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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

485. Freitagsbrief (vom Februar 2006).

Belarus
Gebiet Witebsk
Anton Iwanowitsch Siljawskij.

Sehr geehrte Einwohner des Großen Deutschlands

Ich begrüße Sie im Namen Gottes und wünsche Ihnen beste Gesundheit für lange Lebensjahre und alles Gute.

Ich bin Häftling der deutschen KZs. Ich werde nicht alle Lager beschreiben, in denen ich mich aufhielt. Ich werde nur kurz auf ein Lager eingehen. Das war ein Lager in Suwalki [Stalag IE Sudauen/Suwalki Ostpreußen], vielleicht in Polen. Das war ein großes von Stacheldraht umzäuntes Feld. Hier mussten wir verhungern. Viele Jungs starben. Ich war sehr klein, nur 1,68 Meter groß. Ich habe sehr wenig gegessen und überlebt. Hier wurden wir registriert. Ich erhielte die Nummer Stalag 315 Personalnummer 10210 [Stalag Hammerstein/Schlochau in Pommern]. Ich wurde in die Stadt Hammerstein verschleppt. Ich arbeitete in einer Ziegelsteinfabrik. Die Betriebsleitung merkte, dass hungrige, schwache Menschen nicht arbeitsfähig sind. Wir wurden mit Essen versorgt: eine Steckrübensuppe, etwas Erbsen, Kohl und Kartoffeln. Dazu kam noch ein Brot für drei Mann und ein bisschen Margarine. Ich wurde hier stärker und kräftiger. Wir haben mit Polen und Deutschen zusammengearbeitet. Unsere Beziehungen waren gut. Wir wurden von unseren Mithäftlingen, von den Deutschen als Aufseher eingestellten Kriegsgefangenen, zusammengeschlagen. Sie wollten damit zeigen, dass sie loyal Deutschland dienen. In dem Werk habe ich ein Jahr lang gearbeitet. Dann wurde ich nach Hamburg abtransportiert. Im Hamburger Hafen habe ich viele Kameraden, Kriegsgefangene, getroffen. Wir sind in ein Schiff eingestiegen. Auf der Ostsee hat ein U-Boot der Unsrigen das Schiff erwischt. Zwei Torpedos haben den Maschinenraum getroffen. Ich werde diesen Alptraum auf dem sinkenden Schiff nicht beschreiben. Das wäre ein großes Buch.

In Finnland habe ich Straßen gebaut, in Norwegen – Schnellstraßen. Es würde zu lang werden, meine Abenteuer zu beschreiben. Ich möchte dem großen deutschen Volk folgendes sagen. All diese Alpträume, Schrecken und Leid, die, die deutschen Truppen in unser Land gebracht haben, sind in Vergessenheit geraten. Wir haben unsere Wunden geheilt. Wir haben Städte, Industrie, Straßen und Brücken wiederaufgebaut. Unserer Republik ist es gelungen, den demographischen Bevölkerungsrückgang zu überwinden. Jetzt haben wir eine hoch ausgebildete Gesellschaft. In unseren Hochschulen lernt man Fremdsprachen wie Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch, vielleicht auch andere, die ich nicht kenne. Kommen Sie bitte zu uns zu Gast. Dann könnten Sie sich selbst überzeugen, dass 25 % unserer Jugendlichen deutsch sprechen. Einmal wurde ein Treffen zwischen dem US-Präsidenten Bill Clinton und unseren Jugendlichen organisiert. Er war tief beeindruckt als er erfuhr, dass alle Anwesenden Englisch sprachen.

Sehr geehrte Bürger des Großen Deutschlands, mit tiefer Überzeugung will ich sagen, dass unser Volk das damalige Unrecht vergessen hat. Es hat nichts Böses zu Ihrem Volk. Die grobe Politik ihrer Politiker war damals schuld. Erlauben Sie bitte Ihren Jugendlichen unsere Republik zu besuchen. Sie werden sehen, wie gastfreundlich die Weißrussen sind. Wir sind alle Gottes Kinder. Wir haben jetzt einen guten und klugen Präsidenten Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko. Unter seiner Führung hat sich das Gesicht unserer Städte und Siedlungen geändert. Überall ist es heute sauber und schön. Im Sommer haben wir überall Blumen. Unsere kleine Stadt sieht heute wie Paradies aus. Überall ist es sauber. Es blühen verschiedene Blumen. In unserer Stadt gibt es zwei Kirchen: eine katholische und eine orthodoxe. In beiden Kirchen wurden Lager für Baumaterialien eingerichtet. Als die Kirchen den Gläubigen übergeben wurden, haben die Kirchen zuerst nur die Alten besucht. Jetzt besuchen unsere Kirchen auch die Jungen. Wie erfreulich ist es! Unser Präsident kümmert sich um das Volk. Er sagt: „Die Alten dürfen nie im Stich gelassen werden!“

Ich bedanke mich bei allen, die uns etwas gespendet haben, für die 300 Euro, für das Geld aus dem Familienbudget. Vielen Dank!

