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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Inna Serdiuk aus Essen ist nicht die erste Medizinstudentin aus Deutschland, der wir eine Famulatur bzw. ein Praktikum in unserer Partnerstation im Russischen Republiks-Kinderkrankenhaus vermittelt haben.
Hier ihr zweiter Erfahrungsbericht, den sie uns Anfang November 2003 schickte:
An meinem ersten Tag im Republiks-Kinderkrankenhaus in Moskau wurde ich begrüßt mit den Worten: „Ich habe gar nicht gedacht, dass Sie kommen!“
Dabei habe ich alle Angelegenheiten meine Famulatur betreffend, mit dem Oberarzt Dr. Litvinov persönlich abgesprochen. Ich rief ihn mehrmals vorher an, um zu bestätigen, dass ich komme. Auch dass ich komplette Wechselgarderobe für die Arbeit auf der Station brauchte, erwähnte er sogar auf meine gezielte Nachfragen am Telefon nicht. Doch nachdem all diese Kleinigkeiten geregelt wurden, bin ich recht herzlich auf der Station aufgenommen worden. Da ich Russisch spreche, war es nicht schwer, mich in den Alltag schnell einzugewöhnen.
Während meiner Famulatur habe ich viel gelernt. Jeden Tag untersuchte ich unter Anleitung von Larissa Nikolaevna und später auch selbständig „meine“ Patienten. Ich durfte Blut abnehmen, unter Aufsicht erfahrener Ärzte Knochenmarkpunktionen und sogar eine Lumbalpunktion durchführen.

