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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
(Kurzfassung).
E. Radczuweit.
Der lange im Voraus geplante Krieg gegen die Sowjetunion stand im Zentrum deutscher Eroberungspolitik zur Schaffung „neuen Lebensraums“. Deren Bewohner klassifizierten die Nazis als „minderwertiges Menschenmaterial“, ihr Lebensrecht wurde beschnitten auf die Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft für die deutschen Eroberer. Die Mehrheit sollte verhungern oder über den Ural vertrieben werden. Die Sowjetsoldaten galten als Hauptfeinde, die man „erbarmungslos“ vernichten wollte. In Auschwitz wurden die ersten Vergasungen mit Zyklon B an 600 sowjetischen Kriegsgefangenen durchgeführt. In den ersten 10 Monaten des Vernichtungskrieges starben zwei Drittel der drei Millionen Gefangenen. Generalquartiermeister Eduard Wagner im November 1941: „Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern.“ Wie lesen beispielsweise in den Freitagsbriefen, dass sich die Menschen in den Lagern um die Beschäftigung als Totengräber bewarben, weil es dafür 600 Gramm Brot gab. Die Rüstungsindustrie rief nach Arbeitskräften. Weil die zivilen Zwangsarbeiter aus allen besetzten Ländern Europas nicht ausreichten, wurden auch sowjetische Kriegsgefangene unter verschärften Bedingungen eingesetzt, in der Industrie, im Bergbau, im Steinbruch. Auch der völkerrechtswidrige Einsatz im Kriegsgeschehen, z.B. beim Mienenräumen und beim Bau von Schützengräben, war üblich. Die von KONTAKTE-KOHTAKTbI Begünstigten hatten zumeist überlebt, weil sie nach dem „Aufpäppelungsprogramm“, wie es zynisch hieß, der Arbeit in der Landwirtschaft zugeführt worden waren. Dort kamen sie wieder zu Kräften und konnten für die weitere Zwangsarbeit – etwa bei Krupp in der Eisengießerei – verwertet werden. Denn bei der unerwartet langen Kriegsdauer musste pfleglicher mit der „kostbaren Kriegsbeute Arbeitskraft“ verfahren werden, als es die Rasseideologen um Alfred Rosenberg vorsahen.
Die Sterberate bei sowjetischen Kriegsgefangenen blieb im Verhältnis zu anderen Gefangenen des Wehrmacht trotzdem enorm hoch. Starben von westalliierten Militärangehörigen in deutscher Gefangenschaft 3,5 %, so starben von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen mehr als die Hälfte in deutscher Gefangenschaft. Neben den europäischen Juden erlitten die sowjetischen Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkrieges das schlimmste Schicksal.
Mehr über die sowjetischen Kriegsgefangenen im Buch „ICH WERDE ES NIE VERGESSEN“ Briefe sowjetischer Kriegsgefangener 2004–2006, Chr. Links Verlag, siehe „Keine Kameraden“ von Christian Streit.

Am 8. Mai 2008 wurden erstmals am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten jene sowjetischen Soldaten geehrt, die als Gefangene der Deutschen Wehrmacht starben.
(Foto: Dieter Arbeiter).
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Nugsar Andguladze

Zu Gast bei Schalwar Bardarzlidse. Seine beiden Söhne erfreuen die Gäste aus Deutschland mit georgischem Gesang. Nach unserer Heimkehr beschwerten sich mehrere, dass wir sie nicht besuchten. Viele wollten ebenso mit uns feiern.
