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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Ein Gespräch mit Marina Lipkowa und ihre Tochter Galina Koroljowa.
Die beiden waren die letzten ehemaligen Zwangsarbeiter, die wir an diesem Tage besuchten.
Können Sie sich noch daran erinnern, wie es war, als Sie deportiert wurden?
„Das war nicht nur einmal, das war dreizehnmal. Ich bin immer abgehauen. Man nimmt mich fest und bringt mich zum Beispiel in eine Sauna – und ich verschwinde aus der Sauna. Zweimal bin ich aus Lublin geflohen, in Polen … viele Male, ich bin immer weggerannt, ich wollte nicht nach Deutschland fahren.
Aber am 31. April 1943 ist nachts mein Mann gekommen. Er war in einer Partisanenabteilung. Er schlief ein paar Stunden, machte sich dann wieder zurecht und wollte gehen. Aber die Hausmeisterin hatte es gesehen und ging gleich zur Gestapo. Da kamen sie und nahmen mich fest. Das war zum dreizehnten Mal. Sie kamen also, zwei Polizisten, von den Unseren, keine deutschen Soldaten, sondern unsere Polizei, sie nahmen mich fest und brachten mich weg. Und haben mich nicht ausgefragt, nein – gleich in den Keller. Im Keller war ich dann 24 Stunden.“
Warum wurden sie von Ukrainern abgeholt?
„Sie arbeiteten als Polizisten bei den Deutschen. Es waren Freiwillige.
Sie brachten immer mehr Leute in den Keller. Am 1. April 1943 brachten sie uns, wir wussten überhaupt nicht wohin, von Station zu Station und schließlich in die Shitomirskaja. Dort war das Arbeitsamt. Sie guckten hier und sie guckten dort, aber niemand konnte mit mir etwas anfangen. So wurde ich nach Deutschland gebracht. Ich hatte nichts bei mir, nur mein Hemd am Leibe, sozusagen. Wir kamen in Viehwaggons, und wir wurden auch wie Schweine in diese Waggons verladen. Wir hatten etwas Stroh.
Ich war schwanger und wusste es aber nicht – er war nur für eine Nacht gekommen, und es war nicht klar, dass ich gleich schwanger werden sollte. Schließlich haben sie mich also bekommen, nach dreizehn Versuchen. Ich kann mich gar nicht mehr entsinnen, in welche Stadt.“
Dort haben Sie Ihre Tochter zur Welt gebracht? Hat man Ihnen geholfen?
„Niemand hat mir dort geholfen! Jedenfalls kamen wir nach Deutschland, unterwegs waren Bombenangriffe. Wir kamen an und wurden ausgeladen. Das war meiner Meinung nach in Fürstenberg. Dort war so ein Lager, ein großes Lager. Wir hielten uns hier anderthalb Monate in Quarantäne auf. Und nach der Quarantäne kamen wir jeden Tag zusammen mit anderen zu einer Art Arbeitsamt. Das war so ein Markt, wo die Bauern anreisten und sich Arbeiter aussuchten, aussuchten und dann bezahlten – ich weiß es nicht. Dort waren wir immer bis zum Abend.
Ich wurde auch ausgesucht, man hat mich aufgeschrieben. Sie haben uns auf ihr Dorf mitgenommen. Dort war ich, als sie ihren Sohn an der Front noch nicht erschossen hatten. Dort habe ich meine Tochter geboren. Und ich habe gearbeitet, die Kühe gemolken, alles, alles. Alles, was man von mir wollte. Aber das Kind störte sie. Meine Tochter war schon dreieinhalb, vier Monate alt. Da brachten sie sie ins Kinderheim. Und zwar so, dass ich es nicht bemerken sollte. Es war furchtbar. Sie gaben das Kind in einem Kinderheim ab, oder besser in einem Kinderlager. Dort waren wohl insgesamt 37 Kinder.
