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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Wie es zu den Begegnungen kam.

Eberhard Radczuweit.

Im Sommer des Jahres 2000 besuchte eine junge Frau unsere Geschäftsstelle und fragte, ob KONTAKTE-KONTAKTbI e.V. mit einer Ausstellung die Schicksale von NS-Opfern in der Ukraine veröffentlichen könne. Es war die schon damals nicht mehr ganz unbekannte Marina Schubarth, deren unermüdlicher Einsatz für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Ukraine in den Medien Beachtung fand.

Keine Frage, ihre Bitte entsprach voll und ganz unserer Vereinsarbeit. So kam die gemeinsam gestaltete erste Ausstellung im Herbst des selben Jahres in das Berliner Rathaus: BERLINER INITIATIVEN FÜR „OSTARBEITER“.

Es folgte ein Offener Brief an den Regierenden Bürgermeister mit der Empfehlung, im Sinne der beispielhaften Aktivitäten vieler Vereine, Gruppen und Einzelner zu handeln, die sich für NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einsetzen. Während der Berliner Senat das Landesverwaltungsamt mit der Nachweisbeschaffung für NS-Zwangsarbeiter beauftragte, setzten wir unsere Ausstellungstätigkeit mit wechselnden Partnern fort. Hier sei vor allem der Arbeitsgruppe „Kirchenkampf und Zwangsarbeit“ der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg gedankt, mit der wir gemeinsame Ausstellungen in kirchlichen Einrichtungen erarbeiteten.

Zur wichtigsten Aufgabe wurde die unmittelbare Unterstützung vieler NS-Opfer in der Ukraine, denen trotz glaubhaft bekundeter Zwangsarbeit die offizielle Unterstützung aus Deutschland verweigert wird: ihnen fehlen amtliche Nachweise. Marina Schubarths Beziehungen zu ukrainischen NS-Opferverbänden und Selbsthilfegruppen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sind seither die Grundlage für unsere andauernde Unterstützung. Mit Spendengeld in der Tasche reisen unsere Mitglieder durch die Ukraine. Das Geld ist bitter nötig, es sichert für ein Weilchen das Überleben in einem Land, in dem die Renten kaum für das tägliche Brot reichen.

Jahrzehnte zum Schweigen verurteilt.

Bei der Auszahlung unserer Nothilfe werden wir stets zu Tisch gebeten und erfahren im Gespräch die Lebensberichte der alten Menschen. Sie hatten schweigen gelernt. Ihre traumatischen Erfahrungen in Deutschland mussten der Umwelt gegenüber verborgen bleiben. Denn Zwangsarbeit – vor allem in deutschen Rüstungsbetrieben – wurde der Kollaboration gleichgesetzt. Unter Stalin bedeutete das manchmal Lagerhaft und zumeist berufliche Benachteiligung. „Ostarbeiter“ litten in Deutschland unter extremem Rassismus, und nach der Befreiung waren es die eigenen Landsleute, von denen sie geächtet wurden. Schutz vor allgemeiner Diskriminierung ist das Schweigen. Welch seelische Verletzungen die Folge sind, ist offenkundig.

Einmal saßen wir im Februar bei Eiseskälte in der Bauernkate einer winzigen Frau gegenüber. Es gab nichts zu heizen, die Vorratskammer war leer bis auf eine Tüte Reis und Speck, den sie uns zum Abschied mitgab. Das Geschenk konnten wir nicht verweigern. Die Frau erzählte. Wir hörten vertraute Namen. Bombenangriffe auf Bochum, schutzlos, die Rheinwiesen, Gras gegessen vor lauter Hunger, Flucht, Stacheldraht. Und dann zu Hause, vom heimatlichen Dorf hatten die Deutschen keinen Stein auf dem anderen gelassen.

Das größte Glück, der alten Frau treibt es beim Erzählen die Tränen in die Augen: Sie fand ihre Schwester. Gemeinsam überwinterten sie in einer Erdhöhle. Arbeit im Zementwerk, es gab zu essen, Zukunft deutete sich an. Dann die Entlassung, der Chef hatte Wind bekommen von der Zwangsarbeit in Deutschland. Kein Mann wollte sie heiraten, diese „Ostarbeiterin“. So lebt sie bis heute allein in ihrer windschiefen Kate.

Die Erzählung dauerte lange, das zerfurchte Gesicht bekam dabei einen fröhlichen Ausdruck. Unser Besuch war für sie eine Befreiung: Nach über fünfzigjährigem Schweigen hatte sie anteilnehmende Zuhörer gefunden.

Briefe und Tonbandaufzeichnungen.

Sechs Tonbandaufzeichnungen von diesen Besuchen sind im zweiten Kapitel veröffentlicht.

Solidarität mit den noch lebenden NS-Opfern im Osten darf sich nicht auf anonym gezahlte Kompensationsleistungen beschränken, zumal das bürokratische Auswahlverfahren zwischen Antragsberechtigten und nicht Berechtigten viele betroffene Menschen beleidigt. Solidaritätsleistungen in barer Münze sind eine willkommene Nothilfe. Die Würde der Menschen, die diese entgegennehmen, sollte aber auf andere Weise respektiert werden.

Wir dürfen die Mühe nicht scheuen, uns trotz beschwerlicher Wege zu begegnen, einander zu besuchen oder zu schreiben.