„Solidarität und Aufklärung“ sind die Schlagwörter zu unserem Engagement. Wie können wir Anteilnahme erwarten, wenn die Tragödie der „vergessenen“ Naziopfer unbekannt ist? Also leisteten wir von Beginn an Aufklärung mit Broschüren, einem Buch, einem Hörbuch und dieses Jahr mit dem aufwändigsten Projekt, der großen Ausstellung „RUSSENLAGER“ UND ZWANGSARBEIT – BILDER UND ERINNERUNGEN SOWJETISCHER KRIEGSGEFANGENER. Die Eröffnung im Hauptfoyer der Humboldt-Universität zu Berlin war am 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, dem 22. Juni 2011. Einige Portraitaufnahmen des Fotografen Lars Nickel veröffentlichten wir schon in früheren Rundbriefen. Portraits ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener, die in Wolgograd und Eriwan fotografiert worden waren, stellten wir mit Zitaten aus ihren Erinnerungen in den Mittelpunkt der Dokumentation. Denn wir wollen verdeutlichen, dass es nicht um ferne Geschichte geht, sondern um deren Nachwirkung auf heute noch lebende Menschen. Mit lebensgroßen Fotos wollten wir ihre Menschenwürde zum Ausdruck bringen. Das ist uns gelungen, wie die Einträge im Gästebuch zeigen. Weil es ein internationaler Ausstellungsort war, zeigten darin auch Italiener, Chinesen, Spanier und viele andere ihre Berührung. Die russische Studentin Oksana aus Wolgograd schrieb: „Und auch für uns ist es wichtig zu erfahren, wie viel Leid Kriege für uns alle mit sich bringen. Welche Qualen, Demütigungen und Verluste haben die Kriegsgefangenen erfahren müssen! Es war eine grauenvolle Zeit, aber sie sind Opfer des Krieges und man muss sie unterstützen. Das ist unsere Pflicht. Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen!“ Arabische Kommentare, die wir uns übersetzen ließen, endeten stets mit der Hoffnung, die Welt möge im Frieden sein.
Zur Ausstellungseröffnung luden wir zwei neunzigjährige ehemalige Kriegsgefangene mit ihren Enkeltöchtern ein, Jurij Kusnezow und Jewgenij Platonow. Sie sprachen auf Veranstaltungen, mit Studierenden und trafen Wolfgang Thierse im Bundestag. Zur Zeit arbeitet der für uns ehrenamtlich tätige professionelle Kameramann Sascha Alexander an einer Videodokumentation ihrer Ansprachen. Auf Nachfrage schicken wir gerne sein Arbeitsergebnis.

Jurij Kusnezow und Jewgenij Platonow bei der Eröffnung der Ausstellung. Kusnezow sagt: „Ich konnte dreimal aus der Gefangenschaft entfliehen und wurde nach jeder Wiederergreifung gefoltert.“ Platonow fügt hinzu: „Im März/April 1942 waren im Lager von tausenden Kriegsgefangenen nur noch zwei- bis dreihundert am Leben.“

Alexander Zchadija: „Ein deutscher Soldat schoss auf mich und traf mich am Bein. Er sah mir in die Augen, und obwohl ich noch lebte, schoss er nicht noch einmal auf mich. Weil er damals so anständig war, bin ich 90 Jahre alt geworden und lebe immer noch.“
Nur noch selten können wir solche Zeitzeugen einladen. Bedenken Sie deren Alter! Aber wir können sie besuchen. Unser Partner Nugsar Andguladze von der Ukrainisch-Georgischen Freundschaftsgesellschaft hatte uns eingeladen und 11 KOHTAKTbI-Mitglieder machten sich am 4. Oktober 2011 auf den weiten Weg. In Kutaissi angekommen, der zweitgrößten Stadt des Landes, gingen wir gleich ins Büro unserer Partnerorganisation, vor dem schon Dutzende sehr alte Männer mit ihren Frauen und Kindern auf uns warteten.
Wie drückte Nugsar Andguladse seine Dankbarkeit für die langjährige Unterstützung georgischer Kriegsveteranen aus, die in deutscher Gefangenschaft gelitten hatten? Indem er uns das ganze schöne Land zeigen wollte. Und so quetschten wir uns in einen kleinen Bus und durchfuhren tagelang West- und Ostgeorgien. Uralte Kirchen, Klöster, traumschöne Landschaften erlebten wir; allerorten waren Haltestellen, wo uns vor gedeckten Tischen die von uns begünstigten alten Männer nebst Großfamilien erwarteten. Gleiches hatten wir die Jahre zuvor schon in Armenien und Belarus erlebt. Aber die georgische Gastfreundschaft hat ihre Besonderheit, den Tamada, den Tischmeister. Nach altem Brauch regelt er Reihenfolge und Inhalt der Trinksprüche, während die Frauen des Hauses Köstlichkeiten auffahren. (Dezent hatten wir ihnen Wochen zuvor die Kosten im Voraus übergeben lassen.) Überall wurde selbst gekelterter Wein angeboten. Einmal musste ich die in den Erdboden des Hofs eingelassene Amphore öffnen und ausschenken. Später erklärte die Dolmetscherin, sie sei 30 Jahre verschlossen gewesen und sollte nur für ganz besondere Gäste geöffnet werden ...
