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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

500. Freitagsbrief (Übersetzung aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Dawid Serapionowitsch Gogoberischwili
Georgien
Tbilissi
17.02.2009.

Einige inhaltliche Anmerkungen zu diesem Brief:

  1. Finnische Baracken sind Holzbaracken.
  2. Es gab Extralager für ausgesonderte „politisch untragbare“ sowjetische Kriegsgefangene und Juden, aber diese führten zur Ermordung in einem KZ oder in der Nähe des Lagers. Es ist also anzunehmen, dass der Briefschreiber das abgetrennte Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen meint.
  3. Die Lager, die er durchlaufen hat, waren alle Kriegsgefangenenlager, keines ein KZ, damit ist auch erklärt, dass Herr Gogoberischwili 2006 keine Auszahlungen aus der Zwangsarbeiter“entschädigung“ erhalten hat.

Antrag.

Ich bitte Sie, meine Bitte entgegenzunehmen und nicht unbeachtet zu lassen. Am 9. Januar 1942 wurde ich in die Sowjetarmee einberufen, am 12. Juni 1942 geriet ich in Gefangenschaft, aus der ich 1945 durch die Amerikaner befreit wurde. Diese Zeit war für mich sehr schwer, besonders zwischen Oktober ’43 und ’45, bis zur Befreiung, diese Zeit war tödlich.

Ich beginne mit dem Jahr 1943. Ich wurde verhaftet, man nahm mir die Schuhe weg und gab mir Holzpantinen, steckte mich in eine finnische Baracke, die von zwei Reihen Stacheldraht umzäunt war, zwischen denen zusätzlich eine Stacheldrahtrolle lag. Bewacht wurden wir am Tag von zwei Wachposten und in der Nacht von vier. Wir waren dort hinter verschlossenen Türen, Essen wurde einmal mittags gebracht, dann kam der Wachmann rein, schloss die Türen auf, ging hinter eine Absperrung und rief: „Rauskommen!“ Wir gingen raus, leerten den Kübel aus, nahmen das Essen mit und machten die Türen zu. Der Wachmann ging rein und schloss ab. Und dann wurde über unser Schicksal entschieden – erschießen oder nicht. Man beschloss, dass wir nichts nutzen würden, wenn man uns erschoss … Solang wir lebten, konnte man uns zum Arbeiten ausbeuten, und wenn wir starben – dann ab in die Erde. So blieben wir dort bis Dezember 1943, auch Usbeken waren dort zusammen mit uns. Am 6. Dezember brachte man uns von Hunden bewacht zur Eisenbahnlinie. Steckte uns in einen zweiachsigen Waggon, der ganz weiß war wegen des Frosts. Auf dem Boden nasse Späne, kein Ofen – wie Vieh, die Türen verschlossen, da konntest du auch sterben. Die Usbeken nahmen Watte aus ihren Jacken, entzündeten ein Feuer, zerbrachen meine Holzschuhe. Im Waggon stand der Rauch, man konnte kaum atmen.

Am Morgen erreichten wir Polen, Sedlice [Stalag 316 Siedlce]. Dort gab es zwei Lager, ein politisches und eines für Gefangene. Unser Lager war das politische. Ich bekam Schuhe, bei der Registrierung nahm man meine Fingerabdrücke ab, notierte meine Merkmale und Verletzungen. Diese Daten nahm man bei den Häftlingen im Gefangenenlager nie. Im Lager für „politisch Unzuverlässige“ blieben wir bis März 1944, und im März brachte man uns nach Deutschland, Siegenheim [Siegen], von dort aus ging es in die Grube Eirossberg [?], dort gab es Eisenerz. Ich kam in eine Tiefe von 850 Metern, in die 9. Abbausohle, zu Rudolf S. Er hatte eine Frau und zwei Jungen, und einen Kommunistenbruder, wie die Polen sagten.

Daneben lag die 11. Abbausohle, in der Walter arbeitete. Bei ihm arbeiteten die repatriierten Polen Zygmund und Karl.

Walter wurde im Herbst unter einem Stein begraben. Rudolf sagte, der Stein hätte ihm den unteren Teil zerquetscht und er wäre gestorben. Rudolf selbst bekam Ende Dezember '44 eine Erkältung und starb ebenfalls, ich glaube es war der 27. Er war ein guter Mensch, hatte Mitleid, ich erinnere mich an kein einziges lautes Wort. Wenn ich für meine Toten eine Seelenmesse halte, denke ich auch an ihn. Danach kam Alfons in unsere Sohle, und ich arbeitete mit ihm zusammen, manchmal war noch ein Italiener dabei. Damals arbeiteten die Gruben noch in einer Tiefe von 800 und 900 Metern. 1945, ich glaube, im Februar, als die Amerikaner die Oder [sic!] überquerten, konnte keine Kohle mehr in [sic!] die Grube gebracht werden und sie wurde geschlossen. Wir wurden über den Berg nach Siegen geführt, mussten von Bomben zerstörte Häuser und andere Objekte aufräumen. In der Grube, in der wir arbeiteten, wurde Eisenerz gefördert. Zu essen gab es: 300 g Brot, 25 g Zucker, verfaulte Kartoffeln ohne Fett. Wenn ich noch zwei - drei Monate länger in der Grube hätte arbeiten müssen, wäre ich für immer dort geblieben. Wir hatten es dort also schwerer als im Konzentrationslager. Aus unserer Gruppe waren dort sieben Leute, drei sind dort geblieben, sie sind gestorben, vier haben überlebt. Die Toten wurden weggebracht, und wir wissen nicht, wie sie verscharrt wurden.

Rudolf stammte aus Neunkirchen. Von da kam auch einer unserer Wachmänner, sein Nachbar. Aus unserem Lager wurden Leute nach Neunkirchen zum Bau eines Bombenschutzbunkers gebracht. Die Deutschen sprengten den Felsen, und wir trugen das Gestein heraus. Rudolf bat seinen Nachbarn, unseren Wachmann, mich immer mitzunehmen. Wenn wir nach Neunkirchen kamen, versorgten uns die Einheimischen der Reihe nach mit Essen, einmal am Tag. Wir waren froh, dort arbeiten zu gehen, damit wir wenigstens einmal am Tag zu essen bekamen. Tagsüber arbeiteten wir beim Bau des Bunkers, nachts in der Grube.

Ich habe noch damals, als KZ-Häftlingen Hilfe ausgezahlt wurde, viel geschrieben, aber nach Siegen, und sie versprachen mir damals, dass sie uns die Hilfe schicken würden, sollte uns eine zustehen. Nun habe ich erfahren, dass auch Sie uns für unsere Arbeit ein paar Prozente zukommen lassen. Wenn es Ihnen keine Arbeit macht, schicken Sie doch die Hilfe bitte an meine Adresse: [s.o.]

Oder teilen Sie mir bitte mit, an welche Adresse die Hilfe geschickt wird und in welcher Höhe.

Hochachtungsvoll

Gogoberischwili Dawid Serapionowitsch.

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