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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland.

Besuch in Balaschicha und im Moskauer Republiks-Kinderkrankenhaus vom 11. bis 17. September 2007.

Ein Bericht von Eberhard Radczuweit.

Das Gebiet (Oblast) Moskau umfasst den Großraum Moskau ohne die Stadt selbst. Regierungschef ist Gouverneur Boris Gromow. Das Land Brandenburg pflegt partnerschaftliche Beziehungen zu dieser am dichtesten bevölkerten Region Russlands. Der Ministerpräsident Matthias Platzeck informierte vor zwei Jahren seinen russischen Amtskollegen über unsere Anregung zu einem Neubau der Kinderklinik im Onkologischen Zentrum des Moskau Gebiets in der Stadt Balaschicha. Dorthin begleitete ich am ersten Tag meines Besuchsprogramms unseren russischen Partner für leukämiekranke Kinder, Prof. Dr. med. Alexander Isakowitsch Karatschunsky. Uns empfängt die junge Chefärztin Jewgenia Wassiljewna Inuschkina, und ich erfahre vom Neubau des Onkologischen Zentrums, in dem die Pädiatrie zwei Stockwerke mit 50 Betten bekommen wird.

Gruppenbild in Balaschicha

Der Autor (Mitte) mit den diensthabenden Ärztinnen, Ärzten und Krankenschwestern der Kinderklinik des Onkologischen Zentrums in Balaschicha.

Porträt von Chefärztin Inuschkina

Jewgenia W. Inuschkina, Chefärztin der Kinderklinik im Onkologischen Zentrum des Moskauer Gebiets.

Derzeit sind es nur 27 Betten. In den Krankenzimmern drängeln sich Patienten und Eltern. Trotz der Überfüllung ist die Station blitzsauber und das Personal freundlich. Die Chefärztin: „Es sind die besten Krankenschwestern der Welt!“ Sie leitet die Station erst seit zwei Jahren. Zuvor war sie Stationsärztin in der Onko-Hämatologie des Moskauer Morosow-Kinderkrankenhauses bei unserem früheren Stipendiaten Prof. Dr. Andrej Timakow. „Ich bin mit dem Gedanken geboren, Ärztin zu werden, nie kam mir etwas anderes in den Sinn.“ Gleich nach dem Studium wählte sie das schwere Fach Kinderonkologie. Karatschunsky fand in ihr eine ausgezeichnete Partnerin in der großen MB-Studiengruppe. Im Gegensatz zu anderen mir bekannten russischen Kliniken gibt es hier keine Reibungsverluste zwischen Verwaltung und Ärzteschaft, oben und unten. Medizinische Bedarfsgüter, auch sehr teure, stehen ausreichend zur Verfügung – bis auf „Kleinigkeiten“, die wir liefern können: Perfusorleitungen, intravenöse Katheter und jetzt auch Dexamethason. Auf der Wunschliste für uns steht das Analysegerät „Tdx Flx“ der Firma Abbott.

Krankenzimmer in Balaschicha

Patienten und Mütter in der überfüllten Station.

Im riesenhaften Komplex des Russischen Republiks-Kinderkrankenhauses, des „RDKB“, gibt es am 16. September 07 drei Begegnungsorte: Die größtenteils von unseren Spendengeldern errichtete Onko-Hämatologie-Station, das Labor von Ludmila Bajdun und die Zentrale der MB-Studie. Auf dem Weg durch die Gebäude fallen schimmelfeuchte Löcher in Decken und Wänden auf. Es sind lebensgefährliche Wege für Kinder, deren Immunsysteme durch die Chemotherapie geschwächt sind. Hinter der Tür unserer ersten Partnerstation liegt eine andere Welt: Glatte, saubere Wände und Böden, keimfreie Luft dank unseres Filtersystems. Der Chefarzt Dmitrij Litwinow hatte keine Zeit für mich, ein russisches Fernsehteam belagerte ihn. Es entsteht eine Sendung mit Spendenaufruf für leukämiekranke Kinder. Danach bin ich längere Zeit im Labor von Ludmila Bajdun. Dorthin kommt kein Journalist, Bilder von Laborgeräten würden keine Spendenrubel und Euro bewegen. Dabei geht es auch hier um Leben und Tod von Kindern. Ohne Laboranalysen könnten die behandelnden Ärzte keine Diagnose erstellen und der Therapie fehlte die Grundlage. Hier werden die Labordaten aller Patienten im RDKB (1500 Betten!) erstellt. Als vorgegebene Norm wird pro Patient ein Arbeitstag berechnet. Das Labor von Ludmila Bajdun ist das „informelle“, im Haushaltsplan des RDKB nicht verzeichnete, Referenzlabor des Moskau-Berlin- Protokolls, nach dem derzeit pro Jahr 400 Patienten behandelt werden. Die entsprechende Laborarbeit geschieht gewissermaßen ehrenamtlich. Dabei reichen die Gehälter der Laborärzte und Laborantinnen kaum aus fürs Leben. So sind die Solidaritätsleistungen aus unserem Fonds „Ärzte für Ärzte“ hier von entscheidender Bedeutung für die weitere Existenz des gesamten Therapieprogramms.

Unsere Studienzentrale im RDKB ist ein schmaler Raum, in dem sich drei Ärztinnen vor ihren Computern drängen: Julija Romiantzewa, Irina Kulakowa und Olga Fuchs. Hier bündeln sich alle Patientendaten, werden statistisch erfasst, analysiert, Problemfälle mit dem Leiter Prof. Karatschunsky besprochen. Alle drei leisten wissenschaftliche Arbeit. Bei Julija ist es die Toxiditätsanalyse der Chemotherapie. Sie leistet zusammen mit Karatschunsky maßgeblich die wissenschaftliche Begründung des neuen Therapiedesigns ALL MB 07. Olga beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit „PEG am Tag 3“ des Therapieprotokolls.

Gruppenbild mit Professor Karatschunsky

Prof. Dr. Karatschunsky mit Julija Romianzewa, Olga Fuchs und Irina Kulakowa (von l. nach r.).

Rings um den Kreml: Teure Autos verstopfen Prachtstraßen, reklameglitzernde Fassaden, warenstrotzende Luxusläden, Restaurants, in denen die Tasse Kaffee dem Monatseinkommen einer Rentnerin entspricht. Zweierlei Moskau: Im schäbig möblierten Raum im Krankenhaus am Rande der Stadt, in Karatschunskys Studienzentrale fühle ich mich heimisch. Man ist unter klugen Menschen, die alles hergeben für das Überleben krebskranker Kinder. Der tägliche Weg zum Republikskinderkrankenhaus kostet den Professor Karatschunsky mehrere Stunden. Ihn zu begleiten, ist ein anrührendes Erlebnis. Auf der Straße, an der Bushaltestelle, selbst auf der 60 Meter tiefen Metrostation klingelt sein Handy. Wo er geht und steht, ist er per Internet mit allen Zentren verbunden. Mal berät er eine Ärztin in Wladiwostok, dann die Kollegin in Sotschi, streng ist sein Tonfall Richtung Archangelsk. Hier geht es um die Behandlung einer Pilzinfektion, dort um einen soliden Tumor. Unser Freund ist in ständigem Einsatz. Ihn, seine Kolleginnen und Kollegen dabei zu unterstützen, bleibt nach wie vor Aufgabe der Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland.

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