Wären wir nur Touristen, hätte uns dieses „Reiseangebot“ ein wohlhabendes Land vorgetäuscht. In Wirklichkeit herrscht tiefe Armut. Das soziale Gefüge zwischen Arm und Reich hat sich für die Mehrheit bis an die Schmerzgrenze verbogen. Ein Rentner muss von monatlich 100 Lari (50 Euro) leben und davon teure Medikamente bezahlen. In der Stadt Gori sahen wir im Asphalt die Panzerkettenspuren des letzten Krieges vor drei Jahren. Uns wurde vor alten Gemäuern erklärt, wann Kirchen von Persern, Mongolen, Osmanen zerstört worden seien. Russen gelten als gegenwärtige Feinde.
An der Grenze zu Abchasien sahen wir schier endlose Flüchtlingssiedlungen. Unser Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer ist Friedensarbeit. Also werden wir in unseren Rundbriefen an georgische Gefangene im Zweiten Weltkrieg immer an den gegenwärtigen Unfrieden denken und nach Worten suchen, die auch ihre Enkel erreichen. Einst hatten wir, als georgische Nachbarn Krieg gegeneinander führten, Musiker aus Eriwan und Baku nach Berlin eingeladen und mit ihnen die Konzertreihe „Kaukasischer Frieden“ veranstaltet. Als Dirigent wurde damals ein „neutraler“ Georgier verpflichtet. Nugsar Andguladze sagte einmal: „In ganz Georgien ist Euer Engagement bekannt!“ Vielleicht hört man dort auf humanitäre Helfer, die auch über Feindbilder nachdenken und im Bewusstsein deutscher Vergangenheit das gemeinsame Nachdenken über Versöhnung und Frieden anbieten.

Das einzige Bild an den Wänden im Büro der Ukrainisch-Georgischen Freundschaftsgesellschaft. Bis heute erhielten in Georgien 399 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Spendengeld. Im letzten Winter bekamen mehrere von ihnen Brennholz bezahlt. Mehrere durch Erdrutsch beschädigte Hütten wurden mit Spendengeld repariert, es wurde medizinische Hilfe geleistet.
Unser ehemaliger Vertragspartner in Russland, die staatliche Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“, war in den letzten Monaten ihrer Existenz nicht mehr arbeitsfähig. So wurden jetzt 60.000 Euro aus Moskau an uns zurücküberwiesen, die für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene bestimmt waren. Unsere neue russische Partnerin ist die uns aus der Jugendarbeit bekannte Lisa Ustinowa, Vorsitzende der Nicht-Regierungsorganisation „Sostradanje“. Dank Lisas sozialer Kompetenz und ihrer Beharrlichkeit gelang „Sostradanje“ schon die Spendenauszahlung an 70 ehemalige Kriegsgefangene, die NSZwangsarbeiter waren. Für die nötigen Recherchearbeiten müssen wir eine Halbtagskraft in Moskau bezahlen (monatlich 500 Euro). Weil nun die Spendenauszahlungen per Postzustellung erfolgen, erhöhen sich die Überweisungsgebühren. Damit steigen die Sachkosten aus dem Spendenaufkommen auf rund 10% (Verwaltungskosten: 5%).

Der Geologe Nugsar Andguladze (links), ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Ukrainisch-Georgischen Freundschaftsgesellschaft, bringt die Spenden aus Deutschland auch auf schwierigen Bergpisten zu den ehemaligen Kriegsgefangenen. Er wird unterstützt durch regionale Verbände der Kriegsveteranen. Tamasi Kalatozischwili (rechts) ist Vorsitzender des Veteranenverbandes in der Region Kachetien.
