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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Von Dmitri Stratievski.
Meine Reise führte mich nach Kiew. Politische Turbulenzen herrschen noch immer in diesem Land und in den Köpfen vieler Bewohner der 4-Millionen-Hauptstadt. Mein Reiseziel hatte damit nur am Rande zu tun. In der Jackentasche steckte ein Briefumschlag mit 5000 Euro, eine Spende für dringend hilfsbedürftige Holocaust-Überlebende, Mitglieder der Allukrainischen Assoziation der jüdischen KZ- und Ghettoüberlebenden, die ich im Namen des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI ausgeben sollte. Diese NGO ist unser langjähriger, zuverlässiger Partner bei der Spendenübermittlung und Verteilung vor Ort und hat ca. 25 Niederlassungen in fast allen Gebieten der Ukraine. Steuerliche Auflagen in der Ukraine machen eine Direktüberweisung auf das Konto der Assoziation unmöglich. 30% der Summe müssten an die Steuerbehörden weitergegeben werden. Zudem müssten die Kollegen eine kostenpflichtige Genehmigung beantragen. Eine Reise also, verbunden mit anderen beruflichen Aufgaben in der ukrainischen Hauptstadt, war unvermeidlich.
Die Allukrainische Assoziation der jüdischen KZ- und Ghettoüberlebenden hat ihren Sitz in einem Plattenbaubezirk am einstigen Stadtrand. Heute gehört dieses Viertel fast zum Stadtzentrum. Die Menschen in den fünfstöckigen „Chruschtschowka“-Häusern – zur Chruschtschow-Zeit in aller Eile als provisorische Lösung der Wohnungsnot errichtete Betonbauten – bekommen den Luxus der osteuropäischen Metropole kaum zu spüren. Auch unsere Partner sind von fast täglicher Verteuerung der Lebenshaltungskosten betroffen. Herr B. Sabarko, Vorsitzender der Assoziation, ein Ghetto-Überlebender, heute ein renommierter Holocaust-Forscher, sagte in unserem Februar-Telefonat: „Wir müssen umziehen. Der Hauseigentümer verlangt ab sofort eine „bezirksübliche“ Miete“. „Was werdet Ihr machen?“ – fragte ich beunruhigt. „Ich weiß es nicht. Neue Räumlichkeiten finden. Alle wollen aber heutzutage Profit machen. Ich weiß es nicht.“ Die Stimme von Boris Sabarko klang bitter.
Die feierliche Geldübergabe fand am 2. März statt. Ich kam etwas früher. Wir saßen zu viert in einem provisorisch eingerichteten Raum: drei ältere Herren – B. Sabarko, sein Stellvertreter W. Michalowskij, aktives Mitglied aus Kiew, S. Sdanowskij – und ich. Binnen 45 Minuten mussten wir ein schweres Problem lösen: wem wie viel Geld zusteht. 5000 Euro sind viel Geld. [1] Ein Stapel von 50- und 100-Euro-Scheinen sieht solide aus. Für die Aufgaben des Vereins ist es wenig. Ich blätterte eine mehrseitige Liste durch, die Herr Michajlowskij, ein Babij Jar-Überlebender, für mich zusammengestellt und mithilfe eines alten Tintenstrahldruckers gedruckt hatte. Namen, Adressen, Aufenthaltsorte während des Krieges, aktueller Gesundheitszustand … Schreckliche Biografien … KZ- und Ghettoaufenthalte, Tod von Verwandten und Bekannten, Flucht, jahrelanges Leben im Versteck, Angst … Und heute: Behinderung, Krankheit, dringend nötige Operation, Therapie, Medikamente. Es fehlt Geld. In der Ukraine liegt die durchschnittliche Rente momentan bei etwa 420 Griwna, umgerechtet sind es ca. 63 Euro. Laut Pressepublikationen soll das Existenzminimum in der Hauptstadt ca. 150 Euro betragen. Wie können diese Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten? Wie können sie sich teure Medikamente leisten? Wir mussten Entscheidungen treffen, denn ich hatte lediglich 5000 Euro Spendengeld. Fast 2000 Euro wurden an diesem und den folgenden Tagen an Kiewer Frauen und Männer und an Bewohner des Gebietes Kiew verteilt. Das Restgeld geht in verschiedene Regionen der Ukraine. Jeder Lokalverband hat Herrn Michajlowskij eine eigene Liste der dringend Hilfsbedürftigen überreicht. Die Menschen in jeder Gebietsfiliale warten auf unser Geld.
