer hinten, so ging's in Richtung Riga, wo die Rote Armee ein riesiges Sammellager errichtet hatte. Hier wurden die Offiziere von den Mannschaften getrennt, und die mitgenommenen Habseligkeiten von den Bewachern durchsucht. Außer einem bisschen Wäsche, Socken, einer Decke, dem Kochgeschirr und dem zusammenklappbarem Essbesteck blieb uns nichts.

Von Riga ging es in schier endlosen Tagesmärschen nach Osten zur ehemals lettisch-sowjetischen Grenze in Richtung Dünaburg. Nach jedem Tagesmarsch wurde ein Lager erreicht, und das Ritual wiederholte sich: Durchsuchung der persönlichen Habe, Essenempfang, Nachtruhe. In Dünaburg angekommen, wurden wir tags darauf in Güterwagen verfrachtet, gut verpflegt mit Kommissbrot und einer Dose amerikanischem Corned Beef, fuhren wir nun in Richtung Südosten. Wer da noch geglaubt hatte, wir bewegten uns auf die Heimat zu, musste zu seinem großen Erstaunen feststellen, dass wir nach mehreren Tagen Fahrt auf dem Baltischen Bahnhof in Moskau ankamen. Auf Lastwagen stehend, fuhren wir durch die Stadt. Es dunkelte bereits, kaum jemand nahm von uns Notiz.

Weit vor der Stadt, in der Nähe dreigeschossiger Siedlungshäuser aus Holz, befand sich ein unübersehbar großes Sammellager, Zelte und Kriegsgefangene bis zum Horizont. Nach einer Woche schönstem Sommerwetter, russischem Kommissbrot und amerikanischem Corned Beef wurden nach dem morgendlichen Zählappell etwa hundertfünfzig bis zweihundert von uns Plennys auf offene Lastwagen verteilt. Keiner wusste, wohin es gehen würde. Immer in nordwestliche Richtung, die letzten Kilometer durch dichten Birkenwald über Knüppeldämme. Nach etwa zweistündiger Fahrt waren wir am Ziel.

Ein Waldlager, auf einer etwas erhöhten Lichtung gelegen, bestehend aus drei oder vier zur Hälfte in die Erde gebauten Holzbaracken, an deren jeweiliger Giebelseite sich einige Stufen tief die Eingangstür befand. Hinter der letzten Baracke, in der sich der deutsche Lagerleiter, ein ehemaliger Knecht aus Ostpreußen, die Schneider- und die Schusterwerkstatt und ein Raum des Lagerarztes mit angrenzendem Krankenverschlag befand, lagen die offenen Latrinen. Das Ganze, kaum größer als ein Fußballfeld und mit Stacheldraht umzäunt, wurde vervollständigt durch die etwas komfortablere hölzerne Baracke für die Wachmannschaft, eine kleine Holzhütte für den Türposten und die nicht viel größere Lagerküche. Das sollte für die nächsten Monate, womöglich Jahre unsere Heimstatt sein. Nach schneller Heimkehr sah das nicht aus.

In den Baracken waren längs des Mittelgangs zwei Reihen hölzerner doppelstöckiger Pritschen, auf die wir nach umständlicher Prozedur der Registrierung – wir hatten ja unsere Wehrpässe noch – die gestopften Strohsäcke packten. Von den oberen Plätzen hatte man, wenn man Glück hatte, einen Blick durch eine etwa 25 mal 25 Zentimeter große Glasscheibe nach draußen.

Punkt sechs in der Frühe war Wecken. Dann rannte alles zu den Waschbänken. In etwa 1,70 Meter Höhe waren auf einem Holzgestell Blechrinnen montiert, und etwas tiefer, in Bachhöhe befanden sich weitere, die das Waschwasser auffingen und ableiteten. In den frostfreien Monaten wurden die oberen Behälter mit Wasser gefüllt, man betätigte mit der Hand ein simples Druckventil und Wasser zum Waschen floß beziehungsweise tröpfelte über Kopf und Oberkörper. Darauf folgte der tägliche Zählappell und Punkt sieben Uhr wurde ausgerückt zum Holzfällen in die anscheinend unendlichen, das Lager umschließenden Birkenwälder. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals einen anderen Baum als eine Birke gefällt zu haben.