Es bleibt beim Vorsatz, den vergessenen NS-Opfern Einmal-Spenden von 300 Euro zu geben. Wenn aber Notfälle nachgewiesen werden, leisten wir auch Mehrfachhilfen. In Georgien und Armenien stellt sich jetzt wieder die Frage nach Brennstoffhilfe für den kaukasischen Winter. Ein Viertel aller Shoa-Überlebenden in der Ukraine zählt auch zu den vergessenen NS-Opfern. Unsere Solidarität ist nötig angesichts antisemitischer Tendenzen in der Ukraine.
Eberhard Radczuweit
Spendeneingänge zu folgenden Kennwörtern: |
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|---|---|
Kriegsgefangene | 112.516,70 |
Bürger-Engagement | 73.325,00 |
Armenienhilfe | 2.285,00 |
Spendenübermittlung nach: |
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Belarus | 300,00 |
Georgien | 40.400,00 |
Russland | 30.400,00 |
Ukraine | 20.000,00 |
Armenien | 39.320,00 |
Jüdische NS-Opfer | 10.000,00 |
Wir danken allen Spenderinnen und Spendern!
Spendenkonto:
Kontakte-Kontakty, Konto-Nr. 306 55 99 006, Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00,
Auslandsüberweisungen: IBAN: DE48 1009 0000 3065 5990 06, BIC: BEVODEBB), Kennwörter: Kriegsgefangene, Bürger-Engagement, Armenienhilfe
Wir danken der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für die Unterstützung der Korrespondenz mit ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen sowie allen ehrenamtlich tätigen Übersetzerinnen und Übersetzern.
Für die freundliche Unterstützung danken wir der Werbeagentur „frank & frei“ in Wiesbaden.
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von Valerie Engler.
Mitte August 2010 war ich zwei Wochen in Armenien zu Besuch bei der Familie meines Freundes. Bei der Gelegenheit wurde ich von KONTAKTE-KOHTAKTbI gebeten, dem Verein für rehabilitierte Kriegsgefangene in Jerewan – der einzigen Organisation für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene auf dem Gebiet der früheren UdSSR – 3000 Euro Spendengelder für bedürftige Mitglieder des Vereins zu überbringen. Und auch ich selbst wollte mir die Gelegenheit nicht entgegen lassen, dem Verein einen Besuch abzustatten, einige der Mitglieder kennenzulernen und ihnen Grüße aus Berlin und von KOHTAKTbI zu übermitteln. An einem heißen Jerewaner Augusttag waren mein Freund und ich also eingeladen, den Verein in seinem Vereinsbüro zu besuchen. Abgeholt und herzlich empfangen wurden wir vom Vereinsvorsitzenden Mels Margarjan, seinem Sohn Hagop Margarjan und Professor Aschot Hayruni, der sich seit Jahren für den Verein engagiert und aufgrund seiner sehr guten Deutschkenntnisse die Kontaktperson von KOHTAKTbI in Berlin ist. Das Vereinsbüro befindet sich weit im Süden der Stadt auf dem Gelände der gewaltigen Kautschuk-Fabrik „Nairit“ – diese Fabrik gehörte übrigens zu Sowjetzeiten zu den weltweit größten Produzenten von synthetischem Kautschuk; heute sind nur noch ca. 5% des Werks in Betrieb, und auch die sind kaum produktions- und erst recht nicht wettbewerbsfähig. Leider kann „Nairit“ symbolisch für den insgesamt desolaten Zustand der armenischen Wirtschaft stehen; aber das nur am Rande.
