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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Manche Deutschen halfen uns Zwangsarbeitern.

Brief von Viktor Tschernyschow.

Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den Sie an mich geschrieben haben. Sie baten mich, darauf zu antworten.

  1. Frage: Ob ich die Dokumente aus Deutschland erhalten habe, die meine Anwesenheit in Berlin zur Zwangsarbeit bestätigen? Wohin ich mich mit der Bitte, mir bei der Suche behilflich zu sein, gewandt habe? Wie lange die Suche dauerte vom Tag der Antragstellung bis zum Erhalt der Dokumente?
    Ich habe mehrmals an den Bürgermeister der Stadt Berlin geschrieben, wie man es mir geraten hatte. Eine Antwort schrieb mir am 26. Oktober 2000 der Referent des Bürgermeisters, Herr Rustek, der mir mitteilte, dass ich meinen Antrag nicht an die zuständige Behörde gestellt hätte und dass er meinen Brief an das Internationale Rote Kreuz weitergeleitet habe. Die erhielten meinen Brief am 2. November 2000. Sie schickten mir ein Antragsformular, welches ich ausgefüllt habe.
    Danach schrieb ich an das Archiv der Streitkräfte Russlands, da ich vom Feld-Kriegskomitee auf dem Territorium Deutschlands in die Rote Armee einberufen wurde. Von dort kam eine Bestätigung, in der alles genau mit Zahlen aufgeführt war.
  2. Frage: Ob ich einen Antrag auf Entschädigung an die Stiftung gestellt habe? Ja, im Dezember 2001.
  3. Frage: Ob ich eine Entschädigung von der Stiftung erhalten habe? Nein, ich habe nichts erhalten.

Sie bitten mich, alle Einzelheiten über meinen Aufenthalt in Deutschland aufzuschreiben. Zuerst kamen wir in die Quarantäne, oder vielleicht war es auch ein Verteilungslager, ich weiß es nicht. Es war in Berlin, die S-Bahn-Station hieß Karow. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort waren. Sie ließen uns dort fast verhungern, ein paar mal gab es verfaulte Kartoffeln. Weiter nichts.

Eingesperrt in einem Lager hinter Stacheldraht.

Nach diesem Lager brachte man uns in ein anderes Lager. Die S-Bahn-Station hieß Wuhlheide, 1,5 km von dort entfernt war unser Lager, eingezäunt in zwei Reihen Stacheldraht, und diese Reihen waren noch mit Stacheldraht verbunden. Ich weiß es nicht mehr genau, aber da waren wohl auch Wachtürme, wo Polizei wachte.

Zur Arbeit weckte man uns um drei Uhr morgens. Zuerst mussten wir antreten, um die Anwesenheit festzustellen, wurden wir gezählt, und dann führten sie uns zum S-Bahnhof Wuhlheide. Stellen Sie sich vor, wir alle hatten Holzpantinen an, was die für einen Krach bei unserem Marsch auf der Asphaltstraße machten! Wie viele wir waren, weiß ich nicht, aber stellen Sie sich vor, unsere S-Bahn nannte man „Sonderzug“, ohne Sitze und vollgestopft mit Menschen. Wir fuhren ohne Halt.

Bild von Viktor Tschernyschow

Im Werk zählte man uns erneut, dann gingen wir auseinander an unsere Arbeitsplätze. Ebenso brachten sie uns nach der Arbeit ins Lager zurück. Anfangs begleiteten uns junge Aufseher, dann, als sie wahrscheinlich zur Armee einberufen wurden, begleiteten und bewachten uns ältere Polizisten, aber mit Hunden.

Unser Reichsbahnausbesserungswerk befand sich am Bahnhof Warschauer Straße. Zuerst habe ich Bremsstangen an den Waggons ausgewechselt, dann schickten sie mich in die Schmiede, wo ich Elektroschweißen lernte. Ich kehrte wieder in meine alte Werkstatt zurück, aber zu einem anderen Meister. Dort habe ich bis zum Schluss gearbeitet.

Dann wurde unser Lager ausgebombt, und wir alle gingen ohne Wache zur Arbeit. Zuerst schliefen wir in den Waggons, welche zur Reparatur kamen, dann brachten sie uns auf dem Dachboden des Werkes unter. Dann bauten sie das Lager wieder auf, und wir siedelten wieder dorthin um. Die Frauen bekamen gute Waggons, und wir kamen in Baracken.

Meister versorgten uns heimlich mit Essen.

