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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

515. Freitagsbrief (September 2012 aus dem Russischen übersetzt von Martin Creutzburg).

Russland
Taganrog
Nikolaj Sacharowitsch Jakowlew.

Vom Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, dem Invaliden der zweiten Kategorie
Jakowlew Nikolaj Sacharowitsch, geb. 1923, wohnhaft in Taganrog.

Ich schicke Ihnen eine Ergänzung zu den Erinnerungen meines Vaters Jakowlew N. S. als Antwort auf die Fragen, die Sie per E-Mail vom 15.02.2012 gestellt haben. [Zum Stalag 326 Senne].

Nikolai Sacharowitsch ist ein sehr guter Erzähler seiner Erschütterungen durch die faschistische Gefangenschaft während des Krieges. Er berichtet über sein gesamtes langes Leben. In unserer großen Familie kennen seine Erzählungen – „Wahre Geschichte über den Krieg“, alle, Jung und Alt. Diese Geschichten wurden Bestandteil der Geschichte unserer Familie.

Hier einige von ihnen:

Der Vater erinnerte sich an zwei Episoden der Humanität von deutschen Ärzten.

… der grimmige Winter 1943. Der Transport der Kriegsgefangenen nach Deutschland (vom Städtchen Smela in der Ukraine) in kalten Scheunen, nach unterwegs überstandenem Typhus, Verwundungen und Erfrierung an beiden Beinen, dem Fehlen von Nahrung und Wasser … Ein Wunder, dass er am Leben blieb!

Beim üblichen Rundgang der Ärzte in den Baracken bat Vater den deutschen Arzt, ihn in die Baracke zu den Schwerverwundeten zu verlegen. Der Arzt fand keinen Grund für eine solche Verlegung. Vater fuhr auf Deutsch fort, den Arzt zu überzeugen, dass seine Wunden in einem schrecklichen Zustand seien. Der deutsche Arzt zeigte Humanität und ließ Vater in die entsprechende Baracke verlegen, die „Eigenen“ gaben ihm etwas Brei und Brot von ihren schmalen Rationen ab, so wurde mein Vater vor dem sicheren Tode gerettet.

Vater erinnert sich an den Februar 1944, als er in Deutschland, im Kriegsgefangenenlager Nr. 326 [Stalag 326 Senne war das registrierende Stalag]tief unter der Erde, 12 Stunden täglich im Kohleschacht arbeiten musste. Die Höhe des Abbauorts betrug nur etwa einen Meter. Die auszehrende Arbeit mit dem Abbauhammer und der Spitzhacke, halb liegend, hat seine Gesundheit endgültig untergraben. Durch die nicht verheilten Wunden an den erfrorenen Beinen waren seine Lebenskräfte am Ende.

Vater verstand, dass sein weiterer Verbleib im Lager und diese Sträflingsarbeit ihm keine Chance zum Überleben lassen.

Wieder half ihm ein rettender Engel.

Bei der nächsten medizinischen Untersuchungskommission gelang es Vater, den deutschen Arzt davon zu überzeugen, dass der Zustand der Wunden an den Beinen zu Gangräne und dem Verlust beider Beine führen kann. Der Arzt schickte Vater und noch einige kranke Gefangene nach langem Schwanken in das Lagerlazarett. So wurde Vaters Leben ein zweites Mal durch einen deutschen Arzt gerettet.

Vater erinnert sich an eine Geschichte von seinen mehrmaligen Fluchtversuchen aus der Gefangenschaft:

Nachdem man ihn ein wenig aufgepäppelt hatte, wurde er als untauglich für die Arbeit im Schacht, in ein Arbeitskommando zur Beseitigung von Trümmern, zum Holzeinschlag im Ruhrgebiet geschickt, da das als „leichte Arbeit“ galt. Die tägliche Brotration wurde von 500 g auf 300 g gesenkt, der Arbeitstag betrug jedoch wie vorher 12 Stunden. Entkräftet und erbittert von der untragbaren Arbeit, dem Hunger und der Krankheit der Beine, beschloss Vater zu fliehen. Ihm, als jüngstem Gefangenen, halfen Gefangene aus seinem Kommando die Flucht vorzubereiten, damit er sein Leben retten könne.

Die zusammengesuchte Zivilkleidung nähten sie in einen kleinen Kissenbezug und bereiteten die Flucht vor. Es halfen ihm gefangene Franzosen, Italiener, Österreicher.

Waghalsig und furchtlos lief er nachts, am Tage versteckte er sich im Wald. Er lief nach Osten, die Ortschaften umgehend, aber die Kräfte verließen ihn. Als er in einem Heuhaufen lag, sah er bei Sonnenaufgang ein Mädchen stehen, das ihm den Rücken zugewandt hatte. Hungrig und dürr (42 kg bei einer Größe von 180 cm) bat er, auf sie zugehend, leise um Brot.

