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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Aus NS-Opfern wurden „Volksfeinde“.

Zu Gast bei ehemaligen Kriegsgefangenen in Armenien.

Ein Reisebericht von Eberhard Radczuweit.

Die Erinnerung an meine armenische Woche im April 2004 ruft Bilder hervor, die mir trotz räumlicher und zeitlicher Distanz so präsent sind, dass ein emotionsfreier Sachbericht nur schwerlich gelingen mag. Trotzdem will ich hier Rechenschaft ablegen über die zweckgebundene Verwendung von zehntausend gespendeten Euros, für die ich verantwortlich bin.

Die armenische Botschaft stellte ohne Diskussion ein kostenfreies Visum aus. Der billigste Flug führt über Moskau. Allerdings muss dort einen halben Tag lang auf die Maschine nach Eriwan gewartet werden. Im Flugzeug war ich der einzige Westeuropäer, die traumschöne armenische Bergwelt liegt jenseits aller Touristenströme.

Der einzige Streitpunkt in Eriwan galt meinen Aufenthaltskosten, für die ich natürlich selbst aufkommen wollte. Hrand Nasaretjan und Mels Margarjan, die Hauptverantwortlichen im Verein der rehabilitierten Gefangenen des II. Weltkrieges, duldeten keinen Widerspruch, sie wollten Gastgeber sein. Es muss angemerkt werden, dass diese Selbsthilfegruppe ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener so arm ist wie es seine Mitglieder sind. Die Kosten für mein Quartier wurden von ihren „Verwaltungskosten“ bezahlt, das sind 10 Prozent unserer Spenden. Das hatte ich bei meiner letzten Reise im August 2003 mit dem Vereinsvorstand vereinbart.

Aber was machen sie damit? Zum Beispiel werden Beerdigungskosten bezahlt. Dreizehn Mitglieder sind seit meiner letzten Reise gestorben, kaum einer der Angehörigen kann das Geld für eine würdige Bestattung aufbringen. Auch dringende Notfälle wie Arzthonorare werden von diesen „Verwaltungskosten“ beglichen. Und außerdem hatten sie für meinen lange angekündigten Besuch Geld angespart, da war nichts zu machen. Doch unsere Spendergemeinde mag es beruhigen – mein Quartier lag wohl weit unterhalb aller touristischen Preisklassen.

Vom Eriwaner Flughafen ging es im alten Moskwitsch des Vereinsvorsitzenden Mels Margarjan direkt zum Vereinsbüro. Das Haus wird schon auf der Abrissliste stehen, ringsum ist das Stadtquartier saniert. Der schmale, dunkle Raum darin wird unserer armenischen Partnerorganisation offensichtlich mietfrei zur Verfügung gestellt. Alle Wände sind mit Fotos armenischer Kriegsteilnehmer und Landkarten mit eingezeichneten Schlachtverläufen dekoriert. Eine Bilderserie zeigt ein festliches Bankett. Was es damit auf sich hat? Die Firma Philip Morris hatte es Ende der 90er Jahre als humanitäre Hilfe für die Vereinsmitglieder finanziert und ausgerichtet.

Die Firma war der Hauptmäzen des Vereins – bis zur Nachricht, dass Deutschland den NS-Zwangsarbeitern im Osten eine „Entschädigung“ zahlen würde. Seither vermittelt nur noch KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. diesen von der Bundesregierung „vergessenen“ Opfern der Naziherrschaft Hilfsgelder.

Aus meinem Brustbeutel auf den Tisch gelegte Hundert-Euroscheine wurden andächtig nachgezählt. Es wurde beschlossen, dass jeder der 260 Vereinsmitglieder davon den gleichen Anteil erhalten sollte minus 10 Prozent besagter „Verwaltungskosten“. Dies scheint gerecht zu sein, allen mir bekannten Mitgliedern ist die Armut gleichermaßen ins Gesicht geschrieben. Da täuschen auch nicht die Sonntagsanzüge aus besseren Tagen hinweg, in die einige sich bei der Nachricht von einer Begegnung mit mir kleideten.

Im letzten Jahr hatte ich die alten Männer nach ihrer Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit gefragt. Dieses Mal wollte ich mehr über die Zeit nach der Rückkehr in die Heimat erfahren.

Das Wiedersehen mit Guren Howhannisjan.

