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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

503. Freitagsbrief (vom April 2005).

Russland
Moskau
Emmanuil Nikolajewitsch Sossin.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,

entsprechend unserer Vereinbarung übersende ich Ihnen diesen Brief.

Erstes Mal geriet ich in die Gefangenschaft im Juli 1941. Aus dem Kriegsgefangenenlager bin ich geflüchtet und konnte bis zu unseren Truppen durchkommen. Ein Jahr lang kämpfte ich dann als Kompaniekommandeur. Meine zweite Gefangennahme kam während der Fortbewegung im Wald mit zwei anderen Offizieren und zwei Soldaten durch die Attacke deutscher Späher zustande. Das geschah im Juni 1942, obwohl es auf unserem Abschnitt keine Kampfhandlungen gegeben hat. Dann folgten fünf Lager auf russischem Territorium. Ernährt wurden wir dort kaum. Bei der Ansicht von halbleeren Lagern begriff ich, dass im Laufe des Winters 1941/42 Millionen von Kriegsgefangenen ums Leben kamen. Kurze Zeit später erfolgte der Abtransport nach Deutschland, wo man uns im Stalag IX-a in Ziegenhain eingewiesen hat, in dem außer uns (cirka 200 Leute) Amerikaner, Engländer uns Franzosen untergebracht waren.

Wir Russen bekamen kaum etwas zu essen, weshalb viele gestorben sind. Gleichzeitig erhielten Amerikaner, Franzosen und Engländer riesige Esspakete vom „Roten Kreuz“, spielten Fußball, pumpten ihre Muskeln auf. Helfen konnten sie uns nicht. Die Überlebenden magerten ab und wurden wie sie waren zu den Eisenbahnarbeiten in die Stadt Haiger geschickt. Nach dem Aufenthalt in fünf Lagern in Russland und dem Stalag IX-a in Deutschland hielt ich die Deutsche für Unmenschen. Sie behandelten uns wie die Untermenschen, also erwartete ich vom Lager in Haiger nichts Gutes und bereitete mich auf den Tod vor. Umso mehr staunte ich, als die deutschen Arbeiter, die mit uns die Arbeiten verrichteten, sich uns gegenüber sehr kameradschaftlich verhielten. Sie konnten uns zwar auf Grund der eigenen Bedürftigkeit nicht mit dem Essen helfen, doch ihre freundliche Haltung gab uns Kraft. Und bald fanden wir schon etwas zu essen.

Zuerst entdeckten wir auf unserem Weg zur Arbeit extra für uns versteckte Kartoffelhäufchen. Unbekannte Einwohner von Haiger legten sie täglich entlang unserer Route hin. Und in Kürze erreichten wir Gefangenen die Fertigkeit, aus Stroh Schatullen zu basteln, die wir dann über Postmänner gegen Brot, Wurst oder Speck eintauschten. Kein einziges Mal behielten die Wache stehenden Soldaten etwas für sich! Unser Leben kam wieder in Fluss! Zur Zeit der Bombardierungen vom 1943–1945 wohnten die Städter in den Bergen. So sind wir zu alleinigen Besitzern ihrer Vorratskeller geworden. Später wurde unser Lager zerbombt. Wir begaben uns ebenfalls in die Berge. Die Freundlichkeit der mit uns die Arbeit verrichtenden Arbeiter werde ich nie vergessen. Nur mein jugendliches Unverständnis verhinderte damals nach der Befreiung, als wir vorübergehend in der nahegelegenen Stadt Wetzlar wohnten, dass ich mich bei ihnen allen gebührend bedankte.

Hier sind ihre Namen: Albert – der Arbeiter, ein ausgezeichneter Mensch! Zwei Karls, Paul – der Vorarbeiter, Hugo – der Arbeiter und schließlich der Verfechter des Faschismus, Großbauer, der unsere freizügigen Gespräche mit den Arbeitern über den Krieg und andere Übel nie verraten hatte. Sie alle, außer Hugo, sind Einwohner von Haiger, die neben den weiteren Bürgern dieser Stadt,wie der Meister Lindberg, der im Lager Gefreiter gewesen ist und an uns nie etwas auszusetzen hatte, wie Becker, wie der Koch Ewald, der täglich unsere Suppe kochte, den Hunger aus unserem Leben nahm. Ehre und Lob haben sie alle verdient. Sie waren es, die es mir ermöglichten, meine Meinung über die Deutschen zu hinterfragen.

Ich schrieb an den Bürgermeister von Haiger, erhielt aber keine Antwort. Falls das für Sie möglich ist, rufen Sie bitte da an und erzählen Sie über meinen Brief. Wahrscheinlich ist kaum einer der Arbeiter noch am Leben, aber die Söhne, Töchter und Enkel, die gibt es doch.

Sossin E. M. Moskau.

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Diese Rohübersetzung seines Briefs schickten wir damals der Stadtverwaltung von Haiger, erhielten aber ebenfalls keine Antwort. Sossins Erinnerungen veröffentlichten wir in neuer Übersetzung im Band „Ich werde es nie vergessen – Briefe sowjetischer Kriegsgefangener 2004–2006“ S. 195 (erhältlich für 9,90 € bei suchan-floss [at] kontakte-kontakty.de).

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