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KONTAKTE-KOHTAKTbI
Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Ein Bericht von Eberhard Radczuweit
Vom 27. bis 30. April 2001 war ich zusammen mit unserem Vorstandsmitglied Dr. med. Arend von Stackelberg in Moskau. Bereits im Februar hatte ich dort die Kinderkrebs-Abteilung im Republiks-Kinderkrankenhaus besucht.
Die Stimmung unter den Ärztinnen und Krankenschwestern paßte damals zum Moskauer Klima: 20 Grad minus. Diesmal zeigte das Thermometer 20 Grad plus und die Stimmung war freundlich. Aber mit dem Wetter hatte es in beiden Fällen nichts zu tun.
Noch Anfang des Jahres war das Schicksal der Abteilung ungewiß. Zuvor hatte die Krankenhausleitung eine weitere Station angegliedert, da unterstand unserem Freund Alexander Karatschunski die doppelte Anzahl Patienten und Personal.
Seit er im letzten Jahr Professor geworden ist, befaßt er sich zusätzlich mit Lehrtätigkeiten und ist außerdem der Leiter einer von uns geförderten wissenschaftlichen Studie, an der viele russische und weißrussische Kinderkrebs-Zentren teilnehmen. Das ist eine vielfache Überforderung, zumal er ohne Sekretär/in allen Schreibkram selbst erledigen muß.
Die Zukunft der beiden Stationen im Ungewissen, die sozialen Nöte des Personals, ein erschöpfter Chef – verständlich, wenn da die Stimmung drunter litt.
Allerdings das Wichtigste ist in guten Händen: die krebskranken Kinder. In keinem der letzten Krisenstadien war ihre Versorgung gefährdet. Dies möchte ich für alle Spenderinnen und Spender betonen, denen dies mit zu verdanken ist!
Das Bild von Krankenzimmern vor Augen, die bestenfalls noch als Lagerräume geeignet sind, hatten wir einen riskanten Entschluß gefaßt: Der Schweizer Firma RICHTER-BAU wurde vertraglich die Zahlung von zweihunderttausend US-Dollar zugesichert, die Hälfte davon ist schon im März überwiesen worden.
Das Angebot war aber auch überzeugend: Eine Totalsanierung und Einbau einer Belüftungsanlage, die den Patienten keimfreie Atemluft bescheren wird. Diese Anlage ist ein Geschenk der Firma. Die Gesamtkosten dürften bei einer Million DM liegen.
Alles war vereinbart worden zwischen dem Geschäftsführer von RICHTER-BAU, Alexander Karatschunski und mir.
Aber hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Wie reagierte der ärztliche Direktor des Republiks-Kinderkrankenhauses auf unsere Pläne?
Ich hörte eine Geschichte, die ich den Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten möchte.
Im Krankenhaus existierte eine Station, in der Nierentransplantationen durchgeführt wurden. Sie sollte renoviert werden, die russisch-orthodoxe Kirche spendete 60 000 Dollar. Eine russische Baufirma bekam den Auftrag, die sofort mit den Abrißarbeiten begann. Als sie den Barscheck hatte, verschwand diese Firma und hinterließ eine Brache.
Und diese Station soll uns angeboten werden? Ich witterte Übles und schrieb dem ärztlichen Direktor einen heftigen Brief. Seiner freundlichen Antwort konnte nichts Konkretes entnommen werden und so bat ich Arend von Stackelberg um Unterstützung.
Im Flughafen Scheremetjevo durchquerten wir den green chanell vorbei an wachsamen Blicken. Doch kein Zöllner vermutete die nicht deklarierten medizinischen Hilfsmittel im Koffer. Natürlich empfing uns Sascha (Alexander Karatschunski).
Schnurstracks fuhren wir zum RDKB (Republiks-Kinderkrankenhaus). Meine Erleichterung nach sorgenvollen Wochen: Heitere Gesichter im Ärztezimmer, Aufbruchstimmung?