Guren Howhannisjan empfing mich in seiner Wohnung wie einen alten Freund. Die Zärtlichkeit des Zweiundneunzigjährigen verdanke ich keiner Geldspende, sondern seiner Kenntnis von der humanen Einstellung und dem Verantwortungsbewusstsein der Spenderinnen und Spender, als deren Botschafter ich aus Deutschland herkam.

Im letzten Jahr hatte Guren von den Todesmärschen der Hunderttausende berichtet, die Ende 1941 in deutsche Kriegsgefangenenlager führten. Man kennt die Zahlen: Von drei Millionen sowjetischen Gefangenen im ersten Halbjahr des Überfalls auf die Sowjetunion überlebten nur eine Million. Und diese verdankten ihr Überleben nur dem Umstand, dass man den Wert ihrer Arbeitskraft für die Kriegswirtschaft entdeckte und die halb Verhungerten mit einem – wie es zynisch hieß – „Aufpäppelungsprogramm“ arbeitsfähig machte.

Ich ersparte Guren die Wiederholung des grauenhaften Berichts über seine Gefangenschaft. Doch was er jetzt erzählte, widerspiegelte die Tragödie seines Volkes.

Er wurde in einem armenischen Siedlungsgebiet des Osmanischen Reichs, in der Osttürkei, geboren. Im Jahre 1915 fielen die Armenier dort dem Völkermord zum Opfer. Von der Familie überlebten nur der dreijährige Guren und sein älterer Bruder. Der zog ihn auf, man überlebte Revolution und Bürgerkrieg. Der Bruder heiratete, drei Kinder kamen zur Welt. Guren ging zur Schule, er begann ein Architekturstudium. Ein junger Mann mit Zukunft.

Aber dann kam Stalins mörderisches Jahr 1937. Der Bruder wurde als „Volksfeind“ verhaftet und starb ein Jahr später im Gefängnis.

Dann begann der Krieg, und was geschah nach der Gefangenschaft? Guren musste wieder zur Armee, seine Einheit zog Richtung Japan. Auf dem Weg dorthin, in Krasnojarsk, kam die Nachricht von der Kapitulation Japans, und Gurens Reise endete in einer Gegend am sibirischen Fluss Jenissej, wo schon zur Zarenzeit die Verbannten endeten.

Doch Guren hatte Glück, sein Know-how war gefragt. Nicht ohne Stolz berichtete er von seinem Anteil am Wiederaufbau des Theaters von Krasnojarsk, und dass unter seiner Leitung am Flussufer eine Wohnsiedlung entstand. Er verdiente Geld, er wurde von den vorgesetzten Offizieren respektiert, aber ein Brief von der Frau seines Bruders zog ihn heimwärts. Die Familie hungerte, eines der Kinder war lungenkrank.

Schließlich gelang es ihm, die Genehmigung zur Heimfahrt zu erhalten. Guren erzählte:

„Ich war bei der Rückkehr nach Jerewan gesundheitlich ruiniert. Von einer Gehirnerschütterung war ich auf beiden Ohren fast taub, ich litt unter Gedächtnisverlust. So konnte ich nicht das im Krieg unterbrochene Studium fortsetzen.

Das Haus meines Bruders war der Familie weggenommen worden. Die Familie des ‚Volksfeindes‘ musste in einem feuchten Keller vegetieren. Als ehemaliger Kriegsgefangener durfte ich die Stadt nicht verlassen. Mir wurde jede soziale Begünstigung verwehrt.

Aber die Leitungen des Instituts, wo ich vor dem Krieg studiert und jenes Betriebes, wo ich gearbeitet hatte, unterstützten mich. So konnte ich trotz allem wieder studieren und etwas Geld verdienen, um mich und die Familie meines ermordeten Bruders am Leben zu halten.“

Guren Howhannisjan wurde ein geachteter Architekt. Er ließ es sich nicht nehmen, mich zu einem der unter seiner Regie entstandenen Wohnblöcke zu führen. In der zierlichen Gestalt meines verehrten Gesprächspartners ist kaum die Kraft zu vermuten, mit der sich dieses Leben seinen Weg bahnte. In seinem Antlitz liegt die Antwort auf die Frage, wie er unter so widrigen Umständen eine selbstbestimmte Existenz gestalten konnte. Dieses kluge, freundliche Gesicht mit immer noch wachem Blick birgt keine bitteren Züge.