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit, ich bitte Sie sehr, diesen Brief in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen. Das Volk muss wissen, dass unser Weißrussland ausschließlich sehr gute Gefühle zu den Deutschen hat. Erlauben Sie den Jugendlichen unsere Republik zu besuchen. Die Jugendlichen müssen sich miteinander unterhalten. Jetzt haben wir alle denkbaren Lebensmittel in unseren Geschäften. Es gibt sogar Obst aus Afrika.

Gott behüte Sie!

2. Brief vom Juni 2007 (Auszug)

Belarus
Gebiet Witebsk
Anton IwanowitschSiljawskij.

[…]

Jetzt werde ich einen Zwischenfall aus meinem Leben beschreiben. 1940 habe ich den obligatorischen Wehrdienst geleistet. Im Juli 1940 sind die sowjetischen Streitkräfte ins Baltikum einmarschiert. Mein Truppenteil war am Ufer des schönen Storoshje-See stationiert, sechs Kilometer von Daugavpils entfernt. Wir Soldaten bekamen unser Sold in lettischen Laten. Jeder Soldat erhielt 10 Lat. Das war eine große Alumünze mit etwa 4 cm Durchmesser. Für ein Lat habe ich einen Füller und einen großen Schreibblock gekauft. Dann sind neun Lat übrig geblieben. Am Ufer des Sees gab es ein bildschönes Ferienstädtchen. In einem Häuschen gab esein Geschäft. Ich habe dieses Geschäft besucht. Ich brauchte keine gewöhnlichen Waren wie Bekleidung und Schuhe. Ich sah die Rasierklingen. Ich habe den Eigentümer gebeten, mir eine Klinge zu zeigen. Als ich diese Klinge aus der Hülle nahm, war ich erstaunt, denn die Klinge war in Deutschland hergestellt. Das war ein von Mensch geschaffenes Wunder. Direkt auf der Klinge gab es eine Aufschrift: „5 Jahre Rasiergarantie“ [deutsch im Original kyrillisch geschrieben] Ich habe nach dem Preis gefragt. Der Geschäftseigentümer sagte, dass die Klinge 10 Lat kostet. Ich antwortete darauf, dass ich nur neun Lat hätte. Der Eigentümer war mit meinem Gebot einverstanden. Ich legte das Geld auf den Tisch und holte die Klinge [Rasiermesser?] ab. Auf dem Halter war ein Pfau mit schönen Federn abgebildet. Ich trug die Rasierklinge in meinem Wandersack.

Am 5. August 1941 wurde ich gefangen genommen. Wir wurden durchsucht und sollten den Oberkörper frei machen. Dann sagte man: „Alles aus dem Tornister raus!“ Als die Soldaten die deutsche Klinge gesehen hatten, haben sie sofort gerufen: „Kaputt machen deutsch Soldaten! Er schießen!“ [deutsch im Original kyrillisch gschrieben] Man sagte also, dass ich erschossen werden soll. Eine Maschinenpistole war in meinem Rücken. Ich wurde zu einem Zaun gestoßen, wo ich erschossen werden sollte. Ich könnte noch fünf oder sechs Schritte weitergehen, danach würde ich erschossen. Ein Unteroffizier rief laut, dass man mit der Hinrichtung warten solle. Er erklärte den Soldaten, dass Deutschland breite Handelsbeziehungen mit Russland gehabt hatte und die Klinge möglicherweise importiert wurde. Ich wurde zu meinem Tornister und der Kleidung zurückgeführt. Gottes Engel hat sich eingemischt und den unschuldigen Mensch unter Schutz genommen! Ab diesem Tag habe ich alle Leiden und Qual geduldig ertragen. Ich bin wahrscheinlich deshalb bis zum heutigen Tag am Leben geblieben, weil ich einige gute Worte Ihnen sagen musste.

Möge Gott Ihr Land, Sie und unser kleines Land Belarus schützen! Darum bitte ich Gott. Amen!

Mit großer Hochachtung

Anton.

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