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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Begegnungen mit ehemaligen Kriegsgefangenen in Armenien.

Ein Reisebericht von Eberhard Radczuweit.

Am Rande Europas lebt ein Volk mit einem langen Gedächtnis. Die Menschen dort sind stolz darauf, als erste das Christentum eingeführt zu haben. Das war im Jahre 301. Sie zeigen den Fremden gern ihre uralten Kirchen und die Spuren der Antike. Die Gebildeten unter ihnen – und das Volk hat einen hohen Bildungsgrad – kennen freundliche Legenden aus Jahrtausenden.

Die Berichte von Überlebenskämpfen ihrer Altvorderen haben dagegen das Ausmaß antiker Tragödien. Das Furchtbarste in der Geschichte des Volkes ereignete sich jedoch in jüngerer Zeit. Im Ersten Weltkrieg, als die europäischen Mächte wie tollwütig übereinander herfielen, als man in Deutschland reimte: „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos“, geschah der erste Völkermord des Industriezeitalters.

Ein großer Teil des armenischen Volkes war mit seiner Kultur auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches verwurzelt. In der allgemeinen Barbarei verkehrten sich nationale und religiöse Werte in ihr Gegenteil. Muslimische Türken fielen über ihre armenischen Nachbarn her. Eine Million und fünfhunderttausend Menschen fielen zum Opfer. Viele Frauen und Kinder wurden zur Islamisierung in türkisch-kurdische Dörfer verschleppt.

Im Gedächtnis aller Armenier ist es eine offene Wunde. Was könnte sie schließen? Würde ich in Berlin meinen türkischen Tabakverkäufer, mit dem ich per Du verkehre, danach fragen, hätte ich seine Freundlichkeit aufs Spiel gesetzt. Türken fragt man nicht nach Armeniern. Dieser Genozid ist tabu. Die Wunde würde sich schließen beim Schuldbekenntnis der Türken.

Unser Postbote freut sich über die unbekannten Marken auf den Briefen, wo bunt durcheinander kyrillische und vertrautere Buchstaben als Adresse unseres Vereins zu entschlüsseln sind. Die zittrigen Handschriften verraten das Alter der Briefschreiber. Drei Jahre lang waren es fast ausschließlich Briefe aus der Ukraine. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter berichten uns über ihre Deportation nach Deutschland, bitten um Nachweise für die Sklaverei zur Jugendzeit an Orten, deren fremde Phonetik sie nur vage darzustellen vermögen, und sie schildern das soziale Elend im Alter.

Indem wir sie bei zahlreichen Besuchen in der Ukraine und bei Einladungen nach Berlin kennen lernen, wissen wir, was sie neben der materiellen Not am meisten belastet: Erinnerungen an die missbrauchte Jugend in Deutschland und die Verletzung ihrer Menschenwürde auch nach der Rückkehr in die Heimat. Einige von ihnen wurden zur weiteren Zwangsarbeit bis Sibirien verschleppt, alle wurden als „Verräter“ selbst von den Nachbarn beleidigt.

Bekanntlich hat die Bundesregierung ihnen als „humanitäre Geste“ materielle Zuwendungen übermitteln lassen, die Mehrheit von ihnen – längst nicht alle – erhalten einen willkommenen Notgroschen kurz vor ihrem Lebensende.

Aber sind diese anonymen Zahlungen eine Therapie für seelische Verletzungen?

Glücklicherweise gibt es neben uns eine Vielzahl privater und kommunaler Kontakte zu den NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Osten. Bei vielen persönlichen Begegnungen wird deutlich, dass sich die Wunden beim bloßen Zuhören und dem erkennbaren Mitempfinden schließen. Wenn diese alten Menschen beim Empfang von Spendengeld erfahren, dass dieses Geld ein Ausdruck echter Solidarität ist, dann werden die Zuwendungen angenommen als Zeichen von Menschlichkeit.

KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. hat bisher schon fast zweihunderttausend Spenden-Euro auf diese Weise weitergeben können. Bei der Vielzahl von Betroffenen in weit entlegenen Gegenden sind nicht immer persönliche Begegnungen möglich. Dann schreiben wir uns.

Hier gebe ich ein Zitat aus einem Brief zum besten:

„Und so, als ich von der Organisation ‚Kontakte‘ einen Betrag von 2500 Hrivna bekam, habe ich bitter geweint, alles ins Gedächtnis zurückrufend … Mein Schwiegersohn Iwan kaufte mir einen neuen Anzug für 300 Hrivna, für den ‚schwarzen Tag‘ (Notfall) legte ich 1000 Hrivna zurück. Und meine Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder haben schön aufgetischt und wir konnten diese Gelegenheit festlich begehen. Mir war es sehr angenehm, dass ich jene reichlich bewirten konnte, die mich oft besuchen und sich kümmern.“

So schrieb im Frühjahr 2003 der 91jährige Grigori Stepanowitsch Budenko. (Einen weiteren Brief von Grigori Stepanowitsch Budenko erhielten wir im Februar 2004.)

Mit ihm begann ein neues Kapitel unserer Solidarität mit NS-Opfern im Osten. Er zählt nicht zur Kategorie der Zwangsarbeiter, die von offizieller deutscher Seite begünstigt werden, obwohl er zwei Jahre lang im Ruhrgebiet schwerste Arbeit unter Tage im Steinkohlebergbau leistete. Denn ihn trifft der Bannspruch des deutschen Gesetzes: Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung.

Zuerst fielen unsere neuen Kontakte dem Postboten auf. Anstelle des Kyrillischen sah er völlig unbekannte Kringel und Zeichen. Hätte er das Alter der armenische Schrift gekannt und dass das Handschriftenmuseum in Jerewan einen kostbaren Schatz der Weltkultur birgt, würde er sich etwas respektvoller über die „Kringel“ äußern.

Ich hatte zuvor einige hundert Briefe an ehemalige sowjetische Kriegsgefangene nach Armenien geschickt. Meine Bitte um Angaben über Gefangenschaft, Zwangsarbeit und die Zeit danach fand ein großes Echo, allerdings verstanden nur Wenige den Sinn: Ihre Antworten will ich per E-Mail an Bundestagsabgeordnete schicken, auf dass denen bewusst werde, welchen Opfern des NS-Regimes hier die Zuwendung versagt wird und dass eine Gesetzesänderung dringend nötig ist! Meine Rundbriefe wurden in Armenien als direktes Hilfsangebot verstanden. Doch unser Spendenaufruf für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene hatte bis dahin nicht genügend Früchte eingebracht, um eine größere Anzahl dieser Hilfsbedürftigen zu erreichen.

Die Briefe aus Armenien waren ein einziger Notschrei!

Reichen in Russland die Altersrenten kaum für eine erträgliche Existenz, so liegen sie in der Ukraine deutlich unter dem Existenzminimum. In Armenien aber „leben“ von den monatlichen 20 Euro eines Kriegsveteranen bei der grassierenden Arbeitslosigkeit ganze Familien!

Waren die Berichte der zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter schon erschütternde Zeugnisse menschlichen Leids, so brachte die Post aus Armenien Ungeheuerlichkeiten zu Tage, die einen erschaudern ließen. Wer von den Berichterstattern die Hölle der Kriegsgefangenschaft überlebt hatte, musste nach der „Befreiung“ mit harter Strafe rechnen. Denn er hatte im Verständnis Stalins den Fahneneid gebrochen, indem er sich gefangen nehmen ließ. Das bedeutete in der Regel sechs- bis zwölfjährige Zwangsarbeit in Sibirien. Kam er als gebrochener Mann endlich nach Hause zurück in den Schoß der Familie, wurde er dennoch als „Vaterlandsverräter“ beschimpft.

Zeit heilt die Wunden, so heißt es. Zumindest war den armenischen Briefen zu entnehmen, dass man mit den Jahren trotz tiefer innerer Verletztheit zu überleben verstand. War Familie vorhanden, fand man dort Trost und innere Ruhe.

Aber dann gab es die Nachricht, dass die Deutschen an ehemalige Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer Geld als Kompensationsleistung auszahlen würden. Das weckte verdrängte Erinnerungen und Hoffnung. Man schrieb Anträge, beauftragte gar einen Rechtsanwalt, wartete und hoffte. Als die Nachricht aus Deutschland kam, dass es für ehemalige Kriegsgefangene nichts gäbe, riss es die alten Wunden wieder auf! Liebe Leserin, lieber Leser, Sie können sich meine Erleichterung vorstellen, als eine Spenderin uns ZEHNTAUSEND Euro überwies.

Auf nach Armenien!

Aber wie? Was tun, wenn man mit zehntausend Euro im Brustbeutel und mit seinem Koffer am Flughafen der armenischen Hauptstadt steht? Wer weist einem die Wege zu meinen Briefschreibern? Etliche wohnen nicht in Jerewan, sondern in Dörfern hinter den sieben Bergen. Selbst die Straßenschilder wären für mich in dieser Schrift nicht zu enträtseln. Und dann hatte sich mir noch das ZDF anvertraut: Das politische Magazin „frontal 21“ wird am 24. Oktober 2003 einen Bericht über ehemalige sowjetische Kriegsgefangene in Armenien senden. Also stünde ich am Flughafen mit Fernsehjournalisten, dem Kameramann, dem Tontechniker und all deren Gerätschaften. Und sie würden mich fragen: WOHIN?

Diese Vorstellung dominierte dann meine nächtlichen Träume. Tagsüber wurden E-mails geschickt, telefoniert und so fädelte es sich alles auf beste Weise ein. Hier sei unserem Beiratsmitglied Pfarrer Manfred Richter gedankt! Seit er vor über zehn Jahren den Opfern einer Erdbebenkatastrophe in Armenien half, ist er unter Armeniern hoch geschätzt. Seine Kontakte ebneten mir die Wege.

Dr. Aschot Hayruni und Hrant Nazaretyan trafen in Jerewan alle Vorbereitungen für unseren Aufenthalt. Ersterer ist Germanist, Übersetzer und Dolmetscher. Seine wissenschaftliche Arbeit betrifft unter anderem Johannes Lepsius , der sich schon vor 1915 für die bedrängten Armenier in der Türkei eingesetzt hatte.

Herr Dr. Hayruni beschrieb mir in den Wochen vor dem Abflug fast täglich akribisch jeden Vorbereitungsschritt und übersetzte meinen Dialog mit Herrn Nazaretyan. Dessen Biographie war mir teilweise längst vertraut. Denn er gehört zu den erwähnten Briefschreibern. Nur war mir bis dahin seine Funktion in einem Verein unbekannt, von dessen Existenz ich bis dahin nichts wusste: Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges. Herr Nazaretjan ist Vorsitzender des Kuratoriums dieses Vereins. Die meisten meiner Briefschreiber sind Mitglieder seines Vereins.

