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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

504. Freitagsbrief (vom Januar 2008, aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler).

Der ukrainische Rotarmist Ostapenko wurde 1943 aus uns nicht übermittelten Gründen aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entlassen und schildert hier anschließende Kriegserlebnisse. Er erhält bis heute von uns medizinische Hilfsmittel. Mit dessen Tochter Tamara stehen wir in lebhafter Korrespondenz. (Die Redaktion).

Ukraine
Tscherkassy
Ostapenko Georgij Jewgenjewitsch.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihren Brief habe ich erhalten. Für die Glückwünsche zum Neuen Jahr und für die Informationen über den Künstler Hans Liska [*] möchte ich Ihnen danken. Es ist kaum zu glauben, dass es innerhalb der jungen Generation in der deutschen Gesellschaft Menschen mit einem solchen Verantwortungsgefühl für die Taten ihrer Vorfahren gibt. Dafür meine tiefe Hochachtung.

Sie schreiben, dass es für eine erfolgreiche Aufklärungsarbeit wichtig ist, Einblicke in die Ereignisse der Kriegsjahre aus erster Hand zu bekommen. Bei einem Treffen von Kriegsveteranen hat jemand in der Diskussion folgende Bemerkung gemacht: „… wie es scheint, braucht jede Generation IHREN Krieg, um zu verstehen, was er bedeutet“. Dieser Gedanke hat mich einfach erschreckt. Wenn Sie also etwas über diese furchtbare Zeit erfahren möchten, so bin ich bereit, Ihnen darüber zu berichten. Nicht mit Analysen der politischen und ideologischen Aspekte, nicht mit Archivunterlagen und Erzählungen von „Augenzeugen“. Sondern über alles das, was ich selber gesehen und erlebt habe. Ohne Kommentare. Ich greife eine „Filmszene“ und zeichne den Vordergrund. Die Tiefe der Filmszene muss der Leser mit seiner Phantasie ausfüllen. Die Gewaltszenen lasse ich aus ethischen Überlegungen weg. Das ist nichts für schwache Nerven.

Also:

Herbst 1943. Ukraine. Die Kommandierenden beider gegeneinander kämpfenden Seiten zerstörten beim Abzug alles, was vom Gegner genutzt werden könnte. Die schlimmsten Zerstörungen und Vernichtungen geschahen beim Rückzug (der Deutschen). Die einheimische Bevölkerung wurde in Güterwagen verladen. Diese wurden am Kopf des Zuges angehängt (für den Fall, dass die Partisanen die Bahnstrecke vermint hatten). Am letzten Waggon wurde mit Ketten ein Anker befestigt, der bei der Fahrt des Zuges alle Holzschwellen der Strecke zerstörte. Durch die Straßen der Orte fuhren Panzerwagen, von denen die Soldaten Brandflaschen auf die Dächer der Häuser warfen, die innerhalb von Sekunden in Flammen standen, sogar Metalldächer. So wurden die Dörfer abgebrannt. Und wenn die Front 2 bis 4mal darüber hinwegging, was blieb dort übrig?

Tiefer Herbst 1943. Matsch bis zu den Knien. Die Technik kommt nicht durch. Aus dem Wald kommen drei Deutsche auf das letzte Haus in der Schlucht zu: Der erste hat einen Stock, nur schwer kann er seine Beine aus dem Morast ziehen. Er führt ein abgemagertes, mit Wunden bedecktes Pferd am Zügel, auf dem ein verwundeter Feldwebel sitzt. Der dritte Soldat hält sich beim Gehen am Schwanz der Mähre fest …

Das ist die Besatzung eines zerstörten Panzers. Um nicht ins Blickfeld der Feldgendarmerie zu geraten, bewegen sie sich auf Feldwegen in Richtung Westen …

20. August 1944. Bessarabien. Schönstes Sonnenwetter. Die Kampflinien der beiden feindlichen Armeen liegen sich am Fluss Raut gegenüber. Wir warten auf den Angriff. Der Gegner spürt die Gefahr der Einkreisung und hat seinen Munitionsvorrat einfach abgeschossen. Eines der Geschosse fiel direkt auf unsere Batterie. 13 unserer Kämpfer sind verwundet oder tot. Den Rückzug haben sie (die Deutschen) nicht mehr geschafft und gerieten in den Jassko (Iasi)-Kischinjower Kessel …