Ich wusste nichts, ich kam von der Arbeit. Ich stand und horchte, aber in meinem Zimmer war es ruhig. Und ich denke: ‚Vielleicht schläft sie schon, hat vielleicht die ganze Zeit geschrien und ist eingeschlafen.‘ So bin ich erst einmal die Kühe melken gegangen. Habe die Kälber gefüttert, habe den Schweinen Futter gegeben. Habe alles aufgeräumt und kam um fünf wieder zu Hause an und es war wieder ruhig. Da dachte ich: ‚Wirst du erst einmal essen.‘ Also habe ich Abendbrot gegessen. Wir haben alle an einem Tisch gesessen. Außer mir noch vier Franzosen, drei Polen und ein Belgier.
Wir aßen und dann bin ich wieder zurück zum Zimmer gegangen und habe nachgesehen. Meine Tochter war nicht da. Ich habe bei einer der Hausangestellten gefragt. Sie war gerade schwanger. Ich fragte: ‚Wo ist meine Kleine?‘ Sie sagte, sie wüsste es nicht. Wir sahen auf der Straße nach und da und hier. Sie war nicht da.
Die Haushälterin sagte, ich solle bei der Frau nachfragen. Die stand auf der Treppe. Ich ging hin und fragte: ‚Wo ist die Kleine?‘ Sie antwortete: ‚Im Kinderheim.‘ Und ich weiß selbst nicht mehr, wie mir geschah, jedenfalls habe ich sie gegriffen und an die Wand gedrückt. Ich habe sie stark geschlagen, drei- oder viermal mit dem Kopf gegen die Wand. Da kamen die Franzosen und die Polen und brachten uns auseinander. Die Polizei kam und nahm mich mit. Ich war dann sechs Monate in einem Lager in Bremen.“
War das ein Konzentrationslager?
„Nein, ein Straflager. Ich war dort sechs Monate, dann hat der Bauer mich wieder abgeholt. Ich war so dünn, dass ich nicht einmal eine Tasse Wasser in den Händen halten konnte. Ich kam auf dem Hof an, und meine Hofherrin sagte: ‚Warum hast du sie wiedergebracht? Wir können sie nicht mehr gebrauchen.‘ Aber der Herr sagte: ‚Sie nimmt wieder zu und wird gesund.‘ Und so bin ich bei ihnen geblieben und habe innerhalb eines halben Monats wieder zugenommen. Bald ging es mir besser, ich konnte wieder mit dem Fahrrad und mit dem Motorrad fahren.“
Warum hat Ihr Dienstherr entschieden, Sie wieder zu sich zu nehmen?
„Weil ich gut gearbeitet hatte. Er hatte mich damals ja auch ausgesucht. Er wusste, dass er mir das mit dem Kind hätte sagen sollen. Hätten sie nicht zu mir sagen können: ‚Maria‘, so haben sie mich dort genannt, ‚wir haben dein Kind ins Kinderheim gebracht.‘ Sie hätten mit mir reden können, weil ich sowieso einverstanden gewesen wäre. Weil es ja nicht mein Land war und diese Entscheidung auch nicht von mir abhing. Aber sie hatten mir nichts gesagt, und so ist das alles passiert.
Schließlich holte er mich wieder ab. In einem halben Monat hatte ich mich erholt und fing wieder an zu arbeiten. Wieder machte ich alles, was von mir verlangt wurde. Ich brachte auch die Milch zur Molkerei, zuerst mit dem Fahrrad und später mit dem Motorrad.
Einmal habe ich die Milch für die Molkerei auf das Motorrad geladen und bin losgefahren, um meine Tochter zu suchen. Und habe sie gefunden und bin dort gewesen. Die Leiterin war eine gute Deutsche. Sie war etwas beleibt. Sie sagte mir, ich solle bleiben, sie würde mir einen anderen Bauern in der Nähe suchen, und ich könnte meine Tochter regelmäßig besuchen. Sie fand auch einen Bauern, bei dem ich eine kurze Weile blieb.