Arpik Pochsrarjan, seine Frau, darf hier nicht vergessen werden. Auch sie ist Architektin, auch ihre Familie wurde in der Türkei ausgelöscht. Ihr Vater war Verteidiger von Wan, einer armenischen Siedlung, die Widerstand leistete. Das erzählte sie lächelnd. Darauf darf man noch nach 89 Jahren stolz sein.

Zu Gast bei Howik Alexanjan.

Sie kennen ihn von einem Faltblatt her, das wir Ihnen schickten: das Foto eines blinden, traurigen Mannes an der Seite seiner Frau Bseinik Alexanjan. Ich wollte beide wiedersehen. Lange fuhren wir suchend durch die Vorstadt. Poeten der Armut könnten in den aus zusammengewürfelten Materialien aufgeschichteten Fassaden der Häuser und Hütten ihre Metaphern finden. Einem deutschen Straßenbauer erschiene der Weg zum alten Howik als surrealistischer Albtraum.

Endlich war das Haus gefunden. Wir waren unangemeldet. Im Nu deckte die Frau den Tisch und der Sohn brachte Wodka. (Der dient nur als Voraussetzung für die obligaten Trinksprüche der Gastgeber und Gäste.) „Seit zehn Jahren habe ich das Gesicht meiner Frau nicht mehr gesehen“, klagte Howik. Er hatte von uns schon Geld für den Augenarzt bekommen. Aber der schätzte das Risiko einer Operation zu hoch ein.

Nur schwer fügt sich Howik in seine Behinderung, die ihn zur Untätigkeit verdammt. Schweißer von Beruf, war er ein Arbeitsmann, der mit seinen schweren Händen nicht nur dies Haus baute, Autos und sonst was reparierte. Nein, zu meiner Überraschung wurde mir eine von ihm sehr kunstvoll gebaute TAR gezeigt, ein armenisches Saiteninstrument, ähnlich einer Laute. Da saß er nun trüben Blicks und spielte uns Volksweisen vor. Ich unterbrach ihn mit meinen Fragen. Die Geschichte der Kriegsgefangenschaft kannte ich, wenn auch nicht vollständig, wie sich herausstellte.

Bild von Howik Alexanjan

Howik Alexanjan.

Wie erging es ihm nach dem Krieg? Hier seine Antwort:

„Als ich 1947 aus Deutschland nach Armenien kam, wurde ich gleich verhaftet und für 10 Jahre in die sibirische Verbannung geschickt. Das Lager war nahe Nowosibirsk in einem Wald gelegen. Es gab dort mehrere tausend Gefangene, in zwei von uns getrennten Baracken waren Frauen untergebracht.

Frühmorgens ging es in den Wald, dort gab es auch das Mittagessen. Wir waren immer hungrig. 12 Stunden lang wurden Bäume gefällt. Wir wurden oft nachts zum Bäume Verladen an die Eisenbahnrampe befohlen. Sonntags war Ruhe. Wer sich nicht an die Lagerordnung hielt, kam ins Gefängnis.

Nein, erschossen wurde niemand. Aber Todesfälle gab es. Kranke wurden vom Arzt besucht, der konnte aber nur Medikamente geben. Es gab für uns kein Krankenhaus. Wir galten als politische Gefangene, die hatten es schwerer als kriminelle Häftlinge.

Wie es im Winter war? Nun, jeder bekam eine ‚Walenka‘ (schwerer Filzmantel). Und Holz für den Kanonenofen in der Baracke war genug vorhanden. Ich denke, wir wurden schlechter als die deutschen Kriegsgefangenen behandelt.“

Zehn Jahre lang, sechs Tage die Woche, hatte Howik Bäume gefällt. Was soll er darüber noch Worte verlieren? Nach der Freilassung waren ihm noch drei Jahre lang die Bürgerrechte verwehrt. Erst unter Chrustschow wurde er rehabilitiert. Er heiratete, drei Söhne und eine Tochter. Bis zur Rente arbeitete er als Schweißer. Das war's? Die ganze Lebensgeschichte konnte ich nicht erfragen. Doch mich interessierte die Ursache solch langer Strafe.