Ankunft in Jerewan am 14. August 2003, mit Dr. Wolfgang Kramer vom ZDF, Tolja, dem Kameramann und seinem Tontechniker, dessen Namen ich leider vergessen habe. Beide waren in Moskau dazugestiegen, echte Moskowiter und Profis mit Witz und Verstand.

War es zuvor schon in Berlin brütend heiß gewesen, so umfing uns hier eine weit höhere Temperatur. Mit unserem Berg an technischem Gepäck waren wir unübersehbar. Drei Männer kamen auf uns zu, die uns von nun an überall hin begleiten sollten. Neben Aschot Hayruni und Hrant Nazaretyan war es der Vereinsvorsitzende Mels Margarjan. Weil das ZDF über ganz andere Möglichkeiten als unsereins verfügt, wartete am Flughafen ein großes Auto mit Chauffeur und einer smarten jungen Dame mit gutem Englisch. Während die Fernsehleute sich für den Weg zum Hotel verabschiedeten, wurde ich mit Herrn Margarjans uraltem Moskwitsch ins Privatquartier gebracht.

Jerewan erschließt seinen Scharm nicht auf den ersten Blick. Auf der Fahrt in die Stadt wird das Elend der Arbeitslosigkeit deutlich. Verödete Industriegebiete, braches Land, Slalomfahrt vorbei an Schlaglöchern wie Fallgruben. Betonarchitektur aus Chrustschows Tagen, bröckelnde Fassaden. Das Auge heftete sich dankbar an verstreute Zitate aus alten Zeiten: Schmiedeeiserne Schnörkel vor Fassaden aus Naturstein, an denen dicke Weinstöcke sich winden. Der Blick weitete sich in einem Tal, über dem das prächtige Gebäude der Kognakfabrik „Ararat“ thront. Natürlich dürfen die repräsentativen Amtsgebäude, Banken, schön renovierten Altbauten und die Bauwut nicht verschwiegen werden, der man sich dank welchen Kapitals auch immer befleißigt. Herr Dr. Hayruni meinte während der Fahrt, bei meinem nächsten Besuch sei alles renoviert, die Geh- und Autowege geglättet. Ich glaub es ihm.

Das erste Meeting war selbstverständlich im Vereinsbüro. Das Domizil des Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges liegt in einem alten Arbeiterviertel. Eine Reifenfabrik ernährte einst die Menschen im Kietz. Das brüchige Gemäuer, in dem ein schmaler Raum zu günstigen Konditionen angemietet worden ist, liegt an einem Rondell mit wahnsinnigem Autokreisverkehr, ringsum ist alles Baustelle.

Das Zimmer ließ auf den ersten Blick den Zeitraum erkennen, um den es uns geht. Der Zweite Weltkrieg ist auf militärischen Landkarten sichtbar, auf denen rote und schwarze Pfeile Frontverläufe bezeichnen. Portraits von armenischen Generälen und Marschällen und Fotos von allerlei Begebenheiten aus dem Vereinsleben, Bilder verstorbener Mitglieder bedecken die Wände.

Ein gerahmtes Bild zeigt den Vereinsgründer Schamir Hairapetjan, der im Jahre 2001 verstarb. Von ihm, einem in Kriegsgefangenschaft geratenen Oberst, der später Gedichte schrieb, dessen letztes Buch mit dem Titel „Liebe und Leid“ man mir zeigte, wurde Folgendes erzählt:

1997 hatte er zur Gründung des Vereins aufgerufen, um den ehemaligen Kriegsgefangenen soziale Betreuung und materielle Hilfe zu ermöglichen. Die Vereinsgründung sollte in Absprache mit dem seit 1945 existierenden Armenischen Verband der Kriegsveteranen geschehen. Dort aber hieß es barsch: „Sie sind ein Volksverräter, mit Ihnen reden wir nicht!“

Der lange Schatten Stalins verdunkelte die Gründung des Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges, konnte sie aber nicht verhindern.

Wie der Verein vom Ausland Unterstützung erfährt, lag bei unserem Eintreten augenfällig auf dem Tisch: ein Kleiderhaufen aus den USA. Früher hatte sogar die Zigarettenfabrik Phillip Morris Geld geschickt. Herr Nazaretyan erklärte:

Als vor drei Jahren bekannt wurde, dass die deutsche Regierung und die deutsche Wirtschaft den Naziopfern Kompensationsleistungen auszahlen würde, versiegte der Geldsegen aus den USA, seither kriegen wir kaum noch was. Unser Vereinskonto ist leer.

Der armenische Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges zählt gegenwärtig 209 Mitglieder. Tags zuvor waren wieder zwei Mitglieder gestorben.

Der Kleiderhaufen wurde beiseite geschoben, und man nahm Platz zur ersten Beratung. Wie sollen die zehntausend Euro verteilt werden? Mein schon bekannter Vorschlag: Je 400 Euro an zwanzig ehemalige Kriegsgefangene, die mir Bittbriefe geschrieben hatten und deren Adressen angegeben oder zu ermitteln waren. Und zusätzlich an fünf Mitglieder des Vereins, die in besonderer Notlage leben.

Diesem Vorschlag gemäß lag eine fertig ausgearbeitete Liste vor. Herr Nazaretyan gab zu bedenken, die Summe doch zu halbieren, um doppelt so viele notleidende Mitglieder begünstigen zu können. Aber was wäre, wenn es sich herumspräche, dass Dieser und Jener Geld aus Deutschland erhalten habe? Was empfindet da einer unter so vielen NS-Opfern, der nicht weiß, wovon am nächsten Tag das Brot zu bezahlen ist? Nein, mit den zehntausend Euro ließe sich auf diese Weise keine Gerechtigkeit herstellen.

Schild des Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges

Wir fanden eine Lösung. Alles Geld erhält der Verein, der eine fünfköpfige Kommission bildet, die über die bestmögliche Verteilung an soziale Härtefälle berät. Über die Auszahlung ist man KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. gegenüber rechenschaftspflichtig. Wir vereinbarten einen Partnerschaftsvertrag, der am Schluss dieser Publikation nachlesbar ist.

Über den Verlauf der nächsten Tage einigten wir uns schnell, so schwierig auch das Programm aussah. Herr Nazaretyan hatte nämlich gemäß meiner Wunschliste, die ich ihm aus Berlin schickte, alle in Jerewan und Umgebung erreichbaren Vereinsmitglieder darüber informiert, dass jetzt Fernsehleute und der Herr Radczuweit aus Berlin sie besuchen werden. Von Geld war nicht die Rede, sondern nur vom Wunsch der Deutschen, sie zu interviewen.

Es war uns schnell klar geworden, dass nur ein geringer Teil der Angesprochenen aufzusuchen möglich war. Denn ihre Lebensberichte würden sich jeweils kaum in einer Stunde darstellen lassen. Wir waren nicht so unsensibel, unsere Begegnungen mit ehemaligen Kriegsgefangenen in schnellem Frage-Antwortwechsel wie beim Verhör durchziehen zu wollen. (Daran hatten diese Menschen weiß Gott genug schlimme Erinnerungen.) Ich versprach, allen auf unserer Liste Verzeichneten, die wir aus Zeitgründen nicht aufsuchen könnten, später einen guten Brief zu schreiben.

Ehemalige Kriegsgefangene berichten.

Im Folgenden wird chronologisch die Reihe unserer Besuche dargestellt. Es sind nur bruchstückhafte Wiedergaben von Erzählungen. Hätte mein Tonbandgerät funktioniert, dann wären es vollständige Dokumente geworden, die aus dem Armenischen ins Deutsche zu übertragen gewesen wären. So müssen Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, mit meinen Notizen der von Dr. Aschot Hayruni übersetzten Berichte begnügen.

Es ist schwierig für einen Dolmetscher, die in Erregung ausgestoßenen Stakkati spontan zu übersetzen. Manche der im Folgenden notierten Berichte geschahen im Wechsel höchster Erregung und langsamem, leisen Ton aus Trauer und Wehmut. Was die reiche armenische Sprache dabei an Ausdruck geboten hat, bleibt uns verschlossen. Ich überlasse es Ihrer Phantasie, sich die Melodie dieser Erzählungen vorzustellen.

Freitag, 15. August, 9.30 Uhr, Treffpunkt ist, wie an den folgenden Tagen, der Platz vor dem pompösen Kino Moskwa im Zentrum von Jerewan, drei Minuten zu Fuß von meinem Quartier. Pünktlich stehen das große Auto und der alte Moskwitsch am Platz.

Alle zusammen besuchen wir den blinden Armenak Pharamusjan. Seine Frau öffnet strahlend die Wohnungstür, wir wurden schon erwartet. Das Wohnzimmer verrät die Kultur und den guten Geschmack der Familie, am Klavier scheint häufig gespielt zu werden. Wir nehmen am mit rotem Samt gedeckten Tisch Platz, es gibt Mokka und Kekse. Herr Pharamusjan tastet sich hinfällig in unsere Richtung. Schüchtern lächelnd gesellt er sich zu uns.

Stockend, im Nebel verblasster Erinnerung suchend, beginnt er seine Erzählung:

„Ich war damals im Baltikum, schwere Kämpfe. Schon am ersten Tag geriet ich in Gefangenschaft. Deutschland, Altenburg. Zwangsarbeit bei einem deutschen Beamten. Ich bin geflohen und wurde verhaftet, kam ins ‚Armenische Lager‘. Ein zweites Mal bin ich geflohen, als am Bahnhof ein Zug ankam, darin lauter russische Frauen und Männer (wohl zivile Zwangsarbeiter). Sie sagten, ich solle zu ihnen kommen, ‚steig ein!‘ Ohne Dokumente fuhr ich mit. So kam ich nach Glauchau. Es hieß, ich solle auf die Herren warten, die mich zur Arbeit bringen würden. Ein Deutscher sagte ‚Komm, komm!‘ Bei dem zu Hause, er hieß Willi Baumann, auf dem Hof gab es zu essen. Natürlich verschwieg ich, dass ich auf der Flucht war. Ich fütterte das Vieh, säuberte den Stall. Es war ungewohnte, schwere Arbeit, weil ich doch von Kind an ein Stadtmensch bin. Irgendwie habe ich das zwei Jahre lang geschafft. Dann war der Krieg zu Ende, ohne Abschied ging ich weg.“

Die Frau von Herrn Pharamusjan war unzufrieden mit dieser Erzählung. „Früher hatte mein Mann mal alles aufgeschrieben, aber es dann leider vernichtet. Vor vielen Jahren erzählte er noch ausführlich. Erinnerst du dich nicht mehr daran, wie man dich nach der Flucht gefoltert hatte?“

Sie wendet sich ihm zu, auf seinem Gesicht steht nur ein kleines, hilfloses Lächeln. Die Frau blickt uns an und sagt klar und deutlich:

„Man hat ihn zu erhängen versucht, nachdem sie zu viert einen Fluchttunnel aus dem KZ nahe Glauchau zu graben versucht haben. Zwei von ihnen erhängte man dann tatsächlich, meinen Mann aber schlug man so, dass er auf einem Auge erblindete. Später, zu Hause, ist auch sein anderes Augenlicht erloschen. Ein Augenchirurg in Tiflis, wo er zur Untersuchung war, hat erklärt, dass die Ursache die schwere Verletzung zur Kriegszeit sei.“

Die Frau schaut uns erregt an.