Aber schließlich wurde ich wieder von der Polizei festgenommen. Und dann holte mich wieder der erste Bauer. Er hatte mehr für mich bezahlt. Er nahm mich wieder zu sich und dort blieb ich, bis der Krieg zu Ende war. Ich fuhr gleich zu meiner Tochter. Der zweite Bauer lud mich ein, bei ihm zu bleiben, zusammen mit meiner Tochter. Der Bauer und seine Frau Helga hatten selbst keine Kinder. Sie sagten zu mir: ‚Was unser ist, ist auch dein.‘ Aber ich wollte wieder in die Heimat. Heimat ist Heimat.
Schließlich bin ich nach Hause gefahren. Meine Eltern hatten dort gelebt, aber 1935 sind sie an Hunger gestorben. (weint) Der Vater war tot und die Mutter war tot. Und als ich zu Hause ankam, erfuhr ich, dass auch meine Schwester gestorben war. Ja, und so lebe ich. Was wollen Sie noch aus meinem Leben wissen?“
Genug, danke. Sie hatten so ein schweres Leben, aber sagen Sie, wem geben Sie die Schuld für all die Entbehrungen, die Sie ertragen mussten? Können Sie den Deutschen verzeihen?
„Ich kann die Deutschen nicht insgesamt verurteilen. Was kann ich Ihnen da antworten. Mich selbst haben meine Dienstherrschaften gut behandelt. Und ich habe auch fleißig gearbeitet, habe geputzt und die Kühe gemolken. Bin hier- und dorthin gefahren, alles, was man von mir wollte. Nur, dass sie meine Tochter einfach ins Kinderheim gegeben haben. Der zweite Bauer und seine Frau waren sehr gut zu mir. Sie haben mir geholfen.“
Die Tochter berichtet über eine Frau, die ihr als Kind das Leben rettete.
„Mutter hat mir erzählt, dass ich dank dieser jungen Frau, sie hieß Marta, am Leben geblieben bin, als ich damals krank war – sie ist mir eine zweite Mutter geworden. Ich habe später erfahren, was aus mir wurde, als ich meiner Mutter weggenommen und in das Kinderheim gebracht worden war. Lange Jahre nach dem Krieg konnten wir Marta durch die Mithilfe eines deutschen Historikers in Deutschland ausfindig machen.
Marta konnte sich erinnern, wie die Kinder in das Kinderheim gebracht wurden. Die kleinen Kinder. Der Arzt untersuchte die Kinder gleich, und wenn ein Kind krank war, wurde es woanders hin gebracht. Nur gesunde Kinder behielten sie da. Dann konnte sich Marta erinnern, dass da ein Arzt war, der zu Frau Gribinjuk, der Leiterin des Kinderheims, bei meiner Einweisung sagte: ‚Dieses da wird nicht am Leben erhalten.‘ Aber Frau Gribinjuk ging zu Marta und sprach heimlich mit ihr. In dem Gespräch, so sagte Marta später, hätte Frau Gribinjuk gesagt, sie solle mich erst einmal mit zu sich nach Hause nehmen. Und Marta hätte mich mitgenommen. Und dann, als der Arzt weg war, haben Marta und Frau Gribinjuk mich gepflegt.“
Haben Sie die beiden Frauen später noch einmal wiedergesehen?
„Marta konnten wir mit Hilfe des Historikers ausfindig machen. Wir haben sie in Deutschland besucht. Sie hat mir das Grab von Frau Gribinjuk gezeigt. Jetzt habe ich zu Marta keinen Kontakt mehr. Sie spricht kein Russisch, und mit den ständigen Übersetzungen ist es zu teuer und zu kompliziert. Ich habe Marta noch einmal geschrieben, aber keine Antwort mehr erhalten.“
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Der obige Text ist identisch mit dem in der gedruckten Dokumentation „Zwangsarbeit – Begegnungen mit ‚Ostarbeitern‘“. Zur besseren Lesbarkeit auf dem Bildschirm wurde er jedoch in kürzere Absätze aufgeteilt und mit einer Überschrift versehen.
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