Direkt zum Navigationsmenü.
KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Ein Gespräch mit Boris Kalaschnikow.
Boris Kalaschnikow (75) hatte schon am Vortag auf uns gewartet, mit vielen seiner Freunde, er hatte gekocht und wollte uns „wie es sich gehört“ empfangen. Wir wussten es nicht und es tat uns leid, wegen Boris und auch wegen uns selbst, die wir uns auf einen Nachmittag mit ihm und seinen Freunden gefreut hätten. Boris war mit 13 Jahren in ein deutsches Arbeitslager gekommen und ist von dort immer wieder ausgerissen. Einmal hat man ihn dafür so geschlagen, dass sein Rücken für immer beschädigt blieb.
Boris Kalaschnikow ist nicht nur einmal dem Tod entronnen. Mal schaffte er es allein, mal mit Hilfe von Freunden. Er wurde Zeuge der Bombardements auf Bremen, seine Aufgabe war es, die Toten von den Straßen einzusammeln. Nach der Befreiung durch die westlichen Alliierten stahl er ein Fahrrad und wollte zurück in die Heimat. Unterwegs wurde das Fahrrad von einem Amerikaner konfisziert, einem Schwarzen – so einen hatte Boris Kalaschnikow bis dahin noch nie gesehen. Vor zwei Jahren besuchte Boris Deutschland und fand den Ort seiner Deportation, die Tochter seines ehemaligen Dienstherrn erkannte ihn.
„Wiktor Iwanow aus Leningrad und Nikolai Kalunitsch aus Nowosibirsk und ich. Wir sind zu dritt geflohen, wir hatten Durst. Wir saßen im Waggon. Er war verschlossen. Haben wir das Fenster geöffnet und sind ausgerückt.“
Wohin wollten Sie denn?
Irgendwohin. Wasser holen. Wir waren ja schon fast gegrillt.“
Ach so, Sie wollten trinken?
„Trinken wollten wir. Wir hatten ja nichts gegessen und nichts getrunken. Wir sind geflohen, und mich hat man gefangen. Man brachte mich auf die Polizeistation. Sie haben mich gefesselt und geschlagen. Dabei haben sie mir die Nieren zerschlagen, und nun bin ich Invalide zweiten Grades. Da kann man nichts machen.“
Sind Sie ins Krankenhaus gekommen?
„Nein, sie haben mich geschlagen und dann gleich in ein Lager gebracht. Ich wusste vorher nicht, was das ist. Ich war ja noch ein Junge.“
Und bei dem Bauern, wo Sie waren, da waren Sie noch im Lager?
„Nein, das war nach dem Lager, als der Betrieb zerstört war, in dem ich arbeiten musste. Das war, als wir in der Stadt Trümmer wegräumten. Verstehen Sie? Und dann haben wir Eisenbahngleise repariert. Man hat uns in der Landwirtschaft arbeiten lassen. Zur Ernte.“
Dorthin hat Sie die Stadtverwaltung geschickt?
„Die Bauern sind gekommen und haben uns ausgesucht. Zu zweit, zu dritt haben sie uns genommen. Bei den einen waren wir eine Woche, bei anderen zwei Wochen. Aber bei einem Bauern war ich wahrscheinlich anderthalb Monate.“
Das heißt, Sie waren im Lager und dann kamen die Bauern und haben Sie zur Arbeit mitgenommen?
„Ja, sie kamen ins Lager und haben ein paar Mann ausgesucht.“
Und dieser Bauer, bei dem Sie anderthalb Monate lebten, hat Sie normal behandelt?
„Er hat uns gut verpflegt. Ich war ja erst 14 Jahre alt. Ich war der Jüngste.“
Aber wie konnten Sie dort arbeiten, wenn Ihr Rücken kaputt war?
„Davon habe ich niemandem etwas gesagt. Ich war ja kräftig. Die großen Probleme habe ich jetzt. Ich habe zwar etwas gehinkt. Da kann man nichts machen.“
Und warum kamen Sie immer wieder ins Lager zurück?
„So war die Regel. Das war immer nur Zeitarbeit. Wir haben immer eine bestimmte Zeit lang gearbeitet. Ob das Verträge waren oder was, ich weiß nicht, wie die Absprachen waren. Von dem letzten Bauern wäre ich freiwillig natürlich nicht weggegangen.“
Bei dem Bauern waren Sie allein?