„Er erzählte auch mal, wie er sah, dass Hunde an Leichen gefressen hätten. Da sei er nur gelaufen, gelaufen.“

Herr Pharamusjan wendet sich nur lächelnd in unsere Richtung. Er versteht nichts von dem, was seine Frau erzählt. Das ist auch gut so, könnte er sonst ruhig zu Ende leben?

Wir verabschieden uns sehr herzlich.

Vorbei am Denkmal von Alexander Mjasnikjan, einem Bolschewiken, den Stalin ermorden ließ und der bis heute in Jerewan verehrt wird, geht der Weg zum nächsten Gesprächspartner. Schmal und zierlich steht der 91jährige Guren Howhannisjan vor seiner Wohnungstür und bittet uns hinein. Baupläne an der Wand verraten seinen Beruf. Als Kind überlebte er den Völkermord in der Türkei.

Bild von Guren Howhannisjan

Guren Howhannisjan

Herr Howhannisjan beginnt mit einer Klage:

„Dreimal haben unsere Zeitungen über mögliche Kompensationsleistungen an sowjetische Kriegsgefangene berichtet. Zweimal lehnte Stalin entsprechende Vorschläge aus dem Ausland ab. Es hieß, wir seien doch ‚Volksfeinde‘. Das letzte Mal war es vor wenigen Jahren, als von der Bereitschaft der Deutschen gesprochen wurde, uns zu entschädigen. Das ‚NJET‘ kam diesmal aus Berlin!

Ich habe mich 1941 als Freiwilliger gemeldet, obwohl ich mich als Architekt wegen kriegswichtiger Bauplanungen hätte freistellen lassen können. Ich diente in einem Artillerieregiment. Wir waren im Gebiet Kertsch (Ukraine).

Am 31. Dezember gab es einen mächtigen Angriff aus der Luft und zu Lande. Wir hatten Gräben geflutet, um auf dem bald gefrorenen Wasser unsere schwere Artillerie bewegen zu können. Nach tausend Metern brach aber das Eis unter der Last. Bis zum Kopf geriet ich unter Wasser. Fast erfroren, wurde ich gerettet. Verletzte wurden sonst nicht geborgen. Es gab kein Lazarett.

Ich überstand den Winter. Am 8. Mai 1942 sollte unsere Armee zum Angriff übergehen. Aber die Wehrmacht kam uns zuvor. Wir zogen uns in Richtung Schwarzes Meer zurück. Einmal überquerten wir auf Pontons einen tiefen Wassergraben. Wir waren etwa 450 000 Soldaten, die Deutschen im Rücken. Viele Verletzte, Chaos!

Es gab den Befehl, jeder sei jetzt frei in seiner Entscheidung. Jeder möge zusehen, seine Haut zu retten. Unsere Truppe aber beschloss, trotz mangelnder Munition anzugreifen. Drei Kilometer stießen wir vor. Okusjan, mein armenischer Freund, der mich zuvor aus dem Wasser gerettet hatte, starb neben mir.

Am 17. Mai gerieten wir alle in Gefangenschaft. Truppenweise kamen wir nach Dschankoje. Die Sterbenden wurden von den Lebenden getrennt und es ging in geschlossenen Güterwaggons irgendwohin. Dann kam der lange Marsch ins Unbekannte. Wer sich am Wegesrand nach Essbarem bückte, wurde erschossen. Alle anderthalb Stunden gab es zehn Minuten Pause. Wer nicht mehr laufen konnte, dem wurde zweimal befohlen, aufzustehen. Beim dritten Mal traf einen die Kugel.

Fünf Tagesmärsche ohne Trinken und Essen, dann konnte auch ich nicht mehr aufstehen. Die Kameraden gingen an mir vorbei. Zweimal hörte ich: „Aufstehen!“ Vor dem dritten Befehl wurde ich am Kragen gepackt, jemand half mir hoch. Wieder hatte mich ein Landsmann gerettet. Aus seinem Rucksack reichte mir dieser Armenier ein Stück Brot. In meinem ganzen Leben gab es nichts Wohlschmeckenderes. Ich konnte weiterlaufen.

Schließlich erreichten wir ein Lager. Das war ein freies, ca. zwei bis drei Hektar großes Feld, umsäumt von Stacheldraht. Die erste Essensration: eine dunkle, undefinierbare Flüssigkeit, ‚Balanda‘ nannten wir sie. Jeder bekam einen Becher voll. Wer keinen hatte, nahm die Mütze. Wer keine Mütze mehr hatte, nahm den Schuh. Abends wurde weiter marschiert. Ich hatte vier Freunde. Drei konnten dann nicht mehr aufstehen. Nachdem ich einen Becher Balanda organisiert hatte und zu ihnen eilte, waren sie schon tot.“

Wolfgang Kramer (ZDF) fragte Herrn Howhannisjan nach Aussonderungen im Lager.

„Ja, Aussonderungen gab es jedes Mal bei der Ankunft in einem Lager. Zuerst wurde nach der Nationalität gefragt. Aber die Antwort war gleichgültig. Die Gesichtszüge galten den Deutschen als sicherstes Mittel, um die Nationalität oder ‚Rasse‘ festzustellen. Natürlich wurden alle Offiziere ausgesondert, die vergessen hatten, ihre Schulterstücke vorher abzureißen.“

Wolfgang Kramer: „Leiden Sie noch unter den Erinnerungen?“

„Jetzt mehr als früher!“

Unser Gastgeber mit dem traurigen, klugen Gesicht hatte noch Schrecklicheres zu berichten. Das Inferno in diesen Lagern mit zigtausenden verhungernden Männern verdeutlicht folgende Geschichte:

„Einmal wurde ein ukrainischer Polizist entführt, um ihn zu verspeisen. Bei solchen, aber auch weit geringeren Vorfällen mussten alle in Reih und Glied antreten, Unschuldige wie Schuldige. Jeder Fünfte wurde aufgefordert, zwei Schritte vorzutreten – und erschossen. Zweimal musste auch ich in die Reihe treten. Das erstemal war ich der Dritte, danach der Vierte …“

Und was geschah nach dem Krieg mit unserem Architekten, der durch die Hölle gegangen war?

Er wurde nach Krasnojarsk zur Zwangsarbeit geschickt. „Wissen Sie, Stalin hatte im Krieg die Parole ausgegeben: bevor du in Gefangenschaft gerätst, gehört die letzte Kugel dir!“ Sarkastisch fügt Herr Howhannisjan hinzu: „Aber einige hatten keine Kugel mehr.“

Unserem Gesprächspartner gelang die frühzeitige Rückkehr in die Heimat. Er musste sich um die Kinder seines Bruders kümmern, der unter Stalin 1938 erschossen worden war. Unsere letzte Frage galt seiner gegenwärtigen sozialen Existenz. Nun, wir hatten Schlimmeres gehört. Als Überlebender des Genozids im Jahre 1914 erhält er eine Sonderrente, insgesamt sind es monatlich 22 000 Dran, also etwa 35 Euro, rund einen Euro pro Tag.

Zum letzten Gespräch des Tages suchen wir Artawasd Asnawurjan auf. Wir stehen vor einer Mietskaserne und fragen uns angesichts klaffender Löcher anstelle von Flurfenstern, wie im Winter die Wohnungen zu heizen seien. Mutig klemmen wir uns in den knarrenden Fahrstuhl, klingeln im 6. Stock und werden auch hier schon erwartet.

Herr Asnawurjan ist der Jüngste des Tages, Jahrgang 1925. Vor Kriegsbeginn war er Student des Pädagogischen Technikums, nach dem Krieg arbeitete er als Feuerwehrmann und Zimmermann. Warum hat er sein Studium nicht fortgesetzt?

„Ich war gesundheitlich nicht mehr gut drauf und litt unter einem Hirntrauma.“ Er wurde schon zu Beginn seines Soldatenlebens durch eine nahe Explosion verletzt. Ohne Bewusstsein war er nahe Riga in Gefangenschaft geraten.

Das Gespräch zeigt einen weiteren Aspekt der Folgen von Kriegsgefangenschaft. „Seit 35 Jahren lebe ich hier allein. Meine Frau hat sich von mir getrennt.“ Wir erfahren, dass seine Kriegsgefangenschaft die Ursache der Trennung gewesen sei. Die Frau habe diese Diskriminierung nicht mehr aushalten können, immer hätte es auch Probleme mit der Wohnung gegeben.

Ich schaue mich um, ja, so sieht Armut aus. Zwar stehen und liegen Bücher in der Einzimmerwohnung herum, ein paar Nippes auf dem Regalbrett. Alles ist sauber und aufgeräumt. Ein Bett, ein Tisch, vier Stühle, auf die wir uns nur mit Vorsicht setzen, der Bücherschrank. Aber der Blick in die Küchennische verrät das Elend, was gibt es wohl heute Abend und morgen zu essen? Beim Abschied verrät er uns, dass er nicht mehr wüsste, wann er das letzte Mal die Miete habe zahlen können.

Samstag, 16. August, der Tag beginnt mit der Fahrt in einen Vorort von Jerewan. Noch nicht Dorf und nicht mehr Stadt. Aber die Bezeichnung „Vorort“ würde diese Gegend zu etwas Gediegenem aufwerten. „Slum“ wäre eine beleidigende Kennzeichnung für die Bewohner. Denn bettelnde Kinder wären undenkbar.

Ärmlich, aber gepflegt gekleidet gehen die schönen, stolzen Frauen ihren Tätigkeiten wie überall nach. Aber welch Straßenbild! Die Slalomkurven unseres Moskwitschs müssen hier enger als anderswo gezogen werden. Ausgeschlachtete Busgerippe am Straßenrand, etwas, das einen Vorgarten andeutet, wird mit dem Skelett eines Gabelstaplers gesäumt. Ein- bis zweistöckige Häuser, aus Feldsteinen, Ziegeln und Brettern hochgeschichtet, mit löcherigem Wellblech bedeckt.

Oh Gott, wie überleben hier die Leute nur den kalten Winter? Hinter den Häusern werden Gärten sichtbar, vertrocknetes Laub, staubige Böden. Zur Bewässerung fehlt hier wohl das Geld.

