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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Von Susanne Ziegler.
Im Süden der ehemaligen Sowjetunion erstrecken sich zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer, zwischen den Bergen des Hohen und des Kleinen Kaukasus, zwischen Rußland, der Türkei und Iran von Westen nach Osten die drei transkaukasischen Republiken – Georgien (russ. Grusinien), Armenien und Aserbaidschan.
Sie zeichnen sich durch große ethnische und kulturelle Vielfalt aus.
Die Georgier gehören mit ihren vielen Untergruppen zu den autochthonen kaukasischen Völkern; die georgische Sprache ist mit keiner außerhalb des Kaukasus gesprochenen Sprache verwandt.
Die Armenier sind indoeuropäischen Ursprungs, ihre Sprache wurde in einer eigenen Schrift erstmals im 4. Jahrhundert fixiert. Beide Völker übernahmen früh das Christentum (Armenien 301, Georgien 326) und können auf eine lange, vor allem im Mittelalter blühende christliche Tradition zurückblicken.
Die Aserbaidschaner dagegen gehören zu den Turkvölkern zentralasiatischen Ursprungs, sie sind den Türkeitürken nahe verwandt und gehören wie diese dem mohammedanischen Glauben an.
Durch die ethnischen und religiösen Unterschiede bedingt, gab und gibt es große Animositäten zwischen diesen Völkern, und die Unterschiede werden eher betont als negiert.
Es ist jedoch nicht zu übersehen, daß die jahrhundertelange Nachbarschaft und eine oftmals ähnliche geschichtliche Entwicklung auch Ursache mancher Gemeinsamkeiten ist.
Während die musikalischen Traditionen der transkaukasischen Länder in der Volksmusik nicht einheitlich sind und nur wenige Übereinstimmungen aufweisen, wie beispielsweise im Instrumentarium, läßt sich eine Verwandtschaft im Bereich der städtischen Musik und im zeitgenössischen kompositorischen Schaffen nicht verleugnen.
Die georgische Volksmusik zeichnet sich durch eine im einzelnen lokal stark differenzierte vokale Mehrstimmigkeit aus, die bei Armeniern, Türken, Aserbaidschanern, Persern unbekannt ist, in ähnlicher, wenn auch nicht so entwickelter Form, aber ebenfalls bei den Völkern des nördlichen Kaukasus verbreitet ist.
Das Alter der teilweise komplizierten mehrstimmigen Strukturen ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen, fest steht jedoch, daß die Mehrstimmigkeit bereits in der mittelalterlichen georgischen Literatur erwähnt wird.
Die regionale Vielfalt der Gesänge ist außergewöhnlich groß und wurde sowohl durch die geographische Lage wie durch die geschichtliche Entwicklung des Landes begünstigt.
So gibt es in den Bergtälern des Hochkaukasus viele Volksgruppen, wie beispielsweise die Swanen, deren archaisch anmutende rituelle Gesänge sich durch nicht temperierte Skalen, dem europäischen Hörverständnis fremdartige Harmonien und eine besondere rhythmische Gestaltung auszeichnen.
In den östlichen Gebieten Georgiens herrschen bordunartige und homophone Formen der Mehrstimmigkeit vor, in den westlichen Gebieten dagegen komplizierte polyphone Strukturen.
Auch heute noch spielt der Gesang eine große Rolle im täglichen Leben. Gegenüber der Vokalmusik tritt in Georgien die Instrumentalmusik eher in den Hintergrund.
Im Gegensatz zur georgischen Volksmusik ist die armenische grundsätzlich einstimmig ausgerichtet, auch ihr schreibt man ein hohes Alter zu. Durch eine Vielfalt von Rhythmen und Skalen, die regional unterschiedliche Ausprägung haben, bekommt die armenische Volksmusik eine Buntheit, die der Georgiens in nichts nachsteht.
Anders als in Georgien ist jedoch die professionelle Kunst, die sich vor allem in solistischen Gattungen wie den Gusanen- und Aschugenliedern zeigt, besonders entwickelt.
In diesen Liedern verbinden sich traditionelle Gesangsformen mit orientalischen Stilformen zu einem neuen, besonders für Armenien typischen Musikstil, der eine bedeutende soziale Funktion und – wie in allen Ländern des Nahen Ostens – professionellen Charakter hat.
Wichtiger als die Musik ist hier der Text, der ebenso wie die Melodie improvisiert wird.
In Armenien ist in jüngster Zeit eine Hinwendung zu weltlicher und geistlicher mittelalterlicher Musik zu beobachten, die der „Sowjetisierung“ der Volksmusik mit großen Ensembles, einer als fremd empfundenen Mehrstimmigkeit und der Unifizierung der zahlreichen lokalen Traditionen entgegenwirken soll.
Aserbaidschan ist das am stärksten orientalisch geprägte der transkaukasischen Länder und zeigt in seiner Musikkultur eine deutliche Nähe zu arabisch-persisch-türkischen Musikstilen.
Aserbaidschanische Volksmusik ist gekennzeichnet durch solistisches Singen, das oft instrumental begleitet wird, und eine reich entwickelte Instrumentalmusik.
Hohe professionelle Kunst stellen die Mugame dar, zyklische Kompositionen auf Texte klassischer Poesie, die von einem kleinen Instrumentalensemble vorgetragen werden und große Virtuosität verlangen.
