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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Nach 60 Jahren wieder in Berlin.

Brief des ehemaligen Kriegsgefangenen Anatolij Nikolajewitsch Derevenec.

Moskau, im Mai 2005.

Die Einladung kam für mich etwas unerwartet. Ein Mitarbeiter des Vereines „Kontakte“ rief an und fragte, ob ich bereit sei, nach Berlin zur Feier des 60. Jahrestages des Sieges zu reisen.

Ich hatte nichts dagegen. Es wurden die ehemaligen Kriegsgefangenen eingeladen, die sich in den deutschen Lagern aufhielten und in deutschen Betrieben arbeiteten. Die Gäste stammten aus den GUS-Ländern.

An diesem Tag vor 60 Jahren, am 9. Mai 1945 war ich in Berlin-Zehlendorf, wo damals unsere 20. Panzergrenadierbrigade stationiert war. An diesem wunderschönen Maitag schien die Sonne und blühten weiß die Kirschbäume.

Wie froh und erleichtert haben diesen Tag die Soldaten und Zivilisten gefeiert! Der schreckliche, vernichtende Krieg war zu Ende. Die Leute jubelten, umarmten sich, gratulierten einander.

Heute, 60 Jahre später, nicht mehr jung, sondern deutlich älter, feierte ich diesen Tag wieder in Berlin.

Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, wie ich in Deutschland empfangen werde, in einem Land, dass vier Jahre lang mit meiner Heimat einen erbitterten Krieg geführt hatte, dass so viel Kummer für mein Vaterland gebracht hatte.

Zum Glück waren meine Bedenken völlig grundlos.

Während unserer Berliner Begegnung haben wir von der Seite unserer ehemaligen Feinde freundliche Anteilnahme und menschliches Mitgefühl erlebt. Dazu haben wir eine starke Überzeugung bemerkt, alles zu machen, damit sich die Schrecken der Vergangenheit nie wiederholen können. Das war ein ganz anderes Deutschland.

Das Reiseprogramm war umfangreich. Nach der Ankunft in Berlin wurden wir in einem gemütlichen Hotel im Berliner Kurortbezirk Wannsee untergebracht. In diesem Hotel wurde wir auch mit dem Essen versorgt.

Am 4. Mai wurde im Rathaus eine unternationale Pressekonferenz organisiert. Im Laufe der Pressekonferenz interessierten sich Journalisten und Rathausmitarbeiter für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kriegsgefangenen.

Am gleichen Tag wurde eine Begegnung in den Räumen der großen deutschen Gewerkschaft IG Metall veranstaltet. Das Klima war sehr freundlich. Die Leitung des Gewerkschaftsbundes haben das Essen (Gulasch) organisiert und uns damit versorgt. Danach gab es eine Führung durch Berlin.

Am 5. Mai sind wir mit dem Schiff über Wannsee, Spree und Havel gereist. Anschließend haben wir in Potsdam-Cecilienhof das Haus der Potsdamer Konferenz besucht, wo das Gipfeltreffen zwischen den Staatsoberhäuptern der Alliierten stattgefunden hat.

Am 6. Mai besuchten wir die Zitadelle in Spandau. Das ist eine alte, von Wasser umgebene Festung. In der Festung war eine Ausstellung, die den Kriegsereignissen gewidmet ist. Wir haben die fürchterlichen Schäden in Berlin nach den US-britischen Bombenangriffe gesehen.

Am 7. Mai fuhren wir nach dem Mittagsessen in einem Restaurant in Wannsee zur Akademie der Künste. Dort fand eine Veranstaltung statt. Daran haben sich die Vertreter der Berliner Öffentlichkeit, Regierungsvertreter und einfache Berlinerinnen und Berliner beteiligt.

Anatolij Nikolajewitsch Derevenec (zweiter von links) auf dem Podium in der Akademie der Künste
Foto: Heinz W. Pahlke.

Das Treffen hatte ein Hauptziel: der deutschen Öffentlichkeit die wahren Geschichten der sowjetischen Kriegsgefangenen beizubringen.

8. Mai. Blumen- und Kranzniederlegung am Denkmal der sowjetischen Soldaten. Man muss den Deutschen für die Errichtung dieser Gedenkstätte Gerechtigkeit wiederfahren lassen.[1].