Wir halten vor einer Hausfassade, die ein knorriger, ausladender Weinstock mit reifen Reben adelt. Die Armut kann er nicht verbergen. Wir betreten einen blechüberdeckten Hof, an dessen Wänden allerlei Arbeitsgerät den Überlebenswillen der Bewohner verrät. Wir kommen in einen durch Vorhänge parzellierten niedrigen Raum.

Der Frau des Hauses ist anzusehen, dass sie hier das Energiezentrum ist. Ihr warmes Lächeln beim Empfang tut mir gut. Sie führt ihren Mann herein, den 89jährigen Howik Aleksanjan.

Wir sitzen uns gegenüber und er beginnt zu reden.

„Ich bin am 15. Mai 1942 bei Kertsch gefangen genommen worden. Zwei Tage später ging es nach Dnepropetrowsk. Einige Monate Aufbauarbeiten, dann nach Lwow zur Arbeit. In Deutschland war ich später in verschiedenen Lagern. In Holzschuhen ging man dort zum Tagewerk. Ich habe Gruben gegraben, Leitungen verlegt, so allerlei gemacht.

Als sie mich nach dem Beruf fragten und erfuhren, dass ich Schweißer bin, wurde es anders. Man setzte mich im Straßenbahndepot ein und behandelte mich gut. Natürlich gab es keinen Lohn, aber Kartoffeln und manchmal Fleisch! Sonntags war neben dem Tee ein Schlückchen Wein möglich.“

Ich staune, von so guter Behandlung ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener hörte ich nie zuvor.

Herr Aleksanjan fährt fort.

„Ich habe persönlich sehr gut gearbeitet, ob bei der Straßenreinigung oder beim Reparieren der Telefonleitungen. Aber das Lager war verwahrlost. Es gab keine Decken, wir schliefen auf nackten Brettern. Ich habe mich immer ordentlich verhalten, auch später im Lager bei Dresden. In Deutschland gibt es Gesetze, an die man sich halten muss. Zum Beispiel beim Kartoffeln ausgraben und sortieren.“

Bei dieser Erinnerung hellt sich sein Gesicht auf:

„Alle Kameraden haben Kartoffeln geklaut. Ein Deutscher fragte mich: ‚Warum nimmst du dir nichts?‘ Das ist doch verboten, antworte ich ihm. Der Deutsche zwang die Kameraden, alle Taschen zu entleeren – und ich bekam die Kartoffeln!“

Hier unterbreche ich ihn mit Fragen zur Nachkriegszeit und zu seiner gegenwärtigen Befindlichkeit.

„Schon am Tage des Sieges wurde ich verhaftet. Man verurteilte mich zu zehn Jahren Zwangsarbeit in Sibirien. Ein Grund wurde nicht genannt, nur, dass ich ein Vaterlandsverräter sei.“

Die Frau reicht mir sein Entlassungspapier vom 17. September 1955. Auch diesem Dokument ist nichts über ein Militärgerichtsurteil oder irgendein Verschulden zu entnehmen, dessentwegen man einen Menschen für zehn Jahre ins GuLag schickte. „Meine Frau umsorgt mich wie ein Kind. Ich bin doch völlig blind geworden durch die Schweißerarbeit.“ Die Frau krempelt ihm das rechte Hosenbein hoch. Ein geschwollener Unterschenkel mit bläulich-schwärzlicher Haut wird sichtbar. Ein Augapfel ist schwer entzündet. Zur medizinischen Behandlung fehlt das Geld!

Ich sehe in diese schwere Gesichtslandschaft, es schreit in mir: Ihr Bundestagsabgeordneten, ach, all ihr Sonntagsredner und behütete Menschen in deutschen Landen, vergesst für einen Moment die Klage über unsere Gesundheitsreform und die schwache Konjunkturlage und die Kurven des DAX-Index und die nächste Rate für euren BMW oder nur die Waschmaschine. Schaut auf diesen Menschen! Er und Tausende wie er haben in ihrer kostbarsten Lebenszeit für Deutschland geschuftet und ihr beleidigt deren Menschenwürde mit eurer Gleichgültigkeit.

Für das, was Stalin ihnen antat, sind Andere verantwortlich. Zeigt nicht mit dem Finger auf die Rohheit des verblichenen Systems im Osten, solange ihr euch nicht selbst zur Verantwortung gegenüber diesen Opfern des Nazi-Regimes bekennt!

Derweil es in mir tobt, erzählt Herr Alexanjan von den Mitbewohnern des Hauses, das seine Frau vom Vater geerbt hat: Der Sohn, die Schwiegertochter und vier Enkelkinder. Meine Emotionen weichen einem zärtlichen Gefühl angesichts des liebsten Kindes, das ich je erblickte. Ich drücke auf den Auslöser und habe für alle Zukunft ein optimistisches Bild aus Armenien. Leben Sie wohl, lieber Herr Aleksanjan! Demnächst erhalten Sie Nachricht vom Geld, das auch für Sie verwahrt wird. Ob Ihr Anteil an den zehntausend Euro für den Arzt und die Medikamente reicht, weiß ich nicht. Aber mit Spendenbüchsen klappern und rufen werde ich solange, bis Ihnen und Ihren Kameraden Gerechtigkeit aus Deutschland zukommt!

Aus dem Moskwitsch der am Straßenrand versammelten Familie zuwinkend, geht's zur nächsten Begegnung. Das Altersheim ist nicht weit entfernt, aber schwer zu finden.

Wir stehen schließlich vor einem Eisengittertor und unsere vierköpfige Gruppe wird auf den Hof gelassen. Einige herumwandelnde Greise gesellen sich zu uns, dankbar für die Abwechslung. Es beginnt ein langes Palaver mit einer Frau von strenger Schönheit, deren Blickblitze auch mich manchmal treffen. Sie ruft andere Heimbetreuerinnen zu Hilfe, aber niemand scheint den Mann zu kennen, dem unser Besuch gilt.

Herr Nazaretyan und der Vereinsvorsitzende bestehen darauf: „Er wohnt hier, gestern erst haben wir mit seinem Sohn gesprochen!“ Nichts zu machen, wir ziehen weiter.

Später kommen wir noch einmal zurück. Dieses Mal haben wir Erfolg: Unser Mann scheint unter einem leicht veränderten Namen registriert zu sein. Derweil man ihn sucht, informiere ich mich über das Heim. 224 Alte leben auf drei Etagen. Zur Sowjetzeit waren die Insassen ausschließlich alte Menschen ohne Familie. Nach der Wende kamen vorwiegend sozial Benachteiligte dazu. Die Leute wohnen zu Dritt oder Viert in einem Zimmer. Im Prinzip staatlich finanziert, gibt es für das Altersheim auch von einer deutschen Hilfsorganisation regelmäßige Unterstützung.

Jetzt werden wir in ein kleines Zimmer geführt. Auf dem Bett sitzt der 91jährige Hamasasp Nersisjan, umringt von Pflegerinnen. Man redet auf ihn ein. „Papachen, da ist Besuch für dich!“

Die Hand am Ohr, sucht Herr Nersisjan eine Erklärung für die plötzliche Aufregung ringsum. Es ist ihm anzusehen, dass es manchmal gut tut, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Aber meine beiden Weggefährten vom Verein der rehabilitierten Gefangenen blicken enttäuscht auf den lieben Alten. „Er ist es nicht!“

Nun, wo wir schon mal da sind, frage ich ihn nach seinem Leben. Sicher war auch er im Krieg. Seine Antwort ist für alle eine Überraschung.

Bild von Hamasasp Nersisjan

Hamasasp Nersisjan

Eine Schwester platzt heraus: „Oj, Papachen, das hast du uns ja nie erzählt, dass du in Deutschland warst!“

Herr Nersisjan beweist seinen deutschen Sprachschatz, indem er von Eins bis Zehn zählt und einige Kommandorufe zu artikulieren weiß: „Aufstehen, Raus“ usw., es kommt aber auch der erstaunliche Satz zum Vorschein: „Ich lieben Deutschland.“

Zwei Jahre war er in Kriegsgefangenschaft. Auch er wurde, wie so viele armenische Soldaten, bei Kertsch in der Ukraine festgenommen. Wie das geschah? Eine nahe Bombenexplosion machte ihn im Schützengraben taub. Als er aus der Ohnmacht erwachte, war aus dem Sowjetsoldaten ein „Vaterlandsverräter“ geworden.

Was er in Gefangenschaft erlebte? Herr Nersisjan artikuliert nur das Wort „Hunger“. Es ist kaum mehr aus ihm rauszubekommen. Hrant Nazaretyan interpretiert das später so: Er ist ein typischen Beispiel von unsereins, die im Leben zu schweigen gelernt haben, um die Haut zu retten.

Über sein Leben nach dem Krieg ist er mitteilsamer. Tischler sei er gewesen, Reklamemaler, auch richtige Bilder habe er gemalt. Die Tochter ist im Ausland. Ob sie ihn manchmal besuchen würde? „Ja, oft kommt sie zu mir.“ Ein Wunschdenken, denn eine Pflegerin meint, heute sei es das erste Mal, dass Papachen Besuch kriegen würde. Warum er denn kein Hörgerät habe, schreie ich ihm ins Ohr. „Haben sie mir geklaut.“ 6000 Ram kriegt er nur als Rente, und die wird von der Heimleitung für den Unterhalt einbezogen. Als Resultat dieses Besuchs hat der Verein der rehabilitierten Kriegsgefangenen ein neues Mitglied gewonnen!

Zur Geschichte des Grischa Harutjunjan muss man sich das Ambiente vorstellen: Ein Dorf in der Nähe von Jerewan. Im steinigen Land gibt es in Fülle geeignetes Baumaterial. In dörflicher Ruhe ist die Zeit, um aus Findlingen und Geröll solide Mauern und Gebäude zu gestalten. Vom Weg aus schaut man in kleine, üppige Gärten. Die Äpfel und Aprikosen sind schon reif, auch von den Weinreben scheint man schon naschen zu können.

Wir atmen durch und betreten das Anwesen von Herrn Harutjunjan, nehmen auf der Terrasse im Schatten Platz. Auf dem Tisch die süßesten Melonen, Wein wird zur Begrüßung geboten. Später wird es selbstgebrannter Schnaps sein. Wer hat schon Maulbeerkognak getrunken? Nie zuvor wurden wir so reichlich mit Speis und Trank bewirtet. Alles scheint aus eigener Produktion zu stammen, der Schafskäse zergeht auf der Zunge. Unser 82jähriger Wirt ist noch immer ein kräftiger Mann. Es ist ihm anzusehen, wie er einst zupackte, um dies kleine Paradies zu schaffen.

Zu Gast bei Grischa Harutjunjan

Zu Gast bei Grischa Harutjunjan

„Am 17. November 1941 geriet ich bei Sewastopol in Gefangenschaft. Wir hatten uns auf einem Berg eingegraben und wurden bombardiert. Eine Explosion verschüttete meine Kameraden und mich. Als ich wieder zu mir kam, war ich taub.

