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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

505. Freitagsbrief (vom Juli 2016, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Andranik Ghasarjan
Dorf Ararat
Armenien.

Sehr geehrter, lieber Herr Radczuweit,

ich wollte Ihnen viel früher, wie mir auch die Leitung unseres Vereins [*] empfohlen hatte, über die Geschichte meiner Kriegsgefangenschaft zu berichten, aber ich musste das wegen einer schlimmen langwierigen Krankheit viele Monate verschieben, bis ich imstande war, dies zu tun. Endlich scheint diese Zeit gekommen zu sein. […]

Ich bin am 21. November 1923 in der Stadt Armawir geboren. Meine Einberufung in die Rote Armee erfolgte am 17. Dezember 1941. Ich diente als Sergeant in der Artilleriedivision Nr. 262 (Regiment Nr. 151). Es war im Juni 1942, als wir an die Front geschickt wurden. Wir waren eine Zeit lang in der Nähe der Frontlinie bei Prochladny, Grosny und Mosdok stationiert. Unser Trupp befand sich am südlichen Ufer des Flusses Terek (in Richtung Mosdok) in den Gärten eines Dorfes, als die Deutschen am 11. September 1942 uns mit Panzern zu attackieren begannen. Wir leisteten erfolgreich Widerstand und waren darüber begeistert. Ja, unser Kommandeur Timoschenko machte sogar ein Namensverzeichnis, um die Soldaten, die sich bei der Schlacht hervorgetan hatten, unter ihnen auch mich, auszeichnen zu lassen. Die Begeisterung dauerte aber nicht lange. Die Deutschen, die beim Vorstoß am 11. September unsere Stellungen erkannt hatten, begannen uns am Folgetag mit Artillerie zu beschießen. Dann griff die deutsche Infanterie an. Wir konnten den an Zahl und Ausrüstung vielfach überlegenen Deutschen von unseren Schützengräben aus kaum Widerstand leisten. Viele von uns waren schon tot. Ich selbst wurde verwundet, und so gerieten wir in Gefangenschaft. Wir waren etwa 20 bis 25 Gefangene. Die Deutschen befahlen uns, irgendwelche Lasten zu schultern und so machten wir uns auf den Weg in eine uns unbekannte Richtung. Wir litten an Hunger und Durst. Am späten Nachmittag befahl man uns, uns aufzureihen. Wir vermuteten, dass man uns erschießen wollte. Es kam aber ein deutscher Offizier und sagte in gebrochenem Russisch, dass, wenn jemand von uns zu fliehen versuche, alle erschossen würden. Er meinte höhnisch, dass der Krieg für uns beendet sei, dass wir in die Etappe verschickt würden, wo uns das Paradies erwarte. Später sagte ich mir, wenn er ehrlicher gesprochen hätte, hätte er statt des Wortes „Paradies“ die Hölle gemeint.