Als erste kam Frau G. Lisicina. Sie überlebte nach der geglückten Flucht aus dem Ghetto in Shmerinka im Versteck. Eine ukrainische Familie aus einem Dorf bei der zentralukrainischen Stadt Poltawa rettete ein kleines jüdisches Mädchen! Die ganze Lehrerfamilie aus der traditionellen jüdischen Intelligenzija-Schicht wurde in Kiew ermordet. Frau Lisicina überlebte. Wir hatten bereits einige Male miteinander telefoniert. Ich hatte finanzielle Unterstützung versprochen. Leider konnte ich ihr nur 150 Euro geben, obwohl sie deutlich mehr benötigt. Eine misslungene Beinoperation führte zu einer starken Behinderung. „Bei uns ist nur die medizinische Grundversorgung kostenlos. Der Arzt sagte offen: ‚Keine Garantie!‘ Eine Operation, die mir helfen könnte, sei möglich. Sie ist aber kostenpflichtig. Ich habe gar nicht gefragt, wie viel sie kosten würde! Meine Jahresrente? Meine Rente für fünf Jahre? Das macht keinen Sinn!“ Die Operation war nicht gut verlaufen. Ihr Gesundheitszustand hatte sich verschlechtert. Trotzdem kam Frau Lisicina auf Krücken ins Büro. „Zu Hause ist es langweilig. Ich brauche Unterhaltung. Außerdem möchte ich Sie persönlich kennen lernen.“ Sie brachte eine Torte mit. „Ach, Frau Lisicina, das war bestimmt teuer!“ „Nun, die habe ich aus vollem Herzen gebacken!“
Auf dem Tisch neben der Torte standen Schalen mit Obst und typisch ukrainischem Konfekt, auch eine Flasche „Kagor“, slawischer Kirchenwein nach altem Mönchsrezept – ukrainisch-jüdisches Brauchtum verbindet! Die Veranstaltung wurde von Herrn Sabarko mit einer kleinen Rede eröffnet. Er dankte KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. und betonte die Wichtigkeit unserer Partnerschaft. Danach erhielt ich das Wort. Ich stellte unsere Vereinsschwerpunkte vor. Ich habe keine Rede vorbereitet. Ich spreche spontan, stelle unsere Vereinsschwerpunkte vor und bedanke mich bei den Anwesenden. Etliche Teilnehmer waren von weither gekommen, z.B. aus Belaja Cerkow, ca. eine Fahrstunde von der Hauptstadt entfernt. Nach einigen Informationen durch Herrn Michajlowskij, nach Danksagungen und Händeschütteln erfolgte die Übergabe. Jeder Gast erhielt zusammen mit einem kleinen zweisprachigen Anschreiben von Eberhard Radczuweit 150 Euro, deren Empfang er per Unterschrift bestätigte. Auf einem Blatt sind russische und deutsche Worten platziert. Noch ein Zeichen der Versöhnung?

Geldübergabe. v.l.n.r. A. Opengejm (in Babij Jar gerettet, versteckte sich auf dem besetzten Gebiet), W. Michajlowskij, Stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Assoziation), D. Stratievski (Kontakte- Kontakty e.V.).