Mein erster Lageraufenthalt war in Simferopol, danach ging es nach Cherson in ein Stalag. Täglich gab es 170 Gramm Brot mit einem Becher Wasser. Ich könnte die Plätze in Cherson benennen, wo noch heute viele unserer Leute im Boden liegen. Das Gebäude – ein früheres Gefängnis – war überfüllt. Zur Verrichtung der Notdurft musste man nachts über tausende liegende Körper und Beine balancieren.

Jeden Morgen lagen auf unserem Korridor zehn neue Leichen. Russische Polizisten sammelten sie täglich auf und brachten sie zu den Massengräbern. Wenn vierzig von hundert Mann am Leben geblieben sind, verdanken sie es russischen Frauen. Sie hatten die Polizisten darum gebeten, uns verpflegen zu dürfen. So bekamen wir etwas zu essen. Mein Gewicht war von 90 kg auf etwa 40 kg reduziert. Wie viele wir waren? Ach, zigtausende, ich weiß nicht.

Von Cherson aus ging es in geschlossenen Lkws nach Holland. Das war wohl Ende 1943. Auf den Zwischenstationen musste zu jeweils 40 bis 50 Mann gearbeitet werden. Im Wald und Bauarbeiten an verschiedenen militärischen Objekten. Das Essen wurde dabei nicht besser. So suchten wir uns bei der Arbeit draußen genießbare Pflanzen.

Ich erinnere mich an ein Lager in Deutschland bei Zais oder Seitz.“

Wie so oft, ist die phonetische Darstellung ungenügend, um die Angabe zu entschlüsseln. Eine Hürde, unter der alle seufzen, die mit der Nachweisbeschaffung von Zwangsarbeit zu tun haben. Vermutlich handelte es sich um das Stalag bei Soest. Herr Harutunjan erzählt über die verschiedenen Stationen seiner Gefangenschaft, die Historikern wertvolle Informationen böten. Uns interessiert aber das Ende des Grauens. Was geschah nach der Befreiung und war es überhaupt eine Befreiung?

„In Holland haben uns die Engländer kaserniert, etwa dreitausend Leute. Es gab einen Flughafen, dahinter eine große Straße. Dort begann sowjetisches Gebiet. Die wussten da nichts von uns.

Einmal kam vom russischen Gebiet her ein gewisser General Melnikow bei uns vorbei. Einer unserer Usbeken war gerade mit Kartoffelklauen beschäftigt. Der General sah den Mann auf dem Feld und ließ das Auto anhalten, der Usbeke schaute halt nicht wie ein Deutscher oder Holländer aus. „He du, was machst du da, welcher Nationalität bist Du?“, ruft er ihm auf Russisch zu. „Ich bin Usbeke und ein Sowjetsoldat!“ Der General ist überrascht, lässt unseren Kameraden ins Auto einsteigen und sich den Weg zum Lager zeigen.

So kommen wir zum ersten Mal wieder in Kontakt mit der Sowjetmacht. „Soldaten, Eure Schwestern, Brüder, Väter und Mütter warten auf Euch in der Heimat!“ Der General hielt eine Ansprache. Am nächsten Tag kam er zurück mit einem Lkw voller Brot. Man vermachte uns auch militärische Kleidungsstücke. Und dann wurden wir in Marsch gesetzt. Gruppenweise zu 200 bis 300 Mann ging es – ins Gefängnis. Das war dort, wo Ernst Thälmann eingesperrt gewesen ist.“

Demnach war unser Gesprächspartner vermutlich in Bautzen gelandet. Dort blieben sie zehn Tage, dann ging es weiter in eine andere deutsche Stadt, den Namen nannte er nicht.

„In einem Haus am Marktplatz waren unsere Namen schon registriert. Ich erinnere mich an einen langen Tisch mit drei oder vier offiziellen Leuten, denen ich gegenüber saß. Mein erstes Verhör, ich sollte alles erzählen. Von dem Raum aus gingen verschiedene Türen nach draußen. Ich bin sicher, dass durch eine der Türen die zu Erschießenden geführt wurden. Meine Tür war eine andere. Einer, der dahinter auf dem Boden lag, antwortete mir, dass wir jetzt ganz frei seien. Dort, wo ich dann hingeführt wurde, gab es sogar eine Kantine.

Wir waren tatsächlich nicht mehr unter so strenger Aufsicht. Nach weiteren zehn Tagen ging es nach Oschatz. In dieser Stadt war viel russische Zivilbevölkerung zu sehen. Sie waren bereit zur Rückkehr in die Heimat. Wir dagegen wurden dienstverpflichtet. Leere Munitionskisten und anderes militärisches Zeug mussten verladen werden. Unsere Gruppe war zu klein für die viele Arbeit. So suchten wir uns Hilfskräfte unter den Deutschen. Wie wir das taten? Na, wir gingen ins nahe Dorf und machten ein Angebot: Wenn ihr uns helft, kriegt ihr leere Blechkästen ab, soviel eure Karren tragen können. Und so kamen sie. Wir waren Arbeiter und Bewacher zugleich – eine ungewohnte Rolle. Ich bin dort zwei Monate geblieben.“

Bei Begegnungen mit Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die einst als „jüdisch-bolschewistische Untermenschen“ gequält worden sind, verwundert die Großmut und Toleranz, mit der sie uns Deutsche empfangen.

Herr Harutjunjan aber setzt noch eins drauf. Er vermisst die Deutschen, wie er beteuert. „Ich habe den heißen Wunsch, noch einmal unter Deutschen zu leben.“ Er erinnert sich lieber an Schokolade und Kuchen, die er in Glauchau von Deutschen erhielt. Das Schreckliche, was ihm angetan worden ist, wird lieber verdrängt. Ich verspreche unserem freigiebigen Gastgeber, mit dem Bürgermeister von Glauchau zu sprechen. Vielleicht gewährt man ihm seine Bitte, den Ort noch einmal wiederzusehen.

Im Nachbardorf treffen wir den 83jährigen Gurgen Ghasarjan.

„Ich bin gern in den Krieg gegangen. Zuerst kamen wir nach Baku (Aserbaidschan), weiter nach Noworossisk und dann zur Front von Sewastopol. Ich habe gekämpft, ich wurde verletzt.

Es geschah im Sommer 1942 in einem kleinen Städtchen bei Woronesch in der Ukraine. Abends, wir hatten uns schon hingelegt, schreckte uns ein Offizier auf. ‚Wir sind belagert, stecken in einem Kessel! Jeder kann machen, was ihm einfällt. Es gibt keine Befehle mehr. Lauft davon!‘

Wir hatten anfangs keine Deutschen gesehen. Frei von Kriegspflichten, taten wir, was wir wollten. Einmal waren wir etwas betrunken. Nach dem Essen legten wir uns zu Fünft in eine Grünanlage und schliefen ein. Gebell weckte uns. Vor uns standen zwei deutsche Soldaten mit Schäferhund. ‚Hände hoch!‘ Ob wir Angst gehabt hätten? Ein Angstgefühl war immer im Herzen.“

Die Tochter von Herrn Ghasarjan ergänzt: „Von dieser alten Angst hat er sich immer noch nicht befreit.“

Herr Ghasarjan fährt fort:

„Die Deutschen haben unsere Gefangennahme gefeiert. Wie sie uns dann behandelten? In Achterreihen wurde marschiert, tausend oder zweitausend Leute. Wer sich abseits hielt, wurde erschossen. Wir waren Jugendliche. Aber es gab auch Ältere, deren Kräfte bald nachließen. Sie wurden erschossen. Ich habe viele Tote gesehen.“

Herr Kramer fragt, wie denn die Deutschen beim Schießen aussahen?

„Aus Angst haben wir den schießenden Deutschen nicht ins Gesicht geguckt. Wir schauten weg.“

Herr Ghasarjan war in verschiedenen Lagern in der Ukraine.

„Ich erinnere mich nur an unmenschliche Verhältnisse, an Schläge, Misshandlungen jeder Art. Wir bauten Brücken und Straßen, fällten Bäume und errichteten aus dem Holz Baracken. Immer Hunger, barfuß, der Barackenaufseher mit Peitsche. Krankheiten wurden ignoriert.“ 1943 ging es nach Frankreich zur Zwangsarbeit. Herr Ghasarjan konnte fliehen und schloss sich den französischen Partisanen an. „In Frankreich haben mehrere armenische Partisanen gekämpft. Dem Misak Manuschjan haben sie ein Denkmal gesetzt. Der hatte auch de Gaulle getroffen.“

Nach dem Krieg brauchte Herr Ghasarjan nicht nach Sibirien. Für ihn gab es „mildernde Umstände“. Wie es ihm heute geht? Na wie allen anderen: Umgerechnet, sind es monatlich etwa 30 Euro Rente einschließlich der Zulage als Kriegsteilnehmer. Davon leben Vater, Sohn und die unverheiratete Tochter. „In unserem Garten ist im letzten Winter alles erfroren.“ Für Selbstversorger bedeutet das Hunger.

Sonntag, 17. August, raus in die Landschaft! Wer nach Armenien kommt und nicht die Berge sieht und die Zeugnisse armenischer Kultur ignoriert, ist ein armer Tropf. Die Perle Armeniens, den Sewansee, haben wir nicht gesehen, das war zu weit entfernt. Wir trafen uns an gewohnter Stelle, Sie wissen schon, vor dem Kino Moskwa um 9.30 Uhr. Ich beneidete Herrn Kramer um seinen Reiseführer. Er konnte somit alles benennen, was am Autofenster an Sehenswürdigkeiten vorbei kam.

Die Straße windet sich die Berge hinauf. Der Fahrer muss aufpassen. Da liegen vor uns Steine aneinandergereiht. Wer das Zeichen nicht kennt, kippt in die Spalte. Den Asphalt hat es quer zerrissen. Die Berge hier sind nicht so ruhig, wie es scheint. Mir fällt das schreckliche Erdbeben vor fünfzehn Jahren ein . Dolomitgestein türmt sich zu Kathedralen, in den Abbrüchen leuchten Spuren von Mineralien. Weitgezogene Steppenebenen. Wer das trockene Kraut zwischen den Fingern reibt, atmet würzigen Duft ein. Die Berghänge sind fast kahl, einzelne Bäume lassen einstige Wälder erahnen. Wohl schon in Zeiten der Antike fielen sie der Axt zum Opfer.

Wir halten an einem Tempel. Ich notiere mir den Namen GARNI. Immer diese Bilderstürmerei! Die Kulturrevolution der Armenier, als sie das Christentum zur Staatsreligion erhoben, ließ alles Frühere in Scherben zerfallen. Tempel wurden geschleift, Götterstatuen geköpft, Bibliotheken gingen in Flammen auf. Man kennt das ja aus jüngerer Zeit. Aber den Armeniern sei verziehen. Die Kulturschändung ist eintausendsiebenhundertzwei Jahre her und damit als Straftat verjährt. Mildernde Umstände zeigt zudem der Tempel GARNI: Er ist wunderbar restauriert. Von seinen Stufen aus blickt man in eine mächtige Landschaft.