Unsere Werkstatt war besser als die anderen. Man schlug uns nicht, auch beleidigt wurden wir nicht wie in anderen Werkshallen. Im Gegenteil, wenn unsere Meister Nachtdienst hatten, gingen sie in die Kantine, und was noch an Essensresten da war, nahmen sie mit und stellten es im Waggon ab. Morgens warteten sie auf uns und sagten, wo das war, was sie mitgebracht hatten. Dann gingen sie erst nach Hause.

Sonst wurden wir sehr schlecht verpflegt, 200 Gramm Brot, und dieses Brot war kein richtiges Brot – es hieß, zur Hälfte seien es Sägespäne, und es war sehr feucht. Und einmal am Tag gab es „Balanda“, wie wir diese Suppe nannten, Kohlrüben und Kohlrabikraut – na so wie für die Schweine. Dann wurde das Brot im Werk ausgegeben. Die „Balanda“ bekamen wir im Lager, Brot im Werk.

Unser Brot nahmen die Meister in Empfang, und sie brachten immer mehr Brot, als für uns vorgesehen war, manchmal sehr viel. Wie ihnen das gelang, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir von allen beneidet wurden. Natürlich kann man auf ein paar Seiten nicht alles schildern.

Im April 1945 kamen die Sowjettruppen, und ich wurde in die Armee einberufen. Bis November 1950 diente ich in Deutschland. Nach dem Krieg stand unsere Truppe zuerst in Buchenwald, dann diente ich in Weimar, in Altenburg, zuletzt in Altenhain. Das ist ein Dorf, in dem sich früher ein Munitionslager der deutschen Wehrmacht befand. Jetzt nutzten wir dieses Lager als Artilleriedepot. Von hier aus wurde ich demobilisiert.

Ich fuhr nach Charkow. Meine Heimatstadt Belgorod liegt 68 Kilometer von Charkow entfernt, aber da gab es kaum Industrie, und die meisten Leute arbeiteten in Charkow. Ich trat als Elektroschweißer ins Turbinenwerk ein. Wir stellten Turbinen für Kriegsschiffe her. Natürlich wurde ich immer wieder überprüft, sie haben mich verhört und ich habe eine Menge Papiere ausgefüllt, aber ich habe immer gearbeitet, Schwerarbeit. Außer der Arbeit habe ich mich an nichts beteiligt.

Nach 37 Arbeitsjahren an einer Stelle, wegen Gesundheitsschäden fünf Jahre vorfristig, ging ich in Rente. Ich lebe allein, meine Frau ist vor drei Jahren gestorben. Ich habe einen Sohn, eine Schwiegertochter und einen erwachsenen Enkel, sehr gute Kinder. Meine Rente beträgt 170 Hriwna. Meine Gesundheit ist gut, ich beklage mich nicht.

Hoffen auf Wiedersehen mit Bekannten in Deutschland.

Sie fragen, ob ich mich an die Zeit in Deutschland erinnere. Natürlich habe ich Bekannte in Altenburg und in Altenhain, dort im Depot bei uns arbeiteten Zivilbeschäftigte aus den umliegenden Dörfern und aus den Städten Grimma und Brandis. Bei einigen Bekannten war ich auch zu Hause. Ich hoffe, dass sie noch leben.

Sie fragen, ob ich noch einmal nach Berlin kommen möchte. Ja, ich würde sehr gern kommen und die Veränderungen sehen. 1947 war ich einmal in Berlin, ich kam am Schlesischen Bahnhof an. Ich hatte Zeit, und es war nur eine Station bis zur Warschauer Straße. Ich fuhr zu dem Werk, in dem ich gearbeitet hatte, aber ich war nicht im Werk.

Als ich aus dem S-Bahnhof kam, sah ich meinen Meister, er ging zur Arbeit. Ich rief „Willi!“. Er hatte ein schlimmes Auge, vielleicht fehlte ihm das Auge auch. Er drehte sich heftig nach mir um, er sah mich nicht, aber er rief „Viktor!“ Er hatte mich an der Stimme erkannt. So trafen wir uns. In zwei Jahren hatte er meine Stimme nicht vergessen.

Auf Wiedersehen, Marina

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Der obige Text ist identisch mit dem in der gedruckten Dokumentation „Zwangsarbeit – Begegnungen mit ‚Ostarbeitern‘“. Zur besseren Lesbarkeit auf dem Bildschirm wurde er jedoch in kürzere Absätze aufgeteilt sowie mit Überschrift und Zwischenüberschriften versehen.

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