Nach dem offiziellen Teil gab es Gelegenheit, mit den Menschen persönlich in Kontakt zu kommen. Ich mache die Krawatte etwas lockerer. Ich will nicht offiziös auftreten. Gespräche gingen hin und her und selbstverständlich Tischsprüche: „Für den Frieden! Auf unsere Freundschaft! Möge sich das Geschehene nie wiederholen!“ Herr P. Rabcewitsch, der Älteste am Tisch, ehemaliger Häftling im Ghetto Petschora, sprach leise, mit ruhiger Stimme, spontan, sehr bewegt: „Noch niemals im Leben haben wir ein Zeichen der Anteilnahme aus Deutschland bekommen. Viele reden von jüdischen Überlebenden. Wir sind auch jüdische Überlebende. Wir sind nicht schuld daran, dass wir während des Krieges eine kürzere Zeit als ‚nötig‘ in einem Ghetto verbracht haben. Sollten wir länger bleiben? Sollten wir nicht fliehen, uns nicht verstecken? Sollten uns die Ukrainer und Russen nicht retten? Dann hätten wir vielleicht eine Entschädigung erhalten.“ Bittere Worte. Mir war klar, worum es ihm ging. Tatsächlich lautete die Regelung: „Wer sich weniger als 18 Monate im Ghetto aufhielt, hat keinen Anspruch auf Entschädigung.“ Die Jewish Claims Conference bestätigte das als Bestandteil des Bundesentschädigungsgesetzes. Herr Rabcewitsch fuhr fort. „Ich bin Ihnen herzlich dankbar. Das Geld ist zweitrangig, obwohl es für uns auch eine wichtige Rolle spielt. Ich meine, Sie kommen aus Deutschland und bringen uns eine Botschaft. Das ist die Botschaft der Versöhnung, eine Bitte um Verzeihung. Wir freuen uns aufrichtig. Danke, danke, vielen Dank!“ Seine Augen sind nass.
Neben mir saß Herr A. Opengejm, ein fröhlicher alter Herr. Er wollte erzählen. Mit charmantem jüdischen Akzent erzählte er seine Lebensgeschichte nach der Flucht aus der Kolonne auf dem Weg zum Erschießungsplatz in Babij Jar: „Ich hielt mich in einem Dorf auf. Das Dorf war von den Deutschen besetzt. Die Nazis installierten eine eigene Verwaltung. Für die alltäglichen Fragen waren ukrainische Kollaborateure zuständig, bei uns ‚Polizajen‘, also Polizisten genannt. Ich arbeitete auf einem Bauernhof und versuchte, unbemerkt zu bleiben. Ich hatte kein typisch jüdisches Aussehen – schwarze Haare, braune Augen … Viele sehen so aus. Nur der Bauer wusste, dass ich Jude bin. Eines Tages half ich ihm beim Holztransport. Unterwegs bremste er die Kutsche. ‚Warte mal! Ich muss etwas in der Kommandantur erledigen. Bleib hier!‘ Ich war neugierig. Ich war doch ein Kind, 12 Jahre alt. Ich spazierte in der Nähe umher. Plötzlich sah ich, wie zwei Personen das Gebäude verließen. Eine hatte ich bereits gesehen. Das war eine Dolmetscherin, Russlanddeutsche. Mit ihr kam ein deutscher Offizier in Uniform aus dem Gebäude. Sie stritten miteinander, sprachen laut. Ich konnte kein Deutsch, nur einige Worten, weil sich in unserer Familie die Eltern manchmal auf Jiddisch unterhielten. Die Sprachen klingeln ähnlich. Die Dolmetscherin blickte in meine Richtung. ‚Mein‘ Bauer trat näher heran. ‚Wer ist das?‘ – fragte sie. ‚Das ist ein Junge aus dem Nachbardorf. Er arbeitet bei mir‘. ‚Jude?‘ ‚Nein, ein Zigeuner, die Zigeunerfamilien leben fest auf dem Lande. Er spricht Ukrainisch als Muttersprache.‘ Ich konnte tatsächlich sehr gut Ukrainisch. Der Offizier hörte die Übersetzung. Er entschied: ‚Gut. Dann muss er heute im Club tanzen. Alle Zigeuner können tanzen!‘ Was sollte ich tun? Fliehen? Wohin? Ich hatte mich schon eingelebt. Am Abend tanzte ich im Club. Ich hatte im Pionierpalast vor dem Krieg ein bisschen Volkstanzen gelernt. Nachdem ich aufgehört hatte, lautete die nächste Bestellung: ‚Jetzt sing mal!‘ Na klar, alle Zigeuner können gut singen. Ich konnte es gar nicht. Zum Glück sagte der andere Offizier: ‚Das reicht. Geh weg!