Blick vom Tempel GARNI

Blick vom Tempel GARNI

Es geht weiter. Der Sonntag bietet sich zu einem Kirchenbesuch an. Am Talende der Azatschlucht liegt das Höhlenkloster GEGARD. Jene Lanzenspitze, die Jesus tötete, soll dort als Reliquie aufbewahrt sein. Wir kommen zu einer der ältesten Kirchen der Welt. Viel Volk ist dorthin unterwegs. Ich frage nach dem Mann, der ein jämmerlich blökendes Lamm hinter sich herzerrt. Es ist ein Opferlamm, werde ich belehrt. Später sehen wir auf der anderen Kirchenseite, wie dem toten Tier das Fell über die Ohren gezogen wird.

Die sakrale Anlage steht auf mehreren Ebenen am Berg eingebettet. Der älteste Bauteil ist in den Fels geschlagen. Ich trete in das Halbdunkel und erschaure. Über mir schwebt in einfacher Formensprache ein Relief mit frühbyzantinischen Figuren: zwei Löwen an Ketten über einem Greifvogel, der den Widder in den Klauen hält. Ich versuche keine Deutung und gebe mich einem uralten Geheimnis hin. Vor gedrungenen Säulen mit mythischen Zeichen und strenger Ornamentik, im Hauptteil der Kirche, steht ein Tisch mit Sand, in den Kerzen gesteckt werden. Ich kaufe drei Stück am Eingang, zünde sie an, gedenke der Toten, die der Verein der rehabilitierten Kriegsgefangenen zu beklagen hat und wünsche uns Erfolg, um den noch Lebenden zu helfen. Hrant Natzaretyan dankt es mir.

An diesem in Jahrhunderten mit Legenden durchwobenen Ort, wo blutige Geschichte zusammenfließt mit menschlichen Träumen, wo Greif und Lamm als Gegensatz und Einheit begriffen werden, vergegenwärtige ich mir die vergangenen beiden Tage und unsere deutsche Geschichte, die uns in dieses Land führte. Gerne hätte ich mich hier ein Weilchen zurückgezogen. Eine durchwachte Nacht in Meditation würde mich vielleicht das Lächeln lehren, das ich hierzulande auf Gesichtern sah, deren Schädel unsere Väter einst zu zerschlagen drohten.

Aber wir haben ein touristisches Programm, zurück zum Auto. Unterwegs ein Gasthof, der unsere leiblichen Bedürfnisse weckt. Ein Holztisch mit Bänken im Freien, Wein, Käse, Brot und Trauben! Das Leben ist schön und Trinksprüche gehen leicht von der Lippe!

Zurück in Jerewan, eile ich in meine Herberge. Bis jetzt war die Spende im Kuvert auf dem Stuhl unter einem Kissen verborgen, auf dem wie zufällig ein Bügeleisen lag. Obwohl der Wohnungsschlüssel eher zu einem Tresor zu passen schien, rannte ich doch jedes Mal beim Reinkommen besorgt zum Stuhl. Es war Zeit, dass ich mich entlaste.

Großer Augenblick: Zehntausend Taler! summe ich beim Betreten des Vereinsbüros. Die Fernsehkamera richtet sich auf das zerknitterte Kuvert, auf dem fotogen unser Vereins-Logo geklebt ist. Weil alles mehrfach mit Tesafilm umwickelt ist, hat Hrant Nazaretyan Mühe beim Öffnen. Endlich liegt die Pracht in Hundert-Euroscheinen vor ihm, ein hübsches Häuflein.

Hrant beginnt zu zählen, die Kamera folgt in Nahaufnahme seiner Handbewegung. Es ist ein ganz großes Ereignis im Leben des Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges und seiner Mitglieder. Wie oft hörte ich von Spenderinnen und Spendern die besorgte Frage: Kommt mein Geld auch an und erreicht es die Bedürftigen? Bei meinen neuen armenischen Freunden wird das Geld bestmöglich verwendet. Ich ahne die bevorstehenden Diskussionen des Fünfergremiums im Verein, wer vorrangig zu begünstigen und wessen Ärzterechnung sofort zu bezahlen sei.

Danach wird es endlich Zeit für einen Besuch bei Hrant Nazaretyan, der trotz des Altersunterschieds schon längst in der Galerie meiner Freunde einen guten Platz eingenommen hat.

Vor Monaten schrieb er mir einen Brief, in dem er eine Gefangenenzeit schilderte, deren Höllengründe unfassbar sind. Ich komme mit einer Flasche Wein zu ihm und seiner lieben Frau nach Hause. (Das Notizbuch bleibt dieses Mal in der Tasche.) Bewirtet werde ich mit allem, was die Küche hergibt. Hrant klagt beim Auftischen, er sei doch ein Mann und würde auch gerne gelegentlich abends eine Flasche Bier trinken. Aber das gäbe die Haushaltskasse nicht her. Wir reden miteinander, als würden wir uns seit langem kennen.

Aber ich will doch satte Informationen einheimsen für meine Landsleute, und so falle ich hin und wieder in die Rolle des insistierenden Reporters zurück. Warum er sich mit 81 Lebensjahren die Bürde dieser Vereinsarbeit aufhalse? „Ich will den Kopf oben und meine Menschenwürde behalten.“

Herr Nazaretyan ist der Spiritus rector des Vereins. Den Vorsitz habe er wegen seines Alters abgelehnt. Der Verein ist leider ein Unikat. Er hat recherchiert, weder in Russland, noch in Belarus oder in der Ukraine haben sich ehemalige Kriegsgefangene organisiert. Auch mir ist selbst im großen Russland nur ein Einzelner bekannt – ein gewisser Cholnij – der als Betroffener sich für diese NS-Opfer einsetzt.

Ich hoffe, dass es mir mein Freund Hrant nicht verübelt, ein wenig über ihn zu plaudern. Er bietet ein typisches Beispiel für die unfassbare Großzügigkeit dieser Menschen. Ich habe den Part des Anklägers, er die des Verteidiger.

Ich rede über die Feldpostbriefe meines Vaters, der bis zu seinem Tode im Jahre 1942 in Mittelrussland von seiner Mission als Eroberer für ein „Volk ohne Raum“ überzeugt war, nenne die Feindbilder, die meine Jugendzeit umstellten, frage ihn, warum keinem deutschen Politiker es je in den Sinn gekommen sei, den Kniefall von Warschau etwa in St. Petersburg, wo Millionen Menschen von der Wehrmacht dem Hungertod preisgegeben waren, oder an der Stelle des Minsker Ghettos zu wiederholen. (Hrant kannte natürlich die berühmte Geste von Willy Brandt.)

Hrant Nazaretyan hält mir Goethe und Johann Sebastian Bach entgegen! Er schwärmt von uns als Kulturvolk. Ja, er findet für seine Thesen gar ein bizarres Beispiel: Einmal wollte einer seiner Kameraden im Lager seine Notdurft verrichten. Auf den habe ein deutscher Landser einen Schäferhund gehetzt, der ihm ins Hinterteil biss. Aber ein Offizier habe den Landser zur Rechenschaft gezogen, das sei ein ordentlicher Deutscher mit Moral und Anstand gewesen! Einmal verwechselte ein betrunkener deutscher Soldat Herrn Nazaretyan mit einem Juden und schlug ihn erbärmlich. Dabei verlor Hrant ein Auge. Nein, diese Untat ist unverzeihlich. Trotzdem, er lässt sich nicht umstimmen: er liebt die Deutschen.

Beim zweiten Trinkspruch komme ich ihm unter einer Bedingung entgegen. Falls es uns bei der Rückkehr nach Berlin gelänge, ein Gefühl von Anteilnahme und Solidarität mit den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen bei unseren Landsleuten zu wecken und dies auf unserem Spendenkonto auch einen materiellen Ausdruck fände, ja, dann gebe ich ihm Recht: es ist nicht das schlechteste Volk, diese Deutschen. Prost!

Auch dieser Abend kommt in die Schatztruhe meiner Lebenserinnerungen. Es sind nicht nur die Gespräche, deren blasser Abglanz hier zu lesen angeboten wird. Vielmehr ist es das herrliche Gefühl, unter guten Menschen zu sein. Das ist nur schwer vermittelbar.

Es wäre ein unverzeihliches Versäumnis, dabei den zu vergessen, der mir die Gespräche überhaupt erst ermöglicht, Dr. Aschot Hayruni. Herr Hayruni war nicht nur mein Übersetzer.

Als ich das erste Mal in Berlin mit ihm telefonierte, bekam ich bei dieser warmen, klaren Stimme die instinktive Sicherheit, dass unsere Reise nicht nur von der technischen Seite in guten Händen sei, sondern dass auf uns Besucher aus einer anderen Welt dort in Jerewan ein menschliches Erlebnis zukommt. Aschots E-Mail-Nachrichten über die Vorbereitungen zur Begegnung waren in einer Akkuratesse buchstabiert, die mich freundlich berührte. Sein Schreibstil ließ mich vermuten, bevor ich ihn persönlich kennen lernte, dass sein Interesse den deutschen Humanisten gilt. Ich erwähnte schon Johannes Lepsius. So ist sein Engagement für unsere Solidaritätsaktion zu Gunsten ehemaliger Kriegsgefangener erklärbar. Aschot schien zu spüren, dass wir uns im Sinne jener deutschen Humanisten mühen, die trotz aller dunklen Taten unser Volk als Kulturnation bestehen lässt.

Montag, 18. August. Heute, am letzten Tag sind Museumsbesuche angesagt. 9.30 Uhr, Kino Moskwa, Sie wissen schon. Im großen, metallicglänzenden ZDF-Auto und im dunkelstaubigen Moskwitsch geht es vorbei an der Kognakfabrik in die Höhe. Dort oben steht das mächtige Memorial des armenischen Genozids. Leider ist es zur Zeit eine Baustelle, die ewige Flamme ist abgestellt und wir kraxeln über Gerüstplanken.

Aschot erzählt, wie voll es hier im strengen, nach oben geöffneten Rundbau immer sei. Alle Armenier, die Diaspora lebt rings um die Erde verstreut, kommen irgendwann einmal hierher. Wir blicken von dort aus über die Stadt und nehmen über ihr etwas wahr, das zur Legende des Volkes zählt. Die Arche Noah soll dort auf dem heiligen Berg liegen. Vom Ararat ist in der dunstigen Frühe nur schemenhaft der schneeweiße Gipfel zu sehen. Er schwebt auf der Höhe der Wolken, ist nur mit Anstrengung von ihnen zu unterscheiden. Riesengroß muss er sein, aber unerreichbar. Zwischen ihm und Jerewan liegt die türkische Grenze.

