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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

506. Freitagsbrief (aus dem Jahr 2005, Übersetzung aus dem Russischen).

Ukraine
Gebiet Tschernigow
Iwan Iljitsch Beschun.

Es schreibt Ihnen mit Dankbarkeit und besten Wünschen Beschun Iwan Iljitsch, ein Bürger der Ukraine und ein ehemaliger Kriegsgefangener. Ich bin Ihnen für die humanitäre Hilfe i.H.v. 300 Euro, die ich im September 2004 erhalten habe, sehr dankbar.

Jetzt werde ich ganz kurz einige Abschnitte meines Lebens beleuchten. Ich bin am 22. Mai 1922im Gebiet Tschernigow in der Ukraine geboren. Mit 6 Jahren bin ich Halbwaise geworden, meine Mutter starb. Meine Kindheit war nicht leicht. In der Familie lebten noch zwei Kinder. Wir waren arm.

Im Alter von 19 Jahren bin ich in die Sowjetarmee einberufen worden. Ich diente in Poltawa. Im Juni dieses Jahres begann der Krieg. Wir unausgebildeten jungen Soldaten bekamen den Befehl, Poltawa zu verteidigen. Es sind nur zwei Kompanien am Leben geblieben. Der Rest wurde entweder getötet oder gefangen genommen. Wir zogen uns bis nach Bogutschary zurück. In Bogutschary habe ich eine Ausbildung in Militärtechnik gemacht und wurde nach deren Beendigung in die 102. Panzerbrigade überwiesen und dort wurde unsere Abteilung gebildet. Am 18. Juli 1942 wurden wir an die Front geschickt. Ich kämpfte in der Panzertruppe bei Kalatsch. Dort wurde am 19. August 1942 unsere Panzereinheit eingekesselt. Ich geriet in Gefangenschaft. Die Kolonne der russischen Kriegsgefangenen, in der ich mich befand, wurde, Entschuldigung, wie Tiere zusammengetrieben. Die verletzten Gefangenen, die nicht selbst gehen konnten, wurden an Ort und Stelle erschossen. Wir kamen nach Millerowo, wo bereits mehrere Tausend Gefangene untergebracht waren. Ich war hier nicht lange. Ausgewählte Soldaten, die noch bei Kräften waren, wurden in Eisenbahnwagen in die Ukraine nach Uman‘ geschickt. Es war sehr heiß. Die Waggons waren mit Kriegsgefangenen überfüllt, von denen viele auf der Fahrt starben, aber ich habe überlebt. In Uman‘ war ich im Kabelkommando, wir haben Kabelschächte gegraben. Die Tagesnorm für einen Kriegsgefangenen war ein zehn Meter langer und einen Meter tiefer Schacht, das Essen war schlecht. Es gab 200 g Brot pro Tag, falls man das überhaupt als Brot bezeichnen konnte, in der Tat war es zum Davonlaufen. Wir haben nur deshalb überlebt, weil die Einheimischen uns heimlich, so dass die Wächter es nicht bemerkten, Essen übergaben. Nur dank dieser Unterstützung haben wir überlebt. Es kam zu einer Typhusepidemie. Viele starben, ich bin aber am Leben geblieben.

Am 19. September 1943 wurde ich mit der Gruppe von 1000 relativ starken und gesunden Männern nach Lamsdorf [Stalag 318/Oberschlesien] in Deutschland abtransportiert. Ich und meine Kameraden, insgesamt 70 Mann, arbeiteten im Eisenhüttenwerk in Malapane, dort war ich vom 13. Februar 1944 bis 20. Januar 1945 ein Lastträger. Später wurden wir erneut nach Lamsdorf zurückgeschickt. Als später im März 1945 die Offensive der Sowjetarmee begann, wurden wir Richtung französischer Grenze nach Nürnberg getrieben. Im April 1945 wurden wir durch die US-Truppen befreit und vier Monate lang lebten wir unter amerikanischer Obhut. Danach wurden wir an die sowjetische Verwaltung übergeben. Nach der Prüfung durch die Sonderabteilung durfte ich meinen Wehrdienst fortsetzen. Ich diente zwei Jahre lang in Leninakan an der sowjetisch-türkischen Grenze. 1947 wurde ich demobilisiert und kehrte ins Heimatdorf zurück. 1948 habe ich eine Familie gegründet und begann meine Arbeit in einem Kolchos. Ich habe drei erwachsene Kinder. 2000 starb meine Ehefrau. Heute lebe ich mit meiner Tochter und dem Schwiegersohn zusammen.

Das ist meine kurze Lebensbeschreibung.

Ich wünsche Ihnen alles Gutes, vor allem Gesundheit.

Hochachtungsvoll

I. I. Beschun.

Anmerkungen:

Kalatsch am Don: Letzte große für die Wehrmacht erfolgreiche Kesselschlacht, ermöglichte den Angriff auf Stalingrad.

Millerowo: Dulag bei Rostow am Don. Die berüchtigte „Grube von Millerowo“ in einer Steppenschlucht, durch die ein Bach floss. Nach Erinnerungen von Kriegsgefangenen wurde sie überwiegend von (bemerkenswert wenigen) Kollaborateuren bewacht.

Malapane in Oberschlesien (heute Ozimek): Vereinigte Oberschlesische Hüttenwerke AG. Wurde Mitte des 18. Jahrhunderts die erste staatliche Eisenhütte in Schlesien und goss ab 1780 die preußischen Kanonen.

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