Ein Brief aus Deutschland geht im ukrainischen Dorf durch viele Hände. Ein solch seltenes Schriftstück spricht sich herum. Jemand hat etwas aus dem Land der missbrauchten Jugendzeit bekommen, das Anteilnahme und Anerkennung ausdrückt. Marina Schubarth hat im Namen von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. Hunderte solcher Briefe geschrieben. Die Resonanz ist wohl beispiellos. Die vielen Antworten sind unschätzbare Dokumente der Zeitgeschichte und der Bewahrung menschlicher Kultur in schweren Zeiten. Acht Briefe aus der Ukraine sind im dritten Kapitel nachzulesen. Die Autorinnen und Autoren waren ab 1942 bis 1945 zur Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin.

Mit Hermann Nehls vom DGB und Peter Lind von der TRANSNET, Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, hatten wir beschlossen, ehemalige „Reichsbahner“ aus der Ukraine einzuladen. Warum gerade sie? Zehntausende Deportierte aus der Sowjetunion waren zu Gleisbauarbeiten eingesetzt worden, eine besonders harte und gefährliche Arbeit. Die Betriebs- und Gleisanlagen der Bahn waren bevorzugte Ziele der alliierten Bombenangriffe gewesen. Zu den Bunkern der deutschen Betriebsangehörigen gab es für „Ostarbeiter“ keinen Eintritt. Sie durften sich nur unzureichende Splittergräben schaufeln. Ihre Opferzahl ist nicht erfasst.

Bei der heutigen Deutschen Bahn AG gibt es wenig Hinweise auf diesen Teil der Betriebsgeschichte. So war es unsere Absicht, die ukrainischen Gäste als Zeitzeugen und Gesprächspartner mit der Eisenbahnerjugend zusammen zu bringen. Zum anderen wollten wir zusammen mit ihnen die Orte ihrer damaligen Arbeitseinsätze aufspüren, um „Plausibilitätserklärungen“ zu bewirken. Das sind amtliche Bestätigungen der Glaubhaftigkeit von Angaben der Antragsteller.

Als Ergebnis einer umfangreichen Korrespondenz waren acht Einladungen in die Ukraine an ehemalige Zwangsarbeiter/innen bei der Bahn verschickt worden. Vor allem sind wir einem Hamburger Mitglied von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. zu Dank verpflichtet, der mit einer Spende von 5000 Euro die Einladungen ermöglichte. Unser Dank gilt auch der Gastfreundschaft der ver.di-Jugendbegegnungsstätte in Konradshöhe. Wir bedanken uns bei der Journalistin Margit Miosga für ihre Mitwirkung und bei allen Helferinnen und Helfern, die unsere Gäste sieben Tage lang umsorgten. Unseren Dank an das Dienstleistungszentrum Bildung der Deutschen Bahn AG verbinde ich mit der Hoffnung, dass die Begegnung zwischen der Eisenbahnerjugend und ehemaligen Zwangsarbeitern bei der Bahn sich wiederholen möge.

Die Zeit läuft davon.

Es bleibt wenig Zeit übrig für Einladungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Deutschland. Mit zunehmendem Alter schwindet die Hoffnung vieler, zum Schluss noch einmal die Orte aufsuchen zu können, die unauslöschlich in der Erinnerung haften.

Begegnungen mit ehemaligen NS-Verfolgten in Ländern der ehemaligen Sowjetunion – und dazu zählen nicht nur Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – haben für beide Seiten einen besonderen Stellenwert. Der Kalte Krieg vernagelte Türen und Hirne. „Der Russe“ blieb für die westdeutsche Nachkriegsgeschichte bis zur Perestrojka das Feindbild. Für DDR-Bürger war es ein vorgesetztes Freundbild, eine massenhaft verordnete Freundschaft, die zum Widerspruch reizte.

Auf beiden Seiten wurde auf unterschiedliche Weise ein Teil der Geschichte ausgelöscht: Im Schatten der Heldenfiguren in West und Ost blieben Millionen Opfer des NS-Besatzungsregimes. Überlebende der Ghettos in Riga, Minsk, Beresouka nahe Odessa – die Aufzählung der Orte würde Seiten füllen – , Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und die riesige Zahl der „Ostarbeiter“. 50 Jahre lang wurden sie in West und Ost ignoriert. Dann kam die „Entschädigungs“-Debatte, mit der man die Betroffenen beschämte.

Sehnsucht nach Anerkennung.

Was empfindet ein Mensch, dem von Jugend an solchermaßen Unrecht geschah? Hass, Feindschaft, Rachegefühl?

Beim gegenwärtigen Diskurs über die Wurzeln des Terrorismus wäre dies vorstellbar. Aber das Gegenteil trifft zu. Ja, Verbitterung und Resignation sind zu bemerken. Aber dabei schwingt noch die Sehnsucht nach Anerkennung der eigenen Menschenwürde mit. Und wenn man dies bei einer Begegnung mit Gästen aus Deutschland spürt, bricht aus den alten Menschen heraus, was lange angestaut wurde. Emotionen werden frei, für die sie nur Ausdruck finden können, indem sie uns mit Freundlichkeiten überschütten.

Mögen diese Begegnungen sich wiederholen, solange noch Zeit ist!

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Der obige Text ist identisch mit dem in der gedruckten Dokumentation „Zwangsarbeit – Begegnungen mit ‚Ostarbeitern‘“. Zur besseren Lesbarkeit auf dem Bildschirm wurde er jedoch in kürzere Absätze aufgeteilt und mit Zwischenüberschriften versehen.

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