Wir übernachteten unter freiem Himmel. Am nächsten Tag gingen die Deutschen zu einem massiven Angriff über, der für sie erfolgreich war. Es waren so viele sowjetische Soldaten und Offiziere in Gefangenschaft geraten, dass es uns schien, als ob keine Rotarmisten mehr in der Sowjetunion geblieben sein könnten. Es waren vor allem Angehörige unserer Division. All diese Kriegsgefangenen wurden in unsere Richtung geschickt, und dann mussten wir gemeinsam losgehen. Wegen des beim Marsch aufgewirbelten Staubes fiel es schwer zu atmen. Wir kannten das Ziel nicht. Uns plagten Hunger und Durst. Wer es wagte, abseits zu gehen, um aus einer Pfütze zu trinken, wurde erschossen. Dann sind wir in mehreren Lagern gewesen, die ich wie durch ein Wunder überlebte. Es fällt mir jetzt schwer, die Namen aller Orte in Erinnerung zu bringen, wo ich gewesen bin. Manche sind mir aber gut im Gedächtnis geblieben: Mosdok, Pjatigorsk, Gnadenburg, Prochladny … In all denen mussten wir verschiedene Zwangsarbeiten leisten, wobei man uns viel zu wenig zu essen gab. Wir waren verlaust, entkräftet und unsagbar grober Behandlung ausgesetzt. Meine schlimmsten Erfahrungen kommen trotzdem aus dem Lager von Mosdok, das das größte von allen war. Zu meinem Unglück traf ich dort den Mann meiner Schwester Schuschan. Er hieß Artjom. Einige Tage hatten wir gar nichts gegessen und waren kaum mehr imstande, auf den Beinen zu stehen, als Artjom einen Pferdehuf fand, woran noch manche Sehnen hingen. Er legte ihn in eine Konservendose, fand etwas Reisig und versuchte ihn zu kochen. Es kam aber nichts daraus, denn er konnte kein einziges Stückchen abbeißen. Das gelang auch mir nicht, und wir warfen den Huf weg. Eines Tages wählte man einen Teil der Kriegsgefangenen aus, die in irgendeine Richtung geschickt wurden. Es war für mich eine Erleichterung, dass Artjom ebenso weggeschickt wurde, weil wir uns wegen unserer Situation voreinander schämten. Außerdem wäre es meiner Ansicht nach unmöglich, in schlimmeren Verhältnissen zu sein und ich hoffte, dass es ihm dann besser gehen würde. Ich sah ihn leider nie mehr wieder.

Das Gesicht der Unmenschlichkeit zeigte sich mir in voller Blöße auch im Lager von Prochladny oder Pjatigorsk (Es fällt mir jetzt schwer, zu sagen, welches von beiden es war), wo der Tod täglich reiche Ernte hielt. Ich hatte mich dort schon mit dem Gedanken versöhnt, bald Hungers zu sterben, als man aus den Lagerinsassen wieder eine Gruppe zusammenstellte, die weggeschickt werden sollte. Die Gruppe, zu der auch ich gehörte, wurde zur Luftwaffenkompanie Nr. 6 geschickt, wo wir ebenso beständig Zwangsarbeit leisteten. Es galt, Waggons und Lastkraftwagen zu be- und entladen, Säulen [?] aufzustellen usw. Im Unterschied zu den anderen Lagern gab man uns dort aber besseres Essen.

Die Verbündeten stießen bald immer weiter vor, und die Deutschen waren auf dem Rückzug. So durchquerten wir den Kaukasus, die Ukraine, Moldau, Rumänien, Ungarn, Österreich und kamen nach Deutschland. Wir befanden uns in der Stadt Oting oder Jering [?], als wir eines Tages beim Aufwachen unsere deutschen Wächter nicht mehr sahen. Sie waren in der Nacht geflüchtet. Nach einigen Tagen trafen uns die Amerikaner, die uns mitnahmen und nach etwa zwei Monaten den sowjetischen Truppen übergaben. Wir wurden dann an den Filtrationspunkten verhört zwecks Entlarvung von Feinden bzw. Verrätern. Leider war die Zahl der unschuldig „Schuldigen“, die dann festgenommen wurden, nicht klein. In mir fand man keinen „Verräter“. Da die Frist meines Militärdienstes nicht abgelaufen war, ließ man mich noch zwei weitere Jahre in der sowjetischen Armee dienen. Wir mussten vom österreichischen Eisenstadt bis Tighina (Bendery) in Bessarabien bzw. 1600 km zu Fuß gehen. Unser Regiment, wo ich anfangs diente, war mit dem Bau verschiedener militärischer Objekte beschäftigt. Meinen Dienst verbrachte ich aber hauptsächlich in Kirowograd, wo ich am 9. Mai 1947 aus der Armee entlassen wurde, und dann kehrte ich nach Armenien zurück.

Mit lieben und allerherzlichsten Grüßen und Wünschen aus Armenien

Andranik Ghasarjan.

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[*] Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges.

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