Allen war klar, der Umzug in neue, den Erfordernissen der modernen Krebstherapie entsprechenden Räumlichkeiten steht bevor. Gleich danach trafen wir Prof. Rumantsev, den Leiter des Instituts für Kinderhaematologie der russischen Föderation. Dolmetscherin war Lena, die sympathische Mitarbeiterin bei RICHTER-BAU.
Rumantsev plant eine „Revolution“, dessen Zentrum Saschas neue Abteilung sein soll. Ausgangspunkt ist der Widerspruch zwischen Chirurgen und Hämatologen im RDKB: Während die russischen Kinderhämatologen nach zehnjährigen Kontakten zu westlichen Kollegen den Durchbruch zu modernen Therapien geschafft haben, verharren die Chirurgen in einem konservativen Weltbild.
Wächst da ein solider Tumor im Patienten: Raus schneiden und das Problem ist beseitigt. Dagegen halten die Hämatologen den Tumor nur für einen Teil des Problems und suchen eine ganzheitliche Darstellung der Erkrankung, um eine nachhaltige Heilung zu bewirken. Die prä- und postoperative Chemotherapie ist dabei entscheidend.
Rumantsev will nun beide Konfliktparteien zusammen bringen, Chirurgen und Hämatologen. Sein Kollege Karatschunski wird mit der wissenschaftlichen Obhut aller ärztlichen Bereiche der Onkologie und Hämatologie betraut.
Darüber hinaus soll er seine zehnjährigen Erfahrungen in praktischen und wissenschaftlichen Bereichen für alle 70 pädiatrischen Onkologie- Hämatologie-Zentren Rußlands nutzbar machen. Und weil Sascha nur aus einer Person besteht, die nicht gleichzeitig noch als Oberarzt funktionieren kann, soll er diese Funktion jetzt abgeben an seinen Kollegen Dimitri Litwinow.
„Unsere“ Station wird nach dem Umzug in neue Räume gemäß der Vorstellung von Rumantsev zu einem Knotenpunkt der pädiatrischen Onkologie und Hämatologie in Rußland.
Nach diesem langen Vortrag, den ich arg verkürzt aus dem Gedächtnis zu Papier bringe, war kein Halten mehr. Die Neugierde beflügelte uns auf dem langen Weg quer durch die Betonburg, dem größten Kinderkrankenhaus Rußlands.
Korpus 8, da standen wir nun im künftigen Onko-hämatologischen Zentrum, ein Rohbau. Lena erklärte uns den Bauplan. 30 Räume, 30 Betten. Die Technik braucht vieI Raum. Ist da noch Platz für die Ambulanz?
Es stellten sich Fragen, die nur der ärztliche Direktor des RDKB beantworten konnte. Großer Aufzug: Arend von Stackelberg, seine Frau Ludmila, als langjährige Stationsärztin bei Sascha bestens vertraut mit allen Gepflogenheiten im RDKB, ich und Lena von RICHTER-BAU. Hinzu kam noch der Stellvertreter des Klinikleiters.
Wir nahmen Platz im holzgetäfelten Büro des ärztlichen Direktors. Ich stellte klar, daß alle Geldspenden von KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. ausschließlich dem Zuständigkeitsbereich unseres Partners Alexander Karatschunski zugute kommen. Keine Einwände. Wenn die von uns teilfinanzierte Abteilung bezugsfertig ist, wird die Station von Karatschunski einziehen und niemand sonst.
Wohin mit der Ambulanz? Der Direktor schaute auf den Plan, zeigte mit dem Finger drauf – bis hierhin dürft ihr alles nutzen, da ist die Grenze. Das wars auch schon. Kurz und bündig.
Den Zeigefinger des Direktors im Kopf, marschierten wir wieder zum Korpus 8. Hier die Grenze, was ist hinter jener Wand? Auf unentdeckten Zusatzraum hoffend, schauten wir nach: ein Treppenaufgang! Rätselraten und dann die Erkenntnis: der Plan ist falsch gezeichnet…
Trotzdem war es eine heitere Expedition mit optimistischem Ausgang: Es gibt genug Platz für alle Patienten und sogar fürs Personal!