Der Ararat, die Sehnsucht der Armenier, ist auf vielerlei Abbildern, natürlich auch auf dem Staatswappen. Ich kannte den diplomatischen Witz schon, den Hrant erzählt: Die türkische Regierung schickte einst eine Protestnote des Inhalts, dass die Darstellung eines zur Türkei zählenden Berges auf staatlichen Landeszeichen in Armenien ein aggressiver Akt gegenüber der Türkei sei. Antwort aus Jerewan: Die armenische Regierung geht auch nicht davon aus, dass der Halbmond auf der türkischen Staatsflagge die Besitznahme des Mondes durch die Türkei impliziere.

In der Nähe ist das berühmte Handschriftenmuseum MATENADARAN, das Herr Kramer und ich unbedingt sehen wollen. Wir erkundigen uns und schlagen uns bei der Nachricht an die Stirn: Nicht nur bei uns sind montags alle Museen geschlossen!

Während Herr Kramer und das Kamerateam verdrossen eine andere Freizeitmöglichkeit suchen, steige ich in den Moskwitsch und fahre mit Hrant Nazaretyan, Aschot und dem Vereinsvorsitzenden ins Vereinsdomizil. Schließlich ist heute Arbeitstag und da könnte ich diesen und jenen noch mal treffen. Beim Betreten des vollen Raumes drücke ich meine Genugtuung aus über die Schließzeiten armenischer Museen. Alle, die Hrant Nazaretyan wunschgemäß über meinen Besuch informiert hatte und die wir wegen der Fülle der Begegnungen nicht besuchen konnten, waren in der Hoffnung gekommen, mich doch noch zu treffen!

Die alten Männer saßen geduldig wartend nebeneinander an der Wand. Ich nahm mit Notizblock und Fotoapparat am Tisch Platz, ein Stuhl wurde gegenüber aufgestellt und nun sollte nacheinander Bericht erstattet werden. Eine komische Situation!

Die Stimmung lockerte sich mit der Bemerkung, ich sei weder der Revisor noch zum Verhör erschienen. Was hier zu Protokoll gegeben werde, sei überaus wichtig für unser Land, in dem wir „Gegen das Vergessen“ tätig sind. Ich stellte unseren Verein vor, der ungefähr die gleiche Mitgliederzahl habe und der für „Humanismus im West-Ost-Austausch“ wirken würde.

Aristak Arakeljan nimmt Platz. Meine Hand verschwindet in seiner großen Arbeiterfaust, er lächelt mich an und beginnt zu erzählen:

„Ich bin Jahrgang 1920. In den Krieg kam ich zuerst nach Vilnius, Litauen. Wir wichen vor den Deutschen zurück nach Weißrussland und kamen nach Gomel. Unsere 11. Armee war die stärkste. Wir wurden eingekesselt, etwa eine Million Mann. Das war im September oder Oktober 1941. Man brachte uns nach Swalga in Polen. Sie müssen sich eine 50 bis 60 Hektar große, freie Fläche vorstellen, die mit Stacheldraht umspannt ist. Ohne Baracken oder irgendwelche Vorrichtungen, die menschlichen Grundbedürfnissen Rechnung tragen. Es gab kein Wasser, kein Essen. Teils mit bloßen Händen gruben wir als Schutz vor Regen und Kälte Erdhöhlen.

Bild von Aristak Arakeljan

Aristak Arakeljan

Ich hatte mir zusammen mit fünf armenischen Freunden eine Unterkunft gegraben. Es gab auch Leute, die sich richtige Tunnel buddelten. Nach einem starken Regenguss weichte die Erde auf und begrub die Menschen im Tunnel unter sich.

Wir waren eine riesige Menschenmenge, jeder hatte eine Nummer. Wir schwarzhaarigen Armenier mit unseren großen Nasen wurden für Juden gehalten und ausgepeitscht.“

An dieser Stelle fiel mir eine Bemerkung von Aschot ein. 1933 gab es in Deutschland einen Disput darüber, ob die Armenier Semiten seien. Dagegen setzte sich die Meinung durch, es handele sich um „Arier“. (Armenier sind von indogermanischer Herkunft.) Hätte sich die „Semitenfraktion“ durchgesetzt, wäre ich in Armenien ohne Ansprechpartner geblieben, denn jüdische Kriegsgefangene wurden stets ausgesondert und ermordet.

Herr Arakeljan fährt fort:

„Es mangelte an Kleidung und Schuhen. Wer starb, der wurde entkleidet und seine Sachen verteilt. Aber nicht nur das. Unter den Verhungernden gab es auch Kannibalismus! Auf solche Vorkommnisse reagierten die deutschen Wachmannschaften, indem Pfähle und Balken aufgestellt wurden. Einige Hundert, die sie der Menschenfresserei verdächtigten, erhängte man. Über einen Monat lang hingen sie zur Abschreckung.

Tagsüber wurden wir zur Arbeit nach draußen gebracht. Außerhalb des Lagers waren die Massengräber. Abertausende sowjetische Soldaten liegen da begraben. Durch eine Lagertür musste man links abbiegen. Man gelangte dann zu den Gruben, jeweils zehn Meter breit, zehn Meter tief, hunderte Meter lang. Täglich kamen 30 bis 40 Leichenkarren dorthin. Der Kutscher war ein Deutscher. Während wir unter der Aufsicht der Polizisten entluden, stand der Kutscher bei den Pferden. Vor dem Wurf in die Grube suchten wir noch bei Jedem nach Lebenszeichen.“

Hier erstickt die Stimme des Berichterstatters. Ich springe auf und ringe um Worte, es fällt auch mir schwer, die Stimme zu halten. Den Inhalt meiner spontanen Rede weiß ich nicht, jedenfalls hat es die Anwesenden sichtbar erleichtert, entlastet. Ein kräftiger Händedruck von Herrn Arakeljan und er fährt fort:

„Drei bis vier Deutsche passten auf, dass wir die Toten lückenlos aufeinander reihen. Wo nicht ordentlich gestapelt wurde, pfiff die Peitsche. War die Grube voll, kam 20 bis 30 cm Erde drüber. Ich kann die Stellen zeigen, wo hunderttausende Schädel aus der Erde geholt werden könnten.

Meine Füße waren erfroren, ich wog vielleicht nur noch 30 bis 35 Kilogramm. Wie blieb ich am Leben? Ich verdanke es Gott. Man hatte mich zum Schluss öfters schon an den Füßen gepackt, um mich zu den Karren zu bringen. Ich konnte noch flüsternd mein Leben bezeugen.

Im Frühling ging es nach Westpreußen. Möge Gott die guten Leute bewahren! Ja, unter den Deutschen gab es auch welche mit Gewissen. Man gab uns zu essen. So kam ich zu Kräften und wurde wieder arbeitsfähig.“

Ich hätte Herrn Arakeljan hier unterbrechen und belehren können, dass er dieses Essen nicht dem Gewissens seiner Ernährer zu verdanken hatte. Sondern einem sogenannten „Aufpäppelungsprogramm“, wie man es in den Akten nachlesen kann. Weil sich die deutsche Arbeiterschaft statt an den Werkbänken im überraschend lange dauernden Kriegseinsatz befand, musste Ersatz geschaffen werden. So verdanken vielleicht zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene ihr Leben dem Umstand, dass ihre Arbeitskraft letztlich als kostbare Kriegsbeute erkannt wurde. Aber ich ließ Herrn Arakeljan weiterreden, denn diese Information gehört eher in den deutschen Geschichtsunterricht.

„Man nahm mich mit zum Torfstechen. Die schwere Arbeit spottet jeder Beschreibung. Zum Glück war ich schon satt und wieder kräftig.

Ich bin auf einem Auge blind. Wie es dazu kam? In Polen oder Westpreußen, ich weiß nicht mehr, mussten wir Pferdeställe ausmisten und auf Karren laden. Einer der deutschen Fuhrwerker hatte etwas Kohle auf dem Karren mitgebracht und warf sie stückweise unter uns Leute. Sie können sich vorstellen, was darauf folgte: Die Menschen rissen sich um die Kohle, man rang miteinander um jedes Stück. Wer kräftig war, hatte dann ein Brikett in der Hand, unter anderem auch ich. Ein Deutscher packte mich, seine Peitsche traf mein Auge. Monatelang war es geschwollen.

Seit zwei Jahren sehe ich auf dem Auge überhaupt nichts mehr. Jetzt beginnt auch das andere Auge zu schmerzen. Die Ärztin bestätigte, dass ein heftiger Schlag in der Jugendzeit die Ursache sein müsse. Sie empfahl eine Augenoperation. Aber wo soll ich 400 Dollar hernehmen? Meine Frau liegt schon seit fünf Jahren schwerkrank im Bett. Ich bin der Einzige, der sie pflegt. Ich mache zu Hause alles, koche, wasche usw.

Auf Nachfrage endet er seine Rede mit der Auskunft, dass er nach Kriegsende für achtzehn Jahre nach Sibirien verschickt worden sei. „Zwei Tage lang habe ich auf Sie gewartet“, verabschiedet er sich von mir. Er drückt mir die Hand, sagt lächelnd auf deutsch: „Danke!“

Nun nimmt der 87jährige Suren Nahapetjan Platz.

„Am Donez wurde ich schwer verwundet und kam von dort ins Lazarett nach Tschechow. Dort wurde ich gefangengenommen. Es waren fast die gleichen Verhältnisse wie bei meinem Vorredner. In vier große Gruben warf man die Toten. Aber es gab Baracken. Aus Angst vor diesen großen Hunden standen wir morgens an die Wand gepresst, bevor die Wächter uns zur Arbeit nach draußen holten.

Im Winter mussten wir mit nacktem Oberkörper antreten: Wer friert, arbeitet schneller. Bei der Arbeit auf dem Acker steckte sich jeder von uns rohe Kartoffeln in den Mund. Die Deutschen bestraften uns dann mit der Peitsche. Einige schlugen milder zu. Wenn der Offizier das sah, nahm er dem Untergebenen die Peitsche ab und demonstrierte, wie unsere Rücken richtig zu bearbeiten seien. Gelangte einer mit Taschen voller Kartoffeln bis zum Barackeneingang, so wurden alle ausgepeitscht.

Zwei Jahre lang bin ich in diesem Lager gewesen. Ach diese Deutschen, mit den Zivilisten war ich immer zufrieden. Aber wehe, sie zogen sich eine Uniform an! Als sich die Sowjettruppen näherten, brachte man uns nach Frankreich.“

Herr Nahapetjan erzählte ausführlich von den Kämpfen bei der Landung der Westalliierten in der Normandie, wo sie schutzlos den Angriffen ausgeliefert waren.