Larissa Nikolaevna.
Auf einer Weiterbildungsveranstaltung für AiPler und Ärzte habe ich im Rahmen eines bestimmten Themas über die Patienten aus der Onkohämatologie berichtet. Ich besuchte mehrere solche Veranstaltungen und sah viele interessante und seltene Krankheitsbilder. Auch die Vorlesungen amerikanischer Kollegen, die zum Zeitpunkt meiner Famulatur die Kinderklinik in Moskau besucht haben, waren sehr lehrreich. Im Rahmen meiner Famulatur habe ich auch Protokolle kennengelernt, die man zur Chemotherapie-Durchführung verwendet.
Oft wird man gefragt, wie es in der Onkohämatologie ist.
Als ich am ersten Tag im Flur auf Dr. Litvinov wartete, dachte ich: „Das ist ja genauso wie man sich das immer vorstellt oder wie man es im Kino sieht …“ Ich sah kleine Kinder ohne Haare, die mich mit ihren großen Augen angeguckten. Nach ein paar Tagen hatte ich ein eher freundschaftliches Verhältnis zu den kleinen Patienten. Dann trat die Grunderkrankung oft in den Hintergrund und man sah die Kinder als solche, die lachen oder Witze erzählen, die fröhlich sind oder sich schlecht benehmen, über die man sich ärgert oder mit denen man Spaß zusammen hat, die manchmal keinen Appetit haben und manchmal Hunger auf Chips verspüren.
Schön wäre es, wenn man diesen Kindern helfen könnte, damit sie nicht Jahre ihres Lebens in Krankenhäusern verbringen müssen. Damit sie normal weiterleben und sich entwickeln, zur Schule gehen und Freunde haben können. Zwar verfügen die russischen Ärzte über das notwendige Wissen, auch wenn sie nicht die neuesten Chemotherapie-Protokolle besitzen, doch haben sie oft mit den „nebensächlichen“ Schwierigkeiten zu kämpfen, die eine erfolgreiche Therapie erschweren.
Da die Kinder mit Zytostatika und mit Cortison behandelt werden, kriegen sie viel leichter Infektionen, die unter Umständen zum Therapie-Stop führen können. Die Eltern müssen oft die Antibiotika aus eigener Tasche bezahlen, doch dazu fehlen ihnen einfach die Mittel. Schon so einfache Dinge wie Pflaster sind Mangelware. Viele Kinder auf der Station haben einen ZVK (zentralen Venenkatheter) liegen, und damit sie ihn nicht wieder ausreißen, wird dieser festgeklebt, und so gehen die Ärzte der Onkohämatologie zu ihren Kollegen in den anderen Abteilungen und bitten um Pflaster.
Erschreckend fand ich die großen Narben, die oft die zierlichen Körper der Kleinen zieren. Während man in Deutschland, um z.B. eine Leberbiopsie zu gewinnen, eine spezielle Nadel benutzen kann, wird in Russland zu diesem Zweck die Bauchhöhle eröffnet. Die verbleibenden Narben heilen schlecht und entzünden sich oft.
Die Krankheit eines Kindes kann die Eltern in den finanziellen Ruin treiben. Da ein Elternteil mit dem Kind stationär aufgenommen wird, fehlt im Haushalt ein Einkommen oder, wenn weitere Kinder zu versorgen sind, einfach eine Aufsichtsperson. Dies ist für viele Eltern und Geschwister schwer zu ertragen. Für Waisenkinder, wie z.B. eine auf der Station altbekannte Patientin, die ich während meiner Famulatur auch kennengelernt habe, ist es besonders schwer.
Es ist nicht genug Pflegepersonal da. Die wenigen Krankenschwestern sind mit Infusionszubereitungen, engmaschigen Kontrollen von Blutdruck, Temperatur, Sauerstoffsättigung etc. voll ausgelastet. Jedoch brauchen die Kinder oft Hilfe beim Waschen oder sich Anziehen. Sie sind auch nicht gerne allein.
Nicht nur die Pflege der Kinder wird von den Eltern übernommen, sie machen auch viele andere Tätigkeiten auf der Station, wie Boden wischen, aufräumen, Sachen einräumen, Servietten falten. Weitere alltägliche Probleme sind, dass es in einem Patientenzimmer, wenn es regnet, von der Decke tropft oder dass man ab und zu den Kammerjäger rufen muss, um die Kakerlaken aus dem Ärztezimmer zu vertreiben.
Die Stimmung auf der Station ist aber im Allgemeinem sehr gut. Viele Eltern kennen sich durch die langen Therapiezeiten ihrer Kinder und tauschen sich oft auf dem Flur aus. Kinder, die zur ambulanten Behandlung kommen, spielen auch im Flur, manche von ihnen rennen ins Ärztezimmer hinein, um sich ein dickes Buch zu holen, damit man „Arzt spielen“ kann.
Einmal sah ich eine Frau mit einer großen Clown-Handpuppe, die mit den Kindern gesprochen hat. Manchmal trifft man auch eine Lehrerin, die den Kindern Mathematik oder russische Literatur beibringen will. Auch unter den Ärzten herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. In naher Zukunft befürchtet man allerdings einen Ärztemangel auf der Station. Eine der Ärztinnen fährt für ein Lehrpraktikum in die USA und zwei weitere gehen bald in Schwangerschaftsurlaub.
Ärztinnen des Republiks-Kinderkrankenhauses in Moskau
Viele Ärzte in der Kinderklinik überlegen sich, ihre Arbeitsstelle zu wechseln. Bei einem Monatseinkommen von 5000 Rubel bei einer vollen Arbeitsstelle (umgerechnet ca. 147 Euro) und den Lebenshaltungskosten, in vielen Bereichen vergleichbar mit den deutschen, leben viele Ärzte am Existenzminimum. Manche werden Vertreter bei kommerziellen Unternehmen, die Medikamente oder medizinische Geräte verkaufen, einfach weil die Industrie mehr bezahlt. Andere wiederum verlassen, wenn sie die Möglichkeit haben, das Land. Und so fehlen in der Klinik oft die Spezialisten.
Die Ärzte sprechen allerdings nicht so gerne über ihre Schwierigkeiten. Viele wurden in einem Land geboren, das sich selbst damals als das stärkste, reichste und am meisten fortgeschrittene pries. Das heutige Rußland entspricht diesem Bild zwar nicht, doch es scheint, dass dieses Denken im Unbewußten der Menschen weiterlebt. Sie klagen nicht, und erst, wenn man einige Zeit dort verbracht und das Vertrauen der Menschen gewonnen hat, fängt man an, ihre Probleme zu sehen.
Allgemein habe ich durch meine Famulatur die Erfahrung gemacht, dass die Wohltätigkeit und die Unterstützung wie sie z.B. von KONTAKTE e.V. geleistet wird, ein sehr schwieriger Balanceakt ist. Man muss Prioritäten setzen, herausfinden, was die Menschen wirklich brauchen und die eigenen Ressourcen einteilen. Besonders wichtig ist wohl, ein gutes Verhältnis zwischen den Spendern und den „Nehmern“ herzustellen. Denn oft wollen die „Nehmer“ sich nicht in der hilflosen und schwachen Position sehen. Es gilt die schiefe Ebene in diesem Verhältnis auszubalancieren und den „Nehmern“ ihr Selbstwertgefühl, und in Russland vielleicht auch ihren Stolz, nicht zu verletzen.
Im Weiteren möchte ich Ihnen einige „meiner“ Patienten vorstellen:
Marina, 13 Jahre alt. In ihrer Heimatstadt (über Eintausend Kilometer von Moskau entfernt) haben die Ärzte zuerst eine falsche Diagnose gestellt und das Mädchen demnach falsch behandelt. Als es ihr immer schlechter ging, sind ihre Eltern mit ihr in die Kinderklinik nach Moskau gekommen, wo man die richtige Diagnose stellte und sie in die Onkohämatologie überwiesen hat.

Andrej, 11 Jahre alt. Erlitt leider nach der dritten Knochenmark-Transplantation erneut einen Rezidiv.

Irina, 7 Jahre alt.

Jurij, 5 jahre alt.
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