Generell war jeder Sowjetsoldat, der in deutsche Gefangenschaft geriet, nach einem ominösen Artikel 51 zu bestrafen. „Bruch des Fahneneids“ hieß die Anklage. Doch meine vielen Gesprächspartner unter den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen wurden so unterschiedlich bestraft.

Warum also musste Howik zehn Jahre lang nach Sibirien?

Schließlich entlockte ich ihm eine Aussage. Er musste als Zwangsarbeiter unmittelbar für die Wehrmacht Militärfahrzeuge reparieren. Dafür steckte man ihn wohl – vor die Wahl gestellt, im Kriegsgefangenenlager zu verrecken oder sich zu fügen – in die Uniform der „Armenischen Legion“. Das galt als Landesverrat und Howik konnte von Glück sagen, dass er nicht erschossen wurde.

Hrand Nasaretjan.

Er ist eine zentrale Figur. Hinter seinem Vereinstitel „Vorsitzender des Kuratoriums“ ist eine mächtige Körperschaft zu vermuten. Aber das muss wohl sein, wenn in einer ehemaligen Sowjetrepublik so eine Vereinigung gegenüber den staatlichen Stellen verhandlungsfähig sein will.

Wer über 80 Jahre alt geworden ist, hat etwas Ruhe verdient. Warum er sie sich nicht gönnt, erklärte mir Hrand schon letztes Jahr: „Ich will meinen aufrechten Gang bewahren.“ Das meint er in geistiger Hinsicht. Körperlich ist er allerdings etwas gebrechlicher geworden, musste ich besorgt beim Treppensteigen feststellen.

Trotzdem begleitete Hrand mich fast überall hin. Und mit dem Vereinsvorsitzenden Mels Margarjan tourt er durch Armenien, wenn es gilt, den ehemaligen Kriegsgefangenen, die nicht mehr das Haus verlassen können, die Geldspenden zu bringen. Auch wenn ihm damals ein deutscher Soldat ein Auge ausgeschlagen hatte und er höllische Kriegsgefangenenlager durchstand, liebt er Deutschland (fast) über alles. Goethe und Bach überstrahlen für ihn alle Schurkenfiguren in Naziuniformen.

Ich wusste, dass er nach dem Krieg Kontakt zu deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion hatte. Das interessierte mich und dies gab er auf meine Frage zur Antwort:

Außer meinen Verwandten wusste niemand, dass ich Kriegsgefangener gewesen bin. Für mich ging es nach der Heimkehr glimpflich aus. Im Filtrationslager mussten wir uns zum Schluss in eine Reihe stellen und ein Offizier fragte, wer von uns deutsch sprechen könne. Ich trat neben zwei Juden vor, die ein österreichisches KZ überlebt hatten. Insgesamt wurden 20 Leute ausgewählt.

Zwei Jahre lang war ich danach in dieser Truppe, wir waren alle gut miteinander befreundet. Bald nach unserer Diensteinteilung wurden wir in ein großes Kriegsgefangenenlager gebracht. Es gab langgestreckte hölzerne Baracken für jeweils 200 Insassen. Die Bettengestelle darin waren zweistöckig. Der Lagerkommandant, ein sowjetischer Major, wies unsere Dolmetscherriege an, alle Namen der Barackeninsassen und weitere Angaben – Geburtsdaten, Dienstgrade, in welcher Einheit gedient usw. – in Formulare einzutragen. Ich war bei der ersten Registrierung dabei, einer fragte, der andere schrieb. Als wir die Baracke betraten, rief der Barackenälteste: ACHTUNG! Alle stellten sich wie mit der Strippe gezogen vor den Betten auf. Wir befahlen sie alle nach draußen, dann sollten sie einzeln zur Befragung reinkommen.“

Ich fragte, wie Hrand sich nach all den Jahren in deutschen Lagern dabei gefühlt habe, nun umgekehrt Menschen in den Uniformen seiner früheren Peiniger Befehle erteilen zu können. Darauf gab er keine direkte Antwort und fuhr fort:

