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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

521. Freitagsbrief (vom August 2005, aus dem Ukrainischen von Dmitri Stratievski).

Ukraine
Gebiet Wollynien
Wasilij Dmitrijewitsch Trofimenko.

Sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft

Ich habe Ihren Brief erhalten. Ich freue mich sehr, dass mir als ehemaligem Kriegsgefangenem humanitäre finanzielle Hilfe von 300 Euro zusteht.

Ich, Trofimenko Wasilij Dmitrijewitsch, wurde am 7. April 1918 in der Stadt Golaja Pristan im Gebiet Cherson geboren. 1926–1936 besuchte ich dort eine Allgemeinschule. 1932–1933 haben wir eine schreckliche Hungersnot überlebt. Wir retteten unser Leben wie wir konnten. 1938 bin ich in die Armee einberufen worden. 1941 schickte man mich von Moskau an die Front in der Umgebung von Jelnja. Unsere Einheit wurde eingekesselt. Das war ganz schrecklich. Die Deutschen versuchten mit allen Mitteln Moskau zu erobern. Nur der starke Winter, der Frost von –30/–35 Grad, das Fehlen der guten Straßen haben den Deutschen gebremst. Die Kriegstechnik konnte sich nicht weiter bewegen. Die Deutschen waren deswegen ganz böse und behandelten Kriegsgefangene sehr brutal.

Wir wurden in ein Dorf getrieben und in einen Stall gesperrt. Hier blieben wir neun Tage lang, ohne Essen und Wasser. Später wurden wir zu Fuß ins Lager in Jelnja geführt. Wir waren völlig entkräftet und konnten kaum gehen. Wir bemühten uns aber, den Anschluss zu halten, weil Nachzügler auf der Stelle erschossen wurden. Auf beiden Straßenseiten lagen die Leichen. Ich war zu erschöpft zum Weitergehen. Zwei Kameraden nahmen mich unter die Arme. Wir wurden über Gemüsegärten getrieben. Die Kartoffeln waren noch da. Ich angelte mit dem Fuß beim Gehen eine Kartoffel und aß sie ungeschält. Ich habe mich gewundert, dass ich an Kräften gewann. Auf diese Weise habe ich das Lager in Jelnja erreicht. Dort bekamen wir Essen. Es waren Kornreste, die nach der Produktion von Spiritus übrig blieben. Sie stanken. Im Lager gab es bereits viele Kriegsgefangene. Viele Verletzte lagen auf dem Stroh im Stall. Es war kalt. Jeden Morgen zählten wir zehn bis 15 Tote. Die Menschen starben vor Hunger und Kälte. In der Nähe vom Lager wurde ein Loch gegraben. Die gefrorenen, steinharten Leichen wurden dort bestattet. Meine Kameraden und ich transportierten einen Toten bis zur Grube und flüchteten aus dem Lager. Jemand sagte uns: „Rennt nach Westen. Wenn Ihr Kriegsgefangenen erwischt werdet, gibt es keine Gnade.“ Dafür mussten wir dem Großen Lehrer und Führer Genossen Stalin einen Dank aussprechen. Heute, 65 Jahre später, bleibt dieser Name für mich immer noch verflucht. Ich wollte lieber diesen Namen gar nicht schreiben.

Wir gingen nach Westen über Brest, Ternopol [Stalag 323] und Biala Podliaska [Stalag 366Z]. Hier schnappten sie uns. Man brachte uns ins Lager Sedilce [Stalag 366 Siedlce/Polen]. Einige Tagen blieben wir eingesperrt, dann wurden wir zur Arbeit geführt. Es war unterschiedliche Arbeit, vor allem bei der Eisenbahn.

