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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Ohne Unterlagen erhalte ich keine Entschädigung.

Brief von Galina I. Lartschenko.

30. Januar 2002

An den Verein KONTAKTE-KOHTAKbI e.V., Berlin, von der Ostarbeiterin Galina Iwanowna Lartschenko, wohnhaft in der Stadt Sewastopol, Ukraine – Krim

Ich habe Ihren Brief am 28. Januar 2002 erhalten, ich war zu Tränen gerührt. Für Ihre Aufmerksamkeit danke ich Ihnen. Nun antworte ich auf Ihre Fragen:

  1. Dokumente, die meine Arbeit beim Waggonausbesserungswerk bestätigen, habe ich nicht erhalten, obwohl ich zweimal an den Bürgermeister der Stadt Berlin, an das Rote Kreuz, irgendein Archiv (die Adresse weiß ich nicht mehr), an die Versicherung, an den Internationalen Suchdienst in Arolsen, und dann noch durch einen Juristenverband an den Opferverband ehemaliger minderjähriger Opfer des Faschismus geschrieben habe.
    Alle meine Anfragen wurden an den Internationalen Suchdienst in Arolsen weitergeleitet, von wo ich eine negative Antwort erhielt. Außer einem Schreiben des Opferverbandes habe ich keine richtige Antwort erhalten, vielleicht war Ihr Brief die Antwort. Die Frist für die Antworten war 2–3 Monate.
  2. Den Antrag auf Entschädigung habe ich am 28.03.2001 an die Stiftung „Gegenseitige Verständigung und Versöhnung“ gestellt.
  3. Eine Entschädigung habe ich nicht bekommen, außer der allerersten im Jahr 1996.

Meine Geschichte in Deutschland:

Im Jahr 1942 wurde ich mit meinem älteren Bruder nach Deutschland verschleppt. Ich war damals 15 Jahre alt. In Güterwagen brachte man uns nach Deutschland in irgendein Verteilungslager, wo man unsere Fingerabdrücke nahm und alles andere. Man stellte eine Gruppe zusammen, darunter war auch ich, und führte uns mit Polizei zu einem Bahnhof. Von dort aus sollten wir in irgendeine Stadt, aber nicht nach Berlin, fahren. Aber ich stieg mit meiner Schulfreundin in den falschen Wagen, die Tür schloss sich plötzlich (es war die Berliner S-Bahn) und wir fuhren ab.

Ein Gendarm holte uns aus dem Zug, rief irgendwo an und brachte uns zu einem Arbeitsamt in Berlin. (Die anderen waren mit den Polizisten auf dem Bahnhof geblieben und fuhren zu einer Fabrik in einem anderen Ort.) Vom Arbeitsamt brachte man uns zum Waggonausbesserungswerk in Berlin.

Zwangsarbeit in einer Berliner Großküche.

Dort stellte man uns zu 100 auf und schickte uns zu verschiedenen Arbeiten. Wir sechs, drei Russinnen, zwei Polinnen und eine Französin, kamen in die Großküche dieser Fabrik, wo wir Kartoffeln schälen, die Böden schrubben, das Gelände aufräumen, Lastautos abladen mussten. Alles, was man uns befahl. Ich erinnere mich noch, dass eine alte deutsche Frau mir heimlich gestopfte Socken mitbrachte, für die ich ihr bis heute dankbar bin. Sie war sehr lieb.

Die Küche war groß und schön. Ich erinnere mich, wie Kriegsgefangene mit Fässern für die Suppe kamen oder für sich kochten. Das Werk befand sich neben der Bahnlinie und in der Nähe eines Bahnhofs. Wie ich mich erinnere, befand sich neben dem Hintereingang des Betriebs ein Stellplatz für die Fahrräder der deutschen Arbeiter.

Ich erinnere mich, dass es ein Konzert für die deutschen Arbeiter gab. Wir gingen nicht hin, wir haben nur gehört, wie eine Deutsche davon erzählte. Sie sagte auch noch, das war kurz vor dem Einmarsch unserer Armee, Hitler habe den Befehl gegeben, alle Lager mit den Menschen zu schließen und zu verbrennen. Gott sei Dank ist das nicht geschehen.

Bild von Galina I. Lartschenko

Die Stadt wurde fürchterlich bombardiert. Ich weiß noch, mitten im Werk stand ein Bunker auf der Erde wie ein Haus, nicht unter der Erde. Alle Deutschen liefen bei Alarm dorthin, uns ließen sie nicht. Einmal schlug eine Bombe direkt in die Küche ein, dann wurde die Küche in einer Werkhalle untergebracht und die Kessel dorthin geschafft. Als die Front sich näherte, flohen die Deutschen, nur die Feuerwehr blieb. Eine Polin und ich kamen ins Lager. Von dort wurden wir in den Betrieb gebracht, um Wasser für die Feuerwehrleute zu kochen. Zurück ins Lager kamen wir nicht, da war schon die Front.