Im Vereinsbüro, in dem sich die Mitglieder regelmäßig dreimal die Woche treffen, erwarteten uns ein ehemaliger Kriegsgefangene, der 87jährige Hamajak Margarjan mit seiner Frau Seda, außerdem Wardan Sargsjan, der im Verein mit- und aushilft. Mehr Vereinsmitglieder hatten leider nicht kommen oder erreicht werden können, da das Vereinsbüro im August für die Sommerpause geschlossen war. Aber das war nicht der einzige Grund, denn mit jedem Jahr schrumpft die Mitgliederzahl merklich und viele der hochbetagten Männer können mittlerweile nicht mehr ihr Haus verlassen, um zu den Treffen ins Vereinsbüro zu kommen. Mels Margarjan teilte mir die traurige Bilanz mit, dass in diesem Jahr bereits 38 Mitglieder verstorben sind; insgesamt hat der Verein jetzt noch 185 Mitglieder (von ehemals über 700). Wie Mels sagte, leben die meisten von ihnen in Dörfern über ganz Armenien verteilt – ab Ende August wird Mels vielen von ihnen einen Besuch abstatten und den Bedürftigsten unter ihnen eine Spende von KOHTAKTbI überreichen. Leider leben viele der Vereinsmitglieder unter schier unerträglichen Bedingungen, die staatliche Rente reicht kaum zum Überleben, ganz zu schweigen von Medikamenten oder anderen nötigen Anschaffungen. Auch Hamajak Margarjan und seine Frau erzählten mir von ihrem schwierigen Leben; Hamajak erzählte auch ein wenig von seiner Zeit in deutscher Gefangenschaft und der schweren Arbeit in Deutschland. Er überraschte mich mit vielen deutschen Phrasen und Sätzen, die ihm über all die lange Zeit im Gedächtnis geblieben waren. Ein richtiges Gespräch mit ihm war aber leider nicht möglich, da Hamajak Margarjan beinahe taub ist und für ein Hörgerät bisher das Geld nicht reichte. Hoffentlich wird von den neuen Spendengeldern auch ein Betrag für Hamajak dabei sein, von dem er sich ein Hörgerät kaufen kann.

Valerie Engler im Büro der armenischen NS-Opfer-Vereinigung.
Mels Margarjan und Aschot Hayruni erwiesen sich als echt armenische Gastgeber und ließen es sich nicht nehmen, ihre Gäste aus Berlin zu bewirten und uns interessante Orte ihrer Heimat zu zeigen. Zwar war es nicht mein erster Besuch in Armenien und ich hatte schon viele der wirklich sehenswerten Kirchen, Klöster und anderen Kulturgüter dieses kleinen, an Geschichte so reichen Landes im Kaukasus besichtigt, aber es fand sich doch etwas, was ich noch nicht gesehen hatte. So besuchten wir gemeinsam in Oschakan die Grabstätte von Mesrop Maschtots (361–440), des Begründers des armenischen Alphabets, sowie das bekannte Bjurakan-Observatorium am Hang des Berges Aragaz, das in der Sowjetunion ein bedeutendes Zentrum für Astronomie war – heute fristet es leider ein unscheinbares Dasein, wie die meisten wissenschaftlichen Zentren in Armenien. Dennoch waren die Besichtigung des Geländes und die kleine Führung durch eine der Sternwarten sehr interessant und wir bekamen eine Ahnung vom früheren „Glanz“ des Observatoriums.
Ich danke Herrn Margarjan und Herrn Hayruni sowie dem ganzen armenischen Verein für den herzlichen Empfang und für die überwältigende Gastfreundschaft. Mein diesjähriger Besuch in Armenien war wieder ein unvergessliches Erlebnis, und das in erster Linie wegen seiner Menschen, die aller Schwierigkeiten zum Trotz – und das Leben in Armenien ist für die meisten seiner Bewohner nach wie vor mehr als schwierig – herzlich, offen und lebensfroh sind und Gäste mit offenen Armen empfangen. Danke!
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Vom 10.–15. November 2007 luden wir mit freundlicher Förderung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ drei ehemalige sowjetische Kriegsgefangene aus der Ukraine nach Berlin ein: Iwan Kowbasa, Jakow Stepanenko und Dmitri Woloschin. Ein Anliegen der Reise war die Begegnung mit deutschen Jugendlichen.
Aus „Magazin“ Nr. 15 des Fördervereins der Sophie-Scholl-Oberschule Berlin-Schöneberg (noch nicht erschienen).
Von Lilli Hasche.
Die drei alten Herren und die Dolmetscherin sitzen ganz vorne, die Schüler der drei Oberstufenkurse (Politikwissenschaft und Geschichte) in Stuhlreihen ihnen gegenüber. Die Veteranen haben sich fein gemacht, all ihre Orden an die Jackettjacken gesteckt. Bald nach dem Klingeln kehrt Ruhe ein. Wir sind gespannt unseren Besuch und ihre Lebensgeschichten kennen zu lernen, nachdem wir uns schon im Unterricht mit dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen befasst hatten.