„Nein, dort war auch ein Pole und ein Deutscher. Der war Invalide und hat sich um die Kühe gekümmert. Der Pole hat die Pferde versorgt. Und ich war bei den Schweinen. Ich habe drei Mal am Tag die Schweine gefüttert. Morgens, mittags und abends. Mit gekochten Kartoffeln, die ich zerstampfte. Und am Tage war ich auf dem Acker. Wir haben mit Pferden gepflügt oder gedüngt. Verstehen Sie?“
Erzählen Sie bitte noch einmal, wie das war, wenn die Bauern Sie ausgesucht haben.
„Alle mussten sich auf dem Platz aufstellen. Alle. In der Mitte des Lagers. Und der Bauer ging hin und her und sagte: ‚Du, komm her!‘ Dann musste man die Hose runterziehen, und er beguckte den Hintern. Und er hat dich ausgesucht oder nicht. Nach welchen Merkmalen sie die Leute ausgewählt haben, weiß ich nicht. Und wer nicht ausgewählt wurde, musste zurück in die Gruppe gehen.“
Auch der letzte Bauer, bei dem Sie anderthalb Monate waren, hat Sie so ausgesucht?
„Ja. Auch er hat mir auf den Hintern geguckt. Ein guter Hintern – du bist ausgewählt – kein guter Hintern – zurück in die Reihe. Das hat nicht so lange gedauert.“
Und wie hat man Sie im Lager behandelt?
„Im Lager war es so. Ich lebte im Lager und arbeitete beim Volkswagenwerk. In der mechanischen Werkstatt. Am Anfang Transportarbeiten. Ich hatte einen Wagen und musste Metallteile aufladen, den Wagen dann wegfahren und abladen. Aber als das Werk zerstört war, kamen wir hin, um aufzuräumen.“
Als Sie im Lager lebten, wo haben Sie geschlafen und wie waren die Umstände?
„Miserabel. In der Baracke war ein großer Saal mit Doppelstockbetten. Ich habe unten geschlafen. Dort war ein Strohsack und weiter nichts. Morgens um sechs Uhr wurden wir geweckt. Wir gingen zur Brotkammer, bekamen ein Stückchen Brot und eine Tasse warmes Wasser. Das war das Frühstück. Dann kam die Straßenbahn und brachte uns zum Werk. Im Werk sagten sie am Anfang, was wir machen sollten, aber bald kannte jeder seine Aufgabe und ging selbst zu seinem Arbeitsplatz. In den Werkstätten arbeiteten wir bis zum Abend.“
Im Werk hat man Ihnen nichts zu essen gegeben?
„Nein, wir wurden nicht verpflegt. Wir arbeiteten bis sechs Uhr abends, räumten unsere Arbeitsplätze auf und gingen wieder zur Straßenbahn. Die Straßenbahn fuhr zurück ins Lager. Dort gab es einen russischen Polizisten. Iwan Strelzow. Ich werde ihn nie vergessen. Er war so streng und grausam.“
Und wie ist er dorthin gekommen?
„Ich weiß nicht, als wir ankamen, war er schon da. Wenn wir uns wieder alle in der Mitte des Lagerplatzes in einer Reihe aufstellen mussten, gab er jedem einen halben Liter Suppe, warmes Wasser mit Kohlrübenstückchen. Weiter nichts. Wir haben das gegessen und sind dann schlafen gegangen.
Ansonsten, wenn wir von der Straßenbahn zum Werk gingen, standen am Straßenrand Mülltonnen. Darin konnten wir ab und an etwas Essbares finden. Später hat man uns das verboten.“
Haben Sie im Lager noch Verwandte oder Freunde gehabt, die Sie von früher kannten?
„Nein, ich war allein.“
Wie sind Sie überhaupt in die Gefangenschaft geraten, wo haben Sie vorher gelebt?
„In Charkow, am Pferdemarkt. Wir gerieten im Winter, im Januar, in eine Razzia.“
Wie das?
„Da kamen deutsche Polizisten oder Soldaten.“
Ach, das war zu Kriegsbeginn?
„Ja, im Jahre 1942. Der Krieg hatte 1941 begonnen. Es war im Januar 1942. Wir gerieten in diese Razzia. Die Frauen und die Alten hat man abgesondert. Aber solche wie ich, so 13 Jahre alt, wir waren 42 Mann.“
Charkow wurde schon 1941 eingenommen?
„Ja, im Dezember 1941.“
Und wie war das, können Sie sich noch erinnern?
