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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

508. Freitagsbrief (vom November 2015, aus dem Ukrainischen von Ksenia Hahn).

Ukraine
Gebiet Ternopol
Dmitrij DemjanowitschDshigajlo.

1. Brief.

Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Eberhard Radczuweit,

ich bedanke mich herzlich bei Ihnen und natürlich bei allen, die Teilnehmer an dieser Hilfsaktion für das Sammeln finanzieller Unterstützung waren, ohne diejenigen zu vergessen, die diese Hilfe bereit stellten. Ich entschuldige mich bei Ihnen für meine schlechte Handschrift, meine Hand gehorcht mir nicht mehr. Wenn Sie sich für etwas interessieren, werde ich Ihnen gerne zurückschreiben.

Zum 3. Mal schreibe ich nach Deutschland. Ich schrieb nach Torgau wegen der Kompensation für Ostarbeiter, man antwortete mir gut und rechtzeitig, obwohl man meine Bitte nicht erfüllte. Ich arbeitete zwei Jahre bei 2 Hauswirten, denken Sie bitte nicht, dass mich der erste wegjagte, andersherum, er ließ mich nicht los, die Polizei holte mich ab und brachte mich beim Arbeitsamt, und dort wartete schon der zweite auf mich. Der war ein Bürgermeister, alle sagten zu ihm ‚Heil Hitler‘. Bei dem arbeitete ich.

Ich schrieb auch nach Kiew, von dort gab es auch keine Kompensation. Zum zweiten Mal schrieb ich dem Bürgermeister des Dorfes Poblitz [Polbitz], Kreis Torgau, wo ich arbeitete. Dieses Dorf befindet sich zwischen zwei Flüssen, der Elbe und Wanzka [Weinske]. Es gab mal eine Überschwemmung, die Dämme hielten nicht und die Pumpen halfen nicht. Und ich bat, dass irgendjemand dieses Ereignis entweder auf Russisch oder Polnisch oder Deutsch beschreiben könnte. Man antwortete nicht, die Hauswirte sind ja alt.

Mit freundlichen Grüßen und alles Gute.

2. Brief.

Ich begrüße Sie, Mitglieder des Vereins ‚Kontakte‘ und die Menschen, die Ihre Aufmerksamkeit und Einfühlsamkeit zu den sowjetischen Gefangenen äußerten. Großen Dank auch an jene, die das Geld spendeten. Glauben Sie, das war eine große Freude und seelische Unterstützung - da man in unserem Land solche Kategorie von Menschen, die gefangen waren, ganz ohne Aufmerksamkeit behandelt. Man respektiert nur die invaliden Kriegsteilnehmer und die Witwen. Jetzt schreibe ich zum Thema.

Als ich hörte ‚Hände hoch‘, waren wir in einer notwendigen Kampfpause. Als wir uns zurückzogen, kamen Flugzeuge angeflogen, wir versteckten uns in den Feldern. Motorradfahrer fuhren uns nach und riefen auf Deutsch ‚Hände hoch‘ und ‚Zurück‘.Am nächsten Tag führte man uns zum nächsten Sammelpunkt. Nach ein paar Tagen traten wir in einer großen Kolonne mit je drei Mann an. Beim Rückzug genehmigte man uns Pausen, aber jetzt schliefen wir Tag und Nacht im Gehen, und damals schliefen wir nur am Tag. Wir übernachteten nah am Wasser. Wir gingen von Chmelnytschtschyna bis zur polnischen Stadt Przemysl. Es regnete nicht, man gab uns aber kein Wasser, sogar wenn wir Wasser auf dem Weg fanden. Man schlug uns mit Gewehrkolben. Wir gingen pausenlos nicht schneller als 4 km/h.

Wenn sich jemand erkältete, krank wurde, stach der Wachposten denjenigen zur Erde mit dem Seitengewehr, ohne sein Ende abzuwarten. In Przemysl [Dulag 315] waren wir nicht lange, warteten auf Waggons. Ein Mal am Tag reichte man uns eine Graupensuppe. In die Güterwaggons setzte man uns zu je 70 Mann. Es war ein heißer Sommer, man konnte kaum atmen. Fenster wurden eingeschlagen, es wurde besser, wenn der Waggon fuhr, aber grünes Licht bekamen die Züge, die an die Front fuhren. In Krakow gab man uns eine Graupensuppe zum Essen und fuhr uns nach Deutschland hin in das Zentrallager [Stalag 304 Zeithain?], wo man alle aufschrieb, man gab uns doppelte Metallnummern, eine Hälfte blieb bei uns, die andere Hälfte gaben wir ab. Ich prägte mir meine Nummer ein: 107830. Man gab uns Spritzen gegen Bauchtyphus. Ich bekam die zum dritten Mal: In der Fachschule, in der Armee und in der Gefangenschaft. Innerhalb von 6 Monaten bekam ich alle drei. Man ernährte uns einmal am Tag, wir schliefen in Zelten, als man uns in festen Räumen unterbrachte, schliefen wir zu dritt quer über dem Bett. Man schickte ca. 400 Mann in drei Baracken zum Bau eines Flugplatzes neben der Stadt Falkenberg. Die Aufgaben waren unterschiedlich, es war schwer, Zement oder gefrorenen Sand im Winter aus den Waggons auszuladen, ansonsten machten wir alle Landarbeiten.