Die Deutschen feiern den Tag des Kriegsendes nicht am 9. Mai, sondern am 8. Mai, am Tag, als das Protokoll über die Kapitulation unterschrieben wurde. Die Kränze haben nicht nur offizielle Delegationen aus den damals verbündeten Staaten niedergelegt, sondern auch einfache Berliner. Diese Tatsache finde ich beachtlich.

Es fehlten nur die Vertreter von baltischen Staaten. In diesen Ländern wird bis heute die Deportation von 30 000 Menschen nicht verziehen, die Mehrheit kehrte später heim.

Es wurden aber die im Baltikum ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen vergessen. Die Presse nannte die Zahl von 330 000 Toten. Nach dem Krieg gab es in vielen Staaten des Baltikums Museen, wo die Werkzeuge, mit denen die sowjetischen Kriegsgefangenen gefoltert worden waren, zu sehen waren.

Die Bürger der baltischen Republiken haben zusammen mit Hitlers Soldaten für die Unabhängigkeit ihrer Länder gekämpft. Leider wußten sie nicht, dass sie einfach getäuscht worden waren.

Der deutsche Historiker Hans Umbreit schreibt in seinem Buch „Stalingrad“ in einem Kapitel über die Partisanen (Seite 149): „Das Reichskommissariat ‚Ostland‘ forderte in einem Schreiben, gegenüber den Völkern des Baltikums offen zu erklären, dass sie mit ihrer staatlichen Eigenständigkeit nicht rechnen können. Andererseits dürfen sie keine Angast vor der Deportation haben.“

Die Balten haben letztendlich die Unabhängigkeit erhalten. Das gestatteten aber nicht die Regierung Hitlers, sondern die verhassten „Besatzer“. Die Geschichte ist voller Paradoxe.

9. Mai. Wir machten einen Einkaufsbummel in der Wilmersdorfer Straße, in der Haupteinkaufsstraße Berlins. Zuvor hatten wir 300 Euro pro Person erhalten, um eigene Einkaufswünsche nach eigenem Geschmack zu erfüllen.

Danach wartete auf uns ein Empfang in der Senatskanzlei Berlins.

Am Abend haben wir den Tag des Sieges im „Kontakte“-Büro gefeiert. Dorthin kamen unsere Landleute, die in Berlin leben. Es kamen auch ehemalige Wehrmachtsoldaten zu Besuch, um zusammen den Jahrestag des Kriegsendes zu feiern.

Es waren ein russischer Akkordeonspieler und eine Pianistin anwesend. Wir haben unsere lieben Kriegslieder zusammen gesungen, wie „Katjuscha“ und „Die Wege“[2]. Die Deutschen haben mitgesungen. Dann haben alle getanzt. Es herrschte also eine feierliche Stimmung, die wir nicht vergessen werden.

Am nächsten Tag mussten wir uns verabschieden und nach Hause fahren. Wir kehrten heim mit dem Gefühl der Dankbarkeit. Wir sind allen für die Organisation der Reise zuständigen Personen sehr dankbar.

Wir haben eine Möglichkeit gehabt, uns mit den Deutschen direkt zu unterhalten und uns zu überzeugen, dass Deutschland heute im Vergleich zu Hitlers Reich ganz anders ist. Wir haben überall eine nette Behandlung und das Zeichen des Mitgefühls getroffen.

Wir bedanken uns bei allen, die für uns ein solches Geschenk vorbereitet haben: bei Frau Hilde Schramm, bei Herrn Radczuweit, der sich so wunderbar um unsere Unterbringung gekümmert hat, bei den Dolmetschern – unseren Landsleute sowie bei der nachdenklichen Dolmetscherin Wiebke.

Wir wünschen Euch alles Gutes.

Wir waren tief davon betroffen, als wir Tausende Berliner gesehen haben, die bei einem regnerischen Abend mit den symbolischen Kerzen zum Andenken der Opfer des vergangenen Krieges und der Nazi-Diktatur gestanden haben.

Vielen Dank, Berliner!

Anatolij Nikolajewitsch Derevenec

***

[1] Hier irrt Anatolij Nikolajewitsch Derevenec. Tatsächlich wurde das Denkmal im Tiergarten 1945 vom sowjetischen Star-Architekten Jewgenij Wutetisch entworfen und im gleichen Jahr von sowjetischen Soldaten gebaut. Deutschland hat 1990 verträglich die Kosten der Denkmalpflege übernommen.

[2] Russisch: „Eh, dorogi!“

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