Am nächsten Tag erklärte uns Udo, der Bauführer, alle Details. Es wuchs unser Vertrauen in diese Firma, die einen erheblichen Teil der Kosten tragen wird. Es sind Profis, die sich in Rußland auf Krankenhaus-Sanierung spezialisiert haben, auch das Regierungskrankenhaus hatten sie renoviert.
Ein Nachmittag auf Station. Eine junge Ärztin bat Arend von Stackelberg mit tiefernster Miene um einen Gefallen. Er möge mit den Eltern eines Kindes sprechen, dem nicht mehr zu helfen sei. In solchen Fällen klammern sich russische Eltern an den Hoffnungsfaden, im Westen sei noch Rettung möglich.
Arend ließ sich die Krankengeschichte erzählen und er empfing die Eltern. Das Ehepaar war mit dem Kind aus Sibirien nach Moskau gekommen. Schon im Alter von drei Monaten erkrankte es an akuter Leukämie (ALL).
Kurz nach der ersten Chemotherapie gab es ein Rezidiv. Das war vor zwei Jahren. Eine geringe Hoffnung hätte damals in einer Knochenmark-Transplantation gelegen, vielleicht in Berlin. Das war unbezahlbar und so wurde das Kind bestmöglich weiter behandelt, sein Leben künstlich verlängert.
Arend erklärte den Eltern, das auch in Deutschland in diesem Fall ärztliche Kunst versagen würde. Auf seine ruhige und ausführliche Darstellung reagierte der Vater manchmal mit Kopfnicken, während die Mutter im Hintergrund leise wimmerte. Sie werden mit einem Kindersarg nach Sibirien zurückkehren.
Dieses Mal blieb wenig Zeit übrig für Gespräche mit Eltern und für Patientenbesuche. Nur kurze Blicke in drei Krankenzimmer, die Wahrnehmung von drei Familienschicksalen.
Es sind immer schwere Geschichten, für die meisten russischen Kliniken sind es aussichtslose Patientenfälle. Doch hier ist die Hoffnung auf Leben gut begründet. Nicht in jedem Fall, wie wir gesehen haben, aber die überwiegende Mehrheit der krebskranken Kinder wird geheilt.
Andererseits ist es immer noch auf beiden Seiten ein Ringen um die nackte Existenz. Eltern, die mit ihren Kindern für die weiten Wege vom Heimatort in die irrsinnig teure russische Metropole sich rettungslos verschulden. Krankenschwestern und Ärztinnen, denen die schmalen Gehälter keine Existenzgrundlage bieten.
Anfang des Jahres hatten vier Krankenschwestern und zwei Ärztinnen gekündigt. Ohne unsere Nothilfe „Ärzte für Ärzte“ wäre alles noch schlimmer. Aber es ist nötig, hierzulande mehr Kolleginnen und Kollegen unserer Moskauer Partner über deren Notlage zu informieren.
Auch unser Alexander Karatschunski verlor am 15. Mai die Existenzgrundlage. Sein Chef Rumantsev erhöhte ihn zum Mentor der russischen Kinderhämatologie. Aber damit verlor Sascha das Gehalt des Oberarztes.
Das Professorensalär reicht für seine fünfköpfige Familie beileibe nicht aus. Er rechnete mir die Lebenshaltungskosten vor. Für das Brot reicht es, aber Butter? Ich versprach ihm, nach einem Stipendium Ausschau zu halten. Ob einer der deutschen Pharmakonzerne einspringt, die alle gut verdienen am Russlandgeschäft?
Ich zweifle, ob da jemand monatlich 300 Mark spendet, was dem fehlenden Oberarzt-Gehalt entspräche. Aber wir werden die Bettelbriefe schreiben…
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