‘ Ich verließ den Raum. Das passierte im Sommer. Am Abend war es noch nicht dunkel. Auf einer Bank saßen zwei ukrainische Polizisten und tranken selbstgebrannten Schnaps. ‚Hei, Junge, komm her! Du bist ein Jude, nicht wahr?‘ Die Männer waren schon schwer betrunken. Ich näherte mich ihnen voller Angst. ‚Werden wir es prüfen! Das ist ein Glas Schnaps. Wenn du das ganze Glas austrinkst, dann bist du nichtjüdisch. Die Juden trinken nicht.‘ Ich leerte das Glas. ‚Nein, Mikola, er ist kein Jude. Verschwinde!‘ Ich lief weg. Hinter einem Busch erbrach ich mich. Das Getränk war fürchterlich, Kartoffelschnaps.“
Frau Lwowskaja ist krebskrank. Sie überlebte im besetzten Gebiet des Nordkaukasus. Ihre Mutter und ihre ältere Schwester wurden erschossen. Nun bedankte sie sich für die Spende. „Ja, ich brauche Geld. Ich fühle mich schlecht … Ich will darüber lieber nicht reden. Sagen Sie bitte, gibt es immer noch die Nazis in Deutschland? Sind sie besiegt? Habt Ihr eine starke Friedensbewegung? Wissen Sie, bei uns sind heute Antisemiten hochgeschätzt. Haben Sie gehört, Unbekannte haben den jüdischen Friedhof in Odessa verwüstet.“ Natürlich hatte ich davon gehört. Auf viele Grabsteine waren Hakenkreuze gemalt worden. Ein halbes Dutzend Grabmale, unter anderem der hundert Jahre alte Grabstein eines Rabbiners, der im Krieg nicht beschädigt worden war, wurde vollständig vernichtet. Eine weiße Statue, die Darstellung eines jüdischen Mädchens, ein Denkmal für nahezu 80 000 ermordete Juden im Großraum Odessa, war mit dem Text beschmiert worden: „Wir gratulieren Ihnen zum Holocaust-Fest.“ Russische Massenmedien hatten darüber berichtet, im ukrainischen Fernsehen gab es nicht eine einzige Erwähnung des Vorfalls. Lediglich einige Zeitungen druckten die Nachricht ab. Der Milizchef von Odessa sagte, das seien nicht Einheimische, das seien Einwohner eines anderen Gebiets. Die Tat hätte keinen politischen Hintergrund. Das seien nur Vandalen. Wer glaubt daran? Ich wusste es. Ich hatte einen ganz persönlichen Grund zur Aufregung. Mein Vater ist auf diesem Friedhof bestattet. Als ich von dem grässlichen Zwischenfall erfuhr, rief ich sofort den Schulkameraden meines Vaters an, der gelegentlich das Grab besucht. „Sei ruhig“, – hieß es, – „ich war nach dem Fall da. Das Grabmal ist nicht beschädigt.“ Frau Lisicina schloss sich dem Gespräch an. „Auch im Parlament sitzen Antisemiten. Viele Politiker propagieren offen ihren Hass auf die Juden.“ Ich erinnerte mich in diesem Zusammenhang an einige Aussagen der pseudodemokratischen Revolutionsführer im Jahre 2005. Der Vize- Premierminister für humanitäre Angelegenheiten (!), N. Tomenko, äußerte sich öffentlich zu der Tatsache, dass die meisten Künstler im Lande nichtukrainischer Herkunft seien. Er nannte einige Namen, ausschließlich jüdische Namen. „In der Ukraine dürfen nur ukrainische Kunstschaffende unsere Jugend erziehen. Nur ein ukrainischer Patriot hat das Recht, im Land unserer Vorfahren auf der Bühne aufzutreten“ – resümierte er. Die linientreuen Zeitungen unterstützten ihn. Es kam zu einer antisemitischen Hetzjagd. „Warum tragen unsere Prominenten nichtukrainische Namen?“ – stand im August 2005 in der populären Tageszeitung „Den´“. Unter den Genannten war auch der jüdisch-ukrainische Musiker J. Tabatschnik. Aus Protest spazierte er mit dem David-Stern an der Brust durch die Kreschtschatik, die Hauptverkehrsader von Kiew. Die Rache der Machthaber ließ nicht auf sich warten. J. Tabatschnik wurde die Lizenz für den Bau einer Musikschule für begabte Kinder entzogen. Und N. Tomenko ist heute Stellvertretender Parlamentsvorsitzender!