Im Frühjahr 1944 wurden wir aufgestellt. Wir mussten uns ausziehen. Unsere Kleidung wurde durchgesucht. Dann durften wir uns wieder anziehen. Jeder bekam ein Schild mit der Personennummer. Dann wurden wir von der Bahnstation Sedlice abtransportiert. In jeden Waggon stiegen 30 Männer ein. Der Waggon wurde mit Stacheldraht in zwei Hälften geteilt. In einem Raum saßen die Gefangenen, im anderen befanden sich die Wächter. In „unserer“ Hälfte war sehr eng. Wir konnten nur stehen. Wir waren acht Tage unterwegs und erreichten die Stadt Ludwigsburg zwischen Stuttgart und Karlsruhe. Im Lager waren Pferdeställe. In einem Stall lebten 300 Personen. Es gab schon andere Kriegsgefangene, Franzosen, Briten, Polen, Amerikaner. Das war also ein internationales Lager. Wir wurden getrennt untergebracht. Einmal täglich machte der Aufseher das Tor auf und wir konnten eine Stunde lang frei atmen. Als Essen bekamen wir Grünzeug, Rüben und ungeschälte Kartoffeln. Es gab auch einen großen Hof. Die Westler wurden wesentlich besser behandelt als wir. Jede Woche erhielten sie Päckchen vom Roten Kreuz mit Zigaretten und Nahrungsmittel. Auch die allgemeine Lagerration war für sie besser. Unsere Jungs suchten verzweifelt in der Mülltonne nach einer Kippe oder dem Speiserest.

Damit wir uns nicht „langweilen“, mussten wir Steine ziellos über das Lagergelände schleppen. Jeder Stein war etwa fünf Kilo schwer. Als die Steine zum Außenrand des Lagers gebracht wurden, mussten wir sie zurücktragen. Als die Alliierten mit dem ständigen Bombardement der Stadt begannen, wurden wir zur Trümmerbeseitigung rekrutiert. Zuerst wurde Pforzheim vier Stunden lang bombardiert. Das Lager stand 40–50 km entfernt. Die Erde tobte. Ich habe es selbst gesehen. Das passierte gegen um 9 oder 10 Uhr abends. Die Luftabwehrkanonen haben fünf oder sechs Flugzeuge abgeschossen.

Bei der Schuttbeseitigung fanden wir oft Nahrungsmittel. Das hat uns unterstützt. Heimlich aßen wir Brot und anderes Essen. Als wir aber die Eisenbahngleise reparierten, arbeiteten wir tagelang fast ohne Unterbrechung.

Einmal bemerkte ich, als wir ins Lager zurückkamen, dass die Gitter vor den Fenstern durch festere ersetzt worden waren. Dann wurde eine Gruppe von Gefangenen reingeführt. Das waren unsere Flieger, fünfzig Männer oder mehr. Alle trugen die Uniform mit Orden und Medaillen. Den Fliegern wurde zu unserem Erstaunen erlaubt, die Auszeichnungen zu behalten. Das waren obere Offiziere, Majore und Oberste. Sie baten uns um Zigaretten. Wie unvorhersehbar ist das menschliche Schicksal. Ein Flieger, ein Oberst, ist ein großer Mensch. Seine Ausbildung hat den Staat viel gekostet. Er ist hoch gelobt. Er ist des Vaterlands Stolz. Plötzlich ist er zu einem einfachen Kriegsgefangenen herabgesetzt und bittet ums um eine Kippe! In einer Nacht wurden alle Flieger weggebracht. Ich weiß nicht, was mit den Männern passierte. Vielleicht wurden sie erschossen. Was ist ein menschliches Leben wert! Eine Fliege kann wenigstens wegfliegen. Der Mensch ist ungeschützt. Damals war der Mensch ganz einfach zu töten.