Besonders froren wir im Herbst und im Winter. Bei der Arbeit gab es eine Regel: ‚Mantel aus‘. Eine Feldbluse wärmte aber überhaupt nicht. Wir zogen unter die Bluse einen Zementsack an, man schlug uns dafür. Zur Arbeit ging jeder mit eigener Kraft, von der Arbeit führte man einen entweder unter den Armen oder man trug umschichtig einen zu viert.

Man ernährte uns sehr schlecht. Zum Frühstück gab es Brennnesseltee, aber bis zum heutigen Tage erinnere ich mich daran, dass wir ihn nicht trinken wollten. Brennnesseltee ist nützlich aber niemand schätzte ihn. Zum Mittagessen gab es Suppen aus Kohl, Kohlrüben oder eine Graupensuppe. Am Abend hatten wir einen Laib Brot für 5 Mann, Pellkartoffeln. Im Lager gab es kein Gras, wir schliefen wie auf Asphalt. Jeden Tag schlug man uns grundlos, einfach wegen allem. Man warf zwei Mann aus dem Lager, schlug die beiden und wer fiel, der stand nicht mehr auf, bis alle Anderen über ihn hinweggegangen waren.

Der Winter 1941 kam früh und war kalt. Man fing an zu sterben. Wir beerdigten einmal acht Mann. Wir gruben ein Loch und legten einen Menschen in seinem Hemd und mit einer Hälfte seiner Metallnummer am Hals dort hinein. Auf dem Grab errichteten wir ein Kreuz, ein Wachposten löste einen Schuss aus. Wir kehrten von der Beerdigung zurück, wuschen uns nach dem Brauch nicht die Hände, gingen in die Küche und bekamen je zwei Portionen Suppe.

1941 und 1942 waren die Lebensbedingungen sehr hart. 1943 änderten sich die Lebensbedingungen. Wir sagten: ‚Schade, dass er nicht 1941 und 1942 in Gefangenschaft geraten ist, dann hätte er gewusst, wie es ist, in Gefangenschaft zu sein.‘ Ich hatte aber Glück. Ohne Glück hätte niemand überlebt. 1942 hatte der Feldwebel einen Namenstag, ein Wachposten schrieb einen Glückwunsch, ich sollte den gut und rein abschreiben und überreichte ihm den Glückwunsch in die Hände. Er bedankte sich bei mir, sagte, dass ich auf seine 20 Entenküken aufpassen sollte. Ich hungerte nicht neben den Entenküken. Ich holte für sie das Essen aus der Küche. Den Wachposten putzte ich die Schuhe, das Fahrrad und den Fußboden. Alles nicht umsonst. Das Einzige, was der Hungrige braucht, ist Essen. Kurz danach fing man an, Gemüsegärten zu bestellen. Neben dem Flugplatz gab es ein Treibhaus. Bei der abendlichen Kontrolle fragte der Dolmetscher, wer von uns Gemüsegärtner sei. Ich meldete mich aus der Reihe heraus und man brachte mich zum Leiter, der fragte, wo ich gelernt hatte. Ich antwortete, dass ich in die Realschule ging. Am nächsten Tag übernahm ich die Frühbeete, Gewächshäuser, in welchem Gemüse für den Winter gezogen wurde. Sieben Frauen arbeiteten bei mir (drei davon waren junge Frauen), sie halfen mir. Im Winter ging es mir schon gut, das Treibhaus wurde beheizt. Im Frühling 1943 gab es Tomaten. Wir trugen sie aus den Treibhäusern in die Frühbeete hinüber.

Die Dokumente von fünf Mann, die in Falkenberg waren, schickte der Wachposten zum Arbeitsamt nach Torgau, damit endete mein Leben in der Gefangenschaft. Ich war noch zwei Jahre bei den Hauswirten und 1 Jahr in der Armee.

Nochmals bedanke ich mich aufrichtig und herzlich bei Ihnen, Teilnehmer der Aktion.

Dshigajlo.

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In Doiczland bistu gekomen.

In Doiczland geistu vida [Original].

In Falkenberg in Bezug auf die Bestätigung der Entlassung aus der Gefangenschaft in den Zivilstand im Mai 1943. Ich suchte noch nach dem Brief aus der Gefangenschaft (1942). Das war ein gedruckter Standardbrief, der auf Deutsch und Ukrainisch geschrieben wurde, ich konnte ihn aber nicht finden. Der ist doppelt. Eine Hälfte blieb zu Hause, die andere Hälfte ging zurück mit den Nachrichten von Daheim.

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