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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

513. Freitagsbrief (August 2005, aus dem Ukrainischen übersetzt von Lucy Shnyr).

Brief 1 (An die Ukrainische Stiftung Verständigung und Toleranz).

Ukraine
Gebiet Saporoshje
Michail Sergejewitsch Danilewskyj.

Kurze Erinnerungen an die Gefangenschaft.

Anfang Mai 1942 wurde ich gefangen genommen. Das geschah auf der Krim, unweit der Stadt Kertsch. Wir waren sehr viele; wir wurden bis Dzhankoj getrieben, ohne Essen und Trinken. In Dzhankoj wurden wir in die Waggons beladen, bekamen jeder ein Stück Brot und ein Löffel Schmalz und wurden bis nach Kowel’ [Stalag 301/Ukraine] gefahren. Unterwegs erkrankte ich an Ruhr. In Kowel’ hat ein Freund mir das Leben gerettet – er brachte mich zu einem Polizaj und sagte, woran ich erkrankt war. Ich wurde auf die andere Seite des Stacheldrahts geführt, ins Bad, und dann in einen Isolierraum – eine Erdhöhle, wo schon 35 Menschen lagen. Jeden Tag starben 4–5 Kranke. Der Sanitäter dort war selbst aus Saporoshje, es stellte sich heraus, dass er vor dem Krieg auch im Werk N. 29 arbeitete. Er hat auf mich besonders aufgepasst. Die Behandlung sah so aus: Wir bekamen jeden Tag ein Löffel mit verdünnter Kaliumpermanganatlösung, Suppe mit Kartoffeln und Gerste. So habe ich dort überlebt, eigentlich eher zufällig.

Danach wurde ich in die Stadt Wladawa transportiert. Dort gab es eine gründliche Durchsuchung, alle scharfen und metallischen Gegenstände wurden uns abgenommen. Von dort kam ich nach Deutschland, ins Stalag Xb [Sandbostel]; dort nahmen sie uns unsere Uniformen weg, man gab uns blaue Häftlingskleidung und Holzschuhe.

Aus diesem Lager kam ich mit hundert Männern nach Lüneburg. Auf unseren Rücken und auf der Brust hatte man mit roter Farbe „SU“ (Sowjetunion) geschrieben. Meine Nummer war 60, wir gingen zur Arbeit. Verpflegung bestand aus Mehl, 20 g Margarine, ein Brot für vier Gefangene und einmal pro Tag Steckrübensuppe. Bei der Arbeit wurden wir bewacht; wir bauten einen Bombenunterstand. Die Arbeitgeber kamen und nahmen uns auch zu anderen Arbeiten mit: Wir haben am Bahnhof Waggons mit Kohle entladen und diese Kohle zu den einzelnen Haushalten transportiert. Am schwierigsten war es am Bahnhof: Für einen Waggon nur zwei Männer; und bis wir alles entladen hatten, konnten wir nicht weggehen. Wir bauten auch ein Wasserreservoir in der Stadt, damit die Einwohner im Falle eines Bombardements Wasser hatten.

Als wir in diesem Lager ankamen, wurden wir alle vom Feldwebel gewogen. Ich wog damals nur 45 Kilo. Nach der Befreiung diente ich wieder in der Sowjetarmee und wog 70 Kilo. Nach der Armee, 1946, erkrankte ich an einem Magengeschwür. Heute bin ich 84 Jahre alt, fühle mich schlecht, meine Beine tun sehr weh. Ich sehe schlecht und mein Gedächtnis lässt nach. Das ist in Kürze alles. Sie können mich anrufen, wenn Sie Fragen haben. Die Nummer lautet … Das ist die Nummer von meinem Nachbarn, ich selbst besitze kein Telefon.

Brief 2 an KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V..

Ukraine
Gebiet Saporoshje
Michail Sergejewitsch Danilewskyj.

Ich grüße alle Mitglieder der Gesellschaft „Kontakte“. Ich bin für Ihre Hilfe und menschliche Achtung sehr dankbar. Sie haben uns nicht vergessen. Viele Kameraden kehrten von dem blutigen und brutalen, von Hitler und seinen Anhängern angerührten Krieg nicht zurück. Sie sind für ewig in der deutschen Unfreiheit geblieben.

Mit mir zusammen war mein teurer Freund Wasilij Jemeljanowitsch. Er hat mich in Kowel geführt und beschützt. Als wir nach Wladawa in Polen kamen, begannen seine Beine wegen Unterernährung anzuschwellen. Er wurde ins Krankenhaus überführt. Wir wurden nach Deutschland verschleppt, ins Lager Xb in Norddeutschland. Von meinem Kamerad habe ich seither keine Nachricht erhalten. Von Stalag Xb kamen wir ins Arbeitslager, wo hundert Männer untergebracht wurden. Wir haben verschiedene Arbeit geleistet. Die Essensration war klein: 20 g Margarine, 250 g Brot und einmal pro Tag eine Suppe. In einem Depot haben wir Kohle ausgeladen, zwei Männer pro Waggon. Bevor die Arbeit nicht beendet wurde, durfte niemand ins Lager zurückkehren.

Nach dem Kriegsende diente ich noch ein Jahr in der Armee und kehrte 1946 ins Heimatdorf zurück. Mein Haus war beim Rückzug der Deutschen verbrannt worden. Der Vater fiel 1943 im Kampf. Er war damals 48 Jahre alt. Der Bruder kam im Alter von 19 Jahren infolge einer Granatenexplosion ums Leben. Zu Haus blieben die Mutter, die 14 Jahre alte Schwester und der 12 Jahre alter Bruder. Nach meiner Heimkehr arbeitete ich in einer Kolchose und habe mit der Zeit ein privates Haus gebaut. Drei Jahre lang arbeitete ich auf einer Kaninchenfarm. Diese Farm war in unserem Bezirk bekannt und produzierte sechs Tonnen Fleisch.

Bald wurden die Kinder groß. Ich zog nach Ljubymiwka um und arbeitete dort 18 Jahre lang in einem Lebensmittelgeschäft. 1982 ging ich in die Rente. Heute leben wir zu zweit mit meiner Ehefrau. Sie ist 80 Jahre alt. Ich bin 84 Jahre alt. Mein Sohn (Jahrgang 1951) arbeitet als Physiklehrer. Die Tochter arbeitet im Bezirksrat, 100 km von meinem Dorf entfernt. Der Sohn lebt im Gebiet Nikolajew. Das ist in 300 km Entfernung. Sie kommen selten zu Gast. Wir haben ein 0,5 großes Grundstück. Es ist schwer sich in unserem Alter darum zu kümmern. Wir haben einen Gemüsegarten, Henne, Ziegen, zwei Ferkel. Unsere Gesundheit ist schlecht. Ich habe Probleme mit dem Seh- und Hörvermögen. Dazu kommt noch ein Bruch. Die Ehegattin ist noch kränker als ich.

Wir haben 300 Euro erhalten. Ich bedanke mich bei dem ganzen deutschen Volk, bei allen, die auf Appell von „Kontakte“ reagiert haben. Vielen Dank, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit. Bitte entschuldigen Sie mich für die schlechte Schrift. Ich sehe schlecht und kann den Schreibstift kaum halten.

Mit Hochachtung

Michail Danilewskij.

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