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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Ehemalige NS-Zwangsarbeiter zu Besuch in Berlin.

Ukrainische Gäste überraschten durch Freundlichkeit und Offenheit.

Ein Bericht von Eberhard Radczuweit

Die Mitglieder von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. meinten bei der Gründung dieses Vereins, dass es nur dann ehrliche Beziehungen zwischen Deutschland und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion geben wird, wenn die Deutschen die Verbrechen des Krieges gegen die Sowjetunion nicht vergessen und verdrängen.

So begann KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. zum 50. Jahrestag mit seiner Arbeit: Im Juni 1991 gab es in Berlin die deutsch-sowjetische Historikerkonferenz über „Ursachen, Opfer und Folgen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion“.

Seit dieser Zeit widmen wir den Opfern des Krieges unsere Aufmerksamkeit. Zum Beispiel dokumentierten wir das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Lettland mit einer großen Ausstellung im Deutschen Bundestag.

So fand Marina Schubarth bei KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. offene Ohren, als sie vor zwei Jahren um die Unterstützung ihrer Arbeit bat. Der Verein hat mehrere Berliner Ausstellungen über die Schicksale der sogenannten „Ostarbeiter“ in der Ukraine organisiert.

Wir baten mit Marina Schubarth zusammen die deutsche Bevölkerung um Hilfe für die NS-Opfer in der Ukraine. Wir konnten bisher rund 170 000 DM an ehemalige Zwangsarbeiter in der Ukraine geben, die besonders hilfsbedürftig sind.

Ein Hamburger Mitglied des Vereins spendete 10 000 DM, damit wir aus der Ukraine ehemalige NS-Zwangsarbeiter einladen können.

An wen sollten die Einladungen geschrieben werden? Vielleicht sind es tausende Ukrainer, die den Wunsch und noch die Kraft haben, die Orte ihrer in Deutschland verlorenen Jugend zu besuchen.

Die Frage beantworteten wir im Gespräch mit einem Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Es sollten jene Menschen eingeladen werden, die bei der deutschen Eisenbahn in Berlin Zwangsarbeit leisteten.

  1. wollten wir vor allem jugendliche Berliner Eisenbahner mit der dunklen Geschichte ihres Betriebes bekannt machen.
  2. sollte die Leitung der Deutschen Bahn motiviert werden, Nachweise zu suchen für alle sogenannten „Ostarbeiter“, die noch keine Kompensation aus Deutschland erhalten haben.
  3. hofften wir darauf, dass unsere ukrainischen Gäste die Deutsche Gewerkschaft dazu motivieren, sich in Zukunft aktiv für die Interessen der ehemaligen Zwangsarbeiter einzusetzen.

Marina Schubarth schrieb 160 Briefe in die Ukraine. Adressaten waren Menschen, die zwischen 1942 und 1945 bei der Eisenbahn in Berlin gearbeitet hatten. 40 Antwortbriefe erreichten uns daraufhin. Darin waren erschütternde Lebensschicksale aufgezeichnet.

Die Meisten erteilten unserer Einladung nach Berlin aus gesundheitlichen Gründen eine Absage.

Acht Menschen nahmen die Einladung an. Wir luden sie vom 5. bis 12. Mai 2002 nach Berlin ein.

Gruppenbild mit ehemaligen NS-Zwangsarbeitern aus der Ukraine

Der DGB Landesverband Berlin-Brandenburg stellte ein Gästehaus und einen Bus kostenlos zur Verfügung. Etliche Mitglieder und Freunde des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. hatten sich als Betreuer, Helfer und Dolmetscher gemeldet. So gab es eine gute Grundlage für den Aufenthalt unserer ukrainischen Gäste.

Nach anstrengender Bahnfahrt kamen sie Sonntag früh an und konnten sich den Tag über in der landschaftlich schönen Umgebung des Gästehauses erholen.

Es waren Männer und Frauen gekommen, die sofort alle Herzen für sich gewannen, sympathische und bescheidene Persönlichkeiten. Sie überraschten die deutschen Gastgeber mit ihrer Freundlichkeit und Offenheit. Dies war unerwartet, denn schließlich hatte jeder von ihnen schwere Erinnerungen an jene Deutschen, die sie einst zu Sklavenarbeit gezwungen und sie in rassistischer Arroganz gepeinigt hatten.

Es gibt kein schöneres Beispiel für die Kultur des ukrainischen Volkes, als die Toleranz und Großzügigkeit unserer Gäste: In ihren Erinnerungen stellen sie einzelne Deutsche in den Vordergrund, die ihnen damals heimlich Brot zusteckten, die ihnen auf unterschiedliche Weise geholfen hatten, das schwere Los der Fronarbeit zu ertragen. Dankbare Erinnerungen an irgendeinen Meister Hans oder eine hilfreiche deutsche Frau, und nicht der Haß auf die vielen Nazis sind charakteristisch für unsere Gäste.

Am Montag begann ein für die alten Menschen sehr anstrengendes Programm. Eine Pressekonferenz, eine Diskussionsveranstaltung mit jungen Eisenbahnern, der Besuch eines Eisenbahnbetriebes, wo einst Zwangsarbeit geleistet wurde, eine Veranstaltung mit TRANSNET-Gewerkschaft der Eisenbahner. Der Tag wurde dokumentiert mit einem Film der Fernsehanstalt der Deutschen Bahn AG.