Nach den Kriegsjahren hat unser Volk unter sehr schweren Bedingungen die Wirtschaft wiederaufgebaut. Viele Häuser waren zerstört. Die Menschen arbeiteten rund um die Uhr. Ihre Arbeit verdiente Anerkennung, war für jeden verständlich und nachweisbar. Wir bauten Werke und Fabriken wieder auf. Heute, innerhalb von 14 Jahren, wurden die ukrainische Wirtschaft unter Krawtchuk und Kutschma noch mehr beschädigt als während des Krieges. Krawtschuk hatte viele Gefolgsleute, die alles raubten und billig verkauften. Sie wurden reich. Das Volk ist arm geblieben und wartet auf die Hilfe von Seiten anderer Länder. Ich und alle Bürger der Ukraine können nicht in Kauf nehmen, dass bei uns Milliardäre, Oligarchen und andere Räuber erschienen. In anderen Ländern mit Ausnahme der UdSSR wurde das Eigentum geerbt. Wir hatten früher keine Millionäre gehabt. Plötzlich kamen die Reichen wie Pilze nach dem Regen. Sie sind an allem schuld. Unsere Ersparnisse sind verloren gegangen. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Moskau 800 Milliarden Rubel weggebracht. Aus diesem Grund sind die Alten und Schwachen ärmer geworden. Ich habe viel erlebt: die Hungersnot 1932–1933, den Krieg 1941–1945, den Wiederaufbau des Landes. Jetzt wurde unsere Wirtschaft endgültig dem Boden gleich gemacht. Niemals war ich so entrechtet wie heute. Lieber hätte uns Hitler töten sollen. Am 22. August 2004 starb meine Ehefrau. Ich bin allein geblieben, arm, krank, arbeitsunfähig. Im Land herrschen Korruption, Bestechung, Protektionismus. Es kommt die Zeit, dieses Unkraut zu hacken. In der Ukraine führt die Opposition einen Kampf gegen die neue Regierung. Sie blockiert die guten Vorhaben. Überall, im Parlament und in der Regierung sitzen die alten Vertreter der reichen Elite, die absichtlich jede Initiative verhindern. Eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Es wird noch schlimmer, weil die Korruption blüht. Im Land herrschen Achmetow, Medwedtschuk, Pintschuk, Surkis, Wolkow und andere Millionäre, die im Parlament sitzen. Sie teilen die Ukraine in Ost und West. Solche Bereicherung erfolgt nur in einem Land, wo keine Ordnung ist.

In Deutschland wurde die Mauer entfernt. Die BRD und die DDR haben sich vereinigt. Sie leben zusammen, haben Frieden und Wohlstand. Wenn die Politiker die Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung als Ziel setzen, leben dort die Menschen friedlich und wohl und können sich noch zusätzlich um andere Völker kümmern, den Armen wie mir helfen.

Ich bitte Sie ausdrücklich, mir eine Antwort zu schreiben. Dann würde ich wissen, dass Sie meinen Brief gelesen haben und meine Bemühung nicht umsonst war. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich etwas Falsches geschrieben haben. Ich bin 88 Jahre alt und bin froh, dass ich in diesem Alter überhaupt noch schreiben kann.

Ihre Hilfe habe ich am 08.08.2005 erhalten. Dafür bin ich vom vollen Herzen dankbar. Das ist eine spürbare Unterstützung für mich. Jetzt zahle ich die Betriebskosten für die Wohnung. Den Rest werde ich für Medikamente verbrauchen. Die guten Arzneien, die bei uns angeboten werden, sind ausschließlich im Ausland produziert und sind deshalb sehr teuer. Was soll ich denn tun! Das menschliche Leben ist teurer als das Geld. Ich bemühe mich zu überleben.

Wenn Sie eine Möglichkeit haben, bitte ich Sie, eine gewisse Zeit später mir noch etwas Geld als humanitäre Hilfe zu überweisen. In unserem Staat ist eine Verbesserung kaum zu erwarten. Wir leben im Chaos und haben jede Hoffnung aufgegeben.

Vielen Dank und beste Wünsche!

Auf Wiedersehen.

In Erwartung auf die Antwort.

(Unterschrift).

09.08.2005.

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