Die älteren Frauen und Männer, die sich an diesem Tag im März im Raum versammelten, erwähnen oft die ukrainische Abkürzung MAUP. Sie steht für „Internationale Akademie für Verwaltungsmanagement.“ Unter der rein wirtschaftlichen Bezeichnung versteckt sich ein mächtiges landesweites Netz von Ausbildungsstätten und politisch ausgerichteten Stellen. Mehrere inländische und ausländische Prominente sind Ehrenmitglieder der Akademie. An der Spitze des Netzwerkes steht G. Schtschekin, Rektor der MAUP und Vorsitzender der Konservativen Partei der Ukraine. Diese Partei hat den Einzug ins Staatsparlament knapp verfehlt, verfügt aber über zahlreiche Sympathisanten im Lande. Eine andere offen antisemitische politische Bewegung, Allukrainische Vereinigung „Freiheit“, angeführt vom ehemaligen Parlamentsabgeordneten A. Tjagnibok, hat ihre Vertreter in drei Gebietsversammlungen im Westen der Ukraine. „Nehmt die Waffen in die Hand, Brüder! Kämpft gegen die Juden und Russen, wie eure heldenhaften Vorfahren es gemacht haben!“ – rief 2004 A. Tjagnibok seine Anhänger auf. (Anstelle „Juden und „Russen“ wurden alte Schimpfbezeichnungen benutzt). Neben Tjagnibok stand P. Juschtschenko, Parlamentsabgeordneter der Präsidentenpartei „Unsere Ukraine“, Geschäftsmann und Bruder von W. Juschtschenko, dem ukrainischen Staatspräsidenten. Die Versammlung wurde damals von Journalisten gefilmt und im Fernsehen gezeigt.
Der MAUP steht W. Jaremenko, Professor der Staatsuniversität in Kiew, sehr nah. Für seine antisemitischen Monographien „Juden in der Ukraine“ und „Wer hat denn den Genozid der Ukrainer organisiert?“ wurde er mit einem Literaturpreis ausgezeichnet.
B. Sabarko macht für uns ein „Monitoring“ der antisemitischen Publikationen in der Ukraine. Sie steigen kontinuierlich. Laut der Tabelle waren es im Jahre 2003 – 258 Publikationen, 2005 – 661 und 2006 – bereits 676 Publikationen, die eindeutig als antisemitisch einzustufen sind. Allein die MAUP gibt 16 Printmedien heraus, unter anderem Tageszeitungen und Zeitschriften. Sie erscheinen nicht im Untergrund. 2007 wurden diese Medien in den offiziellen Staatskatalog der Periodika aufgenommen. Jeder Student der MAUP ist verpflichtet, mindestens drei davon zu abonnieren. Die Palette der Schuldzuweisungen in den Publikationen ist banal und gefährlich: von jüdischer Weltverschwörung und der antisemitischen Lügenpropaganda in den sog. „Protokollen der Weisen von Zion“ bis zu pseudohistorischen „Forschungen“ über „das Verbrechen des Judentums“ in Vergangenheit und Gegenwart. Als wir durch die Stadt fuhren, zeigte W. Michajlowskij uns den riesigen Gebäudekomplex im Zentrum der Stadt: „Das ist die MAUP-Zentrale“. Hinter der hohen Mauer stehen topmoderne Gebäude. Ein Grundstück in dieser Wohnlage kostet ein Vermögen. „Woher haben die Leute so viel Geld?“ Rhetorische Frage. Der Antisemitismus ist eine Ware. Sie wird verkauft und gesponsert. Der Komplex liegt am Prospekt Pobedy, Avenue des Sieges, Sieg über Hitler-Deutschland, über die Staatspolitik des Antisemitismus!