Vor Ort warteten bereits die Natschalniks, zivile Aufseher, die die Geräte, Sägen und Beile verteilten. Man bildete Gruppen zu je drei Gefangenen, zwei fällten die Bäume, der dritte stapelte die abgeschlagenen Äste und das Laub auf einen Haufen, entfachte ein Feuer und warf alle hinzukommenden und die vielen Blätter darüber. Besonders bei nassem Wetter war das ein ziemliches Kunststück. Zwar hatte jeder Gefangene ein Feuerzeug, neben dem Löffel vielleicht der wichtigste Gegenstand für einen Plenny, aber nur mit Lunte, Feuerstein und einem Stück Eisen regennasses Holz und Laub zum brennen zu bringen, gelang oft erst nach stundenlangem Bemühen. Das Verbrennen gehörte zur täglichen Norm: zwei Festmeter geschlagenes und gestapeltes Holz in zwei Meter langen Stücken mit einem Mindestdurchmesser von 10 Zentimetern. Mit den primitiven Werkzeugen, stumpfen Sägen und Beilen, die oft nur aus Eisenstücken zusammengeschweißt waren, war das kaum zu schaffen.

Nach getaner Arbeit wurden die Holzstapel von den Natschalniks abgenommen und auf die offenen Lkws verladen. Mittags wurde die Arbeit für eine halbe Stunde unterbrochen, aus Kübeln wurde eine zumeist wässerige Kohlsuppe ausgeschenkt. Wer die Norm geschafft hatte – aufgrund der harten Arbeit und der mangelhaften Ernährung schafften das immer weniger – erhielt am Abend im Lager noch einen Schlag Kascha in den Kochgeschirrdeckel, zusätzlich zu der Tagesration von zweihundert Gramm sehr wohlschmeckenden, etwas feuchten Kommissbrots, einem Esslöffel Zucker und einer Handvoll Tabak. Ein Trost: Unsere Bewacher waren da nicht viel besser dran.

Der Winder 1945/46 war sehr hart. Mit wattegefütterter Kleidung und Filzstiefeln ausgestattet, fällten wir Bäume und stapelten das Holz, bis die Temperaturen unter minus 20 Grad Celsius fielen. Wurde es noch kälter, blieben alle Gefangenen im Lager.

Ein- oder zweimal im Monat wurden wir nachts vom Strohsack geholt und per Lkw über die Knüppeldämme zur etwa zehn Kilometer entfernten Bahnstation gefahren. Der Anblick der gewaltigen Berge des von uns eingeschlagenen Holzes, das hier gestapelt war und das in einen Güterzug aus gedeckten Waggons mit Zielort Tuschino bei Moskau verladen werden sollte, flößte Beklemmung und Schrecken aus. Dieser Berg musste in Bewegung versetzt werden. Würde man das durchhalten, und wie lange würde das dauern?

Schier endlos schienen diese nächtlichen Stunden, bis bei Tagesanbruch der Zug voll beladen war. Diese Einsätze waren gefürchtet, denn die zwei Meter langen Stämme mussten auf den Schultern von je zwei Mann zum Zug getragen werden und dort (ohne Rampe) in die offenen Türen der Waggons gehoben werden. Zwei besonders kräftige Gefangene griffen und stapelten sie. War ein Waggon voll, kam der nächste dran. Unerbittliche Lichtquellen – hohe, auf Masten montierte Scheinwerfer – beleuchteten eine unheimliche Szenerie, die Schatten der Stämme schleppenden Gefangenen erinnerten an jene phantastischen flügellosen Wesen, wie man sie auf manchen Bildern der Surrealisten findet. Unter den bleichen Strahlen einer aufgehenden Sonne gings zurück ins Lager. Der angebrochene Tag war arbeitsfrei.

Eine Nacht im Januar 1946 ist mir besonders ins Gedächtnis eingeschrieben. Die Kälte war so groß, dass nach getaner Arbeit die Motoren der SIL-Lkws nicht ansprangen. Auf eisglatter Straße mussten wir die zehn oder zwölf Kilometer zu Fuß zurück ins Lager. Ein abweisender Vollmond beleuchtete eine angsterfüllte Szene. Mehr stolpernd denn gehend zog sich die dem Lager zustrebende Gruppe von fünfzig bis sechzig Gefangenen immer mehr auseinander. Die Vordersten konnte ich kaum noch erkennen und ich glaubte, das ist nun das Ende. Bis heute weiß ich nicht, wie ich ins Lager zurück gekommen bin.