„Als wir aus der Baracke kamen, sah ich etwas, das ich bis heute vor Augen habe. Eine Karre voller Brot, die ein russischer Soldat Richtung Kantine zog. Der russische Kamerad trug eine zerrissene, schmutzige Uniform, die Mütze saß schief. Zwei deutsche Kriegsgefangene liefen auf den Karren zu, scheinbar um beim Schieben zu helfen, dann wurden es immer mehr. Schließlich schob ein hungriges Dutzend auf beiden Seiten das Gefährt voran. Und dann geschah folgendes: der russische Soldat ließ die Deichsel los und vertrieb die Gefangenen mit der Knute. Ich war platt und starrte fassungslos auf diese Szene. Ich hatte mir keine hungrigen deutschen Soldaten vorstellen können. Noch weniger, dass ein Russe einen Deutschen schlagen kann! Wie war das möglich?“

Die Zeit reichte nicht aus für Fragen nach deutschen Kriegsgefangenen in Armenien, die Hrand kennengelernt hatte. Neugierig darauf war ich bei Autofahrten durch Eriwan geworden, wo ich erfuhr, welche Gebäude von deutschen Kriegsgefangenen errichtet wurden. Am nächsten Tag sollte das Interview im Vereinsbüro fortgesetzt werden.

Die Versammlung.

An diesem Wochentag ist das Büro normalerweise geschlossen. Niemand außer meinen ständigen Weggefährten wusste davon, dass ich jetzt dorthin kommen werde. Doch von weitem schon sah ich einige wartende alte Männer vor dem Haus. Man begrüßte sich und es wiederholte sich das gleiche wie im August letzten Jahres: Ich nahm an der Wandseite am schmalen Tisch Platz und unaufgefordert setzten sich der Reihe nach die Anwesenden mir gegenüber hin und begannen zu erzählen.

Und wieder empfand ich die Situation etwas absurd, stand auf und hielt eine Rede. Währenddessen füllte sich der Raum. Ich sprach von Briefen, erwähnte mein Rundschreiben nach Armenien vor einem Jahr, adressiert an mehrere hundert ehemalige Kriegsgefangene und die vielen Antworten daraufhin.

Einige davon wurden in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, etwa 200 000 Leserinnen und Leser erfuhren wohl zum ersten Mal vom schweren Schicksal der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Fast 2000 von ihnen spendeten daraufhin Geld. Nun, das wusste meine Zuhörerschaft schon längst. Aber es kam ja nicht nur Geld auf unser Spendenkonto. Einige Zeitungsleser hatten uns Briefe geschrieben, die las ich nun vor. Und so erfuhren die alten Armenier, wie schmerzhaft vielen Deutschen noch das Unrecht aus Nazizeiten auf der Seele liegt. Aus diesem Empfinden heraus wurde Geld gespendet.

Die vorgelesenen Briefe enthüllten meiner Zuhörerschaft den ideellen Wert hinter dem Geld. Die in Deutschland als „Untermenschen“ Beleidigten und Gequälten, die in der eigenen Heimat Verfolgten und bis vor wenigen Jahren Missachteten erfuhren in diesen Briefen eine Würdigung ihrer Persönlichkeit. Die aus Deutschland mitgebrachten Briefe hatten einen Wert, den deren Autorinnen und Autoren kaum ermessen können.

Ich hatte mit meiner Rede Herrn Simonjan Merujan unterbrochen.

„Rumänen haben uns in einem Wald gefangen genommen, irgendwo in der Ukraine. ‚Warum zieht ihr uns die Stiefel aus, das ist Unrecht!‘, rief ich. ‚Warum müssen wir auch in solch einem beschissenen Winter gegeneinander kämpfen‘, gab mir der neue Besitzer meiner Stiefel zur Antwort. Mit erfrorenen Zehen brachte man mich nebst vielen anderen nach Saporoshje.“

Herr Merujan zählt die Stationen seiner Zwangsarbeit als Schweißer auf, von Dnepropetrowsk bis Frankreich. Nach der Befreiung kam er auf ein englisches Schiff . Eigentlich, dachte er, sollte es jetzt nach Amerika gehen. Aber stattdessen landete er in Baku, Aserbaidschan. Die anschließende neuerliche Zwangsarbeit leistete er in Tadschikistan ab.

Nacheinander nahmen mir gegenüber folgende Vereinsmitglieder Platz und berichteten: Daniljan Makrtytsch, Babkin Nahapetjan und Nesisjan Warazow. Alle Erzählungen wurden notiert. Hier begnüge ich mich mit der Schilderung zweier Begegnungen währen einer Reise durchs Land.