Unser Treffen ging zu Ende. Die Tagesthemen drängten heran und schoben die Erinnerungen an das Vergangene beiseite. Die Allukrainische Assoziation der jüdischen KZ- und Ghettoüberlebenden wird aus dem Büroraum vertrieben. B. Sabarko präzisierte den Begriff „bezirksübliche“ Miete“. „Wir müssen 20 US-Dollar pro Quadratmeter zahlen. Wir haben schon herumtelefoniert: Stadtverwaltung, Jüdische Gemeinde, Veteranenrat, Prominente. Bisher haben wir keine tatkräftige Unterstützung gefunden, keine Lösung.“
Nun standen Hausbesuche auf dem Tagesprogramm. Herr Sdanowskij stellte sein privates Auto zur Verfügung und chauffierte uns. Auch Herr Michajlowskij fuhr mit. Am späteren Nachmittag ging es los, mitten im Berufsverkehr. Überall Stau. Unser „Lada“ eroberte rund 100 Meter pro Viertelstunde. Einige Menschen konnten wir daher nicht besuchen. Ein Ghetto-Überlebender ist nicht mehr zu Hause. Eine schwer kranke Frau fühlte sich sehr schlecht und konnte nicht mit uns sprechen. Endlich hatten wir Glück. Herr M. Rybtschinskij war zu Hause. Er empfing uns in seiner Einzimmer-Wohnung mit der großen Küche. Seit Jahren lebt er allein, seine Frau ist gestorben. Der 95-jährige besorgt den kleinen Haushalt liebevoll noch selbst und achtet sorgsam auf sich. An der Wand hängt „Podjaka“, eine Ehrenurkunde, vom ehemaligen ukrainischen Präsidenten L. Kutschma unterschrieben. Der Wandteppich vervollständigt das Bild einer typischen Stadtwohnung im Plattenbau. Herr M. Rybtschinskij stellt seine „Bedingungen“ für ein Gespräch: wir müssen Brot mit Wurst und geräuchertes Fleisch essen und seine selbstgebrannte Spirituose kosten, einen Likör aus Kirschen und Erdnüssen. „Dieses Getränk ist der Grund für mein langes Leben. Ich trinke jeden Tag etwa 20 Gramm. Ich werde bestimmt meinen 100. Geburtstag erleben. Oder auch den 120sten.“ Nun kommt auch noch wahlweise Tee oder Kaffee. Wir geben nach. Die Erzählung beginnt:

M. Rybtschinskij, als Oberleutnant der Sowjetarmee gefangengenommen. Aufenthalt in einem Oflag. Wegen „Sabotage“ ins KZ Mauthaussen überführt. Im „Todesblock 20“ Aufstand organisiert. Mit dem Ehrenzeichen Österreichs gewürdigt.
M. Rybtschinskij wurde als Oberleutnant der Roten Armee 1942 gefangen genommen. Er schildert Elendsbilder: Hunger, Kälte, Demütigungen und Prügelei in einem Offlag. Wegen eines Sabotageaktes wurde er ins KZ Mauthausen überführt. „Wusste jemand, dass Sie Jude sind?“ „Natürlich nicht. Ich bin den medizinischen Untersuchungen knapp entkommen. Mein Nachname klingt nichtjüdisch. Ich kenne viele ‚Rybtschinskijs‘, die ethnische Russen und Belarussen sind. Eines Tages wurden fünf Offiziere befragt, darunter ich. Ich wurde nach der Abstammung gefragt. ‚Russe!‘ – sagte ich überzeugend. Ein Mann in unserer Baracke, der für die Deutschen denunzierte, bestätigte dies. ‚Ja, Mischa ist bestimmt Russe. Er spricht wie die Russen sprechen.‘ Ein Offizier aus unserer Baracke wurde als ‚Jude‘ erschossen, obwohl er Belarusse war. Schwarze Haare, dunkle Augen, etwas dunkle Haut, also eher südländisches Aussehen … Niemand beschäftige sich gründlich damit.“ Im „Todesblock 20“ organisierte der gefangene Offizier den Aufstand. Auf ‚gut Glück‘ hieß es. M. Rybtschinskij hatte Glück. Er flüchtete. – Rybtschinskij ist heute in seiner Heimat eine anerkannte Persönlichkeit. Er führt ein aktives gesellschaftliches Leben. „Erst vor kurzem war bei mir ein Kamerateam des Moskauer Fernsehens. Sie haben zwei Tage lang den Film gedreht. 2005 kam ein russischer Historiker. Er schreibt eine Artikelreihe über die Aufständischen von Mauthausen. Sehen Sie, das ist der Bericht über mich in der populären österreichischen Zeitschrift. Ich habe viel zu tun.“ M. Rybtschinskij nimmt eine dicke Mappe aus der Kommode. „Das ist mein Buch über Mauthausen, noch nicht veröffentlicht. Wenn Sie sich für Geschichte interessieren, können Sie das Heft mitnehmen und auf dieser Grundlage eine Dissertation verteidigen.“ 2002 wurde er mit dem Ehrenzeichen der Republik Österreich gewürdigt. Herr Rybtschinskij ist gewohnt, lange zu reden. Seine Erzählung ist bunt und spannend, mit vielen Einzelheiten und Einzelportraits der Wächter und Mitinsassen. Leider müssen wir weg. Es ist schon Abend. Unser netter Fahrer will endlich nach Hause. Die letzte Frage beim Abschied: „Haben Sie eine Entschädigung bekommen?“ „Ja, aber als KZ-Häftling, nicht als Kriegsgefangener. Verstehen Sie den Unterschied?“ Ich verstehe den Unterschied. Wir werden uns auch später telefonisch und auf dem Postwege unterhalten.