„Winter. Viel Schnee. Ich wohnte am Stadtrand von Charkow. Plötzlich sahen wir eine Einheit deutscher Soldaten, die kamen zu unserem Platz. Das Volk strömte zusammen, wir sahen uns an und lächelten uns sogar zu. Widerstand oder Prügeleien gab es keine. Sie marschierten weiter. Nach ihnen kamen Soldaten auf Fahrrädern, wieder andere Soldaten und schließlich die Panzer. Dann kam die große Masse von deutschen Soldaten und Offizieren. Sie haben gleich ihre Ordnung eingeführt. Es wurden viele festgenommen, aber uns rührte man nicht an. Kindern und Frauen hat man nichts getan. Aber die Männer wurden alle genau verzeichnet.
So lebten wir dann, aber essen wollte man ja auch. Und nirgends hat dir jemand etwas gegeben. Vorräte waren keine mehr da, und so haben wir uns das selbst organisiert.“
Durften Sie frei arbeiten?
„Was für Arbeit? Es gab keine Arbeit. Die Deutschen haben alles unter sich abgemacht, und wir haben für uns gesorgt. Arbeit gab es keine. Wir haben einen Markt organisiert, sind von Dorf zu Dorf gezogen und haben angefangen, Sachen zu verkaufen. Die Deutschen hatten damit nichts zu tun – sie waren gut versorgt. Aber in der Stadt gab es nichts zu essen, kein Fleisch. Also gingen wir aufs Land und holten Getreide, Mehl, Rüben, Kartoffeln und so weiter. Und dann organisierten wir den Markt und tauschten – Brot für einen guten Anzug.
Einmal kamen zwei junge Deutsche. Sie gaben mir Zigaretten. Ich sollte die Zigaretten für sie in Eier umtauschen, sie wollten Eier haben. Ich wusste schon, wer Eier verkaufte. Dem gab ich die Zigaretten, bekam dafür Eier und brachte sie den beiden Deutschen. Oder die Deutschen gaben uns Feuersteine und wir machten Feuerzeuge. Manchmal tauschten wir auch mit den Deutschen Feuerzeuge gegen Sacharin, Zigaretten oder Brot.“
Ich war nie in einer solchen Situation. Aber was haben die Leute gedacht, haben sie darauf gewartet, dass die eigene Armee zurückkehrte? Oder dachten sie, dass sie immer unter deutscher Besatzung stehen würden?
„Nein, es kamen immer mehr deutsche Soldaten. Wir hatten überhaupt keine, nicht die geringste Information. Kein Radio, nichts.“
Aber worauf haben Sie gehofft?
„Wir haben wie in einem Märchen gelebt. Wir wussten nicht, was mit uns wird. Und wie gesagt, eines Tages im Januar hörte ich, dass sie Razzien machten, aber wegen der Männer und Untergrundleute. Dieses Mal geriet ich aber selbst in eine Razzia“
Stimmt es, dass einige Ukrainer den Einmarsch der Deutschen begrüßt haben?
„Soweit ich weiß, nicht. Es kann sein, dass das irgendwo passiert ist, aber ich habe selbst so etwas nicht erlebt. Vielleicht in der Westukraine. Vor meinen Augen nicht. Ja, sie haben uns unter Bewachung auf Autos verladen und zum Bahnhof gebracht. Die Züge standen schon bereit.“
Ich habe gehört, dass es unter der deutschen Besatzung am Anfang Aufrufe zu freiwilliger Arbeit gegeben hat. Dass Plakate aufgehängt wurden?
„Ich habe so etwas nicht gesehen.“
1942 wurden alle zusammengetrieben und nach Deutschland deportiert?
„Nicht alle, es wurden nur einige ausgewählt von denen, die bei der Razzia eingekreist wurden. Aber Frauen, Alte und ganz kleine Kinder hat man nicht angefasst. Aber mich ließen sie nicht mehr frei, auch als einige mich beschützen wollten und auch als meine Mutter kam. ‚Nicht so schlimm. Er fährt nach Deutschland und wird dort Kühe melken. Er wird es dort leichter haben als hier‘ – das haben die Deutschen zu ihr gesagt.“
Haben Sie versucht, zu Ihrer Mutter zu kommen?
„Nein, sie ist zu mir gekommen. Mich hat man nicht mehr hinausgelassen. Wir waren alle eingezäunt. Nach zwei Tagen wurden wir in Waggons verladen und fuhren ab, ungefähr sechs Tage bis nach Deutschland. Wir kamen in Deutschland frühmorgens in einem Lager an. Wir wurden ausgeladen. Aber da waren schon eine Menge Kriegsgefangener und auch ziviler Leute. Sehr viele Menschen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie dieses Lager hieß.“
Und wie war das?