Am Sewan-See.

Sonst stets zu viert unterwegs – neben Mels und Hrand war immer Dr. Aschot Hayruni als mein Freund und Übersetzer dabei –, gesellte sich jetzt Frau Hripsime Hakobjan dazu. Sie ist die Buchhalterin unserer Partnerorganisation und hatte in der Handtasche Spendengeld dabei.

Der Moskwitsch fuhr bergauf. Eriwan liegt im Tal des Ararat, rund 1000 m über dem Meeresspiegel. Wir fuhren zum Sewan-See, der mit 1900 m zu den höchstgelegenen Hochgebirgsseen zählt. Bergauf ist die Straße in den Fels gesprengt, dessen Farbnuancen vom Ocker bis zu Tiefschwarz reichen. Auf der Autobahn Richtung Tiflis/Georgien waren wir fast allein unterwegs. Kühe und Schafe weideten dicht an der Fahrbahn. In klarer Luft reichte der Blick weit in die schneebedeckte Bergwelt. Der Moskwitsch holperte über eine Autobahnabfahrt in ein Dorf und hielt vor einem Häuschen. Wir waren unerwartete, aber hochwillkommene Gäste.

Im Wohnzimmer wollte ich nicht Platz nehmen. Dort lag regungslos die Frau unseres Gastgebers im Bett. Wir setzten uns in einen Nebenraum und der 85jährige Aristak Arakeljan begann zu erzählen:

„Im Oktober 1940 kam ich in Vilnius zur Armee. Elf Monate später nahm man mich in Gomel gefangen.“ (Bei diesem Namen mußte ich mich beherrschen. Ich verriet nicht, dass in dieser Stadt mein Vater stationiert war und dort gestorben ist.) „Ich hatte davor Angst, wie die Deutschen mich behandeln würden. Wissen Sie, die Armenier ähneln den Juden, deshalb hatte ich schreckliche Angst. Und tatsächlich hatte man mich verdächtigt und untersucht.

Wir wurden nahe der polnischen Stadt Swalk (?) auf freiem Felde hinter Stacheldraht eingesperrt. Mir scheint, wir waren rund eine Million Gefangene. Erdhöhlen wurden gegraben, ich bewohnte mit vier anderen Armeniern eine dieser Höhlen. Zu essen gab es nur einmal pro Tag irgend etwas wie vergammelten Kohl. Hunderte Männer drängten sich um einen Suppentopf. Vor Hunger wahnsinnig geworden, rissen die Kameraden einander den Bissen vom Mund.

Nach zwei Monaten war die Mehrzahl von uns gestorben. Die Lebenden mußten die Toten in riesige Gräben werfen. Ja, es gab auch Kannibalismus. Wenn die Deutschen das bemerkten, wurden einige von uns wahllos gegriffen und aufgehenkt. Zur Abschreckung hingen sie wochenlang am Balken.“

Meinem Dolmetscher stockte der Atem, Aschot Hayruni konnte den gestenreich vorgetragenen Bericht nicht weiter übersetzen.

Herr Arakeljan machte eine Pause und sagte dann etwas Positives.„Unter den Deutschen gab es auch Gutherzige! Welche hatten verstecktes Brot mitgebracht.“

Auf meine nächste Frage wieder eine traurige Antwort:

„Warum ich auf einem Auge blind bin? Das war so: Wir waren dabei, Pferdemist auf eine Karre zu schippen. Es kam ein Auto mit einer Fuhre Kohl vorbei. Ein Deutscher warf uns einige Kohlköpfe zu. Das sah ein Offizier und fuhr dazwischen. Ich krampfte die Hand um das Gemüse, wollte hinein beißen, er schlug mir mit der Peitsche auf die Finger. Ich ließ nicht los. Dann traf mich ein Hieb aufs Auge. Nach dem Krieg bestätigte mir ein Arzt, dass ein solcher Schlag die beginnende Blindheit verursacht haben könnte.

Die deutschen Soldaten hatten die Kohlköpfe zum Spaß in die Menge geworfen und amüsierten sich über unser Verhalten.“

Hrand bemerkte dazu kopfschüttelnd, dass er es nicht glauben könne. So was taten deutsche Soldaten nicht. Mir lag der Widerspruch auf der Lippe, sagte aber nichts über vergleichbare Spiele unserer Landser, von denen mir ehemalige sowjetische Kriegsgefangene berichteten.