Am nächsten Tag ging es weiter. Am Samstag ist in der Großstadt viel los. Die Straßen sind aber nicht gesperrt, wie am Werktag. Trotzdem gerieten wir in einen Stau. Unser erfahrener Fahrer fand einen Umweg über krumme Gassen. Wir sind beim Ehepaar Atlasman zu Gast. Die Wohnung sieht wie verwüstet aus: seit langem nicht geputzt. Alte Möbel, unverpackte Kisten mit alten Klamotten. Ein unangenehmer Geruch. Herr M. Atlasman sitzt im Bett. Sein rechtes Bein wurde amputiert. Seine Stimme ist kaum zu hören. „Ich kann nicht aufstehen“, flüstert er „der Rollstuhl ist kaputt“. Seine Frau ist blind und geistig behindert. Ich versuche, ins Gespräch zu kommen. „Sie versteht kein Wort!“ – sagt einer meiner Begleiter. Ich rede mit Herrn Atlasman, ehemaliger Häftling im Ghetto Petschora in der Zentralukraine. „Vielleicht werden Sie uns schreiben? Eventuell kann jemand aus Ihrer Verwandtschaft behilflich sein? Ich glaube, Sie haben eine Tochter.“ Über die Tochter habe ich im Auto bei der Hinfahrt gehört. „Ich habe keine Tochter!“ – sagt M. Atlasman entschlossen und beginnt zu weinen. Herr Michajlowskij erklärt in der Küche die Familienumstände. „Seine Tochter ist Alkoholikerin. Sie kommt immer an dem Tag vorbei, an dem die Rente ausgezahlt wird, und nimmt das ganze Geld von den beiden mit.“ „Haben Sie versucht, etwas dagegen zu tun?“ „Ja, mehrmals. Die Polizei ist machtlos, sofern sie nicht Gewalt anwendet. Einmal hat die Tochter den Vater geschlagen. Die Nachbarn alarmierten die Polizei. Sie kam und nahm die Tochter fest. Für 15 Tage, kleine Strafe für eine Ordnungswidrigkeit. Danach war sie wieder auf freiem Fuß und kam wieder. Unsere Mitglieder haben den Alten Lebensmittel gebracht. Am nächsten Tag waren sie alle weg.“ Im Kühlschrank liegt ein Stück trocknes Brot und eine leere Fischkonservendose. „Kann man die Tochter vor Gericht ziehen?“ „Vergeblich. Das ist doch eine Zivilsache. Wer wird einen Anwalt finanzieren? Das bringt nichts. Mein Kollege kommt regelmäßig vorbei und besteht darauf, dass das Essen in seiner Anwesenheit vollständig aufgegessen wird.“

M. Altasman, Häftling von Ghetto Petschora bei Kiew, flüchtete aus dem Ghetto, überlebte im Versteck. Schwer behindert (ohne Bein). Die Ehefrau ist völlig blind und geistig behindert..