Holzfällen, Tag um Tag, Holzfällen und ein nicht enden wollender Winter. Bei nicht wenigen Gefangenen machte sich Verzweiflung breit. Da war es hin und wieder wie eine Erlösung, wenn es gelungen war, sich zu einer Kommandirowka, einem Arbeitseinsatz auf einer nicht weit entfernt liegenden Kolchose oder Sowchose zu melden. Mit Hacke und Spaten wurden Kartoffeln und Rote Beete aus der gefrorenen Erde gekratzt. Viel kam nicht zusammen. Aber um ein Weniges davon abzuzweigen und in Kochgeschirren in aufgetautem Schnee gar zu kochen, dazu reichte es allemal. Unser Bewacher nahm an den Mahlzeiten teil. Und weggeworfen wurde nichts. Die Schalen sorgsam ins Kochgeschirr verstaut, durch die Kontrolle am Lagertor geschmuggelt und anschließend, nach dem Brot- und Zucker-Empfang auf den zwei glühend heißen eisernen Öfen in der Baracke geröstet. Eine Karnevalsmahlzeit im Dunkeln. Während die meisten Gefangenen schon schliefen, schlich sich die Wärme in uns Erschöpfte hinein wie süßer Sirup.

Betrachte ich diese „Exkursionen“ rückblickend, muss ich feststellen, dass ich zu keiner Zeit und an keinem Ort in der Sowjetunion so etwas wie Deutschenhaß festgestellt habe, was umso erstaunlicher ist, als wir Kriegsgefangenen ja Angehörige eines Volkes waren, das die Sowjetunion in diesem Jahrhundert zweimal in den Krieg gestürzt hat, wobei der zweite ein unvorstellbares Ausmaß an Brutalität, Grausamkeit und Verbrechen erreicht hat. Wenn es Anzeichen eines Schuldvorwurfs gab, dann war er nie kollektiv gemeint.

Anfang Mai des Jahres 1946 arbeiteten etwa dreißig Gefangene aus unserem Lager auf einer Kolchose. Lange, starke, gerade gewachsene Baumstämme zum Bau von Häusern mussten auf bereitstehende Lkws geladen werden. Und da geschah es: Ich befand mich auf der falschen Seite des aufgeschulterten Stammes und beim Abkippen auf die Ladefläche des Lkw geriet mein Kopf zwischen zwei der Stämme und wurde eingequetscht. Bewusstlos, aus Nase, Mund und Ohren blutend, legte man mich, wie vorher die Baumstämme, auf die Ladefläche und brachte mich über die Knüppeldämme zurück ins Lager. An dieser Stelle setzt die Erinnerung aus. Der österreichische Lagerarzt – ein Nazi, wie jeder wusste – hatte kaum Medikamente und Verbandszeug, sein einziges Instrument war eine Nagelschere. Seine Worte waren: „Schädelbasisbruch, da kann ich auch nichts machen…“

So lag ich Wochen und Monate im „Lagerlazarett“, einem Raum mit sechs oder acht zweistöckigen Pritschen mit Strohsäcken drauf, bei schönem Wetter vor der Baracke mitten zwischen ein paar Beeten mit Blumen und Gemüsepflanzen. In den ersten Wochen waren die Schmerzen unerträglich, ich wusste nicht wie ich am bequemsten liegen sollte. Hören konnte ich kaum etwas, und das Sprechen glich eher einem Stammeln, die Sehkraft hatte merklich nachgelassen, so schien es mir, und was rechts im Blickfeld lag, erschien links und umgekehrt.

Nun war einige Zeit vor meinem Unfall ein Militärarzt im Lager erschienen, der kam, wie es hieß, aus Sibirien und er führte Neurungen ein. Dicht neben dem Lagertor wurde eine Sauna gebaut, und an jedem Wochenende konnten die Gefangenen duschen und in der Sauna schwitzen. Auch das Essen wurde merklich besser. Hin und wieder besuchte er die Krankenstube. eines Tages gab er mir zu verstehen, dass ich nur noch so lange im Lager bleiben müsse, bis ich transportfähig sei.