Sie drehte sich heftig um, aber erschrak nicht. Sein erschöpftes Gesicht betrachtend, sagte sie auf Russisch – ich bin auch aus Russland, genauer aus der Ukraine. Ich arbeite hier und zeigte auf ein Gehöft, das in der Nähe stand. Dort sind deutsche Soldaten, Autos, Panzer, aber die Hofbesitzer können etwas zu essen geben.

Dem Rat des Mädchens folgend, klopfte Vater, vom Hunger getrieben, an einem der entfernteren Häuser an. Man ließ ihn eintreten und gab ihm zu essen. Im Nachbarzimmer grölten laut deutsche Soldaten. Einer von ihnen kam ziemlich betrunken ins Zimmer, wo mein Vater war. Er begann lebhaft, meinem Vater etwas zu erzählen, hielt ihn offensichtlich für den Sohn des Bauern. Zusammen gingen sie hinaus auf den Hof durch die vorbeihuschenden Soldaten und die sich bewegende Technik. Er passte den Moment ab, um sich von dem Offizier zu lösen und lief zum Wald, um sich zu verstecken. Nachdem er einige Zeit im Wald gelaufen war, kam er an den Waldrand und stellte voller Schrecken fest, dass er durch ein Minenfeld läuft. Als er sich umsah, bemerkte er Schilder mit der Aufschrift: Achtung Minen, die im Gras steckten. Es wurde dunkel und er musste auf einem Baum übernachten, indem er ein Adlernest erweiterte und befestigte. Morgens lief er vorsichtig seinen Spuren folgend zum Dorf zurück, dank Gottes und seines Schutzengels ist er nicht durch eine Mine umgekommen. Als er den Waldrand passierte, stieß er auf eine deutsche Patrouille, die ihn festnahm und einsperrte.

Man verhörte ihn eifrig 15 Tage lang, sagte, dass er ein russischer Spion sei, fragten wo seine Dokumente und seine Komplicen wären und nachdem sie nichts erreicht hatten ließen sie ihn aus irgendeinem Grunde laufen. Wieder hat ihm offenbar sein Schutzengel geholfen.

Noch eine Episode, die davon zeugt, dass nicht alle deutschen Soldaten Scheusale waren. Beim letzten Verhör, als die Offiziere schon beim hinausgehen waren, blieb einer, offenbar der Ranghöchste, er schaute in das ausgezehrte Gesicht vom Vater zog die Tischschublade auf und gab ihm ein Stück angetrocknetes Brot, ein Stück Käse und zeigte auf die Tür. Er war frei und dieser Offizier nahm Vater für Hausarbeiten auf sein Gut. Man bezahlte ihn mit Hausmannskost, wovon er bald zu Kräften kam, ein mal, während des Mittagessens schaute die halbwüchsige Tochter des Hausherren herein und flüsterte – Hitler kaputt!

Es war Frühjahr 1945.

Zu Ihrer Frage über Juden sagte Vater, dass er keine angetroffen hat. Er nimmt an, dass man die Juden separat herausgesucht und in andere Lager gebracht hat.

Zu den Toten und begrabenen Kriegsgefangenen im Lager und von der Arbeit im Schacht sagt Vater, dass die Leichen zu 20–30 aufgestapelt wurden und dann irgendwohin weggebracht wurden, wie und wo sie begraben wurden, weiß er nicht.

Über das Leben im Lager erzählt Vater, dass die Baracken aus Holz waren, ohne Isolierung, für 30–40 Mann, lange schmale Gebäude mit dreistöckigen Pritschen an den Seiten und einem engen Durchgang. Es gab keinerlei Bettzeug. Die Kleidung – gebrauchte alte deutsche Uniformen. Die Schuhe mit Holzsohle oder komplett aus Holz. Zum Essen gab es ein Mal am Tag, abends nach der Arbeit – 500 g Brot und eine Wassersuppe.

Mein Vater sagt, dass ihm die Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft zu überstehen ein Schutzengel geholfen hat, der ihn die ganze Zeit begleitet hat und ihn oft vor dem unausweichlichen Ende gerettet hat. Wir Töchter (wir sind 4) nehmen an, dass sein Schutzengel immer seine Mutter war, meine Großmutter – Jewdokija Iwanowna Jakowlewa, ehre ihrem Andenken!

Sie war ein tief gläubiger Mensch. In diesem verfluchten Krieg verlor sie drei Söhne: Iwan, Pawel und Michail. Mein Vater, einer der vier Söhne, kam aus dem Krieg zurück.

Gott sei Dank, dass er am Leben blieb!

Die bitteren Erinnerungen an den Krieg fügen meinem Vater Seelenschmerzen zu sein ganzes langes Leben lang. Er ist jetzt 88 Jahre alt. Er ist Invalide der zweiten Kategorie, kann sich nur mit Schwierigkeiten in seinem Zimmer bewegen und verfügt seinen Nachkommen:

Das Grauen dieses schrecklichen, brutalen und barbarischen Krieges darf sich niemals wiederholen!

Die Erinnerungen meines Vaters Jakowlew Nikolaj Sacharowitsch hat seine Tochter Iwanowa Ludmila Nikolajewna niedergeschrieben.

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