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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Sowjetische Kriegsgefangene wurden Opfer gezielter Ausrottungspolitik.

Rede von Prof. Dr. Jutta Limbach zum Nationalen Gedenktag am 27. Januar 2007 [1].

Im Museum Karlshorst war im November des Vorjahrs eine Ausstellung über deutsche und sowjetische Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs zu besichtigen. Diese ungeteilte Aufmerksamkeit für die gefangen genommenen Soldaten beider ehemaliger Kriegsparteien könnte glauben machen, dass sie ein gemeinsames Schicksal geteilt hätten, wenn auch das Überleben für die einen ungleich schwieriger gewesen sei.

Von den ca. 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen überlebten über drei Millionen die Gefangenschaft nicht. Während eine Million deutscher Kriegsgefangener die Heimat nicht wieder sah.

Lassen Sie mich aus einer Denkschrift zur Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen zitieren, die der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, im März 1942 von einem Offizier erhielt:

„Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland ist […] eine Tragödie größten Ausmaßes. Von den 3,6 Millionen Kriegsgefangenen sind heute nur noch einige Hunderttausend voll arbeitsfähig. Ein großer Teil von ihnen ist verhungert oder durch die Unbilden der Witterung umgekommen. Tausende sind auch dem Fleckfieber erlegen.

Es versteht sich von selbst, dass die Ernährung derartiger Massen von Kriegsgefangenen auf Schwierigkeiten stieß. Immerhin hätte […] ein Sterben und Verkommen in dem geschilderten Ausmaß vermieden werden können. Innerhalb der Sowjet-Union war z.B. nach vorliegenden Nachrichten die einheimische Bevölkerung durchaus gewillt, den Kriegsgefangenen Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Einige einsichtige Lagerkommandanten haben diesen Weg auch mit Erfolg beschritten.

In der Mehrzahl der Fälle haben jedoch die Lagerkommandanten es der Zivilbevölkerung untersagt, den Kriegsgefangenen Lebensmittel zur Verfügung zu stellen und sie lieber dem Hungertode ausgeliefert. Auch auf dem Marsch in die Lager wurde es der Zivilbevölkerung nicht erlaubt, den Kriegsgefangenen Lebensmittel darzureichen. Ja, in vielen Fällen, in denen Kriegsgefangene auf dem Marsch vor Hunger und Erschöpfung nicht mehr mitkommen konnten, wurden sie vor den Augen der entsetzten Zivilbevölkerung erschossen und die Leichen liegen gelassen.

In zahlreichen Lagern wurde für eine Unterkunft der Kriegsgefangenen überhaupt nicht gesorgt. Bei Regen und Schnee lagen sie unter freiem Himmel. Ja, es wurde ihnen nicht einmal das Gerät zur Verfügung gestellt, um sich Erdlöcher oder Höhlen zu graben.

Eine systematische Entlausung der Kriegsgefangenen in den Lagern und der Lager selbst ist offenbar versäumt worden. Es sind Äußerungen vernommen worden wie: ‚Je mehr von diesen Gefangenen sterben, desto besser für uns.‘ [….]

Zu erwähnen wären endlich noch die Erschießungen von Kriegsgefangenen, die zum Teil nach Gesichtspunkten durchgeführt wurden, die jedes politische Verständnis vermissen lassen.“

„Keine Kameraden“ lautet der Titel der Studie von Christian Streit aus der ich die Denkschrift zitiert habe. Die sowjetischen Kriegsgefangenen waren auch keine Kameraden für die deutsche Wehrmacht, auch nicht im übertragenen Sinne. Die NS-Führung wie die Oberkommandierenden der Wehrmacht setzten allen internationalen Bemühungen, die Gefangenen beider Seiten nach kriegsvölkerrechtlichen Regeln zu behandeln (wie sie in der Haager Landkriegsordnung von 1907 und im Genfer Kriegsgefangenenabkommen von 1929 niedergelegt waren, ein striktes Nein entgegen.

Leukämiekranke Kinder mit Ärztinnen und Krankenschwestern

Rechts der Gastgeber André Schmitz, Staatssekretär für Kultur, neben ihm die Hauptrednerin Prof. Dr. Jutta Limbach.
Foto: Lars Nickel.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nicht nur Leidtragende eines Organisationsverschuldens, also der Tatsache, dass man auf die Versorgung einer so großen Zahl von Kriegsgefangenen nicht vorbereitet war. Sie wurden vielmehr Opfer einer gezielten Ausrottungspolitik. Ihr Leiden und Sterben war Teil eines erbarmungslosen Vernichtungskrieges.

Man wollte die slawischen Massen unterwerfen und dezimieren, um ein durch deutsche Siedler zu germanisierendes Kolonialreich zu gewinnen. Von Anfang an wurde der Krieg mit dem Ziel geführt, den „jüdischen Bolschewismus“ auszulöschen. Dieses Unwort ist ein von den Nationalsozialisten gezeichnetes Schreckgespenst, mit dem diese dem Völkermord den Boden bereiteten und die Maßstäbe verschoben.

Nach einer Vereinbarung mit der deutschen Wehrmacht führten Sicherheitsdienste seit Juli 1941 in den Kriegsgefangenenlagern Überprüfungen durch, um „in politischer, krimineller oder sonstiger Hinsicht untragbare Elemente“ zu identifizieren. Zu ihnen gehörten nicht nur alle ehemaligen politischen Kommissare der Roten Armee, sondern auch „die sowjetischen Intelligenzler, alle Juden, alle Personen, die als Aufwiegler oder fanatische Kommunisten festgestellt werden“.

Diese Gruppen von Gefangenen wurden schon kurz nach Kriegsausbruch selektiert und einer „Sonderbehandlung“ zugeführt. Was darunter zu verstehen war, ist indirekt aus einem Erlass von Heydrich zu entnehmen: „Exekutionen dürfen nicht im Lager (d.h. im Kriegsgefangenenlager) oder in unmittelbarer Umgebung durchgeführt werden.“ Deshalb wurden die Opfer – unter ihnen viele Juden – in deutsche Konzentrationslager überstellt, um dort ohne größeres Aufsehen ermordet zu werden.

Denjenigen, die dieser Selektion und Exekution entgangen waren, wurden einer Vernichtung durch Arbeit zugeführt. Ihre Behandlung war menschenverachtend. Mehr als die Hälfte der in deutschem Gewahrsam umgekommenen Gefangenen starb an Hunger, Kälte, Entkräftung, Krankheiten und Seuchen. Ärztliche Hilfe gab es so gut wie nicht.

Aus dieser Schuld der Nationalsozialisten und ihrer Handlanger folgt eine mehrfache Verantwortung:

Die Erinnerung an und die Verantwortung für diesen Völkermord gehören zu den Grundfesten unserer Demokratie. Das Sich-Erinnern hat immer wieder Richtung weisende Kraft bei existentiellen politischen Entscheidungen. Das Rekapitulieren an die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs sensibilisiert uns für die Verletzlichkeit unserer Zivilisation.

Dass wir allmählich ein neues nationales Selbstbewusstsein entwickelt haben, verdanken wir auch unserer selbstkritischen Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte. Möge es uns Deutschen auch in der Zukunft gelingen, durch Rückbezug auf die Geschichte nationalen Größenwahn und Verbrechen gegen die Menschlichkeit abzuwehren

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[1] KONTAKTE-KOHTAKTbI erinnerte am 27. Januar im Berliner Rathaus an „vergessene“ NS-Opfer: die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Hauptrednerin war Prof. Dr. Jutta Limbach, Präsidentin des Goetheinstituts und frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.

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