„Ich weiß nicht. ich war noch ein Kind. Ich habe wenig verstanden. Mir war es egal. Alles, was man mir gesagt hat, habe ich getan. Ich verstand nichts. Dann nach einigen Tagen verlud man uns wieder in Güterwaggons, brachte uns nach Bremen und von dort in ein Lager. Am nächsten Tag ging es schon zum Werk.“
Unter den Lagerinsassen – wie war die Beziehung, und haben Sie daran gedacht, zu fliehen? Haben Sie sich sehr gefürchtet?
„Ich war 13 Jahre alt. Von den Älteren wurde ich fortgejagt.“
Es gab also eine innere Lagerstruktur?
„Ja. Was aber da unter den Erwachsenen war, Gespräche, Organisationen, Widerstand, weiß ich nicht. Uns Kinder hat man nicht einbezogen. Warum – weil wir überleben sollten und sie selbst auch. Wenn man uns verhört hätte, wäre das gefährlich geworden. Deshalb vertraute man uns Kindern auch nichts an. Insgesamt waren wir in meinem Alter ungefähr 120 Kinder. Genau weiß ich es nicht mehr, aber auf jeden Fall waren wir über 100. Ja tagsüber arbeiteten wir und abends waren wir in unseren Baracken. Einige haben Karten gespielt, mit Einsatz, zum Beispiel Uhren. So war das jeden Tag.“
Mich interessieren besonders solche Momente, wenn sich plötzlich und unerwartet die Lage verändert. Können Sie noch erzählen, wie es war, als Sie befreit wurden? Sie wurden wohl von den Amerikanern befreit? Haben Sie im Lager gesessen, oder waren Sie in der Fabrik?
„Das war meiner Meinung nach im Frühjahr 1945. Man hat uns an den Sonntagen schon aus dem Lager herausgelassen. Sonntags arbeiteten wir nicht. Es war Feiertag.“
Warum mussten Sie sonntags nicht arbeiten, wollte man nicht, dass Sie zu schwach werden?
„Weil die Betriebe kaputt waren. Es gab nichts mehr zu arbeiten. Das einzige, was wir zu tun hatten – wir mussten gruppenweise die Straßen von den Trümmern frei räumen, damit die Autos und die Leute durchkamen. In der Stadt sind ja auch deutsche Bürger umgekommen. Wir räumten auch die Leichen von den Straßen. Und es wurden Kantinen organisiert. An den Sonntagen. Für 70 oder 80 Pfennig konnten diejenigen von uns, die etwas Geld hatten, Essen kaufen.“
Wie kamen denn die Lagerinsassen zu dem Geld?
„Das hatten sie sich auf unterschiedliche Art und Weise von der deutschen Bevölkerung beschafft. Vielleicht hatten sie Uhren verkauft oder so etwas, oder sie haben für bestimmte Arbeiten Geld bekommen, oder Leute, die helfen wollten, hatten ihnen etwas zugesteckt. So haben sie über die Zeit etwas Geld gespart, zwei Mark, drei Mark. Wenn man fünf Mark hatte, war man schon ein reicher Mann. Und die gingen dann in die Kantine.
Aber Sie haben gefragt, wie uns die Amerikaner befreit hatten. Also: Wir waren in Wesermünde. An der Nordsee. Wir waren dorthin geschickt worden, um Bunkeranlagen zu bauen. Wir haben solche Türme gebaut, für die Waffen. Und nach der Arbeit waren wir wieder in einem Lager untergebracht, in einem Lager der deutschen Luftwaffe. Flieger gab es schon keine mehr. Dafür waren dort viele Gefangene: Russen, Ukrainer, Polen, Belorussen, Franzosen, Jugoslawen, Italiener – alle Nationalitäten. Dort bekamen wir früh zu essen, das Mittagessen brachte man uns an den Strand und Abendbrot gab es wieder im Lager.“
Man hat Sie besser verpflegt, damit Sie besser arbeiten?
„Nein, es war schon zu spüren, dass es bald vorbei sein würde. Wenn man gut arbeitete, passierte einem nichts, wenn man schlecht arbeitete, wurde man geschlagen. Aber es war schon so eine Atmosphäre, dass bald der Krieg zu Ende sein würde. Und eines Tages wurden wir nicht mehr zur Arbeit geschickt, sondern viele auf Schiffe verfrachtet. Aber ich habe nicht mitgemacht.
Wir hatten da so eine kollektive Toilette. Davon gingen dicke Rohre weg. Und ich bin in eines dieser Rohre geklettert und habe mich dort versteckt. Es gab nämlich Gerüchte, dass die Boote mit den Gefangenen auf See versenkt werden sollten. Da dachte ich lieber hier zu sterben als dort und bin in diese Toilette gestiegen. 24 Stunden war niemand da, ich saß dort. Allein.