Der Mugam ist mit Worten der westlichen Musikterminologie schwer zu fassen. Er stellt nicht nur die melodische Grundlage, den Modus einer Komposition dar, sondern ebenfalls eine Formkonzeption, verbunden mit einem bestimmten ästhetischen Gehalt.
In Aserbaidschan bestehen Aschugentradition und professionelle Kunstmusik auf der Grundlage der Mugame bis heute fort.
Zum kulturellen Zentrum Transkaukasiens entwickelte sich seit dem 16. Jahrhundert Tbilissi. Hier trafen östliche und westliche Musikstile aufeinander, hier spielten georgische, armenische, persische und aserbaidschanische Musiker nebeneinander.
Im Umkreis der städtischen Atmosphäre blühte vor allem die professionelle Kunst der Aschugen (armen. gusan, georg. mgosani, aserb. asug}, die zugleich als Textdichter, Komponisten und Interpreten ihrer Werke auftraten und stets ein großes Publikum um sich versammeln konnten.
Einer der berühmtesten Aschugen war der Armenier Sayat-Nova (1712–1795), der in Tbilissi lebte und seine Kompositionen gleichzeitig in georgischer, armenischer und aserischer Sprache verfaßte.
Auch Instrumentalensembles in kleiner Besetzung mit der Langhalslaute tar, der Spießgeige kamanscha, einer Rahmentrommel und einem Sänger, deren Musiker hauptsächlich armenischer, aserbaidschanischer oder persischer Herkunft waren, traten vielfach als professionelle Musiker auf.
Der seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmende westliche Einfluß ließ im Bereich der städtischen Musik neue Formen der Unterhaltungsmusik entstehen.
Der politische Anschluß der transkaukasischen Länder an Rußland im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Georgien 1801–1810, Armenien 1828, Aserbaidschan 1928) hatte für die in den jeweiligen Ländern tief verwurzelten volksmusikalischen Traditionen weitreichende Folgen.
Durch russische Vermittlung gewannen klassische europäische Musiktheorie und harmonisches Denken sowie Instrumente wie Klavier, Gitarre oder Akkordeon starken Einfluß auf die traditionellen Musikstile.
In Tbilissi wurde schon 1851 nach westlichem Vorbild ein Opernhaus gegründet, wo italienische und russische Opern gespielt wurden. Traditionelle Musik und westliche klassische Musik existierten nebeneinander.
Die Idee, beide Musikstile zu verbinden und damit nationale Kompositionen zu schaffen, war das Anliegen von Komponisten und Musikern, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts meist in Rußland, in Konstantinopel (Armenier) oder sogar in Mitteleuropa ausgebildet wurden.
Namen wie Zachari Paliaschwili (1871–1933) und Dimitri Arakischwili (1873–1953) für Georgien, Komitas (bürgerlicher Name Soghomon Soghomonian, 1869–1935) und Aleksandr Spendiarian (1871–1928) für Armenien, Uzeir Hadschibekov (1885–1945) für Aserbaidschan stehen für die ersten gelungenen Versuche einer Synthese von eigener und fremder Musik.
Die Entwicklung zu einem nationalen Kompositionsstil in der Verbindung von traditioneller Musik und westlichen Musiktraditionen vollzog sich nicht in allen Ländern Transkaukasiens zur gleichen Zeit und verlief auch sehr unterschiedlich.
In Georgien gelang diese Verbindung relativ früh und leichter als in den beiden anderen Ländern, da polyphones musikalisches Denken in der georgischen Volksmusik schon angelegt ist.
In Armenien und Aserbaidschan wurde der Anschluß an die westliche klassische Musik erst in der Mitte des 20. Jahrunderts erreicht, in Aserbaidschan deutlich später als in Armenien. Die in beiden Ländern zu hoher künstlerischer Reife entwickelten einstimmigen modalen Formen sowohl der Volksmusik wie der professionellen Musikstile erschwerten hier die organische Verbindung mit westlicher Tonalität und Harmonik.
Anfang des 20. Jahrunderts entstanden auf transkaukasischem Boden nationale Konservatorien (Tbilissi 1917, Baku 1921, Jerewan 1923). Die Kenntnis der traditionellen Musik des eigenen Landes auf der einen Seite, das Studium westeuropäischer klassischer Musik auf der anderen Seite standen auf dem Lehrplan.
Die Forderung nach Volkstümlichkeit in der Kunst (russ. narodnost' von russ. narod – Volk, Nation) und nach einer nationalen Spezifik im kompositorischen Schaffen, wie es der sowjetischen Kulturideologie entsprach, löste eine verstärkte Hinwendung zur Volksmusik aus.
Waren früher stilistische Elemente traditioneller Musik meist direkt in die Komposition übernommen worden, so setzte nunmehr eine echte Auseinandersetzung ein, die die nationalen Wurzeln mit den Stil- und Gestaltungsmitteln der klassischen Musik zu verbinden suchte.
Je nach der herrschenden politischen Strömung und den eigenen Vorstellungen gehen die Kompositionen in Richtung Neoklassizismus oder Avantgarde, stets jedoch ist das Bestreben nach einer spezifisch nationalen Musiksprache spürbar.
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