Am Montag hatte ich den dritten Besuchstag. Pünktlich 10 Uhr war ich im Vereinsbüro. Der Raum war überfüllt. Eine sehr alte Dame wandte sich zu mir und sagte: „Kommen Sie aus Deutschland? Dann schreiben Sie bitte in den Zeitungen, wie wir hier rausgeschmissen werden! Ist unsere Arbeit niemandem etwas wert?“ B. Sabarko ergriff das Wort. „Dima, das Problem spitzt sich zu. Wir müssen das Büro praktisch sofort räumen. Hast du etwas dagegen, wenn wir vorerst ins ‚Joint‘ kommen?“ Das Gebäude des ehemaligen Kindergartens wurde von der weltweiten jüdischen Wohlfahrtsorganisation „Joint“ gekauft. Nun steht es leer. Geburtenrückgang, hieß es. Mehrere Kindertagesstätten in der Stadt stehen leer und sind relativ preiswert. Der Hausmeister zeigte uns ein Zimmerchen im 4. Obergeschoss ohne Fahrstuhl. Der Geschäftsführer ist ein alter Bekannter von Herrn Sabarko. „Wie kommen wir hier unter? Hier gibt es doch keinen Platz für Bürotechnik und Möbel! Und dann im 4. Stock! Keines unserer Mitglieder kann diese Treppen hochsteigen.“ „Das ist der einzige freie Raum, den wir haben. Es tut uns leid. Kein Telefonanschluss. Vielleicht machen wir ein Provisorium mit dem Parallelgerät. Wir haben nichts anderes.“ Schwere Entscheidung. Herr Sabarko machte sich Mut: „Wir werden weitersuchen. Viertes Obergeschoss – das macht unsere Idee von einer Begegnungsstätte einfach zunichte.“
Die Wohnung von Herrn M. Sejfman suchten wir lange. Das Ehepaar wartete ungeduldig auf uns. In der Küche einer gemütlichen Wohnung stehen Salate, Platten mit Wurst, Obst, eine Flasche Wodka und die Torte „Kiew“, eine Spezialität der Stadt seit der Sowjetzeit. M. Sejfman ist völlig blind, als „Folge der Zeit im Ghetto“. Er ist ein humorvoller kluger Herr, ehemals Rechtsanwalt und Wirtschaftsfachmann. Er spricht ungern über seine Ghettoerfahrungen. „Ich schildere das lieber schriftlich. Ich habe dank des netten Schreibens Ihre Adresse. Was heißt ‚ein Ghetto‘? Vorraum des Todes für Juden. Ich wurde geschlagen, heftig geschlagen. Am schlimmsten war es in einem Lager, das ‚Todesschlinge‘ genannt wurde. Immer noch habe ich das Gesicht eines ukrainischen Wächters in Erinnerung. Er hieß Mikola. Er sagte: ‚Gut, Abram [2], bald wirst du deinem jüdischen Gott begegnen.‘ Deutlich ausführlicher erzählt Herr Sejfman über seine Tätigkeit nach der Wende. „Ich war Mitbegründer des Kiewer Vereins der jüdischen Überlebenden ‚Sikaron Schoa‘, der ersten Nichtregierungsorganisation solcher Art in der Ukraine.“ Herr Sdanowskij bestätigt: „Ohne ihn wäre auch unsere Bewegung nie gegründet worden.“ M. Sejfman fragt nach der aktuellen Situation in der Vereinigung. „Jelena, nimm bitte mein Notizbuch. Wir müssen etwas unternehmen.“ Seine Frau holt das Buch und sucht nach den genannten Namen. Könnten vielleicht diese Menschen helfen? Frau Sejfman hat eine Halserkrankung. Trotzdem kümmert sie sich um die Gäste – „Noch ein Stückchen Torte?“ – und liebevoll um ihren Mann. Eine sympathische Familie. Beim Abschied verspricht sie, uns im Namen von Herrn Sejfman zu schreiben.

v.l.n.r. D. Stratievski (Kontakte-Kontakty e.V.), M. Sejfman, E. Sejfman.
Meine Reise war an diesem Montag nicht beendet. Ich sollte erst am Donnerstag nach Berlin. zurückfliegen. Es standen weitere Termine an: Gespräch im Büro der Ukrainischen Nationalstiftung „Verständigung und Aussöhnung“, Treffen im Historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Verabredung mit einem Regisseur und Kameramann, der einen Dokumentarfilm über das Schicksal sowjetischer Soldaten in deutscher Gefangenschaft drehen will … Ich begegnete bekannten und uns noch unbekannten Mitgliedern der Allukrainischen Assoziation der jüdischen KZ- und Ghettoüberlebenden und übermittelte ihnen im Namen von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., im Namen unserer Spenderinnern und Spender, ein Zeichen des Respekts, der Anerkennung und der Solidarität in moralischer und materieller Form.
[1] Diese 5000 Euro waren eine zwecksgebundene Spende für jüdische Opfer und haben mit dem Gesamtvolumen der Spenden für Kriegsgefangene nichts zu tun.
[2] Hier: Schimpfname für Juden.
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