Am zweiten Tag hörte ich bekannte Stimmen. Ich hörte, wie sich Italiener unterhielten und sagten, die Deutschen seien weg und die Amerikaner nicht weit. Es dauerte auch nicht lange. Am nächsten Tag waren die Amerikaner da, und ich stieg aus meinem Rohr. Wir waren frei. Einigen boten die Amerikaner an, nach Amerika zu fahren. Aber ich bin mit dem Fahrrad gleich zu meinem ehemaligen Bauern gefahren. Zuerst fuhr ich nach Bremen und von dort nach Verden. Dort nahmen sie mich auf.“
Wahrscheinlich hat man Sie aber nicht erwartet?
„Nein, erwartet haben sie mich nicht, aber gut aufgenommen trotzdem. Sie haben ein Abschiedsessen gegeben und ich habe mich von ihnen verabschiedet. Dann bin ich mit dem Fahrrad weiter.“
Hat Sie Ihr ehemaliger Bauer so höflich aufgenommen, damit man ihm nicht vorwerfen konnte, er habe Zwangsarbeiter ausgebeutet?
„Als ich bei dem Bauern ankam, gab es keine Macht mehr. Einige Zwangsarbeiter haben trotzdem bei ihren Bauern weitergearbeitet. Einige von ihnen kannte ich und redete mit ihnen. Sie sind geblieben. Aber ich bin mit meinem Fahrrad in Richtung Osten gefahren. Unterwegs bin ich auf Amerikaner gestoßen. Sie überprüften alle Männer. Ich habe aber gesagt, dass ich kein Deutscher, sondern ein Russe bin. Ungefähr drei Stunden war ich bei ihnen, dann sollte ich in einen Bus steigen. Sie brachten mich an einen Ort, wo schon mehrere von meiner Sorte waren. Dann brachten sie uns zur Elbe und übergaben uns den sowjetischen Truppen.“
Und wie sind Sie letztlich zurück in die Heimat gekommen?
„Als ich nach Charkow kam, war alles zerstört, alle Betriebe und die Häuser. Meine Mutter und meine Schwester lebten noch, mein Vater war gefallen. Meine Mutter arbeitete als Zugschaffnerin. Meine Schwester ist jünger als ich. Sie war zu Hause. Ich habe dann auch gearbeitet, denn es gab viel Arbeit, die erwachsenen Männer waren ja noch nicht alle zurückgekehrt. Ich habe als Lastenträger gearbeitet.“
Mit Ihrem kranken Rücken?
„Ja, da konnte ich nichts machen. Ich wollte ja essen. Nur wer arbeitete, bekam jeden Tag 700 Gramm Brot. Wer nicht arbeitete, nur 250 Gramm. Ich bekam 700, meine Mutter 700 und meine Schwester 250. Das hat uns gereicht. Wir hatten noch einen kleinen Garten. Bald bin ich wieder zur Schule gegangen und habe eine Schweißerausbildung absolviert. Dann habe ich auch als Schweißer gearbeitet. Mittlerweile bekam ich 900 Gramm Brot am Tag. Später wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Für diese Lebensmittelkarten gab es dann auch Fisch und ein kleines Stück Fleisch, ein bisschen Butter. Aus unserem Gärtchen hatten wir Kartoffeln.“
Sie haben berichtet, dass Sie nach der Befreiung zu dem Bauern zurückkehrten, bei dem Sie arbeiten mussten. Hielten Sie die Deutschen nicht für schuldig an Ihrem schweren Los?
„Ich bin kein nachtragender Mensch.“
Und wie denken Sie heute? Gibt es noch eine Schuld der Deutschen an Krieg und Deportation? Wer trägt die Schuld?
„Das ist eine sehr schwere Frage. Die Systeme sind immer sehr verworren. Damals habe ich davon noch nicht viel verstanden. Heute beginne ich, näher darüber nachzudenken. Ich habe gesehen, wie die Leute damals in Deutschland lebten, und ich weiß, wie die Leute heute bei uns leben. Ich möchte leben, damit ich ein kleines Stückchen der Geschichte bin. Und deshalb habe ich mein kleines Museum angelegt. Ich habe schon etwas Material gesammelt. Ich schreibe hier und dort hin. Einiges hat man mir schon geschickt.“
****
Der obige Text ist identisch mit dem in der gedruckten Dokumentation „Zwangsarbeit – Begegnungen mit ‚Ostarbeitern‘“. Zur besseren Lesbarkeit auf dem Bildschirm wurde er jedoch in kürzere Absätze aufgeteilt und mit einer Überschrift versehen.
![]()
Zurück zum Seitenanfang.