Der erste der drei über 80-jährigen Veteranen erhebt sich und beginnt zu erzählen. Er habe seit 65 Jahren darauf gewartet, mit deutschen Jugendlichen zu sprechen, leitet er seine Ausführungen ein. Wir beobachten aufmerksam seine Körperhaltung, seine Gebärden, seinen Ausdruck, seinen Tonfall. Spannung liegt in der Luft, wenn Herr Kowbasa erzählt. In unregelmäßigen Abständen gelingt es der sich sehr zurückhaltenden Dolmetscherin den Zeitzeugen zu unterbrechen um auch uns Schülern die Erlebnisse vorzutragen. Kaum ist sie fertig, fährt er ungeduldig fort. Atemlos berichtet er von der Verteidigung seiner Heimatstadt Odessa und der anschließenden Gefangenschaft in einem Kriegsgefangenenlager der Deutschen. Ausdrucksvoll erzählt er uns von zwei kommunistischen Arbeitern, die ihm als deutsche Soldaten zweimal eine Flucht ermöglichten und ihm somit das Leben retteten. Nun wünscht er sich noch die Familien derer kennen zu lernen, die ihm mehrmals zur Flucht verhalfen.
Nach etwa einer halben Stunde, in der wir längst noch nicht alles erfahren konnten, darf unser nächster Gast seine Geschichte erzählen. Auch Herr Woloschin wurde von der deutschen Armee eingekesselt und entging nur knapp einer Erschießung. Stattdessen wurden er und seine Kameraden zur Zwangsarbeit in Lager transportiert. Die Lebensbedingungen waren schrecklich: Die Gefangenen lebten in selbstgebauten Erdhütten, bekamen kaum Nahrung und wurden von den Aufsehern erniedrigt. Da er Arzt war, verfasste er gemeinsam mit anderen Häftlingen einen Protestbrief, in dem sie die Behandlung bemängelten und auf die Genfer Konventionen hinwiesen. Sie waren sicher erschossen zu werden. Das Gegenteil trat ein: Sie wurden besser behandelt und durften auch Gefangene medizinisch versorgen.

Jakow Stepanenko mit Bodo Förster und Alexander von Scharsich (beide Sophie-Scholl-Oberschule Berlin-Schöneberg) auf dem Gelände des Kriegsgefangenenfriedhofs Luckenwalde
(Foto: Lars Nickel).
Am meisten beeindruckt die Erzählung von Herrn Stepanenko. Der ehemalige Lehrer besteht darauf zu stehen und beginnt zitternd auf Deutsch zu erzählen. Nach dem Krieg hatte er noch einige Zeit bei Berlin die Kinder russischer Soldatenfamilien unterrichtet. Seit Mitte der fünfziger Jahre spricht er nun zum ersten Mal wieder deutsch.
Nach seiner Gefangennahme wurde er mit dem Zug nach Dortmund transportiert. Dort musste er in einem Bergwerk arbeiten. Als besonders schrecklich blieben ihm bis heute die Bombardements in Erinnerung, weil die Kriegsgefangenen nicht evakuiert wurden, sondern im Bergwerk blieben. Aber er hat auch positive Erinnerungen: Als 1944 das Lager nach einer Bombardierung ausbrannte, schenkt ihm ein „guter Offizier“ Bettdecken. Oder die zivilen Arbeitskollegen, die ihr Brot „wegwerfen“ um es unauffällig den hungernden Zwangarbeitern zu geben. Umso überraschter ist er, als er nach der Befreiung durch die Stadt läuft und merkt, dass die Deutschen Angst vor ihm haben.
Aber er hat den Deutschen verziehen, liebt das Land und die Sprache und unterhält sich gerne mit uns. Die Reise nach Deutschland war lange ein unerreichbarer Traum, der nun endlich in Erfüllung ging. Und er bedankt sich: für unsere hellen aufmerksamen Augen.
Leider ist die Doppelstunde schon vorbei. Wir hatten viel zu wenig Zeit, sind längst nicht all unsere Fragen los geworden. Auch die drei Zeitzeugen hätten alle gerne noch weiter geredet, waren froh, dass ihnen endlich einmal jemand wirklich zuhörte.
Unser Kurs begleitet die Gäste weiterhin: Gemeinsam essen wir in der Mensa zu Mittag und am nächsten Tag werden wir noch Zeit haben, uns zu unterhalten.