In der Nacht zum 14. Januar 1945 begann nach massiver Artillerie- Vorbereitung entlang der gesamten feindlichen Verteidigungslinien die große Offensive der sowjetischen Armee in Polen. Von unserem Magnuschewsker Aufmarschraum wurden 530 000 Geschosse abgefeuert. Fast einen ganzen Tag lang „verbissen“ wir uns in die Verteidigungslinien des Gegners (hier habe ich auch das Album von Hans Liska aufgesammelt). Am Ende brachen wir den Widerstand. Wir befanden uns im zweiten Zug. In die geschlagene Bresche drangen die Panzer und frische Militärverbände ein …

[…]

In der Nacht auf den 1. Februar 1945 konnten wir kampflos die vereiste Oder überqueren und nahmen das Dorf Kienitz am westlichen Ufer des Flusses ein. Wir stoppten einen Vorortzug aus Berlin, die Fahrgäste stiegen aus und erblickten auf dem Bahnsteig unsere Soldaten.

„Oh mein Gott, Asiaten“ hören wir ihr Erstaunen. Nach vorn ist kein Widerstand, unsere Nachhut war 70 bis 75 km hinter uns, die Panzer konnten nicht über das Eis fahren. Deshalb ordnete der Kommandierende der Einheit an, die Kommandostellen der Regimenter auf dem eingenommenen Gelände einzurichten und zu verteidigen. Er selbst kehrte in den Ort zurück, wo wir am Vortag das Abendessen eingenommen hatten, und traf dabei direkt auf den zurückweichenden Gegner (den wir überholt hatten). So starb unser Kommandeur, der Held der Sowjetunion Oberst Schostazki …

Um die geschlagene Bresche in seinen Verteidigungslinien zu schließen, konzentrierte der Gegner alle vorhandenen Kräfte auf unseren Abschnitt: den Volkssturm, die Polizeischule, weibliche Fliegerabwehrkräfte usw. Die Feuerkraft auf unsere Verteidigungsstellungen wurde stärker. Vor einem zweistöckigen Gebäude, das unsere Soldaten eingenommen hatten, tauchte plötzlich eine alte Deutsche auf, die um Hilfe flehte. Nur schwer sind die Gefühle eines abgehärteten Soldaten zu verstehen, die ihn dazu brachten, aus der Deckung hervorzuspringen und unter Beschuss die Alte ins Haus zu schleppen. Den ganzen Krieg mitzumachen und so kurz vor dem Sieg so viel zu riskieren? …

Am 16. April 1945 begannen die Hauptangriffe auf Berlin. Wir überquerten die Seelower Höhen, verschanzten uns im Vorort Marzahn fest und zogen über die Frankfurter Straße [Frankfurter Allee] bis zum Stadtzentrum. Von den Fenstern und Balkonen der Wohnhäuser hingen weiße Tücher, an den Wänden waren Losungen geschrieben: „Berlin bleibt deutsch“. Auf einer der Straßen zerteilten trotz Beschuss 2 oder 3 alte Männer ein getötetes Pferd. Eine alte Frau erzählte, dass aus der Luft gefälschte Lebensmittelkarten als wirtschaftliche Sabotage abgeworfen worden waren. Wer welche ergattern konnte, bekäme etwas, wer sich aber wegen der Bombardierungen im Keller verstecke, der bekäme keine Lebensmittel mit echten Kartoffeln …

Straßenkämpfe in Berlin. In einem Hof steht unser Tross. Eine herbeieilende weinende Deutsche bittet um Hilfe. Der Kutscher verstand sie als erster, er war aus einem Kriegsgefangenenlager zur Auffüllung der Einheit zu uns gekommen. Er fasste schnell das Pferd am Zaum und rannte mit ihm auf die Straße. In der Durchfahrt standen Feuerlöschgeräte, er spannte das Pferd vor die Feuerleiter und trieb es zum brennenden Haus, wo sich im 4. Stock zwischen den Fenstern ein alter Mann bewegte. Die Feuerleiter reichte nicht bis zum Fenster, aber der alte Mann hielt sich am Abflussrohr fest, schaffte es mit den Füßen bis zur Leiter und kam nach unten. Die Frau und der Alte (er war offensichtlich erheblich jünger, als ihn der Bart erschienen ließ) warfen sich auf die Knie und wollten dem Soldaten die Füße küssen …

Am 2. Mai, als die Stadt Berlin kapitulierte, kämpften wir uns zum Alexanderplatz durch. Den Tag des Sieges begingen wir mit Siegessalut in Pankow. Die Begeisterung hatte keine Grenzen, alles schießt, sogar die deutschen Fliegerabwehranlagen auf den Straßen und Plätzen der Stadt. Dieser beeindruckende Salut bleibt mir für das ganze Leben in Erinnerung … Aber diesen Tag haben viele NICHT erlebt. Die Verluste der sowjetischen Armee in Polen betrugen 600 000 Mann, bei den abschließenden Kämpfen in Deutschland 300 000 Mann. Diese Zahlen sprechen für sich …