Sehr aufmerksam folgten die jungen Berliner Eisenbahner den Berichten unserer Gäste. Alle waren sehr berührt von den Erzählungen. Zum ersten Mal hörten sie von den Verbrechen, an denen sich deutsche Eisenbahn-Betriebe zur Nazizeit beteiligt hatten.

Die jungen Leute sind bereit, in Kontakt zu ukrainischen Kollegen und Jugendlichen künftig etwas Nützliches zu tun. Beispielsweise könnten sie die Geschichte der Eisenbahn während der Nazizeit studieren und dokumentieren, während ukrainische Jugendliche die Berichte jener Landsleute studieren und dokumentieren, die damals bei der deutschen Bahn Zwangsarbeit leisteten.

Dann könnte man sich wechselseitig nach Berlin und in die Ukraine einladen, um Erfahrungen auszutauschen. So bot schon der Besuchsbeginn erste Anregungen für weitere Kontakte.

Am Dienstag wie auch an den folgenden Tagen wurden einzelne Orte aufgesucht, wo einst in Lagerbaracken unsere Gäste eingesperrt waren und wo sie arbeiten mußten.

Die Spurensuche war oft mühsam, denn die Orte haben sich natürlich seither sehr verändert. Doch überall gab es Anhaltspunkte, die Erinnerungen wach riefen. Dann flossen Tränen, jedesmal waren tiefe Erschütterungen die Folge, aber auch höchste Dankbarkeit darüber, dass sie zum Ende des Lebens noch einmal diese Stätten aufsuchen konnten.

Mittags war man in jener staatlichen Institution zu Gast, die für die Stadt Berlin Entschädigungsansprüche der Zwangsarbeiter prüft und sich um die Nachweisbeschaffung für Zwangsarbeiter bemüht. Neben ihrer Arbeit bei KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. ist Marina Schubarth auch in dieser Institution beschäftigt.

Unsere Gäste wurden vom Leiter dieser Einrichtung begrüßt und bewirtet.

Nachmittags nahmen sie an einer Veranstaltung im zentralen Haus der Berliner Gewerkschaft teil. Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Berliner Gewerkschaftsbundes sich diese große und einflußreiche Organisation an einem Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiter beteiligt.

Die Gewerkschaftsvertreter versprachen, sich künftig in den Berliner Betrieben für die Interessen der Zwangsarbeiter zu engagieren.

Der folgende Tag bot einen neuen Höhepunkt. Am 8. Mai feierten die Botschafter der Russischen Föderation, der Ukraine und Belarus den Tag des Sieges.

Unsere Gäste legten rote Nelken am sowjetischen Ehrenmal nieder und waren anschließend in der russischen Botschaft zu Gast, wo sie vom Militärattaché der Ukrainischen Botschaft respektvoll empfangen und geehrt wurden. Unsere acht Gäste erfuhren wohl zum ersten Mal eine solche Würdigung. Sie waren tief bewegt.

Am Abend des 9. Mai gab es eine denkwürdige Premiere: In einem überfüllten Theatersaal lasen Schauspieler aus Briefen der ukrainischen Zwangsarbeiter, die wir nach Berlin eingeladen hatten. Schauspieler und Theaterbesucher, meist jugendliches Publikum, waren gleichermaßen emotionalisiert. Unter unseren Gästen waren zwei Autorinnen der vorgelesenen Texte, nach den Schauspielern kamen die acht ukrainischen Zwangsarbeiter zu Wort.

Wohl noch nie zuvor gab es ein Theaterereignis, wo mit gleicher Intensität und Authentizität Geschichte vermittelte wurde wie an diesem Abend.

In der anschließenden Diskussionsrunde sprach unter anderem auch Günter Saathoff, der Generalbeauftragte der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ über die Probleme der Nachweis- und Auszahlungsprozeduren, um den „Ostarbeitern“ letztendlich doch noch zu einer Kompensationszahlung zu verhelfen.

Zum Abschluss des Abends überreichte Marina Schubarth sieben Gästen die sogenannte Plausibilitätsbescheinigung des Berliner Amtes für Entschädigungsfragen. Diese amtlichen Dokumente müssen von der Ukrainischen Nationalstiftung für die Auszahlungen anerkannt werden.

An den restlichen Tagen blieb Zeit übrig für die Erholung, Stadtbesichtigungen, für das weitere Aufspüren von persönlichen Orten der Zwangsarbeit.

Immer wieder kam es zu Begegnungen zwischen unseren Gästen und der Berliner Bevölkerung. Zum Beispiel traf man sich am letzten Tag vor der Abreise mit jungen Berliner Antifaschisten zum gemeinsamen Mittagessen in der Spandauer Zitadelle, dem ältesten historischen Bauwerk Berlins.

Der Abschied nach dem achttägigen Berlinbesuch fiel allen Beteiligten schwer. Man wird sich hoffentlich in der Ukraine wiedersehen. Und KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. wird weiterhin mit den Opfern des Naziterrors in der Ukraine und in den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zusammen arbeiten, so lange sie leben.

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