Am folgenden Morgen treffen wir uns um 9 Uhr 30 vor der Schule, dort wartet der Bus, der uns nach Luckenwalde bringen soll. Vorher gehe ich noch mit Nadia und Tati auf den Markt um Blumen zu kaufen. Als wir dem Blumenverkäufer erzählen, dass wir die Blumen auf den Gräbern ehemaliger Kriegsgefangener niederlegen wollen, macht er uns einen Sonderpreis: Für 4 Bund Blumen und 13 Sonnenblumen bezahlen wir nur 10 €!
Gegen 11 Uhr treffen wir an der Gedenkstätte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers (Stalag IIIA) in Luckenwalde ein. Dort, wo früher ca. 45000 Soldaten aus vielen Nationen gefangen gehalten wurden, steht heute ein Biotechnologiezentrum.
Eine kleine Straße führt zum zentralen Friedhof des Lagers. Er ist frisch umzäunt und geharkt, in einem überraschend guten Zustand. Durch das grüne Tor betreten wir den Friedhof. 3000 bis 4000 Häftlinge wurden hier in Massengräbern verscharrt, die meisten davon sowjetische Häftlinge. Wir verteilen unsere Blumen an alle Anwesenden. Bevor wir weiter gehen, spricht Herr Kowbasa Worte des Gedenkens. Langsam gehen wir weiter zum Gedenkstein, in russischer Schrift steht dort: „Ewiges Andenken den sowjetischen Bürgern, die in faschistischer Gefangenschaft zu Tode gequält wurden, 1941–45“. Die Herren Kowbasa, Stepanenko und Woloschin nehmen ihre Kopfbedeckungen ab und ehren so ihre toten Kameraden. Wir legen vorsichtig unsere Blumen nieder. Eine Weile ist es still. Dann nutzen sie wieder die Gelegenheit ein paar Worte an uns zu richten. Sie rufen uns zu Frieden und Freundschaft auf, sie ehren die deutsche Kultur und danken der deutschen Regierung für die Pflege der Gräber, für das Gedenken, kurz gesagt, sie danken uns, dass wir da sind. Sie berichten davon, dass die Opfer in der Ukraine totgeschwiegen, die Gräber dem Erdboden gleichgemacht werden und von einem Markt, der sich auf einem ehemaligen Friedhof befindet und der deshalb „Laden auf den Knochen“ heißt. Das berührt uns sehr und wir wissen nicht, was wir dazu sagen sollen, denn eigentlich haben wir Grund zu danken: Dafür, dass sie uns so viel von sich erzählen, dass sie uns verzeihen, dass sie Deutschland besuchen, obwohl dieses Land einmal ihr Feind war.
Wir gehen weiter, bleiben an den Gräbern von serbischen Kriegsgefangenen stehen. Es sind die einzigen Einzelgräber mit Namen, einige der Toten waren noch sehr jung, andere schon Mitte vierzig. An allen Gedenkorten legen wir unsere Blumen nieder, auch für die französischen Opfer.
Vor dem Gedenkstein der Italiener versammeln wir uns erneut. Herr Förster berichtet von einem Massaker in Nichel (bei Treuenbrietzen), dem kurz vor Kriegsende 127 italienische Kriegsgefangene zum Opfer fielen. Auch sie waren Internierte des Stalag IIIA. Ein Überlebender dieses Massakers engagiert sich bis heute für seine ermordeten Kameraden, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Obwohl Antonio Ceseri aus Florenz schon über 80 Jahre alt ist, kommt er jedes Jahr zu den Gedenkveranstaltungen im April nach Berlin und Brandenburg.