Für die Kampferfolge um Berlin erhielt unsere Einheit den Ehrennamen „Berliner Einheit“ und wir blieben zur Bewachung der Industriebetriebe und der zivilen Objekte in der Stadt. In meinen Augen war die Schnapsfabrik das schwierigste Objekt …Zum Glück verlief alles ohne Kampfmaßnahmen. Dann bewachten wir das Werk Stolzberg in Reinickendorf. Untergebracht waren wir im Lager von Göring…

Sommer 1945. Wir fuhren ins Hinterland unseres Bereichs. Unsere Aufmerksamkeit erregte eine eigenartige Gruppe von Passagieren auf dem Eisenbahndamm. Kinder unterschiedlichen Alters drängten sich wie Küken bei der Henne um die Frauen. Schließlich machten sie uns verständlich, dass die Polen die Deutschen aus dem an sie gefallenen Gebiet vertreiben … Wie viel Leid und Tragik war in den Gesichtern der Mütter und Großmütter, die an ihren Händen kleine Kinder hielten und bestenfalls noch einen Kinderwagen mit Windeln….

[…]

Was erwartete mich zu Hause? Im Oktober 1943, bei einer planmäßigen Evakuierung der Stadtbevölkerung durch die Deutschen, kamen meine Mutter und die Verwandten in einen Eisenbahnwagen, der in Richtung Westen fuhr. Bei einem der Halte unterwegs gelang es ihr zu fliehen und sie kam erst im April 1944 wieder zu Hause an. Zum Glück war das Haus nicht zerstört. Im Haus gab es nur noch 2 Stühle und einen alten Kleiderschrank, der hingelegt lange Zeit als Bett diente …

1945 studierte meine Schwester in der Medizinischen Fachschule, für das Abschlussfest wurde ihr ein Kleid aus einem erbeuteten Fallschirm genäht … und sie bekam einen Wintermantel aus dem Futter eines General-Uniformmantels, was ich aus dem Lager Görings geschickt hatte. Was soll man sagen: Es gab ein Dach über dem Kopf und ich war imstande zu arbeiten. Weitaus nicht alle hatten soviel Glück …

Allerdings gab es in der zerstörten Stadt keine Arbeit, von der man leben konnte. In den ländlichen Gegenden entstand eine tragische Situation. Es fehlte völlig an Technik und Gerätschaften, an Vieh, männlichen Arbeitskräften und jungen Menschen – alle Last der aufreibenden landwirtschaftlichen Arbeiten mussten die Frauen tragen. Die Äcker konnten allenfalls mit Kühen gepflügt werden. Und wenn es keine gab? … Dann spannten sich die Frauen selber vor den Pflug.

In einer Kollektivwirtschaft versuchte man den Geflügelbestand in einer Hühnerfarm zu erhalten. Ein Alter „forschte“ nach Essbarem: zerkleinerte Stroh, Heu, sammelte verendete Tiere auf der Farm. Das alles brachte er mit einem Kläpper zu den Hühnern. Dieses Pferd war in einem derart schlechten Zustand, dass es nachts in der Box angebunden werden musste, weil es sonst morgens nicht aufstehen konnte. Die Hühner hatten die Größe von Rabenvögeln, mit blutigen Köpfen und Rücken voller Verletzungen. Während der Großvater dort arbeitete, machten sie sich über das Pferd her und nagten seine Beine derartig ab, dass die Hufe wie Galoschen aussahen … So ergänzte auch das Pferd das Hühnerfutter …

Das Schicksal unterwarf meine Generation also einer weiteren Prüfung – die Wirtschaft des Landes aus den Ruinen wieder erstehen zu lassen.

Für Ihre Aufmerksamkeit danke ich Ihnen. Ich hoffe, dass Sie mich richtig verstanden haben.

Mit Hochachtung

30.01.08 Kriegsinvalide I. Grades

Tscherkassy Ostapenko G. E.

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[*] Herr Ostapenko hatte uns zuvor geschrieben, dass er in einem deutschen Schützengraben ein Skizzenbuch mit Zeichnungen des Soldaten Hans Liska gefunden und bis heute aufbewahrt hat. Wir recherchierten und teilten ihm mit, welche Bewandtnis es damit hat..

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