Wir blieben im Werk, und als die Deutschen weg waren, konnten wir uns im Bunker vor den Bomben verstecken. Wir schliefen auch dort. So blieben wir Gott sei Dank am Leben. Ende April 1945 befreite uns die Rote Armee direkt im Werk.

Ich wohnte in den Lagern Grunewald und Tempelhof. Das Lager Grunewald befand sich direkt neben dem Bahnhof Grunewald. Ich weiß noch, wie wir uns im Bahnhofstunnel versteckten. Wenn wir das Lager verließen, hatten wir den Aufnäher OST am Ärmel. Ich erinnere mich, dass wir abends manchmal an den Grunewaldsee gingen. Außer Grunewald kenne ich noch Tempelhof, Spandau, Unter den Linden und die Spree. Dort war ich nicht, habe nur davon gehört.

Als das Lager Grunewald ausgebombt wurde, kamen wir in das Lager Tempelhof, das lag direkt neben dem Betrieb. Wir gingen zu Fuß hin. In diesem Lager waren Polinnen, Tschechinnen, Jugoslawinnen und in unserer Baracke wir Russinnen. Daneben befand sich ein freies Feld mit Unterständen, in denen wir uns verstecken konnten. Fern am Horizont standen große Wohnhäuser. Sie wurden von Bomben zerstört, das war alles zu sehen.

Um zu bestätigen, dass ich in dem Werk war und gearbeitet habe – dieser Bunker blieb unbeschädigt, vielleicht steht er noch heute. Das Werk war fast zur Hälfte zerstört, vielleicht ist es wiederaufgebaut worden. Ich weiß nicht, wie viele Waggonausbesserungswerke es in Berlin gibt, aber das in Tempelhof befand sich neben dem Lager, in dem ich wohnte. Ich bin mit meiner Freundin zu meinem Bruder ins Siemenslager gefahren, wo er gewohnt und gearbeitet hat. (Leider ist er nicht mehr am Leben.)

Ich hatte einen Ausweis, den ich aber nicht aufgehoben habe. Ich habe mich auch nicht darum bemüht, denn nach dem Krieg wurden wir verfolgt (Stalin), und ich habe auch nicht immer zugegeben, dass ich in Deutschland war. Schließlich hat die Gerechtigkeit triumphiert, und man erweist uns humanitäre Hilfe.

„Irgendwo muss mein Name stehen“.

Aber wo ist die Gerechtigkeit? Es ist nicht meine Schuld, dass ich keine Entschädigung bekommen kann, weil ich keine Dokumente über meine Arbeit in Deutschland habe. Kann das nicht die internationale Fahndung herausfinden? Ich habe doch drei Jahre dort gearbeitet, irgendwo muss mein Name stehen – in den Lagern, im Betrieb, auf dem Arbeitsamt oder anderswo.

Nach Hause bin ich mit einem Treck und zu Fuß gekommen, habe Vieh getrieben, fünf Monate lang. Zu Hause war nichts mehr da, außer meinem achtjährigen Schwesterchen, das der Kolchos aufgenommen hatte. Meinen Vater hatten die Deutschen 1943 erschossen, die Mutter ist vor Kummer gestorben. Mein Bruder wurde noch zeitweilig zur Armee eingezogen. 1952 fuhr ich mit meiner Schwester nach Chabarowsk zu einer Tante, 1954 dann nach Kamtschatka. Dort habe ich bis zur Pensionierung gewohnt und gearbeitet, 1984 bin ich nach Sewastopol gekommen.

Auf Kamtschatka habe ich die 10. Klasse abgeschlossen und Verkäuferin gelernt. Ich war Deputierte des Gebietssowjets von Kamtschatka. Ich wurde mit dem „Ehrenzeichen“ und als „Veteran der Arbeit“ ausgezeichnet. Die Zeiten haben sich geändert, ich erhalte eine Rente von maximal 129 Hriwna. Ersparnisse habe ich keine, nicht einmal für den „schwarzen Tag“.

Ich schicke Ihnen Fotos aus jenen Zeiten. Danke im voraus für eine positive Antwort.

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Der obige Text ist identisch mit dem in der gedruckten Dokumentation „Zwangsarbeit – Begegnungen mit ‚Ostarbeitern‘“. Zur besseren Lesbarkeit auf dem Bildschirm wurde er jedoch in kürzere Absätze aufgeteilt sowie mit Überschrift und Zwischenüberschriften versehen.

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