Herr Arakeljan fuhr fort:

„Es hatte geschneit. Meine Zehen waren erfroren. Einmal, wir waren schon nicht mehr so zahlreich, wurde unsere Gruppe von den Deutschen in ein Gebäude ohne Dach gebracht. Ich weiß nicht mehr, warum wir es „Badezimmer“ nannten. Jeden Morgen kamen Uniformierte, rüttelten uns und schrien: ‚Lebst Du noch?‘

Dann endlich, mitten im Winter 1942, brachte man uns von dort weg. Während der tagelangen Fahrt in offenen Waggons standen wir dicht aneinander gedrängt, zum Sitzen oder Liegen gab es kaum Platz. Die Kameraden starben im Stehen. Wir landeten irgendwo in Ostpreußen. Dort wurde alles besser. Wir arbeiteten und bekamen zu essen.“

Die Antwort auf meine Frage nach der Art seiner Beschäftigung konnte Aschot nicht übersetzen. Es fehlte ihm die Vokabel für das Ding, mit dem Herr Arakeljan es zu tun hatte. Unser Gastgeber verschwand, wir tranken Tee, er kam mit etwas zurück, das sich bei näherer Betrachtung als Torfstück erwies. Seine Zwangsarbeit bestand also im Torfstechen.

„Die Deutschen waren dort nett, sie brachten uns das Essen zum Arbeitsplatz. Ob die Arbeit hart war? Nun, wir standen meist bis zu den Knien im Moor. Der nasse Torf wog schwer, das Beladen und Ziehen der Karren war mühsam.“

Herr Arakeljan reichte uns Brot und Kefir. Er zeigte uns ein Dokument, sein Entlassungspapier aus den 50er Jahren. Beim Essen erfuhren wir seine Nachkriegsgeschichte.

„Ich war als Verräter der Heimat angeklagt und landete in Murmansk, kam dann in ein Lager bei Archangelsk. Zehn Jahre lang habe ich da arbeiten müssen. 1955 kam ich frei und konnte heimfahren. Aber aus meinem Dorf heraus durfte ich mich nur in einem Umkreis von 40 km frei bewegen. Ich war ein einfacher Landarbeiter. Von Nachbarn und Kollegen wurde ich als Faschist beleidigt. Meine Rente beträgt jetzt immerhin schon monatlich 15 000 Dram (etwa 26 Euro).“

Frau Hakobjan legte jetzt zwei Zwanzig-Dollarscheine für ihn auf den Tisch, die er quittierte. Viel war es nicht, was er von meinen mitgebrachten Spenden bekam. Aber es wird nicht die letzte für Herrn Arakeljan und seine Kameraden sein. Zum Schluss noch ein Gruppenfoto von ihm, der Tochter und Enkelin, winkend fuhren wir zum nächsten Treff.

Der Sewan-See ist tausend Quadratkilometer groß. Es regnete, das vor uns liegende Landschaftsbild ließ mich an Caspar David Friedrich denken. Wir fuhren an der Landzunge vorbei, auf deren Höhe das berühmte Kloster Ajriwank steht. Das Auto wühlte sich durch den Schlamm einer Dorfstraße.

Unweit vom See fanden wir ein großes Gehöft aus Betonplatten und Wellblech. Es beherbergt die Großfamilie des 88jährigen Fischers Rafik Djagejan.

Hier im Dorf sei er geboren, erzählte er später, seit 1728 würden die Seinen an diesem Ort leben. Wir waren Überraschungsgäste und brachten Herrn Djagejan und seine Frau in die Verlegenheit, uns nichts anbieten zu können. Der Sohn zog los mit dem Vorsatz, für uns Fische zu organisieren. Derweil erzählte Herr Djagejan aus seinem Leben.

Bild von Rafik Djagejan mit Urenkelin

Rafik Djagejan mit Urenkelin.

Die Erinnerung an den Krieg ist verwischt. Aber das Datum seiner Gefangenschaft war ihm präsent: der 21. Mai 1942. So blieb ihm das Schicksal jener erspart, die im ersten Halbjahr des sogenannten „Russlandfeldzuges“ gefangen genommen worden waren.

