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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Einige Überlegungen vom Friedensforscher Andreas Heinemann-Grüder.
Perestroika, Glasnost und Systemwechsel – haben sie die kaukasischen Völker nur enthemmt, damit diese ihre atavistischen Nationalismen ausleben? Wer an den Kaukasus denkt, assoziiert kaum mehr die Einmaligkeit der Landschaft, den Reichtum alter Kulturen, das Zusammentreffen von Europa und Orient.
Die Namen der Orte, durch die uns der Kaukasus in Erinnerung gehalten wird, verschmelzen zu einem Menetekel: Nagornyj Karabach, die Massaker von Sumgait, Südossetien, der georgische Bürgerkrieg, der abchasische Sezessionskrieg, gewaltsamer Machtwechsel in Aserbaidschan und nun seit Monaten der russische Zerstörungskrieg in Tschetschenien.
Flüchtlinge, ausgebombte Häuser, verlassene Dörfer, verzweifelte Mütter, Frauen, Kinder, kein Strom, kein Wasser, keine Heizung, die Schlangen beim Broteinkauf, die Gemeinheit des Schwarzmarktes, Schieberbarone … und über dieser immer gleichen Szenerie die Herrschaft von unrasierten, alkoholisierten, verwegen gekleideten Männern, die in den Feuerpausen einige Standardformeln von „nationaler Befreiung“, „heiligem Boden“ und „ewiger Rache“ wiederholen.
Die Auflösung der sowjetischen, der sozialistischen, ja der staatlichen Ordnung schlechthin erscheint schwerlich als ein Akt der Emanzipation. Gewiß, die alte, sowjetische Ordnung glich in vielem einem Terrorfrieden.

Titelseite des Programmheftes zum Konzert „Kaukasischer Friede“.
Aber für die „Befreiung in den Nationalstaat“ erwiesen sich weder Eliten noch Bevölkerungen vorbereitet. Und so treffen wir auf Armeen ohne zivile Kontrolle, auf alte Eliten, die mit nationalistischen Parolen ihre Macht erhalten und legitimieren, auf Kriegsgewinnler und Warlords, die wirtschaftliche Reichtümer gewaltsam aufteilen, auf polarisierte und fragmentierte Gesellschaften, auf „Demokratien ohne Demokraten“, auf alte Hochkulturen ohne politische Konfliktkultur.
Wir, die wir hin- und hergeworfen sind zwischen hilflosem Erschrecken und christlichen Appellen an das Miteinander, die Versöhnung und die Vernunft, müssen wohl als erstes begreifen, daß ähnliche Umstände auch unsere vermeintliche „Kultiviertheit“ überfordern würden.
Sich-Erinnern gehört zu den unangenehmen Beschäftigungen. Der Blick auf den Ersten Weltkrieg, die Dekomposition der Gesellschaft in der Weimarer Republik, die Hochfahrt des „nationalen Erwachens“ mit Hitler, die Mord- und Selbstmordbereitschaft aus rassistischer Selbstüberhöhung – die Vergegenwärtigung dieser Vergangenheit sollte uns von der Anmaßung befreien, im Kaukasus bräche sich ein Fundamentalismus Bahn, der unserer Zivilisiertheit fremd sei.
Das, was wir uns angewöhnt haben Fundamentalismus zu nennen, ist eine Begleiterscheinung der Moderne, eine Reaktion auf die Bedrohungen, die von ihr ausgehen.
Um wie viel weniger Anlaß zu Überlegenheitsgesten verfügen wir Deutschen, wo sich eine ethnisch weitgehend homogene und wohlversorgte Bevölkerung schon durch einige Ausländer in ihrer Identität bedroht fühlt.
Die kulturelle Vielfalt des Kaukasus, der jahrhundertealte Herrschaftsanspruch russischer Potentaten und Militärs, das Fehlen demokratischer Regierungstraditionen, die territoriale und personale Verschachtelung ethnischer Gruppen – zählt man all diese Faktoren und die strategische Rolle des Kaukasus zusammen, scheint die Region geradezu für Kriege prädestiniert.
Doch selbst wenn die Kriegserfahrung Generationen im Geist von Erbfeindschaften erzieht, selbst wenn jedes geschundene Volk seine Opfermythen pflegt und die Vorleistung vom Gegner erwartet, – die materiellen Überlebensnotwendigkeiten der Region zwingen zur Kommunikation.
Eine Homogenität von ethnischer Gruppe und Territorium wird im Kaukasus noch unmöglicher als im ehemaligen Jugoslawien sein.
Jede ethnische und religiöse Besonderheit verdient Schutz; aber wenn dieser Schutz nur noch durch eine eigene Armee, eine Grenze, einen Paß, eine Nationalhymne und eine eigene Währung mit den Konterfeis der nationalen Heroen möglich scheint, ist es für den Frieden und die Menschenrechte schon zu spät.
Die „Befreiung in den Nationalstaat“ ist zunächst und für unabsehbare Zeit nur eine „Befreiung in den Krieg“.
Nur Staaten aus gleichberechtigten Staatsbürgern verschiedener ethnischer Herkunft können den inneren und äußeren Frieden gewährleisten – dies gilt wohl gleichermaßen für den Kaukasus wie für die reichen westeuropäischen Staaten.
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