Während der warmen Sommermonate besserte sich mein Zustand zusehends. Ich konnte aufstehen und entdeckte – das erschien mir neben der Gewissheit, dass ich überlebt hatte, wie ein zweites Wunder – die kleine Lagerbibliothek. Auf notdürftig zusammengenagelten Holzregalen war alles zu finden, was Russen an deutscher Literatur schätzen: Heine und Lessing, Börne und Schiller, Kleist und Jean Paul. Wie einer, der sich schon verlassen glaubte, begann ich zu lesen, zuerst Heine, dann Jean Paul, von denen hatte ich in der Schule nie etwas gehört. Noch schmerzte es mich beim Seitenumschlagen, aber mit der Zeit vergaß ich alles um mich herum. Die Stille des Textes umfing mich wie ein Mantel, der mich abschirmte gegen ein Außen. Ich spürte, je mehr ich las, wie mir die Kräfte zuwuchsen, frische Kräfte, die mich meine Verletzung fast vergessen ließen. Noch im Dunkeln der Dämmerung konnte ich den Blick nicht von den Buchseiten lösen.

Nach Jean Paul griff ich zu einem deutschen Philosophen mit Namen Karl Marx. Es war wie ein Sog. „Der 18. Brumaire des Napoleon Bonaparte“ versetzte mich in das Paris um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ mitten in die Kämpfe der Pariser Arbeiter und die Commune von 1870/71. Mein Kopf schien mir zum zweiten Mal zu platzen. Ich ahnte, dass sich in dieser radikalen Kritik eine Philosophie des Protestes verbarg, getragen von einem unerschütterlichen Glauben an die Individuatität des Menschen, an seine Fähigkeit, sich selbst zu befreien und „seine ihm innewohnenden Fähigkeiten zu verwirklichen“, wie es Erich Fromm einmal ausgedrückt hat. Mir war, wie wenn vor dem Unerklärlichen der Geschichte plötzlich der Vorhang weggezogen wird und die treibenden Kräfte der gesellschaftlichen Konflikte sichtbar werden.

Ich will es nicht verschweigen, bei der Lektüre waren gewaltige Hürden zu nehmen. Alles, woran ich mich bislang zu halten können glaubte, zerfiel zu nichts. Ich begann zu ahnen, dass mit diesem Quellen der Einsicht eine Hoffnung verbunden war, weit über die Heimkehr hinaus auf ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben in der Zukunft.

Mitten in der Lektüre der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ – oder war es die „Deutsche Ideologie“? – wurde ich einer Kommission vorgestellt, die aus Moskau gekommen war, um kranke Gefangene auszuwählen und ihre Überführung in ein Moskauer Lazarett zu veranlassen. „Du nach Hause“ sagte der sibirische Arzt zu mir.

Ein paar Tage später, es war Ende Juli 1946, fuhr ich zusammen mit anderen Gefangenen, wie immer stehend und aneinandergeklammert, per Lkw über die wohlbekannten Knüppeldämme und weiter die fünfzig oder hundert Kilometer nach Moskau. Einige Tage verbrachte ich dort in einer Art Zentrallazarett für Kriegsgefangene und wurde deutschen Ärzten vorgestellt. Tags darauf bestieg ich einen mit Stroh ausgelegten Güterwaggon. Es war ein langer Zug, der uns nach Deutschland bringen sollte.

Während eines Halts auf offener Strecke überholte uns auf dem Nebengleis ein Zug. Auf dem Tender der Lokomotive entdeckte ich die wohlbekannten zwei Meter langen Stämme aus Birkenholz, von denen wir so unendlich viele gefällt hatten. Also dafür wurden sie gebraucht. Einen schöneren Abschiedsgruß kann man sich kaum denken.

Am 8. August erreichte der Transport das Sammellager Gronenfelde bei Frankfurt an der Oder. Ich bekam meine Entlassungspapiere und betrat am 11. des Monats, ramponiert zwar und 89 Pfund leicht, und doch als ein neuer, freier Mensch, das Haus meiner Eltern.

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Wolfgang Ludwig, Bildender Künstler von Beruf, war von 1971 bis 1991 Professor für Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste (Berlin-West), von 1978 bis 1989 Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Gründungsmitglied von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. Wolfgang Ludwig starb am 24. März 2009

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