Von der Krim kam Herr Djagejan zum Donbass. Diese ukrainische Bergbau- und Industrielandschaft zählte zu den begehrten Beutegütern der Besatzungsmacht, Kohle und Stahl fürs Deutsche Reich. Dort mussten einheimische Zwangsarbeiter zu den gleichen Bedingungen schuften wie jene, die man zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportierte.

Doch im Unterschied zu denen bekommen diese von der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ als ‚dislozierte NS-Zwangsarbeiter‘ bezeichneten Menschen keine oder eine sehr geringe Zuwendung. Unser Fischer wird völlig ausgeschlossen von der Begünstigung durch die Bundesstiftung. Denn er leistete als Kriegsgefangener Zwangsarbeit. Ein oder zwei Jahre lang musste er unter Tage im Bergbau schuften.

Seine Angaben blieben so vage, dass ich den Verdacht äußerte, man habe ihn irgendwann im Jahre 1944 vor die Wahl gestellt, im Arbeitslager zu verkommen oder aber in die Uniform der Armenischen Legion zu schlüpfen. Diese gepresste Söldnertruppe der Deutschen Wehrmacht wurde in der Normandie eingesetzt, als nichts mehr zu gewinnen war. Als ich Herrn Djagejan danach fragte, war ihm die Scham anzumerken, darüber wollte er nicht sprechen. Er äußerte nur noch, dass er nach dem Krieg für zehn Jahre nach Sibirien kam. Bei seiner Heimkehr wurde er vom Dorfpolizisten als „Verräter“ verprügelt.

Die Unterhaltung schleppte sich hin, man wartete vergebens auf den Sohn und seine Fische. Nach einer Stunde wollten wir aufbrechen und lehnten freundlich das Angebot ab, doch noch zu warten und über Nacht zu bleiben.

Ein Schritt zur Versöhnung.

Der alte Imker Simon Zakanjan möge mir verzeihen, dass ich ihm, der durch alle Stationen der Hölle gestoßen wurde, kein eigenes Kapitel widme. Schüchtern und freundlich, mit leiser Stimme erzählte er davon. Er lebt allein, das Häuschen und den Garten hatte er einem Kurden billig abgekauft, der während des jüngsten Krieges, dem zwischen Armenien und Aserbaidschan, die Fronten wechselte.

Bild von Simon Zakanjan

Simon Zakanjan.

Häufig wiesen meine Gesprächspartner auf andere belastende Ereignisse hin. Einer hatte vor 16 Jahren die Tochter beim Erdbeben verloren, ein anderer war mit der Familie vor zwölf Jahren während des Krieges mit Aserbaidschan aus Karabach geflohen. Alle zusammen, die Alten wie die Jungen, scheinen von dem 89 Jahre zurückliegenden Geschehen gezeichnet zu sein, dessen Gegenwärtigkeit mir am 24. April bewusst wurde.

Es ist der Nationale Gedenktag aller Armenier, wo auch immer sie leben. Zusammen mit Hunderttausenden wanderte ich zum Berg, auf dem das Memorial des Genozids am armenischen Volk steht. Ich ließ mir den Text auf einem der von Kundgebungsteilnehmern getragenen Transparente übersetzen: „Wir verzeihen Euch nie!“ Ein unbehaglicher Inhalt, der Fragen aufwirft. Ist eine Versöhnung zwischen Armeniern und Türken denn wirklich unvorstellbar? Doch, sagten alle übereinstimmend, aber nur, wenn die Türkei sich zur Anerkennung der Schuld durchringen würde.

Für Deutsche klingt die Antwort irgendwie plausibel. Stellen wir uns nur vor, was unsere westeuropäischen Nachbarn von uns hielten, wie sie sich uns gegenüber verhielten, wenn Deutschland nicht die Schuld an den Verbrechen der NS-Zeit anerkannt hätte. Osteuropa hatte hingegen lange auf dieses Schuldbekenntnis warten müssen. Der Kniefall von Willy Brandt in Warschau blieb lange Zeit eine einsame Geste.

Erst die Debatte um eine „Zwangsarbeiterentschädigung“ öffnete einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland die Augen vor dem, was Rassenwahn und Vernichtungswille des NS-Regimes den Völkern Osteuropas angetan hat. Meine Reise nach Armenien erscheint mir als einer von vielen notwendigen Schritten, die wir noch gehen müssen.

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