Sogar das ukrainische Fernsehen ist angereist. Das bedeutet unseren Gästen sehr viel. Jahrelang wurde ihr Schicksal in der Sowjetunion verschwiegen. Kriegsgefangene galten als Deserteure und somit als Verräter und Kollaborateure der Nationalsozialisten. Schon während des Krieges wurden ihre Familien benachteiligt, teilweise sogar verhaftet. Nach der Befreiung wurden sie ausgiebig geprüft und oft zur Zwangsarbeit verpflichtet. Worunter sie aber besonders litten, war die Missachtung durch die Gesellschaft. Nachbarn, Freunde und Familie glaubten oft der Propaganda und schlossen die angeblichen Verräter aus. „Einmal traf ich einen Freund wieder. Wir unterhielten uns und er erwähnte, dass er mich jederzeit verraten könne, selbst wenn ich nichts gesagt oder gemacht hatte. Mir würde sowieso keiner glauben.“, erzählt uns Herr Stepanenko. Erst seit der Wende in der Sowjetunion wird auch in der Ukraine über das Schicksal der Kriegsgefangenen geredet. Immer öfter werden Veteranen von Schulen eingeladen. Gesellschaftlich rehabilitiert sind sie aber noch nicht. Gerade deshalb ist ihnen das lange Interview sehr wichtig, dass Herr Kowbasa für eine Sendung in seinem Heimatland macht. Sie wollen dazu beitragen die Erinnerung zu wecken und wach zu halten.

Iwan Kowbasa mit Schülerinnen und Schülern im Heimatmuseum Luckenwalde
(Foto: Lars Nickel).
Nebenbei sprechen wir mit einem Mitarbeiter von „Kontakte“, der im April 1945 geboren wurde. Und zwar genau an dem Tag, an dem der Soldat, an dessen Grab wir stehen, starb. „Die sind für mich gestorben.“, stellt er fest. Wir sollten diesen Toten also nicht nur gedenken, weil es unsere Landsleute waren, die sie töteten, sondern auch, weil sie für uns starben.
Im Heimatmuseum Luckenwalde haben wir noch einmal die Möglichkeit spezifische Fragen zu stellen.
Herr Kowbasa und seine Mitgefangenen bekamen nur wenig Nahrung. In einem Befehl von 1941 hieß es „Nichtarbeitende Kriegsgefangene […] haben zu verhungern.“ Das schockiert uns alle zutiefst und war trotzdem in allen Lagern bittere Realität. Die Lager waren oft nur provisorisch von den Häftlingen errichtet worden, die im tiefen Winter in Erdlöchern hausten. Später mussten sich 200 Gefangene eine Baracke teilen, die für 50 gebaut worden war. Besonders bestürzt war ich, als er uns von seinen Ängsten erzählte. Von den Deutschen eingekesselt und beschossen sah er viele seiner Kameraden sterben. Der Geruch nach verbranntem Fleisch und Blut nahmen ihm die Ängste, machten ihn emotionslos. Erst nach dem Krieg konnte er wieder etwas fühlen. Heute freut er sich darüber, wenn junge Leute ihm zuhören.
An ein Überleben hat er lange nicht geglaubt. Geholfen haben ihm sein Glauben an Gott und der Wille seine Familie wieder zu sehen.
Sehr schnell war uns bewusst, dass wir Herrn Kowbasa helfen möchten, seine Retter oder deren Familien kennen zu lernen. Deshalb treffen wir uns einige Wochen später im Ladenlokal von Kontakte und stellen erste Nachforschungen an, schreiben E-Mails und telefonieren mit Archiven. In den nächsten Monaten hoffen wir Schritt für Schritt unserem Ziel näher zu kommen.
Der Kontakt zu den drei ehemaligen Kriegsgefangenen wird nicht so bald abbrechen. Schon zu Weihnachten schrieben wir ihnen Grußkarten und sie antworteten uns sehr schnell. Wir freuen uns auf weitere Briefe und Grüße aus der Ukraine.
Uns alle hat die Begegnung mit den ehemaligen Kriegsgefangenen sehr beeindruckt. Wie offen sie mit uns sprachen, dass sie uns vieles erzählten, auch jene Details, an die sie sich bis heute nur unter Tränen erinnern. Sie sind nach Deutschland gekommen ohne jegliche Vorurteile und ohne irgendetwas zu verlangen. Dass wir ihnen zuhörten reichte ihnen und dass wir Fragen stellten, begeisterte sie. Ich habe gelernt wie einfach es sein kann, andere Menschen glücklich zu machen. Obwohl sie während des Krieges aufwuchsen und in unserem Alter schon als Soldaten gegen die Deutschen kämpften, können wir von diesen Menschen sicherlich alle noch viel lernen.
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