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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

526. und letzter Freitagsbrief (vom Oktober 2016, Übersetzung Karin Ruppelt).

Als wir im Juni 2006 begannen, die „Freitagsbriefe“, Berichte ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener über das Leben in deutschen Lagern, zu veröffentlichen, war dies als ein kurzer Übergang gedacht bis zur Veröffentlichung unseres Buchs „Ich werde es nie vergessen“. Inzwischen sind mehr als zehn Jahre vergangen und heute veröffentlichen wir den 526. und letzten Freitagsbrief – ein Abschied. Die Briefschreiber hatten Jahrzehnte lang geschwiegen, ihre Erinnerungen waren weder in ihrer Heimat noch in Deutschland gefragt, das hat sich in den letzten zehn Jahren ein wenig geändert. Der Deutsche Bundestag hat eine Geste der Anerkennung des zugefügten Unrechts beschlossen, die ehemaligen Kriegsgefangenen sind in ihren Heimatländern als Kriegsveteranen anerkannt. Wir hoffen, dass wir mit der Veröffentlichung der „Freitagsbriefe“ etwas dazu beigetragen haben, über die Verbrechen der Wehrmacht an den sowjetischen Kriegsgefangenen aufzuklären. Alle „Freitagsbriefe“ sind auf unserer home-page www.kontakte-kontakty.de weiterhin nachzulesen. Die Überlebenden der Lager können kaum noch selber berichten, um so wichtiger ist es, dass wir ihre Erinnerungen bewahren und die Kinder und Enkel in gegenseitigem Kontakt bleiben.

Dmitrij Iwanowitsch Petrow war Arzt und als solcher auch als Kriegsgefangener in Lagern in Polen tätig, er konnte zu den polnischen Partisanen fliehen. Ein Bericht von ihm ist als 116. Freitagsbrief veröffentlicht, weitere Berichte können wir auf Anfrage zuschicken.

Sibylle Suchan-Floß

Dmitrij Iwanowitsch Petrow
Russland
Orenburg.

Heute ist der 2. Oktober 2016, aber ohne die versprochene Kälte – kein Winter. Es hat ein bisschen geregnet. Wind aus verschiedenen Richtungen, meistens trüb. Ja, die KPRF wollte bei den Wahlen die regierende Partei „Einiges Russland“ vernichtend schlagen. Herausgekommen ist das Gegenteil. Die neue (siebte) Duma ist im Wesentlichen in den Händen des „Einigen Russland“. Aber einige Vertreter des „Gerechten Russland „und der LDPR sind auch in der Duma gelandet. Die können nichts entscheiden. Alle Macht liegt beim „Einigen Russland.“

Und die lokalen Dumen im Gebiet, der Republik – da steht noch nichts in der Zeitung, über das Wer und Wo.

Unser häusliches Unglück: Ich werde sehr schwach, meine Beine gehorchen mir nicht mehr recht. Am 18. Oktober [?] bin ich zu Hause auf den Rücken gefallen, auf die linke Seite und habe drei Rippen links gebrochen: die 7., 8., 9. Jetzt sind sie irgendwie geheilt. Diese Rippen. Ich kann nicht auf den Flur ins Treppenhaus hinausgehen. So dass ich nicht mehr besonders lange leben werde, wahrscheinlich kommt am Anfang des echten Winters der Tod und nimmt mich mit.

Ich hätte gern einzelne Erinnerungen an den Aufenthalt im Lazarett des Stalag – 366 [Siedlce] aufgeschrieben, aber ich schaffe es nicht mehr, ich erfülle [schon] diese Aufgabe mit Mühe.

Im vorigen Brief habe ich Ihnen einen Wunsch in Bezug auf all die fast vollständig in die andere Welt Hinübergegangenen geschrieben, die in deutscher Gefangenschaft gelitten haben. Ich hätte gern Gespräche mit einzelnen Rekonvaleszenten aufgeschrieben, aber jetzt schaffe ich das nicht mehr. Ich habe Ihnen über den Plan von gegenseitigen Besuchen in Minibussen geschrieben, als Kuriere der unteren Gesellschaftsschicht. Vielleicht können wir eine Absprache mit einem hohen Tier bei der Eisenbahn erreichen, dass sie ab und zu einen Waggon mit Kurieren in bestimmte Städte in Russland und Deutschland anhängen …

Heute ist der 4. Oktober, es ist noch warm, der versprochene Winter ist nicht da.

D. Petrow.

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