Bild von Suren Nahapetjan

Suren Nahapetjan

Als die US-Soldaten sie befreiten, wurde gefragt, wer in die USA mitkommen und wer zurück in die Sowjetunion wolle.

„Nun, meine Gruppe zog es in die Heimat. Doch zuerst ging es nach Deutschland, in die Sowjetzone. Da hörten wir von Stalins Befehl, dass wir zurück müssten, um die gerechte Strafe für unseren Verrat zu empfangen. In Bautzen verhörte man mich zwei Monate lang. Dann nach Moskau: wieder wochenlange Verhöre. Dann hieß es, ich sei frei und kam bis Sotschi (am Schwarzen Meer). Erneutes Verhör! Dann Tiflis, dort hieß es, ich dürfe mich nur außerhalb eines Umkreises von 30 Kilometern von einer Stadt entfernt ansiedeln.“

Hier wurde Herr Nahapetjan unterbrochen. Es kam ein Mann zur Tür rein, der mit großem Hallo begrüßt wurde. Mir wurde bedeutet, dass es jener ehemalige Kriegsgefangene sei, den wir zwei Tage zuvor vergebens im Altersheim suchten.

Suren Muradjan ist 82 Jahre alt. „Ich bin ein schwerhöriger Mann, sprechen Sie etwas lauter.“ Hier verzichte ich auf eingehende Fragen nach seinem Elend als Kriegsgefangener, frage ihn nur nach dem Namen des Lagers. In Charol sei er eingesperrt worden.

Das genügt, aus Archivnotizen weiß ich, dass es ein Todeslager war: Im Stalag Nr. 388, auf dem Gelände einer Ziegelei, sind 53317 Kriegsgefangene umgekommen. Nachdem ihn die Rote Armee befreite, wurde Herr Muradjan wieder eingezogen und diente noch zwei Jahre. Für seine Gefangenschaft habe man damals Verständnis gehabt. Er kam nach Hause, heiratete, studierte Pharmazie. 1949, im dritten Studienjahr, sein Sohn war gerade zwei Monate alt, wurden sie ins Altai nach Sibirien deportiert.

Sieben Jahre Sibirien. Er meint, wegen der Kälte seien seine Ohren kaputt. Der kleine Sohn starb, aber in Sibirien gebar seine Frau noch zwei Söhne und eine Tochter, dann starb die Frau. Auf das Altersheim angesprochen, meinte er: „Ich will nicht auf den Schultern meines Sohnes sitzen. Deshalb bin ich da hingezogen.“

Der alte Mann zog sich am Stuhl hoch und machte Herrn Albert Nalbandjan Platz.

„Achtzig Jahre bin ich alt. Nach dem Tode von Schamir Hairapetjan wählte man mich zum Vorsitzenden des Vereins der rehabilitierten Kriegsgefangenen. Aber auf der gleichen Sitzung habe ich wegen meines Alters auf den Vorsitz verzichtet. Obwohl Mels kein Kriegsgefangener war, wurde er auf Vorschlag von Hrant Nazaretyan zum Vorsitzenden gewählt. (Mels Margajans Familie wurde unter Stalin repressiert.)

Ich bin im März 1945 als Fallschirmspringer an einem Flussufer in Österreich gefangengenommen worden. Der Wind hatte mich in die falsche Richtung getrieben. Ich wurde vor die Wahl gestellt, ins KZ oder in die Armenische Legion zu kommen.“

Die Wahl war nicht schwer. In der Legion blieb er nicht lange, sondern konnte sich unter Verschweigen seiner Kriegsgefangenschaft auf die Seite der Sowjettruppen schlagen. Wegen seiner Teilnahme an der Befreiung von Wien erhielt er eine Medaille.

Ich atme auf, endlich die Geschichte von einem, der es ohne Beschädigung überstand.

Doch nun nimmt Hamajak Margarjan Platz. Seinen Gesichtszügen entnehme ich eine schwere Geschichte, die es anzuhören gilt. Wir müssen alles erfahren.

„Ich bin 1923 geboren.“ Meiner Bitte um eine kurze Auflistung der Stationen seiner Gefangenschaft kommt er ohne zu zögern nach: In Tuapse festgenommen, dann Krasnodarsk, Anapa am Schwarzen Meer, Krim – da war die Arbeit besonders hart –, das Lager von Kertsch, per Schiff nach Constanca in Rumänien, Österreich – er spricht die Orte so aus, dass sie nicht zu entschlüsseln sind -, Freiburg in Deutschland und schließlich das Stalag in Ziegenhain.

Herr Margarjan bringt diese Zeit in deutscher Sprache auf den Punkt: „Viel arbeiten, nix zu essen“ – wird aber dann doch ausführlicher.

In Deutschland habe ich Eisenbahngleise verlegt. Die Brechstange wog fünf Kilo, viel zu schwer für mich schwachen Jungen. Die Deutschen standen mit Hunden dabei. Wer schlecht arbeitete, dem wurde befohlen, sich zu entkleiden. In einige Entfernung vom Arbeitsplatz gebracht, wurden dann die Hunde auf ihn losgelassen. Dem schwer Verletzen wurde befohlen, sich wieder anzuziehen und in eine bestimmte Richtung zu laufen. Dann wurde er von hinten erschossen! „Ich habe es gesehen.“

Wieder kramt er deutsche Worte aus dem Gedächtnis: „Nix arbeiten – kaputt machen.“ Nach Sibirien musste er nur für zwei Jahre.

Es ist schon spät geworden, einige der Vereinsmitglieder waren schon fort. Ich verabschiedete mich, erspare aber dem Leser die Wiedergabe meiner Worte. Sie hatten wohl einen so beschwörenden Ton. Aber wer an meiner Stelle hätte nicht den heißen Wunsch verspürt, diesen Menschen zu helfen und das auch laut zu bekunden?

Hrant Nazaretyan hatte seinen Abschiedsbesuch in meinem Quartier angekündigt. Da galt es Vorbereitungen zu treffen. Ich ging die Straßen hoch und runter auf der Suche nach einem Lebensmittelgeschäft. Dann stand ich hilflos in einem Laden vor den Warenbezeichnungen in dieser wundersamen Schrift. Ich ging raus, kam wieder rein, riss mich zusammen – und kaufte ein. Drei Flaschen Bier, das schien mir wichtig, Käse? Ich zeigte unwissend auf irgend ein rundes Ding, Brot und diese riesigen roten Tomaten – köstlich.

Zufrieden mit mir ging ich auf die Straße. Nach 50 Meter etwa knallt es neben mir, durch die geplatzte Plastiktüte schlugen die Bierflaschen schäumend auf das Pflaster. Oh! Das Pflaster auf der Prachtstraße war frisch gelegt, ich konnte mich nicht heimlich davonstehlen. Stückweise trug ich die Scherben zum Abfallkorb und wurde dabei beobachtet. Ein etwa sechsjähriger Junge und ein gleichaltriges Mädchen guckten den Ausländer an – bückten sich und halfen beim Einsammeln. Das Mädchen bemühte sich dabei um die feinsten Splitter. Was tut der Fremde? Freundlich reicht er dem Jungen einen angemessenen Geldschein. Strahlende Kinderaugen – und eine resolut verneinende Geste.

Beide winken mir im Fortgehen zu, das Mädchen versteckt den blutenden Finger. Beschämt stecke ich den Schein wieder ein. Die kleine Geschichte erzählte ich später Hrant Nazaretyan. Ich behauptete, dass in keinem andern armen Land der Welt ein Junge das wohlverdiente Geld abgelehnt hätte.

Dies ist meine Abschiedsgeschichte aus einem fernen Land. Vier Tage nur waren wir dort. Wir trafen Menschen, deren Leben sich mit unserem Dasein an einem dunklen Punkt der Geschichte verknotet hat. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir diese Menschenschicksale kennen oder nicht, wir sind durch ihre Erinnerungen an Deutschland mit ihnen verbunden. Indem ihnen solches bei uns widerfahren ist, tragen wir Mitverantwortung für den schmalen Rest ihres Lebens!

Eberhard Radczuweit

Vereinbarung zwischen dem armenischen Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges und dem deutschen Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.

Wir, der Vorsitzende des armenischen Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges, im Folgenden Armenische P.O. genannt, und der Projektleiter des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., im Folgenden Deutsche P.O. genannt, erklären die Absicht, eine Partnerschaft anzustreben mit dem Ziel, den bedürftigen Mitgliedern der armenischen P.O., die Zwangsarbeit in Deutschland und in den von Deutschen Wehrmacht während des Krieges besetzten Gebietes geleistet haben, eine soziale Unterstützung zu gewähren.

In diesem Sinne wird heute eine erste Spende über 10 000 Euro dem Vorsitzenden der armenischen P.O. übergeben. Die Empfänger verpflichten sich, diese Zuwendung schnellstmöglich an bedürftige Mitglieder auszuzahlen. Die Höhe der an ein Mitglied ausgezahlten Summe ist abhängig vom Grad der Bedürftigkeit, sollte aber vorerst 400 Euro nicht überschreiten. Eine Ausnahme wird im Falle einer notwendigen medizinischen Versorgung gewährt. Ausnahmeregelungen bedürfen der Zustimmung der deutschen P.O.

Über die Verteilung der Spenden und die jeweilige Höhe der Zuwendung an einen Begünstigten entscheidet ein Gremium der armenischen P.O., das aus fünf Personen besteht. Die einfache Mehrheit entscheidet. Über den Beschluss werden alle Mitglieder informiert. Die Begünstigten, die auf Grund einer Behinderung oder der Entfernung ihres Wohnortes die Spende im Büro der armenischen P.O. nicht selbst abholen können, sollen eine Person ihres Vertrauens benennen, die das Geld abholt und quittiert.

Die armenische P.O. verpflichtet sich, spätestens drei Monate nach Empfang der Spende der deutschen P.O. eine Liste per Fax zu schicken, in der die Empfänger die Beträge unterschriftlich bestätigen. Den Namen der Begünstigten wird eine kurze Anmerkung über die Art der Bedürftigkeit hinzugefügt. Für den Verwaltungsaufwand bei der Spendenübermittlung kann die armenische P.O. 10 Prozent der Gesamtspende verwenden.

Die deutsche P.O. erklärt ihr Bestreben, weitere Spenden per Banküberweisung zu schicken. Über den Verlauf der Solidaritätsaktion werden die Mitglieder beider Partnerorganisationen in Rundbriefen informiert.

Jerewan, den 17. August 2003

Eberhard Radczuweit, Mels Margarjan
Projektleiter des deutschen Vereines Vorsitzender des armenischen Vereins
KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten
Weltkrieges

Soforthilfe für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene:

Spendenkonto:
Kontakte-Kontakty, Konto-Nr. 306 55 99 006, Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00
Kennwort „Kriegsgefangene“

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